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Nia Petit glaubte, sie sei der letzte Mensch auf Erden. Jahrelang tobte der stille Kampf um jeden Körper. Jetzt schlagen die Menschen zurück. Sie befinden sich in der Minderheit, aber nun organisieren sie den Widerstand. Ihr radikaler Anführer ist einer der wenigen, der den Verwandlungskuss schwer verletzt überlebte. Die zunehmende Wasserknappheit führt zu offenen Grabenkämpfen zwischen Menschen und dem Unterwasservolk, das immer noch nach Nias Leben trachtet. Ethan hingegen, der sie einst verfolgte, versucht sie zu beschützen. Gleichzeitig wirbt Levent, Ethans härtester Konkurrent um Nias Aufmerksamkeit. Seine Annäherungsversuche bleiben nicht ungehört. Nia beginnt an Ethans Liebe zu zweifeln, als sie erkennen muss, dass nicht nur ihr Leben, sondern die Zukunft des gesamten Planeten Erde auf dem Spiel steht.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2015
Nia Petit glaubte, sie sei der letzte Mensch auf Erden. Jahrelang tobte der stille Kampf um jeden Körper. Jetzt schlagen die Menschen zurück. Sie befinden sich in der Minderheit, aber nun organisieren sie den Widerstand. Ihr radikaler Anführer ist einer der wenigen, der den Verwandlungskuss schwer verletzt überlebte. Die zunehmende Wasserknappheit führt zu offenen Grabenkämpfen zwischen Menschen und dem Unterwasservolk, das immer noch nach Nias Leben trachtet. Ethan hingegen, der sie einst verfolgte, versucht sie zu beschützen. Gleichzeitig wirbt Levent, Ethans härtester Konkurrent um Nias Aufmerksamkeit. Seine Annäherungsversuche bleiben nicht ungehört. Nia beginnt an Ethans Liebe zu zweifeln, als sie erkennen muss, dass nicht nur ihr Leben, sondern die Zukunft des gesamten Planeten Erde auf dem Spiel steht.
Cover Page
Kurzbeschreibung
Titelseite
Impressum
Prolog
Kunst
Überraschungen
Verabredung
Rettung
Ziele
Diva
Wellness
Strudel
Freundschaft
Auflehnung
Nagelbrett
Druckmittel
Verhandlungen
Wiedersehen
Dank
Neuigkeiten
Flucht
Paris
Kongress
Meinesgleichen
Spaziergang
Trauma
Depression
Hetze
Trost
Patt
Tristan
Post
Guadeloupe
Ritt
Informant
Streit
Erniedrigung
Visionen
Schicksal
Spiel
Triumph
Feuer
Wasser
Sie
Rettungsring
Tote
Feuerwerk
Epilog
Danksagung
Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
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Copyright © 2015 by Nola Nesbit Vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München
Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-715-8
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Für meine Eltern
Die wichtigste Eigenschaft der Masse ist ihr Drang zu wachsen.
Elias Canetti, „Masse und Macht“
We’re just holding on to nothing, to see how long nothing lasts.Beck, „Paper Tiger“
In der Hand hielt er eine Spiegelscherbe, und in dem Spiegel sah er sich selbst, wie er eine Spiegelscherbe hielt, in der er sich selbst sah. Er multiplizierte sich ins Endlose. Der optische Effekt konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er gerade starb.
South Suites nannte sich Chicagos Wellness-Oase Nummer eins. Clubmitgliedschaften versprachen Exklusivität und Ungestörtheit. Er erholte sich hier von einem anstrengenden Arbeitstag. Er hatte viel Geld verdient, mehrere große Stücke traditionell gestochen. Einen Teil seines Verdienstes gab er nun für das Baden in heißem, frischem Wasser aus. Ein Luxus, den er sich gern gönnte in einer Welt, in der sauberes Wasser Mangelware war. Er liebte die japanische Badekultur. Nur hier, im South Suites, wurde sie in dieser nordamerikanischen Stadt noch wie eine exotische Pflanze gehegt und gepflegt. Aufgrund der massiven Umweltverschmutzung war das traditionelle japanische Bad zum Geschichtsmythos verkommen. Diese einfache Wohltat konnten die meisten Menschen nicht mehr bezahlen. Reines Wasser war teuer, weil es im Jahr 2035 kaum noch existierte.
Der schmale Pool lag auf dem Dach eines Hochhauses. Das Becken war menschenleer, die Wasseroberfläche glatt und ruhig. Sein nackter Körper glitt in das heiße Wasser. Er hatte sich zuvor unter der Dampfdusche akribisch gereinigt, gewaschen und geschrubbt. Darauf verwendete er die gleiche Sorgfalt wie beim Führen des Bambusstabes, mit welchem er seine Kunden tätowierte. Er war zu einer Convention in die Stadt am Michigan-Lake angereist. Sie galt weltweit als eine der größten in der Tätowierer-Szene: Alles, was mit Nadel und Farbe Rang und Namen hatte, traf sich hier. Er hatte die Veranstaltung bereits mehrere Male besucht, jeweils mit einem eigenen Stand, um seine Kunst zu verbreiten. Er war Japans bekanntester Tätowierer, der aufsteigende Stern unter den Tebori-Meistern. Seine Kunst nannte sich Irezumi. Seit Jahrhunderten brachte diese Technik Farbe auf Kohlebasis mit einem Bambusstock unter die menschliche Haut. Er erlernte seine Fertigkeiten über zehn Jahre bei einem Meister, der wiederum bei seinem Meister jahrelang Kenntnisse erwarb. Man studierte bei seinem Meister, man arbeitete für den Meister, man wurde zum Meister. Er liebte diese Kunst, ihre Geschichte, die Symbolik der Bilder und die Tatsache, dass das, was er mit ruhiger Hand, Kreativität und Kraft vollbrachte, ein Menschenleben überdauerte.
Seine Ellbogen ruhten auf den hellen Holzplanken, das absolut frische Wasser trug seinen Körper, umschmeichelte und liebkoste ihn. Der Nachthimmel war wolkenlos und klar, der Mond nur eine schmale Sichel, die auf der Seite ruhte. Er atmete tief ein und beobachtete, wie der Dampf des heißen Wassers in die Nacht aufstieg. Der Nebel verbarg, dass sich auf seinem Körper ein paar der exquisitesten Stücke der Tätowierkunst befanden. Nur an den Armen, die über dem Wasser lagen, konnte man die Farbpracht erahnen, die sein Meister auf ewig in ihn eingeritzt hatte. Nach der Tradition des Irezumi durfte nur ein einziger Meister sich auf seinem Körper verewigen. Große Kunst aus einer Hand.
Er erinnerte sich an den Schmerz, den er – alles andere wäre eine Schande gewesen – aber Jahre stoisch ertrug. Jetzt mahnten nur noch das Rot des Drachens, der sich um seine linke Schulter über den Oberarm wand, und die Flammen, die dieser spuckte, an das Blut, das die Nadeln am Ende des Bambusstabes aus seiner Haut hervorgebracht hatten. Das Rot des Blutes und des Feuers. Wenn das eine oder das andere über die Menschen kam, bestand das Resultat aus Vernichtung. Noch wartete das Bild auf Vollendung. Eine Ganzkörpertätowierung bedeutete ein Lebenswerk, und dieses war noch nicht vollbracht. Er dachte über den Krieger nach, den er auf seinem Bauch plante. Sein Meister würde diesen mit Nadeln aus seinem Oberkörper herausschnitzen wie aus einem rohen Stamm.
Er empfand sich selbst als Krieger, als ein Mann, der niemals aufgab. Als jemanden, der nach Höherem strebte. Ein gut aussehender Mann voller Lebensenergie und Kraft. Er war nicht nur beruflich erfolgreich, sondern auch privat begehrt. Bisher entzog er sich allen festen Beziehungen. Er genoss es, immer wieder neu unter den Frauen zu wählen. Sie fanden ihn schon immer attraktiv. Er war ernsthaft, strahlte Konzentration aus sowie unter der Oberfläche liegende Gewalt. Er stellte sich allen Herausforderungen, körperlichen und beruflichen. Noch verlor er keinen Kampf. Er befand sich im Zenit seiner künstlerischen Potenz. Mit achtunddreißig Jahren lag sein Leben noch vor ihm, und es würde alles überstrahlen, was er sich darunter vorgestellt hatte.
Ein Geräusch beanspruchte seine Aufmerksamkeit: Etwas klirrte laut direkt neben seinem Kopf. Leicht drehte er sich ein, machte unter Wasser einen trägen Beinschlag, um den einen Arm zu lösen. Auf dem Holz hinter ihm lagen plötzlich kleine Scherben. Er erkannte Spiegelglas. Am Dach des Spa hingen keine Spiegel. Er versuchte, zu begreifen, was geschehen war, und fasste intuitiv nach einem Stück, barg die Scherbe in der Hand. In ihr erblickte er sein Spiegelbild, als etwas ihn plötzlich unter Wasser zog. Seine Fußknöchel befanden sich in einem festen Griff. Mit einem letzten Reflex hielt er die Luft an, die seine Lungen sofort benötigten. Unmöglich, dieses Etwas abzuschütteln. Seine Augen erkannten unter Wasser nichts. Es war heiß, zu heiß, etwas in seiner Brust verkrampfte sich, als sich sein Körper sinnlos wand. Seine Finger griffen ins Leere, das Wasser floss einfach durch sie hindurch, verriet ihn, weil es ihn nicht trug, sondern verschlang. Neben seinem verzerrten Gesicht sank die Spiegelscherbe zu Boden. Wo war der Grund dieses Beckens? Er musste ihn doch längst erreichen. Sein Körper ruckte, zuckte, seine Muskeln verknoteten sich im Todeskampf. Er konnte den, der ihn ertränkte, nicht einmal sehen. Nach der Panik erahnte er die Leere, als er mit einem letzten Zug das Wasser in seine Lungen sog. Doch es kamen noch die endlosen Scherbenspiegelbilder, die ihn selbst zeigten, wie er sich verlor. Viel zu langsam folgte die Bewusstlosigkeit. Endlich berührte sein schlaffer Körper den Boden des Beckens, als sich die Wesen um ihn scharten.
Etwas nahm mir die Luft. Ich schreckte hoch, aber mein Körper kam nicht nach. Die Schwere des Schlafes hielt mich in den Untiefen meiner Albträume fest. Das ist nicht echt! Es ist nur ein Traum. Aber das Gefühl, soeben einer Katastrophe beigewohnt zu haben, blieb bestehen. Meine Fingerspitzen tasteten nach ihm. Nach seinem Körper, seiner warmen Haut. Ethan.
Tatsächlich war allein sein Name in der Lage, meinem Herzen leichte elektrische Stromschläge zu versetzen. Ich drehte mich zur Seite. Das war die Realität: Ethan lag neben mir, die Bettdecke zwischen die Beine geklemmt. In seinem Gesicht erkannte ich die Entspannung tiefen Schlafs, seine blonden Haare standen in alle Richtungen ab, eine Hand steckte unter dem Kissen, die andere mit den langen, delikaten Fingern berührte mich beinahe. Das quälende Gefühl des Albtraums verließ mich zögerlich. Zu oft träumte ich noch davon, dass Menschen unter Wasser starben.
Wir schliefen in seinem Bett, das eigens von einem italienischen Schreiner angefertigt worden war, in seinem Schlafzimmer, das eher einem Ballsaal glich, in seinem Haus, das schon als Aufmacher für zahlreiche Architekturzeitschriften hergehalten hatte. Und ich, Nia Petit, teilte sein Bett und mein Leben mit ihm. Ich, Nia Petit, fünfundzwanzig, Journalistin, seit Jahren eingefleischter Single, war verliebt in den „sexiest man alive“, in Ethan Waterman, Industriemagnat, Mr. DNA und Milliardär. Und das Verrückteste daran war: Er liebte mich ebenfalls.
Weil Ethan noch schlief, kniff ich mich selbst in den Arm, nur, um sicherzugehen, dass ich wirklich nicht mehr träumte. Das milde Morgenlicht schien durch die Jalousien herein. Es war der 18. April 2035. Ethan und ich kannten uns jetzt genau seit einem Jahr.
Ich wollte ihn küssen, berühren, aber um ihn nicht zu wecken, wisperte ich nur: „Ich liebe dich!“, und verließ das Bett. Auf Zehenspitzen durchquerte ich den Raum, schloss die Tür lautlos hinter mir.
Im Bad betrachtete ich mich im Spiegel, strich mir die schwarzen Haare aus dem Gesicht, pickte ein Körnchen Schlaf aus meinem Augenwinkel. Ich schenkte mir ein Lächeln, zog ein paar alberne Grimassen. Die Ellbogen auf die Knie gestützt lauschte ich auf der Toilette dem Plätschern, das noch lauter als mein Gähnen war. Mein Urin würde durch die Filteranlage sofort recycelt werden. Was nur die Astronauten früher im Weltraum erleben mussten, prägte nun unser aller Realität, in welcher jeder Tropfen Wasser als wichtig und unverzichtbar galt.
Ich betrachtete die Finger meiner rechten Hand, spreizte sie und machte wieder eine Faust. Jede Bewegung tat noch weh, aber hey, ich lebte noch. Die Brüche waren gut verheilt, nur die alte Beweglichkeit kam nicht zurück. Die Narben am Handgelenk erinnerten mich daran, dass ich den Tod in die Flucht geschlagen hatte. Die Verwandlung und den Tod. Ich war immer noch ich, wider alle Wahrscheinlichkeit. Zuversicht durchströmte mich. Ich wies die Gespenster der Vergangenheit einfach zurück, die in meinem Kopf stets spukten.
Ich wusch mir die Hände, das Gesicht und staunte erneut, dass Ethans Filtertechnologie so viel leiser als die in meiner Wohnung arbeitete.
Wenn ich bei Ethan übernachtete, folgte ich meinem üblichen Morgenritual. Obwohl es immer noch unwirklich erschien: Mein Freund besaß sein eigenes Museum. Bevor ich dem Verlangen nach Kaffee nachgab, suchte ich barfuß den riesigen Saal auf, öffnete die Schiebetür zum Mirror Lake und atmete die noch kühle Morgenluft ein. Sandy Hills lag hinter uns. Es war still, stiller noch als sonst. So ruhig, wie es an einem Samstagmorgen nur sein konnte. Früher konnte man morgens noch die Vögel singen hören. Jetzt nicht mehr. Die Vegetation und das frische Wasser, das sie benötigten, gab es hier nicht mehr. Ich fröstelte kurz in meinem hellblauen T-Shirt und startete meinen Rundgang.
Ethans Kunstsammlung nahm mir wie jedes Mal den Atem. Sie ganz allein betrachten zu dürfen, schenkte mir ein erhabenes Gefühl. Der Schwerpunkt lag auf Asiatischer Kunst. Alles, was Rang und Namen besaß, hing hier in diesem Raum. Großformatige Bilder, Skulpturen, einige Installationen. Ich liebte jedes Stück. Niemand hinderte mich daran, über das Material zu streichen, mit den Fingerkuppen die Oberflächenstrukturen zu erkunden. Als einzige Besucherin besaß ich Sonderrechte.
Eine meiner Lieblingsinstallationen bestand aus Hockern, unzähligen Holzhockern, zu einem wilden Gebilde zusammengefügt. Sie hielten sich selbst, stützten sich mit ihren dürren Streben zu einer absolut unglaublichen Konstruktion, die jeden Augenblick zusammenfallen konnte, es aber doch nicht tat. Nicht erst seit letztem Jahr erschien mir dieses Kunstwerk mehr denn je als ein Sinnbild für mein eigenes Leben. Voller Bewunderung starrte ich auf den Wald aus gedrechseltem Holz, der sich weit über meinen Kopf erhob.
Zwei Hände legten sich auf meine Schultern. „Ai Weiwei. Als ich ihn kaufte, kannten wir uns noch nicht.“ Ich erschauderte, nur weil Ethans Stimme etwas in mir klingen ließ. Ich hatte nicht gehört, wie er den Raum betrat.
„Er ist fantastisch.“
„Nicht so fantastisch wie du“, flüsterte Ethan in mein Ohr. Seine Lippen fanden meinen Hals. Er küsste mich, sein Atem streifte mich. Ethans Hände wanderten auf meine Hüften hinab. Sein Körper presste sich an mich.
„Ich … ich besuche gerade eine Ausstellung“, stotterte ich hilflos, weil meine Knie langsam weich wurden und das, obwohl wir uns nun schon so lange kannten.
„Ich befürchte, Sie haben keine Eintrittskarte.“ Ethan hob mein T-Shirt an, zog es über meinen Kopf.
„Was wird das? Eine Leibesvisitation?“ Ich lehnte mich an ihn, bis meine Schulterblätter seine haarlose Brust berührten.
„Tut mir leid. So sind die Sicherheitsbestimmungen.“ Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme.
Wie durch Geisterhand rutschte mein Slip auf den Boden. Seine Finger berührten meine Brust, fühlten dann nach meiner Lust. „Keine Karte. Ich befürchte, ich muss Sie festnehmen. Fest nehmen.“
Ich beugte meinen Kopf zurück und sah ihm über die Schulter in die strahlend blauen Augen, lachte ihn an. „Das ist das Mindeste, was ich von Ihnen erwarte.“ Meine Lippen pressten sich auf seinen Mund, unsere Zungen fanden sich. Ich blickte wieder nach vorn und spürte, wie Ethan meinen Rücken küsste. „Das Bild. Dieser Fisch macht mich noch völlig verrückt.“ Vor Jahren hatte ich mir einen Koi traditionell stechen lassen. Ethan verehrte die Tätowierung zwischen meinen Schultern vermutlich mehr als mich.
„Erinnerst du dich noch an unsere erste Verabredung bei dir am Pool?“, fragte ich ihn.
„Wie könnte ich das je vergessen?“
Auch mir prägte sich dieser Tag ein wie ein Fußabdruck auf dem Mond, der für immer blieb. Aber kennengelernt hatten wir uns ein paar Tage zuvor in einem Coffeeshop. Jahrelang verpassten wir uns im selben Ort, ahnten nichts von unserer Existenz. Doch das erste Treffen hatte ausgereicht, um unsere Verbindung Fahrt aufnehmen zu lassen. In einem rasanten Tempo, das mich oft verwundert innehalten ließ.
Kurz löste sich Ethan von mir: „Gleich wieder da“, erklärte er und verschwand, um einen Augenblick später mit einem Kondom in der Hand wiederzukommen. Mit dem Mund riss er die Verpackung auf; ich streifte es ihm über. Seit der unangenehmen Verzögerung unseres ersten Males in Costa Rica versuchten wir stets, für entsprechende Vorräte zu sorgen.
Jetzt ging ich in die Knie, stützte mich auf dem Boden ab, während er in mich eindrang. Sein Gewicht ruhte auf mir, ich folgte seinen rhythmischen Bewegungen.
Wir trieben es vor dem Ai Weiwei, der bedenklich schwankte, vor einem Bronzebuddha Nam June Pikes und vor den fleischfarbenen Fratzen von Yue Minjun. Wir stöhnten, leckten und vereinnahmten uns, als gäbe es kein Morgen, kein Gestern, nur ein Jetzt.
Etwas später lagen wir nebeneinander auf dem warmen Holzboden. Unser Atem ging schnell; nur diesem lauschten wir.
Ethans Augen waren geschlossen. Sein rechter Arm ruhte unter meinem Nacken. „Ich liebe es, hier mit dir zu vögeln“, raunte er mir ins Ohr.
Ich streckte mich. „Du hast mich leider völlig von der Ausstellung abgelenkt“, beklagte ich.
„Das war das Ziel.“ Er wirkte sehr zufrieden mit sich selbst.
Ich strich über seine Brust und wunderte mich: Felix, Ethans Bruder, und Venus – noch hatte ich nichts von ihnen gehört. Sie lebten mit Ethan in diesem Haus. Es war heute wirklich außergewöhnlich ruhig. Vielleicht schliefen sie auch noch. „Sind die anderen eigentlich alle weg?“
Aber bevor Ethan antworten konnte, hörten wir ein Motorengeräusch, das Knirschen von Kies, danach das Schlagen einer Autotür.
„Jetzt nicht mehr“, bemerkte Ethan lakonisch. Er öffnete die Augen, horchte so wie ich.
„Verdammt!“ Ich sprang auf und suchte hektisch nach meiner Kleidung. Die Eingangstür lag uns gegenüber. Das Haus betrat man normalerweise durch diesen Raum.
Seelenruhig stand Ethan auf, während ich versuchte, auf einem Bein hüpfend, meine Unterhose wieder anzuziehen.
Die Haustür öffnete sich. Ich ging hinter einer glänzenden Skulptur in Deckung. Auf ihrer Oberfläche spiegelte sich mein erschrockener Gesichtsausdruck. Schon vernahm ich Felix’ Stimme.
Sein Bass konnte noch die Fanfaren des Jüngsten Gerichts übertönen: „Oh, nein! Jetzt treibt ihr es schon in aller Öffentlichkeit.“
„Das ist mein Haus.“ Ethan stellte es ruhig fest. Es schien ihm nichts auszumachen, dass er seinem Bruder splitterfasernackt gegenüber stand. Ethan war schlank und muskulös, eine Augenweide – für mich sah er schon bekleidet wahnsinnig gut aus.
„Und jetzt komm endlich raus, Nia Petit!“ Felix fand an solchen Dingen seinen Spaß.
„Auf keinen Fall.“ Dass gerade diese Antwort meine Anwesenheit definitiv verriet, fiel mir jetzt erst auf. Ich war naiv und verhielt mich nicht besonders schlau. Wie ein Kind kauerte ich mich noch tiefer nieder.
„Ich habe Zeit.“ Das Knirschen von Leder ließ mich wissen, dass Ethans Bruder auf einer der Bänke Platz genommen hatte. Er konnte sehr beharrlich sein. Eine Eigenschaft, die er mit seinem Bruder teilte.
Ich nutzte die Chance, um geduckt zu einem anderen Podest zu huschen. Nur noch wenige Meter trennten mich vom Gang zum Schlafzimmer. Ein Fluchtpunkt, der meine Rettung aus dieser peinlichen Situation garantierte.
„Seitdem mein Bruder dich auf dem Küchentisch flachgelegt hat, träume ich von deinem Muttermal am Po.“
Meine Pupillen weiteten sich. Felix hatte das gesehen?!
„Dank euch kann ich mir dort kein Brot mehr vernünftig schmieren. Und jetzt komm endlich raus!“
Ethan schaltete sich ein: „Du störst, Felix. Wir haben noch einiges nachzuholen.“
„Was wird das hier? Die Mitleidstour?“ Felix stand auf und kam direkt auf mich zu. Ich hätte es wissen müssen: Er hatte mich schon längst enttarnt. Hitzige Scham kroch lavaartig zu meinen Wangen hoch. Ethans Bruder war fast zwei Meter groß. Aus dieser Höhe starrte er auf mich herab. Seine Augen leuchteten in einem warmen Braun, sein dunkles Haar trug er kurz getrimmt. Das obligatorische Karohemd hing über einer engen Jeans, die über seinen enormen Oberschenkeln spannte.
Ich trug einfach nur nichts. Mit hoch rotem Kopf erhob ich mich, versuchte, das blaue T-Shirt notdürftig vor mir zu drapieren, das plötzlich kleiner als ein Topflappen schien. „Dass du so etwas immer bis zum bitteren Ende durchziehen musst“, knurrte ich ihn an.
Felix lächelte: „Ist schon fast so etwas wie ein Sport für mich geworden. Aber eigentlich muss ich dich sprechen.“
„Mich? Warum?“
„Ich habe gerade jemanden getroffen, den du kennst.“
„Cola oder Pearl. Na und?“ Ich besaß nur eine Handvoll Freunde.
Felix schüttelte den Kopf. „Jemanden, mit dem du garantiert nicht gerechnet hast.“
Fragend sah ich ihn an.
„Du wirst es nicht glauben, aber dein Bruder Neal ist wieder in der Stadt.“
Neal. Die Nachricht musste sacken. So viele Fragen wollte ich Felix stellen. Aber ich beschloss, zuerst zu duschen und mich anzuziehen. Felix nahm mich in dieser exponierten Situation ohnehin nicht ernst. Nackt war es unmöglich, Konversation zu machen.
Ethan reagierte auf die Nachricht mit dem ihm eigenen Ernst. Er wusste, dass mein Bruder Neal und ich uns nicht sehr nahe standen. Jahrelang trafen wir uns nicht, sprachen miteinander so gut wie nie. Felix war der Bruder, den ich gern gehabt hätte. Neal war der Bruder, den das Schicksal mir beschert hatte. Neal lebte als Chaot mit einem Hang zur Esoterik überall und nirgendwo. Er tauschte den Wohnort und die Jobs häufiger, als andere die Unterwäsche wechselten. Er war jünger als ich und nicht gewillt, erwachsen zu werden. In den vergangenen Jahren übte er so ziemlich jeden gesundheitsorientierten Beruf aus, den es gab: Fitnesstrainer, Masseur, Ernährungsberater. Man beeindruckte ihn leicht, er folgte jedem Trend. Manchmal verschwand er spurlos für ein Jahr. Meine Eltern und ich zweifelten gelegentlich an seiner Existenz, weil er sich aus Prinzip nie meldete und es sich ebenfalls von uns verbat.
Ethan duschte noch. Felix und ich saßen in der Küche. Er schaufelte konzentriert Essen in sich hinein. Ihn so zu sehen erinnerte auch mich daran, dass mich großer Hunger quälte. Mit einem Seitenblick auf Felix stichelte ich: „Nach der Menge an Toast und Ei zu urteilen, scheint die Lieblingsrolle als Voyeur deinem Appetit nicht zu schaden.“
„Ihr müsst wirklich damit aufhören. Das kann auf Dauer nicht gesund sein.“
Ich lachte. „Du bist nur neidisch. Alles andere verursacht Rückenmarksschwund.“
Felix verschluckte sich und hustete. „Das habe ich schlicht und ergreifend nicht nötig.“
„Beweise es!“ Ich lachte. „Reich mir mal bitte den Kaffee!“
Während ich Milch und Kaffee mischte, suchte ich nach Worten. „Okay. Neal. Was hat er gesagt?“
Felix antwortete mit vollem Mund. „Viel interessanter ist, was er nicht gesagt hat.“
Ich sah auf. „Wie bitte?“
Felix schluckte, pausierte dramatisch. „Er war nicht allein.“
„Können wir das einfach abkürzen? Deine Andeutungen machen mich nervös.“
„Ich traf Neal im Coffeeshop. Ich hatte Schwierigkeiten, ihn überhaupt zu erkennen. Weil er am Mund mit einer Frau zusammenhing.“
„Was? Neal hat eine Freundin?!“ Ich war fassungslos.
„Davon ist wohl auszugehen. Er hat sie mir sogar vorgestellt.“
Neal leistete sich Affären. Alles andere strahlte ihm zu viel Verbindlichkeit aus.
Ich kannte ihn schon kaum, geschweige denn eine seiner Freundinnen. Es fiel mir schwer, die Nachricht zu verdauen. „Und? Wer ist sie? Und wie heißt sie? Und was machen die beiden hier in Sandy Hills?“
„Wow. Langsam. Ich schlage vor, dass du das alles gleich selbst in Erfahrung bringst.“ Felix grinste. „Er müsste nämlich gleich hier sein.“
„Was?!“ Der Schock traf mich so hart, dass ich den Kaffee verschüttete.
„Mensch, Nia. Reg dich ab! Immerhin hast du wieder etwas an. Ich dachte, du freust dich, ihn zu sehen.“
Während ich mit einem Papiertuch meine Kleckerspuren beseitigte, überlegte ich: Freute ich mich, meinen Bruder zu sehen? Das letzte Mal hatte ich ihn bei meiner Surpriseparty getroffen, die Ethan anlässlich meiner Rückkehr aus Costa Rica für mich organisierte. Neal war einer der Überraschungsgäste. Flüchtig wie ein Vogel sagte er hallo und verschwand am Tag darauf schon wieder. Neal war wie der Wind eine vergängliche Erscheinung. Wenn er freiwillig kam und auch noch nach mir suchte, konnte das nichts Gutes zu bedeuten haben.
Ethan betrat die Küche. In der Hand hielt er ein Paket, das er auf den Tresen legte. Zeitgleich klingelte es.
„Wann, verdammt noch mal, wolltest du mir das eigentlich erzählen, Felix?“, zischte ich. Ich hasste solche Überraschungen.
Felix zuckte mit den Schultern. „Rechtzeitig, wie du siehst. Ich denke mal, das ist Neal.“ Sein unschuldiger Hundeblick konnte mich in den Wahnsinn treiben.
Ethan sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Frag nicht!“, blaffte ich ihn an.
Wie zur Verteidigung breitete er die Arme aus. Sein schwarzer Anzug warf nicht einmal Falten. Ich liebte blaue Klamotten und Ethan schwarzes Tuch. Manchmal empfand ich seinen perfekten Look fast als Provokation.
„Tut mir leid“, korrigierte ich meinen Ton. Ich warf den mit Kaffee vollgesogenen Papierklumpen nach Felix. Er wich ihm geschickt aus, wie er es immer tat.
„Dein Bruder macht mich noch irre.“
Während ich zur Tür ging, vernahm ich Ethans Worte: „Willkommen im Club!“
Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, was mir nicht recht gelang. Seitdem ich regelmäßig Zeit in seinem Haus verbrachte, hatte Ethan ein kostspieliges Sicherheitssystem installiert. Mir erschien der Aufwand unverhältnismäßig, aber mein Körper war immer noch begehrt, auch wenn ich das täglich zu vergessen suchte. Die Ironie bestand darin, dass das Türschloss meiner eigenen Wohnung in Sandy Hills eine Beleidigung für jeden anständigen Einbrecher darstellte. Sogar ein mittelmäßig begabtes Haustier konnte den Mechanismus knacken. Sicher fühlte ich mich wirklich nur in Ethans Haus. Ein Blick auf den in der Wand eingelassenen Bildschirm zeigte mir: Neal stand tatsächlich vor der Tür.
Während ich meine Garderobe auf die Grundfarbe blau beschränkte, sprach Neal dem kompletten Farbspektrum zu. Sein Hawaiihemd war rot mit gelben und grünen Blüten. Die Farbkombination allein reichte, um jeden Normalsterblichen optisch zu verwirren. Neals hektischer Blick zuckte von links nach rechts, einen Moment lang schenkte er der Kamera ein flüchtiges Lächeln. Der Platz vor dem Haus war ansonsten leer, wie der verzerrte Blick des Kamera-Fischauges mir verriet. Ich öffnete die Tür.
„Neal!“
„Nia! Hi! Wie geht es dir?“ Ungelenk umarmte er mich. Sein Pferdeschwanz strich mir über das Gesicht. Er roch so, wie Menschen riechen, die regelmäßig in einem Yoga-Studio trainierten oder meditierten. Nach Sandelholz und Rauch und asiatischem Gewürz.
„Oh, danke. Ziemlich gut. Und dir?“
„Großartig. Schicke Bude hat dein Freund.“
Bude. Ethans Architekt hätte sich nach diesem Kommentar vermutlich freiwillig das Leben genommen. Er würde glücklicherweise nie davon erfahren. Zumindest nicht durch mich. „Ja. Mir gefällt es auch ganz gut. Aber komm doch erst mal rein!“
Neugierig blickte Neal sich um. Wie die meisten Menschen beeindruckte ihn, was er sah.
Als wir die Küche betraten, sahen Ethan und Felix auf. Die Ankunft einer bunten Giraffe hätte nicht mehr Aufmerksamkeit erregen können. Genau genommen war Neal in seinem schrillen Oberhemd nicht weniger als das. Man schüttelte Hände, tauschte Begrüßungsformeln aus. Ganz die Dame des Hauses, die ich nicht war, bot ich Neal Kaffee an.
„Nein, lieber Tee. Habt ihr auch Kamille?“
Innerlich verdrehte ich die Augen. Verwandtschaft blieb peinlich. Das war ein ehernes Gesetz.
Neal nahm vor der dampfenden Tasse am Tresen Platz. Wir alle schwiegen, sahen ihn neugierig an. Als ich die Stille nicht länger ertrug, platzte ich heraus: „Was treibt dich zu mir?“
Ethans Fuß traf mich seitlich am Schienbein. Er hatte recht: Höflichkeit sah anders aus.
Aber mein Bruder störte sich an meiner Direktheit nicht. „Ein Date.“
„Mit wem?“ Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Ich möchte mit euch essen gehen.“
Ich stotterte: „Äh, von mir aus. Klar. Jederzeit.“
„Mit dir, Nia, und mit dir, Ethan.“
„Was? Bin ich nicht erwünscht?“, frotzelte Felix.
„Ich brauche ein Double-Date, denn ich habe eine neue Freundin.“
„Wie heißt sie?“ Jetzt endlich waren wir bei dem Thema, das mich wirklich interessierte.
„Abigail.“
In Felix’ Gesicht leuchtete etwas wie diebische Vorfreude. Ich verstand wieder einmal nicht, was hier im Gange war.
„Ich möchte sie beeindrucken.“
„Mit wem? Mit uns?“ Im gleichen Augenblick wurde mir die Beschränktheit meiner Frage klar. Es ging gar nicht um mich, denn ich war unwichtig und uninteressant. Ethan war der Mann, mit dem man glänzen konnte. Ethan Waterman: der weltweit jüngste Milliardär, Wissenschaftler und Kunstmäzen.
Neal sah mich beschämt an.
Ich erkannte, wie wichtig ihm die Zusage war. Ihm zu helfen, fiel mir plötzlich leicht. „Ich denke mal, das stellt kein Problem dar. Was sagst du, Ethan?“
Ethan zuckte mit den Schultern. „Natürlich. Gern.“
Felix hielt es kaum mehr auf seinem Hocker. Er wirkte wie ein zu großes Kind, das es nicht erwarten konnte.
Neal hingegen atmete auf. „Was haltet ihr von morgen, Sonntagabend?“
„Da haben wir nichts vor.“
Neal seufzte erleichtert auf. „Wenn ihr nichts dagegen habt, reserviere ich. Ich melde mich, wenn alles steht.“
„Fein. Dann also bis Sonntagabend. Du meldest dich.“ Ich stand auf. Das Wichtigste war gesagt. Ich irrte mich.
Ethan schob mir das Paket hinüber. „Ich hätte das lieber unter vier Augen überreicht. Aber heute ist uns das Glück nicht hold. Ich muss jetzt in die Firma. Die Arbeit ruft.“
„Heute? Es ist Samstag.“ Die Enttäuschung stand mir ins Gesicht geschrieben. Ethan war ein Workaholic. Je mehr Aufträge er verlor, desto schlimmer wurde es. Und das lag an mir. „Aber warum?“
„Neue Aufträge akquirieren, Ideen sammeln, Proben testen und evaluieren. Aber ich möchte hier niemanden langweilen“, setzte er nach.
Ich seufzte. Nicht nur, weil Ethan sich wieder mal in sein Büro verkroch, anstatt Zeit mit mir zu verbringen, sondern weil ich wusste, was „Proben testen und evaluieren“ eigentlich bedeutete: Zu seinen Lieblingsproben gehörte nämlich mein eigenes Blut. Seitdem mich der Kuss unter Wasser im vergangenen Jahr nicht hatte verwandeln können, forschte er wie besessen daran, was mein Blut und damit mich anders machte. In Ethans Welt lagen alle Erklärungen in unserer DNA verborgen. Herauszufinden, was an mir besonders war, trieb ihn manisch um.
„Tut mir leid! Glückwunsch zum Einjährigen!“ Er beugte sich zu mir, hielt meinen Kopf in seinen Händen und küsste mich. Dass wir Publikum hatten, störte ihn nicht.
Hitzewallungen rauschten meinen Rücken hinunter. Seine offene Liebesbekundung ließ mich erröten. Er schmeckte nach frischer Zahnpasta. Nach Pfefferminze. Ethan schmeckte immer gut. Für einen Moment war ich entrückt.
Als er sich von mir löste, lächelte er.
Felix und Neal grinsten beide mit.
Nervös fummelte ich an der Paketschnur, riss sie schließlich ab. „Du hättest nicht …“ Endlich löste sich das Papier. Ein Holzkasten, mit dessen ledernem Verschluss ich den Deckel öffnete, darin ein delikater Stoff, dessen Ecken ich zurückschlug. Meine Augen wurden groß. Vorsichtig hob ich das Buch heraus. Es war schwer, der Umschlag aus antikem Leder, versehen mit einem goldenen Stich. Die altmodische Schrift war auf Anhieb nicht zu lesen. Wie hießen noch einmal diese Lettern? Sütterlin. Nur ein Buchstabe fiel auf: ein großes K. Eine Zahl erkannte ich auf der zweiten Seite. 1781. Ich saugte die Luft ein, als ich endlich begriff. „O mein Gott! Ist das eine Erstausgabe?“
„Die Kritik der praktischen Vernunft. Du magst doch Kant.“
Ich mochte Kant. Immanuel Kant. So konnte man das auch formulieren. Dieses Exemplar hier war ein Vermögen wert. „Wo hast du das her?“
„Eine Auktion bei Sotheby’s. Glücklicherweise trennte sich ein privater Sammler rechtzeitig davon.“
Ethans Vermögen, seine Gesten, die Geschenke. Es war schwer, in diesen Dimensionen überhaupt zu denken. „Freust du dich?“
„Natürlich. Danke, Ethan. Das ist komplett verrückt.“ Andere Paare buken sich einen Kuchen – mich beschenkte mein Freund mit einem Museumsstück. Verhältnismäßigkeit war offensichtlich keine zuverlässige Größe in unserer Beziehung.
„So, Leute. Ich muss jetzt wirklich los.“ Neal schob seinen Tee beiseite.
Überwältigt blickte ich auf. Für ein normales Frühstück erlebte ich entschieden zu viele Überraschungen. „Ich bringe dich noch zur Tür.“ Ich erhob mich ungelenk.
Felix meldete sich zu Wort: „Ach, Neal. Wie heißt deine Freundin noch mal?“
Wir alle betrachteten Felix wie einen Schwachsinnigen. Wie konnte er den Namen bereits vergessen haben? Er lächelte.
Zögerlich antwortete Neal: „Du kennst sie doch: Abigail. Abigail Le Feu.“
Etwas an Ethans Körperhaltung wurde plötzlich hart. Als ich ihn von der Seite betrachtete, bemerkte ich seinen starren Blick. Er schob seinen Hocker zurück und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.
„Was … was ist los mit ihm?“, fragte Neal und sah mich betreten an.
Felix Antwort war klar und deutlich, aber sie verwirrte mich noch mehr: „Nun. Sagen wir, dass Abigail und Ethan sich schon seit Langem kennen.“
„Lass uns nach Hause gehen!“
„Nein. Warum?“
„Weil es zu gefährlich ist.“ Ethan war mitten auf dem Bürgersteig stehen geblieben. Es war acht Uhr am Abend und noch hell, die Luft bereits frühlingshaft erwärmt. Menschen brandeten um uns herum wie um ein Verkehrshindernis. Chicago pulsierte immer noch mit Leben.
Ich nahm Ethans Hände in meine. „Hör zu! Wir treffen nur meinen Bruder mit seiner neuen Freundin.“
„Es ist dein Bruder mit Abigail Le Feu. Ihr Vater ist so etwas wie der Leitwolf des Volkes. Zu diesem Date zu gehen, bedeutet, ihm Rotkäppchen auf dem Silbertablett zu servieren.“
„Du vergleichst mich mit Rotkäppchen?“
„Lenk jetzt nicht ab!“
„Also erstens treffen wir seine Tochter und nicht ihn. Und zweitens bist du dabei, um auf mich aufzupassen.“
„Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt mitkomme. Wenn du dich nur nicht bis jetzt geweigert hättest, abzusagen.“ Ethan sah verzweifelt aus.
Ich strich ihm ein paar Haare aus der Stirn. „Neal ist mein Bruder. Kein besonders guter, zugegeben, aber er hat mich das erste Mal um einen Gefallen gebeten.“
„Was ist, wenn dieser Gefallen dich dein Leben kostet?“
„Du hattest schon immer einen Hang zum Übertreiben. Wir machen uns nur einen schönen Abend. Nicht mehr und nicht weniger. Oder meinst du, Lyndon Le Feu ertränkt mich vor den Augen des neuen Freundes seiner Tochter?“ Ich versuchte, locker und leicht zu klingen, aber Ethans Gesichtsausdruck blieb sorgenumwölkt.
„Du bist einfach zu stur.“
„Und du arbeitswütig.“
„Was hat das jetzt damit zu tun?“
„Nichts, aber ich dachte, es lenkt dich vorübergehend ab.“
Der Ansatz eines Lächelns zeigte sich auf Ethans Gesicht. Jemand schubste mich, aber Ethan hielt mich fest. „Hör zu. Erstens: Du siehst toll aus. Ich stehe auf deinen blauen Farbtick, und dieses schillernde Top bringt es voll. Zweitens: Ich liebe dich. Und drittens: Ich liebe dich so sehr, dass es mich manchmal fast krank macht.“
So, wie er es sagte, beschämte es mich. „Ich liebe dich doch auch. Aber ich kann nicht wie ein Angsthase durchs Leben gehen. Was wäre das noch für ein Leben?“
„Wie wäre es, wenn du Angst durch Vorsicht ersetzen würdest?“
„Ich bin sehr vorsichtig. Ich bin mit dem besten Sicherheitsexperten der Welt zusammen.“ Ich küsste ihn, saugte an seinen perfekten, weichen Lippen. „Und jetzt lass uns gehen. Wir kommen sonst zu spät.“
Ethan seufzte. Hand in Hand fädelten wir uns in den Strom der Passanten ein. Noch einmal hielt er mich zurück. „Ich hatte nichts mit ihr.“
„Mit Abigail? Langsam mache ich mir Sorgen, nur weil du es so betonst.“
„Wir waren nur Freunde. Nicht mal besonders gute.“
„Freunde.“
„Nur das.“
Ich strahlte Ethan an. „Völlig in Ordnung für mich.“ Ich fühlte mich leicht und unbeschwert. Ich glaubte ihm.
Lyndon Le Feus Restaurant war das beste am Platz. Sein Name prangte in goldenen Leuchtlettern über der kostbar vertäfelten Front. Stilistisch hatte man sich an dem berühmten Pariser Vorbild des „Maxim’s“ orientiert. Ich hielt mich normalerweise nicht gern in solchen Läden auf, aber heute war Solidarität gefragt. Ethan passte in dieses Ambiente wie ein Ausflug zu gutem Wetter. Der Kellner musterte uns. Ethan bestand die Prüfung – wie immer erschien alles an ihm makellos. Nur ich wurde skeptisch beäugt, als ich Neals Namen für die Reservierung nannte. Oben herum hatte ich mir Mühe gegeben: Das türkisfarbene Seidentop betonte meine Augenfarbe. Ich trug der Einfachheit halber nur blaue Kleidung: Es erleichterte die Auswahl im Kleiderschrank; alles passte zueinander. Die Farbe Blau strahlte für mich den Optimismus eines unbedeckten Sommerhimmels aus. Der tiefe Ausschnitt des Tops schadete meinem Aussehen jedoch ebenfalls nicht. Der Blick des Kellners wanderte an meiner Jeans hinunter bis zu meinen bejahrten Sneakern, ohne die ich nicht zu denken war. Mit einem Fingerzeig auf mein altersschwaches No-Name-Schuhwerk raunte ich ihm vertraulich zu: „Dolce und Gabbana. Nur Kenner bemerken das.“
Mit zusammengezogenen Augenbrauen führte er uns zu einem Tisch.
Ethan blickte sich um, als litte er unter Verfolgungswahn.
„Was ist los? Hast du ein Gespenst gesehen?“
„Vielleicht sogar zwei“, antwortete Ethan leise.
Ich verstand kein Wort. „Lass das!“, zischte ich ihm zu. „Benimm dich einfach ganz normal!“
Da saßen sie. Ich umarmte Neal. Natürlich galt mein Interesse Abigail.
Abigail Le Feu schien eine unspektakuläre Brünette zu sein mit einem runden, unschuldigen Gesicht. Ihre braunen Augen standen weit auseinander, ihr Mund war voll und feminin – mit einem auffälligen Lippenstift nachgezeichnet, den sie gerade noch in einem übergroßen Kosmetikspiegel prüfte. Sie trug ein helles Kostüm, hautfarbene Nylons und als modischen Blickfang pinkfarbene Ballerinas. Wenn Ethan tatsächlich eine feste Beziehung mit ihr eingegangen wäre, musste sie mit herausragenden inneren Werten glänzen.
„Hi, Abigail. Freut mich sehr.“
„Hallo, Nia. Neal hat mir schon viel von dir erzählt.“
Ich fragte mich, was Neal überhaupt über mich wissen konnte, das nicht in das Reich der Fantasie zu verweisen war. Schließlich negierte er meine Existenz seit Jahren. Wie sein schillerndes Wesen zu dieser bodenständigen Frau passte, blieb rätselhaft. Ich ermahnte mich innerlich, ein Buch nicht nach seinem Umschlag zu beurteilen: Auch meine Freundin Pearl legte auf ihr Äußeres keinen Wert, aber sie war atemberaubend intelligent und einer der humorvollsten Menschen, die ich kannte.
„Hübscher Spiegel, Abigail. Darf ich den mal sehen?“, erkundigte ich mich.
Sie reichte ihn mir. „Natürlich.“ Dann erklärte sie geknickt: „Mein alter war noch schöner, aber er ging leider zu Bruch.“ Es war erstaunlich, aber die Tatsache schien sie wirklich traurig zu machen.
Während ich den Spiegel noch in meiner Hand hin und her wendete, berührten Neal und Abigail sich an den Händen und lächelten einander selig an. Sie so frisch verliebt zu sehen, gefiel mir ausnehmend gut. Ich gab Abigail das Kosmetik-Accessoire zurück, und wir bestellten Wein. Fischsuppe empfahl man uns. Zuchtfisch, wie uns glaubhaft versichert wurde. Frischfisch aus dem Michigan-Lake hätte unser sicheres Todesurteil bedeutet. Nicht nur das Wasser war verschmutzt, auch die noch dort lebenden Tiere, die der Verseuchung noch trotzten, waren schadstoffbelasteter als die Bilge eines alten Fischerkahns. Wir glaubten der Erklärung gern.
„Ich kam gerade aus meinem Yoga-Kurs“, erzählte Neal, „als Abigail mir über den Weg lief.“
„Ich habe im gleichen Club ein Wellness-Abo“, ergänzte Abigail.
„Fünf Monate ist das her. Es war Liebe auf den ersten Blick.“
Ich lauschte andächtig und stellte fest, dass Neal bereits seit über fünf Monaten in Chicago weilte. Nur wusste ich bis gestern nichts davon.
„Seit wann seid ihr zusammen?“ Abigail erfragte es mit dem Interesse einer Frau, die Gleichgesinnte erkannte, wenn sie mit ihnen an einem Tisch saß.
Ethan verhielt sich seiner Stimmung entsprechend einsilbig. Da er keine Anstalten machte, die Frage zu beantworten, fiel ich ein: „Seit ziemlich genau einem Jahr.“
Ethan beugte sich zu mir und wisperte: „Komm! Lass uns endlich gehen.“
Ernst sah ich ihn an, hoffte, er würde meinen vorwurfsvollen Blick verstehen. Er benahm sich einfach unhöflich, wie ein verzogenes Kind.
„Und du, Ethan? Was machst du mittlerweile?“
Sollte eine Spitze in Abigails Frage verborgen gewesen sein, konnte ich sie nicht erkennen.
„Ich denke, du weißt sehr genau, was ich jetzt tue, Abigail.“ Ethan sagte es, als wolle er jedes seiner Worte in Stein meißeln.
Peinliche Stille senkte sich über unseren Tisch. Auf dem weißen Leinen stand eine Vase mit echten Blumen. Eine Rarität, die ich aus Verlegenheit nun sehr genau betrachtete. Kurz berührte ich die Blüten. Handaufzuchten: Wahnsinn! Es gab in der westlichen Welt kaum noch Vegetation. Allein die Pflanzendekoration in diesem Laden musste bei der Rechnung horrend zu Buche schlagen. Leise Gesprächsfetzen trieben von den Nachbartischen zu uns herüber.
„Mein Vater berichtet ab und an. Wie läuft es so im Land der DNA?“ Abigail erkundigte sich wie nebenbei.
Das „Land der DNA“ bezeichnete wohl Ethans Firma DNAssociated. Der König in diesem Land war er. Seine Technologie, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse hatten ihn reich gemacht. Ethan sammelte seit vielen Jahren genetische Daten der Bürger in den Staaten sowie weltweit und wertete sie aus. Abigails Vater Lyndon Le Feu unterstützte Ethan in den ersten Jahren seiner Firmengründung. Damals galt er bei DNAssociated als der überzeugteste Investor.
Ethan antwortete mit Galle in der Stimme: „Es lief besser, als wir noch in einem Boot saßen, Abigail. Seitdem dein Vater mich und meine Firma boykottiert, funktioniert nichts mehr besonders gut. Ich verliere Aufträge, bekomme keine neuen mehr. Dein Vater ist ein Lobbyist.“
Abigail korrigierte ihn: „Du hast dich selbst boykottiert.“
„Ich wünschte, es wäre so einfach. Meine Werte haben sich geändert. Deine nicht. Du arbeitest mittlerweile sehr eng mit deinem Vater zusammen.“ Ethan stellte es nur fest.
Und zum ersten Mal vernahm ich eine gewisse Bestimmtheit in Abigails Worten: „Aus gutem Grund. Er verfolgt noble Ziele, denen auch ich mich verschrieben habe. Nicht jeder von uns kann sich Opportunismus leisten.“
An Neals fragendem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er die Unterhaltung zwar verstand, nicht aber den Subtext, der darunter lag. Konnte Neal auch noch wie ich ein Mensch sein? Oder schauspielerte er nur besser, als ich es ihm je zutrauen würde?
„Nobel nennst du das?“
„Ja, Ethan. Das waren auch einmal deine Worte. Aber damals nannte ich dich auch noch Shark.“
Ethan schwieg. Es fiel ihm sichtlich schwer. Mich stieß die Erwähnung von Ethans Spitznamen wie immer ab.
Abigail pickte mit dem Löffel in ihrer Suppe. Fast nachdenklich äußerte sie: „Fische. Problematisch wird es immer, wenn dem Hai die Zähne ausfallen. Allein die Flosse macht ihn nicht zum Hai.“
Ethan ballte seine Finger zur Faust. Beruhigend legte ich meine Hand darauf. Sein starrer Blick haftete auf Abigails Gesicht. Neal blickte hilflos hin und her. Plötzlich war die Spannung zwischen uns zu groß.
Endlich fielen mir die rettenden Worte ein: „Ihr entschuldigt mich? Abigail, kommst du mit?“
Nur zögerlich löste sich Abigail. Sie wirkte völlig entspannt und dennoch konzentriert. „Natürlich. Mädchen sollten immer gemeinsam zur Toilette gehen.“
Mein Lachen klang vielleicht etwas künstlich, aber ich war erleichtert, dass sie meinen Hinweis sofort aufnahm.
Ethan und Neal zogen uns die Stühle zurück, Abigail wies mir mit der Hand den Weg. Noch einmal blickte ich zurück: Ethan zitterte fast vor Wut.
Die Treppenstufen führten in den Keller. Ein roter Läufer schluckte jedes Geräusch, das unsere Schritte vielleicht verursachten. Der Gang war lang, minimal beleuchtet, verschiedene Türen gingen zu beiden Seiten ab. Ein Schild zeigte die vertrauten Symbole mit einem Pfeil versehen. Hinter einer Tür vernahm ich Töpfeklappern, Kommandos und ein unterdrücktes Rauschen. Der gelbe Lichtschein der Deckenleuchten flackerte plötzlich. Eine Tür öffnete sich. Es blieb mir nicht einmal Zeit zu schreien.
Als hätte jemand ein Schleusentor geöffnet, drang plötzlich Wasser ein, flutete den Gang. Die Wucht des Wassers riss mich von den Beinen. In meinem Kopf platzten Gedanken wie Seifenblasen: Rohrbruch, Wasserschaden. Schon stand das Wasser hüfthoch im Flur. Ich suchte nach Halt, aber meine Hände fanden nur die glatte Wand. Das Wasser drückte gegen meinen Körper, der Pegel stieg und ich trieb zurück, jetzt verloren meine Füße den Bodenkontakt. „Abigail!“ Ich wollte schreien, aber Wasser füllte meinen Mund.
Plötzlich spürte ich einen festen Griff an meinem Handgelenk. War das Abigail? Vielleicht wollte sie mir helfen. Mittlerweile kamen mir die Leuchten an der Decke empfindlich nah, so hoch stand das Wasser nun. Ich versuchte krampfhaft, meinen Kopf hoch zu halten, aber etwas zog mich immer wieder nieder. Das Gefühl, zu ertrinken, kannte ich. Mit einem Mal erdrückte mich die Hoffnungslosigkeit. Panisch schnappte ich nach Luft, wenn mein Kopf die Oberfläche kurz erreichte, bevor ich wieder unterging. Wo kam nur all dieses Wasser her? Eine erneute Woge schwappte über mich, riss meinen Körper mit. Kurz löste sich der Griff an meiner Hand. Plötzlich prallte etwas gegen meinen Kopf. Tropfen und Licht verschwammen zu einem Farbenmeer, das sich trübte, als ich zurück ins Wasser sank. Dort saugte mich etwas blitzschnell in ein schwarzes Loch.
Genau so plötzlich, wie mein Kopf sich ausgeschaltet hatte, schaltete er sich wieder ein. Ich spuckte Wasser, sog Luft in meine Lungen ein. Noch fehlte meinem Blick die Tiefenschärfe, aber ich war nicht mehr allein in diesem dunklen Loch.
Telefonierte Ethan? „Hey, Nia. Hörst du mich?“ Ethans Stimme. Es machte mich unheimlich froh, sie jetzt zu hören. Nun kam sein Gesicht in meinen Fokus, sein wunderschönes, jungenhaftes Gesicht. Wassertropfen perlten über sein blondes Haar. Der schwarze Anzug klebte an ihm wie eine zweite Haut. Er kniete neben mir.
Automatisch wanderten meine Finger zu meinem Kopf und berührten seine Hand, die dort lag. „Aua. Das tut wirklich weh.“
Ethan nickte. „Platzwunde. Ich fürchte, dass ich das klammern muss.“ Seine Gesichtszüge waren angespannt.
„Mir ist schlecht.“ Ich versuchte, aufzustehen. Ethan half mir, mich zu setzen. Der Treppenabsatz kam mir bekannt vor, der rote Teppich ebenfalls. Warum ich hier in einer Pfütze saß, begriff ich nicht. Unter mir stand Wasser wie in einem See. Über uns verharrten Leute auf den Stufen. Neal starrte mich mit aufgerissenen Augen an.
Abigail saß neben ihm am Boden so wie ich. „Nia. Wie geht es dir?“
„Ich … ich weiß es nicht.“
Abigail war völlig durchnässt. Braune Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht. Ihr Kostüm hatte sich in einen nassen Lappen verwandelt, der in Falten an ihr klebte.
„Und dir?“ Meine Worte waren nicht ganz klar. In meinem Kopf war ein Nebel, den es zu durchdringen galt.
„Alles okay.“ Sie lächelte nicht dabei.
„Ethan, was war hier los?“ Ich bekam die Situation einfach nicht sortiert.
Ethan beugte sich ganz nah zu mir: „Als ich dir folgte, stand das Wasser schon halb auf der Treppe. Abigail schrie um Hilfe. Sehen konnte ich sie nicht. Ich rief nach Neal und bin ins Wasser gesprungen. Dann tauchte ich. So fand ich dich. Neal zog Abigail heraus.“
So wie er es sagte, machte er mir Angst. Tränen quollen in mir hoch. Ich schluchzte: „Ich bin also fast ertrunken.“ Wieder einmal. So wie vor einem Jahr. Meine Kleidung, alles an mir triefte. Ich fühlte mich wie mit Steinen beschwert. Innerlich und äußerlich.
„Ich kapiere das nicht. Wo kommt all das Wasser her?“ Neal stotterte. Er wirkte völlig verwirrt.
Ethan ignorierte ihn und sprach mich nochmals an: „Hier! Drück das auf die Wunde! Wir müssen hier schnell weg.“ Ethan führte meine Hand, bis ich das Tuch ergriff.
Ich zitterte am ganzen Leib. „Warum schnell weg?“
„Andrew und Steve. Ich habe sie gesehen.“
Der Schock, die beiden Namen jetzt zu hören, saß tief. „Das kann …, das kann nicht sein.“ Natürlich war es möglich. Aber ich wehrte mich gegen das, was Ethan sagte. Andrew und Steve: meine Peiniger.
„Alles wird gut. Ich trage dich.“
Es fiel mir schwer, überhaupt etwas zu tun. Und so ließ ich Ethan gewähren, als er seine Hände unter meinen Rücken und unter meine Kniekehlen schob. Wie üblich agierte er sicher und kontrolliert. Gäste des Restaurants in Festtagskleidung standen Spalier, drückten sich an die Wand, um uns vorbeizulassen. Ich schämte mich, weil alle auf mich starrten, als er mich die Treppe hinauftrug.
Ethan beruhigte mich: „Felix ist gleich da. Ich habe ihn schon angerufen. Sein Wagen wartet vor der Tür.“
Ein alter Mann mit weißem Haar und dünner Lesebrille sprach uns an. Er war groß und massiv gebaut. Die Aufregung stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Waterman. Es tut mir leid. Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte.“
Ethan hielt kurz an, wandte sich ihm zu. Nur mein Körper trennte beide. Unterdrückte Wut ließ seine blauen Augen leuchten. Mit seiner Stimme hätte er Glas zerschneiden können. „Gnade dir Gott, wenn das nicht stimmt!“
„Glaubst du, ich bringe meine Tochter in Gefahr?“
„Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Aber ich weiß, du schreckst vor nichts zurück. Du bist so, wie ich einmal war: erbarmungslos. Ein Fanatiker.“
Der Blick des alten Mannes wurde plötzlich eisig, Ethan hielt ihm stand. Er schwieg, wandte sich zum Gehen.
„Wer war das, Ethan?“ Aber Ethan ignorierte meine Frage.
Die Eingangstür klappte auf und ich erblickte Felix’ riesige Gestalt. Sein Anblick stimmte mich fast euphorisch. Felix stand für Sicherheit und Schutz. Die Waterman-Brüder fungierten mittlerweile als mein ganz persönliches Rettungskomitee. Hinter Felix flogen Blaulichtreflexe durch die Nacht. Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen. Jetzt rannten Feuerwehrleute an uns vorbei. Ein Notarzt folgte auf dem Fuß. Die Straße war erleuchtet und belebt wie bei einer Katastrophenübung. Nur, dass das hier keine Übung war. Ein Sanitäter sprach uns an, aber Ethan ignorierte ihn. Etwas weiter entfernt am Straßenrand öffnete Felix den Schlag eines dunklen Wagens, den ich noch nicht kannte. Ethan platzierte mich vorsichtig auf dem Rücksitz, setzte sich dann zu mir. Ich fröstelte. Seinem Bruder rief er zu: „Felix! Mach die Heizung an!“
Felix ließ den Motor aufheulen. Das Gebläse dröhnte lautstark, blies uns etwas später warme Luft ins Gesicht.
„Felix. Wie konntest du so schnell hierher kommen?“, fragte ich ihn.
„Ich beschütze meinen Bruder. Und dich auch. Das ist mein Job. Ich muss immer in der Nähe sein.“
So war das also. Felix und Venus galten als ein eingespieltes Team. Venus. Wo war sie überhaupt? Schon lange hatte ich sie nicht mehr angetroffen. Ich würde Ethan danach fragen.
„Hier sind zwei Decken. Zieht eure nassen Sachen aus und wickelt euch darin ein.“ Felix dachte an alles. Er verhielt sich wie ein Einsatzleiter des USA Corps of Engineers. Wenn es darauf ankam, war er patent und fürsorglich.
„Scheiße, Ethan. Was war da los?“ Selbst im Rückspiegel erkannte ich Felix’ besorgten Blick.
„Sie haben es wieder einmal versucht.“ Tonlos stieß Ethan es hervor.
„Wer, Bruder? Was?“
„Steve und Andrew. Sie wollten Nia wieder einmal unter Wasser ziehen.“
Die beiden Namen zu hören, schockierte mich nach wie vor. Ich fühlte mich sehr müde, aber eine Antwort stand noch aus. „Wer, Ethan? Wer war dieser alte Mann?“
Er sah mich nicht an, als er den Namen nannte. Ethan sagte ihn, wie man von einer giftigen Schlange sprach. „Lyndon Le Feu.“
„Autsch!“
„Nicht bewegen!“
„Klammern hattest du gesagt, nicht nähen!“
„Du stellst dich an wie eine Vierjährige. Ich weiß schon, was ich tue. Ich habe das mal gelernt. Vertrau mir einfach.“
Leichter gesagt als getan. Ethan griff wieder einmal zu Nadel und Faden und ich fühlte mich mehr denn je an das vergangene Jahr erinnert, in dem er mir diesen Dienst bereits schon einmal erwiesen hatte. Damals verarztete er einen Schnitt an meinem Finger. Heute versah er meine Kopfhaut mit einer Naht. Mein Körper schlug ständig leck, als wolle ich all die unversehrten Jahre wieder wettmachen.
Kaum erreichten wir Ethans Haus am Rande Sandy Hills – auf der Fahrt schlief ich ausschließlich –, zogen wir trockene Kleidung an. Jetzt saßen wir in der Küche, in welcher Ethans Arztkoffer aufgeklappt auf dem Tisch stand. Die Betäubungsspritze lag daneben. Ich mochte den Anblick nicht. Hatte ich es bisher doch zu vermeiden gewusst, eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus zu betreten, begleitete mich doch zeitlebens eine grundlegende Skepsis gegenüber jeder Art von institutionalisierter Medizin. Meine Mutter trug die Schuld daran: Sie war völlig paranoid, mied Ärzte, Ämter, jegliche öffentliche Institution. Vielleicht war sie nur eine weise Frau, wie ich mir – seitdem ich fast gestorben war – eingestehen musste.
