9,99 €
Van Dyck, herausragender Maler des 17. Jahrhunderts, hatte eine ebenso kurze wie glanzvolle Karriere. Als ein Schüler Rubens wird er sehr schnell zum Protegé der Prinzen und Könige und avanciert zu einem der beliebtesten Porträtisten der großen und wichtigen Familien Englands. Mithilfe einer äußerst präzisen Farbkomposition verleiht er seinen Modellen Würde und geistige wie körperliche Größe. Mit hoch aufgerichteten, lächelnden Damen und Adligen auf tänzelnden Pferden versteht es Van Dyck vortrefflich, eine sorglose Eleganz und die Langweile einer raffinierten Gesellschaft darzustellen. Als Maler des Barock mit schillernden Biegungen spielt er mit einer leichten und nuancierten Palette und gibt mit einer großartigen Virtuosität Samt, Satin und Seide wieder. Van Dyck wird als der Begründer der englischen Porträtschule angesehen. Er übte Einfluss auf Lely, Dobson, Kneller und insbesonder auf Reynolds und Gainsborough aus, aber auch auf die französischen Maler des 18. Jahrhunderts.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2019
NATALIA GRITSAI
Text: Natalia Gritsai
Einband: Stéphanie Angoh
Layout: Griet De Vis
© Confidential Concepts, Worldwide, USA
© Parkstone Press USA, New York
© Image Barwww.image-bar.com
ISBN: 978-1-64461-856-1
Weltweit alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir um Benachrichtigung.
Inhalt
VAN DYCKS BILDER IN DER ERMITAGE DIE GESCHICHTE DERSAMMLUNG
DIE ERSTE ANTWERPENER PERIODE UM 1616-1621
DIE ITALIENISCHE PERIODE 1621-1627
DIE ZWEITE ANTWERPENER PERIODE 1628-1632
DIE ENGLISCHE PERIODE 1632-1641
LEBENSLAUF
LITERATURVERZEICHNIS
INDEX DER WERKE
Der Name des flämischen Malers aus dem 17. Jahrhundert, Anthonis van Dyck (1599–1641), ist zum Symbol für Eleganz und auserlesenen Geschmack geworden. Van Dyck hat die Kunst um ein wesentliches Moment bereichert — um die bis dahin ungewohnte Art, sich dem Modell zu nähern. Er nimmt die menschliche Gestalt als lebendiges und unnachahmliches Individuum wahr, das sich erst in seiner Beziehung zum unmittelbaren Kontext offenbart. Als Porträtmaler genoss van Dyck bereits zu Lebzeiten größte Anerkennung. Diese betraf sein gesamtes Œuvre — die Werke aus der Jugendzeit, die Gemälde der späteren Schaffensperioden und ebenso seine Graphik. Wachsende internationale Anerkennung wurde insbesondere jedoch dem Porträtisten van Dyck zuteil. Als solcher erhielt er dann auch seinen Platz in der Geschichte der europäischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Anthonis van Dyck besaß einen immensen Arbeitseifer, er war ein “Arbeiter der Palette” und schuf bereits in seinen Jünglingstagen mehr Bilder als andere Maler in ihrem ganzen Leben.
Er beherrschte nicht nur die Porträtkunst in meisterhafter Weise, sondern ebenso andere Gattungen der Malerei: Historienbilder, allegorische Darstellungen, Landschaftsmalerei, und er war in der Lage, jede beliebige Aufgabe seines Faches zu lösen. Vielfach verknüpften sich dabei die Genres: In seinen Sujets ist oft der Blick des Porträtmalers zu fühlen und seine Bildnisse enthalten immer auch ein wenig Historisches. Die von van Dyck geschaffenen Porträts wiederum sind selbst äußerst vielfältig. Die Palette seiner Möglichkeiten erscheint nahezu unendlich und reicht von flüchtigen, unterwegs oder aus dem Gedächtnis gezeichneten Skizzen bis zu sorgfältigsten Naturstudien, von Kabinettbildern bis zu monumentalen Bildnissen. Dann und wann schuf er auch ein „Portrait histoire“, eine nicht des Humors entbehrendende Darstellungsform, in welcher die porträtierte Person mal in der Gestalt einer Figur aus der antiken Mythologie, mal im Gewand eines Helden aus einem zeitgenössischen Theaterstück posiert.
Das Gesamtwerk seiner Porträtmalerei ist ein getreues Abbild seiner Zeit und lässt die Zeitgenossen dieses Malers lebendig werden. Zugleich spiegelt sich in diesen Bildnissen seine Idealvorstellung vom Menschen wider. Als van Dyck lebte, stand der kleine Staat der südlichen Niederlande, den man nach seinem bedeutendsten Landstrich „Flandern“ nannte, am Beginn einer neuen kunstgeschichtlichen Epoche. Es war die Zeit des Aufschwungs und der dann folgenden prachtvollen Entfaltung einer eigenen nationalen Schule der Malerei.
Nach der niederländischen Revolution hatten sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts die sieben nördlichen Provinzen zu einer Union („Holland“) vereinigt und vom Süden des Landes getrennt. Diese Unions-Provinzen gründeten die „Republik der Vereinigten Niederlande“. Der südliche Landesteil verblieb unter spanischer (katholischer) Herrschaft und enstprechendem Einfluss. Selbstverständlich blieb auch die niederländische Kunst von diesen politischen Ereignissen nicht unbeeinflusst, es entstanden zwei selbständige nationale Schulen — die holländische und die flämische.
In der flämischen Kunst des 17. Jahrhunderts dominierte eine alles überragende Künstlerpersönlichkeit —- Peter Paul Rubens (1577–1640). Er hatte die erste reguläre Schule für Malerei begründet. Mit seinem Œuvre beschritt er völlig neue, für die flämische Kultur bis dahin unbekannte Wege, indem er Gegenwärtiges mit einer Kunst verband, die von hohem humanistischem Pathos durchdrungen war, erfüllt von einer auffallend emotionalen, dynamischen, leidenschaftlich-kraftvollen Lebensbejahung. Van Dyck setzte Rubens’ künstlerische Offenbarungen auf seine eigene Weise um und hat im Genre der Bildnismalerei eine unübertroffene Größe erreicht.
Dieser Publikation liegt die umfangreiche Sammlung von Bildnissen van Dycks zugrunde, die sich in der Staatlichen Ermitage in St. Petersburg befindet. Wir können hier fast alle Exponate zu van Dyck zeigen, die unser Museum beherbergt. Einige Gemälde des Meisters aus anderen Museen runden diese Darstellung ab. Die Gemäldegalerie der Ermitage umfasst Arbeiten van Dycks aus allen Perioden seines künstlerischen Schaffens — der ersten und zweiten Antwerpener, der italienischen und der englischen Zeit und ist zugleich Hauptbestandteil der Abteilung „Flämische Meister“. Hier findet man außerdem eine beträchtliche Anzahl weiterer bedeutender Gemälde von Meistern dieser Epoche: Rubens, van Dyck, Jordaens, Snyders. Alle diese Gemälde stammen aus früheren Sammlungen und führen uns damit bis in das 18. Jahrhundert zurück. Der größte Teil unserer Gemäldesammlung besteht aus den Werken, die die jeweiligen Künstler außerhalb ihrer flämischen Heimat in verschiedenen Ländern Westeuropas geschaffen haben. In Paris, dem Zentrum des europäischen Kunsthandels, waren diese Bilder besonders begehrt.
Paris war seit den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts auch zur besonderen Quelle für die Erweiterung der rasch anwachsenden Gemäldegalerie der St. Petersburger Ermitage geworden. Die Gründung dieses „Lieblingskindes der Aufklärungszeit“ geht auf Katharina II. (1762–1796) zurück. 1764 übernahm sie die Gemäldesammlung des Berliner Kaufmanns Joh. Ernst Gotzkowsky, der dem russischen Gesandten in Berlin, V. S. Dolgorukow alle von ihm gesammelten Werke angeboten hatte, um dem russischen Fiskus gegenüber seine Steuerschulden begleichen zu können. Somit gilt das Jahr 1764 als Gründungsjahr der Ermitage. Katharina II. vermochte es, herausragende Kunstsachverständige als Mittelsmänner und Experten hinzuzuziehen. Zu ihnen gehörten u.a. der berühmte französische Philosoph und Kunstkritiker Denis Diderot, der Bildhauer Etienne Maurice Falconet, der Enzyklopädist Melchior Grimm und Fürst Dimitri Alexejewitsch Golizyn, der den hochrangigen Posten des russischen Gesandten in Paris und später in Den Haag bekleidete.
1. Bildnis Philadelphia und Elisabeth Wharton, 1640, Ermitage, St. Petersburg.
2. Charles I. und Henriette-Marie mit ihren ältesten Kindern, 1632. Sammlung Ihrer Majestät Königin Elizabeth II .
3. Selbstbildnis, 1630er Jahre, Galleria degli Uffizi, Florenz.
4. Alexej Antropow, Bildnis Katharina II., 1762, Museum für Geschichte und Kunst, Zagorsk.
Golizyn war eine der gebildetsten Persönlichkeiten seiner Zeit, befreundet mit Diderot und Falconet und zudem Ehrenmitglied der Petersburger Akademie der Künste. Im Auftrag der Zarin widmete er sich nun vorrangig dem Ankauf von Gemälden für die Ermitage. Er unterhielt enge Beziehungen zu Diderot, Grimm und sogar zu dem Genfer Kunstsammler François Tronchin, der wiederum über Verbindungen zu Pariser Kunstkreisen verfügte. Golizyn ließ keine Möglichkeit ungenutzt, Interessantes zu erwerben. Deshalb besuchte er ständig die Auktionen in Paris, Den Haag und Amsterdam und verhandelte zuweilen auch direkt mit den Besitzern der Gemälde.
Vermutlich war dies auch (vor 1774) beim Ankauf des Gemäldes Familienbildnis der Fall, das eines der schönsten Bilder van Dycks ist, das die Ermitage besitzt. Übereinstimmenden Auskünften zufolge[1] erhielt die Zarin dieses Meisterwerk von einer gewissen Frau Groenbloedt aus Brüssel. Diese wiederum hatte es im Zuge der Auflösung der Gemäldesammlung Lalive de Jully in Paris erworben.
Der Großteil der Gemälde van Dycks, die sich heute in der Ermitage befinden, stammt aus zwei berühmten Sammlungen aus der Regierungszeit Katharinas II.: 1772 erwarb sie in Frankreich die Kollektion Crozat[2] und 1779 in England die Gemäldegalerie des Lords Walpole.[3] Erstere bereicherte die Ermitage um elf Werke van Dycks, die zweite um 14 Bilder. 1783 wurde in Frankreich die berühmte Pariser Sammlung des Grafen Baudouin gekauft, wodurch weitere fünf Porträts van Dycks[4] in die Ermitage gelangten.
Aus weniger bekannten französischen Gemäldesammlungen des 18. Jahrhunderts kamen später noch weitere zwei Werke hinzu, deren genaue Herkunft nicht feststeht,[5] außerdem zwei Porträts, die erst in unserem Jahrhundert (1932) in das Museum kamen. Sie waren irgendwann einmal in die Sammlung des Grafen A. S. Stroganow gelangt, der sie während seiner Aufenthalte in Paris (1769 und 1779) gekauft hatte.[6]
Somit verdankt die Ermitage den französischen Sammlungen überwiegend van Dycks Bilder aus den beiden Antwerpener Perioden und aus der italienischen Schaffensphase. Aus der Galerie Walpole stammen nahezu alle Meisterwerke aus der Zeit seiner Aufenthalte in England. Dazu gehören insbesondere die Porträts der Familie Wharton, die Robert Walpole etwa 1725 in Winchendon aus dem Besitz des letzten Vertreters der Familie erwarb.
Die solchermaßen zusammengestellte Gemäldesammlung spiegelt selbstverständlich den Geschmack der Sammler des 18. Jahrhunderts wider. Die Kunstsammler aus dem Europa jener Zeit schätzten van Dyck vor allem wegen seiner meisterhaften Bildnismalerei und sammelten deshalb naturgemäß vorwiegend seine Porträts.
Das Niveau der Sammlungen, aus denen wiederum die Ermitage ihre Werke van Dycks bezogen hatte, vor allem das der Sammlung Crozat, war ungewöhnlich hoch. Es mag der Hinweis genügen, dass es in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris keine weitere Gemäldesammlung gab, die mit dieser auch nur annähernd zu vergleichen war. Es war daher nicht zufällig, dass der französische Kunstsammler, Graveur und Verleger Pierre-Jean Mariette sich in seiner Abhandlung über van Dyck hauptsächlich auf Beispiele aus dieser Sammlung bezog. Dazu gehören z.B. solch berühmte Meisterwerke wie das Selbstbildnis, Bildnis Eberhard Jabach, Marc-Antoine Lumagne und das Bildnis eines Mannes, das lange als Darstellung des Antwerpener Arztes Lazarus Maharkyzus galt.
Auch im England des 18. Jahrhunderts sahen die Maler und Liebhaber der Malerei in van Dyck in erster Linie den großartigen Porträtisten. „Van Dyck ist der bedeutendste Porträtmaler, den es jemals gegeben hat“, äußerte sich, absolut begeistert, der bekannte englische Maler und erste Präsident der Königlichen Kunstakademie London, Joshua Reynolds. In ganz ähnlicher Weise bezeichnete der Maler und Graveur William Hogarth in seiner Abhandlung Analyse der Schönheit (1733) den flämischen Meister als den „in vielerlei Hinsicht besten Porträtmaler, den wir überhaupt kennen“.[7] Es verwundert also kaum, dass auch in den englischen Sammlungen die Porträts van Dycks dominieren. Die Sammlung Walpole bildet hier keine Ausnahme. Sie enthält eine einzige Sujetkomposition van Dycks: Die Ruhe auf derFlucht nach Ägypten (auch: Madonna mit den Rebhühnern), ein Meisterwerk seiner zweiten Antwerpener Periode.
Zuweilen verließen, aus unterschiedlichen Gründen, einige Arbeiten van Dycks die Ermitage wieder. So wurde in den 1930er Jahren das aus der Sammlung Walpole stammende Porträt Lord Philipp Wharton weggegeben, das man damals Rubens zuschrieb. Tatsächlich aber ist es eines der Frühwerke van Dycks und vor seiner Abreise nach Italien entstanden. Es befindet sich heute mit drei weiteren Werken in der Nationalgalerie in Washington: Isabella Brant und Suzanna Fourment mit Tochter sowie das Bildnis einer jungen Dame (in Ergänzung zu dem Bildnis eines jungen Mannes), das der ersten Antwerpener Schaffensperiode zuzurechnen ist. Nach Moskau wurden 1924 und 1930 drei Gemälde gegeben, die sich jetzt im dortigen Puschkin-Museum befinden: Jan van de Wouwer, Adriaen Stevens und Bildnis der Gattin des Adriaen Stevens. Diese Kunstwerke kamen 1783 aus der Pariser Sammlung des Grafen Baudouin in die Ermitage und gehören der zweiten Antwerpener Schaffensperiode an.
