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Inhaltsverzeichnis
TitelImpressumWidmungPrologAuftragBegegnungWasserGesprächeVerschwundenVerabredungDinnerWarnungenPauseTanzenTauchenBlutWartenAbstandÜberraschungNäheGeständnisKantNachdenkenEinzigartigOrtswechselGrünErklärungsversucheSpringenGefahrKonflikteEvolutionSexErblehreAblehnungAbschiedStilleLebenZeitGeheimnisseEpilog
But I’m a creep, I’m a weirdo,
What the hell am I doing here?
I don’t belong here
I don’t belong here
Radiohead, „Creep“
Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könnte.
Immanuel Kant, „Kritik der praktischen Vernunft“
Prolog
Die Stille ist unvergleichlich, vollkommen, so dicht und weich wie Zuckerwatte. Süß und schwer umgibt sie mich. In Sekunden werden meine Lungen kollabieren. Kollabieren Lungen, wenn sie sich mit Wasser füllen? Meine Augen sind weit aufgerissen und nehmen alles wahr: die kleinen Schwebeteilchen im Wasser, den hellen Fleck an der Wasseroberfläche, der sich langsam entfernt, den Weg des Lichts, von oben nach unten an Intensität und Farbe abnehmend. Mein Herz wird aufhören zu schlagen. Ich halte die Luft nicht länger an und schlucke Wasser. Die Panik packt mich plötzlich. Ich wehre mich gegen den Zug an meinem Bein, wissend, dass ich nach oben muss. Ich trete um mich, versuche krampfhaft, Schwimmbewegungen zu machen. Schmerzen. Sinnlos.
Nur noch ein Wunsch: Luft, Luft, Luft!!
Die Bilder kommen in Farbe: Meine Mutter. Sie trägt mich auf dem Arm. Sommer. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt auf und ab. Ich schaue sie an. Sie lacht mit dieser kleinen Lücke zwischen den Vorderzähnen. Ihre bunte Bluse flattert im Wind. Bei diesem Schnitt und den grellen Farben ist es gut, dass die Zehnerjahre des neuen Jahrtausends unwiderruflich vorbei sind. Die Wiese leuchtet in einem unnatürlichen Grün. Würden die Halme nicht im Wind wogen, es könnte Kunstrasen sein. Mein Vater mit seiner uralten Drahtbrille und dem schrecklichen Pullover aus Computerstrick löst sich vom Hintergrund. Na, wenigstens ist er warm genug angezogen. Es müssen mindestens 25 Grad im Schatten sein. Seine ungekämmten braunen Haare stehen ab. Er zeigt mit der Hand auf mich. Sein Mund formt
Worte, die ich nicht verstehen kann. Lila, unsere schwarz-weiße Promenadenmischung, springt mit heraushängender Zunge um uns herum. Ein Schmetterling flattert vorbei. Sieht aus wie ein Schwalbenschwanz mit dem schwarzen Muster auf hellgelben Flügeln. Wo ist der rote Punkt? Ich konzentriere mich auf die unteren Flügelspitzen und versuche ihn auszumachen.
Da hält mich etwas fest. Ich spüre den eisernen, unnachgiebigen Griff. Es zieht an mir. In diesem Augenblick weiß ich, dass dies die letzten Bilder sind, die ich in meinem Leben sehen werde.
Lass mich!, denke ich. Ich will zurück. Meine Gedanken dehnen sich wie Kaugummi. Wie durch einen Sog reißt mich etwas nach hinten. Das Wasser erdrückt mich. Meine Zeit läuft ab. Ich schlucke und schlucke. Meine Ohren pochen, in meinem Kopf explodieren kleine Blitze, und auf meiner Brust liegen Zentner. Ich gebe auf.
Auftrag
„Ja, ich kümmere mich drum.“ Klar, dass ich wieder den Kleinkram für Keeler erledigen musste. Ich setzte mich im Bett auf und dachte noch einmal darüber nach, ob heute Dienstag oder Mittwoch war. Keeler schwadronierte weiter ohne Punkt und Komma. Normalerweise sah ich ihn nur zwei- oder dreimal im Monat, wenn ich meine Artikel ablieferte. Mehr wurde das fürs Chicago IN & OUT nie. Ich schrieb gern über Theater, Film und Kunst. Zur Not machte ich auch mal eine Restaurantkritik, aber spezialisiert war ich auf Interviews mit Stars und Sternchen. Die verkaufte ich dann an alle interessierten Online-Redaktionen.
„Mensch, Keeler! Warum schickt ihr keinen Boten? Ich sag es ungern. Aber um nur ein paar Antworten abzuholen, bin ich definitiv überqualifiziert.“
„Danke für den Hinweis, Nia. Ich werde es bei deiner Honorarabrechnung wohlwollend berücksichtigen“, bemerkte Keeler sarkastisch. „Der Typ wohnt schließlich in Sandy Hills.
Wir brauchen die Antworten dringend für die neue Ausgabe am Freitag. Du wohnst in der Nähe und musst ohnehin mal wieder für die Redaktionssitzung morgen reinkommen.“ Pause. „Bist du noch dran?“
„Ja klar. Ich warte auf den eigentlichen Grund.“
Ich konnte mir vorstellen, wie er sich im Sessel zurücklehnte, das gestreifte Hemd über dem eindrucksvollen Bauch spannend, und mit der Hand durch die wenigen Haare fuhr, die ihm noch geblieben waren. Ich hörte ihn kellertief seufzen. „Wenn alle meine Freien mich so viel Zeit kosten würden wie du, könnten wir nur zweimal im Jahr erscheinen. Also: Hast du schon mal von Ethan Waterman gehört?“
Vielleicht war ich durch den Weckruf noch verlangsamt, aber tatsächlich kannte ich niemanden in der westlichen Welt, der noch nichts von Ethan Waterman gehört hätte. Die Frage allein war schon eine Beleidigung. Ich schwieg und wartete Keelers Fortsetzung ab. „Okay“, fuhr Keeler fort. „Seitdem der Typ auf der industriellen Landkarte aufgetaucht ist, hat er noch nie ein persönliches Interview gegeben. Nachdem er vergangene Woche dreihunderttausend Dollar für den neuen Anbau des Kunstmuseums hier in Chicago gespendet hat, haben wir eine Liste mit Interviewfragen an seine Firma rausgeschickt.
Eigentlich war es pro forma. Keiner hat damit gerechnet, dass das Schreiben überhaupt über deren Papierkorb hinauskommen würde. DNAssociated hat sich heute Morgen gemeldet. Waterman hat die Fragen tatsächlich beantwortet. Vielleicht betreibt er Imagepflege beim einfachen Volk, aber auf jeden Fall werde ich am Freitag seine Antworten bringen. Und ich wäre meinen Job als Ressortleiter binnen Sekunden los, wenn wir es nicht auf der Titelseite erwähnen würden.“
„Chef, du glaubst doch nicht wirklich, dass der Typ auch nur eine Frage persönlich beantwortet hat. Wahrscheinlich wurde damit die Cousine der Tochter der Vorzimmerdame seiner Vorzimmerdame betraut.“
„Mir egal, solange er das Ding autorisiert. Und das hat er heute Morgen getan.“
„Echt?“
„So echt wie meine neue Goldkrone hinten links. Ich will, dass du zu ihm rüberfährst und schaust, was du kriegen kannst. Vielleicht siehst du ihn sogar persönlich über den Flur gehen oder kannst bei seinem Personal noch ein aktuelles Foto rausschlagen. Ich kann da keinen Boten hinschicken. Also?“
„Nach der üblichen sorgfältigen Körperpflege mache ich mich sofort auf den Weg. Wenn ich es schaffe, bringe ich dir alles heute Abend noch rein. Aber mach dir nicht zu große Hoffnungen. Marc Zuckerberg steckt auch nicht jeder dahergelaufenen Freien ein hübsches Foto aus dem letzten Urlaub zu.“
„Danke. Die genaue Adresse findest du in deinen Mails. Sehe dich dann heute oder morgen früh. Ruf auf jeden Fall an, wie es gelaufen ist.“
„Tschüss, Keeler. ... Und danke fürs Wecken.“
Dienstag, 18. April 2034. Das absurd Schöne am Aufwachen in einer Kleinstadt war, dass es genau wie das Aufwachen in einer Großstadt war. Schon ab sechs Uhr morgens bebte Sandy Hills mit unterdrückten Aktivitäten. Viele Arbeiter pendelten nach Detroit oder Chicago. Das war dank der neuen Schnellzüge ein Kinderspiel. Wenn die Müllabfuhr nicht gerade lautstark Mülltonnen über die Straßen schleifte, hörte man Kinder auf dem Weg zur Schule, die sich miteinander unterhielten, Autotüren schlugen, Zeitungen flogen ab und an mit einem satten Klatschen gegen hölzerne Haustüren. In Sandy Hills gab es außer dem gepflegten Einzelhandel und den zwei touristischen Attraktionen am Mirror Lake weder Industrie noch sonstiges geschäftliches oder gesellschaftliches Leben. Der See war größer als die Stadt, und das war wahrscheinlich auch gut so. Der schöne, verseuchte See.
Als ich vor drei Monaten hergezogen war, hatte ich einige Zugeständnisse machen müssen. Ich hasste Städte, in denen sich die Häuser wie wackelige Zähne an der Hauptstraße entlangreihten. Kein gewachsenes oder gar historisches Zentrum. Am Ende der Stadt das übliche Einkaufszentrum – genau das war Sandy Hills. Der Name klang damals so pittoresk. Die Realität war ernüchternd.
Was den Unterschied machte, waren Pearl und Cola. Wir hatten uns an der Uni kennengelernt und kapiert, dass freundschaftliche Nähe wichtiger war als städtisches Ambiente. Eigentlich hatte Pearl uns Sandy Hills eingebrockt. Nachdem sie den schrecklichen Herb geheiratet hatte – nicht ohne vorher die Beziehung durch eine Schwangerschaft zementiert zu haben –, war ein Umzug nach Sandy Hills unvermeidlich geworden. Die gesamte buckelige Verwandtschaft von Herbert Kurz lebte dort.
Mein Freund Cola verdankte seinen Spitznamen dem unmäßigen Konsum desselben Getränks. Im echten Leben hieß er Paul Nowak. So nannten wir ihn nur, wenn wir ihn richtig ärgern wollten. Ihm war es egal, wo er wohnte. Als Vertriebsleiter für Filtersysteme war er ohnehin immer unterwegs. Bis heute konnte oder wollte er Pearl und mir nicht erklären, warum er für diesen Job hatte studieren müssen. Allerdings war er generell kein Freund von vielen Worten.
Als freie Journalistin war Sandy Hills für mich eine annehmbar gute Station zwischen all den größeren Städten in der Region, an deren Online-Magazine ich meine gelegentlichen Artikel und Interviews verkaufte. Außerdem bot es großen Abstand zu meiner Familie. Mom und Dad wohnten immer noch am Stadtrand von Las Vegas. Wir telefonierten meistens sonntags und beschränkten uns auf ein bis zwei Besuche pro Jahr. Meinen Bruder Neal hatte ich seit Jahren nicht gesehen. Bis dato sah ich keinen Grund, das zu ändern.
Während ich Hose und Shirt auszog und unter den tröpfelnden Strahl der Filterdusche stieg, stellte ich fest, dass meine Vorstellung von Ethan Waterman wenig schmeichelhaft war. Auf den zwei Bildern, an die ich mich unscharf erinnerte, sah er ernst aus. Zu chic, zu jung, zu reich, zu schlau. Aber was wusste ich schon über ihn? Ich stieg wieder aus der Dusche heraus, verzichtete auf die Schnelltrocknung, um mein Mob anzumachen, und hinterließ kleine Wasserlachen auf dem Parkett. Gedankenverloren schleifte ich mit den Zehen meine Schlafanzughose über den Boden, um halbherzig die Pfützen aufzuwischen.
Wasserverschwendung – als hätte ich ein paar Dollar einfach weggewischt.
Mob – die Mobile Operationsbasis. Mich erinnerte der Name dieser Ansammlung von Chips und Dioden immer noch an ein militärisches Geheimunternehmen aus den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Tatsächlich war das Mob der Stein der Weisen, das universelle technische Gerät. Das Mob konnte alles. Ich war Neuheiten gegenüber immer skeptisch eingestellt, aber ohne Mob ging gar nichts mehr. Ich telefonierte, las, schrieb, hörte und dachte mit dem Mob. Ich war das Mob, denn es enthielt meinen Bankzugang und meinen digitalen Personalausweis. Es hatte gerade die Größe einer Zigarettenschachtel und brachte mich direkt ins Netz.
Ethan Waterman hatte immerhin vierzehn Millionen fünfhundertdreiundvierzigtausend Einträge bei Google. Er hatte sein Geld mit Soft- und Hardware gemacht, die er an Stadtverwaltungen, Krankenhäuser in den USA und international verkaufte, um deren DNA-Datenbanken zu aktualisieren und leistungsfähiger zu machen.
Es gab tatsächlich nur diese zwei Bilder von ihm. Ich stellte fest, dass nicht nur meine Erinnerung, sondern auch die Aufnahmen unscharf waren. Was hatte der Typ nur für eine PR-Abteilung?! Auf beiden Fotos lächelte er nicht. Das blonde Haar war modisch geschnitten, dunkler Anzug, keine Krawatte – immerhin. Die Gesichtszüge: unscharf. Auf der Forbes-Liste der reichsten Männer stand er auf Platz 12. Womit konnte man mit knapp dreißig schon so viel Geld verdient haben? Mit DNA – das war heutzutage der Stoff, aus dem die Träume gemacht wurden. Der Mann hatte Zugang zu den vertraulichsten menschlichen Daten überall auf der Welt gehabt und damit jede Menge Geld verdient. Garantiert ein Arschloch. Ich musste mich locker machen. Warum war ich neidisch, missgünstig? Was auch immer ich heute aus Ethan Watermans Haus mitnahm, ein vernünftiges Bild musste auch in seinem Interesse sein.
Ich druckte mir Watermans Privatadresse aus, die wahrscheinlich schon allein ein paar Hunderter bei den entsprechenden Stellen wert war, und griff mir den übersichtlichen
Stadtplan von Sandy Hills. Mittlerweile fror ich an Händen und Füßen, schnappte mir meine alte Jeans, frische Unterwäsche aus der Kommode und ein eisblaues Shirt aus dem Schrank. Die blöde Tür klemmte immer noch. Ich war bekennender Verächter schwedischer Möbelhäuser. Wie bei so manchem Prinzipienbruch zuvor hatte mich auch diese Überzeugung nicht davon abhalten können, meine kleine Wohnung mit deren wunderbarem Möbel-Fast-Food einzurichten. Es war so einfach: Man verbrachte einen Tag in einem schlecht klimatisierten Möbelhangar. Mit etwas Glück konnte man schon am nächsten Tag eine komplett weiße Einrichtung bewohnen. Das war praktisch. Man war nervlich am Ende und musste garantiert mehrere Monate lang beim Anblick von Schraubenschlüsseln weinen oder schreien. Aber es war schnell und für ein paar Jahre gut. Ich drückte mich schon seit Wochen darum, der klemmenden Tür mit einem Werkzeug zu Leibe zu rücken. Lieber regte ich mich bei jeder Benutzung über das Manko auf.
Begegnung
Wenn ich rannte, konnte ich vielleicht noch einen kleinen Abstecher zum hiesigen Bäcker machen. Glücksgefühle überkamen mich, während ich mich langsam in Bewegung setzte. Im Vergleich zu den meisten anderen Menschen lief ich gern. Knapp fünfzig Kilogramm auf einen Meter fünfundsechzig verteilt, das ließ sich gut bewegen. Die Luft roch angenehm nach Moos und Feuchtigkeit. Der Himmel war bedeckt, aber die Wolkendecke dünn, sodass ich die mittägliche Sonne schon erahnen konnte. Früher hatten um diese Jahreszeit die Vögel gezwitschert. Inzwischen waren sie in Gefilde abgewandert, in denen es mehr grüne Vegetation und besseres Wasser gab. April – der Frühling war auch ohne Vögel im Landeanflug. Ich genoss den minimalen Gegenwind, den meine Bewegungen auslösten.
Mich traf schier der Schlag, als ich den Anschlag an Sabritzkis Tante-Emma-Laden sah: Die Literflasche Wasser kostete mittlerweile satte fünf Dollar. Es war unfassbar! Ich würde bald einen Kredit für Grundnahrungsmittel aufnehmen müssen. Vor zehn Jahren hatten die Demokraten im Kongress davor gewarnt, dass Wasser bald über drei Dollar kosten würde. Ein Aufschrei war durch die Nation gegangen: Drei Dollar! Da hätten wir ja gleich unser Öl trinken können – das wäre günstiger gewesen. Tödlich, aber günstig. Natürlich hatte es jahrelang keine verbindlichen CO₂-Abkommen gegeben. Klimaschutz war einfach zu teuer. Umweltschutz und Recycling blieben viel zu lange das Privileg der großen Industrienationen. Und selbst die hatten es damit nicht so genau genommen.
Der Super-GAU aus 2018: die chemischen Gifte und die Dreckwolken im Meer, die den Weg bis heute über den Regen in unsere Städte fanden: Heute zahlten wir alle die Rechnung für unsere Dummheit.
Seitdem die Wasserpreise über vier Dollar gestiegen waren, beschwerte sich niemand mehr. Es war eine Art stiller Resignation, mit der wir akzeptiert hatten, dass das Wichtigste, das wir neben der Luft zum Atmen brauchten, plötzlich zum Luxusartikel geworden war. Es gab einfach kein sauberes Wasser mehr. Wir hatten unseren verdammten Planeten verkommen lassen. In ein paar Jahren würden wir vermutlich zu Tausenden in Chicago mit Wasserkanistern an einem Tankwagen anstehen. Die Geschichte hatte uns schon lange eingeholt.
Als ich die Tür zum Coffeeshop öffnete, kam mir sofort der Duft von warmem Brot entgegen. Es gab schlimmere Gerüche. Zwei Teenager bezahlten noch ihre Brötchen, aus denen zerquetschte Marshmallows herausquollen. Ich war dran. „Morgen.“
„Morgen. Was darf’s sein?“
Ich bestellte einen Latte und ein Croissant, die gelegentliche Frühstückshommage an das Heimatland meines Vaters. Die Aussicht auf Milchschaum und Butter hatte eine fast erhebende Wirkung auf mich.
„Kann ich sofort zahlen?“
„Klar. Ich bring Ihnen die Sachen gleich.“
Ich legte das abgezählte Geld auf den Tresen und suchte mir einen Platz auf der Fensterbank vor den bodentiefen Schaufenstern. Es war der perfekte Platz: Ich sah die Straße und konnte mit einer kleinen Wendung meines Körpers beobachten, wie mein Kaffee zubereitet und das Croissant auf einem Tellerchen platziert wurden. Im Hintergrund sangen die Beatles
„Yesterday“ aus einer rauschenden Pod-Anlage. Die alten Dinger hatten eine himmelschreiend schlechte Qualität. Jeder, der etwas auf sich hielt, verlinkte die Boxen einfach mit seinem Mob. Im hinteren Teil des Ladens gab es noch einen Stehtisch und zwei Tische für jeweils vier Personen. Für die üblichen Seniorentreffs war es noch zu früh.
Links neben mir buhlte die aktuelle Schlagzeile der Tageszeitung in großen schwarzen Lettern um meine Aufmerksamkeit: „Mehrere Tote im Mirror Lake – Vergiftet?“ Ich nahm das Blatt hoch. Wer schwamm heute noch im Mirror Lake? Das glich einem Selbstmordkommando. Der See war seit Jahren verunreinigt. Meine Augen flogen über die Zeilen. Die Knochen mussten schon ewig im See gewesen sein, irgendetwas hatte sie lange genug unter Wasser festgehalten. Dass nach über 15 Jahren, so lautete die Schätzung des Gerichtsmediziners, überhaupt noch etwas von den Menschen übrig war, grenzte an ein Wunder. Die Todesursache war noch unklar – man hatte hohe Konzentrationen von Umweltgiften in den körperlichen Überresten gefunden.
Umweltverschmutzung. Das Übel unserer Zeit. Ich kannte niemanden mehr, der ohne Filter duschte. Filter, die Einfachlösung für die Probleme unserer Zeit. Wir duschten durch Filter, wir pinkelten hinein. Jeder Tropfen Wasser wurde gespart und wiederverwendet. Baden – ein Luxus für die oberen Zehntausend. Todesfälle durch Ertrinken hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht. Niemand würde heute noch freiwillig in einem offenen Gewässer schwimmen. In den letzten zwanzig Jahren des neuen Jahrtausends waren mehr Menschen beim Schwimmen in Flüssen und Seen gestorben als bei Verkehrsunfällen. Das behauptete zumindest die Statistik. Man musste weit reisen, um noch saubere Küsten anzutreffen, und die Urlaubsanbieter ließen sich das gut bezahlen.
Der 18. Dezember 2018 hatte sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt wie die Terroranschläge vom 11. September 2001. Der Tag, an dem Mutter Erde nach Ansicht der Verschwörungstheoretiker zurückgeschlagen hatte. Erdbeben im Atlantik und Pazifik hatten Tsunamis ausgelöst. An Weihnachten hatten alle das Ausmaß der Jahrhundertkatastrophe verstanden: Die seit Jahren in den Ozeanen dümpelnden Dreckwolken aus Müll, Dioxinen und Kunststoffen – jede für sich so groß wie Australien – waren in ihren feinen Einzelteilen über die Küsten und Meere verteilt worden. Auch die gigantische chemische Industrie von Tokio war damals binnen Minuten vom Meer verschluckt worden. Ihre Gifte und die anderer zerstörter Chemie-Großanlagen an den Küsten verteilten Ebbe und Flut noch heute über den gesamten Planeten.
Die Klimakatastrophe, die durch den Treibhauseffekt und die Gletscher- und Polareisschmelze vorangetrieben wurde, hatte allein schon gereicht, um die Nationen dieser
Welt in große Schwierigkeiten zu stürzen: Die rapide wachsende Weltbevölkerung hatte immer weniger Trinkwasser zur Verfügung. In Südamerika gaben die Andengletscher kein Wasser mehr her – die Kraftwerke produzierten als Folge davon weniger Strom. Der Himalaja konnte mit seinen schwindenden Gletscherseen immer weniger Chinesen versorgen. Die Permafrostböden in Russland waren abgeschmolzen. Anstieg des Wasserpegels in den Küstenregionen, Dürre und Versandung im Landesinneren aller Kontinente. Und während all dies unter den Augen der Weltbevölkerung und der Regierungen dieser Welt geschah, hatten die USA sich weiterhin stur geweigert, verbindliche Treibhausgas-Richtlinien zu unterzeichnen.
Trinkwasser verdiente seit Jahren den Namen nicht mehr. Nur Wasser in versiegelten Flaschen zertifizierter Firmen war noch sicher. PET-Regen, überall da, wo die Luft am meisten verschmutzt war. Die Schwermetalle, Weichmacher und Hormone wanderten über die kranken Bäume ins Grundwasser, und die Zuflüsse versauten die großen Gewässer. Dann begann der Kreislauf von Neuem. Die Kosten für die Aufbereitung verschmutzten Wassers überstiegen mittlerweile locker jeden Rüstungsetat.
Ich bedankte mich für meinen Kaffee und überlegte, ob er vor meiner Geburt wohl anders geschmeckt hatte. Während ich in mein Croissant biss, öffnete sich die Tür ein weiteres Mal. Drei Personen betraten den Raum. Es war, als hätten sie einen ganzen Schwung kalte Morgenluft mit hereingebracht. Sie grüßten kurz und gingen direkt auf einen der zwei Tische zu. Einer der drei setzte sich mit dem Rücken zur Wand, die anderen nahmen gegenüber Platz.
Mein Blick hatte sich an dem Kleinen festgesaugt, der mit dem Rücken zur Wand saß. Gerade lachte er leise über etwas, das sein Gegenüber gesagt hatte. Mann, der Typ war riesig: mindestens ein Meter fünfundneunzig! Ich hätte neben ihm ausgesehen wie ein Schulkind. Er hatte dunkle, kurze Haare und einen großen Mund. Dunkle Augen. Hundeaugen. Die Nase war griechisch gebogen. Eine schöne Nase. Eine Hand des Riesen lag auf seinem Oberschenkel. Demnach hätte der Mann Möbelpacker sein können. Bestimmt konnte er rohe Kartoffeln in seiner Hand zerquetschen ... oder Walnüsse einhändig knacken. Das karierte Hemd spannte an seinen Oberarmen. Trotzdem fand ich ihn wohlproportioniert; er war kein aufgeblasener Bodybuilder. Aber kein Fall für mich. Ich stand nicht auf griechische Götter. Mein Blick schweifte zu dem Mann, der den beiden anderen gegenübersaß. Seine Haare waren blond, ziemlich durcheinander, und sein Gesicht war ernst. Er saß aufrecht auf seinem Stuhl und hatte seine schmalen, hellen Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet. Er sah gut aus. Gut auf eine selbstbewusste und entspannte Weise. Er war keiner griechischen Sage
entsprungen. Für einen Sterblichen war er ein ganz schöner Hingucker. Sein Anzug war dunkel und teuer. Wenn er lachte, konnte man kaum den Blick von ihm abwenden.
Er erinnerte mich an jemanden. Und während ich noch gedankenverloren an meinem Kaffee nippte, schaute er plötzlich zurück. Unsere Augen trafen sich nur eine Nanosekunde, bevor ich schnell meinen Blick senkte. Ich spürte, dass er mich weiter ansah. Warum hatte ich mich abgewendet? O Gott, war das peinlich! Ich hätte ihm standhalten sollen. An wen erinnerte mich der Typ? Na, ich konnte ja gleich wieder rüberstarren. Ich kam mir vor wie ein Idiot! Der Biss in mein Croissant wurde plötzlich zur Theatervorführung. Ich kaute vor, er schaute zu. Jede Faser des Hörnchens quoll in meinem Mund auf. Super. Gleich fällt es mir aus dem Mund, dachte ich. Trink was, du Idiot!, mahnte meine innere Stimme. Und da machte es endlich „klick“. Ich konnte nicht anders und schaute nochmals mit aufgerissenen Augen zu der Sitzecke rüber. Der kleine Blonde guckte mich immer noch an. Unsere Blicke verschränkten sich. Auch die anderen beiden sahen plötzlich zu mir rüber. Ich versuchte es mit einem kleinen Lächeln, aber jetzt hatte ich Gewissheit: Das musste Ethan Waterman sein. Die Haare stimmten, nur seine Gesichtszüge waren etwas jungenhafter als auf den Fotos. Als ich mich wieder abwendete, fragte ich mich: Was zum Teufel machte Ethan Waterman hier in meinem Coffeeshop?
Schlecht für mich: Er hatte nicht zurückgelächelt. Ich ermahnte mich, professionell zu sein. Ich wollte schließlich etwas von ihm. Promis waren mir in der Regel egal. Ich hatte mich noch nie von irgendwelchem Starrummel anstecken lassen. Was mich interessierte, war, was die Leute taten, nicht wie sie aussahen oder welche Klamotten sie trugen. Ich hatte als Kind nicht mal Poster an meinen Wänden aufgehängt. Wenn ich meine Interviews machte, versuchte ich mich aufs Wesentliche zu konzentrieren und ein paar Überraschungen neben den üblichen PR-Infos rauszukriegen. Das gelang mir keinesfalls immer. Im Prinzip spielten alle Beteiligten die immer gleichen Rollen in dem Spiel der Stars und Sternchen: „Glänzet mit im Schein meines neuen Films/meines neuen Buches/meines neuen Kunstwerks“. Es war wie im normalen Leben auch: Man verstand sich nicht mit allen Künstlern gut, aber wenn man eine Ebene gefunden hatte, kamen dabei interessantere Informationen heraus als bei gegenseitiger Ablehnung. Ich versuchte jedenfalls, auch mit den Spinnern respektvoll umzugehen. Oft waren mir die noch am sympathischsten. Zugegebenermaßen stand industrieller Geldadel bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf meiner Liste.
Was sollte ich jetzt tun? Mich blöd stellen? Nachher würde ich bei ihm zu Hause auflaufen und erklären müssen, warum ich nicht gleich heute Morgen geschaltet hatte. Aber hingehen und ihn ansprechen? War das nicht, als würde man King William um ein Autogramm bitten?
Industriemagnaten hatten wahrscheinlich keine Übung mit hysterischen Fans, die ihnen überall auflauerten. Ich war eigentlich nicht hysterisch. Genau genommen war ich nicht mal ein Fan. Ich kam mir gerade eher vor wie ein verschüchtertes Highschool-Mädchen. Weil ich das nicht von mir kannte, beschloss ich, zu Mr. Ethan Waterman rüberzugehen und meine Annahme zu überprüfen.
Ich schaute von meinen Hörnchen auf, holte tief Luft und musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich keinen Schritt mehr machen musste. Mr. Vielleicht-Ethan-Waterman stand keine dreißig Zentimeter von mir entfernt und sagte: „Hi, Sie sind Nia Petit. Ich bin Ethan Waterman. Freut mich“, und streckte mir seine lange, schmale Hand hin. Wie fürs Klavierspielen gemacht, dachte ich und schluckte trocken. Ich räusperte mich und versuchte, die roten Flecken in meinem Gesicht wegzudenken.
„Hi. Schön, dass das geklärt ist.“ Ich entzog ihm meine feuchte Hand, die er immer noch festgehalten hatte.
„Sie machen Ihrem Namen alle Ehre. Ich hatte mir Sie größer vorgestellt.“
„Dito.“ Er lachte entwaffnend.
Warum hatte er überhaupt eine Vorstellung von mir gehabt?
Seine Freunde hatten sich hinter ihm aufgebaut und verfolgten die Begrüßung mit großer Aufmerksamkeit. Da ich mir sitzend unterlegen vorkam, stand ich polternd auf. Der Riese und die Blonde rückten an Watermans Seite vor, als hätte ihnen jemand ein geheimes Kommando gegeben. Irgendwie wirkten sie bedrohlich.
„Ich bin unbewaffnet“, schnappte ich.
Waterman lachte, was seine beiden Aufpasser zu entspannen schien.
„Sir. Soll Ich Ihre Bestellung hier absetzen?“, ließ sich die Bedienung aus dem Hintergrund vernehmen.
Langsam wandte sich Waterman um. „Packen Sie es uns bitte ein.“ Ein entschuldigender Blick zu mir: „Ich gehe dann mal zahlen. Ich nehme an, Sie fahren gleich mit uns?“ „Sie verlieren keine Zeit, was?“, murmelte ich und griff nach meiner Tasche. Großartiger Einstieg. Und das schon zum Frühstück.
„Normalerweise nicht“, hörte ich ihn sagen, während er das Geld auf die Theke legte und eine Tüte vom Tresen nahm. „Der Rest ist für Sie.“
„Oh, danke, Sir“, flötete die Bedienung, am Kragen ihrer Uniformbluse zupfend.
„Darf ich?“, fragte ich die Blondine und den Riesen.
Die beiden rückten auseinander, um mir den Weg zur Tür frei zu machen.
Das Licht draußen kam mir plötzlich grell und unwirklich vor. Wieso wusste der Typ meinen Namen und hatte mich sofort erkannt? Hatte Keeler den Boten mit einem Foto anmelden müssen? Ich würde das sicher gleich herausfinden.
Hinter mir schloss sich die Tür mit einem melodischen Klingeln. Ich drehte mich um und sah Waterman fragend an.
„Da lang“, sagte er und zeigte nach rechts.
„Nach Ihnen.“
Die drei gingen an mir vorbei, und ich hatte endlich Zeit, einen Blick auf die Frau zu werfen. Sie war schlicht und ergreifend schön. Groß, schlank, ebenmäßige, vielleicht etwas harte Gesichtszüge. Meine blauen Augen verblassten gegen das leuchtende Blau der ihren. Sie schritt kraftvoll aus. Alles an ihr war fest und kompromisslos.
Wir machten halt vor einem glänzenden Citroën DS. Ich war kein Autoexperte, und mein Wissen beschränkte sich auf kindliche Bezeichnungen wie Geländewagen, Rennauto, Laster oder Krankenwagen. Aber dieses Auto kannte ich, weil mein Vater immer davon geträumt hatte. Ein europäisches Auto. Er verehrte damals die schnittigen Formen, die geraden langen, abfallenden Linien, die Technik sowie die puristische Ausstattung. Die Karosserie konnte gehoben und gesenkt werden – ein fragwürdiger Gimmick. Hier stand das Modell in Babyblau. Wahnsinn. Nur auf Kuba wäre man mit diesem vorsintflutlichen Gefährt nicht aufgefallen.
Ich war erstaunt, als die Blondine den Schlüssel zückte und die Männer ohne Murren auf Beifahrer- und Rückseite auswichen. Gehorsam stieg ich hinten ein und setzte mich neben den Riesen. Immerhin hatte ich so einen guten Blick auf Ethan Waterman, der sich leicht seitlich an die Tür gelehnt hatte.
„Nia Petit, angenehm.“ Ich hielt meinem Rücksitznachbarn die Hand hin. Es wurde Zeit, dass ich mich schlaumachte. Zögernd betrachtete der Riese meine Hand, bis er schließlich die seine ausstreckte. Natürlich drückte er so fest zu, dass zwei meiner Knöchel knackten.
„Felix Waterman“, ertönte sein Bass mit einem breiten Lächeln, während ich meine Hand bewegte, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu setzen.
„Sein Bruder?“ Die Frage hatte erstaunter geklungen als geplant.
„Yep.“
Ethan Waterman hatte also einen Bruder, der – unterschiedlich, wie sie aussahen – aus einem anderen Wurf hätte stammen können.
„Venus Persson“, ließ sich nun auch die Blondine vom Fahrersitz aus vernehmen. Der Name war Programm. Ihre tiefe Stimme war viel weicher als erwartet.
Ich wartete.
Die schöne Venus legte den Gang ein und machte das Radio an. Ich vernahm zunächst nur ein leises Rauschen. Dann kurbelten alle ihre Fenster runter. Das Quietschen der alten Gummidichtungen begleitete die heruntergleitenden Scheiben. Niemand sprach, aber das lange Schweigen schien niemanden zu stören. Kristallklar ertönten die ersten Klänge einer Band, die ich erst neulich zum ersten Mal im Radio mitbekommen hatte. Ich suchte in meiner Erinnerung. Love Dubsters, die Nummer hieß „Brillant“ – und das war sie auch. Die Anlage war offensichtlich nicht so alt wie das Auto, aber auch nicht mobgesteuert. Ich war überrascht, solche Musik hier zu hören. Irgendwie hatte ich mit Mainstream-Pop oder dem Besten aus den letzten zwei Jahrzehnten gerechnet.
„Journalistin also.“ Ethan Waterman hatte es wie eine Mischung aus Frage und Feststellung klingen lassen.
Ich nickte.
„Stars und Sternchen – nicht gerade investigativ.“
Meine innere Registrierkasse zählte: eins. Eine freche Bemerkung – vielleicht unabsichtlich.
„Das kommt darauf an, wie man seinen Job versteht. Auch bei den kleinen Lichtern verstecken sich gute Geschichten.“
„Während unser Planet zugrunde geht, suchen Sie nach etwas Berichtenswertem bei Sitcom-Darstellern, die nur jeder Fünfzehnte überhaupt kennt?“
Ring! Ring! Zwei Unverschämtheiten. Jetzt war es eindeutig Unhöflichkeit. Ich schluckte, bemühte mich um Gelassenheit. In mir brodelte es bereits. „Dürfen wir jetzt nur noch über Katastrophen berichten? Neben Wasserknappheit, Hunger und Gewalt gibt es doch noch jede Menge andere Themen, die uns Menschen interessieren.“
Ethan Waterman sah mir fest in die Augen. Mir blieb fast die Spucke weg, als ich hörte, was er mit größter Selbstverständlichkeit feststellte: „Sie gehören einer aussterbenden Art an, Mrs. Petit!“
„Ethan!“ Felix Waterman hatte seinen Bruder mit der Hand über den Sitz hinweg angestoßen. Er sah schockiert aus. Die charmante Art seines Bruders war ihm offensichtlich peinlich. Nur Venus blickte unbewegt auf die Straße, als säße sie allein im Wagen.
Ring! Ring! Ring! Meine innere Registrierkasse war sehr genau in solchen Dingen: drei Beleidigungen in drei Sätzen. Es reichte!
„Was soll das, Mr. Waterman? Wenn Sie mir erklären wollen, dass kaum noch Magazine und Zeitungen gedruckt werden, erzählen Sie mir nichts Neues. Aber die Zeitschriften haben trotzdem überlebt – und ich mit ihnen. Nur weil es mehr Blogger als Sand am Meer gibt, heißt
das noch lange nicht, dass ich als Journalistin mit meinen Interviews und Geschichten keine Existenzberechtigung mehr habe.“
Die Musik lief weiter, aber sie klang wesentlich leiser in meinen Ohren. Warum feindete er mich plötzlich so an? Ich hatte mich nach vorn gelehnt und spürte die Spannung, die uns miteinander verband.
Ethan Waterman betrachtete mich wie ein seltsames Insekt. In seinen Augen las ich mehr Botschaften als in seinen harten Worten. „Das war nicht ganz das, was ich meinte.“
„Nun, dann täte Ihnen ein wenig sprachliche Genauigkeit vielleicht gut. Es erleichtert die Verständigung ungemein.“
Wenn ich Felix’ unterdrückten Hustenanfall so deuten wollte, hatte das gesessen. Was für ein kapitaler Angeber sein Bruder war! Zu viel Reichtum machte zwangsläufig arrogant.
„Gehen Sie immer so mit Ihren Interviewpartnern um?“, erkundigte sich Ethan Waterman belustigt.
Ich?! Der hatte Nerven! „Sie sind nicht mein Interviewpartner. Ich bin nur der Bote, und Sie haben etwas, das ich abholen muss. Falls Ihnen das nicht passt, lassen Sie mich doch einfach an der nächsten Ecke aussteigen.“
Felix hatte irgendetwas gesagt, aber ich hatte es nicht gehört. Ich war mächtig genervt, mental auf Autopilot. Eine Stimme in meinem Kopf sagte: „Gib es ihm!“, die andere mahnte: „Komm runter, sei ein Profi!“
Dann sagte er mit diesem unverschämt geheimnisvollen Lächeln: „Nein. Es passt mir sehr gut, dass Sie hier sind.“
„Damit sind Sie mittlerweile allein“, fügte ich halblaut hinzu. Selbst etwas Nettes klang aus seinem Mund wie eine Gefälligkeit. Ich verfluchte ihn stumm in zwölf Sprachen. Dann atmete ich tief durch, lehnte mich zurück und versuchte, die Fahrt zu genießen.
Der kühle Fahrtwind wehte zum Fenster herein. Die immer gleichen Holzhäuser zogen an uns vorbei wie eine Parade ausgebleichter Bausteine. Die wenigen Autos, die uns entgegenkamen, rollten leise vorüber. Die Gitarrenklänge der Musik schmeichelten sich in meine Ohren ein.
Wasser
Mein neugieriger Blick wanderte durch die Windschutzscheibe auf eine große grüne Ebene. Ich hatte nicht den Eindruck, dass diese weite Fläche jemals enden könnte. Kein Tier, kein Baum störte die künstliche Perfektion des grünen Rasens. Eine Scheiß-Fata-Morgana, dachte ich. Ich träumte. So viel Kunstrasen, das war unmöglich. Nach einigen Minuten konnte ich ein flaches Gebäude ausmachen, das sich weiß gegen die Landschaft und den Himmel abhob. Je näher wir kamen, desto breiter wirkte der flache Bau. Der Weg führte direkt und schnörkellos zu einem großen Portal. Das Gebäude war der größte Bungalow, den ich jemals gesehen hatte. Nach beiden Seiten erstreckten sich die weißen Mauern eingeschossig, deren Ebenmäßigkeit nur von schmalen Fensterschächten unterbrochen wurde. Ohne ein störendes Dach war die schlichte kubische Schönheit perfekt.
Venus brachte das Auto seitlich vor der Tür zum Stehen. Sie machte die Musik leiser und wandte sich uns zu: „Ich fahre den Wagen weg und komme gleich nach.“
Die Formulierung klang wie eine Drohung. Wir öffneten unsere Türen und stiegen aus. Durch die Sohlen meiner Schuhe hindurch fühlten meine Füße die feinen, kleinen Steinchen, bevor ich das Geräusch knirschender Kiesel von den Schritten der anderen vernahm. Ich umrundete das Heck des Wagens in reinweißem Kies und schloss mich den Männern an. Ich konnte es mir nicht verkneifen, mit den Fingerspitzen über die Grashalme zu streichen – sie waren tatsächlich echt.
So viel echtes Grün kannte ich nur aus meiner Kindheit, aus Büchern und von alten Fotos. Heute waren die Felder braun, die Wiesen auch. Kakteen und widerstandsfähiges Kraut wucherten noch hier und da. An öffentlichen Plätzen gab es Kunstrasen wie eine Erinnerung an fruchtbarere Zeiten. Wie schützte Waterman seinen grünen Grund vor dem PET-Regen? War sein Gras gedopt?
Die Tür öffnete sich geräuschlos wie von Geisterhand. Cool. Wo war der greise Butler im schwarzen Frack? Ohne Worte betraten wir die Halle hinter der Eingangstür. Weißer Steinboden, wohin ich nur sah. Der Raum musste mindestens hundert Quadratmeter groß sein. Am Ende gegenüber der Eingangstür öffneten sich Fenster über die komplette Front, die
das gesamte Zimmer mit Licht versorgten. Trotz der enormen Größe war es angenehm warm: ein Hoch auf das Zeitalter der Fußbodenheizung.
Ethan Waterman, der vorausging, meinte mit einem Blick über die Schulter nachlässig: „Willkommen!“
„Danke“, antwortete ich gedankenverloren. Meine Aufmerksamkeit galt ausschließlich den großformatigen Bildern an den Wänden. Es handelte sich um asiatische Kunst, ob chinesisch, japanisch oder koreanisch, konnte mein beschränkter Kunstverstand nicht ausmachen, mindestens vier mal fünf Meter groß, darunter sowohl abstrakte als auch gegenständliche. Vor jedem Bild hätte ich eine Ewigkeit verbringen können. Farben, Formen, Struktur – Mr.
Waterman hatte Geschmack. Und Geld. Offensichtlich spendete er nicht nur großzügige Summen, sondern legte auch selbst am Kunstmarkt an. Ein Besuch hier war so gut wie ein Museumsbesuch in Chicago. Während wir um die verschiedenen Sitzgelegenheiten, Sofas und Sessel, Diwane und Skulpturen herummanövrierten, öffnete Waterman eine der enormen Schiebetüren an der Fensterfront, die wir nach einem ausdauernden Marsch durch die aktuelle Kunstszene Asiens endlich erreicht hatten.
Mir entfleuchte unwillkürlich ein „Wow“, als ich auf die Terrasse hinaustrat. Was vor dem Haus das satte Grün gewesen war, eine nicht enden wollende Welt aus Rasen, Gras und Halmen, das war hier das blaueste Blau.
Wir hatten, wie ich nun verstand, auf der Fahrt hierher die Stadt verlassen und dann einen Bogen geschlagen. Wir standen auf der Rückseite des Hauses am Ufer des Mirror Lake. Was für eine fantastische Lage! Die Grundstückspreise mussten jeden Käufer zum Weinen bringen. Die hölzerne Terrasse ging nahtlos in einen gewaltigen Pool über, dessen Maße ich auf fünfzig mal fünfundzwanzig Meter schätzte. Jede Kleinstadt hätte Waterman um dieses Schwimmbad beneidet. Es war dekadent, der schiere Luxus. Ich hatte etwas Ähnliches in Klein schon einmal in einer Architekturzeitschrift gesehen. Das Wasser des Pools stürzte plötzlich über eine Kante hinab, sodass man nicht mehr sagen konnte, wo das Schwimmbad aufhörte und der See anfing. Das blaue Wasser des Sees erstreckte sich kilometerweit. Es war atemberaubend. Der Gang durch die private Galerie hatte nur den Ausblick auf das Naturelement Wasser vorbereitet.
„Gefällt es Ihnen?“ Waterman schaute mich an. Zum ersten Mal war ich mir nicht sicher, ob ihn meine Antwort wirklich interessierte oder ob es sich nur um die übliche Selbstgefälligkeit eines Großgrundbesitzers handelte.
„Es ist der Knaller – wenn man Wasser mag. Ich gehöre nicht dazu.“
Er stutzte. „Sie mögen kein Wasser? So wie in: Duschen und Mineralwasser?“
„Ich mag kein Wasser wie in: Schwimmbäder, Seen, Meer, Gewässer und so ziemlich jeder anderen Beziehung.“
Waterman lachte lauthals, als sei das der beste Witz, den er seit Langem gehört hatte. Ich mochte sein Lachen – auch wenn er über mich lachte. Als auch Felix in das Gelächter mit einstimmte, schlenderte ich betont langsam zu einem der Stühle, die an einer langen Tafel aus Treibholz standen. Was war so lustig?
Ich setzte mich und beobachtete gelassen den Heiterkeitsausbruch der beiden. Als das Gelächter abebbte, erklärte ich mich ungefragt weiter: „Es gibt kein natürlich sauberes Wasser mehr. Der See ist schön, aber krank. Nur auf festem Boden fühle ich mich wohl. Ich kann schwimmen, weil mein Vater mich dazu gezwungen hat. Aber jede bleierne Ente schwimmt besser. Ich besitze noch nicht mal einen Badeanzug und schon gar keinen Bikini. Auf Schiffen muss ich mich unweigerlich übergeben. Selbst kleine Tretboote machen mich seekrank. In Schwimmbädern ist das Wasser totgechlort. Schon das Umziehen und Reinquetschen in Latexfetzen ist in den winzigen Umkleidekabinen ein Fall für Amnesty International. Außerdem bin ich bekennende Nur-jeden-zweiten-Tag-Duscherin, weil alles andere den pH-Wert der Haut versaut. Ich misstraue sogar den Filtern. Wer weiß schon, was beim Baden aus der Leitung rauskommt, während ich nichts ahnend im zu warmen Wasser gare. Und wenn ich es mir aussuchen kann, trinke ich lieber Gin Tonic als ein Glas Wasser.
Ich kann wirklich guten Gewissens sagen, dass ich Wasser nicht ausstehen kann.“
Die beiden hatten meinem Monolog schweigend und mit offenen Mündern gelauscht. „Wow“, sagte Waterman nach einer halben Ewigkeit. „Jetzt halte ich Sie nicht nur für verrückt, sondern auch für geschwätzig. Ich liebe Wasser. Aber bitte. Bitte duzen wir uns: Ich bin Ethan.“
„Nia“, antwortete ich lächelnd. „Aber das wissen wir beide schon.“
„Ich bin dann mal in der Küche“, bemerkte Felix. „Bis hoffentlich bald wieder“, rief er mir zu und wandte sich kopfschüttelnd ab.
Ja, du mich auch, dachte ich, ein Grinsen unterdrückend. „Sind das die Unterlagen?“, wandte ich mich an Waterman – Ethan. Auf dem Tisch lag ein großformatiger, brauner Umschlag.
Jemand hatte sich gut auf meinen Besuch vorbereitet.
„Nia, willst du die fertigen Antworten, oder willst du ein persönliches Interview?“
„Geben Sie ... ähm ... gibst du mir denn eins?“
„Ich habe Zeit.“
„Warum mir?“
„Warum nicht dir?“
Ich seufzte hörbar. „Ich bin keine Spezialistin. Ich komme aus der Kulturredaktion. Ich bin nicht für fünf Cent vorbereitet, und ich werde mir nicht mit halb garen Praktikantenfragen den Ruf versauen.“
„Du könntest behaupten, ich hätte deine Fragen mit Zeichensprache beantwortet, und die Leute würden dir das Interview trotzdem aus den Händen reißen. Weil alles, was ich von mir gebe, eine Meldung ist.“
„Du leidest jedenfalls nicht unter einem angekratzten Selbstbewusstsein.“
„Das wird bedauerlicherweise häufig von mir behauptet“, konterte er.
Ich saß vor dieser atemberaubenden Kulisse und hatte einen Top-Interviewpartner vor der Nase. Er war willig und gut aufgelegt, und ich hatte gerade abgelehnt. Oh, Mann! Wie er da stand, wirkte er gar nicht mehr klein. Der Vergleich zu seinen beiden Begleitern verfälschte den Eindruck. Worum ging es hier überhaupt? Ich war nicht so leicht zu beeindrucken, dass ich nicht merkte, wie er mich zu ködern versuchte. Aber warum? Was wollte er von mir? Wie war ich überhaupt in seinen Dunstkreis geraten? Ich fand ihn hübsch, attraktiv, unwiderstehlich und unberechenbar. Was war mit mir los? Ich wurde unprofessionell – schließlich waren nicht seine Qualitäten als Mann, sondern seine Antworten Grund meines Besuchs.