Anti - Lisei Luftvogel - E-Book

Anti E-Book

Lisei Luftvogel

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Beschreibung

Ruhrgebiet, siebziger Jahre. Anti ist ein wichtiges Wort für Maja, Anti wie antiautoritär, wie Anti-Atomkraft oder wie Antifaschisten. Der Roman handelt von ihrer Kindheit. Sie erlebt eine Welt voller Widersprüche: Mobbing in der Schule und auf der Straße, das Fortleben von Krieg und Faschismus in Zeitungen und aufgeschnappten Gesprächsfetzen. Auf der anderen Seite der alternative Lebensentwurf ihrer Eltern Dora und Dieter, die gegen patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufbegehren. Der antiautoritäre Kinderhort ist Majas zweites Zuhause und besonders im Villenviertel so verrufen wie eine Banditenkneipe. Im Hort "drucken" die Kinder ihr Geld selbst und imitieren eine Zentralbank. Dabei parodieren sie den Kapitalismus, ohne es zu verstehen oder auch nur zu beabsichtigen. Als die Gewalt auf der Straße unerträglich wird, beschließen Maja und Aljoscha, dass sie sich wehren müssen. Sie fassen einen Plan und führen ihn gegen die Widerstände der Erwachsenen durch.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Autorin

Lisei Luftvogel, 1971 in Essen geboren, lebt und arbeitet in Ferrara als Deutsch- und Feldenkrais-Lehrerin. Abschluss des Philosophiestudiums in Perugia. Mitwirkung an der Jahreszeitschrift für Ästhetik Davar, Reggio Emilia mit Artikeln über W. Benjamin, R.M. Rilke und M.Basho. 2021 erschien in der Jahresanthologie der Textmanufaktur der Anfang dieses Romans.

Lisei Luftvogel

Anti

Roman

Die Autorin hat sich von ihrer eigenen Geschichte inspirieren lassen, dennoch ist der Roman reine Fiktion. Keine Person, die in der Erzählung vorkommt, existiert im realen Leben.

© 2023 Lisei Luftvogel Umschlag, Illustration: Lisei Luftvogel Lektorat, Korrektorat: Nina Bußmann

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: Lisei Luftvogel

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

ISBN 978-3-347-87799-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für Helga, meine erste Meisterin

We don't need no education We don't need no thought control No dark sarcasm in the classroom Teacher, leave them kids alone. (Pink Floyd)

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Epilog

Dank

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Titelblatt

Urheberrechte

Widmung

Kapitel 1.

Kapitel 26.

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1.

WIR so fing mein Lesekurs an. Das erste Wort. Wir sei wichtiger als ich, erklärte mir Dora. Drei magische Zeichen. Den Papierbogen mit den großen in Schreibschrift geschriebenen Buchstaben zeichnete ich mit dem Finger nach. W i r stand für das Leben in der Gemeinschaft. Wir, das war nicht nur unsere Familie, es waren auch die Kinder aus der Gruppe Drei, die Studenten, die Freunde. Alle Menschen, mit denen wir in Beziehung gerieten. Das Wir war solidarisch. Ein mächtiges Wort. Wir als Gruppe waren stark, ich als einzelne verloren. Ich malte mit meinen Filzstiften das Wir-Gefühl, meinen Bruder Jo, Aljoscha und Nicole, andere Kinder aus der Gruppe drei, die Mitarbeiterinnen, Dora und Dieter, ihre Freunde, Kommilitonen aus der Uni, den Mann von der Pommesbude, die Frau von der Kasse bei Plus, den Getränke- und Zeitungshändler mit der dicken Hornbrille.

2.

Ich war schon sieben. Morgen begann die Schule. Die Schultüte kauften wir am Katernberger Markt. Eine blaue mit silbernen Sternen. Sie war riesig. Halb so groß wie ich. Ich war gerne am Katernberger Markt. Monte Caterno, sagte Dieter dazu. Auf der Spitze des zylinderförmigen Brunnens standen zwei Kater mit geschwungenen Schwänzen. Gegenüber war Rema. Zu Rema fuhren wir immer, wenn wir etwas Besonderes kaufen wollten, oder besonders viel.

„Such du aus“, sagte Dieter in der Süßwarenabteilung. Seine langen Locken bedeckten sein trauriges Gesicht. Genauso verloren wie ich blickte er auf die Regale. Es fühlte sich falsch an. Überraschungslos. Für Überraschungen war Dora zuständig. Sie war aber nicht hier. Sie sei zu den Kommunisten übergetreten, behauptete Dieter. Er sagte es, als wäre es gefährlich. In Wirklichkeit war es lustig in der Kommune in Bochum. Jo hatte Glück gehabt. Ihn hatte Dora mitgenommen. Er selbst bekam unsere Mutter zwar kaum zu Gesicht, denn sie musste für ihre Prüfungen lernen, aber das Programm in der Kommune war einwandfrei. Einmal pro Woche konnte ich es selbst erleben. Kinder durften dort alles. Sie waren die Könige. Letzte Woche hatten sie dort diese langen Nudeln gekocht. Spaghetti hießen sie. Viel zu lang. Wie Würmer flutschten sie durch die Gabel. Ich stellte mich auf den Stuhl und zog die Gabel hoch und höher, die Nudeln nahmen kein Ende. Ich warf sie meinem Bruder ins Gesicht. Die Tomatensoße an den Nudeln färbte seine Wange rot. „Du blutest“, rief ich. Er lachte und warf zurück. Wir katapultierten die Nudeln an die Wand. Die Tomatensoße hinterließ rote Spuren. Die Erwachsenen beobachteten uns. Alles war erlaubt. Einen Teil der Nudeln aßen wir mit den Händen. Mit der Gabel wären wir verhungert. Die Küche mussten wir nicht putzten. Das machte der Mitbewohner, der gerade Küchendienst hatte. Bei Dieter hätten wir aufräumen müssen, mindestens. In der Kommune dachte ich mir viele Spiele aus. Jo und ich zerrissen Zeitungen und füllten das ganze Zimmer damit, wir rollten den ganzen Klopapiervorrat durchs Haus, die Badewanne füllten wir bis zum Rand mit Wasser, sprangen hinein und eine große Welle schwappte über. Jedes Mal hatten wir einen neuen Mitbewohner, der uns zur Seite stand. Draußen verteidigten sie unsere kindliche Freiheit. Niemand durfte uns sagen, was wir zu tun hatten. Im Spielzeugladen konnten wir die eingeschweißten Packungen öffnen und die Spiele testen. Unser zuständiger Erwachsener stritt derweil mit dem Ladenbesitzer, bis wir hinausgeworfen wurden. Mit den Kommunebewohnern an meiner Seite fühlte ich mich mächtig und geschützt. Auch Dora stritt auf der Straße für ihre und unsere Rechte. Sie gefiel mir, vor allem, wenn sie ältere Männer anbrüllte. Dann stellte ich mich neben sie, die Hände an die Hüften gestemmt. Dieter hätte auf der Straße nie so gebrüllt. Er duckte sich. Nur zu Hause schrie er Dora an, oder er schimpfte mit mir, wenn er Krümel auf dem Teppich entdeckte und feststellte, dass ich nicht richtig gesaugt hatte. „Ich bin doch nicht dein Sklave“, sagte er dann.

Na schön, die Schultüte war meine Sache. Ich lächelte Dieter an, er lächelte verkrampft zurück. „Nun mach schon.“ Mein Vater schien kurz vor einem Heulanfall. Ich blickte von oben in den leeren Schultütenzylinder. Wie viel dort wohl reinpasste? Sollte ich die Schokolade direkt in die Tüte füllen? Lieber nicht. Ich wollte Dieter nicht unnötige Schwierigkeiten bereiten. Überraschungseier, dachte ich. Einen Haufen Überraschungseier. Ich zählte. Zählen konnte ich schon. Bis zwanzig. Ich nahm zehn. Nun war die Spitze voll. „Ich geh mal Bier holen“, sagte Dieter und ließ mich allein. Hanuta, auch noch zehn. Dann Mars und Snickers und Bounty, so tolles Zeug hatte bestimmt kein anderes Kind. Dieter kam mit einem Kasten Stauder zurück. An der Kasse bezahlte er, ohne zu mucken. Sonst war er nicht so spendabel.

Nachdem wir in der Küche unsere Pommes aus den Pappschälchen verdrückt hatten, Dieter mit Currywurst, ich rotweiß, sortierte ich meine Schultüte. Die Eier legte ich nach ganz oben, damit sie nicht zerquetscht wurden. Dieter öffnete die zweite Stauderflasche. Das letzte Mal in der Kneipe hatte ich sieben Gläser gezählt. Dieter meinte, nach einer gewissen Menge Bier würde er so seltsam reden wie unser Wellensittich. Mit oder ohne Sprechperlen, wollte ich wissen. Mit Sprechperlen natürlich. In die Schultüte passte wirklich alles hinein. Ich band die Schleife an dem Krepppapier zusammen. Die Schleife wurde ein Knoten. Unzufrieden zupfte ich daran herum. „Gib schon her“, sagte Dieter. Zum Glück war er noch nicht zum Wellensittich geworden. Yogi saß aufgeplustert auf der Stuhllehne, seine Augen geschlossen. „Bring den Vogel mal ins Bett“, sagte Dieter, „und du solltest auch gleich.“

„Er schläft doch schon.“

„Bei dem Licht kann keiner schlafen, der tut nur so.“

Ich stellte die Tüte am Eingang ab und holte meine Schultasche, das Etui und den Malblock. Dora hatte die Stifte im Etui ausgetauscht. Ich roch an den Buntstiften. Lecker. Ich schloss es wieder und legte es in die Schultasche. „Wir hatten früher nur Griffelkästen und nicht so schöne Stifte“, sagte Dieter. Er war bei Flasche drei.

Ich fixierte meinen Vater. „Woran erkenne ich, dass du komisch wirst?“

Er zuckte mit den Schultern. „Morgen beginnt der Ernst des Lebens. Da musst du ausgeschlafen sein.“

Jetzt hörte er sich wirklich seltsam an, aber nicht wie Yogi, wenn er lustig auf meinem Finger hüpfte, an ihm knusperte und vor sich hinbrabbelte. Ich stellte mir Dieter als Wellensittich vor, mit einem weichen blauen Federbauch und musste lachen.

Das Telefon klingelte. Ich rannte in den Flur und nahm ab. Dora war dran. Ich sog ihre Stimme in mich ein. Wie eine Ewigkeit fühlte sich die Woche ohne sie an. Sie versprach, da zu sein, morgen bei der Einschulung. Jo sei schon ganz aufgeregt. Jo war immer aufgeregt, besonders an meinen Geburtstagen oder jetzt bei der Einschulung, sicher bekam er eine Überraschung von Dora. Was wir noch machten, wollte Dora wissen.

„Biere zählen und auf den Effekt warten.“

Sie lachte. So lustig fand ich das nicht.

„Warum kann ich nicht auch bei dir wohnen?“, fragte ich.

„Das geht nicht. Wir haben es doch so abgemacht.“

Mein Ärger über Jo wuchs. Er war in dem chilenischen Kinderladen und konnte schon ein paar Worte Spanisch. Er zog immer das bessere Los.

Eigentlich sollte ich schon im Bett sein, wiederholte Dieter. Morgen sei ein wichtiger Tag. Ich war sieben. Sieben ist eine wichtige Zahl, sagte ich mir. Mit sieben ist man groß. Da fängt der Ernst des Lebens an. Geheuer war mir das nicht. Der Biereffekt war immer noch nicht sichtbar. Dieter erzählte Unsinn. Ich ärgerte mich, dass ich immer wieder auf ihn reinfiel. Er war bei Bier sechs und immer noch kein Wellensittich, er sprach ganz normal. „Jetzt solltest du wirklich schlafen gehen.“

Ich verzog ich mich in das große Bett, das nur noch meins war. Vorher war es auch Jos gewesen. Das Zimmer fühlte sich leer an, ohne sein Geschrei. Ohne seine vielen Fragen, die ich ihm beantwortete, bis ihm die Augen zufielen. Sein freches Grinsen, sein Rumgehampel und sein nackter Arsch, den er mir immer zeigte, damit ich ihn anbrüllte und er über mich lachen konnte. Meine Geschichten waren ohne sein Ohr zu Waisen geworden. Ich holte mir das Buch Wo die wilden Kerle wohnen, und blätterte darin. Mit Max im Wolfskostüm reiste ich mit dem Segelboot zu den Monstern. Ich hangelte mit ihnen an den Bäumen entlang und balgte im Geiste mit Max. Max fuhr nach Hause zurück, wo ihm seine Mutter das Abendbrot ins Zimmer gestellt hatte. Morgen würde ich Dora sehen.

3.

Ich zog Omas Blümchenkleid an. Den Stoff hatte ich mir selbst ausgesucht, im großen Stoffladen in der Innenstadt. Von einer riesigen Rolle war er abgeschnitten worden. Als die Oma noch lebte, hatte sie mich oft mit zum Einkaufen genommen. Sie hatte mich gelehrt, Seide von Acetat zu unterscheiden und Wolle von Polyester. Von einer Stoffrolle zur nächsten waren ihre Hände geflogen, sie hatte die Stoffe zwischen die Finger genommen und sanft an ihnen gerieben. Wenn das Gefühl in den Fingern stimmte, kaufte sie den Stoff. Der Stoff meines Kleides war aus reiner Baumwolle. Oma hatte mir Bauschärmel genäht und eine bunte Borte an den Saum. „Eine richtige Prinzessin braucht ein vernünftiges Kleid“, hatte sie gesagt. Auch, dass echte Prinzessinnen mit Drachen befreundet seien, hatte sie mir auf dem Rückweg nach Hause verraten. Ein Geheimnis, das nur wenige kannten. Wie man sich mit diesen Tieren anfreundete, konnte sie mir nicht mehr erzählen. Plötzlich ging es ihr nicht mehr gut und sie kam ins Krankenhaus. Als sie starb, durfte ich nicht zu ihr. Sie sei grün, sagte Dora, das würde mir Angst machen. Ich hatte keine Angst. Ich war wütend auf Dora. Auf dem Friedhof wollte ich Oma wieder ausgraben. Aber sie war schon tot. Tot konnte sie nicht mehr sprechen. Dora mochte mein Blümchenkleid nicht. Sie trug nur Hosen, wie Dieter.

Ich öffnete die knallrote Tür zum großen Schlafzimmer mit dem Riesenbett, in dem mindestens sechs Leute Platz fanden. Jetzt schlief dort nur noch Dieter. Er war aufgestanden. Von der Veranda strahlte Licht herein. Direkt dahinter lag der noch leere Schulhof. Die Villa, in der wir wohnten, hatte früher einmal dem Schuldirektor gehört. Das hatte Dora erzählt. Jetzt waren Sozialwohnungen darin. Dieter hatte seine Beziehungen spielen lassen, wie er es nannte, sein alter Freund aus der Mau-Mau-Siedlung arbeitete im Wohnungsamt. Manchmal gingen wir ihn besuchen. Dieter schaute mit ihm Fußball im Fernsehen und ich langweilte mich schrecklich. Jetzt stand Dieter im Flur. Er trug ein hellblaues Hemd und kämmte sich die Haare nach hinten. Er sah falsch aus.

Der Morgen war kühl. Auf dem Hof mit den großen Kastanien standen Mädchen mit Lackschuhen, Kniestrümpfen und Kleidchen, Mädchen mit langen Zöpfen, Jungen mit kurzen Haaren. Ängstliche Kinder, an ihre Eltern gedrückt, über den Hof rennende Kinder, das Getuschel der Erwachsenen.

„Ich möchte lieber noch nicht in die Schule.“

„Das geht nicht“, sagte Dieter.

Hier sollte ich sicher nicht hin. Wenn Dora hier wäre und die Schule sehen könnte, würde sie es sich noch einmal anders überlegen, dachte ich, da entdeckte ich Aljoscha. Er winkte mir zu. Auf dem Schulhof war er der einzige Junge mit langen Haaren. Mit Aljoscha in der Nähe konnte mir nichts passieren. Er trug seine Indianerjacke mit den Fransen an den Ärmeln und grinste über beide Ohren. Aljoschas Vater klopfte Dieter auf die Schulter. Die beiden unterhielten sich.

„Was hast du in der Tüte?“, fragte Aljoscha.

„Überraschungseier, Hanuta, Mars und Bounty, hab’ ich selbstausgesucht“, prahlte ich.

„Wow. Bei mir ist alles voller Schokolade. Tauschen wir nachher was?“

„Meinetwegen.“

Aljoscha hatte ich im Kindergarten auf dem Klo kennengelernt. „Zeigen wir uns?“, hatte er mich gefragt. Wir hatten einander erstaunt auf die Geschlechtsteile gestarrt. Er war kein Mädchen und ich kein Junge. Wir hatten gelacht. Eigentlich waren wir gleich, beschlossen wir. Wir waren Adler und Flugzeugbauer. Er kannte alle Sterne und ich malte sie ihm. Aljoschas Eltern trugen Jeans und Parka wie Dora und Dieter.

Nicole kam hinzu. Ihre Oma hatte sie gebracht. Nicole zitterte, ob vor Kälte war oder vor Angst, wusste ich nicht. Sie nahm meine Hand und drückte sie fest. „Setzten wir uns zusammen?“, flüsterte sie.

„Ich sitz schon neben Aljoscha.“

Aljoscha nickte.

„Aber du kannst in unserer Nähe sitzen.“

„Dann geh ich halt mit Verena.“ Sie trat sich selbst auf den Fuß.

Wir wurden aufgerufen und sollten uns nach Klassen in Zweierreihen ordnen. Unsere Schultüten überreichten wir unseren Eltern oder Großeltern. Wo blieb Dora verdammt noch mal?