Verlag: EDITION digital Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Antarktis 2020 - Alexander Kröger

Praktikum im Jahr 2020. Als Thomas Monig, Absolvent der Bergakademie Freiberg, das Flugzeug besteigt, denkt er an die drei Einsatzorte: an das Großbergwerk in der Antarktis, die Meerwasser-Enterzungsanlage in der Südsee und das Bewässerungsprojekt Sahara. Er denkt an modernste Lasertechnik, blühende Städte im Eis, an erzsammelnde Mollusken im Ozean, Riesenbagger in der Wüste und an das büschelige Schnellwuchsgras, das bald den Sand bedecken soll. Noch weiß er nicht, dass nicht nur das Abenteuer Technik auf ihn wartet. In der Weißen Finsternis und im Schneesturm bei der Rettung eines Kollegen wird er sich ebenso bewähren müssen wie beim Streik der ehemaligen Soldaten in den Unterwasserfarmen, bei dem er und der hübsche Kapitän Ann von Mike Paterthick gekidnappt und von den Wasseratmern gesucht werden. Der Überfall der Tuareg auf die Baustelle, die Geschichte mit René Tours’ Freundin und der verderbenbringende Wassereinbruch lassen auch den Aufenthalt in der Sahara zu einer aufregenden Sache werden, und es ist gar nicht so gewiss, ob Thomas Monig rechtzeitig in Timbuktu sein kann, um Evelyn vom Flugplatz abzuholen. Thomas wird mit den unbegrenzten Möglichkeiten konfrontiert, die eine globale Abrüstung bietet aber auch mit den Problemen für die davon Betroffenen. Alexander Krögers Vision - angedacht 1973 - von einer friedlichen, abgerüsteten Welt im Jahre 2020 war zu kurz gegriffen; dennoch haben seine Denkanstöße in unserer Gegenwart mehr denn je ihre Gültigkeit.

Meinungen über das E-Book Antarktis 2020 - Alexander Kröger

E-Book-Leseprobe Antarktis 2020 - Alexander Kröger

Impressum

Alexander Kröger

Antarktis 2020

Science Fiction-Roman

ISBN 978-3-95655-642-5 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1973 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 119 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die überarbeitete Auflage zugrunde, die 2009 im Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle erschien.

© 2016 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: verlag@edition-digital.com Internet: http://www.ddrautoren.de

TITANGORA

1. Kapitel

Thomas Monig hatte Herzklopfen. Das freundliche Lächeln der Sekretärin änderte daran nichts.

Er sah der nächsten Viertelstunde mit Bangen entgegen, obwohl dazu keinerlei Veranlassung bestand. Er baute auf seine guten Zeugnisse und Beurteilungen.

Die Sekretärin würde schon in wenigen Tagen seine Arbeitskollegin sein und das repräsentative Hochhaus seine künftige Wirkungsstätte.

Dennoch hatte er heiße, schwitzige Hände, und zum wiederholten Male wischte er sich die Rechte an seinem Hosenbein ab. Es schien gewiss, dass Henry Mattau, der Staatssekretär, ihm die Hand drücken würde, vielleicht weil er der alten Unsitte huldigte, vielleicht auch als Beweis eines gewissen Vertrauens.

Thomas hatte sich im Gebäude umgeschaut und bestätigt gefunden, dass er die richtige Wahl getroffen hatte. Im Stillen verwünschte er seine Befangenheit, von der er meinte, dass sie ihm anzusehen sei. Endlich ein Summton.

»Bitte, Sie können ...«, sagte die Sekretärin.

Thomas wischte noch einmal über die Hose, überlegte kurz, ob er klopfen müsse, fand aber nichts, was an der gepolsterten Tür solches hörbar gemacht hätte. Betont forsch trat er ein.

Ein mittelgroßes Zimmer, ein Tisch, Computer, ein zusätzlicher Bildschirm, helle Gardinen, viel Grün - und eine gewisse, sich Monig augenblicklich mitteilende Unnahbarkeit, die von dem Mann ausging. Er war groß, schlank, hatte volles, fast weißes Haar. Die Haltung, vor allem aber sein Gesichtsausdruck, als er aufstand, waren unpersönlich. »Kollege Monig?«, fragte er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, wies er auf einen Sessel: »Bitte, nehmen Sie Platz.«

Thomas setzte sich und kam irgendwie aus dem Konzept, als er feststellte, dass Henry Mattau keine Anstalten machte, hinter seinem Schreibtisch hervorzukommen. Er lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und schien auch keine Erklärungen zu erwarten, denn er begann sofort in einem frostigen Ton: »Sie haben, Kollege Monig, unserem Schreiben entnommen, dass wir Sie für fähig halten, in unserem Unternehmen mitzuarbeiten. Wir erachten es aber für notwendig, und Ihr Mentor hat uns darin bestärkt, dass Sie ein Intensivpraktikum absolvieren. Aus zwei Gründen: Für die charakterliche Festigung und natürlich die Vertiefung des Wissens. Sie werden in diesem Praktikum bei der Vorbereitung und beim Aufschluss bergbaulicher Großvorhaben mitwirken, und zwar etwa ein halbes Jahr beim Titanabbau in der Antarktis, dann in der Meeresversuchsstation NEW MAORI bei Manihiki und schließlich am Baugeschehen ERG IN ASAKEN. Ein entsprechender Vertrag ist vorbereitet. Bei Erfüllung der Leistungskennzahlen erhalten Sie während der zwei Jahre die für ein Intensivpraktikum festgelegten Leistungsbons. Abreise zur ersten Station, Antarktis, ist am Dienstag mit dem Vierzehn-Uhr-Flug nach Moskau.«

Mattau erläuterte noch einige Aufgaben, sagte etwas über die Bedingungen in der Antarktis und in den übrigen Objekten. Aber Thomas hörte kaum noch zu. Ihm war eine Welt eingestürzt. >In die Wüste schicken sie mich zur Erlangung charakterlicher Reife, wie der sich ausgedrückt hat.< Dieser Staatssekretär in seiner ruhigen, überlegenen Art brachte ihn auf. >Du hast leicht reden hinter deinem Schreibtisch<, dachte Thomas. Er war sich zwar im nächsten Augenblick bewusst, dass es jener Henry Mattau war, der jahrelang unter schwersten Bedingungen die Station Mars I mit errichtet hatte. Aber das zählte jetzt nicht, jetzt sollte er in die Antarktis und jetzt saß Henry Mattau gepflegt in einem behaglichen Zimmer und hatte nichts auszustehen. Der Mars war weit und für Mattau Geschichte. Schließlich ist die Zeit nicht stehengeblieben. Informationen konnte man auch anders erhalten als an Ort und Stelle, als im Eis, auf den Wellen oder im Wüstensand. Es gab darüber Berichte, die man in Berlin nachlesen konnte. Thomas wusste nicht, was er sagen sollte. Er dachte an Evelyn, mit der er noch ein paar unbeschwerte Urlaubstage verbringen wollte. Und er dachte an die zwei Jahre Trennung, die diese Entscheidung bedeutete. Wo hatte er Fehler gemacht? Bei Professor Meinert? Den hatte Mattau sicher gar nicht kennengelernt, aber er berief sich schließlich auf ihn als Mentor.

Thomas gab sich einen Ruck. >Hier wirken gewisse physikalische Gesetze<, sagte er sich in einem Anflug von Galgenhumor, >die Hebelgesetze, und du sitzt am kürzeren Ende.< Plötzlich wurde er sich bewusst, dass er möglicherweise ungerecht urteilte. Schließlich konnten es beide ehrlich mit ihm meinen. Meinert, na ja, aber Mattau, auf dessen Entscheidung es ankam. Vielleicht war das Praktikum wirklich vernünftig.

Mattau sah ihn abwartend an.

»Keine Fragen«, beteuerte Thomas Monig, und er fühlte, dass das nicht die geeignete Antwort war.

Mattau lächelte, warf einen Blick in seine Papiere und fragte dann: »Hatten Sie sich etwas anderes vorgestellt?«

»Nnnei-n«, antwortete Thomas. »Es kann nicht schaden, Erfahrungen zu sammeln, und ich stelle es mir ...«, er schluckte und wunderte sich, wie gut es über die Lippen ging, »gerade in diesen drei Stationen sehr interessant vor.«

»Es freut mich.« Mattau kam um den Schreibtisch herum und trat auf Thomas zu. »Es freut mich«, wiederholte er, »dass wir hierin übereinstimmen. Wir werden von Ihnen hören, selbstverständlich stehen wir jederzeit zu Konsultationen zur Verfügung. Gute Reise - und viel Erfolg!«

Als Thomas das Zimmer verlassen hatte, strich sich Mattau über Stirn und Augen. Es schien, als habe ihn die Unterredung angestrengt. Dann beugte er sich zu seiner Sprechanlage und ordnete an: »Theres, bitte mache das Ankündigungsschreiben an Lewrow, GEOMESS in TITANGORA. Wir bitten, Monig tüchtig ranzunehmen und uns im üblichen Turnus Bericht zu erstatten.«

Thomas Monig wanderte durch den sonnigen Herbsttag. Er hatte nicht das Gefühl, das ihn sonst befiel, wenn er sich in der Hauptstadt befand: ein Gefühl des Losgelöstseins vom Alltag und einer gewissen Unternehmungslust.

Er wusste nicht, ob es Wut war oder Ärger, Niedergeschlagenheit wie nach einem schweren Misserfolg oder einfach Trauer um den Verlust seiner Wunschträume.

Er ließ sich treiben von den Passanten, den Schaufensterbummlern und den Eiligen. Er sah sich nicht einmal um, wenn ihm eine gut gewachsene Frau begegnete; er sah eigentlich nichts, hatte die Hände in seinem Überwurf vergraben und wich mechanisch aus.

Auf dem Alexanderplatz fand er sich wieder - vor der historischen Weltzeituhr, die sich unmittelbar an der modernen, kunststoffverkleideten Station der Schnellbahn ein wenig vorsintflutlich ausnahm.

Hier blieb Thomas stehen. Er suchte an der Uhr die Antarktis und stellte sich vor, wie spät es jetzt ungefähr in TITANGORA sein mochte.

Dann setzte er sich auf eine Bank, stierte erst auf seine Schuhspitzen und sah dann dem unbekümmerten Treiben dreier Spatzen zu, die, der Vorbeieilenden kaum achtend, an einer Eiswaffel herumpickten.

Thomas spürte die Wärme der Sonne. Er legte seinen Kopf in den Nacken, sah seitlich oben die silberne Kugel des Fernsehturms, deren kreuzförmigen Reflex, und er dachte, dass ihn bald Eis blenden könnte. Tief verärgert murmelte er selbstvergessen, aber so laut, dass sich zwei bunt angezogene, ältliche Damen nach ihm umdrehten: »Scheiße!«

Später schlenderte er zum Hotel, dessen glitzernde Glasfassade ihn ebenfalls penetrant an Eis erinnerte. Er bestellte ein reichhaltiges Menü, aß übermäßig und trank reichlich Bier. Allmählich stellten sich mit dem Gefühl, gegen Mattaus Entscheidung ohnehin nichts ausrichten zu können, Gleichgültigkeit aber auch die Gewissheit ein, die ihm eigentlich immer eigen war, dass es auch diesmal irgendwie laufen werde. >Ich habe bisher mit wenig Aufwand geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. So wird auch dieses Praktikum zu überstehen sein.

Und Evelyn? Evelyn wird es schon einsehen. Jetzt heißt es, aus den verbleibenden Tagen so viel wie möglich zu machen, bevor es ab in die Wüste geht.<

Thomas beschloss, ohne Verzug damit zu beginnen. Er ging zur Theke, weil der Tischwähler den Code für Kognak nicht auswies, und bestellte sich einen Vierfachen - zur Verwunderung zweier blauhaariger, auf die moderne Zwillingsmasche getrimmter junger Damen und eines blassen, neben ihnen fad und unscheinbar wirkenden Mannes.

Später bestellte er beim Zimmerservice einen Gesellschaftsanzug. Zunächst aber ließ er sich von den Frottierbürsten im Bad durchwalken und erfrischen, ehe er sich sorgfältig anzog und die Bar aufsuchte.

>Im Grunde war es wieder einmal meine verflixte, gelinde gesagt, Schwäche, nicht nein sagen zu können<, ärgerte sich Thomas Monig. Er saß im Flugzeug und hatte Zeit, erneut seine Lage zu bedenken. >Er hat mich ganz schön abfahren lassen, der Herr Mattau.<

Thomas gestand sich ein, dass er den Schlag mit dem Praktikum noch nicht überwunden hatte. Im Gegenteil! Evelyns Reaktion, ihr Verständnis für Mattaus Argumente, hatten ihn derart geschockt, dass er mehr als einmal mit dem Gedanken spielte, seine Zusage zu widerrufen.

Er hätte sich nie träumen lassen, dass Evelyn ihn so einschätzte, härter beurteilte als Mattau. Was jener zurückhaltend als charakterliche Festigung bezeichnete, präzisierte sie als notwendige Überwindung von Arroganz, Überheblichkeit und Egoismus. >Und mit dieser Frau wollte ich mich ein Leben lang zusammentun! Tja, Tom, da dachtest du: eine bequeme Stelle in der Berliner Zentrale, täglich ein paar Stunden arbeiten, Exkursionen, dazu eine Wohnung in wasserreicher Umgebung ... Nun, wenn dem meine Nase nicht passt ... - zugegeben, sie ist ein wenig kartoffelig.< Thomas lächelte. Dann sah er auf wie ertappt. Schließlich war es mit der Würde eines angehenden Wissenschaftlers nicht vereinbar, einfältig vor sich hin zu lächeln.

>Alle Wetter, wirklich hübsch! Endlich ein Lichtblicke Der Anblick seiner Nachbarin versöhnte ihn mit seinem Platz. Er hatte sich geärgert, weil sich dieser über der Tragfläche befand. Bei seinem Pech hatte er eigentlich einen miesepetrigen Reisegefährten erwartet, um in dem Gefühl, alle Welt habe sich gegen ihn verschworen, weiter schwelgen zu können.

Er schaute scheinbar gleichgültig auf die Tragfläche, setzte, gestört durch Reflexe, seine Sonnenbrille auf und blickte verstohlen zu seiner Nachbarin. Diese hatte unterdessen eine Zeitschrift aufgeschlagen und verdeckte damit die Partien, denen Monig jetzt, im Schutze der dunklen Gläser, seine Aufmerksamkeit widmen wollte.

Er kannte das Heft und fand die meisten Beiträge ziemlich fad. Also würde ihre Lektüre, hatte sie einen ähnlichen Geschmack, nicht von langer Dauer sein.

Der Bildschirm mahnte mit einem aufdringlichen Summton, sich auf den Start vorzubereiten.

Die Zeitschrift sank, und bei Monigs Nachbarin zeigten sich leichte Schwierigkeiten beim Anlegen des Sicherheitsgurts. In dessen Verschluss hatte sich ein überdimensional großer Zierknopf ihres Kleides eingeklemmt.

Er ergriff die Gelegenheit. »Darf ich?«, fragte er und fasste schon zu.

»Das ist in jedem Flugzeug anders«, sagte sie, ihr Ungeschick gleichsam entschuldigend.

>Aha, so oft ist sie noch nicht geflogem, folgerte er und erwiderte klug: »Es wäre an der Zeit, auch solche Kleinigkeiten international zu standardisieren.«

Der Bordfunk flüsterte den Reisenden den Wetterbericht ins Ohr und wies darauf hin, dass ausnahmsweise der Flug länger in den unteren Atmosphärenschichten erfolgen müsse und dass sich die imprägnierten Tüten in den Sitztaschen befänden.

»Die brauche ich nicht«, sagte Thomas erhaben. Was sie nicht wusste war, dass er vor dem Einsteigen verstohlen zwei Pillen geschluckt hatte - gegen Flugkrankheit. Ihm schien, sie war blasser geworden. »Haben Sie Bedenken?«, fragte er.

»Leider Erfahrungen«, antwortete sie.

Thomas wurde großmütig und vertraute ihr neben seinem Geheimnis zwei seiner kostbaren Pillen an. Sie nahm sie skeptisch und schluckte sie hoffend.

Das Eis war gebrochen.

»Thomas Monig«, stellte er sich vor.

»Kavor, Evelyn«, erwiderte sie zögernd.

>Zweimal in meiner Umgebung dieser schrecklich antiquierte Name<, dachte er belustigt. >Ev, was wird sie jetzt machen? Der kühle Abschied ... Kein Wunder, nach der Auseinandersetzung. Warum war sie auch so heftig? Sie musste doch merken, dass ich eingelenkt habe - schon allein, weil ich nun zur Antarktis fliege, auch wenn ich von diesem Praktikum nicht überzeugt bin. Ich werde ihr schreiben, sobald sich eine Gelegenheit ergibt.< - »Bleiben Sie in Moskau?«, fragte er.

»Nein, ich fliege nach dem Süden, übermorgen.«

»Darf ich fragen, wohin?«, Thomas wurde hellhörig.

»Erst nach Kapstadt«, antwortete sie bereitwillig. »Mir graust vor der Fliegerei.«

»Das ist aber ein Zufall!«, sagte Thomas freudig. »Dorthin muss ich nämlich auch, offenbar mit der gleichen Maschine. Die Linie wird täglich nur einmal beflogen. Nun sagen sie bloß noch, Sie wollen nach Mirny!«

»Ja!«, bestätigte sie überrascht.

Thomas brauchte einige Augenblicke der Sammlung; er lehnte sich kopfschüttelnd zurück. Da glaubte er, ihr mit einem Flug in die Antarktis mächtig zu imponieren, und nun das! >Näher betrachtet, ist der Zufall nicht so groß<, überlegte er. >Wer nach Mirny will und in Moskau noch die üblichen Formalitäten zu erledigen hat, der muss dieser Tage fliegen, um in Kapstadt Anschluss zu bekommen. Zufall ist, dass wir im gleichen Flugzeug sind und nebeneinander sitzen. Und sicher werden sich in Moskau noch einige Antarktisfahrer zu uns gesellen.<

Im Augenblick war er mit seinem Geschick zufrieden. Die >andere Evelyn<, wie er sie bei sich zu nennen beschloss, gefiel ihm. Sie hatte eine angenehme dunkle Stimme und sehr ebenmäßige weiße Zähne, Merkmale, die bei ihm immer Sympathie auslösten. Sie war groß und trug die Haare extrem kurz geschnitten.

Thomas sah so unauffällig wie möglich nach ihren Augen. Richtig: Sie gaben dem Gesicht diesen eigenartigen Reiz. Sie waren hellgraublau, ein seltener Kontrast zum fast schwarzen Haar. Ihr Gesicht war nicht eigentlich hübsch. Die Nase vielleicht eine Idee zu kurz, die Jochbeine ein wenig zu ausgeprägt. Aber der Reiz, der von diesen Augen ausging ... >Hier hast du keine Chance, Tom<, sagte er sich. Er gab sich dennoch einen innerlichen Ruck und zog seinen Bauch ein, der als zwar kleine, aber immerhin sichtbare Wulst über der Hose hervorlugte. Der Gedanke an seine natürliche Tonsur im Anfangsstadium und die chronischen Augenschatten war auch nicht gerade erfreulich. >Sie ist fast ein halbes Jahrzehnt jünger als ich, neunzehn bis zweiundzwanzig<, schätzte er. >Also, mein Lieber, nicht die geringsten Chancen. Eine angenehme, sehr angenehme Reisegesellschaft aber<, stellte er fest. Und das Bedürfnis, gleich nach der Ankunft Ev zu schreiben, war nicht mehr so dringlich.

Aus seinen Gedanken gerissen wurde er durch das Aufdonnern der Triebwerke. »Es geht los«, bemerkte er überflüssigerweise.

Das Flugzeug rollte in die Startposition. Die andere Evelyn bemühte sich von ihrem Platz aus, der genauso ungünstig war wie der seine, etwas von draußen zu sehen.

>Es hat sie keiner zum Flugplatz begleitet<, stellte Monig befriedigt fest, als er beobachtete, wie andere versuchten, noch einen Blick auf Angehörige zu erhaschen. >Mich hat ja auch niemand gebracht, obwohl es Ev gibt. Also will das nichts besagen. <

Die Maschine hielt. Die Triebwerke brüllten auf, Start.

Thomas rutschte zum Fenster, schaute zurück auf Berlin. Er glaubte, den Duft des Haares seiner Reisegefährtin zu spüren, deren Gesicht sich einen Fingerbreit neben dem seinen befand. Er wich ein paar Dezimeter zurück und betrachtete dieses Antlitz aus der Nähe. Irgendwie, das spürte er, schienen seine Chancen zu steigen. Thomas wollte nicht, dass sie ihn ertappte und rückte wieder näher ans Fenster. Entfernt war die Stadt zu sehen, modellhaft, wie hingetupft die großen Gebäude im Zentrum, überragt vom Fernsehturm, der wie zum Abschied mit den Reflexen auf der Kugel blinkte.

Die Maschine hatte ihren Kurs eingeschlagen.

Thomas’ Nachbarin, der die Tragfläche den Blick nach unten verwehrte, lehnte sich zurück.

»Ich werde immer noch nicht damit fertig«, sagte Thomas verwundert, »dass Sie nach Mirny fliegen. Weshalb?«

»Gesundheitswesen«, antwortete sie. »Ich mache dort ein Praktikum.«

»Den Sommer über?«, fragte er.

»Nein«, entgegnete sie, »für uns ist es gerade der Winter, der Probleme bringt.«

»Wird es nicht zu anstrengend für Sie werden? Der Winter soll sehr langweilig sein.«

Sie sah Thomas erstaunt an und sagte: »Ich habe doch zu tun! In meinem Semester wären viele froh gewesen, hätten sie die Möglichkeit wie ich gehabt.«

>Das ist ja eine<, dachte Thomas, >spricht wie Mattau.< Er beugte sich vor und sagte leichthin: »Ich mache eine Art Training, aber mir genügt der Sommer.«

Sie ging auf seine Bemerkung nicht ein und fragte: »Welche Fachrichtung?«

»Bergbau mit Vermessungstechnik.«

»Da werden Sie unter Tage arbeiten?«

»Ja sicher«, antwortete er wenig begeistert. »Unter Eis, könnte man vielleicht besser sagen, in TITANGORA, tausend Kilometer südlich von Mirny.«

Sie lächelte. »Das stelle ich mir sehr schwierig vor.«

»Na ja«, antwortete er. »Aber vom Bergbaulichen her wird es kaum anders als überall sein.«

»Aber dieses Extreme! Und die Menschen unter diesen Bedingungen, das muss doch auch für Sie neu sein.«

>Eigenartige Vorstellungen<, dachte er. >Was soll da schon besonders sein? Na gut, Strecken werden im Eis vorgetrieben, und sie sollen einen größeren Querschnitt haben. Sicher wird das Eis selbst einige Probleme bringen. Aber so schrecklich neu stelle ich mir das nicht vor.< - »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich habe mit einem Bekannten gesprochen, der dort war. Er fand die Bedingungen zu anderen Bergwerken nicht so unterschiedlich. Und die Menschen, warum sollen die anders sein? Die meisten von ihnen, die ehemaligen Armeeangehörigen, arbeiten noch halb militärisch, das heißt nach einer Art Befehl. Es müsste daher ein gutes Zurechtkommen mit ihnen sein.«

Sie schaute ihn zweifelnd an, und er hatte den Eindruck, als zucke sie kaum merklich mit den Schultern. Dann wechselte sie das Thema: »Was müssen Sie in Moskau noch erledigen?«, fragte sie. »Das Übliche, nicht allzu viel. Ich denke, dass in einem Vormittag alles geregelt sein könnte, wenn die Büromenschen in Stimmung sind.«

»Meinen Sie, dass wir Gelegenheit haben, die Stadt ein wenig anzuschaun? Ich bin das erste Mal in Moskau.«

»Ganz bestimmt«, antwortete Thomas obenhin. »Wir haben dort Zeit. Vielleicht ist sogar ein Theaterbesuch oder Ähnliches möglich.«

»Das soll schwierig sein.«

»Na ja ...« Er fühlte eine gewisse Überlegenheit in sich aufsteigen, die ihm beim vorigen Thema abhanden gekommen war. »Ich habe jemanden in Moskau, eine ehemalige Kommilitonin«, fügte er eilfertig erklärend hinzu. »Sie hat mit mir zusammen studiert.« - >Quatsch<, dachte er, >muss sie ja wohl, wenn sie eine Kommilitonin ist.< Rasch sprach er weiter: »Und immer, wenn ich dort bin ...«, er betonte >immer<. Sie wusste ja nicht, dass es erst das zweite Mal war, »hat sie mir Eintrittskarten besorgen können. Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich drei Tage dort sein werde.«

»Da sind Sie besser dran als ich«, stellte sie fest.

»Keine Angst. Wenn Sie Interesse haben, arrangiere ich das. Wie ich Walja kenne, ist sie froh, sich nicht drei Tage mit mir herumplagen zu müssen. Es sei denn, wir brauchen sie als Dolmetscher; denn mein Russisch ...«

»Da habe ich nun wieder keine Bedenken!« Sie lächelte.

Thomas frischte sein Image wieder auf und sagte: »Ja, lesen und Fachtexte übersetzen ..., aber sprechen? Hemmungen, Sie verstehen ...«

Sie sah ihn komisch-zweifelnd an.

»... die erst bei Sto Gramm Wodka schwinden«, witzelte er, worauf sie die Nase rümpfte.

Er wollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. »Englisch geht es besser«, fügte er an. »Und wahrscheinlich werde ich es mehr brauchen. Es sollen zu achtzig Prozent Amerikaner im Schacht arbeiten.«

Er bereute sogleich, das Gespräch wieder auf das leidige Thema gelenkt zu haben. »Wie gehts nach dem Praktikum in Mirny bei Ihnen weiter?«, fragte er deshalb schnell.

»Vielleicht reicht auch das Material, das ich dort sammeln soll, für eine Dissertation.«

»Nach TITANGORA warten auf mich noch zwei weitere Objekte.« Er stellte befriedigt fest, dass sie sich aufmerksam vorbeugte. »Wir sind global präsent«, ergänzte er.

»Ich habe davon gelesen«, antwortete sie, »das ist doch die INTERGAN AG?«

»Ja, Internationale Gewinnung und Aufbereitung von Naturstoffen.«

»Sie nehmen dort eine leitende Stelle ein?«

>Würde ich gern<, dachte er. »Das ist zuviel gesagt.« Thomas tat bescheiden. »Ich soll da zunächst einmal hineinriechen.«

»Da werden Sie sich in Zukunft öfter mit solchen Objekten wie in TITANGORA zu befassen haben? Ich habe da neulich gelesen, dass im Ozean eine Station zur Wasserverhüttung ...«

»... Enterzung und anderes«, berichtigte er.

»... Enterzung, eingerichtet wird. Auf dem Mond spielt Ihre Firma doch auch schon eine Rolle?« Sie sprach schnell, saß nur noch auf der Kante des Sitzes, so weit war sie an Thomas herangerutscht.

Er freute sich über ihre Anteilnahme und legte sich zurecht, was er ihr wohl alles sagen und welche Rolle er sich dabei zuordnen könne. »Ich werde ihr natürlich verschweigen, dass es bei uns auch Tätigkeiten gibt, die von einem Berliner Schreibtisch aus betreut werden und dass die Bearbeiter ihr Leben lang nicht vor Ort kommen. Nicht wissen muss sie, dass ich mir gerade eine solche Tätigkeit gewünscht habe.< - »In diese Ozeanstation muss ich übrigens in der zweiten Etappe ...« Und Thomas begann zu erzählen von allem, was er wusste und nicht wusste. Eingehend informiert war er nicht, da er angenommen hatte, er habe nach Antritt seiner Tätigkeit genügend Zeit, sich kundig zu machen. Und er wunderte sich, wie begeistert er von seinem Praktikum sprach. >Am Ende glaube ich selber, dass es eine wunderbare Sache ist<, dachte er.

Der Automat schickte über die Versorgungsschiene einen Imbiss. Während des Essens plauderten sie weiter.

Thomas erfuhr, freimütig von der anderen Evelyn erzählt, dass ihr Vater in einer landwirtschaftlichen Kooperative arbeite, dass sie zwei jüngere Schwestern und einen älteren Bruder habe.

Von ihrer Offenheit angesteckt, erzählte Thomas Studentenstories gespickt mit Anekdoten, darauf bedacht, sich in den Vordergrund zu nehmen.

Sie lachte, zeigte dabei ihre schönen Zähne, und Thomas wuchs als Unterhalter über sich hinaus. Sie waren beide erstaunt, als der Automat zu surren begann und zum Anlegen der Gurte aufforderte.

2. Kapitel

Bei seiner Ankunft in TITANGORA beschlich Thomas Monig doch ein eigenartiges Gefühl. Er hatte wirklich geglaubt: Was kann an einem solchen Objekt schon Besonderes sein. An die 30 Bergwerke hatte er gesehen, Erz-, Salz- und Kohlegruben, nass und kalt, heiß und staubig. Und nur weil hier ein überdimensionaler Stollen im Eis vorgetrieben wurde, sollte es anders sein? Und dennoch wirkte die Atmosphäre auf ihn unwirklich.

Die Landung auf der glitzernden Schneefläche, das unvergleichliche Farbenspiel in den Zirruswolken, stechendes Weiß, vermummte Gestalten, berührten ihn ungemein. Die Umgebung verschwamm in den Frosttränen. Sein Gesichtsfeld war durch den Pelzkragen eingeengt. Dennoch forschte er am Rande des Flugfeldes nach etwas Gewaltigem, Einzigartigem, nach etwas, das den Strapazen entsprach, die das Praktikum ihm brachte. Plötzlich fühlte er sich alleingelassen, trotz der vielleicht 30 Menschen um ihn, der Neuangekommenen und jener, die zu deren Begrüßung erschienen waren.

Er schritt mit den anderen im Gänsemarsch auf einige Hügel zu. Über aus dem Schnee ragenden Röhren, verankert mit Stahlseilen, stand Dampf unbeweglich in der kristallenen Windstille. Irgendwo, weit entfernt, brummten schwere Motoren. Neben dem Trampelpfad ein eisüberkrustetes Seil, ehemals als Geländer gedacht, jetzt kaum mehr als einen Viertelmeter über dem Eis.

Sie gingen schweigend, nur der Schnee sang unter den Tritten. Die Wangen begannen zu spannen, an den Wimpern bildete sich Reif.

Als Thomas gerade anfing, den Komfort auf anderen Flughäfen mit der Karg- und Kahlheit dieses Airports zu vergleichen, der zu einem der fortschrittlichsten Vorhaben der Menschheit gehörte, kamen sie in einen merklich wärmeren Luftstrom. Der, der voranging, verschwand in einem in den Schnee gehauenen Hohlweg und dann in einer Einfahrt. Ringsum angebrachte Düsen bliesen warme Luft. So blieb der Zugang eisfrei.

Thomas gab seine unerfreulichen Gedanken auf und beschloss, mit Kritik nicht zu voreilig zu sein.

Ja, und dann gab es eine Überraschung nach der anderen: Mit einem im Eis schwimmenden Betonkörper von den Ausmaßen eines fünfgeschossigen Hauses präsentierte sich eine Art Mehrzweckbau, den die Neuen unter den spöttischen Blicken der Alteingesessenen nach und nach erkundeten.

Zunächst wurde die Unterkunft zugewiesen. Nach einem Empfangsraum, von Lumineszenz-Leuchtplatten strahlend erhellt, ging es in einen langen Korridor, von dem aus die Zimmer zu erreichen waren, die, zweckvoll eingerichtet, Radio, Wechselvideofon und, was Thomas hier nie erwartet hätte, ein automatisches Versorgungssystem enthielten. Dass eine derartige Unterkunft für drei Personen gedacht war, nahm er großzügig hin.

Als Thomas eintrat, rekelte sich jemand in einer der Bettnischen. Ein zerzauster Kopf tauchte auf, ein schmales Gesicht, ausgemergelt, rasiert, mit schwärzlichem Schimmer und zwei dunklen Augen.

Thomas grüßte: »Guten Tag.«

Neben dem Gesicht schob sich eine Hand aus dem Vorhangschlitz, hob sich in Ohrhöhe; der Zeigefinger tippte grüßend an die Schläfe. »Glück auf!« Die Stimme klang dunkel, mit einem Akzent. »Ich heiße Pjotr. Du bist Deutscher? - Gut, werden wir miteinander deutsch reden. Möchte ich perfekt werden in die Sprache.«

»Ja«, sagte Monig. »Mir täte Hilfe in Russisch gut.«

Das Gesicht verschwand; Rascheln, dann tauchten zwei hagere, lange, behaarte Beine auf. Mit einem Schwung stand Pjotr, bekleidet mit Turnhemd und Sporthose, vor Thomas und hielt ihm die Hand hin.

Obgleich Thomas diese veraltete Sitte nicht mochte, schlug er ein. »Thomas Monig«, murmelte er.

»Sokolov, Pjotr, Bulgare.«

Thomas schluckte. Pjotr schien es jedoch nicht zu bemerken, sondern wies auf einen Vorhang und fuhr fort: »Das ist dein Bett. Das dort gehört Jack, ist Franzose.«

>Wenn Pjotr Maßstab ist, ist die Verpflegung nicht besonders<,dachte Thomas. >Durch und durch Knochen, der Mensch, kein Gramm Fett.<

Thomas begann sich einzurichten. Pjotr weihte ihn in das - wie er meinte - Wissenswerteste ein: Er sei Maschineningenieur und im Vortrieb des Leitstollens tätig, beaufsichtige die >Eisfresser<, wie die Laserschrämen scherzhaft genannt wurden. Jack, Pumpenfachmann, arbeite mit ihm im gleichen Abschnitt, habe zur Zeit jedoch Jahresurlaub. Im Leitstollen werde nämlich Eis geschmolzen und das Wasser abgepumpt. In der Hauptstrecke sei Stückförderung, aber das werde er ja sehr bald sehen. »Station ist sehr gut eingerichtet: Bibliothek, Kino, Kasino - zweimal in Woche Tanz. Es wird geachtet, dass gleich Frauen und Männer sind hier.« Während er das sagte, zwinkerte er Thomas auffällig zu.

Dabei verzog sich sein Gesicht, als sei die Haut zu knapp. Es wurde zu einer listig-komischen Grimasse und schien auszudrücken: Vorsicht, Freund, jetzt nehme ich dich auf den Arm. Sehr viele Ehepaare seien hier, setzte er den Gedanken fort. Ja, die Leitung - es sei besser, sich mit dem Direktor nicht anzulegen: streng gegen Schlendrian, Disziplinarverstöße und andere Unregelmäßigkeiten. Er versuche, gerecht zu sein, habe aber zu wenig Kontakt zu den Mitarbeitern.

»Etwa siebenhundert Leute hier«, antwortete Pjotr auf Thomas’ Frage. »Davon arbeiten in Stollen dreihundert - in vier Schichten. Hundert ständig draußen.« Dabei deutete er mit dem Daumen gegen die Zimmerdecke. »Kein Vergnügen - bis minus sechzig Grad und Stürme. Aber Arbeit muss gemacht.«

Auf Thomas’ Hinweis, er werde wahrscheinlich auch einige Zeit im Freien arbeiten müssen, erwiderte Pjotr »armer Hund«, und Monig fand, dass er recht hatte.

»Draußen«, setzte Pjotr tröstend hinzu, »passieren auch meiste Unglücke. Andere Zweihundert besorgen Verwaltung und arbeiten für Betreuung: Gesundheit, Dienstleistung, Gastronomie, Handel und so weiter. Luxus ist nicht. Transport ist trotz moderner Containerschiffe kompliziert. Nachschub an Maschinen, Ersatzteilen, Treibstoff und Baumaterial verschlingt viel Geld, verstehst’s? Dazu Persontransport und das, was immer du brauchst.«

Es gäbe Winter, in denen auch für die modernsten Flugzeuge und Schiffe zwei Monate lang eine Landung ausgeschlossen sei. Vielleicht ändere sich das, wenn der U-Hafen in Mirny fertig ist. Pjotr redete, als sei Thomas einer von jenen, die, wie er, schon zwei Jahre in der Station hausten.

Nachdem Thomas seine Sachen verstaut hatte, machte er sich auf den Weg zu GEOMESS, unter deren Regie er diesen Teil des Intensivpraktikums ableisten sollte. Durch eine Schleuse verließ er den Wohntrakt. Ein Gang nahm ihn auf, kühl, an Stelle des Betons eine graue Plasteverkleidung, dahinter das Eis. Sicher mussten sich die einzelnen Bauabschnitte gegeneinander bewegen können. Die ungeheure Kraft des Eises würde nicht vor Eisenbeton kapitulieren.

Thomas Monig wurde es unheimlich. Er wusste: Auch das Inlandeis vermochte Dutzende Meter im Jahr zu wandern. Das musste beim Bau ebenso berücksichtigt worden sein wie das hohe Wärmeabstrahlvermögen der Gebäude, das das thermische Gleichgewicht beeinflusste. Und Thomas wurde sich einen Augenblick des Abenteuerlichen der Unternehmung bewusst. Das war schon etwas, was sie sich hier vorgenommen hatten!

Dann sagte er sich: >Mal sehen, was sie für mich haben, sicher eine Hilfsarbeit wie öfter in solchen Praktika.<

Am Ende des etwa 50 Meter langen Ganges betrat er wieder durch eine Schleuse den Verwaltungstrakt, der nüchterner, funktionell wirkte. Thomas fragte eine junge Frau nach den Zimmernummern der Abteilung, in die er wollte. Sie wies eine Treppe nach oben.

>Leiter der Abteilung GEOMESS, Dr. Lewrow, Organisatorin Nina Soredse< stand an der Tür. Thomas fingerte nach seinem Ankehrschreiben, klopfte und trat ein. »Guten Tag«, brachte er russisch hervor. »Mein Name ist Monig. Ich absolviere hier ein Praktikum und möchte mich bei Herrn Doktor Lewrow melden.« Wie meist in dieser Sprache ging es langsam und hörte sich sicher furchtbar an.

»Aus Deutschland?«, fragte sie. Schon die zwei Wörter verrieten, dass sie Deutsch konnte.

Sie legte das Mikrofon beiseite, schwenkte ihren Sessel herum, sagte: »Moment« und tastete weniges ein.

Thomas betrachtete diese neue Umgebung mit Skepsis und dem gleichen Misstrauen wie das gesamte Praktikum.

Sie war hübsch, die Nina und, allem Anschein nach, sich dessen bewusst: Perlmuttfarbene Haare, ebensolche Finger- und Zehennägel, allerdings mit roten Tupfen, dazu modern gekleidet. Das asymmetrisch geschnittene Dekolleté gewährte einen relativ tiefen Einblick. Sie ertappte Thomas beim Hinschauen, veränderte jedoch ihre Haltung nicht.

»Ja, der Chef erwartet dich«, sagte sie in fließendem Deutsch und warf ihm über die Schmuckbrille hinweg aus ihren wasserblauen Augen einen Blick zu. »Für Organisatorisches und Persönliches bin ich zuständig, ebenso für Beschwerden. Einweisung für die Neuen ist am Freitag, vierzehn Uhr. Dort stellst du dich bitte vor.« Lewrow - >Nur etwas älter als ich<, schätzte Monig - war klein und trug einen Vollbart.

»Ich grüße Sie«, sagte er schnarrend, hinter seinem Schreibtisch stehend. Er bot Thomas keinen Platz an, hatte also nicht die Absicht, sich lange mit ihm zu befassen. »Freiberger?«, fragte er und fuhr gleich fort: »Ich war zu Tagungen dort - hübsche alte Innenstadt.« Er machte eine Pause, wickelte einige Haare seines Bartes um den linken Zeigefinger, sah Thomas mit zwei listigen, kleinen Augen an, die als Einziges aus diesem Gestrüpp hervorlugten, und bemerkte: »Es trifft sich gut. Unser Kollege Kramer geht übermorgen in Urlaub. Heute und morgen wird er Ihnen seine Aufgaben übertragen. Ein wenig kurz, die Übergabezeit, aber wenn Sie Freiberger sind ...« Dort, wo Thomas Lewrows Mund vermutete, sträubten sich Haare. Da sich gleichzeitig die Augen verengten, war zu vermuten, dass er lächelte. Thomas lächelte süßsauer zurück. Er wusste nicht, wie er die Bemerkung aufzufassen hatte - ihm klang sie ironisch. Lewrow drückte eine Taste und sagte leise, aber bestimmt: »Herr Kramer zu mir, bitte.«

Wenige Augenblicke später trat Kramer ein.

»Ihr Praktikant«, kam es aus dem Bart hervor, so obenhin, als seien die Gedanken bereits anderwärts.

Thomas fiel ein, außer einer gemurmelten Begrüßung kein Wort gesprochen zu haben. Sogleich nagte an ihm Auflehnung. >Geht man so mit Leuten wie mir um? Sachte, Tom! Was erwartest du? Soll er dir um den Hals fallen? Die Ankunft eines Neulings ist für ihn eine gewohnte Sache. Etwas Besonderes kannst du nicht erwarten. Trotzdem, ein wenig persönlicher hätte er sein können, der Herr Chefmarkscheider.<

Am nächsten Morgen stampfte Thomas unlustig hinter Kramer her. In seiner Synthetex-Arbeitsjacke sah der breitschultrige, untersetzte Mann noch wuchtiger aus.

Kramer wollte zu Fuß gehen, zumindest hinwärts. Angeblich sah man da mehr. Obgleich Thomas kein Freund von langen Märschen war, vor allem nicht in behindernder Polarkleidung, beschlich ihn ein Gefühl der Erwartung von etwas Großartigem. Vom Verwaltungstrakt aus gelangten sie in einen mit Folie verkleideten Gang. Eine weitere Schleusentür, und sie standen im Eis, in einer Laufstrecke, in Dimensionen, wie sie Thomas aus Kalibergwerken kannte.

Vor ihnen dumpfes Rumoren, auf- und abschwellend. Die Strecke machte einen Bogen, sie mündete in eine andere mit kreisrundem Querschnitt, der sie nach rechts, dem Gefälle nach, folgten. Sie liefen auf einem Plastesteg, der etwa einen halben Meter über dem Eis die Sohle bildete. Rechts daneben verlief ein Schmalspurgleis, darunter lagen zwei beachtliche Rohre. Es war, trotz der nun deutlicheren Motorengeräusche, als plätschere es darin rhythmisch.

»Zwei Meter neben uns verläuft die Hauptförderstrecke«, rief Kramer.

Der Stoß, das Geläuf, alles begann zu beben. Metallenes Rasseln mit Dieselgedröhn war jetzt unmittelbar neben ihnen. Hinter der Verkleidung rieselten Eisstückchen hervor. Ein polterndes Gleitgeräusch mischte sich in das Lärmen. >Wenn wir als Kinder Eisbrocken über den Teich schlittern ließen, klang das ähnlich<, dachte Monig.

Der Radau ließ fast schlagartig nach, als ob sich zwischen sie und die Schallquelle eine Wand geschoben hätte.

»Die Pferdchen«, sagte Kramer lächelnd. Er machte eine Kopfbewegung nach links zur Hauptstrecke hin.

Als er Monigs verständnislosen Blick bemerkte, fühlte er sich bemüßigt, hinzuzufügen: »Haben sie Ihnen nicht erzählt, wie wir hier die Vortriebsmassen fördern?«

Nein, Pjotr hatte Thomas nichts davon erzählt - hatte es wohl, wie vieles, vorausgesetzt.

»Ehemalige Panzer«, erklärte Kramer.

Nun hatte Thomas gehört und auch vielfach gesehen, dass Militärfahrzeuge in allen möglichen Zweigen der Wirtschaft eingesetzt wurden. Dass er nun auch hier, ausgerechnet hier, damit konfrontiert werden würde, hatte er nicht erwartet. Schließlich dürfte es keine Kleinigkeit sein, Panzer in die Antarktis zu transportieren. »Bewährt sich das?«, fragte er.

»Bestens.«

Thomas hätte gern mehr darüber erfahren. Kramer ließ es jedoch bei seinem »bestens« bewenden. Er ging bereits wieder stolleneinwärts. Sein Schatten, erzeugt von Monigs Lampe, tanzte grotesk vor ihm her.

Die Stöße schimmerten bald grünlichblau, bald stechendweiß. Hier und da hingen Eiszapfen, Eiswucherungen standen klobig auf den Einbauten. Die Strecke führte schnurgerade stetig abwärts. Rechts am Stoß begleitete sie ein armdickes Kabel, in Schellen direkt an das Eis genagelt.

Es näherten sich abermals Motorengeräusche, dieses Mal von hinten. >Die Pferdchen<, dachte Thomas belustigt. Er fragte: »Wie viele sind es?«

»Fünfzehn haben wir hier«, antwortete Kramer. Seine Stimme hallte hohl. »Davon sind zwölf ständig im Einsatz, zur Zeit jedenfalls.« Kramer drehte sich im Gehen halb zu ihm um. »Sie fahren immer paarweise«, erklärte er. »Zwei nebeneinander und jeweils drei Paare in eine Richtung, drei leer hinunter, drei voll nach oben. Pro fünfhundert Meter Strecke kommt ein neues Paar hinzu, sonst würde sich die Förderzeit verlängern.«

»Wie kommen sie aneinander vorbei?« Thomas ärgerte sich über seine Frage. Natürlich müssen sie aneinander vorbei, und da er wusste, dass die Strecke sieben Meter breit war, ging das sicher nur über Ausweichstellen.

»Ausweichstellen«, sagte Kramer. »Das Förderspiel wird von einem Prozessrechner gesteuert.«

»Die Förderwagen«, fragte Thomas, »gleislos?«

Jetzt verhielt Kramer den Schritt. Er sah Thomas kurz an, prüfend, wie ihm schien, und sagte: »Ja, gleislos.«

Thomas hatte das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man meint, sich nicht richtig verhalten zu haben, ohne dass einem klar ist, weshalb.

Kramer sprach schon weiter. »Also hier ...«, er deutete nach oben, »beginnt der Polygonzug, den Sie für die Kurvenangabe brauchen.« In der Firste befand sich ein Festpunkt, geschützt mit einer Kappe, gekennzeichnet durch einen blauen Kreis und der Nummer 27.

Die Bedenken, die Thomas tags zuvor schon gekommen waren, als er seinen Arbeitsauftrag erhalten hatte, stellten sich wieder ein. Genaugenommen war es Angst vor der Verantwortung. >So viel Praxis, wie man hier glaubt, habe ich nicht<, dachte er. >Aber das kann ich doch niemandem sagen. Bislang sind sie schön geradeaus gefahren, fast vier Kilometer. Ausgerechnet jetzt geht dieser Kramer in Urlaub, jetzt, wo die erste Kurve angelegt wird, und ausgerechnet ich muss sie angeben.<

»Fünf Aufstellungen reichen«, fuhr Kramer fort. »Allerdings müssen Sie täglich kontrollieren. Das Eis arbeitet - und dann die Erschütterungen.«

Kramer machte Thomas auf die nächsten Festpunkte aufmerksam, gab ihm, ein wenig von oben herab, diesen und jenen Rat. Allmählich ging er Thomas auf die Nerven.

Vor ihnen wurde es heller. Scheinwerfer ließen das Eis glitzern. Im Näherkommen sah Thomas zwei Schatten hin und her huschen. Ein zischendes Geräusch nahm zu. Schwere Motoren tuckerten im Leerlauf.

Die Verkleidung hörte plötzlich auf. Ein Aufbruch gab nun links den Blick in die Hauptstrecke frei. Thomas war beeindruckt. Sieben Meter breit und drei Meter hoch - im Halbdunkel. Das ist beeindruckend. Vorn vier auf sie gerichtete Scheinwerfer, trübe in Dunst. Dort tat sich was - sie waren vor Ort.

Plötzlich donnerten Motoren auf, die vier Scheinwerfer rückten heran, wurden klarer.

Thomas blieb stehen.

Aus dem Dunst lösten sich zwei Kolosse, Panzer, die schwersten, zugleich schnellsten und zuverlässigsten ihrer Art. Sie waren aber nicht mehr panzertypisch: Der sonst so bedrohlich wirkende Kanonenturm fehlte, die überschwere Panzerung ebenfalls. Im Grunde war ein flacher Quader mit Raupenketten übrig geblieben. Die Kunstglashaube, die den Kopf des Fahrers schützte, wirkte wie eine Blase.

Eisbruch und Wasser spritzten. Thomas wich bis an das Geländer zurück - auch weil er erschrocken war: Hinter den Ungetümen kam die Ortsbrust in seine Richtung. Sich aus dem Wrasen lösend, rückte das Eis, durch die roten Rücklichter der Fahrzeuge gespenstisch funkelnd, auf ihn zu.

Das Geländer presste sich Thomas in die Rippen. Zwei Meter neben ihm zermalmten die Panzer das Eis. Er fühlte Spritzer im Gesicht. Auspuffgase trafen ihn. Und dann kam knirschend in noch geringerer Entfernung eine Eiswand vorbei, glänzend, blank geschmolzen, weißgrün durchscheinend.

Etwa vier Meter Eis glitten an Thomas vorbei, dann herrschte Halbdunkel. Dumpf klangen die Motoren. Die Neugierde verdrängte seine Beklemmung. Er trat vor und beugte sich in die

Hauptstrecke. Rechts im Dunst bewegten sich einige Schatten, schwankten Lichter.

Thomas sah nach links. Die Strecke war im gesamten Querschnitt ausgefüllt. Auf zwei Blechstreifen glitt langsam ein Eispfropf von ihm weg. Etwa 40 bis 60 Zentimeter Abstände blieben zu den Stößen und der Firste.

Es dauerte Sekunden, bis Thomas begriff: Sie schrämen Blöcke aus dem Eis, riesige Blöcke, und die Pferdchen ziehen sie nach über Tage. Er überschlug: sechs Meter breit, drei hoch und vier lang. Das sind ungefähr 70 Kubikmeter oder ebenso viele Tonnen. Es gab ihm einen Ruck. Sein Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Ein Gefühl, an etwas Bedeutendem teilzuhaben und selbst dabei an Bedeutung zu gewinnen, befiel ihn. Im nächsten Augenblick jedoch dachte er an die Aufgabe, die er schon tags darauf zu übernehmen hatte, und ihm wurde mulmig. >Ein zu großer Kurvenradius ließe sich korrigieren, aber ein zu kleiner? Wenn ich einen Fehler mache, verklemmen sich beim Transport die Blöcke. Jeder merkt es<, sinnierte Thomas. Er beschloss, fortan so sorgfältig wie möglich zu arbeiten.

Vor Ort war es verhältnismäßig ruhig: Verhaltenes Klappern, Zischen, rollendes Mahlen wie von Kugellagern, Plätschern, Elektromotorengesumm.

Sie gingen. Noch trennten sie 30 Meter vom Stoß.

»Wie viel solcher Blöcke kommen pro Schicht raus?«

»Wenn es gut geht, sechs.«

Sie waren vorn angelangt.

»Grüß< dich!« Pjotr winkte. Er stand an einem Aggregat, das den gesamten Querschnitt des Stollens ausfüllte. Es zog einen Wagen hinter sich her, der der Ortsbelegschaft als Frühstücksraum diente. Dorthinein steuerte Kramer.

Thomas zwängte sich zu Pjotr auf eine Art Leitstand, der sich hinten an der etwa fünf Meter langen Maschine befand. Pjotr erläuterte ihm seine Tätigkeit: Knöpfe drücken, kontrollieren. »Warum bedient ihr die Maschine nicht fern?«

»Es ist völlig neue Konstruktion, hat noch Kinderkrankheiten. Fernbedienung ist vorgesehen. Dann wirst auch arbeitslos«, sagte er lächelnd. »Hier Kursweiser - vorläufig noch von euch eingerichtet - wird dich ersetzen.«

»Eine Justierung wird er ab und an schon brauchen«, sagte Thomas, sich gleichsam selbst tröstend. >Es hätte mir noch gefehlt, am Anfang meiner Laufbahn an meiner Berufswahl zu zweifeln<, dachte er.

Vorn rauschten an einem starren, massiven Rahmen, der den gesamten Stollenquerschnitt ausfüllte, etwa zehn Plasmastrahler. Sie schmolzen den Block aus dem Eis, gleichmäßig in rasantem Tempo. Das Wasser sog die Maschine schmatzend in sich hinein, unter ihnen gluckerte es in dem dicken Rohr.

Pjotr zeigte Thomas, wo das Antigefriermittel zugesetzt, wie das Rohr automatisch verlängert und der Laufsteg verlegt wurden. Nur einmal am Tag musste Material antransportiert werden. Mehr als auf die Bedienungsknöpfe, deren Funktion er im Einzelnen ohnehin nicht verstand, achtete Monig auf Pjotrs Gesicht. Pjotr hatte die Maschine mit konstruiert, ausgewählt aus einer Vielzahl von Bewerbern, als Auszeichnung für gute Studienleistungen. Pjotr war stolz darauf. Sein Großvater, so hatte er ihm am Abend erzählt, war noch Schafhirte gewesen in den Rhodopen. Er hatte Touristen billige Uhren abgekauft. Pjotr hatte gelacht, als er das erzählte.

An diesen Großvater musste Thomas jetzt denken. Der war auf den Besitz einer Uhr stolz damals - wie Pjotr auf die Maschine, die ihm für fünf Stunden am Tag anvertraut war, die er mit gebaut hatte.

Kramer trat aus dem Frühstücksraum und winkte. Seine Hand glitt über das Pult, als streichele er es.

Schließlich ging alles viel zu schnell.

Am Tag der Abreise war Kramer nicht im Büro erschienen, obwohl das Flugzeug erst am Nachmittag startete.

»Er packt«, antwortete Nina, die Organisatorin, auf Thomas’ Frage.

Sie trug diesmal Kniehosen und eine aus durchscheinendem Latex gefertigte hautenge Bluse - sehr im Kontrast zur Anzeige des Thermometers: Minus 35°C - draußen.

Kramer hatte Thomas das Wesentliche mitgeteilt. Aber seine beiden Gehilfen, die heute mit ihm im Büro sein sollten, musste Thomas selbst einweisen.

Einer war da, ein blasser, hochaufgeschossener Jüngling, Vorpraktikant, wie er Thomas eilfertig mitteilte. Er wolle Glaziologie studieren und hatte vom Messwesen keinen Schimmer. Kramer habe ihm gesagt, mit Monig würde er viel ins Eis kommen.

Bei den Aussichten mit dem einen war Thomas auf den anderen gespannt. Da dieser nicht kam und er keine Lust verspürte, zweimal zu erläutern, rief er Kramer an.

Kramer meldete sich mürrisch.

Soviel Monig neben Kramers breitem Kopf auf dem Bildschirm vom Zimmer sehen konnte, herrschte dort ein ziemliches Durcheinander.

»Ein Gehilfe fehlt«, informierte Thomas.

»... der Deland wieder«, brummte Kramer unwirsch. »Ich regle das!«

Thomas wartete. Er schlenderte von Tisch zu Tisch, hatte die Vorgänge bald erfasst. »Wenig Leute», dachte er, »drei Männer und zwei Frauen.» Von Pjotr wusste er, dass die Abteilung, einschließlich Lewrow, aus elf Mitarbeitern bestand, aus vorwiegend in der Firma ausgebildeten GEOMESS-Facharbeitern. Der Raum war vorzüglich mit neuester Rechen- und Zeichentechnik ausgerüstet. »Da ist es keine Kunst, mit so wenig Personal auszukommen.»

Sie gaben sich freundlich. Fragen wie: »Wie bist du untergekommen?« »Gefällt dir unser Maulwurfsbau?« »Wie war das Wetter in Berlin?«, beantwortete er ebenso unverbindlich, wie sie gestellt wurden.

Nach einer halben Stunde kam Deland.

Irgendwie wusste Thomas, dass es dieser war, ohne dass es ihm jemand gesagt hätte. Deland saß plötzlich auf einem Stuhl neben der Tür, ohne gegrüßt, geschweige denn sich entschuldigt zu haben, und tat so, als warte er.

Er sah gut aus: stämmig, groß. Seine blonden Haare trug er bürstenartig kurz, das Gesicht scharf geschnitten, mit hervorstehenden Wangenknochen und einem schmalen Mund. Offenbar hatte er eine schlechte Nacht verbracht. Er hatte Ringe um die Augen, sah müde aus und ein wenig gelbgrau - der Teint eines starken Rauchers.

Noch bevor Thomas mit seiner Überlegung, ob er Delands Zuspätkommen irgendwie erwähnen müsse, zu Ende war, kam Kramer.

Monig hatte den Eindruck, als sei er gerade von seiner Packerei weggelaufen, noch grantiger als vorhin.

Er grüßte nicht, stürzte sogleich auf Deland zu. Thomas fürchtete, er wolle ihn packen.

Wut stand in seinem Gesicht, was Thomas erstaunt feststellte, nahm er doch an, den kompakten Kramer könne so leicht nichts aus der Ruhe bringen.

Vor Deland blieb er stehen und belferte los.

Thomas hätte nicht gedacht, dass heutzutage jemand so unbeherrscht seiner augenblicklichen Regung Luft verschaffen würde. Kramer schrie. Selbst die Kollegen im Büro, die ihn ja kennen mussten, blickten verschreckt von ihrer Arbeit auf, verfolgten den unerfreulichen Auftritt.

Kramer schrie Vorwürfe, aus denen Thomas schloss, dass Delands Verhalten nicht zum ersten Mal Ärgernis erregte, brüllte: »Subjekt«, »Abschaum« und Ähnliches.

Thomas war wie die anderen peinlich berührt. Nur der, um den sich das Ganze drehte, Deland, blieb scheinbar unbeteiligt. Er blickte an Kramer vorbei, starr, ließ die Tirade auf sich herniederprasseln.

Als Kramer keine weiteren Anwürfe fand und sich fluchtartig, überstürzt, wie er gekommen war, mit den Worten: »Falls Ähnliches sich wiederholt, werde ich andere Maßnahmen einleiten«, zurückzog, schlenderte Deland auf den Tisch zu, auf dem Monig seine Unterlagen ausgebreitet hatte, ließ sich leger auf einen Stuhl fallen und wartete offenbar Weisungen ab.

Thomas beobachtete ihn noch einen Augenblick von der Seite und stellte fest, dass die Vorwürfe Kramers doch Regungen hervorgerufen hatten. In Delands Gesicht walkten die Kaumuskeln, ein Zeichen, dass die Zähne fest aufeinander bissen.

Es war Thomas peinlich, das Donnerwetter heraufbeschworen zu haben und jetzt mit Deland reden zu müssen. Aber in sein Bewusstsein drängte sich die Aufgabe, die Kurve, die er gedanklich schon abgesteckt hatte. >Und dann Leute wie Deland und der blasse Student, - ein Renitenter und ein Ahnungsloser - das kann heiter werden<, dachte er. Mit den Befürchtungen aber wuchs Neugierde. Wer ist Deland? Was ist das für einer, wie kommt er in die Antarktis? Bislang wurde der Eindruck vermittelt, hier zu arbeiten, sei eine Art Auszeichnung. Wie kommt dann einer, der als Abschaum bezeichnet wird, nach TITANGORA?

Während Thomas die Aufgabe erläuterte, beobachtete er Deland. Er sprach leise, auch aus Furcht, die Fachkollegen könnten an seinen Darlegungen etwas Kritikwürdiges finden, zwang so jedoch seine Helfer, ihm mit voller Aufmerksamkeit zu folgen. Der Vorpraktikant tat es mit sichtlichem Eifer, stellte viele, mitunter gesuchte Fragen. Anders Deland: Kein Anzeichen, dass er verstand. Ihn zu examinieren, scheute sich Thomas; denn Deland war, so schätzte er, fast ein Jahrzehnt älter als er.

Thomas wies besonders auf die Fehlermöglichkeiten hin, versuchte demonstrativ darzulegen, was der Gehilfe nicht machen durfte. Das Nämliche: beinahe lästiger Übereifer des einen, aufreizender Gleichmut des anderen. Nur zum Schluss ließ sich Deland auf die Frage, ob alles klar sei, ein undeutliches »Okay« abringen.

Gleich als die beiden das Büro verlassen hatten, ging Thomas ins Vorzimmer und erkundigte sich bei Nina, was dieser Deland für einer sei.

Sie schaute auf. »Na ja«, antwortete sie zögernd. »Er hat wohl eine leichte Störung im vegetativen Nervensystem, ist deshalb nicht schichttauglich und GEOMESS als Gehilfe zugeteilt worden. Er schlägt manchmal ein bisschen über die Stränge.«

»Aber das rechtfertigt doch Kramers Verhalten nicht.«

»Die beiden können sich nicht riechen. Wahrscheinlich befürchtet Kramer, dass sich Deland renitent verhalten könnte. Und das würde ja kein besonderes Licht auf unsere Abteilung ...«, Nina lächelte, »und die Mitarbeiter werfen.« Dann sah sie Thomas ziemlich lange an. Sie zog die Mundwinkel - ein wenig geringschätzig, wie es Thomas schien - nach unten. »Angst?«, fragte sie.

Thomas schüttelte den Kopf. »Nur verlassen möchte ich mich auf die Leute können. Wo kommt er denn her, der Deland? Ich denke, es sind nur Auserwählte hier?«

»Er gehört zu den Amerikanern. Wir haben hier Leute einer Brigade, die sich freiwillig verpflichtet hat, als militärische Einheit drei Jahre in der Antarktis zu arbeiten. In der Zwischenzeit macht man sich Gedanken, die Leute irgendwie einzugliedern. Einige werden sicher auch hier bleiben.«

»Na und?«, fragte Thomas überheblich, »kann man Leute, die aufmucken, nicht abschieben? Hier stören sie doch nur.«

Das hätte er wohl lieber nicht sagen sollen. Nina schaute ihn an, kalt. »Wohin schieben?«, fragte sie. »So einer geht woanders erst recht vor die Hunde. Seine Leute haben mit sich zu tun.« Thomas biss sich auf die Unterlippe und sagte dann, sich ein Lächeln abquälend: »Ich werde schon auskommen mit ihm.« Überzeugt davon war er nicht. Vor allem, wenn er an die Kurve dachte, war ihm gar nicht wohl, einen Mitarbeiter wie Deland zu haben.

Die Messung verlief besser, als Thomas es sich vorgestellt hatte. Deland arbeitete leger, aber nicht unwillig. Der Student sprang hin und her, versuchte eilfertig den Weisungen zuvorzukommen. Oft musste Thomas seinen Eifer bremsen, oft ihm aber auch Selbstverständliches erklären. Bei Deland war zu spüren, dass er bereits an derartigen Messungen teilgenommen, einschlägige Erfahrungen hatte. Er reagiert gut auf Thomas Signale, wusste, worauf es ankam.

An den Krach der Pferdchen hatten sie sich gewöhnt. Vor Ort arbeiteten sieben oder acht Leute. Pjotr, der immer noch Frühschicht hatte, unterstützte Thomas nach Kräften. Er hielt sogar seine Maschine an und meinte lachend, dass das Schichtpensum bereits geschafft sei.

Während der Messung ergaben sich zwangsweise Pausen. Dann sah Thomas den Kumpeln zu. Bald hatte er begriffen: Wenn ein Block seine Reise angetreten hatte, wurden die Rahmen, auf denen die Laser umliefen, an den Ortsstoß gezogen und die Kabel neu verlegt. Eine verhältnismäßig leichte Arbeit. Während des Schneidens bestand die Tätigkeit hauptsächlich aus Kontrollen. »Kommt rein«, rief Pjotr vom Frühstücksraum her. »Die Pferdchen rasten jetzt unterwegs auch.«

Pjotr deutete, als Thomas an ihm vorbei in den Raum trat, mit dem Kopf auf Deland und die Männer, die am Tisch saßen, und raunte ihm zu: »Von seiner Truppe ...«

Thomas sah sie sich an: Nicht einer, der ihm unsympathisch gewesen wäre. Sie warfen die Overalls ab und holten sich aus dem Automaten ihr Frühstück.

Die vom Messtrupp taten es ihnen gleich.

Thomas versuchte mit Mühe, einiges von ihrer harmlosen Unterhaltung mitzubekommen.

Auch Deland war etwas aufgetaut. Aber Thomas hatte den Eindruck, als sondere er sich ab. Er beteiligte sich kaum am Gespräch und lachte selten.

Draußen schrillte das Streckentelefon. Pjotr ging. Thomas nutzte die Gelegenheit und folgte ihm.

Pjotr bekam die Mitteilung, dass wegen einer Störung in wenigen Minuten der Arbeitsstrom abgeschaltet werde.

»Sag mal, Pjotr, kennst du den Deland?«

»Richtig nicht. War ein paar Schichten bei mir Hilfsmaschinist. Einmal hat schlappgemacht. Danach bekam er bei euch Schonplatz.«

»Ich meine, was ist er für ein Mensch?«

»Ich kümmere mich um Amis wenig. Kann zu schlecht Englisch. Soviel ich weiß, ist einer von denen, die außer Soldat nichts gelernt. Und nun ist natürlich schwierig für ihn ... Die meisten haben schon Arbeit. Hat vielleicht, wie sagt man, Torgeschlossenpanik. Außerdem, war er Offizier und muss hier machen Hilfsarbeit. Fühlt sich wahrscheinlich wie Außenseiter, meint, alle Welt hat gegen ihn. Dazu versteht sich mit eurem Kramer nicht - man sollte in Ruhe lassen.«

Als Pjotr sagte: »Alle Welt ist gegen ihn«, drängte sich plötzlich Evelyn in Thomas’ Denken. Er sah sie am Fenster stehen, damals in Berlin an dem letzten Nachmittag. Die Sonne spielte in ihrem Haar, dass es leuchtete. Es waren etwa die gleichen Worte. >Sollte ich Gemeinsames mit Deland haben, etwas, das ihn mir sympathisch macht? Woher rührt meine Anteilnahme für einen Mann, den ich nicht kenne?<, grübelte Thomas. >Pjotr hat sicher recht, ich sollte Deland in Ruhe lassen.<

Die Störung brachte Vortriebsstillstand und damit einen schnellen Fortgang der Messung. Pjotr führte an seiner Maschine einige Kontrollen durch, dann verabschiedete er sich. Die Ortsbelegschaft fuhr aus. Das Rollen des Mannschaftswagens verlor sich in der Ferne. Die Wetter standen, da die Lüfter ebenfalls ausgeschaltet waren. Nur die Notbeleuchtung brannte, und an den Maschinen funkelten grüne und rote Kontrolllampen. Es konnte einem ordentlich unheimlich werden: Drei Männlein, Würmchen in einem riesigen Eisdom.

Vorn tropfte Wasser, zischte auf, wenn es auf die noch heißen Metallteile fiel. Es wurde merklich klamm und kälter.

Nach drei Stunden fuhren auch sie aus, allerdings zu Fuß, da - wie Thomas nach einem Anruf erfahren hatte - der Streckenwagen gerade die Belegschaft der nächsten Schicht aufnahm. Sie trafen ihn auf halbem Wege.

Der Student redete während des Marsches fast ununterbrochen auf Thomas ein, der ihm höfliche, einsilbige Antworten gab. Aber das genügte dem, und er erzählte Thomas von seinem Studium und seinen Plänen.

Deland sprach auch jetzt kein Wort. Er hatte den Theodolit geschultert - anderes Gerät hatten sie vor Ort belassen - und Thomas war, als zische er eine Melodie durch die Zähne. Im Büro setzte er das Instrument ab, sagte, ohne jemanden anzusehen, »hallo« und ging. Schon in der Tür, nahm er, ohne sich umzudrehen, mit einem Nicken entgegen, dass sie am nächsten Tag zur Mittagsschicht wieder einfahren wollten, um die nötige Sollrichtung anzugeben.

Thomas dachte erneut: >Gehen lassen< Über Delands Arbeit hatte er sich nicht zu beklagen - warum sollte er sich mit anderer Leute Sorgen belasten?

Pjotr erwartete Thomas bereits und drängte zur Eile. Durch die Störung wäre einiges durcheinander geraten, im Casino veranstalte man einen bunten Abend.

Thomas warf einen bedauernden Blick auf sein Messprotokoll. Eigentlich wollte er schon rechnen. Und außerdem war ihm nicht nach buntem Abend, ihm war selten nach buntem Abend. Aber Pjotr hatte extra auf ihn gewartet, und die Rechnerei lief nicht davon. Thomas wählte ein paar belegte Brote, verschlang sie beim Umkleiden, strich sich übers Kinn, es kratzte. Pjotr, fertig angezogen, maulte, als sich Thomas auch noch Bartentferner auftrug. Nina war auch da. Das stellte Thomas fest, bevor er sich in dem großzügig ausgestatteten Saal umsah. Niedrig zwar, barähnlich, weitläufig, intim und wieder nicht intim, kurz, eine Atmosphäre, wie er sie sich in Gaststätten großer Städte gewünscht hätte und wie sie sicher auch Evelyn zusagen würde.