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Beschreibung

Die zeithistorische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus hat auch in Deutschland eine bis in die Nachkriegszeit zurückreichende, lange sehr randständige, dann zunehmend gewichtigere Tradition, die stets eng verwoben war mit den Konjunkturen von Diskriminierung, Gewalt und den darauffolgenden gesellschaftlichen Antworten. Insgesamt wurden beide Phänomene zu lange von der historischen Forschung vernachlässigt, und die Gründe dafür liegen wohl nur teilweise in der jahrzehntelangen Fokussierung auf den nationalsozialistischen Rassismus der Zeit bis 1945. In jüngster Zeit ist diese Leerstelle akut deutlich geworden, scheint doch seit dem Mord an George Floyd und der global ansteigenden Rassismuskritik der gesellschaftliche Auseinandersetzungsbedarf das vorhandene zeithistorische Wissen bei weitem zu übersteigen. Der Band dokumentiert und erweitert die II. Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte, die 2022 in die Vielstimmigkeit und auch Unübersichtlichkeit dieser Gemengelage einige analytische Schneisen zu schlagen versuchte. Beiträge von Stefanie Schüler-Springorum, Barbara Manthe und Anna Strommenger sichten den zeithistorischen Wissensstand in Bezug auf Antisemitismus und Rassismus und fragen danach, inwiefern beides miteinander zusammenhängt. Teresa Koloma Beck und Max Czollek analysieren und kommentieren im Gespräch die aktuellen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Diskurse über Antisemitismus und Rassismus. Das Gespräch ist eine im besten Sinne "riskante Begegnung" (Koloma Beck), die subjektive, intellektuelle und strukturelle Aspekte des Themas und nicht zuletzt die Rolle "der Wissenschaft" in diesen Auseinandersetzungen zusammen- und weiterdenkt. Frank Wolff ordnet die Erkenntnisse und Thesen in einem Schlusskommentar in einen weiteren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Reflexionshorizont ein.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vergangene Gegenwart. Debatten zur Zeitgeschichte II

Antisemitismus und Rassismus

Konjunkturen und Kontroversen seit 1945

Herausgegeben von Christina Morina

Vandenhoeck & Ruprecht

Die Aufzeichnungen der diesem Buch zugrunde liegenden Gespräche sind im Internet aufzurufen unter

https://vimeo.com/820430440

https://vimeo.com/922359865

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2024 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, 37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)Koninklijke Brill BV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Brill Wageningen Academic, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, an einer Wand eines Justizgebäudes in Frankfurt © picture alliance/Wolfgang Minich | Wolfgang Minich

Satz: textformart, GöttingenEPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, GriesheimUmschlaggestaltung: SchwabScantechnik, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISSN 2749-6198 ISBN 978-3-647-99318-8

Inhalt

»Die Würde des Menschen …«. Fragen an die Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus und Rassismus

Christina Morina

Teil 1

Antisemitismus und Rassismus. Konjunkturen und Kontroversen seit 1945 – Eine historiografische Bestandsaufnahme

Stefanie Schüler-Springorum

Ansätze und Leerstellen in der aktuellen Antisemitismus- und Rassismusforschung

Barbara Manthe & Anna Strommenger

Teil 2

Gespräch Antisemitismus und Rassismus als gesellschaftliche Herausforderungen

Max Czollek & Teresa Koloma Beck im Gespräch mit Amir Theilhaber

Impuls I: Teresa Koloma Beck

Impuls II: Max Czollek

Gespräch

Kommentar Rassismus und Antisemitismus. Annäherung an eine unheimliche Zweisamkeit

Frank Wolff

Literaturverzeichnis

Dank

Über die Autorinnen und Autoren

Personenregister

»Die Würde des Menschen …«. Fragen an die Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus und Rassismus

Christina Morina

Zeitgeschichte ist Streitgeschichte – bei weitem nicht nur, aber immer wieder in erheblichem Maße. Das ist nicht erst eine disziplinäre Grundeinsicht, nachdem ein gleichnamiges Buch die Geschichte der Zeitgeschichtsschreibung entlang einer Handvoll Großdebatten von der Fischer-Kontroverse Anfang der 1960er Jahre bis zur Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren nachgezeichnet hat.1 Würde man eine Fortsetzung dieser Kontroversengeschichte bis in die heutige Zeit schreiben, wäre die Schlagzahl der Gegenstände und Debatten ungleich dichter.2 Drei Jahrzehnte später gehören (vermeintlich) um historische Themen kreisende Kontroversen zum täglichen Geschäft einer dauerengagierten Fachöffentlichkeit, die ihre Positionierungen allerdings immer seltener in klassisch wissenschaftlichen Formaten – etwa Zeitschriften oder auf Tagungen – verhandelt, sondern im politischen Feuilleton, in Onlinejournalen und Blogs, in Podcastprogrammen und auf Social-Media-Plattformen.

Die Themen Antisemitismus und Rassismus haben Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts immer intensiver beschäftigt.3 Doch seit den in der Geschichte der Bundesrepublik präzedenzlosen Attentaten von Halle (Oktober 2019) und Hanau (Februar 2020), der Kontroverse um Achille Mbembe und dessen Verhältnis zur Boycott, Divestment and Sanctions (BDS)-Bewegung (Frühjahr 2020) und nicht zuletzt dem weltweit resonierenden Polizeimord an George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis gehören beide Probleme zu den am heftigsten diskutierten der Gegenwart.

Dies war der Hintergrund, vor dem im Februar 2022, mitten im letzten Winter der abklingenden Coronavirus-Pandemie und zugleich wenige Tage vor der nächsten globalen Zäsur, dem Überfall Russlands auf die Ukraine, an der Universität Bielefeld die 2. Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte stattfand. Dieses Buch dokumentiert die Debatte in Teilen und führt sie darüber hinaus an verschiedenen Stellen weiter.4 Zwischen der Veranstaltung und dieser Veröffentlichung liegen – aus pragmatischen wie inhaltlichen Gründen – gut zwei Jahre, was vor allem vor Augen führt, dass die Gegenwart seither wieder und wieder mit großer Wucht zugeschlagen hat: Wenige Monate nach der Bielefelder Debatte über Antisemitismus und Rassismus in Deutschland seit 1945 wurde die Documenta 15 in Kassel eröffnet, die so unverhohlen wie gedankenlos antisemitische Kunst ausstellte und damit einen bis heute schwelenden Konflikt über die Verantwortung (in) der Kunst auslöste.5 Am 7. Oktober 2023 überfielen hunderte Hamas-Terroristen, aus dem Gaza-Streifen kommend, Israel, massakrierten, verletzten, vergewaltigten und kidnappten Tausende von israelischen (und ausländischen) Frauen, Männern und Kindern, woraufhin das israelische Militär einen Krieg gegen Hamas-Stellungen im Gaza-Streifen führte, der ebenfalls und in noch größeren Zahlen Tausende von Frauen, Männern und Kindern das Leben gekostet hat. Infolge dieser Ereignisse ist die Zahl antisemitischer Übergriffe weltweit sowohl in diskursiv-medialer als auch in lebensweltlich-tätlicher Form in einem Maße angestiegen, das es seit den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und Europa nicht mehr gegeben hat und das nach der Shoah vielen unvorstellbar schien.

Selbstverständlich wird die zeithistorische Forschung ständig von der eigenen Gegenwart eingeholt, ja mitunter von ihr überrollt. Nicht selten gewinnt sie gerade daraus ihre interessantesten Fragestellungen. Der reflektierte, bewusst auch Gegenwartsdistanz suchende Umgang mit diesem unausweichlichen Prädikament ist eine der Grundvoraussetzungen für eine Zeitgeschichte mit wissenschaftlichem Anspruch.

Dennoch ist das Begreifen der Lage im Jahr 2023/2024 für jede und jeden, der oder die sich, von welcher fachlichen, persönlichen oder politischen Warte auch immer, intensiver mit der Geschichte und Gegenwart von Antisemitismus und Rassismus und mit dem Umschlagen von gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen in systemische Gewalt, Krieg und Massenmord und den Folgen solcher Ereignisse befasst, eine besonders schwierige, kaum angemessen zu überschauende Herausforderung. Wie damit umgehen in diesem Buch, das eine Debatte dokumentiert, die vor den multiplen »Zeitenwenden« der jüngsten Zeit geführt wurde und die sich dennoch lohnt, nachzulesen und weiterzudenken, weil sie – davon sind alle hier beteiligten Autorinnen und Autoren überzeugt – als Momentaufnahme über den Moment hinaus Gültigkeit und Erkenntniswert hat?

Im Grunde steht sehr viel von dem, was die zeithistorische Forschung und die gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre geprägt hat – das Ringen um eine nicht nur affirmative, sondern hinreichend kritische Historisierung der deutschen Nachkriegsdemokratisierung –, verbunden mit der weitverbreiteten Hoffnung, damit auch einen kleinen Teil zur Abwehr von Neonationalismus und Rechtpopulismus sowie zur Stärkung der liberalen Demokratie beizutragen – heute unter gänzlich neuen Vorzeichen.6 Der »Nahost-Konflikt« ist mit dem 7. Oktober 2023 und dessen Nachwirkungen mit einer Wucht als Problem der deutschen Politik und des Zusammenlebens in der hiesigen, vielbeschworenen »Einwanderungsgesellschaft« zu Tage getreten, die es zuvor nicht gegeben hat und nach der es kein Zurück mehr gibt. Demokratie, Rassismus und Antisemitismus sind aufs Engste miteinander verwoben. Die Beschäftigung mit der Frage, wie diese miteinander – historisch wie gegenwärtig – in Zusammenhang stehen, wird eine der fundamentalen Aufgaben der zukünftigen sozial- und geisteswissenschaftlichen Forschung sein.

»Die Würde des Menschen ist unantastbar«, heißt es am Anfang des Grundgesetzes. Der Satz steht mahnend an unzähligen öffentlichen Orten wie dem Landgericht Frankfurt am Main auf dem Coverbild dieses Buches und ist den meisten Deutschen so geläufig, als handelte es sich dabei um eine seit Urzeiten gültige Maxime. Der Anspruch, der in diesem Satz formuliert ist und der in der bundesdeutschen Gesellschaft zweifellos seit Jahrzehnten ein hohes Maß an abstrakter Zustimmung erfährt, steht im mitunter starken Widerspruch zur Wirklichkeit. Dieser Widerspruch ist das Grundmotiv und zugleich die Triebkraft der so heftigen Debatten der letzten Jahre. Systematisch und vielperspektivisch den in diesen Debatten verhandelten Wissensstand zur Frage des Zusammenhangs von Demokratie, Antisemitismus und Rassismus und den dazugehörigen Konjunkturen und Kontroversen seit 1945 zu sichten sowie Leerstellen und Perspektiven aufzuzeigen, war das Anliegen der 2. Bielefelder Debatte. Es ist auch das Anliegen dieses Buches, das gleichwohl nicht identisch mit der Debatte ist: Vielmehr haben Barbara Manthe und Anna Strommenger einen aktuellen Forschungsbericht zu aktuellen historiografischen Auseinandersetzungen mit Rassismus und Antisemitismus beigesteuert; und der Band wird von einem zugleich bündelnden und weiterführenden Kommentar des Historikers Frank Wolff abgerundet, der sich hier vor allem als Spezialist für die Geschichte von Grenzen und Grenzregimen zu Wort meldet.

In seinem Resümee der bis zum »Historikerstreit 2.0« wohl bekanntesten historischen Kontroverse der deutschen Nachkriegsgeschichte, des »Historikerstreits« von 1986/1987, hat der Freiburger Historiker Ulrich Herbert eine zwiespältige Bilanz gezogen. Geschichtswissenschaftlich betrachtet habe sich diese Kontroverse durchaus vorteilhaft ausgewirkt, da mit ihr, wenn auch nur »mittelbar«, endlich die Vernichtung der europäischen Juden ins Zentrum der Forschung gerückt sei. Andererseits deutete Herbert den »Historikerstreit« als paradigmatisches Beispiel für ein wachsendes öffentliches Interesse an historischen Fragen – ein Interesse, das grundsätzlich zu begrüßen sei, das aber stets auch problematische Folgen mit sich bringe. Tatsächlich ist die Klage über die »Verflachung« und »Feuilletonisierung« historischer Fragen und Forschungskontroversen ein fester Bestandteil jeder seither geführten Geschichtsdebatte, seien sie groß oder klein.7

Doch Herbert erinnerte in seiner Bilanz auch daran, dass Historikerinnen und Historiker niemals gezwungen seien, sich den »Mechanismen« des öffentlichen Meinungs- und Medienmarktes zu unterwerfen. Ihre Aufgabe bestehe vielmehr darin, die »Aufmerksamkeit auf den historischen Gegenstand selbst zu lenken [und] ihn vor simplifizierenden Vereinnahmungen zu schützen«.8

Dies ist eine der Aufgaben, der sich die Bielefelder Debatte zum Thema Antisemitismus und Rassismus widmete: den beiden Problemen als historischen Gegenständen Aufmerksamkeit zu schenken – Gegenständen, die freilich auch schon »damals«, im Februar 2022, eine drängende Gegenwärtigkeit hatten. Die Sichtung der Konjunkturen und Kontroversen seit 1945 findet in den hier versammelten Texten und dem dokumentierten Gespräch auf drei Ebenen statt, wobei alle Mitwirkenden je eigene Stand- und Schwerpunkte einbringen. Damit sollen in die Vielstimmigkeit der aktuellen fachwissenschaftlichen wie breiteren gesellschaftlichen Diskussionen einige analytische Schneisen geschlagen sowie Perspektiven für die weitere Auseinandersetzung in Gegenwart und Zukunft aufgezeigt werden.

Die erste Ebene betrifft die Ereignis- und Erfahrungsgeschichte von Antisemitismus und Rassismus: Wie manifest waren beide Phänomene in der deutschen Geschichte nach 1945? In welcher Weise prägten und prägen sie das gesellschaftliche Leben im geteilten und wiedervereinigten Deutschland bis heute? Alle Beiträge tragen in je eigener Weise dazu bei, den derzeitigen historischen Forschungs- und Wissensstand zu diesen Fragen zu erfassen. Jenseits der Geschichtswissenschaft werden dabei auch die Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen und außeruniversitären Forschungsprojekten betrachtet, die sich deutlich früher als die Zeitgeschichte mit beiden Themen befasst haben. Die zweite Ebene beschäftigt sich mit der Geschichte der Geschichtsschreibung über Antisemitismus und Rassismus, also mit der Frage, wann, unter welchen Bedingungen und mit welchen Erkenntnisinteressen und Fluchtpunkten sich Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker bislang mit diesen Problemen auseinandergesetzt haben und wie sie dies in Zukunft tun könnten. In diesen Zusammenhang gehört auch die Frage, was Antisemitismus und Rassismus miteinander zu tun haben, was sie voneinander unterscheidet und welche Betrachtungsweisen jeweils sinnvoll und erkenntnisfördernd sind. Nicht zuletzt steht damit auch zur Debatte, mit welchem analytischen Instrumentarium man sich den mit Antisemitismus und Rassismus verbundenen strukturellen, gesellschaftlichen und individuellen Umständen, Ausprägungen und Erfahrungen nähert.

Auf einer dritten Ebene geht es um eine Bestandsaufnahme der Gegenwart, die mit einem soziologisch geschulten und mitunter auch politischen Auge auf die öffentlichen Auseinandersetzungen um und mit Antisemitismus und Rassismus in der jüngsten Zeit (das heißt bis Anfang 2022) blickt – Auseinandersetzungen, die stets eng mit globalen Entwicklungen verbunden und von transnationalen Bezügen und Konfliktlinien durchzogen sind.

Es war ganz und gar nicht selbstverständlich, dass wir für die 2. Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte zumindest teilweise im Plenarsaal des Zentrums für interdisziplinäre Forschung zusammensitzen konnten. Im November 2020, als die erste Debatte pandemiebedingt komplett digital stattfand, wollte sich kaum jemand vorstellen, dass man mehr als ein Jahr später noch immer unter Ausnahmebedingungen würde arbeiten müssen. Inzwischen scheint nun dies schon wieder eine ferne Zeit, aber es sei noch einmal daran erinnert, wie viel Kraft es gekostet hat, den Zumutungen der Pandemie eine zuversichtliche Arbeits- und Gesprächsatmosphäre abzuringen. Zugleich sind trotz der vielen Videokonferenzen, der viel zu seltenen realen Begegnungen und der Dauerbefasstheit der Welt mit »Corona« die Gesprächsbedürfnisse nicht versiegt. Kontaktaufnahmen und intellektueller und zwischenmenschlicher Austausch sind dennoch Alltag geblieben – wenn auch in anderen Formen und anstrengenden Hybridformaten und oft verbunden mit einem geringeren Maß an Erfüllung, Zufriedenheit, Resonanz.

Doch – und deshalb gehe ich hier so ausführlich darauf ein – diese Zeit hat gerade mit Blick auf die deutsche und auch länderübergreifende Debattenkultur öffentlich wie innerwissenschaftlich nicht nur in mitunter hysterische Zuspitzungen geführt. Vielmehr lässt sich im Rückblick sagen, dass sie auch eine besondere Sensibilität und Beobachtungsoffenheit hervorgebracht hat. Es wurde immer auch über das »Wie« der Debatte debattiert, insbesondere über die Art und Weise, wie öffentlich über Fragen von Zugehörigkeit, Teilhabe, Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt gesprochen wird und zu sprechen wäre – in der Wissenschaft unter Lehrenden, Forschenden und Studierenden, aber auch »draußen« im Alltag in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, unter Wählerinnen und Wählern.

Der unmittelbare Anstoß, sich nicht nur wissenschaftlich, sondern auch institutionell eingehender mit Antisemitismus und Rassismus auseinanderzusetzen (etwa über die Einrichtung von Gremien zur Förderung von Diversität und Inklusion), kam im Frühjahr 2020 von der Black-Lives-Matter-Bewegung und der öffentlich an die deutsche Geschichtswissenschaft herangetragenen Frage, welche Haltung diese in der anschwellenden globalen Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus und den Nachwirkungen von Kolonialismus und Imperialismus einnimmt.9

Intensiver als je zuvor in der Geschichte der Disziplin werden nun die Grenzen und Ausschlüsse unserer Frage- und Lektürehorizonte infolge rassistisch geformter Strukturen, Mentalitäten, Semantiken und Praktiken thematisiert. Inzwischen gibt es etablierte Netzwerke und Forschungsverbünde, die sich umfassend mit der Geschichte der Neuen Rechten und des Rechtsextremismus in Deutschland befassen.10 Nach und mit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag 2017 hat die immer höhere Schlagzahl an rassistischen und antisemitischen Straftaten, flankiert von oft heftigen öffentlichen Debatten, der akademischen Geschichtswissenschaft die Agenda diktiert. Gerade für das Fach Zeitgeschichte sind die Folgen dieser Entwicklung auf der Erkenntnis- wie auf der praktischen Arbeitsebene noch längst nicht absehbar.11

Wie diese Debattenlage mit den Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit insgesamt zusammenhängt, hat die Soziologin Teresa Koloma Beck in einem kurzen, aber äußerst bemerkenswerten Essay auf den Punkt gebracht.12 In einem Artikel für die Zeit vom März 2020 hat sie auf die Macht, ja mitunter Gewalt hingewiesen, die Sprache und das öffentliche Sprechen über unsere Sprache mit sich bringen. Bezugnehmend auf ein Sprechstundengespräch mit einem Studenten, der danach gefragt hatte, wie er in seiner Hausarbeit die Begriffe African-Americans und Blacks ins Deutsche übersetzen solle, legte Koloma Beck die für beide Gesprächspartner »unbehaglichen«, zugleich aber sehr unterschiedlich wirksamen persönlichen, professionellen, politischen und historischen Dimensionen offen, die mit dieser Frage buchstäblich im Raum standen. »Das Sprechen über diskriminierende und stigmatisierende Sprache« mache »uns verletzlich«, es sei für alle Beteiligten »riskant«, so ihre These. Es gehe dabei nicht nur um persönliche »Be- und Empfindlichkeiten«, sondern – über ihren jeweiligen gesellschaftlichen Status – um eine Vielzahl von strukturellen Faktoren, die diese Empfindungen bedingten. Gerade deshalb sei es enorm wichtig, darüber zu sprechen, denn über unsere Sprache würden die »Möglichkeiten sozialer und politischer Teilhabe« nicht nur verhandelt, sondern auch verhandelbar. Die Sprache sei ein Spiegelbild »historisch gewachsener gesellschaftlicher Strukturen«, die die »Erfahrung eines Teils der Bevölkerung einschneidend prägen, während [diese Strukturen] für viele andere Menschen unsichtbar sind«.13

Teresa Koloma Beck bilanzierte hier eine Kontroverse, die, gleichwohl wir noch mitten in ihr stehen, schon jetzt als ebenfalls historisch gelten darf. Mit diesem Text mahnte auch sie dazu, die Aufmerksamkeit auf die historischen Zusammenhänge selbst zu lenken und damit auf die Erfahrungsvoraussetzungen sowohl der sichtbaren als auch der weniger oder gar nicht sichtbaren Gruppen in einer Gesellschaft.

Von dieser Mahnung dürfen sich Historikerinnen und Historiker besonders deutlich angesprochen fühlen. In den Texten des Schriftstellers und Essayisten Max Czollek, der im Bereich der historischen Antisemitismusforschung promoviert hat, geht es um etwas ganz Ähnliches – etwa wenn er das »deutsche Bild der Juden« dekonstruiert, ihrer Rolle als »argumentative Krücke« in der leitkulturalistischen »Selbstwahrnehmung der deutschen Gesellschaft« auf die Spur zu kommen versucht und Vorstellungen darüber, was oder wer die deutsche Gesellschaft überhaupt ist, in ihrem Gewordensein analysiert und dabei weit zurückreichende, immer auch problematische Gemeinschaftsvorstellungen und Solidarisierungslogiken bloßlegt.14

Mit anderen Worten: Historisch informierte Betrachtungsweisen bereichern unser Sprechen in und über die Gegenwart und ihre Konflikte. Dafür steht nicht zuletzt auch die historische Forschung Stefanie Schüler-Springorums, die sich in ihrer Arbeit unter anderem aus einer emotionsgeschichtlichen Perspektive mit Antisemitismus auseinandersetzt. Abwertende, feindselige »Gefühle gegen Juden«, samt der dazugehörigen Semantik, haben eine lange und besonders folgenreiche Tradition.15 Wenn es gelänge, die affektive Dimension des Antisemitismus zu erschließen – die emotionale Brühe, in der, mit Theodor W. Adorno gesprochen, das »Gerücht über die Juden« über Jahrhunderte hinweg durch die Geschichte gewabert ist –, ergäben sich daraus Erkenntnispotentiale, die auch für andere Hass- und Gewaltzusammenhänge relevant wären.

Damit sind nur einige der Gedankengänge und Thesenführungen der hier versammelten Texte angerissen, vor allem um zu verdeutlichen, wie notwendig ein multidisziplinärer und vielperspektivischer Blick auf das Thema ist – und wie lohnend ein präzises Nachdenken über die Relevanz und Reichweite wissenschaftlicher Erkenntnisse einerseits und deren öffentlich-gesellschaftliche Verfasst- und Bedingtheit andererseits sein kann.

Diese Überlegungen führen abschließend zu dem, was diese Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte und die dazugehörige Buchreihe Vergangene Gegenwart insgesamt leisten sollen. Sie haben den Anspruch, an die lebendige Diskussionskultur der Bielefelder Geschichtswissenschaft anzuknüpfen, in möglichst jährlicher Folge zentrale Themen der zeithistorischen Forschung aufzugreifen und über die Fachwissenschaft hinaus Raum für offene, auch kontroverse Auseinandersetzungen zu schaffen. Sie sollen zur analytischen Schärfung und Wissensanreicherung solcher Debatten beitragen. Die Reihe fühlt sich einer zu Unrecht als »Sonderwegdenken« verunglimpften Fragetradition verbunden, die sich nicht nur, aber maßgeblich von Bielefeld aus entfaltete: der »Frage nach den eigentümlichen Belastungen der deutschen Geschichte«, wie es Hans-Ulrich Wehler 1973 in seinem Buch über das Deutsche Kaiserreich formuliert hat, und zwar nicht nur nach den Belastungen bis 1945 und auch nicht mehr nur denen der deutschen Geschichte, sondern auch jenen, die sowohl zeitlich als auch räumlich weit darüber hinausreichen.16

Anmerkungen

1Vgl. Martin Sabrow/Ralph Jessen/Klaus Große Kracht (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München 2003; ferner: Klaus Große Kracht, Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Göttingen, 2005 sowie Steffen Kailitz, Die politische Deutungskultur im Spiegel des Historikerstreits, Wiesbaden, 2001.

2Zwei aktuelle Monografien verfolgen diese Auseinandersetzungsgeschichte mit je unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bis in die jüngste Zeit: Andrew I. Port, Never Again – Germans and Genocide after the Holocaust, Cambridge, 2023; Frank Trentmann, Aufbruch des Gewissens. Eine Geschichte der Deutschen von 1942 bis heute, Frankfurt am Main, 2023.

3Vgl. als Überblick zwei aktuelle Nachschlagewerke: Manuela Bojadžijev/Paul Mecheril/Patrice G. Poutrus/Matthias Quent (Hrsg.), Rassismusforschung. Handbuch für Wissenschaft, Studium und Praxis, Baden-Baden, erscheint 2024; Mark Weitzman/Robert J. Williams/James Wald (Hrsg.), The Routledge Handbook of Antisemitism, Abingdon-on-Thames, 2023 sowie die Beiträge von Stefanie Schüler-Springorum sowie Barbara Manthe und Anna Strommenger in diesem Band.

4Vgl. zur Debatte, die am 11.02.2022 am ZiF Bielefeld stattfand, Sebastian Bischoff, Antisemitismus und Rassismus, in: H-Soz-Kult, 22.06.2022, online: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-128092 [01.12.2023] und Stefan Reinecke, Tücken globaler Erinnerung, in: taz, 13.02.2022, online: https://taz.de/Forum-zu-Rassismus-und-Antisemitismus/!5834802/ [01.02.2023].

5Vgl. Christina Morina, Sommer ’22, in: Süddeutsche Zeitung, 26.08.2023, online: https://www.sueddeutsche.de/kultur/christina-morina-antisemitismus-documenta-1.5645809?reduced=true [01.12.2023]; Meron Mendel, Über Israel reden. Eine deutsche Debatte, Köln, 2023, S. 100–109 sowie Abschlussbericht des Gremiums für fachwissenschaftliche Begleitung der documenta fifteen, online: https://www.documenta.de/files/230202_Abschlussbericht.pdf [30.11.2023].

6Vgl. dazu exemplarisch Norbert Frei/Fanka Maubach/Christina Morina/Maik Tändler, Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, Berlin, 2019; Frank Bösch, Im Bann der Jahrestage, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 07.08.2020, online: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/313636/im-bann-der-jahrestage-essay/ [01.02.2023]; Christina Morina, Die Gegenwart des Kaiserreichs. Versuch einer Verortung, in: Birgit Aschmann/Monika Wienfort (Hrsg.), Zwischen Licht und Schatten. Das Kaiserreich (1871–1914) und seine neuen Kontroversen, Frankfurt am Main, 2022, S. 369–394; Dominik Rigoll/Yves Müller, Zeitgeschichte des Nationalismus. Für eine Historisierung von Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus als politische Nationalismen, Archiv für Sozialgeschichte 60 (2020), online: https://library.fes.de/pdf-files/afs/bd60/afs60_16_rigoll_mueller.pdf[01.12.2023]; Thomas Hertfelder, Opfer, Täter, Demokraten. Über das Unbehagen an der Erinnerungskultur und die neue Meistererzählung der Demokratie in Deutschland, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65/3 (2017), S. 365–393.

7Vgl. Ulrich Herbert, Der Historikerstreit. Politische, wissenschaftliche, biographische Aspekte, in: Martin Sabrow/Ralph Jessen/Klaus Große Kracht (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen nach 1945, München, 2003, S. 94–114, Zitat S. 108. Zum sogenannten Historikerstreit 2.0. vgl. u. a. Michael Wildt/Susan Neiman (Hrsg.), Historiker streiten. Gewalt und Holocaust – Die Debatte, Berlin, 2022; Dan Diner/Norbert Frei/Saul Friedländer/Sybille Steinbacher, Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust, München, 2022.

8Herbert, Der Historikerstreit, S. 108.

9Christina Morina/Norbert Frei, Rassismus und Geschichtswissenschaft, in: L. I.S. A. Wissenschaftsportal, 24.09.2020, online: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/rassismus_und_geschichtswissenschaft_morina_frei [01.12.2023].

10 Beispielhaft genannt sei – neben (wenigen) länger bestehenden Zentren wie dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA) an der Hochschule Düsseldorf – der Zeithistorische Arbeitskreis Extreme Rechte (ZAER) am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

11 Zur Einordnung und als Einführung in die deutsche Rassismus- und Gewaltgeschichte seit 1990 vgl. jüngst u. a. Till Kössler/Janosch Steuwer (Hrsg.), Brandspuren. Das vereinte Deutschland und die rechte Gewalt der frühen 1990er Jahre, Bonn, 2023.

12 Vgl. Teresa Koloma Beck, Reden bedeutet Risiko, in: Zeit Online, 20.03.2020, online: https://www.zeit.de/kultur/2020-03/diskriminierende-sprache-stigmatisierung-rassismus-begriffe-linguistik-10nach8 [01.12.2023].

13 Ebd.

14 Vgl. Max Czollek, Desintegriert euch!, München, 2018, S. 7; Max Czollek, Gegenwartsbewältigung, München, 2020, S. 17.

15 Vgl. u. a. Stefanie Schüler-Springorum/Jan Süselbeck (Hrsg.), Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie, Göttingen, 2021; Stefanie Schüler-Springorum/Uffa Jensen, Einführung: Gefühle gegen Juden. Die Emotionsgeschichte des modernen Antisemitismus, in: Geschichte und Gesellschaft 39/4, 2013, Göttingen, 2013, 413–442 sowie Stefanie Schüler-Springorum, Perspektiven deutsch-jüdischer Geschichte: Geschlecht und Differenz, Paderborn, 2014.

16 Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen, 1973, S. 11 [Herv. C. M.]. Zum Projekt einer »Bielefelder Sozialgeschichte« nicht im Sinne einer »Historischen Schule«, sondern »specific adademic milieu« und Forschungstradition vgl. jüngst Vito Gironda, Was there a »Bielefeld School of History«? The Project of the New Social History in the 1970s and 1980s, in: Storicamente 19 (2023), S. 1–44.

Teil 1

Antisemitismus und Rassismus. Konjunkturen und Kontroversen seit 1945 – Eine historiografische Bestandsaufnahme

Stefanie Schüler-Springorum

Vor einigen Jahren kam mit Lore ein Film in die deutschen Kinos, den man als Auftakt zu jeder Veranstaltung zum Thema Antisemitismus und Rassismus nach 1945 hätte zeigen können: Er spielt am Kriegsende und beschreibt den Weg von Lore, der ältesten Tochter einer SS-Familie, durch das zerstörte Deutschland vom Schwarzwald bis nach Föhr. Während die Eltern fliehen, soll sich das junge, stramm BDM-geschulte Mädchen mit ihren kleinen Geschwistern zur Großmutter nach Nordfriesland durchschlagen. Der Film erzählt in beeindruckenden Bildern von diesem Marsch durch ein zerstörtes Land und von zerstörten Menschen: von DPs und Zwangsarbeiterinnen auf dem Weg nach Hause, Ausgebombten, Vertriebenen, Juden, Russen, Nazis, KZ-Überlebenden; es geht um Gewalt und Vergewaltigung, Trauma und Tod. Am Ende, in Wyk auf Föhr angekommen, hat sich die schweigsame Lore deutlich verändert, was sich abschließend darin zeigt, dass sie am Tisch ihrer Großmutter das gehaltvolle Essen quer über den im blauweißen Friesenmuster gedeckten Tisch kotzt. Ich benutze diesen umgangssprachlichen Begriff absichtlich hier, denn das ist es, was Lore tut: Sie kotzt sich aus, und zwar genau in dem Moment, in dem die Großmutter beteuert, die Deutschen im Allgemeinen und Lores Eltern im Besonderen treffe natürlich keine Schuld an all dem, was Deutschland jetzt widerfahre.

Mittlerweile – und dies schon seit mehreren Jahrzehnten – ist diese zähe Nachkriegsbehauptung tausendfach widerlegt, dekonstruiert und auch immer wieder moralisch verurteilt worden. Für die Zeitgeschichtsforschung der Bundesrepublik standen bis vor kurzem die Jahre zwischen 1933 und 1945 im Fokus des Interesses, zunächst über mehrere Jahrzehnte vor allem ihre Vorgeschichte, bis dann langsam und mit fortschreitender Distanz ihre Nachgeschichte in den Blick rückte. Das Interesse der Forschenden richtete sich dabei jedoch vor allem auf Lore und ihre Familie, bestehend aus ihren Eltern, Geschwistern und Großmutter, und eher weniger auf die Menschen, die ihr auf ihrem Weg begegnet sind. Es handelte sich – und dies ja auch aus guten Gründen – primär um eine deutsch-deutsche Auseinandersetzung, bei der andere Perspektiven nur sehr langsam und sehr spät in den Blick kamen. Bevor wir uns dieser Entwicklung im Einzelnen zuwenden, möchte ich hier nur kurz auf gewissermaßen systemimmanente Gründe für diesen spezifisch deutschen zeithistorischen Blick verweisen; Gründe, die vielleicht teils trivial klingen mögen, aber doch äußerst wirkmächtig sind.

Geschichte ist zunächst einmal ein langsames Fach, was zum einen mit der mühevollen und aufwendigen Materialerhebung, zum anderen mit der narrativen Form zu tun hat: Gutes und quellengesättigtes Schreiben braucht seine Zeit. Hinzu kommen die Sperrfristen in Archiven, die für viele Themen einen Gap von mindestens dreißig Jahren bewirken. Insofern ist es nicht ganz so erstaunlich, dass es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten vor allem die Soziologie war, die sich zum Beispiel mit Antisemitismus beschäftigte – die Frage ist nur, warum dies grosso modo so geblieben ist. Hier mochte zudem die Gründung des stärker historisch arbeitenden Zentrums für Antisemitismusforschung im Jahre 1982 eine Rolle gespielt haben, denn fortan konnte man das Thema praktischerweise aus der Zeitgeschichte hinaus dorthin delegieren (ein vergleichbarer Effekt ist auch mit Blick auf die Etablierung von Lehrstühlen zur Geschlechtergeschichte zu beobachten).1

Ähnliches kann man für die Frage nach der Vernachlässigung des Rassismus in der deutschen Geschichtswissenschaft konstatieren. Diese große Leerstelle lässt sich zudem neben dem offensichtlichen Fehlen eines interdisziplinären Zentrums für Rassismusforschung nicht nur, aber auch mit dem Problem der Perspektive erklären: Ein Blick in Historische Seminare, Lehrveranstaltungen, Konferenzen und Berufungskommissionen macht schnell deutlich, dass die deutsche Geschichtsforschung bis heute ein ziemlich autochthones Unterfangen ist – im Gegensatz etwa zu den Sozialwissenschaften, wo in den letzten zwanzig Jahren eine theoretisch informierte Rassismusforschung gerade von Akademikerinnen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration eingefordert und vorangetrieben worden ist.2