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Als Storm in Aprils WG einzieht, sieht sie zwar seine äußerlichen Narben, aber von seiner geschundenen Seele ahnt sie ebenso wenig wie von der Tatsache, dass er ein gefeierter Boyband-Star war. Außerdem hat sie ihre eigenen Probleme: Nach einer Krebserkrankung hat sie ihre Heimat Deutschland verlassen und wagt einen Neuanfang in San Francisco. Aber es ist nicht zu leugnen: Was als Zweckgemeinschaft beginnt, führt bald zu einem merkwürdigen Prickeln zwischen den beiden. Und das kann April gerade überhaupt nicht gebrauchen ...
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Seitenzahl: 485
Veröffentlichungsjahr: 2021
Als Storm in Aprils WG einzieht, sieht sie zwar seine äußerlichen Narben, aber von seiner geschundenen Seele ahnt sie ebenso wenig wie von der Tatsache, dass er ein gefeierter Boyband-Star war. Außerdem hat sie ihre eigenen Probleme: Nach einer Krebserkrankung hat sie ihre Heimat Deutschland verlassen und wagt einen Neuanfang in San Francisco. Aber es ist nicht zu leugnen: Was als Zweckgemeinschaft beginnt, führt bald zu einem merkwürdigen Prickeln zwischen den beiden. Und das kann April gerade überhaupt nicht gebrauchen.
Karen Ashley ist das Pseudonym einer bekannten Jugendbuchautorin. Sie war schon als Kind von Geschichten und vom Reisen fasziniert. Kein Wunder, ist doch ihre Tabak kauende schwedische Urgroßmutter mit einem Schmied nach Amerika durchgebrannt. Ashley hat viele Jahre als Journalistin gearbeitet, in den USA mit einer Verhaltenswissenschaftlerin die Intelligenz von Pferden erforscht, in Perú die Regenbogenberge erklettert, in Schweden in einem Wald am Meer überwintert und in Norddeutschland Wurzeln geschlagen. Dort lebt sie heute mit ihrer Familie auf dem Land.
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe
Dieses Werk wurde vermittelt durchAgentur Brauer (Agentin: Ulrike Schuldes).
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Elisa Valérie Thieme, Düsseldorf
Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München unter Verwendung vonIllustrationen von © shutterstock: Sergey Novikov | Eisfrei | Klavdiya Krinichnaya | Zakharchuk | Kawin K | Diana Hlevnjak; © creativemarket: dvtchk
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-0376-5
luebbe.de
lesejury.de
»So. Das war’s!«
Tante Maggie sieht mir mit belustigt hochgezogenen Augenbrauen dabei zu, wie ich mit spitzen Fingern eine Herrensocke aus der hintersten Schubladenecke in den überquellenden Treteimer befördere.
»Und die willst du ihm wirklich nicht auch noch nachschicken?«, foppt sie mich. »Bist du dir ganz sicher?«
»Ja«, erwidere ich fest und überhöre die Ironie geflissentlich. »Irgendwann muss mal gut sein.« Ich knote den prallen Müllsack zu, dann wuchten wir ihn gemeinsam in den Hausflur. »Neue Socken sind außerdem billiger als das Porto nach Kuba. Vor allem für mich.«
Es ist ein symbolträchtiger Augenblick, als ich mit Nachdruck die Wohnungstür schließe. Alle Jan-Überbleibsel entsorgt und ausgesperrt, Halleluja! In den Hof bringen wir den Kram später. Ich lehne mich kurz mit dem Rücken an die Wand, um Luft zu schnappen, und grinse Tante Maggie an.
»Kluges Kind. Und so begabt. Das hast du von mir.«
»Is’ klar.« Ich lege den Kopf schief.
Sie zwinkert mir zu.
Tante Maggie ist die Ex-Frau meines Onkels Paul und gleichzeitig meine Patentante, aber blutsverwandt sind wir nicht.
Die beiden hatten in den Augen der gesamten Familie eine perfekte Ehe geführt. Bis zu dem Tag, irgendwann in ihren Vierzigern, als Maggie feststellte, dass Onkel Paul einen winzigen Fehler hatte: Er war keine Frau.
Also hatte sie ein langes freundschaftliches Gespräch mit ihm geführt, ihre Koffer gepackt und uns dann alle zu einem großen Abschiedsessen in einem Hotel am Frankfurter Flughafen eingeladen. Ihr Flug ging am nächsten Morgen: Sie wollte in San Francisco ein neues Leben anfangen, ohne GreenCard, ohne Stadtplan, ohne Netz und doppelten Boden – weil sie in ihren Tarotkarten gelesen hatte, dass sie dort glücklich werden würde.
Das ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, und Maggies Plan ist voll aufgegangen. Zusammen mit ihrer Frau Lydia betreibt sie einen kleinen Esoterik-Buchladen im kunterbunten Hippie-Viertel Haight-Ashbury. Die beiden leuchten vor Glück, wenn sie gemeinsam in einem Raum sind.
Ich bewundere Maggie für ihren Mut. Ohne ausgeklügelten Plan würde ich niemals in eine fremde Stadt reisen. Ich bin immer umfassend vorbereitet. Manchmal allerdings sind diese Pläne von vornherein zum Scheitern verurteilt, ich merke es nur nicht. Wie die Sache mit Jan, dessen hoffentlich letzte Hinterlassenschaften ich soeben feierlich der Müllabfuhr von San Francisco überantwortet habe. Ich bin Maggie so dankbar, dass sie das hier mit mir durchzieht.
Die Trennung von Jan hat mir mehr zugesetzt, als ich mir eingestehen wollte. Nachdem er mich abserviert hatte, bin ich für vier Wochen bei ihr und Lydia im Gästezimmer ihres viktorianischen Häuschens oben in Nob Hill untergekrochen und habe alle Phasen der Schockbewältigung durchlebt. Tage im Bett verbracht, mich in Selbstmitleid gesuhlt, vor Wut auf einen extra angeschafften Boxsack eingedroschen, meinen Männergeschmack und mein gesamtes Leben infrage gestellt, Großpackungen Vanilleeis und Taschentücher verbraucht, sämtliche verfügbare Schnulzen gesehen, jedes Beziehungsdetail analysiert, getrauert und mich langsam an diesen nächsten Schritt herangetastet. Wohnung entrümpeln und umdekorieren, Krönchen richten, alles auf Anfang stellen und weitermachen. Und genau das tue ich gerade.
»Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf.« Ein Leitsatz von Maggie, der als Postkarte schon über meinem Klinikbett und danach zu Hause gehangen hatte. Zwei Jahre lang.
Als die Sache mit dem Krebs so weit überstanden war, meinte mein Arzt, ich bräuchte dringend eine Luftveränderung – am besten nicht nur für drei Wochen. Sehr unauffällig schielte er bei dieser Verkündung in Richtung meiner Helikoptereltern, die meine Krankheit als willkommene Gelegenheit ergriffen hatten, mich derart unter ihre Fittiche zu nehmen, dass ich darunter zu ersticken drohte.
Sobald mein Körper sich mit der Idee, gesund zu werden, arrangiert hatte, war ich in eine depressive Krise gestürzt.
Im Nachhinein kein Wunder: Mit siebenundzwanzig und einem abgebrochenen Medizinstudium kurz vor dem Zweiten Staatsexamen wohnte ich wieder zu Hause, in Lüttjenwulbeek, einem winzig kleinen niedersächsischen Fachwerkdorf zwischen Hannover und Celle, ließ mir Essen kochen und die Wäsche machen und sagte Bescheid, wenn ich länger als bis zweiundzwanzig Uhr ausging oder jemanden mitbrachte – natürlich nicht über Nacht. Nicht im Haus meiner Eltern und unter den Argusaugen der dörflichen Nachbarschaft!
Das war kein Zustand. Dabei hatte Jan mir ausnahmsweise recht gegeben. Ich brauchte eine Perspektive.
Jan brachte die Idee mit einem Gap-Year irgendwo im Ausland auf, denn er stand genau wie ich an einem Wendepunkt. Drei Monate später landeten wir am San Francisco International Airport – und keine acht Wochen nach unserer Ankunft war ich wieder Single.
Jan und ich hatten uns in der Krankenhausbücherei kennengelernt. In seinem Leben vor der stationären Aufnahme und Reha war er Broker an der Frankfurter Börse gewesen. Ihm hatte ein Herzinfarkt das Parkett versaut, mir eine seltene Leukämieform einen Strich durch die Medizinerkarriere gemacht. Statt mein Studium abzuschließen, zwangspausierte ich und nahm nur noch von der anderen Seite des Krankenhausbettes an den Visiten teil.
Was Jan und mich verband, war die Überzeugung, dass wir beide zu jung zum Sterben waren, dringend leben lernen wollten und bereit waren, dafür etwas zu ändern: Raus aus der Komfortzone! Nur der Umfang und unsere Herangehensweise waren »etwas« unterschiedlich, wie ich im Lauf der vergangenen Monate feststellen musste.
Wie gesagt. Ich brauche immer einen Plan. Abhängen ist nicht so meins, es sei denn, jemand packt mich in ein Pflegebett und steckt mir Schläuche in die Venen. Aber das will ich so schnell nicht wieder erleben. Zwei Jahre Auf und Ab mit Chemotherapie, ewigen Arztterminen und ständigem Im-Bett-Liegen genügen mir völlig. Das Gute an der Zeit in der Klinik und der Reha war genau das: die Zeit. Zeit, um zu lesen, Zeit, um mich zu sortieren, Zeit, um herauszufinden, was ich beruflich wirklich machen wollte. Zurück in die Medizin nämlich auf keinen Fall.
Dachte ich zumindest. Mir wurde klar, dass ich das Studium nur meinen Eltern zuliebe angefangen und ihre äußerst romantische Vorstellung von mir als Frau Doktor übernommen hatte. Ich hatte mich vier Semester lang durch Physik, Histologie, Chemie, Molekularbiologie, Biochemie und medizinische Terminologie gequält und nur wegen Anatomie, Physiologie und Psychologie durchgehalten. Ich hatte 320 schriftliche Fragen in zwei Prüfungstagen beantwortet, die mündliche Prüfung gemeistert und damit mein Physikum, das Erste Staatsexamen, bestanden. Danach durfte ich endlich Patienten begegnen. Ich wollte etwas mit meinen Händen tun, Leben spüren, heilen – so stellte ich es mir wenigstens vor. Stattdessen sah ich, wie Ärzte, Pfleger und Schwestern durch einen Klinikalltag rauschten, in dem Menschen in engem Zeittakt auf ihre Symptome reduziert und ihre Körper mit Pillen und Verbänden versorgt wurden. Statt die tieferen Ursachen hinter chronischen Schmerzen zu finden, den Menschen ganzheitlich zu betrachten, behielt kaum ein Arzt die Seele im Blick. Das wurde wie selbstverständlich den Pflegekräften zugeschoben, die ohnehin schon unterbesetzt und überlastet waren – wie die Ärzte im Übrigen auch. Akutmedizin ist ein Segen, natürlich ist in einem Schockraum oder Operationssaal keine Zeit für solche Betrachtungen und Ansätze. Aber das ist nicht mein Ding, nicht meine Bestimmung. Die meisten meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen waren dort genau richtig, waren fasziniert von Mikrochirurgie, Transplantationsmedizin oder Pharmakologie – aber nicht ich. Ich brannte aus, schleppte mich pflichtschuldig weiter von Semester zu Semester bis kurz vors Zweite Staatsexamen.
Dann wurde ich krank. Zuerst schob ich die Symptome auf den Stress und die vielen Nachtdienste im Krankenhaus. Doch bald musste ich zugeben, dass etwas nicht stimmte. Und zwar ganz und gar nicht. Es war Krebs. Ich gab auf. Zuerst das Studium, als Nächstes mich selbst.
Vielleicht war ich in diesem Moment bereit für ein Wunder. Als Patientin in genau diesem verkorksten System fand ich meine Nische, bekam ich mein Aha-Erlebnis in Gestalt der Urlaubsvertretung meiner Krankenhausphysiotherapeutin geschenkt: Es faszinierte mich zutiefst, was Birte allein mit ihren Fingerspitzen aus mir herauslesen konnte. Wie sie mit minimalen Bewegungen meinen Körper wieder in Fluss brachte, an seine Mitte erinnerte, ihn dorthin zurückleitete. Ich konnte spüren, wie der Lymphstrom von meinem Nacken bis hinunter in die Zehen in Schwingung geriet. Sie löste nicht einfach nur die Verspannungen, die durch das lange Liegen, einseitige Belastung und den Abbau der Haltemuskulatur entstanden waren; Birte rückte mich mit ruhigen, kaum spürbaren Berührungen … gerade. Komplett.
Irgendetwas arbeitete sich an diesem trüben, herbstgrauen Nachmittag an die Oberfläche, und ich heulte wie ein Schlosshund auf Birtes Behandlungsliege, weil in mir Hoffnung keimte, Zuversicht sogar. Ich erinnerte mich.
Das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele – das war es, was ich mir ursprünglich erhofft hatte, damals, als ich mich für das Medizinstudium eingeschrieben hatte. Genau das wollte ich lernen, und jetzt hatte es einen Namen: Osteopathie!
Aber wo? Und wie? Alles hinschmeißen und noch mal von vorn anfangen? Dazu fehlte mir dann doch die Energie, frisch nach der Entlassung aus der Reha.
Und wieder einmal war es Tante Maggie, die mir einen Rettungsring zuwarf.
Sie bewies ihr legendäres Gespür für perfektes Timing und forderte meinen längst überfälligen Besuch ein. Und da machte es bei mir »Klick«.
Anders als in Deutschland gibt es in den USA osteopathisch arbeitende Ärzte und ein entsprechend ausgerichtetes Medizinstudium. Da es in der Bay Area, dem Küstenstreifen der Region von San Francisco, zufällig eine ziemlich gute Uni für osteopathische Medizin gibt, ließ ich das Schicksal entscheiden. Ich bewarb mich ebenso dreist wie blauäugig am renommierten Touro College, einer judaistischen Universität auf Mare Island in Vallejo, nur eine Autostunde nördlich von San Francisco. Leider werden dort prinzipiell keine ausländischen Studierenden zugelassen – ich bekam nicht einmal eine Antwort. Es sollte wohl nicht sein.
Aber ich hatte nicht mit Tante Maggie und Lydia gerechnet, und das Unfassbare geschah: Die beiden schafften es irgendwie, mich einem befreundeten D.O. – Doctor of Osteopathic Medicine – als Praktikantin für meine Famulatur aufs Auge zu drücken. Ihr Nachbar, Dr. Jonathan Roberts, erteilte mir die Zusage, das viermonatige Praktikum, das mir noch für die Zulassung zum Zweiten Staatsexamen fehlte, komplett bei ihm in San Francisco ableisten zu dürfen, denn er hat sowohl eine Privatpraxis als auch einen heißen Draht ins Saint Francis Memorial – und einen Lehrstuhl als Dozent an der Uni. Bingo!
Also versprach ich meiner Familie hoch und heilig, auch in den USA regelmäßig zur Nachsorge zu gehen, und beantragte mein Visum. Widerstrebend ließen mich meine Eltern ziehen.
Und da Tante Maggie das Schutzengel-Diplom mit Auszeichnung besitzt, konnten Jan und ich uns direkt nach unserer Ankunft bei Maria vorstellen – einer supernetten jungen Peruanerin, deren Verlobter sich mit urplötzlichen Bindungsängsten aus dem Staub gemacht hatte, da war die Tinte auf dem Wohnungskaufvertrag offenbar noch nicht ganz trocken. Sie kaufte das Apartment vom Ersparten der ganzen Familie, er zog aus, sie vermietete uns anderthalb Zimmer unter, damit irgendwie Geld reinkam, das sie ihrer Familie zurückzahlen konnte, denn aus dem Kaufvertrag kam sie nicht mehr raus. Furchtbare Geschichte, fand ich. Glück für uns, fand Jan. Und so zogen wir als Marias Mieter und neue Mitbewohner in ein schnuckeliges Apartment im Herzen des jazzigen Stadtteils Western Addition – und ich fand in Maria eine wunderbare neue Freundin on top.
Ein Lächeln umspielt meine Lippen, als ich mich aus den Erinnerungen löse. Jetzt ist diese traumhafte Wohnung mit Marias üppigem Dschungelparadies mein Reich. Sie musste überraschend zurück in ihre Heimat, und ich kümmere mich derzeit allein um alles.
Ich stehe am großen Panoramafenster mit Blick auf die blühende Dachterrasse und kann beinahe hinüberwinken zu den berühmten Painted Ladies. Diese bunt gestrichenen viktorianischen Häuser bilden einen wunderbaren Kontrast zu den vielen modernen Gebäuden, die das hügelreiche Stadtbild von San Francisco prägen. Alles ist grün und bunt, quirlig und ständig in Bewegung. Verspielte Flower-Power-Ecken, in denen die Zeit in den Sechzigern des vergangenen Jahrtausends stehen geblieben scheint, wechseln mit ruhigen, beinahe spießigen Wohngegenden. Studentenwohnanlagen und der Finanzdistrikt bilden einen krassen Kontrast zu Japantown, Chinatown oder der touristischen Hafenmeile Fisherman’s Wharf. Was für ein himmelweiter Gegensatz zu Hannover – und erst recht zu dem kleinen Südheidedörfchen, in dem ich aufgewachsen bin.
San Franciscos Gegensätze und das ständige Bergauf und Bergab sind irgendwie sinnbildlich für mein Leben.
Jan reiste mit dem normalen ESTA-Dokument ein, der Neunzig-Tage-Lizenz zum Abhängen, was er im Übrigen sehr wörtlich zelebrierte. Ich hatte ein F1-Studentenvisum in der Tasche und außerdem das Sprach-Zertifikat über meinen mit Bravour bestandenen TOEFL-Test, den Finanznachweis, dass ich dem amerikanischen Staat nicht auf der Tasche liegen würde, ein nettes Einladungsschreiben von Doc Joe (Dr. Jonathan Roberts besteht darauf, dass ich ihn so nenne, aber nur, wenn keine anderen Studenten oder Patienten im Raum sind) und alles, was das Immigration Office noch so für Papiere von mir hätte wollen können.
Ich besorgte mir Bücher und büffelte, weil ich fit sein wollte, bevor ich nach ein paar Wochen Eingewöhnung mit der Famulatur begann: Medical English und das Oxford Handbook of Clinical Medicine wurden meine besten Freunde.
Jan chillte stattdessen. Das hieß im Klartext, er zog durch sämtliche Bars und Jazzclubs im Viertel, bis hinunter nach Haight-Ashbury und in die anderen einschlägigen Distrikte. Immer öfter kam er erst nach Hause, wenn ich frühmorgens aufbrach, um joggen zu gehen.
Wir drifteten zusehends auseinander, zwischen uns klaffte der San-Andreas-Graben, wenn nicht etwas noch Tieferes.
Als er dann vor vier Wochen verkündete, dass seine touristische Aufenthaltserlaubnis demnächst auslaufe und er seine Auszeit jetzt auch auf mich ausweiten wolle, war das für niemanden eine große Überraschung – außer für mich. Mit einem Mal knallte er mir ganz deutlich und ziemlich lautstark an den Kopf, dass er keinen Bock mehr habe, sich mit einer »ewig Kranken« herumzuärgern, und etwas Besseres gefunden habe: anspruchslos, attraktiv, gesund, mit Körbchengröße DD und Strandvilla in Kuba.
Inzwischen komme ich damit klar. Heute wieder in unserer stillgelegten WG zu sein fällt mir leichter, als ich befürchtet hatte. Mich auf Dauer bei Tante Maggie und Lydia zu verstecken ist keine Option, auch wenn ich ihre Nachbarschaft aus schmalen Häusern, die aus der Zeit der britischen Queen Viktoria und von King Edward stammen und schon so viele Erdbeben überstanden haben, einfach nur bezaubernd finde.
Maria hat mich, als hätte sie es geahnt, noch vor Jans Auszug als zeichnungsberechtigte Mieterin den Vertrag schreiben lassen – eine Win-win-Situation für uns beide. Sie braucht jemanden, der Entscheidungen treffen kann und die Eigentumswohnung pflegt, während sie in Peru ist – und ich eine bezahlbare Bleibe, in der ich selbst die neue Mitbewohnerin auswähle. Keine Männer mehr, damit bin ich durch, auch wenn Maria nur gelacht hat, als ich das erwähnt habe.
Eigentlich sind dieser ganze Luxus und das moderne Ambiente gar nicht so meins. Zu Hause in Deutschland habe ich entweder in einer minikleinen Studentenbutze oder meinem Mädchenzimmer gelebt. Unter normalen Umständen würde ich niemals so viel Geld für Miete ausgeben, aber diese Wohnanlage ist ein Traum, Wohnraum ist knapp – und als WG geht es gerade so.
Seufzend straffe ich die Schultern und stopfe zwei Garnituren Bettwäsche in einen Sack für die Altkleidersammlung. Die mochte ich noch nie. Grafische Formen sind so typisch Jans Broker-Geschmack, nicht meiner, genau wie das hässliche Bett mit Metallrahmen. Ich gebe ihm einen verächtlichen Stoß mit dem Fuß, dabei kann dieses superstylische Ding ja gar nichts dazu, dass Jan es unbedingt kaufen und hier rein verfrachten musste.
Das Zimmer war bereits voll ausgestattet, und wir hatten ohnehin erst mal nur zur Probe für zwei Monate unterschrieben. Maria fand es in Ordnung. Sie war eher skeptisch, ob wir zu zweit mit nur einem Schlafzimmer klarkommen würden, und hat mir kurzerhand noch ein halbes Zimmer dazu überlassen, damit ich mich zum Lernen zurückziehen kann. Jan hat ihr natürlich sofort famosen Geschäftssinn unterstellt. Ich fand es einfach nur nett, dass sie innerhalb von einer Stunde ihre Malsachen aus dem »Atelier« geräumt und die Schränke leer gefegt und ausgewischt hatte.
Das Apartment ist mehr als groß genug für drei.
Die Wohnung hat in jedem Schlafzimmer praktische Einbauschränke, sogar Waschmaschine und Trockner gehören mit zur normalen Ausstattung. Möbliertes Wohnen, teils mit Zimmerservice, Reinigung und wohnblockeigenen Fitnessräumen, ist in den Staaten weit verbreitet. Die Leute ziehen öfter um als wir in Deutschland.
Nur Jan war offenbar so einiges nicht gut genug. Okay, vielleicht bin ich doch noch nicht ganz drüber weg.
Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Mein Entschluss steht. Ich werde dieses riesige Zimmer aufgeben, mir reicht das Atelier. Die Bezeichnung für das halbe Zimmer habe ich von Maria übernommen. Es ist schön hell, hat eine Fensterfront zur Bay, ein gemütliches Schlafsofa und einen kleinen Schreibtisch – und meistens lerne ich sowieso im Wohnzimmer. Es ist sicherlich auch einfacher, jemanden für das große Zimmer zu finden, aber ich will niemanden, der auf solche Betten steht. Das blöde Ding fliegt raus.
Vielleicht weiß Tante Maggie, wohin man dieses Ungetüm von Bett spenden kann. Voller Tatendrang marschiere ich zurück in die Wohnküche.
»Ist das Kunst, oder kann das weg?«, begrüßt mich dort meine Patentante. Drohend hält sie ein vertrocknetes Wurzelknäuel über den geöffneten Abfalleimer, in den sie bereits eine neue Mülltüte gehängt hat.
»Halt! Nein!«, bremse ich sie. »Das gehört Maria. Sie bringt mich um, wenn ich ihre Wüstenrose entsorge.«
»Du meinst, dieses Ding hat Überlebenschancen?«
»Ganz bestimmt! Ich habe Maria hoch und heilig versprochen, dass ich mich um all ihre Pflanzenschätze kümmere, als wären es meine Patienten.«
»Nichts gegen deine Reanimationskünste, aber gesunde Blumen sind mir lieber.« Seufzend lässt Tante Maggie die Zauberknolle wieder in der Küchenschublade verschwinden. Ihre Armbänder klirren.
Theoretisch bewohnen wir diese Wohnung über den Dächern San Franciscos auch nach Jans Auszug also immer noch zu zweit. Praktisch gesehen ist Maria allerdings schon zwei Tage länger weg als Jan. Sie hatte uns schon kurz nach dem Einzug mitgeteilt, dass sie für ein paar Monate zurück nach Peru müsse, um dort im Familienbetrieb auszuhelfen. Ich vermute, dass es auch etwas mit ihrer Aufenthaltsgenehmigung nach der geplatzten Hochzeit mit einem US-Staatsbürger zu tun hatte, aber darüber haben wir nie gesprochen.
Jan fand es übrigens enorm großzügig von sich selbst, mir nach Marias Auszug achtundvierzig Stunden zum Anpassen gelassen zu haben, bevor er selbst die Biege machte und mich komplett mir selbst überließ. Seufzend drehe ich mich um.
Jedenfalls ist das Penthouse in diesem Gebäudekomplex mit der eigenen kleinen Dachterrasse einfach zu schön, um es aufzugeben. Allein der Blick auf die Bucht – ein Traum, egal bei welchem Wetter.
Auch wenn Männer es hier offensichtlich nicht sonderlich gut aushalten. Denn Marias Geschichte wiederholte sich quasi eins zu eins: Eine Woche bevor sie abreiste, hatten Jan und ich unsere Probezeit beendet und einen offiziellen Mietvertrag über weitere sechs Monate geschlossen. Vielleicht hätte es mir zu denken geben sollen, dass er nicht mit unterschreiben wollte. Ich dumme Gans machte mir noch Sorgen wegen seines auslaufenden Visums, die er aber sofort abwiegelte. Er sagte, er würde das locker hinkriegen und einfach zwischendurch mal zwei Wochen nach Kanada oder Mexiko fliegen, um dann wieder neu einreisen zu können. Alles easy.
Ich bin nicht gut mit Alarmsignalen. Sonst hätte ich damals vielleicht auch den Krebs früher bemerkt. Egal. Es ist ja gut gegangen.
Maria wird wiederkommen. Jan garantiert nicht. Er ist mit dieser karibischen Schönheit namens Ramona nach Kuba entschwunden – einmal auf die andere Seite des Kontinents und raus aus den Staaten. Auf dem Foto, das er mir als Abschiedsgruß von dem glücklichen Pärchen geschickt hat, sieht Ramona aus wie ein Fitnessmodel, hat lange schwarze Haare und sicherlich keine langweiligen Hobbys wie lateinische Bezeichnungen für Knochen auswendig lernen oder die chinesische Fünf-Elemente-Lehre inhalieren. Ich habe trotzdem vor, die Schlösser austauschen zu lassen. Nur zur Sicherheit.
Unter anderen Umständen wären Jan und ich nie zusammengekommen, wir haben uns aneinandergeklammert wie zwei Fliegen, die Angst vorm Ertrinken hatten. Maggie hatte mir das auf den Kopf zugesagt, gleich am Abend unserer Ankunft.
Nachdenklich betrachte ich die Kehransicht meiner flippigen Tante, die mit ihrer hemdsärmeligen Tatkraft gerade auf den Zehenspitzen auf einem Stuhl balanciert und die neuen Vorhänge aufhängt.
Die meisten Unfälle passieren im Haushalt, denke ich und seufze schon wieder. Außerdem hat in der ganzen Straße niemand sonst Gardinen.
»Was?«, fragt sie fröhlich.
»Mir ist gerade aufgegangen, dass du womöglich Jans Auszug ins Rollen gebracht hast.«
»Ich?« In schlecht gespielter Entrüstung sieht sie mich an. »Wie hätte ich denn dieses Meisterwerk vollbracht?«
Ich grinse. »Erinnerst du dich an den legendären Abend beim Chinesen letzten Monat? Als du Jan gefragt hast, wieso er eigentlich in San Francisco leben will, wenn ihn die oberflächlichen Amerikaner und ihre aufgesetzte Freundlichkeit so furchtbar nerven? Und an seinen Gesichtsausdruck, als er einen Moment lang wirklich darüber nachgedacht hat?«
»Huch!«, macht Tante Maggie und klettert umständlich vom Stuhl. »Meinst du, er ist meinetwegen zu neuen Ufern aufgebrochen? Ich bin es ja gewohnt, dass mich manche Menschen anstößig finden, aber zum Stein des Anstoßes werde ich eher selten.« Sie kichert in Anspielung auf ihr Outing. »Aber apropos etwas ins Rollen bringen: Hast du ihm nicht kurz zuvor das T-Shirt mit dem Aufdruck: It’s better on the Bahamas geschenkt? Nicht so weit weg von Kuba, oder?«
»Okay. Eins zu null.«
Wir lachen.
»Immerhin kannst du von dir behaupten, dass du nicht das schwarze Schaf bist, sondern das bunte.«
»Und da bin ich stolz drauf, Sugarplum.« Tante Maggie macht einen Knicks und wirbelt mädchenhaft in ihrem bunten Batikkleid und mit den klirrenden und klingelnden Armbändern herum, bis ihr schwindelig ist und sie sich an mir abstützen muss. »Schätzchen. Ich muss mich setzen. Mit deinem Temperament muss frau erst mal mithalten. Was hältst du von einer kleinen Pause mit selbst gemachter Limonade? Ich habe vorhin eine Flasche von Lydias Spezialrezeptur in deinem Kühlschrank deponiert – nachdem ich ihn gründlich mit Essigwasser gereinigt habe. Was da außer Ketchup und zwei Zitronen sonst noch drin war, ruht jetzt übrigens einträchtig neben Jans Socke.«
»Perfekt!«
Ich angele zwei Gläser aus dem viel zu hoch hängenden Küchenoberschrank und runzele die Stirn.
»Den müssen wir bei Gelegenheit auch noch tiefer setzen.«
Mit »wir« meine ich Luigi, unseren Hausmeister und Concierge, aber ehrlich gesagt würde ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass er so was kann.
»Oder einen dieser kleinen Ikea-Hocker besorgen«, schlägt Tante Maggie vor, die anscheinend zum selben Schluss gekommen ist.
Ich nicke. »Das wäre einfacher, stimmt. Auf jeden Fall wird das hier jetzt eine reine Frauen-WG. Männerfreie Zone! Ich habe so was von die Nase voll von Kerlen!«
»Na, darauf stoßen wir an!«
Zwei Stunden später habe ich Tante Maggie endlich davon überzeugt, dass sie mich guten Gewissens allein lassen kann.
»Wenn dir die Decke auf den Kopf fällt: Du weißt, wo du uns findest, Liebes. Du kannst jederzeit wieder bei uns wohnen. Wir haben Platz genug! Wieso kündigst du nicht einfach und ziehst zu uns?«
»Weil Teil des Amerikaplans war, dass ich meine Selbständigkeit wiederfinde und mein Leben selbst in die Hand nehme?«
Tante Maggie legt mir zufrieden die Arme um die Schultern. »Das wollte ich nur noch einmal aus deinem eigenen Mund hören. Guter Plan! Tschakka!«
»Tschakka!«, wiederhole ich unseren Schlachtruf und sehe ihr hinterher, wie sie im wehenden Kleid, bewaffnet mit zwei Müllsäcken, die Treppen im Hausflur hinunterspringt, als wäre sie fünfzehn und keine fünfzig plus.
Dann lasse ich die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fallen.
Erschöpft plumpse ich in einen der gepolsterten Korbsessel in der Chillecke unserer Wohnküche, wo der Blick über die Dachterrasse und hinüber bis zur Golden Gate Bridge träumen kann, und schenke mir noch ein halbes Glas Limonade ein. Ingwer-Limette mit einem Hauch frischer Pfefferminze. Das ist jetzt genau das Richtige. Ich löse meine Augen von der Bucht und lasse sie durch die Wohnung schweifen.
Zuhause.
Allein.
Meins.
Zumindest solange Maria nicht zurück ist.
Die neuen Vorhänge in zarten Orange- und Gelbtönen tauchen den zentralen Raum in ein weiches Licht. Die Einrichtung stammt größtenteils von ihr, ein paar Sachen gehören wohl auch zum Apartment. Es sind weiße oder cremefarbene Holzmöbel, die einen wunderbaren Kontrast zu der modernen Architektur mit dem vielen Glas und den großen Fenstern bilden. Marias Geschmack und meiner ergänzen sich ausgezeichnet. Tante Maggie und ich haben auf dem Künstlermarkt wunderschöne passende Läufer, Kissenhüllen und Deckchen in Grün- und Blautönen gefunden. Ich zücke mein Handy, mache drei Fotos vom Ergebnis unseres morgendlichen Dekorationsmarathons und schicke sie an Maria nach Arequipa.
Als ich das Telefon schwungvoll zurück auf das kleine Bambus-Glas-Tischchen lege, erschreckt mich das leise Geräusch beinahe, weil es in der Stille des Raumes so unnatürlich laut klingt. Das Ticken der Küchenuhr und das leise Surren des Kühlschranks sind die einzigen Geräusche, wenn ich mich nicht bewege und der Korbsessel knarzt. Verdammt ruhig hier plötzlich, so ohne Tante Maggies fröhliches Geschnatter. Wann war ich überhaupt das letzte Mal wirklich irgendwo allein? Ohne Notrufknopf, ohne Familie nebenan, ohne …
Ein zaghaftes Klopfen an der Wohnungstür unterbricht meine Überlegungen.
»Hast du was vergessen, Tante Maggie?«, rufe ich schon durch die geschlossene Tür, während ich mich hochkämpfe und in den Flur hinübergehe.
Ich lege ein Lächeln auf meine Lippen, reiße schwungvoll die Tür auf, um Tatkraft und Zuversicht zu demonstrieren – und werde fast von einem schokoladenbraunen, fröhlich japsenden Ungetüm umgerannt.
»Sky!«, rufen Mrs. Wolowitz und ich gleichzeitig.
Aber Sky schert sich nicht um uns. Die Leine hinter sich herschleifend schießt er davon, rutscht in den Kurven mehrfach auf dem glatten Parkett aus, rappelt sich wieder hoch und saust weiter. Hechelnd und winselnd muss er die Wohnung inspizieren, jeden einzelnen Raum, und das in einem Tempo, als hätte ihm jemand versprochen, dass er eine Belohnungswurst gewinnen würde, wenn er unter zwei Minuten bliebe – und unter eins dreißig sogar zwei. Nach jedem Zimmer galoppiert er zu mir zurück, wirft sich jaulend und quietschend vor mir auf den Rücken, schleckt mir die Hände ab und stürzt dann schlitternd und rutschend wieder davon, die Zeit läuft ja.
Ich muss lachen.
»Oh, das tut mir so leid«, entschuldigt sich die ältere Dame inbrünstig und versucht, zu Atem zu kommen.
Mrs. Wolowitz ist meine Nachbarin, und seit ihr gefräßiger Labradormischling mich am ersten Tag buchstäblich umgerannt hat, nehme ich ihn regelmäßig zum Joggen oder in den Park mit und betreue ihn auch mal über Nacht, wenn Mrs. Wolowitz ihre Schwägerin im Napa Valley besucht. Die hatte Sky ursprünglich bei sich aufgenommen, ist nur leider allergisch gegen Hunde, wie sich schnell herausstellte. Damit Sky nicht ins Tierheim musste, hat Mrs. Wolowitz ihn übernommen, sich selbst damit allerdings auch. Mir dagegen hätte gar nichts Besseres passieren können als ihr »Velvele«, ihr Wölfchen, wie sie Sky liebevoll nennt, mit seinem enormen Bewegungsdrang und seiner routineorientierten Gassiblase. Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen uns beiden, gleich von dem Moment an, als er sich wenige Tage nach unserem Einzug in seiner üblichen stürmischen Art mit der Leine um meine Beine wickelte. Ich konnte gerade noch die Eierpackung aus Mrs. Wolowitz’ prallvoller Einkaufstüte auffangen, bevor ihr der Rest aus der Hand rutschte und ich mich neben umherkullernden Orangen, Mehl und Butter auf dem Fußboden wiederfand – das alles natürlich sehr zur Freude von Sky, der mich in unverhoffter Augenhöhe viel besser abschlecken konnte. Ich bin davon überzeugt, dass er das absichtlich so eingefädelt hat, um uns zusammenzubringen, der kleine Schlawiner. Als Wiedergutmachung lud Mrs. Wolowitz mich am selben Nachmittag zu frisch gebackenem Orangenkuchen ein. Der Rest ist Geschichte.
Beinahe täglich zog ich in den darauffolgenden Wochen mit Sky durch die Parks der angrenzenden Viertel, und Mrs. Wolowitz verwöhnte mich im Gegenzug mit selbst gebackenen Köstlichkeiten, deren Zutaten sie alle organic, also bio, einkaufte, damit ich kein allzu schlechtes Gewissen zu haben brauchte, wie sie sagte.
»Er hat schon unten im Treppenhaus gemerkt, dass Sie wieder da sind, und war einfach nicht zu bremsen.« Sie keucht ein wenig und stützt sich am Türrahmen ab. »Ich wollte wirklich nicht stören. Aber er blieb einfach vor Ihrer Tür stehen und wollte keinen Zentimeter weitergehen.«
Ich winke ab. »Alles in Ordnung, wirklich. Möchten Sie nicht reinkommen?«
Das Quietschen von Sprungfedern im Nachbarzimmer verrät mir, dass Sky soeben seinen Lieblingsplatz bezogen hat.
Mrs. Wolowitz hat es auch gehört. »Ach du lieber Herr Gesangsverein! Sky, komm sofort hierher! Du ungezogener Schmock!«
Soweit ich weiß, ist Mrs. Wolowitz nicht besonders religiös und Amerikanerin durch und durch, aber wenn es um Schimpfworte oder Kosenamen geht, benutzt sie am liebsten jiddische Ausdrücke.
Hin- und hergerissen zwischen der Pflicht, ihren Rüden zurückzuholen, und dem Unbehagen, ein fremdes Schlafzimmer zu betreten, sieht sie mich an. Ihr Blick hat etwas Flehendes.
»Ich mache das schon«, sage ich und lache. »Setzen Sie sich. Möchten Sie einen Schluck Limonade? Hausrezept von meiner Tante Lydia.«
»Ach ja, das wäre nett.«
Als ich mit einem beleidigten Hund zurückkomme, sitzt Mrs. Wolowitz kerzengerade auf dem vorderen Drittel eines Küchenstuhls, tupft sich mit einem bestickten Stofftaschentuch Schweiß von der Stirn und lächelt mich schüchtern an.
»Geht es Ihnen nicht gut?«, erkundige ich mich, während sie trinkt.
Sie kommt mir blass vor und ein bisschen fahrig. Am liebsten würde ich ihr den Puls messen.
Sofort setzt sie das Glas ab. »Wohl, wohl«, sagt sie schnell. »Das ist sicher nur das Wetter. Die Hitze schlägt mir immer ein wenig auf den Kreislauf.«
»Wenn Sie mögen, kann ich Sky auch hierbehalten und nachher noch mal eine Runde mit ihm in den Park gehen. Ich liefere ihn pünktlich zum Abendessen ab, und Sie können sich noch mal ein Stündchen hinlegen. Wie wäre das?«
»Das würden Sie tun, Zissele? Doch, doch, Sie sind eins: ein süßes Geschenk des Himmels, nehmen Sie das Kompliment ruhig einmal an! Was würde ich nur ohne Sie machen? Wir waren verloren im letzten Monat.« Erleichtert strahlt sie mich an.
Mir liegt auf den Lippen, sie zu fragen, wie sie und Sky die letzten vier Wochen denn überlebt haben. Schließlich ist niemand unersetzlich, und es gab ja auch eine Zeit »vor mir«. Ich würde ehrlich gern wissen, wie sie vorher klargekommen ist, aber ich verkneife es mir, denn ich kann es mir denken. Unsere Wohnanlage hat einen kleinen Innenhof mit »Doggyrasen«. Vermutlich war das sein Standardausflug zum Gassigehen, armer Kerl. Mrs. Wolowitz muss weit über siebzig sein, und sie sieht wirklich erschöpft aus. Sky ist ein wuscheliges braunes Kraftpaket, das es in sich hat – und faustdick hinter den Ohren obendrein. Sie hätte ihn nach ein paar Tagen ohne Auspowermöglichkeit gar nicht mehr halten können, wenn sie versucht hätte, ihn allein durch die viel befahrenen Straßen in einen Park zu führen.
Ohne dass wir es gemerkt hätten, hat Sky sich wieder nach nebenan verkrümelt. Ich raschle mit einer Schachtel Leckerlis, und sofort verrät ein Knarzen, dass er mein Bett aufgibt, verfressen, wie er nun mal ist. Zwei Sekunden später schlittert er schwungvoll direkt vor meine Füße.
»Na, mein Großer? Was sagst du? Wollen wir nachher noch mal die Eichhörnchen durchzählen?«
Der Rüde schmiegt sich begeistert hechelnd an meine Beine. Von der Spitze seiner langen rosafarbenen Zunge perlt ein Tröpfchen auf den Holzboden. Erwartungsvoll himmelt er mich an.
»Kannst du denn auch noch artig ›Bitte‹ sagen, oder hast du inzwischen alles verlernt?«
Sofort wirft er seine linke Pfote auf meinen Oberschenkel und holt sich seine Belohnung ab, die er mit einem einzigen Happs verschlingt.
»Sie haben wirklich ein Händchen für Hunde. Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn ich Sie beide zusammen sehe. Er liebt Sie abgöttisch.«
Ich rubbele Sky kräftig durch das langhaarige Nackenfell, das in diesem Bereich wie ein übergroßer Hippiepullover an dem Rüden hängt.
»Die Zuneigung beruht ganz auf Gegenseitigkeit«, versichere ich der alten Dame.
Sie nickt. »Das ist wirklich schön zu wissen. In meinem Alter …« Sie bricht ab. »Aber wie geht es Ihnen, Zissele? Ich habe mir Sorgen gemacht. Waren Sie verreist, oder …?«
Ich schüttle den Kopf. »Weder noch«, erkläre ich lächelnd. Ich weiß, dass sie einen Krankenhausaufenthalt befürchtet hat, auch ohne dass sie es ausspricht. Sie kennt meine Geschichte. »Alles in bester Ordnung.«
Sie seufzt, nimmt abwesend noch einen Schluck Limonade und streichelt Sky über den Kopf, während sie aufsteht.
»Gut, dann lasse ich Sie und das Velvele jetzt mal alleine.«
Ich bringe sie bis in den Hausflur. Dort dreht sie sich noch einmal um und sieht mir in die Augen.
»Ich gratuliere Ihnen übrigens. Sie haben seinen Geist erfolgreich vertrieben. Die Wohnung wirkt jetzt viel lebendiger und frischer. Und Sie auch. Er hat Ihnen nicht gutgetan.« Dann schlägt sie sich die Hand vor den Mund und lächelt verschmitzt. »Das ist mir so herausgerutscht. Aber wahr ist es trotzdem.«
Nachdenklich lasse ich die Tür ins Schloss fallen. Es wird Zeit für eine Liste.
Hundefreundliche, gesundheitsorientierte Mitbewohnerin (NR) gesucht für Apartment mit Dachterrasse. Befristet. Western Addition, 1450 $/Monat. E-Mail: [email protected]
Er las die Anzeige bereits zum vierten Mal. Er hatte sie zerknüllt, weggeworfen und wieder aus dem Müll gefischt. Dreimal.
Es war die einzig brauchbare Annonce aus all den Käseblättern, die er in den letzten Tagen studiert hatte. Nur eine Sache war blöd.
Der Typ suchte ausdrücklich eine Mitbewohnerin. Wollte er jemanden zum Vögeln oder um sich die Miete zu teilen?
Etwas anderes hingegen klang beinahe zu gut, um wahr zu sein: Es schien einen Hund zu geben, und wer Tiere liebte, konnte kein schlechter Mensch sein. Meistens jedenfalls.
Also los, er würde sein Glück versuchen. Mit verkniffenem Mund strich er die Zeitungsseite glatt, so gut das nach den vorangegangenen Knüll-Attacken eben ging. Er würde die Person anschreiben und um einen Besichtigungstermin bitten, ohne sein Geschlecht zu verraten, und wenn sie sich gegenüberstanden, hatte er das Überraschungsmoment für sich. Ob ein Spinner dahintersteckte, ein Arschloch oder etwas Harmloses, würde sich spielend an dem Hund ablesen lassen – wenn es überhaupt einen gab und das keine Masche war.
Storm seufzte. Marty hatte immer gesagt, er solle an das Gute im Menschen glauben. Bitte schön. Es würde sich zeigen. Einer von ihnen beiden irrte sich. Wenn Marty recht behielt, hatte er heute Abend mit ein bisschen Glück eine Bleibe mit Hund. Wenn er falschlag, dann würde er einem sexistischen Mistkerl so gründlich die Meinung geigen, dass er sich künftig zweimal überlegte, mit solchen Anzeigen Mädchen zu ködern. Er hatte einen Preis bezahlt, um das zu kapieren: Menschen mit Macht nutzten andere aus. Und um Macht auszuüben, brauchte man nicht viel. Es genügte völlig, in einer Stadt mit einem chronischen Zuwenig an erschwinglichem Wohnraum Vermieter zu sein.
Verwirrt sah er auf seine zitternde Hand. Die Fingerknöchel waren weiß geworden. Er musste sich zwingen, die Faust wieder zu lockern. So konnte er schlecht eine E-Mail schreiben.
Die ersten Bewerber gehen gar nicht. Ich weiß nicht, wieso sich Menschen auf eine Anzeige melden, die die einfachsten sozialen Grundregeln nicht beherrschen: Fast-Food-Junkies, Menschen mit Fußgeruch, Leute, die kein Wort Englisch, geschweige denn Deutsch verstehen oder gar sprechen, und solche, die Angst vor Hunden haben, sind noch die harmlosesten Bewerber. Sorry – nein! Ich möchte nicht mein Leben, mein Badezimmer und meine Küche mit euch teilen.
Ich brauche meinen Nachtschlaf und möchte nicht sechsmal pro Woche um drei Uhr zwanzig durch Heavy-Metal-Musik geweckt werden, weil du anders nicht wach wirst, aber zur Frühschicht musst, liebe Pam aus New Jersey. Aber danke für deine Ehrlichkeit.
Auch dir vielen Dank für deinen Besuch, liebe Claudia, und ja, ich hätte etwas dagegen, wenn du dir ab und zu Freier aus deinem Stripclub in North Beach mit nach Hause bringst, damit du dein Einkommen beim privaten Poledance noch etwas aufbessern kannst. Und daher nein, ich werde Luigi nicht fragen, ob er dir so ein Ding einbauen kann!
Lass mich nachdenken, liebe Jenny! Möchte ich, dass du unsere gemütliche Wohnküche in einen Fitnessraum verwandelst und wir die Sofaecke gegen ein vollelektrisches Rudergerät, eine Hantelbank und ein Laufband tauschen? Mhm … nein, möchte ich nicht.
Und ich reiße auch nicht die Fenster zur Dachterrasse heraus und mauere sie zu, weil du, liebe Laura, von der Südsonne Pickel bekommst. Ich richte keinen Panikraum für dich, Beverly, ein, und ich will auch keine Regalwand mit Giftschlangen und dazugehöriger Futtermäusezucht. Nein danke, Robbie! Und übrigens: Du bist keine Frau! Es ist mir egal, ob das männerfeindlich ist, aber dieses Zimmer kriegt man nur mit zwei X-Chromosomen!
Ich bin noch nie so vielen irrwitzig schrägen Vögeln in so kurzer Zeit begegnet. Kein Wunder, dass Maria damals so begeistert von Jan und mir war! Ich muss sie unbedingt bei unserem nächsten Chat nach ihren skurrilsten Anekdoten fragen.
»Oh. Mein. Gott«, raune ich Sky zu, als wir uns von Kimberly-Max verabschiedet haben, die eine ganz seriöse Schauspielerin werden wollte, aber dann irgendwie beim Porno kleben geblieben ist. Mit spitzen Fingern lasse ich die Visitenkarte in den Treteimer fallen. »Das Parfüm war auch ein bisschen sehr schwer, oder? Vor allem in der Verbindung mit Alkoholfahne und kaltem Rauch.«
Sky niest geräuschvoll und sieht mich dann mit schief gelegtem Kopf an.
»Du hast so was von recht!«, stimme ich ihm zu und reiße ein zweites Fenster zum Durchlüften auf.
Unten an der Straße steht Kimberly-Max, zündet sich eine Zigarette an und winkt gekünstelt zu mir nach oben, wobei der Mittelfinger sich als Letztes wieder senkt, bevor sie würdevoll davonstöckelt, in der Hand die Zeitungsseite mit weiteren eingekringelten Wohnungsanzeigen. Ich wünsche ihr wirklich, dass sie die passenden vier Wände findet, aber mit uns wird das nichts.
»Viel Glück noch!«, rufe ich hinunter und zische leise: »Nichtraucherwohnung außerdem. Das stand auch in der Anzeige.«
Dann lasse ich mich erschöpft aufs cremefarbene Designersofa plumpsen. Sky legt solidarisch seinen Kopf auf meine Knie. Zwei Minuten später ist er eingeschlafen. Sein seliges Schnarchen lässt meine Beine sanft vibrieren. Eigentlich bin ich auch hundemüde. Siebzehn Besichtigungen in drei Tagen – ich kann nicht mehr. Jetzt liegt nur noch eine vor mir, aber wenn das wieder nichts ist …
»Vielleicht sollte ich doch bei Tante Maggie und Lydia einziehen und das Apartment kündigen«, sinniere ich halblaut.
Prompt winselt Sky im Schlaf, und ich verwerfe den Gedanken gleich wieder. Auch wenn Maria nach meiner Trennung von Jan Stein und Bein geschworen hat, dass es überhaupt kein Problem wäre, wenn ich ausziehen würde, weiß ich genau, dass dem nicht so ist.
»Ich bleibe«, flüstere ich leise.
Mein Fuß ist unter dem schlafschweren Hundekörper eingeschlafen, aber ich mag mich nicht bewegen, das würde Sky sofort wecken, und er träumt gerade so schön. Seine Pfoten zucken, seine Augenlider flattern, und durch die Lefzen blubbern halblaute Fieptöne, leises Jaulen und Bellen. Er klingt so, wie ich mir einen schlafwandelnden Hundebauchredner vorstelle. Vielleicht jagt er gerade unsere unsympathischsten Wohnungsbewerber den Hügel hinunter. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er im Traum bereits in unserem Lieblingspark angekommen ist und Eichhörnchen auf die Bäume scheucht.
Skys Menschenkenntnis ist unschlagbar. Darum habe ich ihn mir für sämtliche Vorstellungsgespräche von Mrs. Wolowitz ausgeliehen – er hat das beste Gespür für WG-inkompatible Soziopathinnen ever.
»Ich schulde dir inzwischen einen Riesenknochen, zwei Tüten getrocknete Pansen und diverse Schweineohren, mein Freund. Und du hast dir jeden einzelnen Bissen verdient.«
Seufzend strecke ich mich zum Wohnzimmertisch hinüber und versuche, meinen Block und den Stift zu erhaschen, ohne dass Sky oder die Ameisenschar in meinem eingeschlafenen Bein davon etwas mitbekommen. Ich will mir das aufschreiben, es soll alles seine Ordnung haben. Und gleich im Anschluss überarbeite ich die Liste mit meinen WG-Kriterien.
»Vielleicht sollte ich das Gesuch doch etwas offener gestalten und Wahnsinnige gezielt mit ansprechen?«
Sky wedelt matt mit dem Schwanz, ohne dabei die Augen zu öffnen. Ich glaube, mein Sarkasmus dringt nicht zu ihm durch. Vorsichtig lehne ich mich wieder zurück und ziehe einen Strich unter die Liste mit zu besorgenden Hundeleckerlis. Ich sollte es vielleicht wirklich riskieren, mir Männer und Diverse zumindest mal näher anzusehen. Die kommen ja offenbar eh, egal, wie deutlich ich mein Inserat formuliere. Oder ich schreibe denen mit den spannendsten Nicknames, damit Maria und ich etwas zu lachen haben, wenn wir später online darüber reden. Und Sky beschützt mich ja.
Aber noch habe ich eine auf der Liste. Also auf in die nächste Runde …
Er stand auf der Straße vor dem Gebäudekomplex, der ihm in der Antwortmail genannt worden war. Keine halbe Stunde hatte es gedauert, bis der Typ sich gemeldet hatte. Storm scannte die moderne Wohnanlage mit den Augen. Viel Glas und Chrom, noble Eingangshalle, ein gelangweilter Portier hinter der Drehtür und einem brusthohen Tresen, Marmor an der Wand, auf dem Boden, überall, und dazwischen Zierleisten aus poliertem Messing. Aber an den Ecken bröckelte der Putz, wenn man genau hinsah, und an einer der bruchsicheren Scheiben hatten sich offenbar vergeblich Randalierer ausgetobt. Hauchfeine Spinnweben und ein matterer Glanz zeugten von Haarrissen im Glas.
Eine WG würde man hier eher nicht vermuten – das stank derart zum Himmel, dass Marty da oben eine Niesattacke nach der anderen haben würde. Die drehten hier wahrscheinlich High-End-Pornos. Andererseits waren die Mieten in diesem Teil der Western Addition schweineteuer, die Ausgaben zu teilen ergab Sinn – wenn man sich nicht auf den Keks ging. Vielleicht war das Ganze also wirklich so harmlos, wie es in der Mail zu lesen war. Doch warum hatte kein Name in der Mail gestanden? Er blieb argwöhnisch.
Unwillkürlich fuhr seine Hand zu dem Taschenmesser an seinem Gürtel, zuckte zurück, kurz bevor er es berührte, und schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Abgehackt und grobmotorisch griff er nach seiner Cap, rückte sie zurecht, sodass der Schatten seine empfindliche linke Gesichtshälfte bedeckte und vor der kalifornischen Sonne beschützte, so gut es eben ging. Seit man ihn wie einen Freak anstarrte, trug er stets beides am Körper, Messer und Kappe. Die Welt war keine gute mehr, für ihn hatte sie ihre Unschuld verloren. Schon vor langer Zeit.
Storm tigerte ein paar Mal unschlüssig vor dem Eingang auf und ab. Wo sein kleiner Rucksack und der Gitarrenkoffer ihm ins Kreuz drückten, zeichneten sie dunkle Muster in das Hemd und die Jeansjacke. Er spürte die Feuchtigkeit.
Vielleicht wartete da oben ja doch kein Spinner auf ihn, sondern ein ganz normaler Typ, der eben nur nicht mit einem schmerbäuchigen, ungeduschten Wichser zusammenwohnen wollte.
Er hatte noch nie mit jemandem zusammengewohnt, das hatte er bisher geschickt vermieden. Laureen kam ihm in den Sinn. Die süße Laureen. Das hätte was werden können, wenn nicht … Er schüttelte den Kopf. Nach vorn sehen, nicht zurück. Was vorbei war, war vorbei. Das konnte er nicht ändern. Damit die Zukunft erträglich wurde, musste er in der Gegenwart leben. Alles andere brachte ihn um den Verstand. Er hatte es ausprobiert, und es war verdammt knapp gewesen. Das war es immer noch, jeder Tag kostete ihn Kraft.
»Wenn du mir vergeben hast, Marty, alter Junge, dann könntest du das hier als Chance ergreifen, um mir ein Zeichen zu senden. Das wäre echt anständig von dir.«
Storm schluckte trocken. Dann drückte er den verschwitzten Rücken durch und fixierte den gläsernen Eingang, der sein Spiegelbild zurückwarf – die Reflektion dessen, der er jetzt war. Die Silhouette war ihm vertraut, ein schlaksiger Typ um die dreißig, in Jeans und Hemd, mit Baseballcap, Rucksack und Gitarrenkoffer, an den Füßen die schweineteuren, vertrauten Glücksbringer-Designerboots. Aber der Rest fühlte sich immer noch fremd und merkwürdig an. Es war gut, dass das Zerrbild sein neues Gesicht nur schemenhaft wiedergab. Er mochte es nicht. Er würde sich nie daran gewöhnen, aber er trug es als sichtbares Sühnezeichen.
Das aufgeregte, keuchende Winseln eines Hundes riss ihn aus den dunklen Gedanken. Ein brauner Labrador drängte sich an ihm vorbei in Richtung eines kümmerlichen Straßenbaums, um ihn zu markieren. Am anderen Ende der strammen Leine hing eine trotz ihrer Leibesfülle zerbrechlich wirkende Seniorin, die ihm gefühlt gerade mal bis zum Bauchnabel reichte. Der Portier verschloss mit einem freundlichen Tippen an seine Schirmmütze die Seitentür hinter ihr und schlurfte zurück zu seinem Tresen und einem flirrenden Tablet.
Storm sah zu dem Hund. Das Tier hob das Bein und lachte ihn aus geöffnetem Rachen etwas kurzatmig, aber freundlich an. Ein Kraftpaket, Kopf- und Körperform nach ein Labrador, aber nicht reinrassig, dafür war das Fell im Halsbereich und an Beinen und Rute viel zu lang. Der Karabiner der Flexileine war durch das Brustgeschirr ins Halsband gehakt, das sah man trotz der Zottelhaare.
Normalerweise hätte Storm sich einen Spruch über die Gefährlichkeit dieser Aktion für die Halswirbel des Tieres nicht verkneifen können, aber die alte Dame hielt den Griff der Leine mit beiden Händen. Sie wirkte nicht so, als könnte sie dem Hund anders überhaupt Herr werden. Es ging ihn ja auch nichts an.
Storm straffte die Schultern und wischte sich die feucht gewordenen Hände an der Jeans ab. Zumindest schien es in diesem vormals schicken Protzbau tatsächlich Hunde zu geben, vielleicht war das bereits das Zeichen, das er sich gewünscht hatte. Es kam auf einen Versuch an. Nur weil er zwingend notwendig Ruhe brauchte, wenn er heilen wollte, hieß das ja nicht, dass er leben musste wie ein Bettelmönch in einer dieser versifften, billigen Absteigen. Noch nicht jedenfalls. Und hier und heute würde ihn niemand vermuten, geschweige denn erkennen.
Er schob den Rucksack zurecht und nahm seinen Gitarrenkoffer vor den Bauch, damit er durch die Tür passte. Kurz bevor er das Innere des Gebäudes erreicht hatte, blieb die Drehtür stehen. Zuerst dachte er, er wäre einfach zu schnell gegangen. Aber das Ding klemmte. Es bewegte sich nicht vor und nicht zurück.
»Fantastisch«, brummte er und klopfte gegen die Glasscheibe.
Merkte dieser Portier nichts? Der Typ saß in sein Tablet vertieft hinter dem Tresen und zockte irgendein Spiel.
Erst, als er heftig gegen die Tür trat, hob der Mann den Blick und beeilte sich, sein Refugium zu verlassen.
»Moment!«, bat er.
»Ha, ha«, knurrte Storm.
Er konnte ja kaum abhauen. Schön wär’s gewesen.
Der Mann in der lächerlichen Portiersuniform drückte erfolglos auf dem Entriegelungsknopf in der Wand herum. Sein dunkles Jackett zierten zwei petrolfarbene Streifen am Unterarm. Wie bei einem albernen Badewannenkapitän, schoss es Storm durch den Kopf, aber dafür konnte der Angestellte ja nichts.
»Zurück!«, kommandierte der gestenreich und half Storm, die schwere Tür in die Gegenrichtung zu drehen.
Als er wieder auf der Straße stand, zückte der Portier einen Sicherheitsschlüssel und sperrte die Glasfront neben der Drehtür auf.
»Klemmt manchmal«, erklärte er schulterzuckend in dem leicht singenden Unterton, der typisch war für italienische Einwanderer, egal, wie viele Generationen sie schon in den Staaten lebten.
»Die Firma ist verständigt, aber sie kommen erst morgen. Das sagen sie seit Wochen. Stupido!« Er machte eine eindeutige Geste. »Zu wem wollen Sie?«
Storm sah auf seinen Zettel und las ab. »Nummer 1089. Ganz oben, glaube ich.«
Der Pförtner nickte und begann vielsagend zu strahlen. »Molto bene! April! Das ist gut. Versauen Sie’s bloß nicht. Die anderen waren grauenhaft.« Er verdrehte die Augen. »Hier entlang.«
»Und? Wie heißt du wirklich?«
Locker sollte das klingen, cool, easy, gechillt. Alles das, was ich in diesem Augenblick ganz und gar nicht bin. In Wahrheit habe ich das dringende Bedürfnis, mit dem Ende meines Bleistifts auf dem karierten Papier herumzutrommeln. Den Rhythmus aufzunehmen, den mein Herz mir gerade vorgibt: ein schnelles Stakkato. Wilden Galopp. Ein Pferd auf der Flucht. Hilflos knibbele ich mit dem Fingernagel an den abgekauten Einkerbungen. Ich kann ja schlecht anfangen, auf dem Stift herumzukauen. Vor ihm. Aber es würde mir helfen. Ganz sicher. Storm – so heißt doch kein Kerl! Auch sonst ist der Typ sonderbar, ein Freak, und das liegt nicht nur an der gruseligen Narbe in seinem Gesicht, die er mit dem albernen Käppi zu kaschieren versucht.
Er ist regelrecht zurückgeprallt, als ich ihm die Tür aufgemacht habe. Als hätte er sonst wen erwartet, Vin Diesel vielleicht – und dann hat er gelacht, als ob er irgendwas an mir irre komisch findet, und sich an mir vorbei in die Wohnung geschoben, bevor ich reagieren konnte.
Und ich? Ich hab ihn reingelassen, wie eins der sieben Geißlein den bösen Wolf. Wie blöd muss man eigentlich sein, einen Fremden ins Apartment zu lassen, wenn der Hund, der einen beschützen soll, grade mit seinem Frauchen Gassi geht? Wahrscheinlich hat dieser Typ Mrs. Wolowitz abgepasst. Sie muss ihm mit Sky quasi direkt in die Arme gelaufen sein. Wieso hat Luigi ihn durchgewunken? Wozu ist der Kerl überhaupt Pförtner? Weil er nirgendwo sonst in Ruhe fernsehen kann? Ob das die richtige Arbeitseinstellung ist, kann er sich dann bei meiner Beerdigung überlegen oder von Tante Maggie fragen lassen – vorausgesetzt, sie finden meine Leiche und dieser nichtsnutzige Mensch hilft meinem Mörder nicht auch noch, den eingerollten Teppich in seinen Kofferraum zu schieben und auf Nimmerwiedersehen mit mir zu verschwinden.
Storm hat immer noch ein schiefes Grinsen im Gesicht, und ich kann nicht einschätzen, ob diese Schiefe nur der verwachsenen Narbe geschuldet ist, die sich wie die Sprünge in einer zersplitterten Fensterscheibe von seiner linken Wange bis zum Haaransatz zieht – oder ob er einfach ein überheblicher, selbstgefälliger Sack ist.
Hatte ich nicht in der Anzeige geschrieben, dass ich eine Mitbewohnerin suche? Weiblich? Ausdrücklich weiblich? Das ist dieser Typ eindeutig nicht. Schon wieder einer, der nicht lesen kann! Mein Gedankenkarussell beginnt von vorn. Wieso zum Kuckuck habe ich die Tür aufgemacht? Warum nur bin ich davon ausgegangen, dass jemand namens »Storm« niemand anderes sein kann als ein Blumen im Haar tragendes, spät geborenes Hippiemädchen? Und wie zum Henker werde ich ihn nun wieder los?
»Storm«, sagt Storm, während sein Blick taxierend über die Bilder an meinen Wänden gleitet.
Seine Antwort bringt mich völlig aus dem Konzept. Ich schlucke und schließe für einen Moment die Augen. Ich muss mich konzentrieren, sammeln. Fokus, April! Seine Stimme macht mir Gänsehaut. Wie er das sagt, es klingt wie geschmolzene dunkle Schokolade, in der man einen Eiswürfel zergehen lässt. Sein Ton passt überhaupt nicht zu der schrägen Optik und sonderbaren Ausstrahlung dieses Typen. Er ist lakonisch, salopp, geradeheraus. So klingt wirklich cool … Und trotzdem ist es garantiert gelogen. Gefährlich – und du machst die Augen zu! Schnell reiße ich die Lider wieder auf.
Kein Mann heißt tatsächlich Storm, wenn er kein Hippie ist. Das ist ein Nickname, von mir aus ein Spitzname, aber doch kein …
»Hast du die gemalt?«
Schon wieder unterbricht er meine Gedankenflut.
»Die Bilder?« Was für eine blöde Frage, April. Natürlich die Bilder, was denn sonst?! Ich schüttle unwillig den Kopf. »Ich fotografiere nur. Maria war das, die hat sie gemalt. Sie wohnt auch hier. Es ist ihre Wohnung … und meine.«
»Aber sie ist gerade nicht da.«
Er sagt es wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage.
»Nein.«
Mehr kriegt er nicht von mir als Antwort. Meine talentierte Exil-Mitbewohnerin besucht eine der vielen Kunstakademien in der Stadt. Maria ist immer gut gelaunt, tanzt oder singt, egal, was sie gerade tut, und hat ein ansteckendes Lachen, das einen aus den trübsinnigsten Gedanken reißt. Ich vermisse sie sehr. Aber das alles geht ihn gar nichts an.
»Sie sind gut.«
Das weiß ich.
»Maria hat wirk-«
»Kein Mensch heißt einfach Storm«, falle ich ihm ins Wort und spreche aus, was ich zuerst gedacht habe, damit ich ihn nicht anranze, weil er alles hier drin abscannt und mit den Augen betatscht. Meine Bilder sind das. Meine Wände. Mein …
»Oder April«, schießt er lächelnd zurück.
Jetzt sieht er mich unvermittelt an. Was ist das für eine Augenfarbe? Grau? Grün? Das Licht blendet mich. Wieso habe ich mich nicht auf die andere Seite gesetzt?
»Doch, klar«, widerspreche ich. »Das ist ein ganz normaler Name.«
Unterm Couchtisch beginne ich, mit dem rechten Fuß zu wippen. Das ist ja eine tolle Richtung, die unser Gespräch gerade nimmt. Und so eloquent. Was ist los mit dir, April? Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Ich starre meinen Fuß an, als könne er was dafür, dass er wippt. Warum nur habe ich heute Lydias selbst gestrickte Ringelsocken angezogen? Wie peinlich. Und gleich als Nächstes ärgere ich mich darüber, dass es mir peinlich ist. Der Typ kann mir doch total egal sein! Was ist los mit mir?
»In Deutschland? Echt?« Seine Mundwinkel zucken.
Ich funkele ihn an, werde mir dessen bewusst und fixiere wieder meine Ringelsocken. Ich stelle meine Füße sittsam nebeneinander, sodass die Knöchel sich beinahe berühren. Unsere Fußspitzen befinden sich auf einer Linie, so weit hat mein Gegenüber seine Beine ausgestreckt und breit geöffnet noch dazu.
Dieser Storm ist mir unheimlich. Aber er hat coole Boots, die sind beinahe ein Kunstwerk. Sie laufen nicht spitz zu wie Westernstiefel, aber sie sind auch nicht so klobig wie die Motorradstiefel der Jungs, mit denen ich zu Hause während der Semesterferien vor der Kneipe abgehangen hatte. Damals, in Deutschland, bevor ich krank geworden war. Storms Stiefel sind bunt. Und edler. Das Motiv scheint ein Greifvogel zu sein, der entweder gerade landet oder abhebt. Die Klauen sind in leuchtendem Orange ins Leder gepunzt. Das kann ich erkennen, weil seine Hosenbeine sich im Sitzen ein Stück hochgeschoben haben. Den Rest des Vogels muss ich raten.
»Ja, sicher«, lüge ich und reiße meinen Blick los. »Klar.«
Es geht ihn erst recht nichts an, dass ich den verrückten Namen einer Sektlaune meiner Patentante zu verdanken habe. April ist der Monat, in dem meine Mutter ihr von der Schwangerschaft mit mir erzählt hatte.
Ich zucke mit den Schultern und senke den Kopf über meinen Notizblock. Ich hatte mir ein paar Dinge aufgeschrieben, die man abklären sollte, wenn man mit jemand Fremdem eine WG gründen will. Sky hat mir bei dem Fragekatalog geholfen, indem er meine Füße gewärmt hat, bis ich fertig war. Bisher bin ich noch nie so weit gekommen, ihn einsetzen zu müssen, also den Katalog – den Hund aber auch nicht. Amerikaner mögen keine direkten Fragen, das wird ihn also hoffentlich abschrecken.
»Rauchst du?«
»Nein.«
»Kannst du kochen?«
Ich sehe genau, dass er sich ein Schmunzeln verkneift, während er weiter brav Auskunft gibt, die Arme lässig über meine Couch gebreitet wie Flügel.
»Spiegeleier kriege ich hin. Toast lasse ich nicht anbrennen, und ich mache eine ziemlich gute Lasagne, sagt mein … sagt man mir nach.« Er räuspert sich. »Vegetarisch allerdings. Ich will nicht, dass meinetwegen Tiere sterben.«
Ich starre ihn eine Sekunde lang verblüfft an, dann nicke ich, und mein Hirn rotiert weiter, während ich ein Häkchen und ein Herz hinter die Frage male. Das Herz krickele ich sofort wieder durch. Vegetarisch also. Sehr schön, ich lebe seit meiner Erkrankung weitgehend vegan.
Ob er schwul ist? Kann ich das fragen? Aber wie kommt das rüber? Im Geist höre ich mich bereits Rechtfertigungen stammeln: Ich finde schwule Männer okay. Meine Patentante ist lesbisch. Ich bin total offen und so, und ich esse auch schon seit Jahren kein Fleisch und vermeide Milchprodukte, wo ich kann. Geht’s noch, April? Du wirst dich jetzt nicht auf die Art anbiedern, oder? Schmeiß ihn doch endlich raus! Du willst nicht allein mit einem fremden Mann zusammenwohnen, und schon gar nicht mit dem Glöckner von Notre-Dame! Ich beiße mir auf die Unterlippe. Boah, das war fies. Wie gut, dass er mich nicht denken hören kann.
»Hast du irgendwelche lauten Hobbys?«
»Du meinst außer Gitarrespielen?« Er guckt freundlich und nickt mit dem Kinn zu seinem Instrumentenkoffer hinüber.
Verwirrt folge ich seinem Blick. Die Gitarre, ach ja.
Er nimmt kurz die Kappe ab und fährt sich durch die Haare. Sie sind braun, vielleicht geht der Farbton auch noch als dunkelblond durch – zumindest strähnchenweise. Ob das Natur ist?
Als er bemerkt, dass ich ihn anstarre, setzt er die Kopfbedeckung wieder auf.
Ich sehe schnell zurück auf meinen Block.
Seine Augen sind hellgrün, nicht grau. Hellgrün. Und irgendwas mit seinen Haaren ist komisch. Der Scheitel – wie eine punkige Donald Trump Frisur, die trotz Gel einen ganz eigenen Willen hat. Ob das auch mit der Narbe zusammenhängt? Wie weit die sich wohl den Schädel hinaufzieht? Verflixt, hat er eben was gesagt?
»Entschuldigung, was hast du gesagt?«
»Ich spiele Gitarre.«
Das weiß ich bereits. Im Ernst, wieso bringt man seine Gitarre zu einer Wohnungsbesichtigung mit?
»Ist das laut?«
»Nur, wenn ich den Verstärker anschließe.«
»Was?« Alarmiert sehe ich auf.
Storm lacht. Wieder: freundlich, warm. Schokoladig. Es überrascht mich.
»Ich hab keinen. Keine Angst. Das ist eine Gibson.«
Verständnislos hebe ich die Schultern.
»Eine Akustikgitarre«, erklärt er. »Und ich übe auch nicht morgens vor acht oder nach zweiundzwanzig Uhr, es sei denn, es gefällt dir. Versprochen.«
Jetzt zwinkert er mir auch noch zu. Schnell beuge ich mich wieder über meine Liste. Mechanisch streiche ich den dazugehörigen Punkt ab. Himmel, was für ein selbstgefälliges Arschloch, rede ich mir ein und überlege, was ich als Nächstes fragen soll. Da steht nichts mehr. Wie kann das denn sein? Wo ist mein zweites Blatt mit Fragen hingeraten? Runtergefallen? Aber auf dem Teppich sehe ich nichts. Ich muss improvisieren, verdammt! Und ich will, dass er von meiner Couch aufsteht. Er soll gehen. Er macht mich nervös. Vielleicht brauche ich ja doch keinen Mitbewohner, ich könnte Deutschunterricht anbieten oder Nachhilfe geben. Ich …
»Pinkelst du im Sitzen?«, überhole ich mich selbst.
Das wird ihn killen! Prüdes Amerika – here we go!
