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Tauch ein in die packende Geschichte von Zara, einer Frau, die von ihrer Vergangenheit verfolgt wird und sich auf eine atemberaubende Reise begibt, um die Geheimnisse ihres verschwundenen Vaters zu lüften. Setting: Berlin, Pisa, Damaskus, Beirut – 70er und 80er Jahre, Frühjahr und Sommer 2008 Reinhard ist 1985 bei einem Motoradunfall in Indien umgekommen. Wurde Zara damals erzählt. Doch nun erfährt sie durch Zufall, dass nur die Lederjacke begraben wurde, ihr Vater lebt und sich im Nahen Osten aufhält. Kurz bevor er verschwand, stritten ihre Eltern über die Palästinenserfrage. Da hatte Reinhard als Kriegsreporter schon einige Jahre über den Palästinenserkonflikt berichtet. Zara muss herauszufinden, was wirklich geschah. Doch ihre Mutter und die Berliner Freunde des Vaters halten dicht. Sie entschließt sich, nach Damaskus zu fliegen, um Reinhards Spuren zu folgen. Hier versucht sie, die verstreuten Puzzleteile der Vergangenheit ihres Vaters zusammenzusetzen. In der labyrinthischen Altstadt trifft sie auf Maurice und Fadi, Studenten, die zu engen Freunden werden, und auf Rula, eine Fremdenführerin, die ihr die Türen zu einer fremden Welt öffnet. Zara taucht ein in die Sprache und Kultur Syriens, während sie sich den Gerüchten und Halbwahrheiten über die Vergangenheit ihres Vaters stellt: War er nur ein Kriegsreporter oder auch in bewaffnete Konflikte verstrickt? Ein fieberhafter Reisedurchfall treibt Zara in die Arme von Luca, einem traumatisierten Kriegsjournalisten, den sie in einem Hotel mit Klimaanlage kennenlernt. Zwischen Zara und Luca entwickelt sich eine komplizierte Liebesgeschichte, geprägt von seinen Kriegstraumata und ihrer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit. Lucas Verbindungen bringen sie nach Aleppo und in den Libanon, wo Zara endlich ihrem Vater auf die Spur kommt. In "Der Doppel-Schreier" geht es nicht nur um Liebe, Freundschaft und Familienbande, sondern auch um Generationskonflikte, kulturelle Missverständnisse, ideologische Blendungen und deren Folgen.
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Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2024
Reinhard ist 1985 bei einem Motoradunfall in Indien umgekommen. Wurde Zara damals erzählt. Doch nun erfährt sie durch Zufall, dass nur die Lederjacke begraben wurde, ihr Vater lebt und sich im Nahen Osten aufhält. Kurz bevor er verschwand, stritten ihre Eltern über die Palästinenserfrage. Da hatte Reinhard als Kriegsreporter schon einige Jahre über den Palästinenserkonflikt berichtet. Zara muss herauszufinden, was wirklich geschah. Doch ihre Mutter und die Berliner Freunde des Vaters halten dicht. Sie entschließt sich, nach Damaskus zu fliegen, um Reinhards Spuren zu folgen.
In „Der Doppel-Schreier“ geht es nicht nur um Liebe, Freundschaft und Familienbande, sondern auch um Generationskonflikte, kulturelle Missverständnisse, ideologische Blendungen und deren Folgen.
Die Geschichte ist nicht autobiografisch, außer den bekannten Persönlichkeiten, die im Roman genannt werden, ist niemand Bestimmtes gemeint, alle vermeintlichen Ähnlichkeiten sind reiner Zufall.
Lisei Luftvogel, 1971 in Essen geboren, lebt und arbeitet in Ferrara als Deutsch- und Feldenkrais-Lehrerin. In Perugia studierte sie Philosophie und an der Universität Ca’Foscari in Venedig für ein Jahr Arabisch und Jiddisch. Sie wirkte an der Jahreszeitschrift für Ästhetik Davar inReggio Emilia mit Artikeln über Walter Benjamin, Rainer Maria Rilke und Matsuo Basho mit. 2021 absolvierte sie einen Kurs für kreatives Schreiben bei der Textmanufaktur, in dessen Jahresanthologie der Anfang ihres Romans „Anti“ abgedruckt wurde. „Anti“ erschien im Mai 2023.
Lisei Luftvogel
Der Doppel-Schreier
Roman
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© 2024 Lisei Luftvogel
Umschlag, Illustration: Lisei Luftvogel
Bild: Paul Klee, ein Doppel-Schreier, 1939 (ohne Rand)
Lektorat: Martin Hielscher
Korrektorat: Patrick Baumgärtel, Schoneburg Agentur
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg,
Deutschland
ISBN 978-3-384-19721-4
„Die Entstellung wird sich selbst aufheben,
indem sie sich bis in die Erlösung hinein durchsetzt.
Diese Achsenverschiebung in der Erlösung
manifestiert sich darin, dass sie Spiel wird.“
(Walter Benjamin, Kafka-Essay)
Leute in Strickpullovern, Jeans- oder Lederjacken versammelten sich vor dem Grab. Um den Hals gewickelte Palästinensertücher, die Haare hennagefärbt, bunt oder naturfarben. Zara hörte das Laub rascheln. Die Punker hatten Bier mitgebracht. Jemand öffnete eine Flasche mit den Zähnen. All diese Menschen verabschiedeten sich von Zaras Vater. Sie erkannte Gesichter, andere nicht. Umarmungen. Einige gebärdeten sich wie Rockstars. Gemurmel, lautes Raunen und Gerede. Jemand schwang eine geballte Faust in die Luft.
Zara starrte in das dunkle Loch. Ein modrig feuchter Geruch umhüllte sie. Am liebsten wäre sie selbst unter der Erde verschwunden. Der Wind pfiff durch die Zweige der Eichenbäume. Sie zog ihre Schultern zusammen. Zwei rote Blätter landeten direkt auf Reinhards Sarg, tanzten und blieben liegen. Sie hielt sich die Ohren zu, die Geräuschkulisse dämpfte sich. Auflösen wollte sie sich, wie ihr Vater, von dem nur die angekokelte Lederjacke übrig geblieben war. Nicht sein Körper wurde beerdigt, nur diese Scheißjacke, seine Jacke, da war sie sich hundertprozentig sicher. Hinten hatte sie einen roten Farbfleck. Reinhard sei bei einem Motorradunfall verbrannt, hieß es, in Indien. Sie wollte bei ihm sein, in seinem indischen Himmel. Dort glaubten die Menschen an die Wiedergeburt. Was er wohl werden würde im neuen Leben? Eine Katze, ein Adler oder wieder ein Mensch? Ein Kriegsreporter? Unsinn, ihr Vater war tot. Das Wort hörte sich fremd an. Tod. Schwarz. Nichts.
Der feuchte Geruch der Erde drang zu ihr. Die Würmer warteten schon auf die Lederjacke. Sie warf sich auf den Boden und weinte.
Ruth hob sie auf und zog sie weg. „Du musst jetzt stark sein“, sagte ihre Mutter. „Reinhard ist jetzt woanders. Tot in dieser Welt, aber nicht in einer anderen. Es ist wie mit Schrödingers Katze.“
Ihre Mutter spann. Wie konnte sie nur so cool sein. Sie riss sich aus ihrer Umarmung los und rannte weg, an der Leichenhalle vorbei. Sie wollte niemanden mehr hören, nicht mehr sprechen, nur raus aus dem Friedhof, in die Stille, um sich Reinhard näher zu fühlen. Der Wind zerzauste ihre Haare.
Pisa – Berlin Frühjahr 2008
Paul Klee, ein Doppel-Schreier, 1939
Warum sie zu diesem verdammten Touri-Turm wanderten? Eine romantische Idee ihrer Mutter. Es regnete in Strömen und Ruth meinte, es sei eine Gelegenheit, diesen Ort so leer zu erleben wie früher, als sie dort in den Siebzigern mit dem Bulli gestanden hatten. Also zogen sie los, mit Regenjacken und Schirmen. Zum Glück gab es in Pisa Arkadengänge, doch das letzte Stück mussten sie durch den Regen laufen. Was Ruth wohl mit dieser Zeit verband? Zara erinnerte sich daran, dass sie damals noch eine ganze Familie gewesen waren und ihr Vater die Suppe mit seinen scharfen Gewürzen verdorben hatte, die er von einer seiner Reisen mitgebracht hatte. Sie hatte an jenem Abend so lange gezetert, bis Ruth sie mit einem Fünftausend-Lire-Schein für eine Lasagne zur nächsten Tavola Calda geschickt hatte, ein kleiner Triumph damals. Ihre Mutter stapfte neben ihr her und pfiff Singing in the Rain. Sie behauptete, dass sich bei Regen das Wesen der Stadt verändere. Am Piazza dei Miracoli waren ihre Füße und Hosen bereits mit Wasser durchtränkt.
Johannes? Stand da wirklich Johannes? Ohne Regenschirm und mitten auf der nassen Wiese? Zara erkannte ihn an seiner zackigen Bewegung und seiner dürren, hochgewachsenen Statur, obwohl sie ihn seit zweieinhalb Jahrzehnten aus den Augen verloren hatte. Johannes der Fotograf, Reinhards alter Kompagnon aus ihrer Reporterzeit. Nein, das konnte nicht wahr sein. Er kehrte ihnen den Rücken zu, vielleicht war er es gar nicht. Dann neigte er den Kopf seitlich und zuckte mit der rechten Schulter. Doch, das war er, zweifellos. An sein komisches Zucken konnte sie sich genau erinnern. Der alte Freund ihres Vaters stand keine dreißig Meter von ihnen entfernt auf der im Schlamm versunkenen Wiese des Wunderplatzes.
„Gehen wir zum Baptisterium?“ Ruth kehrte ihr schlagartig den Rücken zu und lief davon. „Da ist Johannes“, sagte Zara. Ruth marschierte unbeirrt weiter. „Da ist Johannes“, schrie Zara ihr hinterher. Der Mann im Regen drehte sich um und Zara winkte.
„Zara? Nee, wie kommst du denn hierher? Du bist doch Zara?“ Natürlich war sie es. Johannes triefte vor Nässe. Er hatte wohl Ruths gleiche absurde Idee gehabt. Vielleicht war er auch in den Siebzigern mit seinem Bulli hier gewesen. Durch die Regentropfen blickte sie in sein faltiges Gesicht. Es sah aus wie früher, nur grau. Die langen dünnen Haare klebten ihm am Kopf. Er lächelte breit. Sie umarmten sich. Eine Halluzination? War das hier wirklich alles echt?
„Mensch, was machst du denn in Pisa?“, fragte Johannes.
„Ich pendle zwischen Pisa und Berlin, schon seit Jahren. Also, eigentlich wohne ich hier.“ Sie drehte sich um. „Mann, ich habe Ruth verloren.“ Vor ihr erstreckte sich die gähnend leere Wiese.
„Ruth?“ Johannes‘ Stimme bekam einen schnulzigen Unterton.
„Johannes, bist du allein hier?“
„Annette ist im Hotel geblieben.“
„Ach so.“ Zara kannte Annette nicht. „Lass uns Ruth suchen und dann einen Kaffee trinken gehen.“
„Machen wir.“
Johannes stapfte neben Zara unter ihrem Schirm Richtung Baptisterium. Eigentlich war der Schirm überflüssig, so nass, wie sie waren, trotzdem hielt sie ihn über ihre Köpfe. Zara erzählte von ihren Uni-Jobs in Pisa und Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Philosophie und Kulturwissenschaften, momentan arbeite sie an einem Essay über die Zwischenwelt, eine Sphäre vor der Aufspaltung von Objekt und Subjekt, die nur Kinder und Verrückte wahrnahmen. Das analytische Denken hindere die Erwachsenen daran. Johannes nickte. „Interessant.“ Im Wintersemester sei sie vielleicht wieder in Berlin, mal sehen. Sonst war sie auch Deutschlektorin oder Rikscha-Fahrerin. „Toll“ und „ach mein Gott, die Zara“, sagte Johannes dazwischen. Sie erreichten das Baptisterium und traten durch eine der Pforten des runden Taufgebäudes. Stille. Dann ein Niesen hinter einer Säule. „Ruth“, rief Zara. Sie lugte hervor. „Mann, warum musst du einfach abhauen.“ Von allen dreien war sie die Trockenste. Mit ihrer Jeansjacke und dem kurzen Punkerschnitt sah sie schick aus. Johannes hatte nur noch Augen für sie. Ruth und Johannes umarmten sich innig, sie küssten sich sogar. Warum war Ruth gerade verschwunden, wenn sie sich jetzt so freute? Das Verhalten ihrer Mutter war Zara mal wieder ein Rätsel.
„Wir sind ja alle total nass“, lachte Ruth.
„Gehen wir einen Kaffee trinken? Ich kenne eine Bar mit leckeren Cornetti“, schlug Zara vor. Johannes‘ Augen klebten weiter an Ruth.
„Du immer mit deinen Hörnchen“, antwortete Ruth. „Es ist doch schon Mittag.“
„Na und.“
„Lass uns lieber zusammen essen gehen.“
„Ich muss gleich ins Hotel zu Annette, aber für einen Kaffee bin ich zu haben“, wandte Johannes ein.
Zara grinste. „Na, dann lasst uns gehen.“
„Echt ein komischer Zufall“, sagte Johannes, „vor kurzem habe ich Reinhard in Damaskus getroffen und jetzt euch hier.“
„WAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAS?“, Zara schrie so laut, dass es durch die ganze Kuppel hallte. Die Wände drehten sich. Sie legte die Hände auf den Kopf. Die Kolonnen drehten schneller. Der Fußboden sah aus wie Spinnweben. Sie zog den Kopf nach hinten und schrie weiter in Richtung ockerfarbener Kuppel. Die schwarz-weißen Säulen drehten sich, sie drehten sich, sie drehten sich. Zara schrie, sie schrie wie der Schrei von Munch. Das Bild hatte ihr als Kind Angst gemacht. Jetzt war sie selbst dieser Schrei. Schrei. Schrei. Schrei. Uaaaaaaaaaaaaaah. Ruth klebte ihr eine. Der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Zara Ruth an und schlug sie zurück. Ruth taumelte leicht. Johannes machte ein paar Schritte rückwärts in Richtung Ausgang. Die Wände rotierten nicht mehr. „Du bleibst hier“, schrie Zara Johannes an. „Ja“, sagte er leise. „Das geht hier alle an, nicht nur Ruth und mich. Komm bitte rein.“
Ruth setzte sich jenseits der Absperrung auf die Marmorstufen des Taufbeckens und begann zu weinen. Johannes nahm neben ihr Platz und streichelte ihr den Rücken.
„Johannes! Was hast du gesagt?“ Zaras Stimme war rau geworden.
Stille. Eine Minute Stille. Nur Ruths Schluchzen war zu hören, sie putzte sich die Nase.
„Ich habe Reinhard in einer Eisdiele in Damaskus getroffen.“
„Sag mal, spinnst du?“
„Wie?“
„Reinhard lebt? RUTH! Ihr seid doch alle bescheuert. Was geht hier ab?“
Johannes blickte hilfesuchend zu Ruth.
„Lass uns in Ruhe darüber sprechen“, sagte Ruth mit gebrochener Stimme.
„Du spinnst doch total. Die Beerdigung war gar nicht echt?“
„Was für eine Beerdigung?“, fragte Johannes.
„Wusstest du davon gar nichts?“, schrie Zara.
„Ich? Nein. Was für eine Beerdigung?“
„Seiner Lederjacke“, sagte Ruth leise.
„Ich habe geglaubt, er sei tot, du weißt das, Ruth.“
„O Mann, Scheiße“, sagte Johannes.
Stille. Ruth hielt den Kopf zwischen ihren Händen. Sie weinte aber nicht mehr.
„Sollten wir nicht besser in aller Ruhe darüber weiterreden, in einer Bar? Es hat aufgehört, zu regnen.“ Johannes stand auf und stellte sich wieder an den Ausgang. Von draußen brach die Sonne herein. „Du willst dich doch nur da rausziehen“, klagte Zara ihn an. „Ich möchte jetzt von euch beiden wissen, was hier läuft.“
„Johannes hat recht, lass uns in eine Bar gehen“, wandte Ruth ein.
„Ich gehe jetzt in keine Bar und ihr bleibt hier! Wovor habt ihr denn Angst, vor Jesus? Bei dem Wetter kommt hier sowieso keiner rein. Draußen ist alles voller Schlamm.“
Ruth atmete laut. „Kannst du dich erinnern, als ich dir an der Beerdigung erklären wollte, dass er in einer anderen Ebene lebt?“
„In einer anderen Ebene? Das hat sich nach religiösem Zeugs angehört. Mein Gott! Buddhistische Reinkarnation oder so. Er war doch in Tibet gewesen.“ Zara blickte zu Johannes. „Und von einer bescheuerten Versuchskatze hat sie mir auch erzählt, eine, die zugleich lebt und tot ist.“
„Schrödinger“, sagte Ruth.
Johannes stand in der jetzt von Licht durchfluteten Pforte. „Schrödinger?“, fragte er halblaut.
„Ja genau, Schrödinger. Weißt du Ruth, wie lange ich mir damit den Kopf zerbrochen habe. Diese Geschichte der anderen Ebene. Wieso sollte Syrien eine andere Ebene sein, oder Indien?“
„Weil es Ebenen gab, von denen man besser nichts wusste. Mitwissen ist nicht immer ungefährlich. Reinhard war da in was reingerutscht. Ich wollte damit nichts zu tun haben und musste dich schützen.“
Johannes nickte. „Ich bin nach dem Massaker von Sabra und Schatila aus der Kriegsreportage ausgestiegen. Das hat mich fertig gemacht. Die Albträume haben mich geplagt. Manchmal habe ich immer noch welche. Es hat ewig gedauert, bis ich wieder ein normales Leben führen konnte.“
Zara sah zum angeleuchteten Johannes. „Was hat das mit den Ebenen und gefährlichem Mitwissen zu tun?“
„Das versteht man nur, wenn man es selbst miterlebt. Ich wollte da nicht weiter reinrutschen.“
„Das hört sich an, als hätte Reinhard Lepra, oder ihr enthaltet mir weiter Dinge vor. Und jetzt? Jetzt hat er keine Lepra mehr? Seit wann? Johannes, du hast ihn doch getroffen, Mann.“
„Ich habe ihn zufällig getroffen“, sagte Johannes mit kleinlauter Stimme. Er bewegte sich auf Zara zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Ruth, du hast gewusst, dass er lebt, und hast es mir vorenthalten, jahrelang. Du hättest es mir sagen können. All die Jahre. Warum?“
„Ich hatte es versucht, dir zu erklären, du hast meinen Wink nicht verstanden. Dann habe ich gedacht, es sei besser so. Ich wusste nur, dass er noch lebt, wie hätte ich es dir erklären können. Irgendwann war die Sache dann verjährt.“
„Verjährt?“, schrie Zara wieder. „Du hättest es erklären müssen. Ich hätte ihn gesucht.“
„Deswegen war es ja besser so.“
„Das hätte ich entscheiden müssen, das weißt du, oder?“
„Mensch, beruhige dich, Zara.“ Johannes versuchte, sie in die Arme zu nehmen. Zara drückte ihn weg. „Hast du Kontakt zu ihm?“, schrie sie Ruth an.
„Nein. Er ist kurz nach der Beerdigung abgebrochen. Ich habe ihn nie mehr gesehen.“
„Beruhigend.“ Zara blickte nach oben in das ockerfarbene Kuppeldach. Ihr kamen die Tränen.
„Johannes, hast du seine Adresse?“, fragte sie leise.
„Du willst doch nicht etwa?“, sagte Ruth.
„Doch Ruth, ich möchte wissen, was los ist, wo er lebt und warum er sich nicht mehr bei mir gemeldet hat. Bei mir, verstehst du?“ Ihre Stimme brach.
Ruth schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“
Johannes versuchte, Zara wieder in die Arme zu nehmen. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und weinte. Er strich ihr über den Rücken. Ein Touristenpaar trat in die Taufkapelle.
„Es tut mir leid“, sagte Ruth und stand auf. „Es tut mir wirklich leid. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen.“
Sie ging hinaus und verschwand über die nasse Wiese.
In der Bar Pasticceria Salza standen zwei alte Männer, beide den einen Fuß hinter dem anderen, einen Arm lässig an dem dunklen Holztresen gestützt. Sie diskutierten über die Fußballergebnisse mit einem der Barmänner in Uniform. Ein anderer Angestellter bediente hinter den riesigen Auslagen an Törtchen, Bomboloni, Cannoli, Cornetti und Eis. An der Kaffeemaschine stand Zaras Lieblingsbarfrau. „Macchiato?“, fragte sie, Zara nickte. Johannes nahm das Gleiche. An den Tischen saß bloß ein Pärchen, das leise tuschelte. Zaras Magen war blockiert. Auf Cornetti hatte sie keinen Appetit mehr. Ruth war verschwunden. Auch am Handy antwortete sie nicht.
„Musst du jetzt gleich los?“, fragte Zara.
„Ich schreibe Annette eine Nachricht.“
„Ci sediamo“, rief Zara der Barfrau zu. Den altmodischen Saal mit der dunklen Holzverkleidung, den knopfgepolsterten Wandbänken und den kleinen Tischen davor mochte sie. Der dunkle Ton verlieh der Bar ein edles Flair. Johannes begutachtete die Drucke an der Wand, Ansichten der Stadt. „Diese Bar ist eine Institution“, sagte Zara und setzte sich auf eine Bank.
Die Bedienung brachte die zwei Espresso mit Milchschaum in Herzform. Johannes zog seinen durchnässten Baumwollpullover aus. Darunter trug er ein schniekes hellblaues Hemd.
Als er sich Zara gegenübersetzte, bemerkte sie in seinem Gesicht zwei symmetrische Falten, Denkerlinien, die von seiner Nase bis zu den Schläfen führten.
„Du ähnelst deiner Mutter“, sagte er.
Zara tat so, als hätte sie es nicht gehört.
„Sag mal, hattest du eigentlich mal was mit Ruth?“
Johannes nippte an seinem Caffè und stellte die Tasse wieder auf die Untertasse. Zara hörte das leise Klirren des Porzellans.
„Nur für kurze Zeit.“
„Wie kurz?“
„Ruth war mal zu uns in die Kommune in den Taunus gekommen, als sie sich mit Reinhard gestritten hatte. Ich hatte sie getröstet. Sie ist ...“, er kratzte sich an seinen dünnen, strubbeligen Haaren, „ungefähr eine Woche geblieben.“
„Da war ich doch dabei. Ein paar Jahre bevor Reinhard verschwand.“ Das Wort „verschwand“ hörte sich in Beziehung zu Reinhard ungewohnt an.
„Ja, stimmt, das war kurz, bevor ich Annette kennengelernt habe.“
Draußen donnerte es. Eine Menschengruppe sammelte sich unter der Arkade am Eingang der Bar. Man hörte den Regen auf den Asphalt klatschen. Die Bar füllte sich, das Regengeräusch mischte sich mit den lauten Stimmen der Kunden. „Tempo di merda“, hörte Zara und „tempaccio“, auch „Maremma maiala“. Die Leute drängten sich am Tresen. Kaffeemühlengeräusche und das Abschlagen der Kaffeesiebe.
Johannes‘ Telefon klingelte. Er entschuldigte sich, stand auf und lief mit seinem Handy zur Toilette. Sie hörte noch, wie er abnahm, bevor er ins Klo verschwand.
Johannes Hummel, die Grille aus dem Taunus, so hatte sie ihn früher genannt. An den Bäumen im Garten der Kommune hatten selbstgemachte Musikinstrumente gehangen, an denen sie gerne gespielt hatte. Irgendein Musiker hatte sie dort neben dem Tepee-Zelt installiert. Und in der großen Wohnküche hatte immer eine Gruppe von Studenten gesessen, die diskutierten und literweise Kaffee tranken. Sie hatten damals ihre Seminare von der Universität in die Kommune verlegt. Wenn sie mit Reinhard dort gewesen war, hatte Zara oft bei ihnen gesessen und Filterkaffee für die ganze Truppe gekocht. Seit sie fünf war, konnte sie das. Während sie zuhörte, malte sie oder sie trennte Bananenstreifen von den leeren Schalen. Eine Aufgabe von Johannes, der meinte, Bananenstreifen seien halluzinogen. Gelbes Hasch, hatte er dazu gesagt. Die Streifen ließen sie auf den Fensterbänken trocknen. Beschäftigungstherapie für Kinder. Zara schmunzelte. Manchmal hatte sie mit Johannes auch Fotos in der Dunkelkammer entwickelt. Fotos von Straßenfesten, von Clowns und geschminkten Kindern und von Demos, von Transparenten, Polizisten, Demonstranten und Leuten, die am Fenster zuschauten.
Der Regen ließ langsam nach. Johannes war immer noch auf dem Klo. Andere Kunden traten ein und bestellten Caffè. Ein reges Durcheinander. Eine ältere Frau mit ihrer kleinen Enkelin setzte sich an den Nebentisch. Sie tranken heiße Schokolade. „Fai piano“, mahnte die Oma.
Reinhard lebt, dachte Zara. Reinhard lebt. Er lebt. Sie wiederholte diese Worte immer wieder in ihrem Kopf und spielte dann ihren letzten gemeinsamen Nachmittag durch. Sie waren Eis essen gegangen, er hatte seinen Koffer mit Dokumenten dabeigehabt. Sie hatte ihn nach der Ästhetik des Widerstandes gefragt. Er las die Bücher von Peter Weiss gerade zum zweiten Mal. Es gehe um den antifaschistischen Widerstand und darum, wie wichtig Bildung sei, hatte er angedeutet.
Zara hatte sich damals angesprochen gefühlt. Sie wusste, dass es auch ihre Aufgabe war, sich nicht der staatlichen Gehirnwäsche unterzuordnen, wie ihr Vater es nannte. Dafür musste sie viel lernen und sich informieren. Als Journalist war ihr Vater selten zu Hause und reiste in Gebiete, wo es politische Spannungen oder Krieg gab. Nach Afghanistan, in den Libanon, nach Kaschmir, nach Kurdistan, aber auch nach Afrika oder Lateinamerika. Zara hatte oft Sehnsucht nach ihm gehabt. Wenn er zurückkam, sah er mitgenommen aus und sie ertrug sein Schweigen. Manchmal holte er dann die alte Ducati heraus und sie drehten eine Runde am Wannsee. Auf dem Motorrad fühlte sie sich eins mit ihrem Vater. Wenn der Wind an ihnen vorbeibrauste, meinte sie sein Freiheitsgefühl wahrzunehmen, das bei ihm stärker als alles andere zu sein schien.
Reinhard wollte im Kulturzentrum Dada seine Fotos zeigen. In einem Hinterzimmer diskutierte er mit ein paar Leuten über die Zustände im libanesischen Bürgerkrieg. Auch Zara bekam die Fotos zu sehen. Sie zeigten Menschen in Trümmern, Gesichter, in denen Angst und Verzweiflung stand. Blut und Dreck. Auf anderen Fotos erkannte sie wie Luftballons aufgeblasene Tote. Die Fotos schockierten Zara. Sie versuchte, der Diskussion zu folgen, doch sie verstand nicht genau, wer was getan hatte. Sie verwechselte immer noch die vielen Gruppierungen wie die PLO, die Falangisten, die israelische Armee, die libanesische Front, die PFLP und die DFLP. Reinhards Erklärungen waren meist komplizierter als das, was sie sonst aufschnappte. Er nannte weitere Gruppierungen und Fakten, die bei Zara noch größere Verwirrung erzeugten. Auch Ruth half ihr nicht weiter. Wenn Zara sie nach dem Libanonkrieg fragte, wurde sie aggressiv und sagte nur: „Das kann man nicht verstehen. Ich blicke da selbst nicht durch.“ Zara setzte sich damals selbst unter Druck, etwas sagen zu müssen. Die ganze Zeitspanne, in der sie zwischen Sagen und Nicht-Sagen schwebte, quälte sie. Sie suchte nach Worten, die eine tiefere Bedeutung hatten, fand aber keine. Ihr eigenes Schweigen bewertete sie als Versagen. Am Ende sagte sie nichts. Ihr waren politische Diskussionen, in denen die Erwachsenen sie miteinbeziehen wollten, unangenehm. Am liebsten wäre sie in die Druckerei geflüchtet und hätte nachgeschaut, ob jemand da war. Manchmal hatte sie beim Zeitung-Drucken geholfen, doch sie war an diesem Tag wie gelähmt gewesen und hatte nicht den Mut gehabt, den Raum zu verlassen, bis Reinhard gesagt hatte: „Lass uns gehen“.
„Annette geht allein spazieren.“ Zara schreckte auf. Johannes stand plötzlich vor ihr. „Ich habe noch ein bisschen Zeit“, fügte er hinzu. Erst jetzt bemerkte Zara, dass Johannes‘ Hemd einwandfrei gebügelt war. Zara bügelte nie, auch keine Hemden.
„Ich glaube, es hat aufgehört zu regnen. Gehen wir noch ein bisschen rum?“, schlug Zara vor und stand auf.
Sie ließen die überfüllte Bar hinter sich und liefen zum Arno. Zara lehnte sich über die Flussmauer. Die angeschwollenen Wassermassen strömten unter ihr, braun und schaumig.
„Erzähle mir bitte mehr von Reinhard.“
Johannes faltete die Hände zusammen.
„Und fang erst einmal mit Damaskus an.“
Johannes lehnte sich an die feuchte Mauer.
„Ich habe Reinhard in der Eisdiele Bakdasch getroffen.“
„Ja, und?“
„Er war ganz der Alte. Wir haben uns über die politische Situation im Libanon und über Hisbollah unterhalten. Über Hisbollah haben wir gestritten.“
„Wieso?“
„Er meinte, er könnte verstehen, dass sie sich gegen Israel verteidigen müssen. Ich wandte ein, dass es ein bisschen mehr als Verteidigung sei. Sie haben ein ganzes Arsenal von Waffen dort unten im Süden. Da wurde Reinhard wütend. Was für ein riesiges Arsenal die Israelis erst hätten. Den Südlibanon hätten sie vor zwei Jahren bombardiert. Wer denn angefangen hatte, fragte ich, und ohne den Iran seien sie doch machtlos. Er nannte es westliches Propagandageschwätz. Wir hatten das Thema gewechselt, unserer alten Freundschaft zuliebe.“
„Wie sah er denn aus?“
„Na, wie immer.“
Unter „wie immer“ konnte sie sich gar nichts vorstellen, nach fast einem Vierteljahrhundert. Nur, dass sie ihn vielleicht wiedererkennen würde.
„Hat er graue Haare?“
„Ja schon, aber trotzdem war er ganz der Alte.“
„Mmh. Und wie war er gekleidet?“
„Jeans und T-Shirt“, Johannes machte eine Pause. „Entschuldige, Zara. Ich lebe seit 1983 ein ganz normales Spießerleben.“ Er räusperte sich. „Ich habe keinen Kontakt mehr zu den Leuten von früher, seit mein Sohn geboren wurde. Ich würde dir gern helfen, aber ich weiß nicht, was Reinhard angestellt haben könnte. Damals im Libanon waren wir Leidensgenossen. Der Krieg hat jeden kaputt gemacht. Ich habe fotografiert und er hat die Artikel geschrieben. Über menschliche Katastrophen, Angriffe, Kämpfe, Tote, viele Tote, Kinder, Frauen und Alte, nicht nur die Kämpfer der Milizen fielen. Dann das Leben in den Hotels, wo es alles gab, sogar Champagner, nicht wie an vielen Orten da draußen, wo die Leute hungerten. Dieser Widerspruch, das machte uns besonders fertig. Darüber haben wir oft gesprochen. Wir hatten zu allen Fronten Kontakt, zu den Falangisten und zu den Palästinensern.“
„Die Falangisten waren doch Faschisten.“
„Richtig. Aber ein guter Journalist hört sich alle Seiten an.“
„Mit denen wird Reinhard doch nichts zu tun haben.“
Johannes zuckte mit den Schultern.
„Hast du seine Adresse?“ Darauf hatte sie immer noch keine Antwort bekommen.
„Nein.“
„Scheiße.“
„Tut mir leid.“
„Scheiße“, wiederholte Zara, „verdammte Scheiße.“
„Ich glaube, er wohnt dort irgendwo. Er konnte fließend Arabisch und hat sich mit dem Kellner in der Eisdiele unterhalten.“
„Du meinst in Damaskus?“
Er nickte und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Das Einzige, womit ich dir helfen kann, sind meine syrischen Kontakte von früher. Du solltest vielleicht auch noch mal Ruth fragen, wer damals die letzte Nachricht von deinem Vater überbracht hatte.“
„Ruth“, schimpfte Zara, „Ruth hätte es mir schon ewig sagen müssen.“
Sie einigten sich darauf, sich wieder zu treffen, mit oder ohne Ruth. Zara musste darüber schlafen, vieles verdauen. Johannes blieb noch eine Woche in der Gegend, er gab ihr seine Handynummer.
Ruth hockte in der Küchenecke und las ein Buch. Seelenruhig. Alles nur Schein. Immer, wenn es Stress gab, versteckte sie sich hinter ihren Büchern. Irgendetwas über die Geschichte der Gewalt las sie gerade. Zara schloss die Haustür und hängte ihren Schlüssel an die Wand.
„Ich muss mit dir reden“, sagte Zara.
„Können wir das nicht auf später verschieben? Lass uns lieber erst mal was kochen.“
„Ich habe gerade überhaupt keinen Hunger.“ Sie ließ sich auf den zweiten Stuhl fallen.
„Was starrst du mich so an?“, beschwerte sich Ruth.
„Ich möchte, dass du mir endlich erzählst, was da los war.“
„Ich mache einen Tee.“
„Meinetwegen.“
Sie stand auf, räumte das ungewaschene Geschirr in der Spüle um und goss Wasser in den Wasserkocher.
„Ich muss die richtigen Worte sammeln. So einfach ist das nicht.“ Sie öffnete den Küchenschrank und holte Darjeeling raus. „Kaufst du den Tee immer noch in Berlin ein?“
„Ja.“
Ihre Mutter nervte. Zara wusste, dass sie jetzt erst mal Anlauf nahm. Gerade empfand sie es als besonders lästig. Am liebsten hätte sie sich Ohrenstöpsel reingesteckt, um die Belanglosigkeiten zu überhören.
„Die Wäsche auf dem Balkon ist nass geworden. Ich habe sie reingeholt.“
„Gut.“
Sie brühte den Tee auf. Zara trank Wasser aus der Plastikflasche. Dann ging sie aufs Klo, der einzige Raum, in dem sie allein sein konnte. Wenn Ruth sie besuchen kam, schlief Zara auf dem Sofa, das Hochbett bekam ihre Mutter. Zu zweit verdoppelte sich die Unordnung in ihrem winzigen Monolocale. So wurden hier in Italien die Einzimmerwohnungen genannt. Monolocale hörte sich an wie monastico, klösterlich, mono von eins, Einzelle. Zara hatte gelesen, dass unordentliche Menschen besonders intelligent seien. Bei dem Chaos waren sie genial. Sie suchte im Spiegel eine Veränderung in ihrem Gesicht. Ihre dunklen Augen sahen aus wie immer. Keine besonderen Falten waren zu erkennen. Sie kämmte sich die Haare und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, atmete tief durch und öffnete dann wieder die Tür. Ruth schlürfte ihren Tee. Zara ließ sich aufs Sofa fallen und wechselte ihr Sweatshirt gegen ein trockenes, das dort noch an der Lehne hing.
„Was habt ihr noch gemacht?“, fragte Ruth.
„Wir waren in einer Bar und am Arno und haben geredet.“
Das Chaos in ihrer kleinen Wohnung schien Zara plötzlich unerträglich. Sie riss das Fenster auf. Unten im Hof spielten die zwei Kinder ihrer neuen nigerianischen Nachbarn. Sie hüpften in die Wasserpfützen wie Zara früher. Die italienischen Kinder aus dem zweiten Stock durften bei Regen nicht raus und sonst auch nicht, wenn kein Erwachsener dabei war, der sie beaufsichtigte. Zara begann aufzuräumen. Die Klamotten von den Stühlen und von der Sofalehne in den Schrank, die Farbkopie des Doppel-Schreiers vom Boden in die Paul-Klee-Mappe, die herumliegenden Bücher ins Regal, die Tassen in die Spüle. Sie holte den Sauger raus. Ruth stand auf, „ich sauge schon.“ Zara schaltete das Gerät an und überreichte es ihrer Mutter, dann holte sie frische Bettwäsche heraus. Das Saugen ging schnell, die Wohnung war winzig. Zara bezog ihre Decke neu. Ruth stellte den Sauger aus, setzte sich aufs Sofa und fing endlich an zu reden. Zara setzte sich neben sie. Reinhard sympathisierte damals während seiner Reportagen im Libanon immer stärker mit den Palästinensern, behauptete Ruth. Als er dann noch die Flugzeugentführungen verteidigte, hätten sie sich heftig gestritten. Ihre politischen Einstellungen seien immer weiter auseinandergeklafft. Während Ruth sich von diesen Aktionen distanzierte, sei es für sie klar gewesen, dass sie mit einem Mann, der die Selektion von Juden duldete, oder sogar guthieß, nicht mehr zusammen sein konnte. Sie mit ihren jüdischen Wurzeln, aber auch ohne diese, selbstverständlich. Juden, das solle man sich mal vorstellen, nach all dem, was in Deutschland passiert sei. Auch Ruth und Tante Dora, die in Israel lebte, seien für die Gleichberechtigung aller Menschen, für einen Staat ohne Unterschiede zwischen Juden, Christen und Moslems. Sie verurteilten die Siedlungspolitik. Das wisse Zara ja. Sie setzten sich für eine friedliche Lösung ein, Dora diskutierte schon seit Jahren mit Israelis und mit Palästinensern. Sie war bei Machsom Watch aktiv, mit anderen Frauen beobachtete und dokumentierte sie die Checkpoints.
Zara fragte sich, ob nicht noch ein ganz anderes Motiv hinter dem Streit ihrer Eltern stand. Reinhard hatte damals viele Bewunderinnen gehabt. Lässig war er gewesen, wie ein Rockstar. Meistens hatte er eine schwarze Jeans und ein T-Shirt getragen. Selbst im Winter. Dann zog er nur noch die schwere Lederjacke über.
Schon bevor Zara geboren wurde, war Ruth beim Republikanischen Club gewesen, einem linken Verein, der zur außerparlamentarischen Opposition gezählt wurde. In den Räumen des Republikanischen Clubs hatte sie Reinhard kennengelernt.
Zara hatte schon früher geahnt, dass ihr Vater auch an anderen Orten Frauen hatte, obwohl er nie darüber redete. Damals waren die Beziehungen im Freundeskreis ihrer Eltern nicht so fest gewesen. Manchmal, wenn Zara ihren Vater begleitete, traf er sich mit Freundinnen. Wie er genau zu ihnen stand, war Zara nicht immer klar. Zara erinnerte sich an heftige Auseinandersetzungen ihrer Eltern, kurz bevor Reinhard für immer verschwand. In dieser Zeit spaltete sich auch die politische Szene in Berlin, behauptete Ruth. Reinhard sei dann nach Tibet gegangen zum Meditieren, wie er es nannte.
„Ich wusste, dass er untertauchte“, sagte Ruth, „ich wollte einfach nichts mehr von ihm wissen. Unsere Wege waren auseinandergegangen. Er hinterließ noch eine Nachricht, als er in Indien war, und dann kam ein Brief aus Bagdad. Ich kannte seine Kontaktperson, aber für mich hatte sich das Kapitel erledigt.“ Bei dem Wort „Kontaktperson“ wurde Zara hellhörig. Ruth streichelte ihr Bein. Zara ließ es geschehen.
„Damals, als du mit siebzehn nach Spanien abgehauen bist, da wollte ich es dir sagen, aber als du dann wieder da warst, hatte ich Angst, dass du Reinhard suchen würdest. Ich habe es immer wieder verschoben, bis es zu spät war.“
„Wie hieß die Kontaktperson?“
„Die ist schon tot. Vor zehn Jahren an Krebs gestorben.“
„Das ist nicht wahr.“
„Doch.
„Wer war es denn?“
„Gisela.“
„Gisela aus Schöneberg?“
Ruth nickte.
„Und gibt es sonst niemand anders. Wer hatte denn noch mit ihm Kontakt. Es muss doch jemand da sein, der noch was weiß.“
„Es ist verdammt viel Zeit vergangen.“
Zara holte sich eine Tasse und goss sich Tee ein.
„Ruth, warst du mal in Johannes verliebt.“
Sie grinste.
„Also ja.“
„Ein bisschen.“
„Der große Tag der Geheimnisse. Gibt es noch andere Dinge, die du mir vorenthalten hast?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ja oder nein?“, stocherte Zara.
„Es gibt noch drei Leute, die engen Kontakt zu Reinhard hatten. Antje, Rüdiger und Hilde. Antje habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Sie war damals auch auf so einem Indientrip. Rüdiger und Hilde müssten noch in Berlin sein.“
„Die aus dem Dada?“
Sie nickte. „Ich habe aber keine Lust, dort nachzufragen. Mach das bitte allein. Ich möchte mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben.“
Zara nahm ihre Mutter in die Arme und drückte sie fest.
Es war elf Uhr morgens. „Man kann auch mit Eis frühstücken“, behauptete Zara. „In Sizilien ist das völlig normal und außerdem wird es heute warm.“ Jannik, ihr Mitbewohner der Berliner WG, in der sie wieder mal für zwei Monate Unterschlupf gefunden hatte, ließ sich zu einem Eis bei Vanzella in der Gneisenaustraße überreden. Schon lange war sie nicht mehr dort gewesen. An dem Ort, an dem sie vor dreiundzwanzig Jahren mit ihrem Vater gesessen hatte. Jannik war ein toller Mensch, er studierte Arabisch und war ein lebender Reiseführer. Gestern hatten sie sich in der Küche mit Grasovka besoffen. Grasovka war Janniks Lieblingswodka. Er sei so rein wie die Koscher-Wodkas der osteuropäischen Juden, von denen man keine Kopfschmerzen bekam. Das war übertrieben, fand Zara, jedenfalls war Grasovka nicht so ein Anti-Kater-Wodka, wie Jannik behauptete. Die Koscheren hatte sie noch nie getrunken. Aber dafür hatte sie jetzt eine Bleibe in Damaskus und Jannik hatte ihr beteuert, dass Syrien ein super-gastfreundliches Land sei. Auch über die Visa-Regelungen hatte er sie aufgeklärt, da waren sie jedoch schon zu betrunken gewesen. Jannik fuhr Rikscha wie sie, aber hauptberuflich.
Bei Vanzella verfiel Zara dem nostalgischen Redefluss. Sie und Reinhard hatten sich damals nach draußen in die Sonne gesetzt. Es sei heiß gewesen, erzählte sie Jannik, heißer als jetzt. Trotzdem habe sie die schwarze Lederhose getragen, die ihr Vater ihr zum Geburtstag geklaut hatte. Jannik schmunzelte. Der Diebstahl in Kaufhäusern sei früher in der Sponti-Szene als revolutionärer Akt verstanden worden. Dario Fo, der Theaterautor, hatte sogar ein Stück über das antikapitalistische Entwenden geschrieben, „esproprio proletario“ nannten sie es in Italien. Zara war gerade fünfzehn geworden und mit der Lederhose habe sie sich erwachsen gefühlt. Sie nahm Stracciatella, wie früher, Jannik Schokolade und Vanille. Sie setzten sich nach draußen und leckten schweigend an ihrem Eis. Spatzen hüpften auf dem Boden herum und pickten an Hörnchenresten.
„Was ist eigentlich mit Tim?“, wollte Jannik wissen.
„Wir haben uns getrennt.“
„Warum?“
„Er war mir zu spießig.“
„Schade.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Du findest es doch nur schade, dass er nicht mehr in unserer Küche sitzt.“
Jannik fand Tim süß, hatte er einmal durchsickern lassen.
„Ich fand einfach nur, dass ihr gut zusammengepasst habt.“
Tim hatte Zara letzten Sommer bei Freunden kennengelernt. Sie war gerade aus Pisa zurückgekehrt, er von einem Badeurlaub bei Grosseto. Detailbesessen beschrieb er ihr seine allmorgendlichen Besuche in der Bar Centrale. Wie bei Fellini sei es dort gewesen. Er imitierte die Bargäste und ihre präzisen Bestellungen, die untermalt von Gebärdensprache durch das Gedränge gerufen wurden. Einen Arm am Tresen, lässig gestützt, um Territorium zu gewinnen, das sei das Wichtigste, hatte er bemerkt. Zara musste lachen, auch über seine paar Worte Italienisch, die er preisgab. Seine Aussprache war übertrieben, genau wie seine Beschreibungen. Den Rest des Abends hatten sie sich über Filme unterhalten. Er liebte Tarkowski. Sie sprachen über den Klang der Gedichte, über Andrej Rubljow und die Invasion der Tataren. Beide fanden es komisch, dass ihre Freunde während Solaris eingeschlafen waren. Er selbst sah ein bisschen russisch aus, obwohl er gebürtiger Westberliner war.
Am selben Abend waren sie bis spät an der Spree entlang gewandert. Eine milde, sternenklare Nacht. Sie waren kilometerweit gelaufen, ohne irgendwo anzuhalten, hatten geschwiegen und dem Rauschen der Bäume zugehört. Er hatte sie bis zu ihrer Haustür gebracht und sie dort geküsst. Er konnte gut küssen und die erste Zeit mit ihm war wundervoll gewesen. Mit seinem Motorrad waren sie in die Wälder und zu Seen gefahren, gingen baden oder spazieren.
Im Spätherbst hatte Tim angefangen, Forderungen zu stellen. Er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen und sie sollte die Wohnung in Pisa aufgeben. Außerdem begann er ihr vorzuwerfen, sie sei chaotisch und könne ihr Leben nicht planen. Er arbeitete als Webdesigner in Berlin-Mitte und verdiente gut. Seine Wohnung fand Zara übertrieben ordentlich. Sie war penibel bis in die Ecken geputzt. Selbst seine Unterhosen waren fein gefaltet und gebügelt. Erst hatte sie nicht viel darauf gegeben, hatte sich nur insgeheim ein bisschen lustig über ihn gemacht.
Vor ein paar Tagen hatten sie sich im Hasir Restaurant in der Adalbertstraße gestritten. Bei Adana Kebab und Ayran hatte Tim ihr vorgeschlagen zusammenzuziehen. Sie hatte sich derart verkrampft, dass ihre Handgelenke schmerzten. Eigentlich wollte sie mit ihm über ihren Vater sprechen.
„Wir haben doch ganz andere Lebensvorstellungen“, sagte Zara.
„Wir finden schon einen Kompromiss.“ Er lächelte und nahm ihre Hand.
„Ich möchte auf keinen Fall ein gemeinsames Wohnzimmer und Schlafzimmer“, sagte sie. „Ich brauche meinen Raum. Und die Küche möchte ich auch nicht dauernd aufräumen.“
Tim zog seine Hand wieder weg.
„Zara, du übertreibst.“
„Aha. Ich übertreibe. Und warum?“
„Was soll das denn für eine Wohnung sein? Alles getrennt? Willst du auch eine getrennte Küche?“
„Ehrlich gesagt, ja.“
„Du willst nicht mit mir zusammenleben, gib es doch einfach zu.“
„Ich sage doch, wir haben andere Lebensvorstellungen.“
„Es gibt eben Konventionen, Zara.“
„Deine Konventionen.“
Er stach mit der Gabel in seinen Kebab.
„Stell dir einfach vor, du wolltest eine Türkin heiraten und erzählst ihr, sie soll vollkommen die deutschen Bräuche annehmen. Meinst du, sie wäre zufrieden?“
„Hää.“
„Du hast schon richtig verstanden.“
„Ich verstehe den Zusammenhang überhaupt nicht. Du bist doch Deutsche.“
„Ich fühle mich nicht wohl in deiner bürgerlichen Ordnung und du fühlst dich nicht wohl in meiner Alternativordnung. Ich möchte nicht dauerhaft am selben Ort wohnen, ich brauche ein eigenes Zimmer und Zeit für mich selbst und du brauchst ein gemeinsames Wohnzimmer und Schlafzimmer.“
„Was soll das denn sein, Alternativordung? Meinst du dein Chaos?“
„Tim, willst du mit mir reden oder mit mir streiten?“
„DU schreist doch gerade.“
„Bei dir in der Wohnung kann ich nicht atmen, nichts liegt an der falschen Stelle, kein Kleidungstück, keine Tasse, kein Buch.“
„Warum schläfst du dann bei mir?“
„Weil du nicht bei mir schlafen willst.“
Er schwieg und starrte auf seinen Teller.
„Du bist eine Katastrophe“, sagte er, stand auf, nahm seine Jacke und ließ sie allein.
„Ich hasse Wohnzimmer“, schrie sie ihm noch hinterher. Die Leute im Lokal glotzten sie an. Eine junge Frau lachte. „Ich auch“, sagte ein abgewetzter Typ, der aussah wie ein Punker, der in die Jahre gekommen war.
„Wir haben gut zusammengepasst?“ Zara starrte Jannik an. „Nee.“
„Doch.“ Ein Jogger mit Zwergpinscher hastete vorbei. Die Leine des Pinschers verhedderte sich mit Janniks langen auf die Straße ausgestreckten Beinen. „Entschuldigung“, sagte der Typ im Jogginganzug. Jannik entknotete die Leine und zog die Beine ein. Zara lachte. Der Pinscher knurrte.
„Du würdest viel besser zu mir passen.“ Sie lachte immer noch. „Aber dich interessieren ja keine Frauen.“
„Du wärst meine erste Wahl.“
„Da bin ich aber geehrt. Komm, wir gehen noch zum Dada, ich brauche zwei Adressen von alten Freunden meines Vaters.“
Jannik rieb sich die Hände. „Na, dann mal los, den Papa aufspüren.“
Im Dada hatten sie nur die Adresse von Rüdiger bekommen. Er wohnte in einer Laube im Kleingartenverein Westend. Jannik begleitete Zara. Sie erinnerte sich nur, dass Rüdiger bei der Beerdigung mit dabei gewesen war. Er war klein und trug damals immer nur Lederkleidung.
Überrascht schien er nicht, als sie bei ihm an der Tür klopften. Sein eingefallenes, knochiges Gesicht strahlte Gleichgültigkeit aus. Die Che-Guevara-Kappe trug er immer noch. Vielleicht das einzige Merkmal, an dem Zara ihn wiedererkannte. Obwohl die Sonne schien, bat er sie in die Hütte. Die Holzverkleidung hatte den Geruch von Knoblauch-, Katzen- und Biergeruch angenommen. Er setzte sich an einen mit Büchern und Essensresten vollbeladenen Tisch. Zara und Jannik bot er das Sofa an. Zara zählte fünf Katzen, zwei auf den Stühlen, eine unter dem Tisch, eine andere im Regal und die fünfte an der Spüle.
„Wollt ihr was trinken?“
Sie lehnten ab. Er öffnete eine Dose Bier.
„Wir sind wegen Reinhard hier.“
„Ist aber echt lange her.“
„Habe gerade erst herausgefunden, dass er lebt und dass du zu ihm Kontakt hattest.“
„Iiiich? Neee.“ Er lachte rau, trank die Dose ganz aus und warf sie in die Ecke, wo sich schon andere Dosen sammelten.
„Verarsch mich nicht. Mich hat schon Ruth lange genug verarscht.“
„Tue ich nicht.“ Er zündete sich eine Zigarette an. „Warum hat dir denn Ruth jetzt erst davon erzählt?“
„Wir haben Johannes getroffen.“
„Den Fotoreporter?“
Zara nickte.
Eine dicke getigerte Katze sprang auf Zaras Schoß und begann zu schnurren. Zara streichelte ihr das Fell. Bei Jannik saß eine schwarze.
„Er ist in Damaskus, das musst du doch wissen.“
Rüdiger verzog bloß sein Gesicht, sagte aber nichts.
„Mensch, du kannst mir doch von ihm erzählen, er ist mein Vater“, schrie sie ihn an. Die Katze sprang erschrocken weg und landete bei Jannik neben der Schwarzen. Die Schwarze knurrte und schlug die Getigerte. Beide sprangen von Janniks Schoß. Eine Futterschale flog durch die Luft und verstreute Trockenfutter. Zara stand auf und stellte sich mit gestemmten Armen vor Rüdiger.
„Diese Geheimnistuerei ist echt zum Kotzen. Man sieht dir doch an, dass du was weißt.“
Er grinste, stand gelassen auf und öffnete sich ein weiteres Bier. Mit dem Fuß fegte er das Trockenfutter zusammen, ohne sich zu bücken. Zara überkam der Ekel, es roch immer stärker nach Saloon, fand sie.
„Was willst du denn von deinem Vater, er ist doch ewig schon underground.“
„Das lass mal meine Sache sein.“
„Da bin ich mir nicht so sicher.“
Ihr wurde klar, dass sie so nicht die Wand des Schweigens bei ihm durchbrechen würde, und sie wechselte das Thema.
„Hast du wenigstens die Adresse von Hilde? Du weißt schon.“
„Hilde? Hilde ist jetzt auf Eso-Tour.“
„Was für ‘ne Tour?“
„Esoterik halt.“
„Ist mir egal.“
Er zog sein Handy raus und schrieb Zara die Nummer auf einen Zettel.
„Was für ein Arsch“, sagte Jannik, als sie wieder draußen waren.
„Wir müssen sein Handy klauen.“
„Wie willst du das denn anstellen?“
„Warten, bis er einpennt, oder ihn mit Gewalt festhalten. Zweiteres wäre schneller. Er würde uns nie anzeigen.“
„Ich weiß nicht“, sagte Jannik. „Mir hat der Typ überhaupt nicht gefallen.“
„Hast du gerade schon gesagt.“
„Er ist halt total fertig.“
„Ich geh noch mal durchs Fenster gucken.“
Jannik wartete am Gartentor. Zara bemerkte, dass das Handy auf dem Tisch lag. Sie kehrte zu Jannik zurück. Vielleicht sollten sie noch mal klopfen. Sie könnte Rüdiger ablenken und ihm etwas hinter der Hütte zeigen. Ihr würde schon was einfallen. Jannik müsste dann ganz schnell in die Hütte und das Handy entwenden.
„Na schön“, sagte Jannik, „ziehen wir das Ding durch.“
Zaras Herz klopfte, als sie sich wieder der Tür näherte.
„Rüdiger“, rief sie. „Komm nochmal raus.“
Er öffnete die Tür. Die schwarze Katze sprang heraus, lief zu Jannik und strich ihm um die Beine. Zara lockte Rüdiger hinter seine Hütte. Rüdiger stapfte ihr hinterher.
Sie zeigte mit dem Finger nach unten. „Da siehst du? Eine tote Katze.“
„Wo?“ Er bückte sich und suchte im Gras. „Ich sehe nichts.“
„Vielleicht war sie doch nicht tot.“
„Wie sah sie denn aus?“ Rüdiger wurde ungeduldig.
„Mensch Rüdiger, warum kannst du mir nicht helfen?“
Er antwortete nicht, erhob sich und kehrte um.
Jannik war schon wieder am Gartentor, zum Glück. Ohne ein Wort zu sagen, knallte Rüdiger die Tür hinter sich zu.
„Schnell weg“, flüsterte Jannik. Sie rannten los.
„Yeah“, jubelte Zara. Am Eingang der Siedlung verschnauften sie. „Mit dir erlebt man immer was“, lachte Jannik. „Der Typ war echt scheiße.“
„Dito.“
In der U-Bahn holte Zara Rüdigers altes Gerät heraus. Zum Glück war es nicht versperrt. Er hatte Hilde vor einer halben Stunde eine SMS geschickt. „Hardys Tochter sucht dich.“ Zaras Herz begann zu rasen. Hardy nannte er ihn also. Sie durchsuchte die anderen Kurznachrichten. Nichts von Belang. Hardy stand auch nicht in seinem Nummernregister.
„Mist“, rief Zara. „Alles umsonst. Nur Rüdiger haben wir jetzt alarmiert.“
„Der?“ Jannik zuckte mit den Schultern.
„Wir müssen noch mal zurück.“
„Wie jetzt?“
Sie waren schon in Wilmersdorf.
„Wir schmeißen ihm das Handy in seinen Garten und rufen ihn dann an. Dann findet er es und denkt, er hätte es verloren.“
„Du, ist es schlimm, wenn ich da nicht mehr mitkomme?“ Janniks Blick senkte sich reuevoll.
„Geht schon klar.“
Sie schlug ihm auf die Schulter und stand auf. „Ist ja mein Ding.“
„Ich habe noch zu tun.“
„Brauchst dich nicht zu entschuldigen.“
Am Fehrbelliner Platz stieg sie aus.
Zu Hilde ging sie allein. Sie wohnte im Bergmannkiez in einem Hinterhaus ganz in Zaras Nähe. Seltsam fand Zara, dass sie sich nie begegnet waren. Hilde hatte sicher mal was mit Reinhard gehabt. Sie erinnerte sich dunkel an eine Knutschszene auf einem Fest in einem frisch besetzten Haus im Wrangelkiez. Damals trug Hilde lange hennarote Haare.
Atemlos erreichte Zara den fünften Stock. Hilde empfing sie warmherzig. Sie war rund und mollig geworden. „Schön dich zu sehen.“ Hilde schloss Zara in die Arme. Es fühlte sich wie immer an, nicht so, als hätten sie sich ewig nicht gesehen. „Komm rein, willste ´nen Tee?“
„Gerne.“
Zara sah sich in der kleinen Wohnung um. Es roch nach Lavendel und Räucherstäbchen. Die Wohnküche stand voller Bücher und Setzkästen, in denen kleine Figuren, Buttons, Trockenblumen, Nagellack, Fingerhüte und anderer Kram sorgfältig angeordnet waren. Kein Staub lagerte weder hier noch zwischen den Büchern.
„Ich weiß, du suchst deinen Vater“, kam Hilde sofort zur Sache. „Setz dich.“ Auf dem runden alten Holztisch standen eine blau-weiße Porzellankanne und ein Kandiszuckerdöschen, daneben eine Tasse mit demselben Motiv wie die Kanne. Hilde holte eine zweite Tasse aus dem Küchenschrank und stellte sie vor Zara. „Mit oder ohne Zucker.“
„Mit, ich brauche heute süß.“
Hilde strich ihr mit der Hand über den Rücken, goss ihr Tee ein und gab einen Kandis mit einer kleinen Zange dazu, dann setzte sie sich.
„Das mit Reinhard ist nicht so einfach“, sagte sie.
„Das merke ich schon.“
„Er hat mal in Syrien gewohnt, aber auch im Irak, glaube ich, ich habe keine direkten Nachrichten von ihm. Alles ging über Rüdiger.“
„Na toll.“
„Tut mir leid, Zara.“
„Hast du keine Ahnung, wo er ist?“
„Ich weiß ungefähr so viel wie du. Im Nahen Osten halt. Aber wenn du magst, kann ich dir die Karten legen.“
Zara trank an ihrer Tasse Tee. Er schmeckte nach Vanille. Über die Karten würde Hilde vielleicht was rausrutschen, ein Versuch war es wert. Zara nickte.
Hilde verschwand in ihrem Schlafzimmer und kam mit einem verschlissenen Kartensatz zurück. „Da ist mal Tee drüber gelaufen“, sagte sie. „Je gebrauchter, desto besser funktionieren sie.“
Hilde stellte die Teekanne und den Kandis beiseite und legte den Stapel auf den Tisch. „Du musst mischen.“
Zara fielen die Karten runter. Im Karten-Mischen war sie noch nie gut gewesen. Sie hob sie wieder auf und mischte weiter.
„Gut so“, bestätigte Hilde. „Etwas Bewegung ist gut.“
Zara legte die Karten wieder ab. „Jetzt denke an deine Frage und hebe dreimal ab.“
„Muss ich dir die Frage sagen?“
„Nein.“
Zara konzentrierte sich. Was wollte sie eigentlich wissen? Die Adresse natürlich, aber da konnten ihr die Karten sicher keine Antwort geben. Den Weg zu der Adresse. Was für einen Weg musste sie einschlagen, um ihn zu finden? Ihr kam das Bild Ein Doppel-Schreier von Paul Klee in den Sinn. Zara vertrieb den Gedanken.
Drei Stapel. „Suche einen aus“, sagte Hilde.
Sie nahm den Linken.
Hilde deckte die erste Karte auf. Der Eremit kam zum Vorschein. „Das bist du“, sagte sie. „Eine Einzelgängerin. Höre auf dich selbst, auf deine Intuition.“
Sie deckte eine weitere Karte auf. Der Tod. „Deine Vergangenheit“, und dann eine dritte. Der Turm. „Ein Ereignis wird dein ganzes Leben umkrempeln und du wirst einen Neuanfang machen müssen. Hier kann ich dir nur raten, nicht an alten Dingen festzuhalten.“
„Kann ich noch mehr wissen?“
„Dafür musst du noch mal mischen und eine weitere Frage stellen.“
Sie mischte. Dieses Mal kräftiger, wieder fielen ihr die Karten aus der Hand.
„Aha, du willst mehr zu deiner Zukunft wissen?“
Hilde legte drei Karten umgekehrt auf den Tisch, als ihr Handy summte. Sie schob es zur Seite. Sie dreht die Karten um.
Der Gehängte, Fünf der Kelche, die Liebenden.
„Oh“, sagte Hilde, „da bahnt sich was Tiefes an. Du bist in einer Prüfung. Du musst die Dinge auf den Kopf stellen, um sie zu verstehen, in eine andere Ebene treten, eine Reise beginnen.“
„Eine Reise?“
„Ja, eine innere und eine äußere Reise zugleich. Du wirst nicht mehr allein sein, aber dein Leben wird sich komplett verändern.“
Zara starrte sie an. „Und werde ich meinen Vater finden?“
„Ich sehe hier eine Fünf der Kelche, eine Karte, die von tiefer Trauer und Enttäuschung spricht, daneben die Liebenden. Es wird sich etwas entwickeln. Hör auf dich selbst, das sehe ich hier ganz genau. Der Gehängte sieht die Welt verkehrt herum.“
„Ich möchte noch mehr wissen?“
„Das ist schon sehr viel, Zara. Fast mehr, als du verkraften kannst, mach das Beste daraus.“
Sie nahm die Karten vom Tisch und legte sie an die Seite.
„Noch einen Tee?“
„Danke Hilde.“
„Ich war mal in deinen Vater verliebt“, sagte sie. „Aber er ist dann nach Tibet gefahren. Er wollte nicht mehr so leben, hatte er mir gesagt. Hier in der ersten Welt. Ich hatte zwei Nachrichten von Rüdiger an deine Mutter weitergeleitet. Sie wollte dann nichts mehr von Reinhard wissen und hat mich gebeten, ihr nichts mehr zu überbringen. Ich habe es Rüdiger gesagt und damit war meine Arbeit als Vermittlerin erledigt.“
Vielleicht war Ruth wirklich ehrlich mit ihr gewesen, dachte Zara, vielleicht war sie ungerecht zu ihrer Mutter.
„Und mit Rüdiger hast du nichts mehr zu tun?“
„Ich bringe ihm manchmal was zum Essen. Er ertränkt seine Einsamkeit im Alkohol. Er war schon mehrmals in Therapie. Schlägt aber nicht besonders an.“
„Habe ich gemerkt.“
„Er hatte mir von dir geschrieben.“
Zara nickte. Sie dachte daran, dass sie ihm das Handy auf die Wiese geworfen hatte. Ihren Anruf hatte er nicht abgenommen. Sie hatte es nur einmal probiert. Vielleicht hatte er sein Handy nicht wiedergefunden. Das Gras war ziemlich hoch. Sie fühlte sich ein wenig schuldig, doch dieses Gefühl verflog gleich wieder, als sie sich daran erinnerte, wie verstockt er gewesen war. „Er will mir nicht verraten, wo Reinhard ist, er weiß es sicher.“
„Er wird Gründe haben, die wir nicht kennen.“
„Ich denke, ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren, Hilde. Kannst du mir nicht helfen?“
Hilde fummelte an der Kandiszuckerdose. „Tut mir leid, ich kann da nicht zwischengehen. Es gibt da ein Gleichgewicht.“
„Was für ein Gleichgewicht?“
„Alles könnte zusammenbrechen, die Gefahr will ich nicht eingehen, auch wenn es um deinen Vater geht.“ Sie stand auf und umarmte Zara von hinten. „Lass dich nicht unterkriegen“, sagte Hilde. Am liebsten hätte Zara jetzt wieder laut gebrüllt, aber sie nahm sich zusammen, ließ sich von Hilde an die Tür begleiten und noch einmal drücken.
Es war schon dunkel draußen. Zara saß vor ihrem Laptop und nippte an einem heißen Glas Tee. Neben ihr lag die Kopie des Doppel-Schreiers, ein Haufen anderer Kopien und zerschnittene Fragmente. Im Innenhof herrschte Stille. Nur eine Klaviersonate drang aus dem gegenüberliegenden Gebäude zu ihr. Sie öffnete das Fenster und ließ die milde Abendluft herein. Brahms, dachte sie, die ungarischen Tänze. In der Küche brieten ihre Mitbewohner Jannik und Thorben Kartoffelpuffer. Sie hörte sie rumalbern. Der Essay wollte ihr einfach nicht gelingen. Der Doppel-Schreier stemmte sich dazwischen. Er schrie sie an. Seitdem sie wusste, dass Reinhard lebte, schrie er. Er hielt sie davon ab, ihre Gedanken logisch zu ordnen. Die gesammelten Fragmente stießen einander ab wie Atomteilchen und schwebten zerstückelt in einem luftleeren Raum. Schon seit Jahren sammelte sie die Fragmente, philosophische, literarische und kunsttheoretische. In ihren Forschungen war sie immer wieder auf die Zwischenwelt gestoßen, einen Zwischenraum zwischen Nichts und Sein, Leben und Tod, wo das Subjekt noch nicht vom Objekt getrennt war. Sie hatte sich dazu durchgerungen, ihre Sammlung für ein Forschungsprojekt zu benutzen. Den Stier bei den Hörnern zu packen, wie man in Italien sagte, der Sache in die Augen zu sehen. Endlich sich selbst entgegenzutreten. In der Zwischen-Sphäre entstand die Wahrnehmung, bevor sie sich zu Worten oder Gedanken kristallisierte. Hier glaubte Zara, eine reinere Erfahrung zu finden, die noch nicht von Idealen und Rhetorik getrübt war. Doch entzog sich ihr dieser Raum, seitdem sie angefangen hatte, ihn zu kategorisieren, und jetzt war er dabei zu explodieren, wie der Turm, die Tarotkarte von Hilde. Hatte ihre Zukunft schon begonnen?
Damals, nachdem ihr Vater nach Tibet verschwunden war, hatte sie sich in die Welt der Bücher zurückgezogen, hatte alles verstehen wollen und angefangen, unentwegt zu lesen, Bücher wie Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, Der eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse, Briefe aus dem Gefängnis vonRosa Luxemburg oder andere Bücher aus dem Regal zu Hausewie Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir oder Die kleine Geschichte des SDS vom Rotbuch-Verlag. Sie las Romane, Klassiker, aber auch Gegenwartsliteratur wie Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig,das ihrem Vater so gefallen hatte,dann Die Glücklichen von Peter Paul Zahl, Kassandra von Christa Wolf, Kinder-Küche-Kirche und Bezahlt wird nicht von Dario Fo, sie las auch Die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant und Das Sein und das Nichts von Jean-Paul Sartre. Sie las, als müsse sie sich vorbereiten für eine unbestimmte Zukunft, in der das Wissen überlebensnotwendig sein würde. Sie wollte nicht mehr ignorant dastehen, sondern so sicher sein wie ihre Eltern und deren Freunde, die sie diskutieren hörte, in den vielen Runden, zu denen sie mitgenommen wurde. Tag und Nacht lebte Zara in der Welt der Bücher. Eine Welt, die in ihrer Vorstellung immer größer, tiefer und farbiger wurde. Doch je mehr sie las, desto unwirklicher und grauer wurde die reale Welt, von der sie sich entfernte. Sie gewann nicht die erhoffte Sicherheit, es passierte eher das Gegenteil. Sie verstand, dass sie überhaupt nichts wusste, und dieses Gefühl wurde bei jedem Buch stärker. Sie zog sich in die theoretische Welt zurück und scheute immer mehr den menschlichen Kontakt. Auch Ruth entfloh sie. In der Schule antwortete sie nur, wenn sie gefragt wurde, mit knappen Sätzen. In der fiktiven Welt lebte Zara unbeschwert und urteilslos, nahm die Dinge, wie sie waren, und freute sich über jedes Stück, das sich neu anfügte. In ihrem Kopf bildete sich eine topografische Struktur. Sie sortierte die fragmentarischen Informationen, die sie gesammelt hatte, ordnete sie um, komponierte aus ihnen zusammenhängende Stücke und löste sie wieder auf, konstruierte und dekonstruierte Informationen, Gedanken, Ideen. Es gab keine zeitliche, nur eine räumliche Anordnung. Jeder Gedanke, jede Idee, jedes Bild hatte seinen Platz und blieb bestehen. Selbst Widersprüche konnten nebeneinander existieren. Sie las über die Mnemotechnik von Giordano Bruno. Ihre Gedanken ordnete sie zu Bildern, die wiederum zu Denkpalästen wurden. Sie konnte sie beliebig umordnen, so wie man Möbel in einem Zimmer umstellte. Es gab dunkle und helle Ecken. Zara konnte in ihrer abstrakten Welt ungestört leben und war dort ihre eigene Herrin. Für ein ganzes Jahr verlor Zara völlig ihr Interesse an der Außenwelt, die ihr Unbehagen bereitete, denn sie war unkontrollierbar und undurchschaubar. Sie erkannte, dass viele Handlungen von Trieben bestimmt waren, die zu negativen Gefühlen und Schmerzen führen konnten. Ihr Vater war ohne einen logischen Grund verschwunden und wurde dann für tot erklärt, ihre Mutter handelte genauso unlogisch, indem sie so tat, als wäre nichts geschehen. Zara beobachtete Männer, die unaufhörlich redeten und nie zuhörten, die weder gut aussahen, noch etwas Redenswertes taten und doch Frauen fanden, die sie anhimmelten und sich ihnen unterordneten. Es schien eine andere Hierarchie zu geben, die nicht den Werten entsprach, die sie von ihren Eltern gelernt hatte. Die Ideale, an die Zara bis jetzt geglaubt hatte, brachen in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ihr wurde klar, dass es da noch etwas anderes gab: eine mysteriöse Kraft, die das Handeln der Menschen bestimmte.
Zara klappte den Laptop zu und entschied sich, den Antrag auf das Forschungsprojekt fallen zu lassen und stattdessen ihre Reise nach Syrien zu organisieren. Der Doppel-Schreier sagte es ihr, er schrie es in den Raum, sie musste ihren Vater suchen, alles andere war jetzt unwichtig.
Damaskus Juni 2008
Ein bildhübscher junger Flughafenpolizist versperrte ihr breitbeinig den Weg. „Foreigner“, sagte er mit anklagendem Ton, „Visacontrol“ und zeigte mit dem Finger in eine andere Richtung. Zara entschuldigte sich und wandte sich zum Gehen. „Wait a moment, do you have the Entry Card?“ An ihnen zogen zwei ältere Touristinnen mit Rollkoffern vorbei, die der Typ nicht beachtete. Die Gesprächsfetzen hörten sich nach Schweizerdeutsch an. Der Polizist blickte auf Zaras falschen Ehering vom Flohmarkt. „Let me see your card“, befahl er. Seine großen, dunklen Augen mit langen Wimpern folgten ihren Händen zur Gürteltasche. Nicht nervös werden, sagte sie sich. Wie sollte dieser Typ schon erkennen, dass sie die Karte falsch ausgefüllt hatte. Langsam öffnete sie den vordersten Reißverschluss an ihrer Tasche, so gelassen wie möglich, trotzdem zitterte sie leicht. Dass sie noch nie in Israel gewesen war, sollte sie auf der Einreisekarte bestätigen. Sie wusste, dass man mit einem syrischen Stempel ebenfalls nicht nach Israel hineingelassen wurde, genauso wenig mit einem libanesischen oder jemenitischen. Als sie in Israel ihre Tante besuchte, musste sie noch keine falschen Angaben machen. Jetzt war es das erste Mal in einem dieser verbotenen Länder und ihr Pass nagelneu, ohne verdächtige Stempel. Den Namen ihres Vaters hatte sie auch ausgelassen, stattdessen auf Deutsch „verstorben“ eingetragen, mit einem großen V, damit es so aussah wie ein Name. Doof stellen konnte sie sich immer noch. Seinen Namen preiszugeben, war heikel. Johannes hatte sie vor der Muchabarat gewarnt. Sie wusste nicht, was ihr Vater hier für ein Leben führte, also war es besser, den Geheimdienst nicht zu alarmieren. Der strenge Schönling nahm die Einreisekarte an sich und musterte sie. Zara biss die Zähne zusammen. Der Typ lächelte, dabei sah er hinreißend aus. „Welcome to Syria“, sagte er und reichte ihr die Karte zurück. „Please.“
Durch einen grauen, nach Linoleum riechenden Gang erreichte sie die Schalter der Pass- und Visakontrolle. Vorne stand eine Gruppe von fünfzehn dunkelhäutigen Männern und Frauen, die verhalten flüsterten. Der Beamte, ein aschblonder, dürrer Mann mittleren Alters, erinnerte Zara an die Passkontrolleinheiten der DDR am Grenzübergang Friedrichstraße. Die kargen Wände strahlten dieselbe bürokratische Pedanterie aus. Der Aschblonde sprach zu dem Mann, der die Pässe seiner Gruppe eingesammelt hatte. Als er die Daten im Computer kontrolliert hatte, verschwand er in einen anderen Raum. Zara nahm ihren Rucksack ab und stellte ihn auf den Boden. Gern hätte sie jetzt einen Kaffee getrunken. Die Schweizerinnen direkt vor ihr unterhielten sich angeregt über Museen und Restaurants. Ein hellhäutiger Mann mit Aktentasche wechselte mehrere Male nervös das Standbein. Der Beamte kehrte mit den Pässen zurück und stempelte sie. Jetzt war der Hellhäutige an der Reihe. „Amriki“, hörte Zara, während der Beamte den Aktentaschenmann verbissen musterte. Es hörte sich an, als sei es eine Krankheit. Dann verschwand er erneut im Hinterzimmer. Dieses Mal für längere Zeit. Hinter seinem Schreibtisch hing ein Foto des Präsidenten. Er ähnelte einem italienischen Fernsehmoderator. Mehrere Male öffnete Zara ihren Pass und schloss ihn wieder. Sie betrachtete das Foto darin. Zum Glück war es neutral. Früher hatte sie absichtlich frech in die Kamera geblickt, wie Ruth, mit ungekämmten Haaren. Jetzt gab es genaue Angaben, wie man für einen Pass auszusehen hatte. Ihre Mutter war schon einmal zurückgeschickt worden, um ein neues Foto zu machen. Zara erinnerte sich, dass Ruth sie bemitleidet hatte, als sie mit sechzehn ihren ersten Plastik-Personalausweis bekam. Ruth hatte noch die Version in Papier und war stolz darauf gewesen, als ändere die Form des Ausweises ihr Leben. Der neue Ausweis trüge alle persönlichen Daten in sich, sagte sie unheilvoll, und man sei kontrollierbarer. Es hatte sich damals für Zara so angehört, als beobachte sie der große Bruder selbst, so wie in 1984 von George Orwell. Sie war kontrollierbar geworden, ihre Mutter aber noch nicht. Heute fand Zara diese Bemerkung lächerlich. Auch Ruth hatte ein Handy und eine Bankkarte und man konnte sie auf Schritt und Tritt verfolgen. Endlich kehrte der Beamte zurück und stempelte den Pass und die Einreisekarte des Amerikaners ab. Bei den Schweizerinnen benötigte er zum Glück nicht so viel Zeit. Er lächelte sogar und sagte, „welcome to Syria.“ Zara hörte wieder das Stempelgeräusch. Jetzt war sie an der Reihe. Sie atmete durch und trat mit Pokergesicht vor. Der Beamte röntgte sie mit seinem Blick, gab etwas in einen Computer ein, betrachtete eine Weile ihr Foto, tippte noch etwas in den Computer und setzte schließlich einen Stempel in ihren Pass und auf die Einreisekarte.
