April & Storm - Weiter als der Ozean - Karen Ashley - E-Book

April & Storm - Weiter als der Ozean E-Book

Karen Ashley

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Beschreibung

Mit gebrochenem Herzen kehrt April zurück in ihr Elternhaus. Sie will in Hannover das sogenannte "Hammerexamen" ablegen, damit sie die Ausbildung zur Osteopathin in den USA fortführen kann - wenn es schon mit der Liebe nicht klappt. Doch dann schlägt das Leben zu. Der Krebs ist zurück.
Storm hatte nie vor, April einfach ziehen zu lassen. Er reist ihr nach Deutschland hinterher. Als er ankommt, dann der Schock: Bevor er April zeigen kann, dass sie sein Leben ist, müssen sie erst um ihres kämpfen!

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EPUB
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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1AprilStormKapitel 2AprilStormKapitel 3AprilStormKapitel 4AprilStormKapitel 5StormAprilKapitel 6StormAprilKapitel 7StormAprilKapitel 8AprilStormKapitel 9AprilStormKapitel 10AprilStormKapitel 11AprilStormKapitel 12AprilStormKapitel 13AprilKapitel 14StormAprilKapitel 15AprilAprils & Storms SongsAnmerkung der Autorin/Content NoteDanke

Über dieses Buch

Mit gebrochenem Herzen kehrt April zurück in ihr Elternhaus. Sie will in Hannover das sogenannte »Hammerexamen« ablegen, damit sie die Ausbildung zur Osteopathin in den USA fortführen kann – wenn es schon mit der Liebe nicht klappt. Doch dann schlägt das Leben zu. Der Krebs ist zurück. Storm hatte nie vor, April einfach ziehen zu lassen. Er reist ihr nach Deutschland hinterher. Als er ankommt, dann der Schock: Bevor er April zeigen kann, dass sie sein Leben ist, müssen sie erst um ihres kämpfen!

Über die Autorin

Karen Ashley ist das Pseudonym einer bekannten Jugendbuchautorin. Sie war schon als Kind von Geschichten und vom Reisen fasziniert. Kein Wunder, ist doch ihre Tabak kauende schwedische Urgroßmutter mit einem Schmied nach Amerika durchgebrannt. Ashley hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet, in den USA mit einer Verhaltenswissenschaftlerin die Intelligenz von Pferden erforscht, in Perú die Regenbogenberge erklettert, in Schweden in einem Wald am Meer überwintert und in Norddeutschland Wurzeln geschlagen. Dort lebt sie heute mit ihrer Familie auf dem Land.

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Content Note auf Seite 378

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch Agentur Brauer (Agentin: Ulrike Schuldes).

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Elisa Valérie Thieme, Düsseldorf

Titelillustration: © shutterstock.com: JonathanC Photography | Eisfrei | ­Klavdiya Krinichnaya | Zakharchuk | Diana Hlevnjak | Kawin K; © creativemarket: dvtchk

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0787-9

luebbe.de

lesejury.de

Kapitel 1

April

Erste Atemzüge sind etwas Besonderes, für mich bilden sie das zentrale Abschlussmoment der Geburt eines Babys. Viele habe ich in den vergangenen Monaten bei diesem ebenso gewaltigen wie zerbrechlichen Übergang begleitet.

Ist es nicht seltsam, dass der Vorgang, Luft zu holen, so banal und unbewusst stattfindet? Dieser Lebensspender ist nichts als ein unbewusster Reflex zum Gasaustausch – solange wir frei und ungehindert atmen können, verdrängen oder vergessen wir seine Bedeutung. Doch unser ganzes System ist abhängig von diesem Lebenshauch. Er fährt unser System hoch, und er fährt es auch wieder runter. Dann ist Schluss.

Die Schiebetüren vom Terminal öffnen sich mit dezentem Rauschen, und als ich meinen Kofferkuli über den gerippten Teppich nach draußen rolle, hat dieser Moment für mich tatsächlich etwas von einer Geburt.

Meine Lunge füllt sich mit dieser seltsam abgestandenen Mischung aus Taxidiesel, Kippen, Kerosin, Fast Food und nassem Asphalt, die es nur an Flughäfen gibt.

Irgendwie bezeichnend, dass mein erster bewusster Atemzug zurück in meiner Heimat, draußen, an der sogenannten frischen Luft … stinkt.

Hannover.

Hier bin ich also wieder. Frierend und müde spuckt mich das Flughafengebäude unvermittelt aus. Ich bleibe unter dem erdrückenden Betondach stehen, das die Kurzzeitparker vor dem Wetter schützt. Über mir die Abflugebene, von der die Reisenden in die große, weite Welt starten – während ich von dort zurückkehre.

Knallhart auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Und unglücklich dazu.

Der Flug war windig, wir sind mit Turbulenzen gelandet. Mein Magen fühlt sich immer noch so flau an, als ob ein Flummi darin herumhüpft, der noch nicht herausgefunden hat, in welche Richtung die Schwerkraft ihn zieht. Genau wie der Rest von mir.

Der Menschenstrom schiebt sich links und rechts an mir vorbei, als wäre ich ein störender Kieselstein. Zu groß, um darauf zu treten, aber groß genug, um ihn nicht einfach ignorieren zu können. Ich kassiere ein paar Knuffe und genervte Blicke, doch die registriere ich kaum.

Vor einem halben Tag war ich noch in San Francisco – nicht direkt mit Blumen im Haar, aber auf der anderen Seite des Ozeans, mit seiner stetigen sanften, salzigen Brise in der Nase. Der Wind dort hat mich gestreichelt. Der Wind hier fährt mir mit kalten Fingern brutal unter die Kleider.

Ein anderer Kontinent. Ein anderes Leben.

Bereue ich meine überstürzte Abreise?

Ja! Ich möchte es laut hinausschreien. Ich vermisse die Stadt, ich vermisse meine amerikanischen Kollegen und Kolleginnen, meine Tanten und Sky, ich vermisse … Storm.

Er hat ein Loch in mein Herz gerissen, groß und hässlich wie eine Kanonenkugel.

Aber ob ich es will oder nicht, trotz all des grausamen Schmerzes: Ich vermisse ihn schrecklich.

Hatte ich eine andere Wahl?

Nein.

Und noch mal: »Nein!«

Ich murmle es fest vor mich hin, packe die Griffstange meines Koffertrolleys fester und schiebe mich weiter in Richtung der bereitstehenden Taxen.

Meine Eltern hätten mich gern abgeholt, wir hatten telefoniert, als ich in Frankfurt zwischengelandet war. Aber ich wollte diese ersten Minuten zurück in meiner Heimat, die letzten in meiner zerrinnenden Freiheit – so kommt es mir vor – für mich allein. Mich sortieren. Durchatmen. Welche Ironie.

Es nieselt. Und es riecht nach Zigarettenrauch. Ich rümpfe die Nase und sehe müde zu den Taxifahrern, die ihre Wartezeit scherzend und plaudernd in der Raucherzone überbrücken.

Alles, was dort gewesen ist, hinter mir zu lassen ist meine einzige Chance, einigermaßen damit klarzukommen.

Alles.

Und alle.

Sky.

Tante Maggie und Lydia.

Maria.

Doc Joe.

Und alle anderen.

Alles wegen Storm.

Ich brauche nur meine Augen zu schließen, schon sehe ich seine hellgrünen vor mir, in denen ich so oft versunken bin. Ich höre seine schokoladige Stimme, die mich zärtlich »Keks« nennt, spüre seine Haut unter meinen Fingern, und die Leere durchfährt mich wie ein heftiger Phantomschmerz. Der Klumpen in meinem Magen fährt eine Monsterhand aus, krallt sich um mein Herz und drückt so fest zu, dass mir schwarz vor Augen wird.

Ich bleibe kurz stehen, schnappe nach Luft und stütze mich auf meinen vollbepackten Trolley. Ich kann nichts tun als warten, bis der Anfall vorübergeht. Bis ich wieder Luft bekomme und etwas sehen kann.

Die Taxifahrer vor ihren mit laufendem Motor wartenden beigefarbenen Wagen scheren sich nicht um mich. Ein Aktentaschenträger hetzt an mir vorbei, streift meine Hacken mit seinem Rollkoffer und widmet mir einen wütenden Blick, ohne sein Tempo zu reduzieren.

Deutschland. Passenderweise fällt mir Goethe ein: »Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!«

Ich grunze abfällig und bewege meine Gepäckberge in Richtung des ersten Wagens in der Schlange.

Es dauert ein bisschen, bis ein südländisch aussehender Fahrer sich lachend aus dem Pulk seiner Kollegen löst und, immer noch ins Gespräch mit ihnen vertieft, die Kofferraumklappe öffnet. Der Mann ist kräftig und höchstens ein paar Jahre älter als ich, aber selbst er ächzt durchgehend, bis er endlich alles verstaut hat.

»Wo soll’s denn hingehen?«, fragt er gut gelaunt und zwinkert mir im Rückspiegel zu.

Ich bin hinten eingestiegen, alte Gewohnheit.

Seine Augen sind dunkel, fast schwarz. Erstaunt sieht er mich an, als ich mein Fahrtziel nenne, runzelt kurz die Stirn und lacht dann entwaffnend ehrlich, wobei er den Finger vom Navi nimmt. »Wie buchstabiert man das? Sorry, den Namen hab ich noch nie gehört.«

»L – Ü – T …« Ich breche kopfschüttelnd ab. »Genau mittig zwischen Hannover und Celle«, erkläre ich geduldig und höre interessiert meiner eigenen Stimme zu.

Sie klingt eingerostet und hat einen leichten amerikanischen Akzent, der mir peinlich ist, den ich aber nicht abstellen kann. In den letzten Monaten habe ich sogar auf Englisch geträumt. Und selbst mit Tante Maggie habe ich mich aus Rücksicht auf ihre amerikanische Ehefrau Lydia überwiegend auf Englisch unterhalten.

»An der Landkreisgrenze. Fahren Sie einfach erst mal die A352 runter und dann über die Dörfer Richtung Burgwedel und Burgdorf. Ich weiß den Weg.«

»Alles klar! Das kenne ich.«

Er lacht und startet den Motor. Dann hupt er noch einmal seinen Kollegen zu, winkt, und wir verlassen den Flughafen.

Der Sommer ist fast vorbei. Die Getreidefelder sind abgemäht und untergepflügt. Die ersten Bauern haben schon die Zwischensaaten oder das Wintergetreide gelegt. Nur Zuckerrüben, Kartoffeln und die Meere von Mais, der im Ganzen als Viehfutter gehäckselt wird oder in die Biogasanlagen geht, stehen noch auf den Äckern und werden allmählich fahl.

Seltsam, was für Wissen man speichert und blind wieder abrufen kann. Niemand in unserer Familie hat etwas mit Landwirtschaft zu tun, aber meine Eltern sind mit uns aufs Land gezogen, da war ich noch keine zehn Jahre alt. Der gesunden Luft wegen. Leukämie habe ich trotzdem bekommen, aber erst als Erwachsene. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn wir in der Stadt wohnen geblieben wären?

Ich bin so müde, dass ich kaum die Augen offen halten kann, aber Lüttjenwulbeek ist so klein, dass es kaum ein Navi unter seinem eigenen Namen findet. Das Dorf hat gerade mal 169 Einwohner – inzwischen vielleicht ein paar mehr oder weniger –, aber es gibt eine Bushaltestelle, einen Hofladen, einen Kiosk mit Poststelle, die beiden Ferienwohnungen meiner Mutter und ein Stück außerhalb, umgeben von Pferdeweiden und Feldern, eine Kneipe mit einem angegliederten Biergarten und kleiner Ausflugsgastronomie, die auch Fremdenzimmer vermietet. Im Sommer gibt es dort den weltbesten Spargel frisch vom Feld und im Winter einen fantastischen Grünkohl – den der gutmütige Koch mir sogar mal vegan angesetzt hat, auch wenn er nicht verstanden hat, was die traditionelle Bregenwurst und Speck mit Krebs zu tun haben sollen und wieso ich mich nach all den Jahren immer noch beharrlich weigere, die Heidschnucken zu essen, die bei ihm hinterm Haus grasen.

»Müssen wir hier raus oder bei der nächsten?«

Der Fahrer reißt mich aus meinen schläfrigen Gedanken. Ich sehe aus dem Fenster und entziffere das blaue Schild mit der Verkehrszusammenführung Richtung A7 und der Abfahrt Mellendorf.

»Oh, Entschuldigung, ja. Ein kleines Stück noch und dann hier runter und weiter über Fuhrberg.«

Dörfer, Felder, Waldstücke, Kuhweiden und Pferdewiesen fliegen an uns vorbei. Die flache norddeutsche Landschaft kommt mir so surreal vor, als säße ich in einem 3D-Kino.

Ich kühle meine Stirn an der Fensterscheibe, um wach zu bleiben. Es ist mir egal, wie viele Keime da wohl lauern mögen. Zu Hause wasche ich mir eh das Gesicht, und wie ich meine Mutter kenne, wird sie mich von oben bis unten desinfizieren, noch bevor ich ganz durch die Haustür bin.

»Ich kann da nicht bleiben«, rutscht es mir heraus.

»Wie bitte?«

»Nichts, alles gut«, lüge ich nach vorn und setze mich aufrecht hin, damit ich mich besser auf den Verkehr fokussieren kann. »An der Ampel rechts.«

Der Fahrer nickt.

Eine knappe halbe Stunde später halten wir vor dem verwunschen aussehenden rosendurchwachsenen Staketenzaun aus unbehandelten Viertelstäben. Hinter dem Carport ragt das Fachwerkhaus meiner Eltern auf. Verwaschene Ziegelsteine schimmern feucht vom Regen in verschiedenen Rot- und Orangetönen, eingerahmt von einer jahrhundertealten dunkelbraunen Balkenkonstruktion. Die großen Fensteraugen blicken mich freundlich aus weißen Holzrahmen an. Späte Geranien blühen üppig in den Blumenkästen davor, und im Vorgarten stehen welke Sonnenblumen und knallviolette Herbstastern zwischen Feldsteinen und rosafarbenen Bodendeckern.

Hinter dem Fenster bewegt sich die Gardine, und fünf Sekunden später fliegt die blau gestrichene Haustür auf. Meine Mutter bleibt einen Moment auf der Schwelle stehen, reißt die Hände vors Gesicht und rennt dann den schmalen, geschlängelten Kopfsteinpflasterweg auf mich zu, dicht gefolgt von meinem Vater, der sich nicht mal die Zeit nimmt, die Hausschuhe auszuziehen. Zum Glück hat es wenigstens aufgehört zu regnen.

Lachend schiebe ich den Riegel des halbhohen hölzernen Gartentürchens zurück und breite die Arme aus. »Mama! Papa!«

Ich vergrabe mich in die Wärme meiner Eltern, inhaliere ihren vertrauten Duft, vermischt mit dem typischen Aroma dieses norddeutschen Regengraus von feuchter Erde und frisch gemähtem Rasen, das ich beinahe vergessen hatte – und fange umgehend an zu weinen.

Mein Vater drückt mich fest an sich und streicht mir über den Kopf, bevor er sich stumm löst und den Taxifahrer bezahlt. Dann rumpelt er mit meinen Koffern an uns vorbei.

Meine Mutter und ich stehen immer noch eng umschlungen da, ohne ein Wort, und ich spüre am Beben ihrer Schultern, dass sie mit mir weint. Ich schätze, es geht einfach mit ihr durch, weil ich wieder da bin, früher als geplant. Denn wenn Tante Maggie nicht geplaudert hat – und sie hat mir versprochen, die Details mir zu überlassen –, dann kann sie noch gar nicht wissen, was passiert ist. Ich bin immer noch unschlüssig, wie viel davon ich den beiden erzählen soll – und vor allem auf welche Art.

»Komm erst mal rein«, schnieft sie schließlich, schiebt mich ein Stück von sich fort und wischt sich mit dem Zeigefinger unter den Augen entlang, bevor sie zwei zerknautschte Taschentücher aus ihrer Hosentasche nestelt. »Sind frisch«, erklärt sie mit demselben verheulten Lächeln, mit dem ich sie auch ansehe.

Ich flüchte mich ins Bad, um mir die Tränen aus den Augen und den Reiseschweiß aus den Achseln zu waschen.

In der Zwischenzeit hat mein Vater bereits das ganze Gepäck die Treppe hinaufgewuchtet. Keine Chance, ihm zu helfen, natürlich nicht. Ich werde ewig sein kleines Mädchen bleiben. Nach dem Krebs erst recht.

Mein Jugendzimmer im ausgebauten Dachboden, in dem ich mich auch von meiner Krankheit erholt habe, ist nahezu unverändert. Da hängt immer noch das vergilbte Familienfoto mit meinen Eltern, meiner großen Schwester und mir als Knirps vom ersten Schultag. Daneben – Zeitsprung – ich, stolz auf der Kühlerhaube von Mamas Auto thronend, meine Immatrikulationsbescheinigung und das Vorlesungsverzeichnis vom ersten Semester in der Hand. Selbst die durch das Sonnenlicht verblichene Postkarte mit Tante Maggies Leitsatz »Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf!« hängt noch am Spiegel.

Ich putze mir die Nase, es blutet ein wenig, weil die Schleimhäute durch die Klimaanlage und den langen Flug so ausgetrocknet sind. Ich knülle das Taschentuch zusammen und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen.

Drei Wände sind schräg, aber hoch. Hinter der einzig geraden Wand verbergen sich das Badezimmer und meine eigene kleine Küchenzeile.

Der Kühlschrank surrt, neugierig öffne ich die Tür und stelle fest, dass meine Mutter Wasser für mich kalt gestellt und ein paar Joghurts, vegane Butter, diverse Aufstriche und Gemüse gekauft hat. Seufzend nehme ich die Flasche heraus. Ich habe noch nie kalte Getränke vertragen, aber meine Mutter konnte sich das noch nie merken.

»Schätzchen, kommst du?«, klingt ihre Stimme die Treppe hinauf. »Nicht einschlafen. Das fördert nur den Jetlag.«

»Bin unterwegs!«

Bedauernd betrachte ich das wunderbare, frisch bezogene Bett. Dann wuchte ich den großen Koffer auf die Seite, öffne den Reißverschluss und wühle ein paar Mitbringsel, ein frisches Shirt und meine Lehrbücher heraus.

Es macht keinen Unterschied, ob ich mit fünfzehn, zwanzig oder fast dreißig nach Hause komme, die Abläufe sind immer gleich. Sehen Eltern ihre Kinder jemals als erwachsene Personen?

Im Treppenhaus streift mein Blick eine Fotocollage aus Bildern, die ich zwischendurch aus den Staaten gemailt hatte. Meine Eltern haben sie rahmen lassen und neben die Aufnahmen platziert, die ich in Hannover und Celle auf alten Friedhöfen geschossen habe. Details wie Blumen, Teddybären oder einen Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht, habe ich nachkoloriert, den Rest schwarz-weiß belassen. Ich weiß, dass meine Eltern dieses Hobby ziemlich morbide finden, sie würden sich solche Fotos niemals ins Wohnzimmer holen, aber ich bin gerührt, dass sie sie dennoch aufgehängt haben. Und sie haben einen sehr guten Platz dafür gewählt. Die Treppe – symbolischer geht es kaum, finde ich. Anfang und Ende, hier scheiden sich Optimisten von Pessimisten: Führen die Stufen nach oben oder nach unten, und an welche Stelle würde man Krippe und Sarg positionieren?

Himmel, ich muss ins Bett.

Die beiden nötigen mir eine Portion Spaghetti und grünen Salat mit frischen Kräutern aus dem eigenen Garten auf. Dann soll ich Kaffee trinken und erzählen.

Ob ich Fotos hätte? Wie schön der Kalender mit Impressionen aus San Francisco ist, den ich mitgebracht habe, und das Windspiel mit den Kristallen aus Tante Maggies und Lydias Laden. Ach, und »organic« heißt also bio?

Meine Mutter streicht beinahe ehrfürchtig über eine Flasche selbst gemachten Kirschlikör.

Der stammt von Mrs. Wolowitz, meiner kürzlich verstorbenen Nachbarin, die mir auch ihren Hund vermacht hat, Sky. Ich habe ihn in der Obhut von Maggie und Lydia zurückgelassen. Und wenn mein Herz nicht davor schon ein Scherbenhaufen gewesen wäre – spätestens beim Anblick des verstört dreinschauenden, bei unserem Abschied verzweifelt an die Glasscheiben der Tür kratzenden Labradormischlings wäre es in Millionen Einzelteile zersplittert.

Ich heule los, und dann muss ich doch kurz erklären, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe. Und von meinem Hund. Das sind keine Themen für Überseetelefonate.

»Das muss schlimm für dich gewesen sein«, sagt mein Vater leise und räuspert sich.

Meine Mutter greift nach meiner Hand.

»Ich komme klar«, behaupte ich und blinzele, um die Tränen zurückzudrängen.

»Das sehe ich«, brummt Papa und steht auf. Er holt Likörgläser aus dem Wohnzimmerschrank und schenkt uns ein.

Einen Moment lang sehe ich verwirrt auf meine Armbanduhr, die immer noch nach amerikanischer Zeit läuft. »Wie spät ist es?«

Die Wanduhr mit den Vogelstimmen zeigt halb sechs an. Abends natürlich.

Ich kämpfe gegen den Impuls zu gähnen an. »Gut, einmal anstoßen, aber dann möchte ich auspacken und schlafen gehen.«

Meine Mutter öffnet den Mund und wechselt einen Blick mit meinem Vater, dann überlegt sie es sich offenbar anders, klappt ihn wieder zu und nickt. »In Ordnung, du bist ja schon groß, April.« Bemüht fröhlich zwinkert sie mir zu.

Wir stoßen an.

»Schön, dass du wieder hier bist.«

Ich nicke lahm.

Irgendwie ja. Aber andererseits ist es das auch nicht. Nicht so.

Storm

Storm saß in dem schäbigen Motelzimmer und beobachtete eine Spinne, die in der Ecke des einfach verglasten Fensters ein Netz spann. Das Licht der Straßenlaterne flackerte. Unten grölten ein paar Betrunkene. Nebenan lag die vergitterte Front von Andy’s Booze und daneben ein ebenso gut besuchter wie zwielichtiger Drugstore.

Noch bevor er eingecheckt hatte, hatte er sich Tramadol und zwei Flaschen Wodka besorgt. Für den Anfang.

Das war jetzt zwölf Tage und sieben Stunden her. Zwölf lange Tage und Nächte, in denen er überwiegend der Spinne zugesehen hatte, wie sie webte, spann und lauerte. Größtenteils unfähig, sich zu bewegen, genau wie die spärlichen Opfer des Gliederfüßers. Der Wodka stand noch immer da, wo er ihn abgestellt hatte, auf dem wackeligen Holztisch, auf dem sich das abgesplitterte Furnier wellte. Unangetastet. Er war auch so betäubt genug.

Sie musste doch mit ihm reden wollen! Sie konnte doch nicht einfach weg sein! In einer endlosen Schleife spulte sein Hirn die ewig gleichen Gedankengänge ab, die ewig gleichen Bilder und Szenen. Warum meldete sie sich nicht? Er wollte April nicht bedrängen, aber er musste sie sehen. Er konnte nicht atmen ohne sie. Nicht schlafen, nicht essen, nicht klar denken. Maria meinte, April brauche sicher nur etwas Zeit. Aber wie viel Zeit brauchte ein Mensch wie April, um das zu verdauen, was er ihr angetan hatte? Er konnte nicht fassen, dass sie ihn verlassen hatte. Es ging nicht in seinen Kopf. Sein Herz, seine Seele brannte.

Wieder sah er Maria vor sich, wie sie sich tausendmal bei ihm für ihr unüberlegtes Gerede entschuldigte. Sie hätte ja nicht geahnt, dass er April nie gesagt hatte …

»Was?«, fuhr er sie an, als er es am vierten Tag nicht mehr ausgehalten hatte und zurückgekehrt war. »Dass ich einen Menschen getötet habe, der mein bester Freund war? Dass die komplette internationale Presse über mich hergefallen ist und mich als drogenabhängigen Mörder hingestellt hat? Dass ich bei dem kläglichen Comeback-Versuch danach, den mein Manager nur inszeniert hat, um mich hinzurichten, vollkommen zugedröhnt von der Bühne gestürzt bin? Ja, stell dir vor, Maria, ich hatte noch nicht den passenden Moment gefunden, um ihr auch noch das über mich zu erzählen, während sie mit dem Tod von Mrs. Wolowitz kämpft.«

… und auch, weil der große Fernsehauftritt so kurz bevorstand, ergänzte er im Stillen und fragte sich, welche Rolle dies bei der ganzen Sache gespielt hatte. Er hatte es verbockt, gründlich. Wie immer. Maria konnte im Grunde nicht einmal viel dafür.

»Ich glaube, du gehst jetzt besser«, erwiderte sie ganz ruhig auf seine Tirade und streckte die Hand aus, damit er seinen Wohnungsschlüssel hineinfallen lassen konnte.

Aber er hatte noch Sachen in der Küche.

Dort am Tisch saß bereits sein Nachfolger, jung, linkisch, ein Milchbubi mit einem schicken Fotoapparat. Murphy, hatte er sich zusammengereimt, ausgerechnet Aprils Kommilitone, der Nerd, der sie in die Wüste hatte abschleppen wollen, um gemeinsam Friedhöfe zu fotografieren. Was für eine Ironie.

Maria war schnell, das musste man ihr lassen, und über Geschmack ließ sich nicht streiten.

Sie war ihm hinterhergekommen.

»Storm«, sagte sie leise, als er den wertlosen Thermos-Kaffeebecher, den Marty ihm vor Äonen an einer Raststätte gekauft hatte, behutsam in ein Geschirrhandtuch mit Las-Vegas-Aufdruck wickelte. »Es tut mir leid.«

Er wehrte ihre Hand ab, nahm die Muskatreibe und seine Knoblauchpresse aus dem Schubfach und verstaute auch diese. Sie hatten seiner Mutter gehört, er wollte sie Bob zurückgeben. Dann glitt er mit den Augen über das Gewürzregal. Nicht wichtig. Der Rest war einfach nur Zeug. Er schulterte seinen Rucksack und drehte sich um in Richtung Ausgang.

Seine Erinnerung sprang noch weiter zurück. Zu dem, was an Tag null geschehen war. Der Tag, als sein Leben ein zweites Mal zerbrochen war.

April hatte ihn gebeten zu gehen. Also packte er wie in Trance seine Sachen. Und alle paar Minuten kehrte er in den Flur zurück, stand ungläubig verwirrt und zunehmend verzweifelt vor ihrem Zimmer, dem kleinen Atelier mit dem furchtbar weichen Bett, in dem er Rückenschmerzen bekam, um einen neuen Anlauf zu machen. Er klopfte. Sie schwieg. Er ging fort und packte weiter, kam zurück, klopfte wieder. Sie antwortete nicht.

Ihre Zimmer gingen beide auf die Dachterrasse hinaus, aber sie hatte die Vorhänge zugezogen. Auch das hatte er versucht.

Daher bemühte er sich, vom Flur aus durch die verschlossene Tür mit ihr zu reden, sich zu erklären, zu entschuldigen … Doch sie sprach nicht mit ihm.

Skys Winseln war das einzige Geräusch, das außer ihrem leisen Schluchzen zu ihm herausdrang. Dann hatte der Hund an der Tür gekratzt, und sie war wütend geworden, weil Storm immer wieder zurückkehrte.

Er musste ihr doch sagen, wie viel sie ihm bedeutete und wie leid es ihm tat, dass er zu lange damit gewartet hatte, ihr auch noch den schäbigen Rest seiner Geschichte zu erzählen, die ganze Wahrheit, den ekelhaften Bodensatz über seine Vergangenheit und darüber, wer er war.

Einmal antwortete sie ihm. Schickte ihn fort. »Geh weg«, rief sie, und er ergriff trotzig die Chance, ihr durch die geschlossene Tür sein Herz auszuschütten, sein Innerstes zu offenbaren.

Noch nie hatte er jemandem von seinem Selbstmordversuch erzählt. Er wusste, dass es nichts ändern würde. Er wollte sich nicht rechtfertigen, erst recht nicht ihr Mitleid. Er wollte nur, dass sie verstand.

»April, lass mich doch erklären. Ich hatte entsetzliche Angst, dich zu verlieren. Die Geschichte mit Marty, meine Vergangenheit. Alles, was die Zeitungen geschrieben haben damals. Glaubst du, das ist etwas, worauf ich stolz bin? Ich war am Ende, ich wollte mich umbringen. Dann kamst du. Und ich habe mir nichts mehr gewünscht als einen Neuanfang, ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier zu sein. Es war dumm von mir, dir nicht die ganze Wahrheit zu erzählen. Und es tut mir unendlich leid. Können wir bitte darüber reden? Wirf nicht weg, was wir haben! Bitte! Ich brauche dich!«

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Unerträglich lange Sekunden verstrichen, in denen er nichts tun konnte, als seine Hand auf das Türblatt zu legen, seine Stirn dagegen zu pressen und zu warten.

»Wir haben NICHTS! Geh einfach! GEH!«, schrie sie schließlich durch das Holz und traf ihn damit wie ein Messer, das sich mitten in die Brust bohrte. »Ich will, dass du verschwindest! Hau ab! Geh weg! Nimm deine Sachen und zieh aus! Wenn du bis morgen früh nicht weg bist, dann gehe ich! Und das meine ich verdammt ERNST! Und nein, ich werde meine Meinung NICHTÄNDERN!«

Ihre Stimme überschlug sich im Zorn, sie klang heiser und rau und ging wieder in Weinen über.

»April!«

Danach reagierte sie gar nicht mehr.

Dafür stand Maria mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt da und beobachtete ihn aus schwarzen Argusaugen. Zwei Köpfe kleiner als er, aber mit der Präsenz einer Leibwächterin mit Nahkampfausbildung.

Das alles fühlte sich so grauenhaft falsch an. Einfach falsch!

Dabei war bis zu diesem Moment in seiner Vorstellung alles ganz klar gewesen: Nach dem Auftritt hatte er April alles erzählen wollen. Wirklich alles.

Wenn dieser Druck erst mal weg war.

Damit er die richtigen Worte finden würde.

Er hatte es durchgeplant. Kerzenlicht und Champagner sollten eine Rolle spielen, wenn sie ihn in den Recall ließen – oder alternativ, wenn etwas schiefging und der Traum einer zweiten Chance im Musikbusiness ein für alle Mal platzte, eine Tasse Kaffee am Hafen, nach einem langen Spaziergang, um den Kopf freizukriegen. Wie es letztlich ausgegangen wäre, hätte in beiden Varianten keinen Unterschied gemacht.

Solange April an seiner Seite war, glaubte er, alles ertragen zu können. Aber ohne sie …?

Als er am vierten Tag an ihrem Zimmer vorbeischlich, war er davon überzeugt, dass er den Fernsehauftritt absagen würde. Er konnte doch nach alldem nicht einfach auf die Bühne von America’s Topstar steigen und so tun, als sei alles bestens. Nicht, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte.

Es war von Anfang an eine Schnapsidee gewesen, zum Scheitern verurteilt.

Die Tür stand offen. Ihre Sachen waren fort. Fremde Gegenstände entstellten den Raum. Eine Fotoausrüstung, Universitätswimpel, Männerkleidung. Es zerriss ihm die Seele.

Und jetzt also Tag zwölf ohne April. Der Sog der Erinnerung war unendlich schmerzhaft.

Storm schloss für einen Moment die Augen und ballte die Fäuste. So lange, bis er nicht länger jeden Atemzug in seine Brust zwingen musste, so lange, bis ihn die Wodkaflasche und die Tabletten nicht mehr anzogen wie Sirenengesang die Argonauten. Er wusste, dass sie ihn zerstören würden, aber warum eigentlich nicht?

Er blinzelte mit verschleiertem Blick und starrte die kleine Spinne in seinem Motelzimmer an. Das unscheinbare Netz vibrierte wie ein Trampolin, als ein vollgesogener Moskito in den klebrigen Fäden hängen blieb. Mieses Karma, dachte er und rieb sich gedankenverloren über den frischen Stich. Die Mücke hatte nicht viel davon gehabt.

April war seine treibende Kraft gewesen. Die ganze Zeit. Sie hatte ihn bei dieser Talentshow angemeldet, als er noch lange nicht so weit war, an sich zu glauben. An dieses neue Ich, mit all seinen schlecht verheilten Wunden, den unsichtbaren und den weithin sichtbaren Narben.

Und jetzt – ohne sie – war er weiter davon entfernt denn je.

Beflügelt von Aprils Energie wäre er auch auf Knien auf diese Studiobühne gerobbt. Aber ohne sie … Er war kein Phönix. Eine Zeitlang hatte er es gedacht. Doch inzwischen wusste er: Sie war es, nicht er.

Letztlich spielte auch das keine Rolle mehr. Nichts spielte mehr eine Rolle.

Maria hatte ihn irgendwann abgefangen und ausgebremst. In der furchtbaren Nacht nach ihrer Rückkehr aus Peru, als er zum hundertsten Mal an Aprils verschlossene Tür klopfen wollte.

»Lass sie schlafen«, hatte sie auf ihn eingeredet. »Hör auf. Akzeptier ihre Entscheidung. Gib ihr Zeit.«

»Wie viel Zeit denn?«, hatte er verzweifelt gefragt.

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. So gut kennen wir uns nicht. Wenn ich es wäre … ein paar Tage vielleicht? Aber … mach dir nicht allzu viel Hoffnung, okay?«

Natürlich hatte er sich Hoffnung gemacht.

Und an Tag vier war sie bereits aufgezehrt.

»Wo ist sie hin?«, fragte er.

Maria wand sich. »Ich habe ihr versprochen …«

»Ich muss es wissen, Maria. Bitte!«

»Storm … nicht. Ich kann nicht!«

Storm rückte den Rucksack auf seinem Rücken gerade und verzog den Mund.

»Hat sie … den Brief mitgenommen?«, fragte er.

»Ich glaube schon.«

Sie nickte, und er nahm ihre Kopfbewegung auf und führte sie nachdenklich fort. Dann griff er nach dem Türknauf, bereit, das Penthouse zu verlassen, das er vor Marias Rückkehr allein mit April bewohnt hatte – und mit Sky.

Ruckartig drehte er sich noch einmal um. Er scannte den Eingangsbereich und den breiten Flur ab. Nichts deutete auf die Anwesenheit eines Hundes hin, ein weiteres Indiz dafür, dass April nicht vorhatte zurückzukommen.

»Wo ist Sky?«, fragte er beunruhigt. »Sie hat ihn doch mitgenommen, oder? Er ist nicht im Tierheim?«

Maria zog die schwarzen Augenbrauen zusammen, bis sie eine einzige Linie auf ihrer empört gefurchten Stirn bildeten. »Das würde sie nie tun.«

Er schüttelte den Kopf, es war als Bestätigung gemeint. »Nein, natürlich nicht.«

Storm dachte an den polterigen braunen Labradormischling, und seine Brust verkrampfte sich. Er hatte nicht nur ein, sondern zwei Wesen verloren, die ihm wirklich viel bedeuteten.

»Storm!«, rief Maria ihm nach, als er den Fahrstuhl fast erreicht hatte.

»Was?«

Ihr Blick hatte etwas Hilfloses. Beinahe reumütig sah sie ihn an, warf einen unsicheren Blick über ihre Schulter in die Wohnung zurück und knetete den Ärmel ihrer Strickjacke mit den Fingern. »Also, wenn du willst, dein Zimmer ist noch frei. Du kannst es haben, wenn du möchtest?«

Er musste sich beherrschen, nicht prustend loszulachen, so abwegig und albern kam ihm dieses Angebot vor.

»Nein, Maria. Aber danke.«

Weil ihm dennoch ein sarkastisches Geräusch herausrutschte, zog er sich die Baseballcap tiefer ins Gesicht und kehrte dem Fahrstuhl den Rücken, dessen Türen sich in diesem Moment mit einem grummelnden Zischen aufschoben. Er nahm stattdessen die Treppe. Er musste raus hier, und er musste das auf eigenen Füßen tun. Sich bewegen. Alles, nur nicht stillstehen und sich noch ausgelieferter fühlen.

Ohne sie weiter zu beachten, ging er an Maria vorbei und machte sich auf den Weg nach unten.

Luigi, der Concierge, nickte ihm abwesend zu, als Storm die Halle durchquerte.

Storm dachte zurück an das erste Mal, als er aus dem Penthouse hierher zurückgekehrt war. Das war nach der erfolglos verlaufenen Bewerbung für das freie Zimmer gewesen, das April inseriert hatte – dasselbe, das ihm Maria nun noch einmal angeboten hatte.

Warum hatte dieser Murphy sich nicht dafür entschieden? Es war wesentlich größer und heller als das kleine Atelier. Vielleicht eine Geldfrage. Er wusste nicht, wie Maria die Miete umlegte oder wen sie noch einziehen ließ. Es beschäftigte ihn, aber es sollte ihm egal sein.

Er würde die Stadt verlassen.

Nun ja, das dazu. Er war nicht sehr weit gekommen. Er sah auf die Uhr.

Zwölf Tage und neun Stunden.

Die Limousine würde in einer Stunde da sein.

Dieser beschissene Fernsehauftritt war seine letzte Chance, sie zu finden. Er hatte keine Ahnung, was er sonst noch tun sollte.

Vielleicht konnte er ihr so beweisen, dass er an sich glaubte, dass er an sie glaubte – wenn sie zusah.

Und wenn nicht? Er zwang sich, diesen Gedanken beiseitezuschieben.

Er musste sich schminken. Wenn es ihm nur nicht so unendlich schwerfallen würde, endlich aufzustehen.

Er hatte seit Tagen kaum etwas gegessen oder getrunken, geschweige denn geschlafen.

Mühsam schob er die angeranzte Tür auf und schleppte sich ins Bad.

Wieder brach eine Woge der Erinnerung über ihn herein.

Storm streckte den Arm aus, um die Drehtür anzuschieben, die zwischen zwei Segmenten stehen geblieben war.

»Klemmt«, rief Luigi, ohne aufzusehen, zu ihm hinüber und wies mit ausgestrecktem Arm auf die bodentief aufgeschobene Öffnung in der Glasfront auf der anderen Seite.

In seinem kleinen, transportablen Fernseher, den er hinter einem Blumentopf auf dem Tresen aufgestellt hatte, wurde irgendein Baseballspiel übertragen.

Storm erinnerte sich an den Unfall mit Sky. Er hörte das erschrockene, halb erstickte Fiepen des Mischlings, als seine Leine sich in der Mechanik der Drehachse verwickelt hatte und ihn zu strangulieren drohte. An den bestialischen Schmerz in seinem Knöchel, den er, ohne nachzudenken, wie einen Bremsstock zwischen die Türfelder geschoben hatte, um ein Weiterdrehen zu unterbrechen und den zwangsläufigen Tod des Hundes zu verhindern.

Schweiß bildete sich an seinen Schläfen, kroch hinterhältig aus sämtlichen Poren und sickerte ihm aus den Achselhöhlen. Sein Mund wurde trocken und schmeckte pappig. Die Linien der verchromten Fensterrahmen stellten sich unscharf und wurden überlagert von Bildern aus seiner Erinnerung. Er sah den Hund zappeln, sah Aprils angsterfülltes Gesicht, hörte ihre Stimme panisch kreischen.

»Sky!«

Die erhitzte Stimme des Baseball-Kommentators aus Luigis Monitor verschmolz mit dem Zuschauerlärm zu einem Klangbrei, der ihn noch weiter zurückwarf: auf eine Open-Air-Bühne in Südamerika. Der Applaus wurde zu empörten Pfiffen, schadenfrohem Johlen, sein Unterbewusstsein zerrte Buhrufe und Schreie aus tausenden Kehlen in sein Hirn.

Storm schüttelte sich. Er musste ein paarmal blinzeln, dann konnte er wieder klar sehen. Es war eine Weile her, dass er einen dieser Flashbacks erlebt hatte. Angesichts der Anspannung der letzten Tage war es allerdings eher ein Wunder, dass so etwas nicht früher passiert war. Der Psychiater hatte ihn vorgewarnt, dass es wieder geschehen konnte, wenn ihn etwas triggerte. Der Lärm des Baseballspiels, die Drehtür, der Schmerz … Sie arbeiteten daran. Aber ohne April …?

April.

Er sah ihr Gesicht so deutlich vor sich, als würde sie in diesem Moment vor ihm stehen. Wo konnte sie stecken?

Schwer atmend und mit schmerzendem Herzen verließ er das Gebäude.

Zuerst hatte er es bei Maggie und Lydia versucht, ihren Tanten, die ein wunderschönes viktorianisches Haus in Nob Hill bewohnten. Doch alles wirkte wie ausgestorben. Er hatte geklingelt, und als niemand öffnete, so lange über den Zaun in den Garten gespäht, bis er misstrauische Blicke von Passanten geerntet hatte. Kein Lebenszeichen, niemand da, und Sky hätte sofort angeschlagen, wenn er ihn gehört hätte. Also war er zurück zu seinem Auto gegangen, hatte stundenlang gewartet, aber niemand war gekommen.

Als Nächstes hatte er es in der Uni versucht. April war diszipliniert, sie würde nicht schwänzen oder sich krankmelden wegen Liebeskummer. Doch niemand, den er auf sie ansprach, hatte sie gesehen. Er wusste nicht recht, wo er sie auf dem Campus suchen sollte, aber er wusste, wann ihre Vorlesungen begannen. Sie tauchte allerdings nicht auf. Den ganzen Tag nicht.

Schließlich versuchte er es im Krankenhaus, wo er ihren Osteopathie-Professor fand, Doctor Jonathan Roberts, D.O., den Mann, der ihn auf ihre Bitte hin operiert hatte. Drei Monate war das her – eine Ewigkeit, in einem ganz anderen Leben, so kam es ihm vor.

»Wo ist sie?«, fragte er ohne einleitendes Geplänkel.

Der Doc war das Bindeglied zu April und ihren Tanten. Er war der Nachbar des lesbischen Ehepaares und seit Jahren mit Maggie und Lydia befreundet. Durch die beiden war April überhaupt in seine Osteopathie-Klasse gerutscht.

Der Professor zog die Augenbrauen hoch und blieb unverrückbar in der Tür seines Sprechzimmers stehen, gegen die Storm eben geklopft hatte. »Na, Sie haben Nerven, junger Mann«, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust seines weißen Kittels.

Storm schüttelte den Kopf und nahm seine Mütze ab. »Nein, eben nicht.« Er schluckte und fuhr sich mit der Hand durch die verstrubbelten Haare, bevor er die Kappe wieder aufsetzte.

Der Arzt beobachtete stoisch jede seiner fahrigen Bewegungen.

»Hören Sie, Doc. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Sie hatten mich gewarnt, ihr nicht wehzutun, und jetzt glauben Sie, ich bin ein Arschloch. Wahrscheinlich bin ich das sogar. Aber ich habe mich weiß Gott bemüht, keins zu sein. Es war nur nicht genug, und das tut mir unendlich leid. Ich hätte es ihr sagen müssen. Alles, von Anfang an. Ja. Ich wollte es einmal richtig machen, verstehen Sie? Sie sollte nicht bei mir bleiben, weil sie wusste, wer ich war.« Er kratzte sich am Kopf, fuhr sich über das Gesicht und gestikulierte. Er wusste nicht, wohin mit seinen Händen. »Himmel, nein. Nicht wegen des Ruhms. Ich weiß, dass sie nicht so tickt. Sondern wegen des vollen Ausmaßes von diesem Abgrund in mir. Verstehen Sie? Ich wollte nur einfach … Ich wollte sie nicht verlieren!« Atemlos sah er den Mann an.

Roberts verzog noch immer keine Miene. »Was macht Ihr Fuß?«, fragte er.

»Mein …?« Storm schnappte nach Luft.

»Nun, dies hier ist immerhin meine Sprechstunde, in die Sie so einfach hereingeplatzt sind. Also, wenn Sie keine Beschwerden haben …« Der Arzt zuckte mit den Schultern und schickte sich an, die Tür zu schließen.

Storm hob bittend eine Hand, und der Doc stoppte in der Bewegung.

»Ich bin von sämtlichen Medikamenten runter, wenn es das ist, was Sie wissen wollen. Ich bin clean. Ehrlich. Ich gehe wegen der posttraumatischen Belastungsstörung regelmäßig zur Therapie, genau wie Sie wollten. Fragen Sie Ihren Kollegenkumpel, wenn Sie mir nicht glauben. Ich möchte doch einfach nur mit ihr reden!«

»Und sie möchte nicht mit Ihnen sprechen?«

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Vorschlaghammer.

»Sie wissen gar nicht, wo sie ist oder was passiert ist, richtig?«

»Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen«, brummte der Professor, steckte aber immerhin die Hände in die Kitteltaschen. »Also? Was kann ich sonst noch für Sie tun? Brauchen Sie ein Rezept? Oder haben Sie sich doch dazu durchgerungen, Ihr Gesicht operieren zu lassen?«

Storm ging nicht darauf ein. »Maggie und Lydia sind auch nicht da. Und April war nicht in der Uni. Ich … Sagen Sie mir doch bitte wenigstens, ob es etwas Vorübergehendes ist oder ob …« Seine Stimme brach. Er musste sich räuspern, um weitersprechen zu können. »Hören Sie, ich habe kein Problem damit, jeden verdammten Tag auf dem Campusgelände herumzuhocken und auf sie zu warten. Irgendwann muss sie da ja auftauchen. Ich will nur mit ihr sprechen. Das ist alles.«

»Mr. Walker, ich habe keine Ahnung, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, aber wie Sie wissen, ist April sehr diszipliniert. Es muss also etwas Schwerwiegendes sein, was sie davon abhält, ihr Praktikum hier wie geplant abzuschließen. Sie können Ihrem Schöpfer danken, dass April so viele Überstunden geleistet hat, dass es trotzdem reichen wird, um ihr wie gewünscht ein Zeugnis auszustellen und die Famulatur für ihre deutsche Universität zu bescheinigen …«

Storm holte Luft, um etwas zu sagen, aber der Arzt sprach in beißendem Ton weiter.

»… und dass ich einen hippokratischen Eid geleistet habe. Ich hätte gut und gerne Lust, Ihnen ein paar saubere Tiefschläge zu verpassen. Sie können sich hinsetzen, wo Sie wollen, solange Sie meinen Campus nicht betreten. Guten Tag. Der Nächste bitte!«

Widerwillig trat Storm einen Schritt zurück, um eine junge Mutter vorbeizulassen, die sich, von einer Arzthelferin flankiert, mit ihrem Säugling im Arm an ihm vorbei ins Sprechzimmer schob.

»Das heißt, sie kommt nicht zurück?«, fragte er tönern und starrte die Tür an, die ihm der Doc mitten in seinem Satz vor der Nase zugeschlagen hatte.

Sie blieb geschlossen. Die Erwachsenen dahinter beschäftigten sich murmelnd mit dem Kind, das zu quäken begonnen hatte.

»Sie hat ihren Spind geleert«, kam es aus der entgegengesetzten Richtung.

Verwirrt suchte Storm den Ursprung der Stimme.

Eine afroamerikanische Schwester mit einer Vielzahl klirrender bunter Zopfperlen kam auf ihn zu, ein Klemmbrett an den Busen gepresst. Ihr Nagellack war grellpink.

»Nancy!«, sagte er tonlos und ließ sich auf einen der leeren Stühle im Wartebereich sinken, weil ihm der Kreislauf in die Kniekehlen rutschte.

Nancy hatte ihm den handgenähten Phönix-Stiefel, seinen Glücksbringer, vom Fuß geschnitten, als April ihn nach dem Unfall mit Sky hier eingeliefert hatte. Dieses Gesicht vergaß er nicht. Und April hatte es ebenso wenig vergessen. Er erinnerte sich, wie sie noch vergangene Woche freudestrahlend erzählt hatte, dass sie nun endlich in der Notaufnahme eingesetzt wurde – so kurz vor Abschluss ihrer Famulatur – und mit Nancy an ihrer Seite. Und jetzt?

Besorgt trat die Schwester einen Schritt auf ihn zu. »Möchten Sie ein Glas Wasser, Mr. Walker?«

Er schüttelte den Kopf, schob sich die Kappe aus der Stirn und fuhr sich mit der hohlen Hand über das Gesicht. »Nein. Nein, danke. Es geht schon wieder.«

»Haben Sie sie zu sehr festgehalten oder zu schnell losgelassen?«, erkundigte sie sich.

Im ersten Moment begriff er nicht, was sie meinte. Dann erinnerte er sich an ihre allererste Unterhaltung, damals in der Notaufnahme, als er nicht damit gerechnet hatte, dass April überhaupt zu ihm zurückkommen würde.

Es war der Tag ihres Kennenlernens gewesen. April hatte ihn in die Notaufnahme verfrachtet, und er hatte nicht gewusst, ob sie ihm das Zimmer tatsächlich noch vermieten würde oder sich gerade elegant und auf Nimmerwiedersehen aus der Affäre zog.

Langsam schüttelte er den Kopf.

»Weder noch«, murmelte er. »Ich habe ihr Vertrauen verspielt.«

Nancy musterte ihn aufmerksam. »Als Spieler hätte ich Sie nicht eingeschätzt. Was wollten Sie denn bei einem so hohen Einsatz gewinnen?«

Er hob müde die Schultern und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Er nahm den abbröckelnden vanillegelben Putz wahr, ohne ihn wirklich zu sehen. »Es war kein Spiel. Nicht bewusst. Ich weiß es nicht. Die Chance auf einen Neuanfang ohne den Ballast der Vergangenheit, schätze ich.«

Mitfühlend legte sie ihm eine Hand auf den Arm und drückte kurz zu. »Man kann seine Wurzeln nicht kappen und glauben, dass es dann schon zum Fliegen reicht. Flügel wachsen nicht über Nacht.«

Erstaunt sah er sie an. »Sie sind eine kluge Frau, Nancy.«

Sie lachte. »Na, wenn Sie meinen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen Joker finden, Mr. Walker.« Nancy stand auf.

»Hat sie etwas gesagt? Wohin sie gehen will?«, rief er ihr nach.

Sie blieb noch einmal stehen, und er sah, dass sie zögerte. »Wohin geht man, wenn man ein gebrochenes Herz heilen will?«

Er nickte nachdenklich.

»Nach Hause«, sagte er zu sich selbst, während er ihr nachsah.

Aber nicht, wenn es einem genau dort gebrochen wurde. Wo noch fühlte April sich zu Hause?

Bei Maggie und Lydia war sie nicht. Vermutlich wusste sie, wie naheliegend das gewesen wäre. Er vermutete, dass sie nicht von ihm gefunden werden wollte. Was würde sie also tun? Wohin würde es sie ziehen? Zurück nach Deutschland? Das konnte er sich nicht vorstellen. Sie hatte ihm erzählt, wie eingeengt sie sich während ihrer Krankheit im Haus ihrer Eltern gefühlt hatte. Wie sehr sie das kleine Dorf erdrückt hatte und wie frei und glücklich sie sich in San Francisco erlebte.

Der Doc hatte gesagt, dass sie ihr Praktikum vorzeitig beendet hatte. Es war Teil ihres Studiums, das sie wieder aufgenommen hatte. Sie wollte noch so viel lernen. Über Medizin, über Osteopathie. Hier in den USA. Sie hatte eine studienbezogene Arbeitsgenehmigung, die würde sie nicht verfallen lassen. Oder doch? Okay, vielleicht wollte sie diese Stadt hinter sich lassen. Möglich, ja. Aber dann würde sie sich eine andere Uni suchen, vielleicht in Kanada?

Sie war so bitter enttäuscht gewesen, dass sie ihr Medizinstudium nicht offiziell in den USA abschließen konnte, und wenn etwas in ihr arbeitete, flüchtete sie sich immer in Arbeit. Das gab ihr Halt.

Kanada. Das musste es sein! Sie hatte ihm von den Möglichkeiten im Norden vorgeschwärmt und dass es sogar leichter sei, dort eine studienbezogene Aufenthaltserlaubnis zu bekommen als in den Staaten. Vielleicht waren Maggie und Lydia genau jetzt mit ihr dorthin unterwegs. Es gab nicht so viele Med Schools, die sich auf Osteopathie spezialisiert hatten. Er würde sie alle abklappern, wenn es sein musste.

So schnell gab er nicht auf. Er würde sie finden.

Unten hupte es. Die Limousine war da.

Kapitel 2

April

In der Nacht wache ich schweißgebadet auf. Es ist der Jetlag, rede ich mir ein, stehe auf und tapse so leise wie möglich zu meinem Kleiderschrank, um meine Nachtwäsche zu wechseln. Kurz überlege ich, das Bett abzuziehen und zu duschen, aber ich will meine Eltern nicht wecken, sie haben einen leichten Schlaf. Also verwerfe ich beides.

Die alten Dielen knarren, als ich ins Bad hinüberschleiche, um mir ein großes Duschhandtuch zum Unterlegen für die Matratze zu holen.

In mir blitzen Erinnerungen an die Zeit meiner Chemo auf. Die Wochenenden zu Hause, zwischen den Blöcken. An meine Mutter, wie sie die Waschmaschine mit verschwitztem oder vollgebrochenem Bettzeug belädt. Wie sie neben mir an der Kloschüssel ausharrt. Wache hält. Mir einen kühlen Waschlappen in den Nacken legt, selbst so fahl wie das Gespenst, als das ich mich fühle. Haarlos, hässlich, blutleer.

Gedankenverloren streiche ich mir über den Kopf. Meine Haare sind längst wieder da. Und ich bin es nun auch.

Als ich über den Flur zurückschleiche, steht Mama plötzlich vor mir, Schlaf in den Augen. Und Sorge.

»Geht es dir gut, Liebes? Alles in Ordnung?«

Ich sehe ihr an, dass sie dieselben Albträume durchlebt wie ich, immer noch, wahrscheinlich sogar häufiger. Anders als meine große Schwester, bin ich dem Tod noch mal von der Schippe gehüpft. Ich kann mich kaum an Amber erinnern. Aber für meine Eltern muss die Furcht, auch ihr zweites Kind zu verlieren, die schiere Hölle gewesen sein.

»Ja, alles gut«, antworte ich lächelnd. »Nur die Zeitverschiebung und ein bisschen zu viel Spaghetti mit Likör. Mir geht’s gut. Schlaf weiter.«

Ich liege wach, bis es draußen hell wird. Meine Knochen schmerzen, nein, es sind eher die Gelenke. Ich bin diese Matratze nicht mehr gewohnt, rede ich mir ein und lenke mich ab. Die Zimmerschräge über meinem Bett ist mit siebenundvierzig weiß lasierten Nut- und Federbrettern vertäfelt. Darin befinden sich dreihundertneunundfünfzig Astlöcher. Ich habe sie im diffusen orangefarbenen Schein meiner Himalaya-Salzlampe gezählt.

Ich bin neunundzwanzig Jahre alt, Single und wohne wieder bei meinen Eltern. Vor mir liegt eine rosige Zukunft.

Gegen halb zwölf klopft meine Mutter beinahe schüchtern an die Tür. »Kommst du frühstücken, Liebes?«

»Ja, gleich«, grummle ich und vergrabe mich noch einmal zwischen den Kissen, um den Tag einen weiteren gnädigen Moment auszusperren, den ersten Tag zurück im Dorf.

Und den sechzehnten Tag ohne Storm. Sechzehn Tage habe ich bereits überlebt. Ich zwinge mich, an die Strategien aus der Selbsthilfegruppe zu denken, die ich während der Reha besucht hatte. Das hier ist ja auch ein bisschen wie Reha. Wiedereingliederung in ein normales Leben. Positiv denken!

Das Gute ist, dass hier nicht an jeder Ecke Erinnerungen an Storm lauern. Ich werde beim Joggen nicht täglich an der Pier vorbeikommen, wo wir uns vor einem Holzgeländer mit riesigen gelbschnäbeligen Pelikanen geküsst haben. Nicht am Sam’s, der Musikkneipe, in der er seinen ersten Gig hatte.

Keine Spaziergänge mit Sky, der sich hinter einer Parkbank bis nach Australien durchbuddeln will.

Keine Fußmassagen, während ich vertieft (und dann nicht mehr) über meinen Büchern brüte.

Keine Gitarrenmusik auf einer nach Kräutern und Lavendel duftenden Dachterrasse, untermalt von dieser schokoladig samtenen Stimme, mit der er mir das Telefonbuch hätte vorsingen können, und ich wäre dahingeschmolzen.

Kein Möwengeschrei am Hafen, keine Cable Cars, keine Painted Ladies, kein Desinfektionsmittelduft auf den Fluren des Saint Francis Memorial oder dieser spezielle Geruch nach Büchern und altem Holz in der Unibibliothek. Keine nächtliche Silhouette mit der Transamerica Pyramid, 181 Fremont und dem Salesforce Tower, stattdessen die alte Silberpappel vor dem Haus und die Bockwindmühle auf dem Hügel.

Und vor allem anderen: kein Storm.

Ich wühle mich noch einmal tief in die Kissen, um das erbärmliche Schluchzen zu ersticken, das in mir aufkeimt. Dann drehe ich mich um, schlage entschlossen die Bettdecke zurück und richte mich auf.

Ich will ihn nie wieder sehen. Ich bringe die Uni zu Ende und mein Leben in Ordnung, ich habe einen Plan. Ich habe immer einen Plan. Und das ist verdammt gut so.

Norddeutscher Nieselregen tüpfelt das Dachfenster mit winzig kleinen Tröpfchen. Ich rappele mich auf und sehe nach draußen. Meine Muskeln schmerzen, als wäre ich einen Halbmarathon gelaufen. Unten, auf der anderen Straßenseite, zanken sich zwei Krähen um einen weggeworfenen Apfel. Ein vorbeifahrendes Auto saust durch eine Pfütze, das Wasser spritzt. Die schwarzen Vögel fliegen empört krächzend auf.

September in der Südheide.

Manche möchten hier nicht tot überm Gartenzaun hängen.

Ich gehe erst mal Zähne putzen.

Meine Lippen sind rissig von der trockenen Flugzeugluft. Die gezuckerte Grapefruit zum Frühstück – oder besser Brunch, wenn ich die deutsche Zeit beachte – hat das nicht besser gemacht, und ich finde meinen Pflegestift nicht. Als ich frustriert den kompletten Inhalt meines Rucksacks auf das kleine Cord-Sofa in meinem Zimmer stürze, fällt mir der Phönix entgegen.

Ich friere für einen Moment in der Bewegung ein.

Zwischen Kaugummi und Ohrenstöpseln, zerfleddertem Taschenbuch, Minihaarbürste, Reisezahnbürste, Ersatzdeo und Pfefferminzpastillen starrt er mich aus seinen saphirblauen Augen an, die im Schein der immer noch brennenden Salzlampe von innen zu leuchten scheinen.

Mir stockt der Atem, und ich muss mich daran erinnern, weiterzuatmen.

Der legendäre Phönix aus der Asche, der mythische Vogel, der stirbt und immer wieder neu aufersteht.

Das Motiv von Storms handgearbeiteten Stiefeln, die er eigentlich wegwerfen wollte. Ich habe sie für ihn reparieren lassen – eins der teuersten Geschenke, die ich jemals gemacht habe. Er ist es wert, dachte ich damals, und ein Teil von mir denkt das immer noch. Aber diesen Gedanken verdränge ich, will verhindern, dass er bis in mein zerbeultes Herz vordringt.

Entschlossen greife ich nach dem silbernen Vogel an der zarten Halskette, reiße mein unterstes Schreibtischschubfach auf und stopfe ihn ganz nach hinten, zu dem unerschöpflichen Vorrat an Klebezetteln, Haftetiketten und Klarsichthüllen. Mit dem Knie kicke ich es zu, genau wie früher. Und dann drehe ich mich um und widme mich wieder der Suche nach meiner Lippenpflege, nur um erneut zu stolpern, dieses Mal über den dazugehörigen Brief. Trotzig greife ich danach, dasselbe Schubfach, dieselbe Stelle, Klappe zu. Sofort ziehe ich die Schublade wieder auf, hole beides heraus, öffne eine Etage höher, mache eine Lücke zwischen den vollgeschriebenen, akkurat abgehefteten Kalendereinlagen der letzten zehn Jahre und decke den Schmuck mit dem Planer des Vorjahres zu.

Keuchend richte ich mich auf. Vor meinen Augen tanzen Sterne, weil ich zu schnell hochgeschossen bin. Mein Kreislauf ist seit ein paar Tagen nicht der beste, aber das ist ja auch kein Wunder. Ich lasse mich auf den Schreibtischstuhl sinken, schenke mir ein Glas Wasser ein, leere es in einem Zug, stütze die Ellbogen auf und vergrabe meinen pochenden Kopf zwischen den Händen.

»April« steht auf dem Umschlag.

Sonst nichts.

Das Wort tanzt vor meinen geschlossenen Augen. Mein Name in blauer Tinte, in dieser schnörkeligen Schrift, die man ihm gar nicht zutrauen würde, wenn man nur sein Äußeres sieht. Das einseitig entstellte, grotesk vernarbte Gesicht, die immer irgendwie verwuschelten dunkelblonden Haare, die breiten Schultern, seine großen Hände, deren schmale, langgliedrige Finger erst auf den zweiten Blick auffallen. Und die Augen … hellgrüne Raubtieraugen.

Ich sehe den Brief vor mir, sehe ihn so klar vor mir, als wäre ich dabei gewesen, als er ihn in unserem Penthouse über den Dächern San Franciscos auf den Küchentisch gelegt hat. Aber das war ich nicht.

Es war am Morgen nach unserem Streit. Ich hatte Schluss gemacht, durch meine geschlossene Zimmertür, und ihn gebeten auszuziehen. Na ja – ich hatte es gefordert, ziemlich lautstark, wenn ich mich erinnere.

Gleich nach Tagesanbruch war ich mit Sky in den Park gegangen. Ich wollte Storm nicht mehr begegnen. Nie mehr.

Als ich wiederkam, habe ich den Brief gefunden. »April«, stand darauf. Nur mein Name. Aber die blaue Tinte trug den Klang seiner Stimme, wenn er ihn aussprach, in all den unzähligen Färbungen, die er hineinlegen konnte, gleichzeitig. Und die Kette mit dem Phönix war darum gewickelt.

Der Vogel ruhte auf dem Brief, als würde er ihn bewachen.

Sky flitzte suchend in alle Räume, aber Storm war fort. Und mit ihm all seine Sachen – genau wie ich es mir gewünscht hatte.

Stöhnend öffne ich die Augen. Ich habe den Brief nicht gelesen. Ich kann es nicht. Auch heute noch nicht. Wozu auch? Es ist vorbei. Zwischen uns klafft eine Kluft, die ist weiter als der Ozean, der zwischen uns liegt. Das Einzige, was ich mir von ihm erbeten hatte, war Ehrlichkeit. Was ich bekam, waren Halbwahrheiten, Auslassungen, Lügen. Wie sollte ich ihm je wieder vertrauen können?

»April?« Die Stimme meiner Mutter klingt dumpf durch die Zimmertür.

Sie klopft und tritt ein, noch bevor ich »Herein!« gerufen habe. Noch so eine Angewohnheit, Dinge, die schon immer so waren und die sich vermutlich nie ändern werden.

»Was ist denn?«, frage ich und wische mir verstohlen die Feuchtigkeit aus den Augenwinkeln.

Sie sieht, dass ich geweint habe, aber sie sagt nichts dazu. Das rechne ich ihr hoch an.

»Ich wollte einkaufen fahren, nach Celle in den Großmarkt. Brauchst du irgendwas, oder möchtest du vielleicht mitkommen?«

Ich bin müde, ich habe keine Lust, ich komme mir vor wie eine Fremde, einer ihrer Gäste, die bespaßt werden müssen, damit es ihnen nicht langweilig wird.

»Danke, ich brauche nichts«, sage ich und bemühe mich, ebenso freundlich und unverbindlich zu klingen wie meine Mutter gegenüber einem Touristen.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln, aber das hält nicht stand, als ich ihren enttäuschten Blick wahrnehme, während sie die Tür langsam schließt.

Sie geben sich wirklich Mühe, April. Reiß dich zusammen. Ich nicke und gebe mir einen Ruck.

»Nein, warte, Mama. Ich komme mit. Gib mir zwei Minuten, ich ziehe mir nur rasch etwas anderes an.«

Energisch stehe ich auf. Und dann verliert der Teppich unter meinen Füßen jede Dichte, ich trete ins Leere und kippe kopfüber in ein bodenloses Nichts, in dem oben und unten, hell oder dunkel keinerlei Sinn mehr ergeben.

»Mama!«, höre ich mich rufen, aber ihre Antwort wird von den Synapsen in meiner Großhirnrinde schon nicht mehr ans Bewusstsein weitergeleitet.

Storm

Am Tag nach der Fernsehshow hatte er siebenunddreißig Nachrichten auf seiner Mailbox. Die meisten waren Antworten von Vermietern auf sein Wohnungsgesuch. Alles Absagen.

Der Clubbesitzer aus dem Sam’s war auch unter den Anrufern. Er hatte ihn im Fernsehen gesehen und als seinen Starsänger vom Open-Mic-Abend wiedererkannt. Storm hielt kurz den Atem an, als er die Aufzeichnung abhörte. Aber der Mann gratulierte ihm einfach nur und lud ihn und April auf einen Drink ein – und wenn er wollte, könnte er jederzeit wieder einen Gig bei ihm spielen.

»Du rockst, Mann. Und die Nummer mit der Kriegsbemalung – großes Kino! Ganz großes Kino, mach weiter so.«

Storm sprang weiter. Ein Werbeanruf der Telefongesellschaft, ein Versicherungsheini, der Werkstatttyp, dass das Auto fertig war, die Bank. Dann kamen drei Nachrichten mit unterdrückter Rufnummer, bei denen niemand auf das Band gesprochen hatte. Er hörte Atmen und Hintergrundgeräusche, sonst nichts. Der Uhrzeit nach vermutlich irgendein Betrunkener, der sich verwählt hatte, mitten in der Nacht.

Als Letztes ploppte die Nummer des Fernsehsenders auf. Auch hier war zuerst gleich wieder aufgelegt worden, er hörte die typische hektische Betriebsamkeit einer Redaktion im Hintergrund. Dann hatte sich doch jemand entschieden, ihn um einen Rückruf zu bitten. Ruckartig sprang er von der Bettkante seines Motelzimmers und stieß sich den Kopf an der nackten Glühbirne, die von der Decke baumelte. Er merkte es kaum.

Eine Zuschauerin habe in der letzten Nacht die Aufzeichnung der Sendung gesehen und ihm eine Nachricht hinterlassen, die ihn vielleicht interessieren würde. »Melde dich bitte bei Annie in der Technik, okay?«

Drei Stunden lang schob er den Anruf vor sich her. Er wollte sich keinen falschen Illusionen hingeben. Noch schlimmer nagte allerdings, dass er diese vage, vollkommen irrationale Hoffnung auch nicht vernichten wollte. Solange er nicht mit dieser Annie sprach, konnte er sich alles Mögliche einbilden. Die Hoffnung starb zuletzt, sagte man doch, oder? Vielleicht hatte sie sich ja wirklich gemeldet? Aber warum sollte April das tun? Auf diesem Weg? Sie hatte seine Handynummer. Oder hatte sie die bereits gelöscht?

Okay, er hatte sie während der Show und direkt in die Kamera darum gebeten, sich bei ihm zu melden – was auch immer ihn dabei geritten hatte. Er hätte sich gleich hinterher dafür auf die Zunge beißen mögen. Auch ohne den vernichtenden Blick des Aufnahmeleiters. Ein Glück, dass der Schleimkopf von der Jury ihn ins Finale gebuzzert hatte. Sie hätten ihn sonst ganz sicher beim nächsten Recall elegant abserviert. Quertreiber und Leute mit eigenen Ideen oder welche, die den Stars die Show stahlen, brauchte man in solchen Formaten nicht. Da war kein Raum für Improvisation, schon gar nicht von den Kandidaten. Man hatte auf dem gelben Klebekreuz zu stehen und der Kamera seine Schokoladenseite hinzuhalten, bis jemand etwas anderes sagte, und das durchaus auch im übertragenen Sinn.

Er tigerte vom Schreibtisch zum Bad und wich dem Blick in den Spiegel aus. Zurück zum Fenster in vier Schritten.

April hasste solche Zurschaustellung von Gefühlen in der Öffentlichkeit. Sie war nicht der Typ für so was. Nun, sie hatte ihm allerdings auch keine andere Wahl gelassen. Trotzdem, es war ein Fehler. Viel zu viele Fehler in viel zu kurzer Zeit.

Er starrte auf den Motelparkplatz, ohne die Autos dort unten, jedes säuberlich innerhalb von parallelen gelben Linien abgestellt, tatsächlich zu sehen. Nervös tippte er mit den Fingern gegen den Fensterrahmen.

Dann marschierte er wieder ins Bad und sah gehetzt in den Spiegel. Seine dunkelblonden Haarsträhnen standen wirr in alle Richtungen. Grüne Augen in einem halbseitig entstellten Gesicht starrten ausdruckslos zu ihm zurück. Seine Lippen waren zu einem zynischen Strich verzogen, vom Kinn aus mäanderten feine Linien wie Spinnweben über seine Haut, krochen wie Schlangen unter seine Haare. Er tastete vorsichtig mit einem Finger über die wulstige Linie der größten Narbe, die sich unter dem Haaransatz verästelte, da, wo die Poolpumpe ihn beinahe skalpiert hätte.

Was hatte sie jemals an ihm gefunden?

Wie lächerlich wollte er sich noch machen?

Er holte aus, um in den Spiegel zu schlagen. Aber bevor er die Hand richtig zur Faust geballt hatte, ließ er sie auch schon wieder sinken. Die Zeiten waren vorbei. Ohne April wäre er nie so weit gekommen.

Ohne April.

Er ertrug den Gedanken nicht.

Hier drin würde er keine Antworten finden. Er musste raus aus diesem Zimmer. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er seine Gibson unterm Bett verstecken sollte. Diese Absteige war nicht der vertrauenerweckendste Ort für ein 25.000-Dollar-Instrument. Aber er wollte lieber nicht nachsehen, welche zu Staub zerfallenen Leichen er unter dem billigen Metallgestell finden würde. Also setzte er sich den Gitarrenkoffer auf den Rücken und griff nach der blauen Baseballcap, die von der Wandgarderobe baumelte. Manche Entscheidungen waren leichter zu treffen als andere.

Im Hinausgehen zog er sich die Kappe tief ins Gesicht.

Er kaufte sich einen Kaffee und zog damit auf die nächste Parkbank.