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DER ROMAN FÜR GENERATION SMARTPHONE! Wie wäre es alle Probleme der Welt zu lösen und dabei noch Spaß zu haben? Mit dieser App, regierst du den Planeten!
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2017
Toni Suhr
© 2017 Toni Suhr
Umschlag, Illustration: Paula Wanda Wildemann
Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-3228-9
Hardcover:
978-3-7439-3229-6
e-Book:
978-3-7439-3230-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Frau L. und Herrn L.,ihr seid die Besten!
APPWORLD
Von Toni Suhr
Kennen sie Adolf Hitler? Josef Stalin? Napoleon Bonaparte? George W. Bush? Ja? dann wird es ihnen sicherlich nicht gefallen zu hören, dass diese vier Herren die Spitze des Eisberges darstellen, der auf mein Konto geht. Sie haben richtig gelesen, ich bin für all den Wahnsinn und die Grausamkeit verantwortlich. Natürlich können sie mir jetzt gerne den Kopf einschlagen, weil ich ihre Eltern, Freunde, Geschwister oder ihren Hund auf dem Gewissen habe. Aber lassen sie mich zunächst erklären, warum sie mit mir doch ein wenig Gnade walten lassen könnten. Ja, ich bin für die Leben vieler Menschen der vergangenen Jahrhunderte verantwortlich, ob alt ob jung, jeder war mir Untertan. Allein, ich wusste es schlicht nicht! Egal ob sie an Gott glauben oder nicht, es gibt diese Typen tatsächlich. Pardon es können genauso gut Frauen sein, nur sind die meistens noch schlimmer als die Kerle der Schöpfung! Was red ich denn von Schöpfung!? Wirklich gelungen ist den Ex-Spielern eigentlich so gut wie nichts! Und ich Trottel hatte auch noch das Vergnügen die Sache noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon war. Aber wie gesagt, ich wusste nicht, was ich tat, als an meinem sechzehnten Geburtstag auf meinem Handy folgende Spieleanfrage einging:
Lets Play the World!
Von da an lief alles schief.
Alles begann am Tag vor meinem Sechzehnten. Großes Drama! Meine Eltern hatten wochenlang in den Schützengräben gelegen, ich war der Angreifer. Mein strategisches Ziel war klar: Handy, bei der taktischen Seite meines Unternehmens stieß ich jedoch auf enorme feindliche Kräfte. Meine Eltern samt einem Heer aus Verwandten, Bekannten und jedem den sie in ihre Reihen ziehen konnten.
Letzten Endes zog ich mit nichts als einer wahren Lüge in die Schlacht. Ich behauptete einfach, ohne Handy müssten sie mich noch viel öfter aus der Notaufnahme abholen. Falls sie sich wundern sollten, was eine Notaufnahme, ein Handy und die Eltern eines Fünfzehnjährigen gemeinsam haben könnten, sollte ich ihnen vielleicht erstmal erklären, was in den vierzehn Jahren zuvor geschehen ist.
Geboren wurde meine Wenigkeit in Brandenburg. Ich weiß, was sie denken, und sie haben recht! Meine Eltern waren damals von der außerplanmäßigen Baumaßnahme, die ihrem Land, ihrem Arbeitgeber und ihrem gemütlichen Leben ein Ende setzten ... nun ja, not amused würde man wohl sagen. Was blieb ihnen also anderes übrig, als sich nach dreizehn Jahren Ausländerhass, stumpfsinnigen Dorffesten und zeitweiser Hartz-Vier-Versklavung, in den „Goldenen Westen“ abzusetzen? Was in meinem Geburtsland mit der Knarre beantwortet wurde, war inzwischen zu einer Massenflucht (hihi) biblischen Ausmaßes angewachsen. Was für meine Erzeuger das (nochmal hihi!) „Gelobte Land“ bedeutete, war für mich genauso gut als hätten sie mir einen Kururlaub in Bad Guantanamo angedeihen lassen. Ich wollte nicht weg! Meine ganze Welt war hier! Freunde, Schwimmbad, Schule, Susi! Alles, was ich zum Leben brauchte, war doch da! Aber wer fragt schon seinen dreizehnjährigen Sohn um Erlaubnis? Die Faschos waren mir egal, man wusste, wo die abhingen. Auf den Dorffesten hab ich mich das erste Mal mit Susi rumgeknutscht! Was ging mich Berlin an? Das Kaff war mir Schnurtz! Alles, was von da kam, war doch nur Müll. Politik und der ganze andere Scheiß gehörte nicht zu meiner Welt, also fand sich entsprechend wenig Wissen in meinem Kopf darüber. Das, was hier im Sand Brandenburgs zählte, dass waren deine Beine (Faschos) deine Arme (Schwimmbad) und dein Aussehen (Bier auf dem Dorffest). Ich war für meine dreizehn Jahre, mit stattlichen Einsachtzig geschlagen, was dem Mann im Bierwagen meistens genügte. Auf dem Land kennt dich zwar jeder, aber jeder weiß auch, dass Bier die einzige Möglichkeit ist um als dreizehnjähriger an eine Freundin zu kommen. Doch alle meine wohlüberlegten Argumente, konnten meine Eltern nicht zum Bleiben überreden. Also packten sie den Kram aus unserer Vierzimmerplatte ein und fuhren mit mir in einem altersschwachen Audi nach Baden-Württemberg.
Drei Jahre später, hatte ich mich komplett verwandelt. Mein linguistischer Ausweis stempelte mich mit einem unsichtbaren Judenstern, nur eben für Ossis. Freunde hatte ich keine mehr, Susi rief mich vielleicht noch zwei Wochen an, danach war ihr Guthaben und unsere Beziehung abgelaufen. Was in „Ländle“ nördlich von Stuttgart als Gastfreundschaft betrachtet wird, konnte ich bereits an meinem ersten Schultag erfahren. Integration funktioniert, sag ich ihnen, nur nicht, wenn man die falsche Herkunft hat. Wenn sich zwei Russen mit einem Türken und vier Deutschen einig waren, dann wenn es gegen den Ossi in ihrer Klasse ging. Bereits am ersten Nachmittag in diesem mir fremden Land musste mich mein Vater nach seiner Schicht in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses abholen. Bei einem Maschinenbauer der seltsamerweise für einen gelernten Ingenieur bereit war, so viel zu zahlen, dass es für eine dreiköpfige Familie reicht, sah man es mit Verblüffung, dass der neue Kollege nach dem Anruf in der Firma, das sein Sohn die ein oder andere Platzwunde hatte, nicht sofort Schluss machte. Doch gelernter Ossi, der mein Vater zuzüglich seines Doktors in Maschinenbau war, galt der Arbeitsplatz als Sakrosankt. Meine Mutter hatte in einem Kaufhaus in Stuttgart ebenfalls dem Arbeitsplatz den Vorzug gegeben. Also saß ich geschlagene vier Stunden auf einer abgewetzten Plastikbank in einem nach Desinfektionsmittel riechenden Wartebereich der Notaufnahme, Es sollte nicht mein letzter Aufenthalt in der Einrichtung bleiben.
Als mein sechzehnter Geburtstag nun näher rückte, hatte ich das Glück mir Schwester Renate schon per du zu sein. Sie war die einzige in diesem verrückten Land im Südwesten der Bundesrepublik, die noch so etwas wie Verstand zu haben schien, meine Eltern eingeschlossen! Jeden zweiten Tag irgendein schwäbischer Fraß, sie hatten sich, wie man heute sagt, offensiv integriert. Was einst gestandene FDJ`ler waren, mutierte zu einem Aushängeschild der Spätzlekultur.
Jedenfalls wurde Schwester Renate zu meinem sicheren Hafen. Sie wollte dem Dauergast mit den Anpassungsproblemen helfen. Daher brachte sie mir alles bei, was in ihrem langen Leben als Fazit übriggeblieben war: „Die Welt ist schlecht, und die Hoffnung auf einen Gegenschlag ist die einzige Freude die du im Leben haben kannst.“
Ich fand, das war eine super Ansicht! Was kümmerten mich die Schläger, irgendwann würde ich es ihnen heimzahlen! Sollten meine Eltern doch in ihrer Schwäbischhölle versauern! Ich würde keine Sekunde länger als unbedingt nötig hierbleiben! Was musste ich mich um meine miesen Noten sorgen? Hartz Vier bezahlt mein Bier!
Und während ich über so manchem teuflisch (haha!) gemeinem Racheplan an Gott (tja Bro, so ist`s nun mal!) und Baden-Württemberg nachdachte, verging die Zeit. Inzwischen stellten die großen Handyfirmen Smartphones in solcher Schnelligkeit her, dass man gefühlt alle zwei Monate ein neues haben musste. Das mittlerweile üppige Familieneinkommen, hätte mir eines dieser Dinger locker finanzieren können. Doch wie gesagt, ich war mit den schwäbischsten aller Eltern gestraft. Jeder in meiner Schule besaß so ein Teil, nur ich nicht! Wir hatten nicht mal Internet! Können sie sich das vorstellen?
Und so begann an einem schönen Herbstabend, den ich mit einer Bandage um den Kopf und Schwester Renate verbrachte, der Feldzug gegen die die zwei Tyrannen der Biederness. Ich ließ nichts unversucht in den Schlachten um die mediale Aufrüstung. Am Anfang war ich noch human. Werbeflyer, die zufällig auf dem Frühstückstisch lagen. Fernsehprogramme die bei Handywerbung auf voller Lautstärke durch das Haus dröhnten. Ok, die Nummer mit dem abgebissenen Apfel im Handschuhfach von Papas neuem Mercedes, war vielleicht ein bisschen unausgereift. Nach einer Woche fand er das verschrumpelte Ding. Die Message kam nur suboptimal bei ihm an. Ja, ich hatte Hausarrest! Aber das war mir egal, Freunde hatte ich schließlich keine mehr. Und ließ ich mich von derartigen Rückschlägen entmutigen? Wäre ja noch schöner! Auf dem Weg zum Endsieg (kleiner Gruß nach Brandenburg) war mir nichts zu dumm. Schließlich brachte mich Schwester Renate auf die zündende Idee. Als sie mir gerade den linken Arm wieder einkugelte, redete ich mir meinen handylosen Frust von der Seele. Sie legte den Kopf schief, und meinte nur: „Sag ihnen doch einfach, dass du mit einem Handy wenigstens den Krankenwagen selber holen kannst, dann ruft sie auch keiner mehr auf Arbeit an“.
Hatte ich schon erwähnt, dass die Frau genial ist?
Und so kam es, das ich mein erstes Handy gegen jeden Widerstand zu meinem sechzehnten Geburtstag bekommen sollte. Meine Lage war zwar immer noch nicht besser geworden, doch nun würde ich wenigstens im Internet nach einer Lösung für meine Probleme suchen können.
Ich hatte ja keine Ahnung, dass man im Netz nicht unbedingt die Krone der Schöpfung (hihi) finden kann!
Der Abend war gekommen. Glücklicherweise ein Samstag, denn ich hätte ungern meinen sechzehnten in Bandagen auf meine Eltern gewartet.
„Hier! Herzlichen Glückwunsch!“
„Was soll das sein?“
„Na, dein neues Handy!“
„Euer Ernst?“
„Was hast du denn?“
„Offenbar begriffsstutzige Eltern!“
„Nicht in diesem Ton!“
„Ich habe Apfel oder blauer zusammengedrückter Kreis gesagt“
„Das mit dem Apfel erinnert mich an was“
„Ist doch egal an was dich das erinnert! Ihr habt mal wieder nicht zugehört!“
„Was hast du? Du wolltest ein Handy, hier hast du eins“
„Handy? Wer hat euch glauben gemacht das Ding sei ein Handy?“
„Im Internet stand ...“
„WIR HABEN KEIN INTERNET!“
„Ich habe auf Arbeit gekuckt“
„Unter was? Assiphone Zwei Punkt Null oder wie?“
„Ich wusste mit diesem Zeug nichts anzufangen, also hab ich Rainer gefragt“
„Rainer?“
„Ja! S`Rainerle hat selber so ein Ding mit Apfel drauf, er findet`s nur kompliziert“
„Der Kerl war doch Fernmelder bei den Nazis! Woher soll der wissen, was ein gutes Handy ist!?“
„Hey! Er ist der beste Mann für Anlagenbau den wir haben“
„Und?“
„Nichts und, er hat gesagt, dass ich eines von den Teilen auf dieser chinesischen Webseite nehmen soll. Die sind billiger und einfacher zu bedienen. Haben aber das gleiche drauf“
„Du kannst kein Chinesisch!“
„Aber s`Rainerle!“
„Toll! Dann kann s`Rainerle mir bestimmt seinen Apfel für dieses Schrotteil geben!“
„Bist du eigentlich nie zufrieden?“
„Hättet ihr mir das Handy gekauft, das ich haben wollte, dann wär ich auch zufrieden!“
„Hör mal entweder du nimmst das oder ich schenke es Rainers Tochter!“
„Lebt die auch in der digitalen Steinzeit?“
„Na hör mal! Die ist Informatikstudentin in München! Die hat bestimmt mehr Ahnung als du!“
„Wenn sie das Teil nimmt, wundert mich die softwareteschnische Ahnungslosigkeit in diesem Land gleich viel weniger“
„Also willst du das Handy jetzt doch nicht oder wie?“
„...“
„Ehrlich, wir haben lange gerungen bis wir uns dafür entschieden haben dir eins zu kaufen“
„...“
„Aber auf Arbeit haben sie schon komisch gekuckt als ich sagte du willst eins“
„...“
„Die haben gefragt warum du noch keins hast! Stell dir vor!“
„...“
„Nimmst du`s jetzt oder nicht?“
„Gib her!“
„Na also, wirst sehen das Ding wird dir gefallen!“
„Was soll das für eine SIM-Karte sein?“
„Der beste Anbieter! S´Rainerle hat für mich sogar seine Tochter angerufen. Sei dankbar das sie extra für dich nachgeschaut hat, was der optimale Tarif ist!“
„Hier steht ich kann Telefonieren, und SMS versenden“
„Macht man das nicht mit einem Mobiltelefon?“
„NEIN!“
„Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Du hast doch gesagt, dass wir uns dann nicht mehr um deine Ausreißer von der Schule kümmern müssen!“
„Ich wollte wenigstens einen Vertrag in dem eine Internetflatrate drin ist!“
„Wozu brauchst du einen Vertrag? Mit sechzehn bist du doch noch gar nicht geschäftsfähig!“
„Sagt ihr mir gerade das das Teil auch noch Pre-Paid ist?“
„Pre ... was?“
„voraus bezahlt“
„Ja, ich denke das es eine hilfreiche Lektion sein könnte, wenn du mit deinem Geld auch deine Rechnungen bezahlst“
„Ihr gebt mir kein Taschengeld!“
„Huch! Dann wird der Herr Sohnemann wohl oder übel eine andere Beschäftigung finden müssen als ständig im Krankenhaus rumzulungern“
„Glaubt ihr ich mache das zum Spaß?“
„Wozu sonst?“
„Weil mich die Arschlöcher aus der Klasse auf dem Kieker haben!“
„Du und deine Phantasie! Wir haben doch mit deinem Klassenlehrer geredet. Er meint, du weigerst dich, dich den anderen anzupassen. Also komm mir nicht mit faulen Ausreden“
„Mich wundert echt das ihr beide noch auf eure geliebte Arbeit findet. So blind, wie ihr seid!“
„Findest du dein Betragen akzeptabel junger Mann?“
„Findet ihr eure Ignoranz akzeptabel?“
„Prima! Du darfst den Rest deines Geburtstags auf deinem Zimmer verbringen!“
„Toll, dann hab ich wenigstens Zeit mich über mein internetloses Handy zu freuen!“
„Siehst du? Geht doch!“
„...“
Ich möchte nicht weiter ausschmücken, was ich in diesem Moment alles dachte, aber sie können sich bestimmt vorstellen, dass es nichts Gutes war.
Da saß ich nun. In meinem Zimmer unter dem Dach, und betrachtete meine alten und neuen Habseligkeiten. Einen Schrank aus der DDR, den ich gegen jede Ikeainvasion meiner Mutter verteidigt hatte. Mein Schreibtisch mit den abgebrochenen Griffen an den Schubladen, der immer noch hielt. Und mein Bett auf das ich mich mit dem so genannten Handy setzte. Nicht allzu groß hier oben, aber dafür eine elternbefreite Zone.
Great Original Device prangte auf dem kleinen Karton, in dem die Wahnsinnstat meiner Eltern ruhte. Nach dem Öffnen fiel mir direkt eine Anleitung, natürlich in sämtlichen Sprachen, außer Englisch und Deutsch, in den Schoß. Das Arigato im japanischen Teil des windigen Heftchens war noch das verständlichste. Aber wie sagte schon Tim Taylor? Real men, dont need Instructions. Also schloss ich die verdächtig geklaut wirkende USB Leitung über einen breiten Anschluss an den klobigen schwarzen Kasten an. Bei näherem Hinsehen fiel mir auf, dass das Gehäuse mit einer Folie überzogen war. Überzieher können wichtig sein, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber noch nicht mal ansatzweise einen gebraucht. Sie wissen schon was ich meine. Also zog ich an der Folie, und siehe da, das matte Gehäuse hielt die erste (und bei weitem nicht letzte) Überraschung für mich bereit. Statt wie auf der Verpackung in dezentem Schwarz gehalten zu sein, strahlte mich der kleine Plastikasten in schwulem Pink an! Danke Rainerle! Doch wenigstens schien das Ding einsatzfähig, denn die Buchstaben von der Packung leuchteten mir auf dem Display entgegen. Wenigstens etwas dachte ich. Überhaupt war das Display erfreulich groß, von der Farbe einmal abgesehen, wirkte das Teil wenigstens nur um vier Jahre zu spät.
Der erste Schock lief auch direkt an. Sämtliche Icons, Buttons und Fenster, waren mit chinesischen Schriftzeichen verziert. Das Betriebssystem wollte irgendwas von mir. Ich wollte was von ihm und da wir beide nicht miteinander kommunizieren konnten, passierte das was immer passiert wenn zwei aneinander vorbei reden; nichts Gutes! Nach einer viertel Stunde wildestem Rumdrückens, Fluchens und gelegentlichen Würfen aufs Bett, gelangte ich in das, was ich für die Einstellungen des Kastens hielt. Zumindest lag der Verdacht nahe, da in meiner Drückerei irgendwann ein Fenster mit mehreren Schriftzeichen aufging, dass Gott sei Dank (hihi) auch unsere normalen Buchstaben enthielt. Nach mehreren Anläufen mit Suaheli und Altägyptisch (was ich damals noch für einen Witz der Programmierer hielt), fand ich das mir vertraute Deutsch. Allerdings schienen Programmierer und Übersetzer aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein, denn neben dem Kürzel GER prangte folgende Zeile:
Du machen klar Reden für Beginn. Wollen umschalten?
Ich drückte auf die grüne Taste unter dem Fenster und gelangte wieder an den Anfang des Menüs. Danke Rainerle!!
Beim nächsten Versuch wusste ich, das Chinesen rot offenbar nicht als eine negative Farbe ansahen, scheiß Kommunisten! Doch endlich konnte ich mein Telefon in seiner ganzen unausgereiften Pracht bewundern. Mehr als die Hälfte aller Menüs war in einem hanebüchenen Dialekt übersetzt, der nur die Mandarin Version des Sächsischen übersetzt von einem betrunkenen Waliser sein konnte. Auch die Icons der App`s sahen komplett anders aus als ich das aus dem Fernsehen kannte, oder von den Werbeprospekten der richtigen Handyfirmen. Ein gelber Telefonhörer führte mich in ein Menü mit mehreren Servicediensten, die seltsamerweise alle mit einer zehnstelligen Zahlenfolge versehen waren (es waren französische Anschlüsse). Ein Tastenfeld um wenigstens Renates Nummer eingeben und speichern zu können, fand ich nicht. Also ging ich zurück auf den Hauptbildschirm und wischte ein bisschen herum. Mehrere Lacher verursachten bei mir die drolligen Namen der einzelnen App`s. Schreibblock, Hilfe Selbst und Aufwacher, sind die an denen ich meinen größten Spaß hatte. Der Schreibblock, ich dachte es wäre ein simples Memopad, entpuppte sich als Lizenzvertrag. Ich klickte sofort auf Grün, um wieder rauszukommen. Was als Hilfsapp mit Fragezeichen getarnt war, zeigte mir eine Karte von Shenzen. Und der vermeintliche Wecker enthielt zwar Zahlen, allerdings nur rückwertslaufende.
Danke Rainerle!
Kurz davor das Wort Hacker wörtlich zu nehmen, und das Teil mit Papas Spaltaxt zurück in sein kommunistisches Mutterland zu prügeln, stieß ich auf einen Smiley. Er grinste mich lustlos an, und darunter prangte die Beschreibung:
Bau Auf!-the Game
Wenn ich schon nicht telefonieren oder SMS, geschweige denn im Internet surfen konnte, hatte ich vielleicht Glück und in den Pausen die ich aus Selbstschutz auf dem Klo verbrachte, etwas zum Spielen. Das der Vorsatz „Bau Auf!“ mich zudem an eine mir lieb gewordene Phrase aus der Heimat erinnerte, überzeugte mich den Druck auf den Smiley zu wagen. Der Bildschirm wurde schwarz, und blieb es auch. Toll dachte ich jetzt hab ich den Ausschalter gefunden. Gerade als das Handy seinen ersten und letzten Freiflug an meine Wand erhalten sollte, erklang ein Orchester aus den Lautsprechern an der Rückseite des Kastens. Man kann den Chinesen ja vieles vorwerfen, aber Materialverschwendung gehört eigentlich nicht dazu. Dennoch musste der unterbezahlte Schichtleiter in der Handyfabrik, seinen minderjährigen Fachkräften hier einen Fehler durchgehen gelassen haben. Für zwei winzige Handylautsprecher, war der Klang des Orchesters eindeutig zu gut. Es hörte sich an, als ob ich direkt vor der Bühne in der Oper sitzen würde. Verblüfft hob ich den Kasten, und sah auf das nun nicht mehr, leere Display.
Die Nachricht die mich so richtig in die Scheiße reiten sollte, prangte in akkurat geschwungenen gelben Lettern vor mir auf:
Lets Play the World!
Nach einer kurzen Ladesequenz, ein Balken lief von rechts nach links, erschien der Titelschirm des Spiels. Sonderlich beeindruckend waren die drei Auswahlmöglichkeiten nicht:
-Neues Spiel-
-Avatar erschaffen-
-Welt bauen-
Im Hintergrund liefen immer zwei gleiche Bilder über den Schirm. Ein weißer Kerl in weißen Klamotten und ein roter Hund. Ich tippte auf -Avatar erschaffen- und das Menü veränderte sich. Nun konnte ich eine kleine Version meiner selbst in pixeliger Kleidung sehen. Moment? dachte ich mir, woher weiß das Teil wie ich aussehe? Ein Blick auf die Oberseite des Gehäuses verriet mir, warum ich auf dem Display erschienen war. Zwei winzige Objektive starrten mich aus ihren plexigläsernen Augen an. Ein Glück, dass ich nicht am Internet hänge schoss es mir im Gedanken an die NSA durch den Kopf. Das Spiel bot nun mehrere Auswahlmöglichkeiten. Über meinen verschiedenen Körperteilen prangten Menü Buttons. Ich berührte das über meiner rechten Hand, und siehe da, der Bildschirm zeigte nun einen Haufen komischer Zahlen und Daten. Mathematik ist nicht meins, genau wie Schule im Allgemeinen, also schloss ich das Fenster mit einem Druck auf den Grünen Zurück Button.
Erneut im Hauptmenü, entschloss ich mich ein neues Spiel anzufangen. Zunächst wurde eine seltsame Highscoreliste angezeigt: 1-Zeus
2-Amaterasu
3-Ra
4-Alla
5-Gott
6-Jave
7-Budda
8-Odin
9-
10-
Das die Spieler offenbar alle Namen von irgendwelchen Göttern hatten (Ja auch der religionsbefreite Ossi kennt ein Paar von denen!) verwunderte mich nicht wenig. Wie es allerdings sein konnte das ein Handy das noch nicht mal über eine Telefonapp verfügte, einige Spielstände gespeichert haben sollte, war mir unbegreiflich. Die einzige Erklärung, die mir einfiel war die, dass in China offenbar jemand ein internetbasiertes Spiel auf dem Handy vorinstalliert haben musste. Also las ich vielleicht gerade Spielstände von vor über vier Jahren auf meinem Bildschirm.
Die Liste verschwand und machte einer Nachricht Platz:
Avatarname ungültig!
Und wieder zurück ins Hauptmenü. Ich dachte nicht daran meinem allzu wissbegierigen Handy meinen echten Namen zu verraten, also wählte ich die letzte Option aus, - Welt bauen- und erneut wurde mein fehlender Avatarname bemängelt.
Genervt von dem Ewigen auf Grün getippe, kehrte ich zur Charaktererstellung zurück. Erneut blickte mich mein pixeliges Pendant an. Täuschte ich mich oder sah mein Avatar ebenso genervt aus wie das Original? Über dem Kopf des kleinen Ichs prangte eine leere Zeile. Da ich zu dieser Zeit ein Faible für den Film Titan A.E. hatte, beschloss ich mein virtuelles Selbst mit dem Namen Bob zu versehen. Augenblicklich begann mein Handy zu vibrieren. Ich erschrak und ließ es auf das Bett fallen. Als ich den kleinen Kasten wieder aufnahm, lachte Bob mich an. Er deutete auf seinen Kopf. Es war klar, dass ich das Menü öffnen sollte. Das Fenster öffnete sich, und eine noch längere Liste als bei Bob`s Hand erschien. Hier waren Schaltflächen dabei, die seltsame Titel trugen. Zum Beispiel Imput oder Kino. Damit anfangen konnte ich natürlich nicht viel, aber als ich gerade auf den grünen Exitknopf tippen wollte, erschien Bob am linken Bildschirmrand und deutete auf das Feld Wünsche. Natürlich öffnete ich das Fenster!
Eine Vielzahl sehr einfacher und sehr knapper Beschreibungen von Dingen erschien. Mir kam schon der erste Punkt erschreckend bekannt vor:
Nach Hause!
Wehmut überflog mich wie eine F16. Nach Hause! Nach Brandenburg, zurück zu Schwimmbad und Faschos, aber wenigstens wieder zu Hause!
Der nächste Punkt war schon eher etwas Konkreteres:
Stärker sein als alle Spakos aus der Klasse!
Als ich den Satz berührte, blickte er rot. Aha! Das chinesische Ja ist wieder da! dachte ich mir. Belustigt von so viel Zufällen in dem vorinstallierten Spiel, ging ich zurück ins Hauptmenü um endlich ein neues Spiel zu beginnen, zum Aufbauen wollte ich später kommen.
Die Highscoreliste hatte sich bereits auf meinen Avatar eingestellt:
1-Zeus
2-Amaterasu
3-Ra
4-Alla
5-Gott
6-Jave
7-Budda
8-Odin
9-Bob
10-
In derart illustrer Gesellschaft fühlte ich mich schon ein bisschen geehrt. Als Erstes sollte ich dem Spiel nach dem Verschwinden der Liste sagen, ob ich gut oder böse wäre. So schnell, wie mein Daumen auf Böse zischte, hätte ich selber nicht gucken können.
Ja, was haben Sie denn gedacht? Das ich ein netter Bursche von nebenan bin? Der Typ der sonntags das lokale Werbeblättchen in ihren „Bitte keine Werbung“ betitelten Briefkasten steckt? Nein! So einer bin ich nicht! Nach drei Jahren Schwabenland hatte es sich mit dem freundlichen Ossi ein für alle Mal! Jede Woche mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks verarscht, ausgelacht und verprügelt zu werden, glauben Sie ernsthaft, dass ich da lange Zögern würde, für welche Rolle ich mich entscheide?
Oder wie es Renate damals ausgedrückt hatte: „Es macht mehr Spaß auf der Seite der Bösen zu stehen, die Verlieren zwar immer, aber dafür haben sie nicht diese widerlichen Amiszenen in den Filmen!“ Sie hatte zu dieser Zeit eine regelrechte Manie gegen Pathos im Film entwickelt, nachdem sie Spiderman zum fünften Mal vor einer Amiflagge in Slow Motion vorbeispringen sehen musste.
Also war meine Entscheidung klar. Ich würde in diesem seltsamen Spiel den bösen Buben geben. Wehe demjenigen, der mein Gegenspieler werden würde!
Bob erschien auf dem Bildschirm, er trug eine kurze Hose in Schwarz und ein gelbes T-Shirt. Toll eine Bobbiene! Da werden sich die Guten aber fürchten! dachte ich schmunzelnd. Um den kleinen Avatar zeichnete sich langsam ein Hintergrund ab. Er sah genau so aus wie mein Zimmer! Verwirrt starrte ich den kleinen Kerl an. Im Nachhinein wunderte es mich, das ich nicht schon früher auf die Idee gekommen war die Kameras mit Isolierband abzukleben.
Gesagt getan, trotz des frostigen Tones meiner Eltern, ließen sie mich in den Keller gehen um die optische Schutzmaßnahme vorzunehmen. Als ich erneut am Wohnzimmer vorbei hoch zur Treppe wollte, rief mir mein Vater hinterher: „Ab ins Bett! Morgen fahren wir früh los!“
„Ja Papa!“ rief ich zurück.
Verdammt! Das hatte ich völlig vergessen! Morgen wollten meine Eltern zu Tante Sabine und ihrer ätzenden Tochter fahren. Und ich musste natürlich mit! Nach München! Nach Bayern! Ins tiefste Ausland!
In Gedanken betete ich (verrückt, wenn man mal drüber nachdenkt!) dass mein chinesisches Spionagegerät das auf meinem Bett lag, mir den Sonntag einigermaßen erträglich machen würde.
Alles klar bei dir da hinten?“, erkundigte sich mein Vater.
„Wenn ihr mich wieder zu Hause absetzt, dann ja!“, grollte ich zurück.
„Ach Junge!“, stöhnte Mama, „kannst du nicht ein Mal deine schlechte Laune vergessen?“
„Nein“
