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Willkommen in einer fantastischen, mittelalterlichen Welt, die es genau so hätte geben können, wenn sich unsere Erde ein wenig anders entwickelt hätte. AQUILERIA ist eine Welt mit eigenen Landschaften, Königreichen, Kulturen, Religionen und Zeitrechnungen. Eine Welt, in der es Orte, Pflanzen, Tiere und allerlei Phänomene gibt, von denen man bisher vielleicht noch nicht so viel gehört hat. Eine Welt, in der man Ritter und Burgen und auch die ein oder andere Prinzessin findet, ebenso Spielleute, Bauern, Händler und Spione, in der Krieg geführt und Frieden geschlossen wird, in der Herzen erobert und gebrochen werden, Freunde sich in Verrat und Feindschaft verlieren und Gegner sich die Hand reichen. Eine Welt voller Geschichten, die von Menschen und ihren Schicksalen handeln, von ihren Stärken und Schwächen, ihren Entscheidungen und deren Konsequenzen. Manche prägen ganze Zeitalter, manche Königreiche oder ihre Dynastien, manche nur einzelne Personen und ihr Umfeld. Und eine jede ist es wert, erzählt zu werden. Drei dieser Geschichten wurden in diesem ersten Band gesammelt. Sie spielen in unterschiedlichen Zeitaltern an unterschiedlichen Orten, und ihre Helden stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Für Matti, der mir bewusst macht, wie viel Abenteuer im Alltag steckt, wenngleich er noch kein Wort sprechen kann.
Danke, dass ich dir Geschichten erzählen darf.
Und für den kleinen Jungen, der mit acht Jahren auf einem Windows 3.1-Laptop mit Schwarz-Weiß-Bildschirm seine erste Dino-Geschichte und mit neun Jahren einen Thriller über Robbenfänger in Kanada zu schreiben begann, bevor er das Mittelalter entdeckte und eine epische Trilogie ersann.
Dein Traum ist wahr geworden.
Willkommen in AQUILERIA
Edvards Versprechen
Neros’ Heimkehr
Mareks Reise
Register
Über die Welt AQUILERIA
Danksagung
Über den Autor
Impressum
Willkommen in einer fantastischen, mittelalterlichen Welt, die es genau so hätte geben können, wenn sich unsere Erde ein wenig anders entwickelt hätte.
AQUILERIA ist eine Welt mit eigenen Landschaften, Königreichen, Kulturen, Religionen und Zeitrechnungen. Eine Welt, in der es Orte, Pflanzen, Tiere und allerlei Phänomene gibt, von denen man bisher vielleicht noch nicht so viel gehört hat. Eine Welt, in der man Ritter und Burgen und auch die ein oder andere Prinzessin findet, ebenso Spielleute, Bauern, Händler und Spione, in der Krieg geführt und Frieden geschlossen wird, in der Herzen erobert und gebrochen werden, Freunde sich in Verrat und Feindschaft verlieren und Gegner sich die Hand reichen. Eine Welt voller Geschichten, die von Menschen und ihren Schicksalen handeln, von ihren Stärken und Schwächen, ihren Entscheidungen und deren Konsequenzen. Manche prägen ganze Zeitalter, manche Königreiche oder ihre Dynastien, manche nur einzelne Personen und ihr Umfeld. Und eine jede ist es wert, erzählt zu werden.
Drei dieser Geschichten wurden in diesem ersten Band gesammelt. Sie spielen in unterschiedlichen Zeitaltern an unterschiedlichen Orten, und ihre Helden stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen.
Ein kleiner Überblick über die Besonderheiten von Geografie, Kultur, Religion und Zeitrechnung in AQUILERIA ist im Anhang aufbereitet.
Willkommen in AQUILERIA, willkommen in einer neuen Welt!
Zerota, im ersten Jahr des vierten Zeitalters, das mit der Verabschiedung des Kronenediktes von Eperia und dem Zusammenbruch des Vereinigten Königreiches von Litona seinen Anfang nahm.
***
»Verdammt, Frances, wo warst du denn die ganze Zeit?«, rief Edvard, als er endlich den feuerroten Haarschopf erspähte, nach dem er seit einer gefühlten Ewigkeit Ausschau hielt. Missmutig blieb er stehen und wartete, bis sein Freund zu ihm kam. Frances antwortete ihm mit einem breiten Grinsen, das Edvard quer über den halben Hof erkennen konnte. Er kannte es nur zu gut; es war das Grinsen, das Frances’ Eroberungsgeschichten begleitete. Und obwohl diese Geschichten stets allseits für Heiterkeit sorgten, hatten sie schon das ein oder andere gebrochene Herz und so manchen vor Wut schäumenden Vater zurückgelassen.
Doch Edvard stand nicht der Sinn nach Weibergeschichten. »Das kannst du dir sparen«, murrte er vorsorglich, als Frances endlich heran war. »Ich renne dir schon den halben Tag hinterher.«
»Ach komm, was hat dir denn die Laune verdorben?«, lachte sein Freund. Übermütig rempelte er Edvard an. Doch seine unverhohlene Hochstimmung machte es für Edvard nur noch schlimmer.
»Du, verdammt!«, blaffte er. »Ich bin doch nicht dein Kindermädchen!«
»Und mir war nicht bewusst, dass ich mich jedes Mal abmelden muss, wenn ich mein Zimmer verlasse«, entgegnete Frances ruhig. »Entspann dich, Edvard.«
»Ja, sicher!« Edvard wurde zynisch. »Bei den Göttern, ich habe schon genug um die Ohren!«
»Das ist mir nicht entgangen, lieber Freund. Mittlerweile bevorzugst du ja eher deinen Schreibtisch als Gesellschaft. Ich mache mich nun mal nicht so gut als Wandteppich.«
Edvard erwiderte den Vorwurf mit eisigem Schweigen, und so überquerten sie ohne ein weiteres Wort den Innenhof. Erst als ihn Edvard in Richtung der großen Halle führte, gab Frances endlich nach.
»Warum hast du mich gesucht? Und wohin gehen wir?«
»Du hast mir noch nicht geantwortet. Wo warst du?«, entgegnete Edvard. Er konnte sehen, wie es in Frances zu brodeln begann. Sein Freund hasste es, wenn er so kühl zu ihm war.
»Blumen pflücken«, presste Frances missmutig zwischen den Zähnen hervor.
»Blumen pflücken? Hinter dem Stall?«
»Oh ja. Die hübschesten Blumen wachsen an den Stellen, an denen man es am wenigsten erwartet, weißt du.«
»Und wo sind deine Blumen? Ich sehe keine.«
»Da war nur eine, um ehrlich zu sein. Ich habe sie stehen lassen. Gewissermaßen.« Frances schielte zu Edvard herüber. Lange regte sich nichts in seinem Gesicht, doch dann zuckten die Mundwinkel nach oben.
»Ein Gänseblümchen?«, fragte er.
»Nein, eher eine ... Butterblume. Ja, ich denke, eine Butterblume.«
»Eine Butterblume? Was wird da nur die Rose sagen, der du noch vor ein paar Tagen ewige Treue geschworen hast?«
»Oh die Liebe, Edvard!«, jaulte Frances auf. »Die Liebe lässt uns schwärmen und träumen und hinterlässt doch nichts als einen fahlen Nachgeschmack, nicht wahr?« Er machte eine höfische Verbeugung. »Und dabei sind es doch die kleinen und alltäglichen Dinge, die uns so viel Freude bereiten. Wer will schon eine Rose, an deren Dornen man sich die Finger blutig sticht, wenn sich vor deinen Augen eine ganze Wiese voll fröhlicher, bunter Wildblumen ausbreitet?«
»Der Schmetterling, schätze ich. Denn die Rose riecht viel besser.«
»Dann nenne mich eine Kuh, mein Freund, denn ich grase lieber eine ganze Weide ab, anstatt ein Leben lang der Unerreichbaren nachzutrauern.«
»Nicht so laut, Mann«, wies ihn Edvard zurecht. Sie hatten die große Halle erreicht, in der sich ein Großteil der wichtigsten Männer des Landes eingefunden hatte. Nicht wenige warfen ihnen geringschätzige Blicke zu, denn Frances’ lautstarke Schwärmerei für Blumen passte nicht zu dem ernsten Anlass, der sie hier hatte zusammenkommen lassen.
Frances und er waren zwar Ritter, doch Teil dieser Runde waren sie nur, weil sie Edvards Vater vertreten sollten. Genau genommen war sogar nur Edvard geladen, doch Frances und er waren seit frühester Kindheit wie Brüder, und so war es wie selbstverständlich, dass Frances ihn begleitete.
»Ein Rindvieh, ja, das bist du«, raunte er Frances zu. »Und ich bin der Depp, der hinter dir her rennt und aufpassen muss, nicht in deine Fladen hineinzutreten. Wusstest du, dass Kühe die Stellen mit den prächtigsten Blumen meiden?«
»Und warum sollten sie das tun?«, fragte ihn Frances ungläubig. Er dachte anscheinend nicht einmal im Traum daran, seine Stimme zu senken.
»Weil sie wissen, dass die Blumen vor allem dort wachsen, wo im Jahr zuvor ein anderes Rindvieh hingeschissen hat.«
Frances brach in schallendes Gelächter aus. »Und ich dachte schon, ich hätte dich an all deine Pflichten und Aufgaben verloren!«
Man hatte die große Halle umgeräumt, in der sonst gegessen, getrunken und geschlafen wurde. Die Tische waren an den Rand geschoben worden, während man die Bänke so aufgestellt hatte, dass sie von links und rechts schräg zu dem erhöhten Podest hin standen, auf dem König Aldan mit seinen Beratern Platz nehmen würde. Edvard und Frances suchten sich einen Platz in den hinteren Reihen. Die vorderen waren ohnehin den engsten Vertrauten und denen, die genau das gerne wären, vorbehalten, und zumindest die letzteren hatten sich ihre Plätze schon längst gesichert.
»Was meine Pflichten angeht, so wird sich das erledigen, wenn sie meinen Vater wieder freigelassen haben«, griff Edvard den Vorwurf wieder auf, mit dem ihn sein Freund nicht zu Unrecht konfrontiert hatte. Sein Vater war Jovan Thornholm, ein bedeutender und vermögender Ritter mit weitreichenden Ländereien im Süden, und Edvard war an seiner statt Aldans Einladung gefolgt. Jovan befand sich noch in litonaischer Gefangenschaft. Seine Freilassung stand jedoch unmittelbar bevor.
Seit Edvard seine Aufgaben übernommen hatte, war nicht viel Zeit für die schönen Dinge des Lebens geblieben. Das war ihm bewusst. Und er wusste auch, dass es Frances nicht so gemeint hatte. Doch vielleicht war es der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen. »Ich weiß im Moment nicht, wo oben und wo unten ist. Jeder scheint etwas von mir zu wollen. Es ist, als wäre im Krieg alles liegengeblieben. Also, wenn mein Vater –«
»Falls«, murmelte Frances.
»Bitte?«
»Nichts«, entgegnete sein Freund, und sprach schnell weiter. »Ist schon in Ordnung, Edvard. Ich beneide dich gerade nicht um den Krempel, mit dem du dich rumschlagen musst.«
»Was hast du gesagt?« Edvard ließ nicht locker. Frances seufzte.
»Falls. Falls sie deinen Vater freilassen.«
Edvard sah seinen Freund eindringlich an. »Sie werden ihn freilassen. Die Verträge sind unterzeichnet. Warum zweifelst du daran?«
»Weil das alles seltsam ist, Edvard. Braut und Bräutigam und eitel Sonnenschein. Alle haben sich lieb, obwohl sie sich gestern noch die Köpfe eingeschlagen haben. Und plötzlich reist die Braut ab, ohne Erklärung. Was meinst du, was als nächstes passieren wird?«
»Dafür gibt es bestimmt eine einfache Erklärung. Der Krieg ist vorbei.«
»Ja, natürlich ist er vorbei. Aber wie lange noch? Und solange bleibe ich lieber ein bisschen pessimistisch und grase jede Wiese ab, an der ich vorbeikomme. Bei Joselia, die Weiber werden im Krieg hässlich genug.«
Edvard verstand, was Frances sagen wollte. Der Frieden war noch keine zwei Monate alt und er sollte mit der Hochzeit der jüngeren der beiden litonaischen Prinzessinnen und dem jüngsten Sohne eines bedeutenden zerotischen Herren besiegelt werden. Aus diesem Grund hatte König Aldan Braut und Bräutigam zu einem vorhochzeitlichen Treffen eingeladen. Als Treffpunkt war Burg Sommerhain bestimmt worden, die nur einen straffen Tagesritt von der litonaischen Grenze entfernt lag. Es waren vergnügliche, frühsommerliche Tage gewesen. Die Hoffnung auf einen lang anhaltenden Frieden erblühte zusammen mit den ersten zarten Blumen – echten Blumen, wohlgemerkt – auf den vielen Gräbern, die niemanden vergessen ließen, mit wie viel Blut die neue Freundschaft bezahlt worden war.
Doch vor nicht ganz zwei Wochen war die litonaische Prinzessin ohne Vorankündigung und Erklärung abgereist. Seitdem war es seltsam still. Ganz Zerota, so schien es, hielt den Atem an und wartete auf den Sturm – oder zumindest auf eine Nachricht aus Litona. König Aldan hatte umgehend die wichtigsten Männer seines Reiches zusammengerufen und heute war der Tag, an dem auch der letzte eingetroffen war.
»Gibt es eigentlich etwas Neues von dem kleinen Jungen?«, wechselte Frances das Thema.
»Du meinst Robyn?«
»Ja.«
»Nein. Aldan hat wohl eine Untersuchung angeordnet, aber mehr habe ich auch nicht gehört.«
»Und was ist mit dem Kindermädchen?«
»Kerker.«
Frances schüttelte verständnislos den Kopf.
Am Tag nach der Abreise des litonaischen Hofstaates hatte man in einem nahen Waldsee die Leiche von Robyn gefunden, dem einzigen Sohn von Dorian Herthweyn, dem Bruder Königin Raenas.
Robyn war ein aufgeweckter Knabe von gerade einmal sieben Jahren, der nie hatte still sitzen können. Er war der Sonnenschein aller Küchenmägde, der Stolz seiner Eltern und der Fluch eines jeden Kindermädchens, denn noch lieber als die Burg hatte Robyn die Welt um sie herum erkundet. Auch die Tage während des litonaischen Besuches hatte er mit seinem Kindermädchen überwiegend im Freien verbracht, denn Burg Sommerhain trug ihren Namen nicht ohne Grund.
Die Festung lag auf einem Hügel, um den sich ein je nach Tageszeit silbern, golden oder rosa glänzendes Flussband legte. Das Tal war eingebettet in ein buntes Meer von verschiedenen Laub- und Nadelbäumen, die hier und da ein wenig Luft und Licht für kleine, mit Blumen in allen Farben übersäte Wiesen ließen. Jeder einzelne Baum, jede einzelne Blume, wahrscheinlich sogar jeder einzelne kümmerliche Grashalm, der irgendwo zwischen einem Stein und einem alten Tannenzapfen aus dem Boden kroch, konnte Zeugnis von der Wehrhaftigkeit des strategisch wichtig gelegenen Bollwerks ablegen. Denn es war das Blut unzähliger Schlachten, das den Boden hier so fruchtbar machte. An manchen Tagen lag ein schwerer, grauer Nebel über dem Tal, sodass es den Anschein hatte, die Geister der Toten würden ihre Schlachten erneut austragen. Es war ein Ort der Gegensätze, von Leben und von Tod, und mit Robyns Tod hatte er ein neues tragisches Kapitel seiner Geschichte geschrieben.
Sein Kindermädchen war in diesen Tagen die jüngste Tochter eines unbedeutenden Landritters. Ihr Name war Blanche und sie hatte sich mit Robyn angefreundet, kaum dass sie in den Dienst der Herthweyns getreten war. Wie kein Kindermädchen vor ihr hatte sie es verstanden, den Jungen zu bändigen. Umso überraschter reagierte der Hof, als sie eines Abends kreidebleich berichtete, dass ihr der Kleine beim Versteckspiel im Wald fortgelaufen sei. Am darauffolgenden Tag war die litonaische Prinzessin abgereist.
»Der Kerker ist kein Ort für eine junge Frau«, meine Frances.
»Nein, und erst recht nicht der Kerker von Sommerhain. Wo auch immer du Blumen suchst, dort wirst du sicher keine finden«, antwortete Edvard.
»Nein, sicher nicht. Und ich werde auch bestimmt nicht dort danach suchen«, stimmte ihm Frances zu. »Aber das können sie doch nicht machen. Als ob das Mädchen den Jungen umgebracht hätte! Dann eher noch die Litonaer.«
»Glaubst du wirklich, dass sie so dumm wären?«, fragte ihn Edvard. Manchmal machte es sich sein Freund zu einfach.
»Es sind Litonaer«, zuckte der mit den Schultern. »Was erwartest du?«
»Trotzdem, das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn sie Krieg wollten, dann hätten sie nur danach fragen müssen. Warum der Umweg über den Jungen?«
»Aus reiner Böswilligkeit. Die wissen doch genauso gut wie wir, dass sie auf Kurz oder Lang den Krieg verloren hätten. Vielleicht warten sie nun auf eine bessere Gelegenheit – nachdem sie beispielsweise unseren gesamten Adel ermordet haben.«
»Das ist Wahnsinn, Frances.«
»Denk an meine Worte. Hast du denn eine bessere Erklärung?«
»Nein. Aber die Litonaer waren es nicht. Zumindest nicht so. Und Blanche war es auch nicht, bestimmt nicht.«
In diesem Moment betrat König Aldan die Halle, gefolgt von Dorian und einigen anderen Männern. Es dauerte eine Weile, bis alle Platz genommen hatten und die letzten Gespräche ein vorläufiges Ende fanden. Als der König die Hand hob und die Versammlung eröffnete, kehrte schlagartig Stille ein.
»Ihr Herren von Zerota, ich danke Euch, dass Ihr meinem Ruf gefolgt seid. Ich hatte mir für Euch und die Euren eine längere Ruhepause gewünscht, auf dass Ihr Euch Euren Angelegenheiten widmen könnt, die im Krieg vernachlässigt werden mussten. Mir ist bewusst, dass manchem von Euch keine drei Nächte im eigenen Bett vergönnt waren.« Aldan nickte in Richtung von Bertrand Tornheym, dem Mann, der erst vor wenigen Stunden auf Sommerhain eingetroffen war.
»Zwei Nächte, mein König, um genau zu sein«, erwiderte Bertrand. »Fluch und Segen, wenn der Krieg fern der eigenen Ländereien geführt wird.« Aldan nahm den Einwurf mit einem weiteren Nicken zur Kenntnis, fuhr dann jedoch unbeirrt fort.
»Wir haben uns in diesem letzten Krieg gegen Litona unsere Unabhängigkeit erstritten und bewahrt. Unsere Krone ist nur Zerota verpflichtet, seinem Land, seinem Volk und den Herren, die es schützen und bestellen. Der Königsbund ist zerschlagen und begraben, und Freundschaft sollte an die Stelle von Unterdrückung treten. So war es verabredet, und noch immer halten wir an diesem noch so jungen Frieden fest.
Gleichwohl gibt es Anlass zur Sorge und zur Wachsamkeit. Ihr alle wisst von dem Treffen, das wir hier veranstalteten, um Braut und Bräutigam einander vorzustellen und die verbleibenden Fragen der Friedensverträge zu klären.
Dieses Treffen wurde unvermittelt durch die Abreise der litonaischen Gesandtschaft abgebrochen, wofür wir bis vor wenigen Tagen keinerlei Erklärung fanden. In meinen Händen halte ich jedoch einen Brief, der uns vor drei Tagen überbracht wurde. Es ist ein Schreiben aus Litona, und in ihm steht, dass Litona keinen Grund sieht, nach den jüngsten Vorkommnissen weiterhin an den Hochzeitsplänen festzuhalten. Die Friedensverträge seien nichtig und die Schmach, die wir ihrer Gesandtschaft zugefügt hätten, erlaube kein anderes Handeln. Zerota soll sich darauf gefasst machen, dass uns Litona dafür und für den Verrat im Zuge der Unabhängigkeitserklärung zur Rechenschaft ziehen werde.«
Aldan hatte kaum ausgesprochen, da erhob sich eine hitzige Diskussion.
»Das ist doch alles verlogener Humbug«, hörte Edvard jemanden rufen.
»Litona wollte nie einen Frieden, das habe ich doch schon immer gesagt! Wir hätten sie gleich niederbrennen sollen!«
»Mein König, meine Männer stehen bereit! Auf mich könnt Ihr zählen!«
Aldan erstickte die Diskussion mit einem einzigen Wink seiner Hand.
»Ihr Herren, vieles von dem, was Ihr sagt, kann ich nachvollziehen, und doch trägt es nicht dazu bei, die Sache aufzuklären. Daher frage ich Euch: Kann mir jemand sagen, von welcher Schmach in diesem Schreiben die Rede ist? Kann mir einer von Euch sagen, was hier vorgefallen ist? Was hat die Litonaer so erzürnt?«
Unter den Rittern erhob sich leises Gemurmel, doch niemand schien dem König eine direkte Antwort geben zu wollen. Alles, was Edvard hörte, waren die selbstgerechten Schimpftiraden alternder Kriegstreiber, die so vergessen lassen wollten, dass ihnen der Krug mittlerweile besser in der Hand lag als das Schwert. Glücklicherweise hielt auch Frances sich mit dem Ausdruck seiner Abscheu gegenüber Litona zurück.
»Mein König, vielleicht ist das alles nur ein Missverständnis.« Ein älterer Ritter, dessen Name Edvard nicht gleich einfallen wollte, hatte sich erhoben. »Bevor wir uns weiter in Schuldzuweisungen verlieren, sollten wir das Gespräch mit Litona suchen. Wir können keinen weiteren Krieg brauchen.«
»Das werden wir nicht tun«, sprang ein anderer auf die Beine. »Litona hat uns den Krieg erklärt, als wir ihnen die Hand gereicht haben, und jetzt sollen sie ihren Krieg haben! Ich sage, wir sammeln unsere Truppen und marschieren nach Eperia! Dann haben sie eine Schmach, über die sie lamentieren können, während sie im Staub zu unseren Füßen liegen! Nie war Litona so schutzlos wie jetzt! Mein König, lasst uns marschieren und diese Angelegenheit ein für alle Mal erledigen!«
»Ihr seid ein kurzsichtiger Hornochse, wenn Ihr glaubt, dass wir auch nur in die Nähe von Eperia gelangen! Litona mag geblutet haben, aber das haben wir auch! Und ich erinnere mich gut an die litonaischen Festungen, an denen wir uns aufgerieben haben. Soll ich Euch etwas verraten? Sie stehen immer noch! Und, verdammt, vergesst nicht, dass hier auch irgendjemand die Felder bestellen muss!«
Immer mehr Männer erhoben ihre Stimmen, bis die gesamte Halle in zwei Lager gespalten schien. König Aldan beobachtete die Diskussion eine Weile. Seine ursprüngliche Frage hatten sie alle vergessen.
Schließlich hob er erneut die Hand, und wieder kamen die Männer zur Ruhe, wenn auch nicht ganz so schnell wie beim vorherigen Mal.
»Ich werde noch heute einen Boten nach Eperia schicken und um Aufklärung bitten«, beschloss er mit ruhiger Stimme. Sofort regte sich Unmut, doch er unterband den Protest mit einer Geste, die klarmachte, dass er kein weiteres Wort hören wollte. »Gleichzeitig werden wir die Grenzen wieder bemannen und das Heer vorbereiten. Wenn Litona Krieg will, so werden wir bereit sein, doch wir werden nicht den ersten Stein werfen und bis dahin alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Krieg zu verhindern. Ich danke Euch für Eure Meinungen.
Es gibt jedoch noch eine zweite Angelegenheit, die unserer Aufmerksamkeit bedarf. Der Rat möge über das Schicksal des Kindermädchens entscheiden, welches den Tod unseres geliebten Neffen zu verantworten hat. Dorian, möchtet Ihr dem Rat berichten, was geschehen ist?«
Edvard sah, wie Robyns Vater müde mit dem Kopf schüttelte. So war es erneut Aldan, der diese Bürde auf sich nahm.
»Man fand den Jungen tot in einem kleinen Weiher nahe der Burg, nicht weit von dem Ort, wo er mit seinem Kindermädchen wohl gespielt hatte. Sein Körper trieb im Schilf, bedeckt von einem großen Ast, der in der Zwischenzeit von einem Baum abgebrochen und in den Teich gefallen sein muss. Mein Leibarzt hat die Untersuchung dann selbst durchgeführt und ist sich sicher, was die Todesursache angeht. Der Junge ist ertrunken. Wahrscheinlich ist er beim Spielen im Übermut gestolpert und in den See gestürzt, wo er sich im Schilf verfing und ertrank.« Der König machte eine kurze Pause. Sein Seufzen war deutlich vernehmbar. »Nunja. Wahrscheinlich.«
Er hatte dieses letzte Wort kaum ausgesprochen, da erhob sich erneut energisches Gemurmel. Ein paar Ritter, die in Dorians Nähe saßen, legten dem unglücklichen Vater die Hand auf die Schulter. »Dies alles«, fuhr Aldan schließlich fort, »ist ein höchst tragisches Unglück, und für unsere Trauer lassen sich keine Worte finden. Doch entbindet dieses Unglück nicht das Kindermädchen von ihrer Schuld, denn in ihrer Verantwortung lag es, auf den kleinen Robyn aufzupassen. Wir wollen die Geschehnisse aus ihrem Munde hören, auf dass der Rat über ihr Schicksal entscheiden möge. Führt sie herein.«
Auf sein Zeichen hin öffneten die Wachen die schwere Tür und ließen das unglückliche Mädchen eintreten. Schweigend und mit hängenden Schultern hielt sie den Blick auf ihre Füße geheftet, und verharrte auch in dieser Haltung, als sie vor dem König niederkniete.
Blanche war wahrlich ein hübsches Mädchen, schlank und zierlich von Gestalt, mit schwarzem, langem, glattem Haar und einem freundlichen Gesicht mit sanften Zügen und haselnussbraunen Augen, die heute tiefschwarz schimmerten. Doch zwei Wochen Kerker hatten ihre Spuren hinterlassen.
Ihr Anblick versetzte Edvard in Aufruhr. Seinem Freund blieb das nicht verborgen, und nun war es Frances, der Edvard leise zur Ruhe mahnte.
»Ihr wisst, was man Euch vorwirft, Blanche«, sprach Aldan. »Wir geben Euch hiermit die Gelegenheit, zu schildern, was geschehen ist. Danach werden wir ein Urteil fällen. Doch seid gewarnt: Sagt die Wahrheit und verschweigt uns nichts. Die Götter werden Eure Worte bezeugen. Sprecht.«
»Es war schönes Wetter, die Sonne schien und es war warm«, antwortete Blanche mit leiser Stimme. Edvard konnte sie kaum verstehen. »Er wollte unbedingt in den Wald und Verstecken spielen, wie auch schon am Tage zuvor. Und woher sollte ich denn wissen ...« Ihre Stimme brach ab. Blanche schlug sich mit beiden Händen vors Gesicht, verweilte so einen kurzen Moment und wischte sich dann mit einer verzweifelten Bewegung die Tränen von den Wangen. »Wir haben den ganzen Vormittag gespielt, er blieb stets in meiner Nähe. Dann war er an der Reihe sich zu verstecken, und als ich laut bis Zwanzig gezählt hatte, bin ich ihn suchen gegangen. Aber ich habe ihn nicht mehr gefunden! Ich habe ihn gerufen, ganz oft! Ich habe unter jedem Busch geschaut, zu jedem Baum hochgesehen, aber ich habe ihn einfach nicht mehr gefunden!« Blanches Stimme wurde lauter. »Und dann habe ich es mit der Angst bekommen. Ich hatte gehofft, dass er vielleicht allein zur Burg zurückgelaufen sei, und ich glaube, ich habe auch kurz seine Stimme gehört. Also habe ich mich auch auf den Weg gemacht – und dann war da nur noch dieser kurze Schrei.«
Blanche hatte es kaum ausgesprochen, da sprangen schon einige Männer auf.
»Du litonaische Hure!«, riefen sie. »Du hast ihn umgebracht! An den Galgen mit dir!«
Daraufhin sah Blanche zum ersten Mal auf. Sie schaute zu Dorian, der ihrem Blick aber auswich. »Niemals«, sagte sie. »Niemals hätte ich Robyn etwas antun können! Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, mit ihm im Wald Verstecken zu spielen!« Blanches Stimme bekam einen flehenden Unterton, was ihre Ankläger noch lauter rufen und die Atmosphäre im Saal noch hitziger werden ließ. Doch Blanche fuhr unbeirrt fort, klammerte sich verzweifelt an diese letzte ihr verbliebene Hoffnung und beschwor weiter den unglücklichen Vater. »Ich würde alles dafür geben, noch einmal vor ihm zu knien und ihn zu fragen, worauf er Lust hat. Und ich würde alles dafür geben, dann nicht mit ihm in den Wald zu gehen. Bitte, Herr, das müsst Ihr mir glauben! Es tut mir so leid!« Dann füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen.
Edvard verstand nicht, wie man ihr nicht glauben konnte. Er wusste, dass sie die Wahrheit sprach, dass sie nichts mit dem Tod des Jungen zu tun hatte. Doch es waren nicht wenige, die anderer Meinung waren.
»Es gibt doch überhaupt keine Beweise für einen Mord!«, ergriff er plötzlich das Wort, und bevor ihn Frances daran hindern konnte, sprang er von seinem Platz auf. »Der Galgen ist als Strafe für dieses Unglück, und von nichts anderem reden wir hier, maßlos und willkürlich! Habt Ihr denn keine Ehre im Leib?« Es waren nur drei Sätze, die er sprach, doch sie zeigten Wirkung. Einige andere Ritter, vornehmlich der jüngeren Generation, pflichteten ihm bei, und so hatte Blanche am Ende genauso viele Verteidiger wie Ankläger.
Während die Diskussion sich zwischen den zwei Lagern, die nahezu die gleichen waren wie bei der Frage nach der Kriegserklärung, erneut hochschaukelte, beobachtete Edvard, wie sich Aldan mit seinen engsten Vertrauten beriet. Er fragte jeden einzelnen nach seiner Meinung, nickte hier und da, runzelte die Stirn und schien schließlich genug gehört zu haben. Dann erhob er sich und wartete, bis Stille einkehrte. Dieses Mal verzichtete er auf eine Geste.
»Allein die Götter wissen, was geschehen ist, und die Götter werden über das Schicksal von Blanche entscheiden. Wir werden ein Gottesurteil ansetzen«, verkündete er. Doch sein Gesicht sagte etwas anderes.
Er ist auch nicht davon überzeugt, dass das die beste Entscheidung ist, schoss es Edvard in den Sinn. Es ist ein Kompromiss, um sie von der Kriegserklärung abzulenken. Sein Entschluss traf indessen in beiden Lagern auf lautstarke Zustimmung, wobei die Lautstärke durch wenige laute Kehlen zustande kam, nicht durch eine breite Masse an Stimmen. Edvard sah, dass sich auch Aldan und seine Berater mehr Befürworter versprochen hatten. Es war eine seltsame Situation.
Plötzlich sprang Frances neben ihm auf und verurteilte mit wütender Stimme die Kurzsichtigkeit der Entscheidung des Rates. »Sollte es wirklich zu einem erneuten Krieg kommen, so brauchen wir jedes einzelne Schwert!«, rief er. »Etwas besseres, als dass wir uns nun auch schon selbst an die Kehle springen, kann Litona doch gar nicht passieren! Und ich sehe noch keinen Beweis dafür, dass sie es nicht sogar selbst so inszeniert haben. Verzeiht, mein König, aber dieses Urteil schadet vor allem unserem Reich. Denn den kleinen Jungen wird das Gottesurteil auch nicht wieder zurückbringen.« Bei diesen letzten Worten sah er zu Dorian, der seinen Blick erwiderte und schließlich vorsichtig nickte. Viele der Ritter griffen seine Zustimmung umgehend auf, und nicht wenigen stand die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. Vielleicht bildete er es sich auch nur ein, doch Edvard meinte, auch Aldan erleichtert aufatmen zu sehen.
»So sei es!«, beschied er. »Blanche wird im Kerker bleiben, bis uns die Götter einen klareren Blick auf die Dinge gestatten. Führt sie ab.« Damit war die Versammlung beendet und Aldan winkte ein paar Wachen herbei, um Blanche fortzuschaffen. Doch Frances erhob erneut das Wort.
»Mein König, gestattet Edvard und mir, sie dorthin zu geleiten«, rief er. Um sie herum brandeten bereits wieder Gespräche auf, sodass jede weitere Erklärung vom Lärm verschluckt wurde. Der König runzelte die Stirn. Offensichtlich war er von der ungewöhnlichen Bitte ebenso verwirrt wie Edvard. Schließlich zuckte er jedoch mit den Schultern und nickte kurz, was Frances als Zustimmung ausreichte. Er packte Edvard und zog ihn mit sich zu Blanche, die noch immer regungslos vor dem behelfsmäßigen Thron kniete. Behutsam zogen sie sie auf die Beine und führten sie so schnell es ging aus der Halle.
Der Kerker lag auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes. Auf dem Weg dorthin fühlte sich Edvard so, wie Blanche aussah: Blass und benommen, ein Schatten ihrer selbst, in dem kein Leben mehr war. Seine Gedanken irrten unablässig zwischen dem Kerker, in den er Blanche jetzt führen würde, und jenem, in dem sein Vater seit Wochen auf den Abschluss der Friedensverhandlungen und seine Freilassung wartete, hin und her. Ob sein Vater schon von dem erneuten Rückschlag erfahren hatte? Er konnte nicht sagen, welcher der beiden Kerker für ihn schwerer zu ertragen war – mit dem Unterschied, dass das Verlies seines Vaters allein seiner Vorstellungskraft entsprang, während er Blanche gleich selbst in der Dunkelheit einer nassen, kalten Zelle zurücklassen würde.
Und dafür würde er Frances ewig hassen.
Natürlich wusste Edvard, was Frances im Sinn gehabt hatte, als er Aldan darum bat, Blanche selbst abführen zu dürfen. Er wollte ihr etwas von ihrer Würde erhalten, ihr vielleicht auch ein paar aufmunternde Worte mitgeben und ihr versprechen, sich für sie einzusetzen. Doch all das blieb er ihr bislang schuldig. Oder wartete er darauf, dass Edvard das übernahm?
Blanche schien das, was um sie herum geschah, gar nicht wahrzunehmen. Benommen ließ sie sich von Edvard und Frances über den Innenhof führen. Ein Spatzenpärchen flatterte vor ihnen vergnügt durch die Luft. Zwitschernd jagte es über den Hof, neckte sich und nahm keinerlei Rücksicht auf die schreiende Ungerechtigkeit, die Blanche hier widerfuhr.
Edvard beobachtete die zwei Vögel, wie sie sich in die Höhe schraubten, nur um kurz darauf in steilem Sinkflug nach unten zu schießen und schließlich im dichten Grün der alten Eiche bei den Ställen zu verschwinden. Er wünschte sich etwas von ihrer Unbeschwertheit, um wenigstens einen einzigen Satz des Trostes zustande zu bringen. Doch alles, was ihm in den Sinn kam, waren platte und leere Floskeln, an die er selbst nicht glaubte. Daher zog er es vor, zu schweigen.
»Trotzdem, das Ganze ist doch nur ein Aufschub«, begann Frances unvermittelt. »Am Ende werden sie Blanche an den Galgen bringen, denk an meine Worte, Edvard. Wenn die Götter ein Zeichen geben wollten, so wie es Aldan hofft, dann hatten sie schon reichlich Gelegenheit dazu.« Frances machte eine kurze Pause. »Ich meine, überlege doch mal: Warum befragt Aldan den Rat? Solche Urteile fällt er doch sonst zwischen Frühstück und Morgenschiss.« Er wartete gar nicht auf Edvards Antwort. »Ich sage dir, warum! Er muss den Wölfen ein Schaf vorführen, an dem sie sich satt fressen können. Denn nur hungrige Wölfe gehen auf die Jagd, und so eine Meute kann Aldan ganz bestimmt nicht gebrauchen, während die Litonaer wieder die Messer wetzen.« Frances warf ihm einen erwartungsvollen Blick zu, doch Edvard zeigte keine Regung. »Und sollte man sie doch freisprechen, so wird sich schon ein Wolf finden, der das Blut gerochen hat und seinem Appetit nicht widerstehen kann«, fügte Frances schließlich noch hinzu.
Blanche schwieg, doch ihre Hände zitterten. In Edvards Kopf überschlugen sich die Gedanken. Frances hat recht. Er hat recht. Was soll ich tun? Was übersehe ich? Soll ich – nein, das kann ich nicht tun. Aber ich kann sie auch nicht im Kerker einsperren. Das kann ich nicht.
Er hatte eine vage Idee. Es wäre Wahnsinn, doch Edvards Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken, dass Blanche etwas angetan werden könnte. Alles andere rückte dabei in den Hintergrund. Frances mochte eine Kuh sein und seine Wildblumen lieben – er selbst hielt es lieber wie der Schmetterling, und Blanche war seine Rose. Er hatte sein Herz an sie verloren, als er sie das erste Mal gesehen hatte, und nicht einmal mit Frances hatte er darüber gesprochen.
»Frances, lass uns fliehen!«, platzte es plötzlich aus ihm heraus. Er packte ihn an der Schulter und hielt ihn fest. Sein Freund starrte ihn überrascht an; offenbar war er sich nicht sicher, ob er sich verhört hatte. »Lass uns fliehen«, wiederholte Edvard. »Blanche kann nichts für den Tod des Jungen, das weißt du genauso gut wie ich. Lass sie uns in Sicherheit bringen und darüber nachdenken, wie wir sie retten können.«
»Edvard, ich ...«, setzte der völlig überrumpelte Frances an, doch Edvard unterbrach ihn.
»Frances, seit ich denken kann, sind wir Freunde. Wir haben stets zueinander und uns gegenseitig den Rücken freigehalten – ich bitte dich, die Zeit drängt! Bringen wir Blanche in den Kerker, wird sie diesen nie mehr verlassen. Ich ertrage das nicht! Lass uns fliehen!«
Frances zögerte. Er kannte Edvard gut genug, um zu wissen, dass es sein Ernst war. Doch dann lächelte er.
»Edvard, im Namen unserer Freundschaft: Ich werde bleiben. Wenn dir so viel an Blanche liegt –«, ein Blick in seine Augen schien ihm als Antwort auszureichen, »Verdammt, Edvard, du weißt, wo die Pferde stehen.«
Edvard zögerte noch einen Augenblick, bevor er eine Entscheidung traf. Blanche sah ungläubig vom einen zum anderen, gerade so als sei sie gerade aus einem Traum erwacht und wisse noch nicht so recht, ob sie nicht doch noch träume. Jetzt oder nie, dachte Edvard und packte sie am Arm. Ohne sich zu wehren, ließ sie sich von ihm zu den Ställen zerren.
Und ausgerechnet hier offenbarte sich nun der Wille der Götter, auf den Aldan warten wollte: Im Stall standen zwei gesattelte, ausgeruhte Pferde. Edvard half Blanche aufsteigen und schwang sich auf das zweite Pferd. Dann schnappte er sich die Zügel und trieb die Tiere aus dem Stall über den Burghof zum Tor.
»Ich versuche, euch Zeit zu verschaffen!«, hörte er Frances rufen, als sie an ihm vorbeiflogen. Die Wachen am Tor sahen ihnen nur verdutzt nach.
Sie waren kaum außer Sichtweite, da hörte Edvard drei tieftönende Hornstöße, die die Vögel aus den Baumwipfeln trieben. Edvard hätte sich ein bisschen mehr Vorsprung von Frances gewünscht, doch vielleicht war ihre Flucht auch anderweitig entdeckt worden. Jedenfalls musste er nun alle Sinne zusammennehmen, wenn sie unentdeckt ihr Ziel erreichen wollten. Und in diesem Moment wurde ihm auch mit aller Deutlichkeit bewusst, dass längst nicht mehr nur das Leben von Blanche auf dem Spiel stand, sondern auch sein eigenes. Jeder Schritt ihrer Pferde, der sie weiter von Sommerhain wegführte, brachte ihn näher zum Hochverrat.
Sein Ziel war Sonnau. Sonnau war ein kleines, verstecktes Dorf – eigentlich mehr eine Ansammlung einer Hand voll Hütten –, das sich keiner besonderen Bekanntheit und eben deshalb großer Beliebtheit bei Edvard und Frances erfreute. Es war nach so manchem jugendlichen Abenteuer ein gelungenes und willkommenes Versteck gewesen, wenn die beiden Heißsporne eine Weile hatten untertauchen müssen, bis sich die ein oder andere väterliche Woge geglättet hatte.
Sie erreichten das Dorf bei Einbruch der Dämmerung. Den ganzen Tag waren sie geritten, hatten dabei kein Wort gesprochen und nur dann gerastet, wenn sie einen kleinen Bach kreuzten. Es war wundervolles Wetter, das im lichten Wald kaum Schutz vor möglichen Verfolgern bot. Edvard konnte sich nicht erklären, warum sie nicht längst eingeholt und entdeckt worden waren. Vielleicht war das Frances’ Verdienst. Vielleicht hatte er eine falsche Spur gelegt oder sie anderweitig in die falsche Richtung geschickt. Vielleicht aber hatten auch die Götter ihre Hände im Spiel.
So standen sie nun vor einer alten, verlassenen Scheune am Rande des Dorfes, die schon vor Jahren dem Einsturz geweiht gewesen war. Der Zahn der Zeit hatte auch weiterhin stark an dem maroden Bauwerk genagt, das nur noch der gute Wille zusammenzuhalten schien.
»Hast du Durst? Da vorne ist ein Bach und das Wasser ist klar«, sagte Edvard. Es waren die ersten Worte seit ihrer Flucht, und so fühlten sie sich sperrig und dumm in seinem Mund an. Doch alles war besser als das ewige Schweigen.
Edvard konnte sehen, wie sich Blanche langsam aus ihrer Starre löste. Schüchtern schaute sie sich um, betrachtete ihre Herberge und dehnte kaum merklich die Finger, mit denen sie sich den ganzen Tag an den Zügeln festgekrallt hatte. Eine Antwort blieb sie ihm jedoch schuldig.
Das war zu viel für Edvard. »Blanche, du musst was trinken!«, blaffte er sie an, heftiger als beabsichtigt, und sofort bereute er seinen harschen Tonfall. »Bitte, geh zum Bach und trink etwas. Wir haben nichts zum Essen und allein Kol weiß, wann wir das nächste Mal etwas auftreiben werden. Darum müssen wir wenigstens trinken, damit der Magen ruhig bleibt. Bitte, trink etwas.« Blanche blickte zu Boden, doch ein paar Augenblicke später rührte sie sich und ging zum Bach.
Edvard überprüfte in der Zwischenzeit die Stabilität der Holzbalken, die die Scheune trugen. Er suchte etwas, das noch fest genug war, um die Pferde daran anbinden zu können. Als Blanche vom Bach zurückkehrte, kam sie langsam zu ihm, und als sie nah genug heran war, legte sie ihm eine Hand auf den Unterarm. Edvard wagte nicht, ihr in die Augen zu schauen. Einen Moment lang, in dem die Zeit kurz still zu stehen schien, verblieben sie in dieser Haltung – einander abgewandt, doch über diese vorsichtige Geste miteinander verbunden. Dann löste sich Blanche wieder von ihm und setzte sich vor die Scheune, lehnte sich an das morsche Holz und ließ das Wasser auf ihrem Gesicht von der Abendsonne trocknen.
Edvard machte sich daran, die Pferde abzusatteln, mit altem Stroh notdürftig abzureiben und an dem kleinen Bach saufen zu lassen. Während er das tat, sah er immer wieder zu Blanche hinüber. Das rotgoldene Licht des Sonnenuntergangs umgab sie mit einer verzaubernden, melancholischen Aura – ein Anblick, der ihn gefangen nahm. Es war ihm unmöglich, den Blick länger als ein paar Herzschläge von ihr abzuwenden. Ein sanfter Windhauch flüsterte durch die Wiesen, aus dem nahen Dorf hörte man das Quieken von Schweinen und ein paar vereinzelte Rufe der Dorfbewohner, und auf dem First der Scheune besang eine Amsel den scheidenden Tag.
Edvards Verärgerung über Blanches Schweigsamkeit verflüchtigte sich nun vollends und ihm wurde bewusst, wofür er sein bisheriges Leben so bereitwillig aufs Spiel gesetzt hatte. Alle zweifelnden Gedanken, die den ganzen Tag über an ihm genagt und ihn gefoltert hatten, verblassten. Er fühlte, dass er das Richtige tat, dass sie im Recht waren und dass Frances alles zum Guten wenden würde. Davon war er fest überzeugt. Er schenkte Blanche ein kleines Lächeln, als sich ihre Blicke trafen, und sie erwiderte es, wenn auch mit traurigen Augen. Dann wandte sie sich wieder ab. Im schwindenden Tageslicht sah Edvard feine, silbrig glänzende Linien auf ihren Wangen.
Der Tag war für Edvard zermürbender gewesen als manch anderer in Kriegszeiten. Und die Nacht war noch tausendmal schlimmer.
Edvard beneidete Blanche um den Schlaf, den ihr die Erschöpfung verschaffte. Er selbst lauschte und starrte in die Dunkelheit, unfähig, auch nur ein Auge zu zu tun. Zu seinem rastlosen Geist gesellte sich alsbald auch ein quälender Hunger, der ihm die Übelkeit den Hals hoch trieb. Edvards letzte Mahlzeit war das karge Frühstück auf der Burg gewesen. Wann Blanche das letzte Mal etwas gegessen hatte, wollte er sich gar nicht ausmalen. Am nächsten Tag musste er etwas zum Essen für sie besorgen; vielleicht ließen sich die Bauern von Sonnau etwas abkaufen. Seine Geldbörse trug er jedenfalls bei sich.
Er achtete auf jedes noch so leise Geräusch. Er misstraute jedem Rascheln, jedem Zirpen – selbst die Rufe eines Uhus waren für ihn verdeckte Zeichen ihrer Häscher. Und in jedem leisen Knacken erkannte er die schleichenden Schritte von Wachen, die die Scheune umstellten und sie jeden Augenblick stürmen würden.
Es vergingen viele Augenblicke, in denen das jedoch nicht geschah, und irgendwann begann er schließlich, sich über seine Hirngespinste zu ärgern. Der Einzige, der sie hier vermuten könnte, war Frances – und der würde ihre Verfolger mit Sicherheit in weitem Bogen um Sonnau herumführen.
Der Gedanke beruhigte ihn ein wenig, und je länger er sich mit ihm befasste, umso tröstender wurde er. Edvard hätte in diesem Moment viel dafür gegeben, Frances bei sich zu haben. Sie hatten schon viele Nächte abwechselnd über den Schlaf des anderen gewacht, mitunter weit hinter den feindlichen Linien. Fast glaubte er, ihn seinen Namen rufen zu hören. Edvard lächelte kurz. Vielleicht fand er nun doch noch ein wenig Schlaf.
Dann hörte er es wieder.
»Edvard?«
Der Ruf war leise, aber deutlich. Und er war keine Einbildung.
Edvards Herz begann zu rasen und er riss die Augen auf, um die körperlosen Schatten und Schemen der Dunkelheit erkennen zu können. Sein Griff schloss sich fest um das Heft seines Schwertes. Dann lauschte er wieder. Er hörte Blanche atmen, ruhig und gleichmäßig. Vielleicht hatte er es sich doch nur eingebildet. Er war sich nicht einmal sicher, ob er nicht doch kurz eingeschlafen war und die Rufe nur im Traum gehört hatte.
»Edvard«, flüsterte die Stimme wieder. »Edvard, bist du hier? Ich bin es, Frances. Sag doch was. Bist du hier?« Die Stimme gehörte seinem Freund, dessen war sich Edvard sicher, doch was zum Teufel hatte Frances hier verloren? Er klopfte nach einigem Zögern leise mit dem Schwertknauf auf einen nahe liegenden Holzbalken. »Dachte ich es mir doch«, hörte er Frances murmeln. »Edvard, komm raus. Ich muss mit dir reden. Beeile dich. Mir läuft die Zeit davon!« Edvard fragte sich, warum Frances noch immer flüsterte, doch er erhob sich und trat vorsichtig zum halb offen stehenden Tor, wo sein Freund auf ihn wartete. Sein Schwert hielt er noch immer fest in der Hand.
»Frances, was – «
»Edvard, hör mir bitte zu. Ich bin nicht allein, das Dorf ist umstellt«, unterbrach ihn Frances, noch immer flüsternd. Seine Stimme bebte vor Nervosität.
»Wie habt ihr uns gefunden?«, fragte Edvard, einem plötzlichen Impuls von Misstrauen folgend, der auch Frances nicht entging.
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit, Edvard. Ich will euch helfen. Ich habe den Männern gesagt, dass ich versuchen werde, dich zu überzeugen, das Ganze ohne Blutvergießen abzuwickeln. Gib mir dein Schwert und komme mit. Und Blanche auch. Macht keine Dummheiten. Wenn wir dann im Wald sind, werde ich dafür sorgen, dass ihr fliehen könnt. Nur jetzt müsst ihr mit mir kommen, sonst seid ihr des Todes!« Frances’ Ton hatte etwas Drängendes. Edvard gefiel das nicht. Doch wenn Frances recht haben sollte, und warum sollte er ihn anlügen, dann musste er sich auf ihn verlassen.
»Wie stellst du dir das vor, Frances? Wie sollen wir euch entkommen?«
»Wir werden unterwegs kurz rasten, da wirst du mich als Geisel nehmen. Wir reiten zusammen ein Stück, dann lässt du mich gehen, und ihr beide flieht. Und nun kommt!« Das klang irrwitzig und dumm, aber war die ganze Flucht von Anfang an nicht genau das gewesen?
Edvard sah ein, dass ihm keine andere Wahl blieb. Gerade als er sich umdrehte um Blanche zu holen, hörte er ihre Schritte hinter sich. Er warf Blanche einen hilflosen Blick zu, und im spärlichen Licht des Mondes erahnte er ein kurzes, trauriges Nicken. Dann trat er mit ihr aus der Scheune und wandte sich Frances zu, der ihm wartend die offene Hand hinhielt.
»Was ist?«, fragte Edvard, nun nicht mehr flüsternd. Frances fuhr zusammen.
»Dein Schwert, Edvard. Gib mir dein Schwert. Los!« Das letzte Wort war mehr ein Zischen denn ein Wispern.
Edvards Miene hingegen war versteinert. Ohne jede Regung starrte er Frances an, der seinem Blick kaum standhalten konnte. Allein das schüchterne Plätschern des Baches erinnerte daran, dass die Zeit nicht stehengeblieben war.
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, doch irgendwann ließ Frances die Hand langsam sinken. Nervös schaute er sich nach allen Seiten um, als wolle er sich versichern, dass sie niemand beobachtete. Edvard schien plötzlich auch verlegen. Blanche war es, die das Schweigen brach.
»Edvard. Wir haben keine Wahl. Frances weiß, was er tut. Gib ihm dein Schwert«, sagte sie. Wieder legte sie ihre Hand auf seinen Arm, doch diesmal einen Herzschlag länger.
Edvard war darüber genauso überrascht wie Frances, doch schließlich reichte er seinem Freund das Schwert. Frances schien ein Stein vom Herzen zu fallen. Zusammen sattelten sie im Dunkeln die zwei Pferde, dann führte Frances Edvard und Blanche an das andere Ende des Dorfes, wo tatsächlich ein halbes Dutzend Reiter auf sie wartete. Es war noch ein weiterer Ritter unter ihnen, der Edvard mit besorgter Miene, aber freundlich zunickte.
Edvard kannte ihn. Wolter Mallard war ein Mann, den man in der Schlacht gerne an seiner Seite wusste und der nie ein übereiltes Urteil fällte. Ihm gehörten ein paar Ländereien im Westen, und soweit Edvard wusste, ging es den Menschen dort gut. Erleichtert, dass sie keinem Bluthund in die Fänge gelaufen waren, schöpfte er etwas Zuversicht. Dann löste sich ein Soldat aus der Gruppe, kam ihnen mit grimmiger Miene entgehen, nahm Edvard und Blanche entschlossen die Zügel ihrer Pferde ab, hieß sie mit einer verächtlichen Kopfbewegung aufsteigen und band ihnen dann die Hände hinter dem Rücken zusammen. Er roch nach zu viel saurem Wein, Zwiebeln und einem langen Tag im Sattel. Edvard widerstand nur schwer dem Impuls, sich gegen diese Behandlung zu wehren. Es war erniedrigend. Kurz darauf gab Frances das Zeichen zum Aufbruch, ohne Edvard und Blanche noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Im Wald war es stockfinster. Weder Mond noch Sterne spendeten genug Licht, um weiter als ein paar Schritte sehen zu können. Eine einzige Fackel leuchtete ihnen den Weg, und das flackernde Licht weckte unheimliche Schatten zwischen den Bäumen. Die Soldaten unterhielten sich über Wein, Frauen und den Krieg, doch keiner richtete das Wort an die Gefangenen. Edvard war das recht, denn er hatte genug mit sich selbst zu tun. Mühsam kämpfte er gegen den Gedanken, dass Frances sie auch hätte fliehen lassen können. Er war allein zur Scheune gekommen. Er allein hatte gewusst, wo sich Edvard und Blanche versteckten. Warum hatte er sie nicht einfach nur gewarnt und den Wachen dann erzählt, dass er sie nicht gefunden hätte? So sehr sich Edvard auch den Kopf darüber zerbrach, er kam stets nur auf eine Antwort: Sie waren entdeckt worden und jemand erpresste Frances – oder wollte seine Loyalität auf die Probe stellen. Was auch immer es war, sein Freund riskierte mittlerweile genauso viel wie er selbst. Und er tat es ohne zu zögern.
Es dämmerte bereits, als sie schließlich auf einer kleinen Lichtung am Wegesrand rasteten. Edvard ließ seinen Freund nicht aus den Augen, um ja nicht ein heimliches Zeichen zu verpassen, das ihnen die erneute Flucht ankündigen sollte.
Er wurde herb enttäuscht. Eine Wache fesselte Edvard und Blanche die Füße und setzte sie ein Stück weit abseits an einen Baum, wo man sie dann nicht weiter beachtete. Frances teilte Wolter und sich als Wachen ein, die anderen durften sich ins kalte Gras legen und eine Weile ausruhen. In den letzten Stunden waren die Männer immer ruhiger geworden. Die meisten mussten seit der vorletzten Nacht keinen Schlaf mehr gehabt haben, und da sie noch ein gutes Stück Weg vor sich hatten, war es eine gute Gelegenheit für eine Pause. Im Licht des anbrechenden Tages hätten sich Blanche und Edvard schon unsichtbar machen müssen, um fliehen zu können. Und selbst dann wären sie noch an Händen und Füßen gefesselt gewesen. Edvard schüttelte resignierend mit dem Kopf. Wäre der Trupp unter seinem Kommando gewesen, hätte er nicht anders gehandelt.
Und doch konnte Edvard ihrer Situation etwas Gutes abgewinnen. Ein kleiner Teil seines Herzens wünschte sich sogar, dass sich Frances mit ihrer Befreiung noch Zeit lassen würde. Blanche war neben ihm eingeschlafen. Ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter. Er spürte ihr weiches Haar an seiner Wange, fühlte die sanften Bewegungen, wenn sie atmete. So nah war er ihr noch nie gewesen. Sein Herz tanzte, und zerbrach doch wieder im selben Moment.
Um sie herum durchbrachen die ersten Sonnenstrahlen das Unterholz und ließen den Wald glitzern, wo sich Tau auf Blättern und Halmen gesammelt hatte. Der nächtliche Dunst begann in hauchfeinen Nebelschwaden aufzusteigen, und der ganze Wald verwandelte sich in ein wundervolles Meer aus allen denkbaren Grüntönen. Es wirkte so ruhig und friedlich, und pulsierte doch vor Leben. Edvard roch das Gras, die Bäume und die Pferde hinter ihnen und hörte die ersten Vögel des Tages. Die Sonne streichelte sein Gesicht. Zum ersten Mal sah er den Wald auf diese Weise, beobachtete, wie der Tag um sie herum anbrach. Selten hatte er sich so friedlich gefühlt, und endlich kam er zur Ruhe und sank in einen leichten Schlaf.
Als Edvard wieder aufwachte, hatte Frances Wolter von der Wache abgelöst. Während ihnen Wolter noch den ein oder anderen nachdenklichen Blick zugeworfen hatte, vermied es Frances lange Zeit, auch nur in ihre Richtung zu schauen. Ein einziges Mal schielte er zu ihnen herüber, wandte sich aber sofort ab, so als ob er sich ertappt fühlen würde. Dann stierte er weiter vor sich hin, bis sich Wolters Schnarchen schließlich zu dem der anderen Männer gesellte.
Kurz darauf erhob er sich endlich von dem Baumstumpf, auf dem er saß, und schlich zu Edvard und Blanche hinüber. Edvard stieß Blanche vorsichtig an, um sie zu wecken. In der einen Hand hielt Frances einen Wasserschlauch, in der anderen einen halben Laib Brot. Er kniete sich vor ihnen hin, zerschnitt ihre Handfesseln und reichte ihnen die kümmerliche Mahlzeit.
»Macht keine Dummheiten«, flüsterte er ihnen zu. »Edvard, verhalte dich ruhig. Esst das auf. Auch du, Blanche. Ihr müsst bei Kräften bleiben. Esst und trinkt, und dann sagt Bescheid, wenn ihr mal kurz hinter die Büsche müsst.« Frances zwinkerte ihnen zu und kehrte dann zu seinem Platz auf dem Baumstumpf zurück. Die Männer grunzten weiter auf ihren Satteldecken. Edvard brach das Brot in zwei Teile und wollte Blanche das größere Stück reichen, doch Blanche schüttelte nur den Kopf und nahm ihm das kleinere aus der Hand.
Als sie das trockene Brot hinuntergewürgt hatten, räusperte sich Edvard. Er hoffte, Frances’ Plan richtig gedeutet zu haben. Doch erst als sich Edvard ein zweites Mal, dieses Mal vernehmlicher, räusperte, erhob sich Frances schwerfällig und schritt mit genervtem Gesichtsausdruck in Richtung seiner Gefangenen. Edvard bemerkte, dass das Schnarchen um sie herum leiser geworden war. Ein paar der Männer waren aufgewacht und blinzelten müde in ihre Richtung. Deswegen also dieses Spiel, erkannte Edvard. Verlasse dich nie auf das Schnarchen eines Mannes. Frances baute sich vor ihnen auf und fragte: »Was ist los, was wollt ihr? Mehr Brot kriegt ihr nicht, das könnt ihr vergessen.«
Es war Blanche, die ihm antwortete. »Frances, ich würde gerne einem dringenden Bedürfnis nachkommen. Würdet Ihr mir für einen Moment die Fesseln abnehmen?« Ihre Augen waren gerötet von den Tränen der letzten Tage und dem wenigen Schlaf. In ihrem Blick jedoch funkelten Hoffnung und ein wenig von jenem Trotz, mit dem sich die ersten Blumen im Jahr durch die gefrorene Erde kämpfen und sich dem rettenden Sonnenstrahl zuwenden, der sie geweckt hat. Frances reagierte ein wenig verlegen auf die Art und Weise, wie sie ihn ansah, überlegte einen Moment, nickte dann jedoch und zerschnitt ihre Fesseln. Als er wieder aufstand, ließ er das Messer an Ort und Stelle liegen, und machte sich dann auf, Blanche zu begleiten. Edvards entsetzter Blick entging ihm nicht, doch er schüttelte nur leicht den Kopf. In angemessenem Abstand blieb er stehen und wandte Blanche den Rücken zu. Die übrigen Wachen schienen wieder zu schlafen. Zumindest war das Schnarchen und Grunzen wieder lauter geworden.
Als Frances und Blanche zurückkehrten, hatte sich Edvard von seinen Fesseln befreit und stand mit dem blanken Messer in der Hand vor ihnen. Frances nickte und gab ihm mit knappen Gesten zu verstehen, ihn nun als Geisel zu nehmen. Edvard war alles andere als wohl dabei, doch er verließ sich auf seinen Freund. Frances wandte ihm den Rücken zu, sodass Edvard ihm die Hände auf den Rücken binden und von hinten am Oberkörper umfassen konnte. Dann setzte er ihm das Messer an die Kehle. Blanche hielt sich dicht an seiner Seite. Rückwärts schlichen sie zu den Pferden, ohne das Lager auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Es war Frances, der so über seine Füße stolperte und die Wachen weckte.
»Was zum Teufel macht ihr da?«, rief einer der Männer, der sofort auf den Beinen war. Edvard fluchte kurz und sah sich ruckartig nach den Pferden um. Es waren nur noch wenige Schritte. Frances sog dabei die Luft zwischen den Zähnen ein. Das Messer war scharf und die Haut an seiner Kehle dünn.
»Bleibt, wo ihr seid!«, rief Edvard den Wachen zu, die mittlerweile alle aufgeschreckt waren und alarmiert zu ihren Waffen gegriffen hatten. »Bewegt euch auch nur einen Schritt, und Frances wird dran glauben! Waffen weg!«
Es folgte ein Moment ratlosen Schweigens. Die Männer sahen von Frances zu Edvard, von Edvard zu dem Messer und vom Messer zu Wolter. Der verzog jedoch keine Miene und sah Edvard einfach nur an.
Die kleine Lichtung war von einer unheimlichen Stille erfüllt. Selbst die Vögel in den Bäumen schienen die Gefahr zu spüren und wagten nicht, auch nur einen Ton von sich zu geben.
Schließlich senkte Wolter sein Schwert und ließ es langsam aus den Fingern gleiten. Edvard ließ er dabei nicht einen Atemzug aus den Augen. Die anderen Männer folgten jedoch seinem Beispiel. Ihre Schwerter landeten mit einem dumpfen Klirren auf dem weichen Waldboden.
»Edvard, macht es doch nicht noch schlimmer. Warum tut Ihr das?«, fragte Wolter.
»Warum ich Blanche beschütze? Verdammt, weil sie unschuldig ist! Das wisst Ihr genauso gut wie ich. Ihr habt Euch auch für sie ausgesprochen!«, erwiderte Edvard.
»Ja, das habe ich. Doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher. Warum zum Henker seid Ihr geflohen, Edvard? Wenn Blanche unschuldig wäre, dann hätte sie doch nichts zu befürchten und –«
Das war zu viel für Edvard. Er wollte es nicht hören. Er wollte nicht hören, dass die Flucht ein Fehler gewesen sein könnte. Ungehalten fiel er dem Ritter ins Wort. »Blanche, binde die Pferde los und treibe sie in den Wald – bis auf zwei. Nein, vier, halte vier zurück. Beeile dich!«
Ohne zu zögern tat Blanche, was er sagte. Sie band die Pferde los und scheuchte sie mit energischen Klapsen auf die Hinterteile in den Wald. Als das getan war, gab Edvard ihr zu verstehen, dass sie aufsitzen solle. Er nahm das Messer zwischen die Zähne, warf einen warnenden Blick in Richtung der Wachen, half seinem gefesselten Freund auf ein Pferd und bestieg dann selbst ein drittes.
»Wagt es nicht, uns zu folgen. Sollte ich einen von euch hinter uns sehen, hören oder auch nur riechen, dann stirbt Frances! Das ist mein Ernst, nehmt mich beim Wort«, drohte Edvard den Männern. Der Ton seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er genau das tun würde. Er war selbst überrascht, wie überzeugend es klang. Das Gefühl, noch Herr der Lage zu sein, hatte er längst verloren.
Ohne ein weiteres Wort drückte er seinem Pferd die Absätze in die Flanken. Der Wald um sie herum erwachte nun vollends zum Leben. Die Vögel in den Bäumen, die Frösche in den Tümpeln, selbst die Käfer und Fliegen um sie herum schienen sie anfeuern und ermutigen zu wollen.
Sie ritten nicht weit, aber schnell. Edvard hatte darauf verzichtet, sich durch den wilden Wald zu kämpfen und war stattdessen der breiten Straße gefolgt, die Frances ein paar Stunden zuvor auch gewählt hatte. Sie kamen gut voran. Von ihren Verfolgern war nichts zu sehen. Und so stoppte Edvard schließlich, als sie einen kleinen Bach kreuzten.
»Frances, was meinst du? Ist es in Ordnung, wenn ich dich hier gehen lasse? Ich schätze, deine Männer suchen schon nach dir – es dürfte nicht lange dauern, bis sie dich hier finden.« Edvard löste Frances’ Fesseln und wartete auf eine Antwort. Sein Freund rieb sich einen Moment die Handgelenke und sah sich kurz um. Dann nickte er seufzend.
»Ja, ich denke schon. Ich werde ihnen entgegenlaufen, und notfalls schaffe ich es wohl auch bis nach Sommerhain«, meinte Frances.
»Gut, dann soll es so sein«, sagte Edvard. Müde lächelte er seinen Freund an. »Ich danke dir für alles, Frances.« Frances nickte und schluckte.
»Wohin werdet ihr jetzt reiten, Edvard? Litona?«
»Nein, da kämen wir vom Regen in die Traufe. Zwei Tagesritte östlich von hier ist die Burg eines alten Freundes meines Vaters. George, du kennst ihn. George Barsteen. Dort sollten wir eine Weile untertauchen können, bis ich eine Idee habe, wie es weitergehen soll.«
»Und du meinst, du kannst dem alten Barsteen vertrauen?« Frances Skepsis kratzte nur an der Oberfläche, und als Edvard nickte und ihm die Hand auf die Schulter legte, schien sie verflogen.
»Ich kann auf den alten George genauso zählen wie auf dich, mein Freund.« Er schloss Frances zum Abschied kurz in die Arme und saß wieder auf. Blanche verabschiedete sich mit einem dankbaren Nicken.
Dann ritten sie davon.
»Viel Glück euch beiden«, rief ihnen Frances hinterher. Als sich Edvard umdrehte, um ihm ein letztes Mal zu winken, sah er gerade noch, wie sich Frances auf einen Stein setzte und das Gesicht in den Händen vergrub. Dann bogen sie um eine Kurve und er war außer Sichtweite. Was blieb, war Edvards schlechtes Gewissen.
Edvard hatte sich in dem alten George Barsteen nicht getäuscht. Im Gegenteil. Edvard und Blanche hatten sich kaum der diensthabenden Wache am Tor vorgestellt, als der alte, graubärtige Ritter schon auf den Stufen seiner Halle erschien und seine Gäste lauthals begrüßte.
»Edvard, mein Junge, ja spinn’ ich denn? Was tust du hier? Sei mir willkommen, mein Junge! Komm von deinem Gaul runter und reich mir die Hand! Ich habe sogar mein Abendbrot unterbrochen, als ich gehört habe, wer da vor meiner Tür steht!« Ein paar vereinzelte Brotkrumen, die sich in den dünnen Fäden seines Bartes verfangen hatten, legten Zeugnis davon ab.
Edvard lachte. Er stieg von seinem Pferd und umarmte den alten Mann, bevor er Blanche aus dem Sattel half.
»Und sag, mein Junge, wer ist denn die hübsche Dame da? Möchtest du uns nicht einander vorstellen?« Der alte George zwinkerte Blanche freundlich zu. Wenn ihm die Umstände ihres Besuches merkwürdig vorkamen, so ließ er es sich nicht anmerken. »Und ihr da, steht nicht so faul rum! Richtet für unsere Gäste das Turmzimmer her – ach, wie es dort aussehen muss! Vielleicht nehmt ihr ein Stück Käse mit, damit ihr die ganzen Mäuse bestechen könnt euch beim Putzen zu helfen. Los, los! Und bereitet Wasser für ein heißes Bad!« George scheuchte die umstehenden Mägde und Knechte mit aufgeregten Gesten auf, die sich in alle Richtungen zerstreuten, um seinen Anweisungen nachzukommen. »Ein heißes Bad, ja, ihr seht so aus, als könntet ihr das gut vertragen«, sagte er, wieder an Edvard und Blanche gewandt. »Ihr müsst mir verzeihen. Das letzte Mal, dass ich Gäste hatte, lebte meine liebe, gute Frau noch, müsst ihr wissen. Die Gäste waren immer ihre Aufgabe. Ich glaube, seither hat niemand überhaupt auch nur einen Fuß in unser schönes Turmzimmer gesetzt. Der Staub muss dort schon bis zur Decke reichen. Aber das Bett ist sehr bequem, das kann ich euch sagen. Ihr bleibt doch über Nacht, nicht wahr?«
»Gerne, wenn es keine Umstände –«, setzte Edvard an.
»Keine Umstände, jetzt hör sich einer den Jungen an!«, polterte George. »Natürlich macht es Umstände! Aber schöne Umstände! Endlich kommt mal wieder ein bisschen Leben in diese toten Mauern, mein Junge!« Der alte Mann lachte, und nickte dann in Richtung von Blanche. »So, und nun stell uns doch bitte vor, mein Junge. Ich bin George Barsteen, mein Fräulein. Aber das wisst Ihr sicherlich bereits. Und bevor Ihr etwas sagt, meine Dame, muss ich sagen, dass Edvard einen außerordentlich guten Geschmack bei der Wahl seiner Braut bewiesen hat.«
Für einen kurzen Moment überlegte Edvard, ob er George in dem Glauben lassen sollte, dass Blanche seine Frau war, doch dann siegte der Kopf über das Herz und er klärte das Missverständnis auf.
»Blanche, Ihr Name ist Blanche«, antwortete Edvard. »Und wir sind nicht verheiratet, George. Wir sind ... Sagen wir es so: Blanche ist auf der Reise, und ich sorge dafür, dass sie wohlbehalten dort ankommt.«
»Oh, wie geheimnisvoll«, kicherte George. »Und Blanche, einen wirklich schönen Namen habt Ihr da. Das muss ich schon sagen. Nun denn, dann verzeiht einem alten Mann seine voreiligen Schlüsse! Wir finden sicherlich noch ein eigenes Zimmer für Euch, mein Mädchen. Die Klatschmäuler müssen ja nicht unbedingt mehr zu schnattern bekommen als so schon, nicht wahr?« Der alte Mann kicherte erneut und wies einen zufällig gerade vorbeilaufenden Dienstboten an, noch eine zweite Kammer vorzubereiten.
»Vielen Dank, Herr Barsteen«, sagte Blanche. »Ihr seid sehr freundlich. Ich freue mich sehr, Eure Bekanntschaft zu machen.«
»Ganz meinerseits, ganz meinerseits, mein Mädchen«, entgegnete George. »Aber nennt mich doch bitte George, seid so gut, ja? Meine Knochen sind zwar genauso bröckelig wie diese Mauern hier, aber im Geist, da bin ich noch ein junger Hüpfer. Herr Barsteen klingt so sehr nach meinem Vater, nicht wahr? Und da fühle ich mich so alt. Nein, nennt mich einfach George.«
Blanche antwortete mit einem Nicken. Dann legte der alte Ritter Edvard einen Arm um die Schulter und zog ihn ein Stück zur Seite, sodass Blanche sie nicht hören konnte. »Mein Junge, in diesem Punkt unterscheidest du dich doch sehr von deinem Vater. Das muss ich schon sagen. Nie, hörst du, nie im Leben hätte er sich so eine Gelegenheit entgehen lassen. Nicht im Traum wäre ihm das eingefallen! Ein so hübsches Mädchen, und dann in zwei getrennten Betten schlafen. Also wirklich.« Edvards bedienter Gesichtsausdruck löste eine weitere Welle kauzigen Kicherns aus.
Als Blanche ihnen daraufhin fragende Blicke zuwarf, räusperte er sich, lächelte ihr freundlich zu und fragte: »Blanche, mein Mädchen, wohin soll denn die Reise gehen? Ich sehe gar kein Gepäck? Oder seid Ihr Eurer Dienerschaft vorausgeritten? Muss ich noch mehr Zimmer herrichten lassen?« George warf Edvard einen vielsagenden Seitenblick zu.
»Blanche gehört zum Hofstaat der Königin und ihrer Schwägerin. Wir reisen allein«, antwortete Edvard schnell. George antwortete ihm mit einem Stirnrunzeln. Er öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, überlegte es sich dann jedoch scheinbar anders. Edvard wich seinem Blick nicht aus, sondern gab dem alten Ritter mit einem kurzen, ernsten Nicken zu verstehen, dass sie es für den Moment dabei belassen sollten. Es folgte ein Moment des Schweigens. Blanche schaute schüchtern zu Boden und klopfte sich aus Verlegenheit den Staub aus der Kleidung.
