AQUILERIA · Geschichten Band III - Alexander Büttner - E-Book

AQUILERIA · Geschichten Band III E-Book

Alexander Büttner

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Beschreibung

Willkommen in einer fantastischen, mittelalterlichen Welt, die es genau so hätte geben können, wenn sich unsere Erde ein wenig anders entwickelt hätte. AQUILERIA ist eine Welt mit eigenen Landschaften, Königreichen, Kulturen, Religionen und Zeitrechnungen. Eine Welt, in der es ganz besondere Orte, Pflanzen, Tiere und Phänomene gibt, ebenso wie ganz besondere Heldinnen und Helden, die sich nie als solche verstehen und bezeichnen würden. Es ist eine Welt, in der die Menschen forschen, erkunden, glauben und beten, in der sie staunen und zerstören, einander helfen und belügen, in der sie das Leben feiern und um es kämpfen. Eine Welt voller Geschichten, die von Menschen und ihren Schicksalen handeln, von ihren Stärken und Schwächen, ihren Entscheidungen und deren Konsequenzen. Manche prägen ganze Zeitalter, manche Königreiche oder ihre Dynastien, manche nur einzelne Personen und ihr Umfeld. Und eine jede ist es wert, erzählt zu werden. Der dritte Band erzählt zwei weitere, eigenständige Geschichten. Und obwohl es das ein oder andere Wiedersehen mit Charakteren aus den vorherigen Büchern gibt, muss man diese nicht gelesen haben, um die Heldinnen und Helden auf ihren Abenteuern begleiten zu können. Jede Geschichte steht für sich allein.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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AQUILERIA • Geschichten Band III

Widmung

Für Cari, Cara und Caroline, die ich in allen Welten an meiner Seite weiß.

Inhaltsverzeichnis

Willkommen in AQUILERIA

Caris Wappen

Angos’ Bogen

Register

Über die Welt AQUILERIA

Nachwort

Danksagung

Über den Autor

Impressum

Willkommen in AQUILERIA

Willkommen in einer fantastischen, mittelalterlichen Welt, die es genau so hätte geben können, wenn sich unsere Erde ein wenig anders entwickelt hätte.

AQUILERIA ist eine Welt mit eigenen Landschaften, Königreichen, Kulturen, Religionen und Zeitrechnungen. Eine Welt, in der es ganz besondere Orte, Pflanzen, Tiere und Phänomene gibt, ebenso wie ganz besondere Heldinnen und Helden, die sich nie als solche verstehen und bezeichnen würden. Es ist eine Welt, in der die Menschen forschen, erkunden, glauben und beten, in der sie staunen und zerstören, einander helfen und belügen, in der sie das Leben feiern und um es kämpfen. Eine Welt voller Geschichten, die von Menschen und ihren Schicksalen handeln, von ihren Stärken und Schwächen, ihren Entscheidungen und deren Konsequenzen. Manche prägen ganze Zeitalter, manche Königreiche oder ihre Dynastien, manche nur einzelne Personen und ihr Umfeld. Und eine jede ist es wert, erzählt zu werden.

Der dritte Band erzählt zwei weitere, eigenständige Geschichten. Und obwohl es das ein oder andere Wiedersehen mit Charakteren aus den vorherigen Büchern gibt, muss man diese nicht gelesen haben, um die Heldinnen und Helden auf ihren Abenteuern begleiten zu können. Jede Geschichte steht für sich allein.

Ein kleiner Überblick über die Besonderheiten von Geografie, Kultur, Religion und Zeitrechnung in AQUILERIA ist im Anhang aufbereitet.

Willkommen in AQUILERIA, willkommen in einer anderen Welt!

Caris Wappen

Kapitel 1

Heratien, im einhundertdreiundvierzigsten Jahr des vierten Zeitalters, während sich die westlichen Königreiche von der Verwüstung durch Ranroths Barbaren erholten und ein Bürgerkrieg Aquistea zu entzweien drohte.

***

Die Männer zögerten. Man sah ihnen an, dass sie verunsichert waren. Sie warfen einander fragende Blicke zu und spielten nervös mit den schartigen Schwertern und den mit rostigen Nägeln bewehrten Knüppeln in ihren Händen. Mit Gegenwehr hatten sie wohl nicht gerechnet, und offenbar war ihre Verzweiflung nicht so groß, als dass sie es unbedingt darauf ankommen lassen wollten.

Cari war in Versuchung, die Männer genauer zu mustern und in ihren Gesichtern und ihrer Kleidung nach Hinweisen auf die Frage zu suchen, was sie hatte zu dem werden lassen, was sie nun waren: dreckige, widerwärtige, bis ins hohe Reich der Ewigen stinkende Räuber. Diebe. Wegelagerer. Ein erbärmlicher Haufen von Versagern.

Doch das musste warten. Es machte für den Moment keinen Unterschied, warum sie sie überfielen. Das konnte sie ergründen, wenn das Ganze überstanden war. Jetzt gerade standen sie einander gegenüber wie zwei gegnerische Armeen, die auf den Angriffsbefehl warteten und noch nicht abschätzen konnten, welche Partei höher in der Gunst der Götter stand.

Cari sah nach links, zu ihren halbstarken Brüdern Danneel und Jovan, die sich vor Selva, ihre Mutter, gestellt hatten, dann rechts zu ihren Vettern Hadrien und Gael, und schließlich zu Konnjar, ihrem Vater, der sich wie sie selbst zwei Schritte vor ihre Familie gestellt hatte. In seiner angespannten Miene arbeitete es. Sie wusste genau, worüber er nachdachte. Er hatte nicht vor, sich zu ergeben. Sie hatten selbst kaum noch etwas, und das wenige, das ihnen geblieben war, würden sie nicht einfach herschenken. Ihr Vater schien nur auf die richtige Gelegenheit zu warten, einen kleinen Zufall, der ihnen einen Vorteil verschaffen würde. Natürlich war die Situation bedrohlich. Doch sie hatten schon ganz andere erlebt, waren schon ganz anderen Gestalten begegnet. Caris Herz galoppierte wild unter ihrer Brust. Sie hatte Angst, aber sie war klar im Kopf und ihr Stand war fest. Sie war bereit, sich den Wegelagerern zu stellen, genauso wie der Rest ihrer Familie. Ein grimmiges Lächeln grub sich in ihre Mundwinkel.

Die Männer vor ihnen machten weiter keine Anstalten, ihrer hehren Forderung nach Wegzoll und der Androhung von Tod und Schändung Taten folgen zu lassen. Sieben waren es, genauso wie sie. Es gab einen, der ein wenig kürzer geraten war als die anderen. Cari schätzte, dass er ihr bis zur Nasenspitze reichte. Er musste der Anführer dieses zerlumpten Haufens sein, auch wenn er gerade nichts tat, was ihn dieser Rolle gerecht werden ließ. Immer wieder sahen die anderen zu ihm, doch die einzige Regung in seinem hässlichen Antlitz kam von den Schweißperlen, die dunkle Bahnen in den Dreck auf seiner Stirn zogen.

Langsam stieg Wut in Cari auf. Wenigstens waschen hätten sie sich können, bevor sie sie überfielen. Was fiel ihnen ein? Das war so ... respektlos. Wahrscheinlich hatten die Männer sie für leichte Beute gehalten, ein paar arglose Wanderer mit prallen Börsen und vollen Taschen, die sich schon beim Anblick bewaffneter Strolche in die Hosen machten. Doch diesen Fehler würden sie sehr schnell einsehen. Sie würden es noch bereuen, sich ihnen in den Weg gestellt zu haben, so hässlich und schmutzig und dumm und dreist. Unfähig und unwillens, ihren Zorn länger zu unterdrücken, überlegte Cari, wie sie den Göttern ein wenig unter die Arme greifen und selbst für eine Gelegenheit sorgen könnte. Ihr Vetter Hadrien schien indessen die gleichen Gedanken zu haben.

»Seht, da kommen sie!«, rief er laut und deutete auf einen Punkt hinter dem Abschaum. Ein paar der Männer fuhren tatsächlich herum, um nach der neuen Bedrohung zu schauen. Cari reagierte sofort, schnellte nach vorn, holte mit dem dicken Knüppel in ihren Händen aus und zog ihn dem erstbesten Kerl über den Hinterkopf.

Der Schlag traf auf keinen richtigen Widerstand, so unerwartet kam er für sein Ziel, und so drehte Cari sich um die halbe Achse und musste aufpassen, nicht selbst das Gleichgewicht zu verlieren. Instinktiv nutzte sie die Drehung, um erneut Schwung zu holen und blind in die andere Richtung zu schlagen, in der Hoffnung, den nächsten zu erwischen, bevor er sie traf. Und Idira war bei ihr. Ihr zweiter Schlag geriet nicht ganz so hoch wie der erste, aber das war gut so, denn so traf sie den Mann genau in seine Weichteile; ohne einen Laut von sich zu geben, sackte er nach vorne zusammen und fiel auf die Knie. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihm nun den Schädel zu zerschmettern.

Doch noch während Cari es in Betracht zog, kam der Kampf um sie schon wieder zum Erliegen. Es war kaum mehr als ein kurzes Scharmützel gewesen. Sie hatten die Räuber völlig überrumpelt. Zwei der Männer hatten vor Schreck die Beine in die Hand genommen und schlugen sich gerade ins Unterholz, zwei andere wanden und krümmten sich wimmernd im Dreck, einer kniete, die Hände mit schmerzverzerrtem Gesicht im Schritt vergraben, und einer lag so regungslos wie ein Sack voll nassem Sand vor ihnen auf der Straße. Dieser war Caris erstes Opfer gewesen. Nur der kleine Anführer stand noch auf den Beinen. Aus seiner Nase und dem rechten Mundwinkel tropfte Blut.

Jetzt hat er endlich einen Grund, sich zu waschen, dachte Cari mit grimmiger Befriedigung.

»Seht zu, dass ihr Land gewinnt«, warf ihm ihr Vater zu. Sein Tonfall war ruhig und unaufgeregt. Er deutete mit einer knappen Geste auf den Mann, der vor Cari lag. »Und nehmt den da mit.«

Dann wandte er sich um und ging. Einfach so, ohne einen weiteren Blick, ohne ein weiteres Wort. Cari jubilierte innerlich. Es war eine Geste des absoluten Sieges, der absoluten Demütigung: Er drehte ihren Gegnern furchtlos den Rücken zu.

»Lebt der noch?«, hörte sie den Anführer fragen. Ihr Vater drehte sich nicht einmal um, als er ihm antwortete.

»Was kümmert mich das? Schau selbst nach.«

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Lichtung. Der Weg führte am Waldesrand entlang, doch sie beschlossen, ihn hier für eine kurze Rast zu verlassen. Die Lichtung war ein Teppich aus sanft wiegenden Gräsern, hüfthohen Farnen, Nartasien und anderen bunt blühenden Wildblumen. Die Luft schwirrte vom Summen und Brummen der Käfer und Insekten, und wohin sie ihre Schritte auch lenkten, stiegen farbenfrohe Schmetterlinge in die Luft. Es war ein Ort, der in seiner Schönheit und seinem unschuldigen Frieden in komplettem Gegensatz zu dem stand, was sie soeben erlebt – und überlebt – hatten.

Sie waren zwar nicht weit gelaufen, aber Cari erschien es weit genug, um sicher sein zu können, dass es sich die Wegelagerer nicht anders überlegt hatten und ihnen nachgelaufen waren, um ihnen in den Rücken zu fallen. Nach dem Überschwang der Glücksgefühle und Erleichterung waren ihre Beine auf den letzten Schritten zittrig geworden, und vor ihrem inneren Auge erwachten Bilder von dem, was hätte sein können. Die abfallende Anspannung machte einem Anflug von Panik Platz; ihr Herz drosch gegen ihre Brust wie der Hammer ihres Vaters auf einen Nagel, der sich nicht so recht ins Holz treiben lassen wollte. Sie schloss die Augen, um sich auf ihren Atem zu konzentrieren, doch noch vermochten die tiefen Atemzüge nicht die Oberhand über die Angst zu gewinnen. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie die Bäume, wie sie sich auf sie zu bewegten und mit ihren dicken Ästen wie mit Knüppeln ausholten, um sie zu erschlagen. Schnell schloss sie ihre Augen wieder.

Es ist gleich vorbei, versuchte Cari sich zu beruhigen. Es ist nur Angst, und Angst vergeht. Sie zwang die wandernden Bäume aus ihren Gedanken. Stattdessen rief sie sich die Bilder der Wegelagerer ins Gedächtnis, musterte jede Einzelheit ihrer schmutzigen Gesichter und widerwärtigen Gestalten, erinnerte sich an die Worte, die sie einander zugeworfen hatten, die Drohungen und Gesten. Und dann durchlebte sie ein zweites Mal den kurzen Kampf, bis zu dem Moment, als ihr Knüppel auf den Kopf des einen und in die Mitte des nächsten Räubers traf. Erneut erfüllte sie die Woge von Erleichterung und Genugtuung – schwächer zwar, aber reichte es doch, um ihren Geist zu beschwichtigen und wieder Herrin ihrer Sinne zu werden.

Als sie sich beruhigte, wurde sie auch wieder empfänglich für das, was sie in diesem Moment umgab. Und so spürte sie den Blick ihres Vaters auf sich ruhen. Sie holte ein letztes Mal tief Luft – und öffnete schließlich wieder die Augen. Die Bäume blieben da, wo sie hingehörten.

»Alles in Ordnung, Carlène?«, fragte ihr Vater sie.

»Ja, Konnjar«, antwortete sie mit einem kurzen Nicken. Dann lächelte sie, und ihr Vater antwortete mit einem breiten Grinsen. Und so fiel auch der letzte Rest Anspannung von ihnen ab und mündete in ein lautes Lachen, dem sich auch die anderen nicht verwehren konnten.

»Trotzdem war das dumm«, meinte ihre Mutter, als sie sich wieder beruhigten. Sie gab ihr Bestes, den Tadel ernst klingen zu lassen, doch fehlte es ihrer Stimme an Überzeugung. Hadrien reagierte mit einem nonchalanten Schulterzucken.

»Dass sie uns überfallen haben? Ja, das haben sie jetzt wohl auch verstanden«, entgegnete Cari an Stelle ihres Vetters, und um ihren Scherz noch zu untermalen, verzog sie ihren Mund und schüttelte gleich darauf mit dem Kopf. Das hatte sie sich ebenso angewöhnt wie ihre Eltern mit ihren Vornamen anzusprechen. Sie fand, das grenzte sie ein wenig voneinander ab – insbesondere wenn Fremde um sie herum waren. Sie wollte nicht mehr nur als die Tochter von Konnjar, dem Baumeister gesehen werden.

»Nein, dass du so auf sie losgegangen bist, Carlène. Das war gefährlich.«

»Hadrien hat den Stein doch ins Rollen gebracht«, entgegnete Cari.

»Denke nicht, dass die eigentliche Gefahr von mir ausging«, pflichtete Hadrien ihr bei.

»Ihr wisst, was ich meine«, beharrte ihre Mutter.

»Wir würden immer noch da stehen und einander beäugen, wenn Hadrien nicht den ersten Schritt gemacht hätte«, meinte Cari. Es fiel ihr schwer, nicht mit den Augen zu rollen.

»Carlène!« Ihre Mutter warf ihr einen mahnenden Blick zu. Hatte sie es unbeabsichtigt doch getan?

»Was? Es ist doch gut gegangen.«

»Ja, dieses Mal vielleicht. Aber das nächste Mal –«

»Nächstes Mal ist eh wieder alles anders«, sagte Hadrien. »Sollten lieber hoffen, dass es kein nächstes Mal gibt.«

»Das ist schon richtig. Aber wenn doch, dann möchte ich, dass ihr keine Dummheiten macht.«

»Es war nicht dumm«, antwortete Cari. Und dieses Mal rollte sie sehr bewusst mit den Augen. »Die hatten mehr Angst als wir.«

»Das glaube ich nicht, Carlène.«

»Doch. Dieser erbärmliche Haufen von Versagern war so abgemagert, die konnten kaum ihre Knüppel in der Hand halten!«

»Ach Kind«, seufzte Selva. »Trotzdem hätten sie uns verletzen können.«

»Ich bin mir sicher, dass sie das sowieso vorhatten, Selva«, entgegnete Cari. Sie betonte den Namen ihrer Mutter, um ihrer Missbilligung Ausdruck zu verleihen. Sie mochte es nicht, belehrt zu werden – auch wenn sie verstand, worauf ihre Mutter hinaus wollte.

»Wir haben es überstanden«, mischte Konnjar sich schließlich ein. »Lasst es gut sein. Wir ruhen uns kurz aus. Dann weiter.«

Cari warf ihrer Mutter einen letzten versöhnlichen Blick zu und gab sich dann ihren Gedanken hin. Sie stellte sich die gleiche Frage wie schon zu Beginn des Kampfes: Was hatte die Männer wohl auf die Straße gebracht? Abschaum hin oder her, freiwillig hatten sie dieses Leben nicht gewählt. Mögliche Antworten darauf fand sie viele, und die meisten begannen mit der Verwüstung, die Ranroth mit seinen Barbaren über weite Teile von Saranien, Kreonien und Torant gebracht hatte. Viele Menschen waren dem zum Opfer gefallen, und auch zwei Jahre nach dem endgültigen Sieg über Ranroths Horde bei Opanit war das Leben noch nicht wieder in die zerstörten Landstriche zurückgekehrt. Von den wenigen Überlebenden hatten viele im Wald Zuflucht gesucht, da an das Bestellen der Felder, die sie ernähren sollten, kaum zu denken war. Zu groß war die Gefahr, von versprengten Barbaren oder anderen hungrigen Mäulern um den Lohn der Arbeit – und ums Leben – gebracht zu werden. Der Wald hingegen bot Schutz und Nahrung, auch wenn das bedeutete, zum Wilddieb werden zu müssen. Das war am Ende das geringere Übel. Es gab sowieso niemanden, der das Recht des Königs durchzusetzen vermochte.

Doch ohne Aussicht auf eine sichere Zukunft zog es nun immer mehr Menschen in die benachbarten Königreiche, um dort ein neues Leben aufzubauen. Das rief Wegelagerer auf den Plan, die den Flüchtlingen das abnahmen, was ihnen noch geblieben war – Flüchtlingen, wie sie selbst es waren.

Ihr Vater Konnjar war Baumeister, und während es in Saranien eigentlich viel wieder aufzubauen gab, fehlte es doch an Leuten, die dies beauftragten und vor allem bezahlten. Sie hatten von Bestrebungen gehört, die völlig dem Erdboden gleichgemachte Stadt Gjarbann von den verkohlten Grundmauern aus neu errichten zu wollen, doch Gjarbann lag inmitten des verwüsteten Niemandslandes in Saraniens Westen. Stattdessen nach Calea zu ziehen und in den aufblühenden Handelsstädten eine Arbeit zu suchen, die die Familie ernähren konnte, erschien ihnen aussichtsreicher. Und so hatten sie sich auf den langen Weg gemacht, nur mit einer groben Himmelsrichtung als Orientierung, und waren nun hier auf vermutlich halbem Weg mitten in Heratien.

Dabei waren sie als eine große Gruppe aufgebrochen. Als Konnjar den Vorschlag unterbreitet hatte, hatten sich ihnen zunächst ihre Vettern Gael und Hadrien angeschlossen. Beide hatten ihre Familien an die Barbaren oder an Hunger und Krankheit, die diesen auf den Fuß gefolgt waren, verloren. Was blieb ihnen also auch anderes übrig? Das galt insbesondere für Gael, der kaum mehr als ein Dutzend Sommer erlebt hatte, einen klugen, aber stillen Jungen, der seine von Angst und Traurigkeit dunkel schimmernden Augen viel zu oft zu Boden gerichtet hielt. Hadrien hingegen war ein erwachsener Mann, der sich vor dem Krieg als Tischler verdingt hatte und die kräftige Statur und das selbstsichere Auftreten eines Handwerkers – oder eines Kriegers – hatte. Sein dunkler Bart und die kurzgeschnittenen Haare verstärkten den ernsten Ausdruck seines Gesichts, während die sanften Linien der Falten auf seiner Stirn eine grüblerische Tiefgründigkeit verrieten. Er hätte sicher auch alleine in Saranien bleiben können, doch Cari und er verstanden sich so gut, dass sie meinte, dass er vor allem ihretwegen eingewilligt hatte, mitzukommen.

Als sich dann herumsprach, dass sie nach Calea ziehen würden, erklärten sich noch gut zwei Dutzend anderer bereit, ihnen zu folgen, und so waren sie schließlich von einem Tag auf den nächsten aufgebrochen und hatten ihre alte Heimat hinter sich gelassen. Viel vorzubereiten hatte es nicht gegeben und der Abschied von ihrem alten Leben war den meisten sehr leicht gefallen.

Das war vor sechs Wochen gewesen, und dass von ihrer ursprünglichen Gruppe nur noch ihre eigene Familie übrig geblieben war, hatte unterschiedliche Gründe. Ein paar wenige hatten es sich nach den ersten Tagen anders überlegt und waren umgekehrt. Andere hatten sie in den Dörfern und Städten verlassen, die sie seit ihrem Aufbruch passiert hatten, um dort ihr Glück zu versuchen. Und manche waren auch gestorben. Dieser erbärmliche Haufen von dreckigen Versagern, der sie heute überfallen hatte, war nicht der erste gewesen, und die anderen Male waren sie nicht so gut auf einen Angriff vorbereitet gewesen. So waren letztlich nur sie sieben geblieben, doch Cari gab sich Mühe, das als gutes Zeichen zu sehen. Immerhin bestand auch die Ewige Familie aus sieben Mitgliedern.

Cari blickte von einem zum anderen. Konnjar war ein großer, für einen Handwerker ungewöhnlich schlanker Mann, den immer eine Aura des unruhigen Tatendrangs umgab. Wenn er länger keine Aufgabe fand, mit der er sich die Zeit vertreiben konnte, begann er, sich immer wieder mit der Hand über das Gesicht zu fahren. Kratzte er dabei über seine Bartstoppeln, regte ihn das noch mehr auf – und so fand er dann meistens eine Beschäftigung, indem er sich rasierte. Cari wusste nicht warum, aber ihr Vater ertrug es nicht, einen Bart zu haben. Schade, denn der stand ihm eigentlich. Er ließ ihn verwegener aussehen.

Selva hingegen war ruhiger, aber deswegen nicht gleich ruhig. Ihre Mutter war eine großgewachsene Plaudertasche, die gerne viel fragte, viel erzählte und viel lachte. Aber sie konnte eben auch mal nichts tun. Von ihr hatte Cari die blonden Haare geerbt, und vielleicht auch ihr Interesse für ihre Mitmenschen. Sie fand zwar, dass ihre Mutter vor allem einfach neugierig war, während sie selbst gerne hinter die Fassade schaute und sich fragte, was ihren Gegenüber antrieb, doch trotzdem musste das als Gemeinsamkeit herhalten, denn ansonsten war die Liste nicht ganz so lang. Schlimm war das aber nicht. Im Gegenteil. Ihre Unterschiede ließen sie so immer etwas haben, worüber sie diskutieren konnten, und das war etwas, das Cari sehr schätzte.

Ihre Brüder waren äußerlich exakte Abbilder ihres Vaters – nur in verschiedenen Entwicklungsstadien. Wenn man einen Unterschied suchte, fand man ihn am ehesten in ihren Mienen: Danneel wirkte zumeist unbekümmert, wenn nicht sogar naiv, und hatte eine recht simple und grobe Art und Weise, auf die Welt zu schauen, während Jovan immer mal den leichten Spott eines gewitzten Geistes durchblicken ließ. Sie waren beide jünger als sie. Danneel und sie trennten vier Sommer, Jovan noch zwei mehr. Gerade Danneel war dabei der Meinung, schon ein erwachsener Mann zu sein, und Jovan sah sich so dazu angetrieben, seinem Bruder in Nichts nachzustehen – aber Cari wusste es besser. Beide waren noch Kinder, und wahrscheinlich würden sie es in ihren Augen auch immer bleiben. Das ließ sie den beiden gegenüber auch gerne mal durchblicken. Am Ende war es auch zu ihrem Besten. Wenn sie sich schon nicht gegen ihre Schwester durchsetzen konnten, wie wollten sie sich dann in der Welt behaupten?

Hadrien war da ganz anders. Auch ihm sah man an, dass er zur Familie gehörte; sie waren überhaupt alle sehr groß. Das schloss sie selbst mit ein. Im Gegensatz zu den anderen war Hadrien aber oft in sich gekehrt und beobachtete viel, ohne es zu kommentieren. Wenn er etwas tat oder sagte, so hatte Cari den Eindruck, dass er davon überzeugt war und wusste, was er tat. Cari war überzeugt, dass er auch gut alleine zurechtkommen würde. Er war bei ihnen, weil er es wollte, nicht, weil er es musste. Und er und ihr Vater arbeiteten hervorragend Hand in Hand. Cari war sehr glücklich gewesen, als er zugestimmt hatte, sie nach Calea zu begleiten. Es machte ihre Chancen, dort anzukommen, wesentlich besser – und die lange Reise sehr viel angenehmer.

Und dann war da noch Gael, der kleine Sohn von Konnjars Schwester. Er war nicht nur der jüngste von ihnen allen, sondern auch der stillste. Nicht auf so eine in sich ruhende Art, wie es bei Hadrien der Fall war, sondern auf eine traurige, verlorene Weise. Cari verbrachte viel Zeit mit ihm, versuchte, ihn aus seiner Einsamkeit zu holen, ihm Dinge zu zeigen und zu erklären, mit ihm zu reden und zu schweigen. Doch Gael sagte nicht viel, und wer konnte es dem kleinen Jungen auch verdenken. Cari hoffte, dass die Zeit seine Düsternis vertreiben würde und er den Verlust seiner Eltern überwinden konnte, und bis dahin versuchte sie, geduldig mit ihm zu sein.

Vor ein paar Tagen war es ihr das erste Mal gelungen, ihn aus seinem Schneckenhaus zu locken. Sie hatte an einem Bachlauf einen grünen Frosch entdeckt, dessen Rücken mit blauen Punkten gesprenkelt war. Sie hatte Gael zu sich gerufen und ihm den Frosch gezeigt, und als sie sah, wie Neugier in seine Miene schlich, begann sie sich eine Geschichte darüber auszudenken, wie der Frosch zu seinen Punkten gekommen und welch zauberhaftes Wesen er doch war. Sie hatte erzählt und erzählt, bis ihr schließlich die Ideen ausgingen, und stellte ihm dann die Frage, ob er auch schon mal so ein besonderes Tier entdeckt habe. Sie hatte gehofft, dass sie ein kleines Gespräch beginnen konnten – doch Gael hatte sie nur erschrocken angesehen, so als würde ihm bewusst werden, dass er für einen Moment seine Trauer vergessen hatte und er sich dafür schämen müsse. Dann hatte er schnell mit dem Kopf geschüttelt, war mit einem Schulterzucken aufgestanden und hatte Cari mit ihrem Zauberfrosch alleine gelassen. Es war ein deprimierender Moment gewesen. Erst als sie später darüber nachdachte, ergab Gaels Reaktion für sie einen Sinn. Sie hatte sich dann vorgenommen, mit Selva mal darüber zu sprechen – und bis jetzt keine Gelegenheit dazu gefunden.

Cari kam wieder im Hier und Jetzt an. Sie sah zu ihrer Mutter, um ihre Stimmung abzuschätzen. Sie wirkte entspannt, das kleine Scharmützel eben schien keinen weiteren Schaden angerichtet zu haben. Gael saß mit Danneel und Jovan ein Stück von ihnen entfernt und hatte die Augen geschlossen. Vielleicht schlief er. Einen besseren Moment, beschloss Cari, würde sie so schnell nicht finden.

Doch gerade, als sie aufstehen und zu Selva gehen wollte, sah sie im Augenwinkel, wie Konnjar mit den Händen über sein Gesicht fuhr und kurz darauf aufsprang.

»Hoch mit euch!«, rief er ihnen zu. »Los! Es ist noch ein weiter Weg bis nach Jurbrand.«

Kapitel 2

Sie wussten, dass sie sich Jurbrand näherten, lange bevor auch nur die erste Dachspitze oder das kleinste Wimpelchen auf einem Turm der Stadtmauer in Sicht kamen. Die Straße, der sie folgten, füllte sich immer mehr mit Menschen, die in dieselbe Richtung liefen. An jeder Weggabelung, die sie passierten, kamen neue hinzu und schlossen sich der vielgesichtigen Schlange an, die sich durch den stetig lichter werdenden Wald schob. Und jeder, wirklich jeder sprach von dem großen Turnier, das in Jurbrand stattfinden würde.

Als der Wald schließlich den Blick auf die Hauptstadt von Calea freigab, löste Cari sich aus dem Tross, trat zur Seite und ließ die Aussicht auf sich wirken. Nachdem ihr Blick in den letzten Wochen selten weiter als bis zum nächsten Baum hatte schweifen können und ansonsten vor allem auf den beschwerlichen Weg unter ihren Füßen gerichtet gewesen war, war es für ihre Augen gleichermaßen Befreiung und Herausforderung, die große Stadt zu überblicken, die sich vor ihr ausbreitete.

Ein kurzer suchender Blick in die Mienen ihrer Familie machte ihr klar, dass man ihr nur eine kurze Pause gestatten würde. Nach Wochen auf der Straße hatte jeder von ihnen seine ganz eigenen Beweggründe, die Stadttore endlich durchqueren zu wollen: die Aussicht auf eine neue Anstellung, bezahlte Arbeit, ein neues Zuhause mit einem richtigen Dach und einem Feuer, neue Menschen, die man kennenlernen konnte, erstaunliche Dinge, die es zu entdecken galt – oder schlichtweg Hunger, Durst, schmerzende Füße, schwere, taube Beine und eine von der ewigen Monotonie der Bäume beschworene Gereiztheit, die sie einfach nur das Ende der Reise herbeisehnen ließ. Und so blieben Cari nur wenige Augenblicke, das Panorama zu erfassen.

Ihr Weg kam von einer leichten Anhöhe, sodass es den Anschein machte, Jurbrand läge in einer Talsenke. Tatsächlich war es jedoch vielmehr so, dass sich um die Stadt eine Ebene eröffnete. Inmitten der Obsthaine, Viehweiden und grün aufragenden Felder erhob sich ein einzelnes Felsplateau, um das herum sich die Stadt ausgebreitet hatte. Auf dem Plateau erkannte Cari eine Festungsanlage. Besonders ins Auge fiel ihr aber die Ringmauer, die man um die Stadt errichtet hatte. Sie schien Cari recht niedrig zu sein, während sie in regelmäßigen Abständen von vergleichsweise hohen Türmen durchsetzt war. Per Augenmaß schätzte Cari, dass die Türme die Mauern um ihre doppelte Höhe überragten. Sie waren mit hölzernen Konstruktionen überdacht, und während sich auf jeder Turmspitze eine Flagge mit dem Wappen der caleanischen Krone – so vermutete Cari wenigstens – in den Wind legte, erspähte sie schlauchartige Fahnen, die an verschiedenen Stellen um die Türme herum angebracht waren.

Cari sah, wie die Menschenschlange sich durch das ihnen zugewandte Tor in die Stadt zwängte, und erkannte am Horizont ein weiteres Tor, durch das wenigstens ein Teil dieser Schlange wieder herauskam. Dort sah sie zwischen Stadtmauer und Waldesrand inmitten bunten Gewimmels eine große hölzerne Konstruktion und schloss daraus, dass dies wohl der Turnier- oder Festplatz sein musste. Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt funkelte das vom Sonnenlicht goldbesprenkelte Blau eines breiten Flusses, an dessen Ufer Jurbrand gegründet worden sein musste. Er speiste einen Wassergraben, der um die Stadtmauer herum verlief und eine Mühle antrieb. Über den Häusern innerhalb der Mauern stiegen trotz dessen, dass es mitten am Tag war, vereinzelte Rauchsäulen auf. Es war überwältigend. Nach all der Zeit in Ruhe, Abgeschiedenheit und Einsamkeit fluteten die vielen Eindrücke Caris Sinne und waren im gleichen Maße berauschend wie beängstigend.

Cari spürte Gaels Hand in der ihren, und während er ihre Nähe suchte, um Schutz zu finden, konnte Cari nicht leugnen, dass es ihr andersherum genauso ging. Sie schenkte dem kleinen Jungen ein Lächeln, nickte ihm dann auffordernd in Richtung der anderen zu, die einige Schritte entfernt auf sie warteten, und reihte sich mit ihm zusammen in den bunten, lärmenden Strom ein, der auf die prächtige Stadt zuhielt.

Je näher sie Jurbrand kamen, umso lauter, freudiger, bunter, ergreifender, belebter wurde die Kulisse und umso mehr Einzelheiten konnte Cari erkennen. Und das Bild der festlichen, schmucken, herausgeputzten Hauptstadt bekam schnell erste Risse. Noch lange bevor sie das Tor der auch aus der Nähe eher niedrig erscheinenden Stadtmauer durchschritten, beobachtete Cari zwischen den Hütten außerhalb der Stadt in einer dunklen, schmutzigen Seitengasse zwei ebenso dunkle Männer, die sich vor einem noch schmutzigeren Jungen aufgebaut hatten. Sie schubsten ihn zwischen sich hin und her, wobei sie zunächst lachten und schließlich, als der Junge ihnen nicht das gab oder antwortete, was sie wohl erwartetet hatten, immer drohender und wütender wurden. Aus dem Schubsen wurden binnen eines Herzschlags Schläge und Tritte. Wie aus dem Nichts erschien dann plötzlich ein streunender Hund, warf sich bellend und knurrend zwischen die Männer, schnappte nach ihren Beinen und Armen und ermöglichte es dem Jungen so, die Flucht zu ergreifen. Als die Männer sahen, dass sie ihn nicht mehr zu fassen bekommen würden, wandten sie sich dem Hund zu und traktierten ihn mit Tritten, bis er winselnd von ihnen abließ und versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. Offenbar flaute die Wut der Männer damit ab, denn sie beließen es dabei, dem Hund ein paar Steine nachzuwerfen, und verschwanden schließlich im Eingang einer Hütte, die von außen betrachtet nichts anderes als solche Gestalten hätte ausspucken können.

Die Szene ereignete sich und verflog so schnell, dass es Cari wie eine flüchtige Einbildung, ein hässlicher Tagtraum vorkam. Beinahe hoffte sie darauf, dass ihr Geist einfach die Erinnerungen aus ihren Begegnungen mit Wegelagerern nicht von den viel zu vielen Bildern, mit denen Jurbrand sie bestürmte, trennen konnte und stattdessen alles in einen schmutzigen Topf warf und zu einer widerwärtigen Brühe verrührte. Der sich langsam in eine sichere Ecke davon schleppende Hund belehrte sie jedoch eines Besseren. Dass alle anderen außer ihr das Ganze nicht gesehen hatten – oder nicht hatten sehen wollen – machte es umso schlimmer. Und so kam die Erkenntnis jäh und viel zu schnell, wie das Ende aus einem wonnigen Traum: Jurbrand mochte eine außergewöhnlich schöne und reiche Stadt sein, doch auch ihr Licht warf einen Schatten. Es war ein ernüchternder Gedanke, einer, der einen bitteren Geschmack hinterließ und sich sehr schnell in ihrem Geist einnistete. Doch hätte er sie sicher schwerer getroffen, wenn ihre Freude über das Ende ihrer Reise nicht alles andere als zweitrangig hätte erscheinen lassen.

»Die ist doch sinnlos«, riss Konnjar sie aus ihren Gedanken. Sie waren auf der Brücke, die über den Graben führte, der die Stadt umgab. Er deutete auf die Mühle, die sie vom Waldrand aus schon gesehen hatten, und schien sich sicher zu sein, dass Hadrien, Danneel und Jovan seinem Blick folgten. »Der Graben ist viel zu weit und das Wasser fließt viel zu langsam. Das treibt keine Mühle an, sondern macht sie nur nass. Schade um die Konstruktion.«

»Man braucht den Graben doch nur schmaler machen«, warf Danneel ein, und er strahlte dabei so stolz, als hätte seine Idee die Fähigkeiten aller Baumeister der Welt überflügelt.

»Kann man machen«, antwortete Hadrien. »Hilft aber nicht mehr gegen Angreifer.«

»Angreifer?«, fragte Danneel überrascht. Cari musste schmunzeln, denn aus dem Gesichtsausdruck eines stolzen Baumeisters war soeben das verdutzte Gesicht eines naiven Bauernjungen geworden, der erkannt hatte, dass er einen Stier nicht melken konnte, weil er kein Euter hat.

»Ist ein Wehrgraben. Machst du den schmaler, schützt er nicht mehr«, sagte Hadrien, und damit war wohl für ihn alles gesagt, denn er wandte sich wieder dem Tor zu, das noch immer auf sie wartete. Danneel hatte es jedoch noch nicht begriffen, und so half Konnjar ihm auf die Sprünge.

»Du hast recht, eine Verjüngung würde das Wasser beschleunigen. Vermutlich würde es dann auch für die Mühle reichen. Aber wenn du es eng machst, dann können Angreifer einfach drüberspringen. Oder den Graben schneller zuschütten. Und das wäre nicht gut.«

»Aber warum haben sie die Mühle dann gebaut?«, wollte Jovan wissen. »Man sieht doch, dass das Wasser hier langsam fließt.« Auf Konnjars Gesicht zeichnete sich so etwas wie Stolz ab. Er legte seinem jüngeren Sohn die Hand auf die Schulter, und gleich darauf auch Danneel.

»Ich weiß es nicht, Junge. Vielleicht wollten sie etwas ausprobieren. Oder sie haben den Graben erst später verbreitert. Wobei die Mühle dafür zu neu aussieht.«

»Oder sie waren einfach dumm oder hatten keinen so guten Baumeister wie wir«, warf Cari ein. »Nur, weil Menschen etwas sehen, heißt das nicht, dass sie keine Gründe dafür finden, warum es nicht nur Einbildung sein könnte.«

»Das verstehe ich nicht«, entgegnete Jovan.

»Musst du auch nicht, Junge«, meinte Konnjar und schob seine Söhne nun ebenfalls in Richtung Tor. Cari war da anderer Meinung, entschied jedoch, dass es für den Moment gut war, und hakte sich bei Selva ein, die ihr den Arm mit einem wissenden Lächeln hinhielt.

Das Stadttor war wie eine Schleuse, durch das sich die Besucher in die Straßen der Stadt ergossen. Cari hatte nach den Erfahrungen in anderen Städten, die sie gesehen hatte, erwartet, dass der Zustrom nun in ein unerträglich enges und zähes Gedränge ausarten würde, da schmale Gassen zwischen hohen Fassaden den verfügbaren Platz stark eingrenzen würden. Doch das Gegenteil war der Fall. Kaum waren sie an den Wächtern vorbei, die ein eher flüchtiges Auge auf die Ankömmlinge warfen, verteilten sich die Menschen in einem auf den ersten Blick systematisch und gut durchdachten Netz aus Straßen und Gassen. Selbst wenn man sich hier nicht auskannte, so hatte man doch den Eindruck, dass man sich gar nicht verlaufen konnte, denn wohin auch immer man sich wandte, so fand man dort Schenken und Gasthäuser, Stände und Auslagen von Händlern und Handwerkern, Spielleute und fahrendes Volk und letztendlich immer wieder auch andere Menschen, die ganz offensichtlich nicht hier heimisch, sondern des großen Turniers wegen hergekommen waren. Und an deren Fersen konnte man sich heften, um wieder zu einer der großen Hauptstraßen zu gelangen. Jurbrand sog seine Gäste auf wie trockener Boden den Regen und berauschte sich in gleichem Maße an ihnen wie sich die Gäste an all den Eindrücken, die auf sie einstürmten.

Fühlte Cari sich anfangs noch völlig in den Bann der vor Leben und Freude regelrecht zu berstenden Stadt gezogen, schlug das Staunen alsbald in ein leichtes Schwindelgefühl um. Vielleicht war es Hunger, vielleicht Müdigkeit, vielleicht war es von allem zu viel – jedenfalls heftete sie ihren Blick auf ihre Füße und versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was darunter war, und alles andere zunächst auszublenden. Sie sah, dass die Straße, der sie folgten, mit Stein gepflastert war und zu beiden Seiten leicht abfiel. Vermutlich, damit Wasser und Unrat abfließen konnten, schlussfolgerte Cari – und musste lächeln. Es stand wohl außer Zweifel, dass sie ihres Vaters Tochter war. Mochten ihr die Ewigen auch den Boden unter den Füßen wegziehen, sie würde im Fallen noch überlegen, wie man ihn wohl hätte stabiler bauen können.

Sie atmete tief durch und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Sie war so breit, dass zwei Karren oder Gespanne ohne Probleme aneinander vorbeifahren konnten, und gesäumt von hohen, massiven, kunstvoll bemalten und mit Ornamenten verzierten Häusern aus Stein. Dazwischen sah sie einige ältere, deswegen aber nicht weniger gepflegte, schmuckvolle Fachwerkhäuser. Jurbrand machte keinen Hehl daraus, dass es wohlhabend und die Hauptstadt eines reichen Landes war, das durch den Handel mit anderen Königreichen erblühte.

Bald darauf erreichten sie einen großen Platz, gesäumt von noch viel prächtigeren und prunkvolleren Bauten, die teils Giebel an Giebel errichtet waren, teils jedoch für sich allein inmitten eines kleinen Gartens oder Parks standen. Wäre Cari sich nicht sicher gewesen, dass der König von Calea in der Festung über der Stadt residieren würde, sie hätte eines der Häuser hier in Erwägung gezogen. Doch Häuser traf es nicht einmal im Kern. Was sie hier vor sich sahen, waren Paläste. Und so fanden sie auf dem Platz auch nicht die üblichen Stände gewöhnlicher Händler, sondern kleine Pavillons aus feinem Tuch, in die reiche Kunden hineingeführt wurden, um von Bediensteten verwöhnt und von redegewandten Händlern um den Finger gewickelt zu werden. Von den Waren sahen sie nicht allzu viel, denn die Kostbarkeiten wurden wohl nur im Inneren der Pavillons enthüllt. In Caris Geist entstanden jedoch Bilder von teuren Geschmeiden und Edelsteinen, edlen Waffen, die sich über dem Kamin besser machten als in der Hand, Speisen, Getränken und Gewürzen aus allen vier Himmelsrichtungen, Schriftrollen und Folianten, heiligen und geweihten Reliquien, Statuen, Bildnissen und Kunstwerken – alles Dinge, die sie gerade auf keine Weise reizten. Mit Ausnahme der Speisen und Gewürze vielleicht, denn die Düfte, die überall in der Luft lagen, weckten ihren das Hungern mittlerweile gewohnten Magen. Konnjar, Selva und den Jungs schien es genauso zu gehen, denn ratlos schauten sie sich um. Es war klar, dass sie hier am völlig falschen Ort waren. Andererseits hatten sie sowieso kein Geld, mit dem sie sich etwas zu essen hätten kaufen können, und weniger betuchte Händler hatten mit Sicherheit noch weniger zu verschenken als jene, vor deren opulenten Aufmachungen sie gerade standen. Cari war bewusst, dass man es nicht zu Reichtum brachte, indem man sich großzügig und offenherzig zeigte.

»Wir brauchen Arbeit«, stellte Konnjar nüchtern fest – und sprach damit aus, was sie alle dachten.

Kapitel 3

Jurbrand hatte sie mit offenen Armen empfangen, so schien es zunächst – bis die Stadt merkte, dass sie nicht gekommen waren, um Geld auszugeben, sondern um welches zu verdienen. Ab da wurde es schwierig. Aber sie hatten es auch gar nicht anders erwartet.

Sie hatten sich in vier Gruppen aufgeteilt, um getrennt voneinander die Stadt nach einer Verdienstmöglichkeit abzusuchen. Konnjar ging mit Jovan, Selva mit Gael und Hadrien mit Danneel, während Cari sich allein auf den Weg machte. Konnjar und Hadrien wollten sich auf die Suche nach einer Baustelle machen, um dort ihre Dienste anzubieten, Selva wollte in den Gasthäusern und bei Händlern fragen, ob man dort helfende Hände gebrauchen konnte. Und Cari nahm sich vor, einfach auf gut Glück zu schauen, was sich wohl ergab. Am Abend wollten sie sich wieder hier treffen und schauen, was sie hatten erreichen können.

Cari war sich bewusst, in welcher Lage sie sich befanden. Und eine Weile lang hielt sie auch ernsthaft Ausschau nach etwas, das ihnen vielleicht helfen konnte. Doch diese Weile reichte kaum, um die Schatten weit wandern zu lassen, und bald schon ergab sie sich dem Gefühl, dass sie mit Fragen und Betteln nichts erreichen würde. Dafür war sie trotz allem zu stolz und ihr schwante, welche Sorte von Angeboten man ihr als junger Frau machen würde. Stattdessen beschloss sie, dem Trubel der Stadt zu entfliehen. Sie verließ Jurbrand durch eines der ruhigeren Tore, folgte einem dem Fluss folgenden Feldweg, ließ einige Gehöfte hinter sich und fand sich bald in einem kleinen Auwald wieder, der sie mit einer beruhigenden, friedlichen, unschuldigen Stille umfing.

Kaum hatte sie die Bäume erreicht, verließ Cari den Weg und hielt blindlings auf den Fluss zu, den sie nicht weit entfernt wähnte. An seinem Ufer angekommen, gönnte sie sich einen Moment der Ruhe und der Rast, setzte sich auf einen kleinen Felsbrocken, der halb im Wasser lag, und ließ das kalte Nass ihre vom ewigen Laufen wunden Füße kühlen. Sie schloss die Augen, lauschte dem leisen Rascheln und Rauschen, das sie umfing, genoss die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht und fühlte sich, als würde sie träumen. Sicher würde sie gleich aufwachen, inmitten dieser großen, lauten Stadt, und in das besorgte Gesicht von Selva blicken, die sie nach einem Schwächeanfall inmitten all der Leute aufgefangen hatte.

Doch Cari wachte nicht auf; sie träumte nicht, auch wenn es ihr gerade gut ging. Zu gut, wie sie sich eingestehen musste, denn während sie sich hier wie eine Eidechse in der Sonne wärmte, suchten ihre Eltern und Geschwister händeringend nach einer Möglichkeit, ihr aller Überleben zu sichern. Und so holte Cari ein letztes Mal tief Luft, kostete den frischen Duft des Wassers und die würzigen, süßen Aromen aus, die von den Bäumen und aus dem Unterholz zu ihr kamen, und schwang sich dann zurück auf die Füße, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Und Kol war ihr gewogen. Wie auch immer es sein konnte, dass niemand sonst diesen kleinen Wald danach absuchte, denn hungrig waren sicher auch viele andere: Zwischen den Weiden und Buchen, die hier gediehen, fand sie verschiedene Kräuter, Beeren und Pilze. Sie sammelte alles in einem großen Tuch, das sie zu einem kleinen Beutel binden konnte, und hatte bald mehr als genug beisammen, um ihnen allen wenigstens heute Abend den Magen füllen zu können. Zum Abschluss kehrte sie nochmals zu dem kleinen Felsen am Ufer zurück, pflückte eine kleine rote Blume, die in der Nähe wuchs, und legte sie zusammen mit ein paar Beeren in die Sonne. Mit einem Lächeln und einem kurzen Blick in den blauen Himmel dankte sie Kol wortlos für die Gaben und machte sich schließlich wieder auf den Weg.

Zurück in der Stadt, kam Cari an einem kleinen Platz vorbei, auf dem einige Spielleute Kunststückchen vorführten. Das Publikum war spärlich; vermutlich waren die meisten entweder schon dieser Darbietungen überdrüssig oder erwarteten anderenorts ein größeres Spektakel. Lediglich ein paar wenige Kinder schauten ihnen zu. Ein kleinwüchsiger Mann mit zwei Apfelscheiben auf den Augen, einigen Zwiebelknollen im Mund und Rübengrün in den Ohren wollte wohl als ein Abbild von Deb verstanden werden und stolperte blind und taub von einer Verlegenheit in die nächste.

Cari hielt kurz inne und beobachte sein Treiben; wohl um herauszufinden, ob sein Spott auf den Jüngsten der Ewigen und damit alles, wofür er stand, abzielte – oder doch eher auf jene, die dem Wissen und der Klugheit eben diese hilf- und würdelose Verkörperung zugedacht hatten. Sie konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, doch sie hoffte, das Zweite wäre der Fall. Sie konnte Dummheit nicht ausstehen. Lieber sprach sie mit einem armen, aber klugen Menschen, als einem, dessen geistiger Horizont sogar von dem kleinen Feldweg, dem sie vorhin gefolgt war, überboten wurde. Allerdings war Deb dem Vernehmen nach zwar taub und stumm, nicht jedoch blind – das sprach nun nicht unbedingt für den kleinen Mann.

Unwillens weiter darüber zu spekulieren und zu sinnieren, wie es um die religiöse Bildung des wandelnden Gemüses stand, entdeckte Cari wenige Schritte neben sich einen kleinen Jungen, der sich offenbar bewusst abseits der anderen Kinder hielt und ebenso vor Dreck starrte wie er in dieser herausgeputzten Stadt verloren und fehl am Platz wirkte. Sie dachte, dass er durchaus dem Jungen ähnlich sah, den sie bei der Ankunft in Jurbrand gesehen hatte und der den Schlägern nur dank der Hilfe eines ebenso schmutzigen Straßenhundes hatte entkommen können. Aber die Eindrücke waren zu flüchtig gewesen, als dass sie es mit Bestimmtheit hätte sagen können. Der Junge jedenfalls bemerkte ihren eindringlichen Blick und schaute zu ihr herüber. Just in dem Moment war Cari dabei, sich ein paar Beeren in den Mund zu stecken, etwas, das ihr bewusst wurde, als sie den Hunger in seinen hellen, blauen Augen aufflackern sah, die in beklagenswertem Kontrast zu den vom Dreck geschwärzten Haaren standen. Hier und da erahnte sie in dem Fitz eine blonde Strähne, und sie wollte gar nicht wissen, welchen Schmutz er in seinem Haarschopf mit sich herumtrug. Als ihr Blick dann zu seinen Augen zurückkehrte, dämmerte ihr, dass der Junge älter war, als es seine kleine, dürre Gestalt zunächst hatte vermuten lassen – aber ja, wie sollte ein Körper wachsen und gedeihen, wenn er keine Nahrung bekam?

Ohne weiter darüber nachzudenken, ging sie ein paar Schritte auf ihn zu und gab ihm etwas ab. Sie hatte sich schließlich im kleinen Wäldchen schon satt gegessen. Während er schüchtern seine Hände um die Beeren schloss, legte Cari ihm kurz die Hand auf die schmale Schulter und machte sich mit einem Blick auf das Abendrot, das sich zwischen den hohen Giebeln dieser so reichen Stadt ankündigte, auf zu ihrer Familie, die nicht weniger hungrig sein würde.

Als Cari den Platz mit den Palästen wiederfand, hatte sich die Szene nur insofern geändert, dass nun keine Händler und reichen Städter zwischen den noblen Zelten herumstolzierten, sondern bewaffnete Wächter, die auf die edlen Waren aufpassen sollten. Selva und Gael warteten bereits auf sie, beide müde, erschöpft und gezeichnet von einem anstrengenden, erfolglosen Tag. Trotzdem sprang Gael auf und kam ihr entgegengelaufen, kaum dass er sie erspähte. Er griff nach ihrer Hand und führte sie zu Selva, während Cari nochmal an den Straßenjungen denken musste. Ob er auch auf jemanden wartete – oder von jemandem erwartet wurde?

Die anderen trafen nur wenig später ein, sahen aber nicht minder niedergeschlagen aus. Allein Konnjar strahlte so etwas wie Zuversicht aus, was aber nichts heißen musste, da es schlichtweg seine Art war.

»Und?«, fragte er ansatzlos in die Runde.

»Drei Äpfel«, antwortete ihm Selva. »Ein Geschenk aus Mitleid von einem Händler. Der einzige Mensch hier, dessen Herz wohl nicht aus Stein ist, so viele Abfuhren wie wir bekommen haben.«

»Man hat nicht auf uns gewartet«, meinte Hadrien. »War klar.«

»Ja, aber der Ton. Manche haben uns behandelt wie Dreck. So richtig von oben herab. Als seien wir Bettler. Na gut, streng genommen sind wir das ja gerade auch. Aber wir sind ja ordentliche Leute. Wir können was. Wir haben nur nichts mehr. Einer meinte sogar, ich würde nicht mal als – nein, das sage ich jetzt nicht vor den Kindern.«

»Ich bin kein Kind mehr«, beschwerte sich Jovan, wurde aber gleich von seinem älteren Bruder zurechtgewiesen.

»Nein, aber Gael ist noch ein kleiner Junge«, erklärte Danneel ihm mit einer Miene, als sei er selbst schon allen Kinderschuhen entwachsen. Cari dachte sich ihren Teil dazu, verkniff sich aber eine bissige Bemerkung und verdrehte nur belustigt die Augen. Sie musste jetzt nicht herumsticheln. Die Nachrichten waren bis jetzt wenig erbaulich genug gewesen und würden sicher auch nicht mehr viel besser werden.

»Ich bin auch nicht klein«, flüsterte Gael leise, sodass nur Cari ihn hören konnte.

»Ein bisschen schon«, flüsterte sie zurück. »Aber das macht nichts. Danneel ist älter und schon groß. Du bist jung und kannst noch wachsen. Bei Danneel bin ich mir da nicht so sicher.« Sie zwinkerte, und Gael war den Hauch eines Zuckens im Mundwinkel davon entfernt, zu lächeln. Dass der Spott zulasten ihres Bruders ging, war für sie völlig in Ordnung.

»Hast immerhin was angeboten bekommen«, meinte Hadrien schulterzuckend in Richtung Selva.

»Eben nicht! Ich sei zu alt und es gäbe genug junge Huren in der Stadt, die noch kein Kind aus sich rausgepresst hätten – das hat einer gesagt. Könnt ihr euch das vorstellen? Und jetzt habe ich es doch vor den Kindern gesagt.«

»Meinte die Äpfel. Aber ja. Haben nach Handwerkern gesucht, die Gesellen suchen. Kaum einen getroffen; anscheinend alle am Feiern und keiner arbeitet. Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.«

»Vielleicht suchen sie hier keine Handwerker, weil es keinen Platz mehr gibt, um was Neues zu bauen«, warf Jovan ein.

»Dummkopf«, ging ihn Danneel sofort an. »Es gehen doch auch Sachen kaputt, und die muss man reparieren. Oder man reißt ein Haus ab und baut dann ein neues. Und um die Stadt herum gibt es ja auch Gehöfte.«

»Ja, aber darum kümmern sich doch schon die Handwerker, die hier schon leben«, wehrte sich Jovan. »Selber Dummkopf!«

»Ja, und die Handwerker sterben irgendwann! Vielleicht ist gerade jemand gestorben und wir können sein Geschäft übernehmen! Wer ist hier jetzt also der Dummkopf?«

»Du! Weil die Handwerker, die sterben, die haben auch Söhne, und die machen dann weiter. So wie wir. Das bleibt in der Familie. Also bist du der Dummkopf!«

»Und wenn die Handwerker keine Söhne haben?«

»Dann haben sie vielleicht Töchter, die das dann weitermachen!«

»Ha! Also bist du doch der Dummkopf! Frauen arbeiten nämlich nicht.«

»Bitte was?«, mischte sich Cari mit gespielter Entrüstung ein. »Frauen arbeiten nicht?«

»Na doch, schon, aber nicht so richtig«, wand sich Danneel. Er war so in Rage, dass er kaum noch einen geraden Gedanken fassen zu können schien. »Nicht so, wie wir Männer halt.«

»Wir Männer?«, spöttelte Cari. »Ich sehe hier nur zwei. Zweieinhalb.« Demonstrativ schaute sie zu dem kleinen Gael. »Und ansonsten sehe ich hier nur zwei halbstarke Pusteblumen.«

»Pusteblumen?«, rief Danneel. »Ich bin schon ein richtiger Mann!«

»Eine Pusteblume.«

»Nein! Ein Mann! Vater, sag Cari, dass ich ein Mann bin.«

»Ein Pusteblumerich«, stichelte Cari weiter.

»Hör auf! Das ist gemein! Ich zeige dir gleich, was ich für ein Mann bin!«

»Warte. Ich muss kurz Luft holen.«

»Was? Wieso?«

»Na um dich umzupusten«, antwortete Cari, holte tatsächlich schnell Luft und blies ihrem aufgeplusterten Bruder ihren ganzen Spott ins knallrot angelaufene Gesicht.

»Hört auf, ihr zwei«, ergriff Selva das Wort.

»Die fangen schon an, sich nach uns umzudrehen«, pflichtete ihr Konnjar bei.

»Wer?«, wollte Jovan wissen.

»Die Wachen. Die werfen uns schon komische Blicke zu.«

»Na und?«, meinte Cari. »Haben wir davor Angst?«

»Na muss ja nicht sein, oder? Ich brauche jetzt keinen Ärger hier.«

»Aber ihr Männer beschützt uns ja«, ließ sich Cari nicht bremsen. »Und keine Angst, auf die Pusteblume da passe ich auf, damit ihr nichts passiert.«

»Du!«, fletschte ihr Bruder mit den Zähnen und machte einen Satz nach vorn.

»Danneel, gut jetzt!«, hielt Konnjar ihn auf.

»Aber –«

»Nein!«

»Sie hat angefangen!«

»Habe ich nicht«, setzte Cari ihre Unschuldsmiene auf. »Ich habe dir nur gezeigt, wie ein Mann kämpft. Mit dem Kopf nämlich, nicht mit den Fäusten.«

»So kämpft nur ein Mädchen«, rief er – und begriff ausnahmsweise sofort von allein, dass er sich damit selbst ans Bein gepinkelt hatte. Mit zerknirschter Miene warf er Cari einen letzten vorwurfsvollen Blick zu, während sich Jovan unverhohlen darüber freute, dass seine Schwester seinen Streit ausgefochten – und gewonnen – hatte.

»Und ihr?«, fragte Hadrien Konnjar, so, als hätte es die Diskussion eben nicht gegeben. »Was erreicht?«

»Nein«, antwortete Jovan anstelle seines Vaters. »Wir haben eine Baustelle gefunden, aber die wollten uns nicht.«

»Aber brauchen würden sie uns«, seufzte Konnjar.

»Haben sie gesagt?«, fragte Hadrien.

»Nein. Das habe ich gesehen. Das hat jeder gesehen, der Ahnung hat.«

»Von denen gab es dort wohl nicht so viele?«, mischte sich Cari ein.

»Auf jeden Fall nicht unter denen, die das Sagen haben. Eine große Baustelle. Die bauen da wohl so etwas, wie die Paläste hier. War auch ordentlich was los, trotz des ganzen Rummels. Muss wohl wichtig sein. Aber wenn die hier alles so gebaut haben wie das neue Ding, dann gibt es hier bald genug zu tun. Dann stürzt hier nämlich früher oder später alles ein.«

»Denkst du wirklich?«, fragte Selva.

»Nein. Wahrscheinlich wäre das schon längst passiert.«

»Was hast du denn gesehen?«, wollte Cari wissen.

»Die haben sowas wie ein Kellergewölbe gebaut. Die Stützpfeiler haben sie aber direkt auf den Boden aufgesetzt, und wenn der mal absackt, dann kracht das Ganze zusammen.«

»Wieso soll denn der Boden absacken?«, fragte Danneel. »Die haben den bestimmt ordentlich festgetrampelt.«

»Hast du gesehen, wie groß die hier die Häuser bauen? Und alles aus Stein. Der Fluss ist auch nicht weit weg. Der Boden ist weich, der wird nachgeben«, erklärte ihm Konnjar, und Cari meinte, eine Spur Ungeduld in seiner Stimme zu erkennen.

»Vielleicht solltest du sie darauf hinweisen? Dann sehen sie, dass du Ahnung hast«, schlug sie vor.

»Habe ich doch gemacht.«

»Und?«

»Na nichts!«, rief er – und lachte. Es war sein Zuversichtslachen, das er auch dann lachte, wenn es keinen Grund gab, zuversichtlich zu sein. Er war eben ein toller Mann. »Was ist denn mit dir?«

»Mit mir?«, fragte Cari verwirrt. Sie brauchte einen Moment, um ihre Gedanken zu ordnen. Aber sie hatte ja schließlich durchaus etwas Gutes zu verkünden.

»Naja, ich hatte das Gefühl, dass ich in der Stadt nicht viel erreichen würde«, setzte sie an, und als sie sah, wie in Danneels Miene ein gehässiger Ausdruck schlich, fuhr sie schnell fort: »Deswegen bin ich aus der Stadt raus und habe einen kleinen Wald gefunden. Und damit präsentiere ich euch unser heutiges Mahl. Wenigstens hungern müssen wir nicht. Kol war uns hold. Nehmen wir das als gutes Zeichen.«

»Ach Kind«, lächelte Selva. »Dann lasst uns hoffen, dass heute Abend auch Audra über uns wachen wird. Und morgen geht die Sonne auf und wir schauen weiter. Immerhin sind wir endlich in Jurbrand angekommen. Ab jetzt kann es nur besser werden.« Und damit teilten sie Caris Schätze unter sich auf und legten sich dann in einer ruhigen Ecke des großen Platzes schlafen. Etwas widerwillig musste Cari feststellen, dass es sich auf weichem Waldboden bequemer schlafen ließ. Ihr fehlten das Rascheln und Rauschen der Blätter, das Knarzen alter Äste und das Summen und Brummen späten Getiers. Die Geräusche der Stadt – das gedämpfte Stimmengewirr aus den Häusern, das entfernte Lärmen aus den Schenken, die Schritte der Wächter über den gepflasterten Boden – behagten ihr nicht.

Immerhin ließ man sie in dieser, ihrer ersten Nacht in Jurbrand in Ruhe. Niemand störte sie, niemand schickte sie weg, niemand schien sich überhaupt für sie zu interessieren. Die Ewige Mutter hielt ihre Hand über sie. Und auch Jarik, der Ewige Vater, schien es gut mit ihnen zu meinen. Der bereitete in dieser Nacht das vor, was Konnjar später bis ans Ende seines Lebens als das zweitgrößte Wunder, das ihm widerfahren sei, bezeichnen sollte.

Kapitel 4

Zunächst deutete nichts darauf hin, dass der neue Tag anders verlaufen würde als der vorherige. Wie üblich erwachten sie alle zur beinahe gleichen Zeit. Es war ein gemeinsamer Instinkt aus vielen gemeinsamen Nächten unter freiem Himmel. Nur Danneel schien nicht mitzubekommen, wie die Stadt um sie herum sich zu regen und erstaunlich schnell zu lärmen begann, und schnarchte leise weiter, während Cari versuchte, die Schmerzen aus den steifen und kalten Knochen zu verjagen. Aber ja, der Pusteblumerich musste sich schließlich auch von seiner Niederlage erholen. Cari suchte in sich ein kleines bisschen schwesterliche Zuneigung, fand sie und verwendete sie dazu, ihm seinen festen Schlaf nicht zu neiden. Ein Frühstück gab es ebenso wenig wie Wasser, um sich notdürftig zu waschen, und so brachen sie schließlich auf, um getrennt die Suche nach Arbeit fortzusetzen und sich am Abend wieder an dieser Stelle zu treffen. Selva und Gael fragten sie, ob sie sie heute begleiten wollen würde, doch Cari lehnte ab. Sie hatte eigene Pläne – auch wenn diese im Groben vor allem darin bestanden, nach dem kleinen Straßenjungen Ausschau zu halten und nochmal in den kleinen Wald zurückzukehren, um Essbares zu suchen. Und vor allem merkte sie, dass dies nicht ihr Tag werden würde. Sie wollte lieber ihre Ruhe haben, denn die Stadt und die vielen Menschen, die sich in ihr tummelten, würden ihr schnell genug auf die Nerven gehen.

Cari war noch gar nicht weit gekommen, als sie in einer der kleineren und dunkleren Seitengassen einen Mann bemerkte, der mit einer Mischung aus Wut, Frust und Verzweiflung vor sich hin schimpfte. Er stand vor einem Gebäude, das dem Schild über dem Eingang nach zu urteilen ein Gasthaus sein musste, und so schäbig wie es von außen aussah, so schäbig wirkte auch die Rüstung, die der Mann anzulegen versuchte. Er musste ein Ritter sein, denn Cari sah einen schmutzigen, verblichenen Wappenrock, den ein Knappe oder Bediensteter für ihn bereithielt. Sie schloss daraus, dass der Kämpfer sich auf einen Turnierkampf vorbereitete, während ihm sein Begleiter dabei keine allzu große Hilfe zu sein schien. Wenigstens machte der keinerlei Anstalten, ihm bei seinem scheppernden und klirrenden Unterfangen zu unterstützen, sondern schmunzelte mit schlecht verborgenem Spott vor sich hin.

Cari reizte es nicht sonderlich, den Ausgang dieser Episode mitzuerleben, und so zog es sie weiter. Sie war sich sicher, dass es nicht die letzte Begegnung dieser Art sein würde, denn ein Kämpe allein machte noch kein Turnier. Er brauchte schon andere, mit denen er sich hauen konnte.

Sie hatte diesen Gedanken kaum zu seinem Ende gebracht, da erreichte Cari eine Art Platz, wobei Platz nicht so richtig passen mochte, wenn sie sich die anderen Orte hier in Jurbrand vergegenwärtigte, die sie so bezeichnet hatte. Es war vielmehr eine freie Fläche inmitten einiger Wirtschaftsgebäude; eines davon war auf jeden Fall ein Stall, wie man unschwer riechen und hören konnte. Ein gutes Dutzend Männer hatte auf dem staubigen, erdigen Boden einen Kreis gebildet, umringt von ein paar wenigen Bäumen und Sträuchern. Cari kam der Anblick inmitten der nur aus Steinen bestehenden Stadt sonderbar, beinahe unfertig vor. Sicher hatte man hier bislang schlichtweg noch nicht die Zeit gefunden, die freie Fläche zu pflastern und so ihrem Umfeld anzupassen. Als sie ihren Blick etwas weiter lenkte, stellte sie mit Verwunderung fest, dass sie sich am Fuß des Felsmassivs befanden, auf dem die Festung über der Stadt thronte. Sie war der Meinung, dass sie den gleichen Weg gewählt hatte wie am Tag zuvor – offensichtlich war dem nun nicht so, denn anstatt aus der Stadt heraus, hatte sie tiefer in sie hinein gefunden.

Es war ihrer Laune, die so schon mit jedem Schritt durch die Stadt schlimmer wurde, nicht zuträglich. Und so betrachtete sie die Männer, die hier ganz offensichtlich zu Waffenübungen angetreten waren, mit genervtem Blick. Sie waren ausnahmslos oberkörperfrei und nur mit einfachen Hosen bekleidet; in den Händen führten sie Schwerter und hölzerne Knüppel, manche verteidigten sich mit Schilden, von denen einige kaum größer als ein Teller waren, und nicht einer von ihnen schien nicht zu schwitzen. Nach einem System, das sich ihr nicht sofort erschließen wollte, forderten sie sich abwechselnd heraus, gingen wild aufeinander los, schlugen und parierten, schrien und fluchten, dann das Ganze noch einmal von vorn und plötzlich waren andere an der Reihe. Am schlimmsten war jedoch ihr ununterbrochenes Geprahle. Cari hatte beschlossen, diesen eigenartigen Spielplatz für Männer zu überqueren und dann hinter sich zu lassen, was sie für einen kurzen Moment so nah an das Geschehen brachte, dass sie die Stimmen deutlich vernehmen konnte. Sie hörte nicht genau hin, denn eigentlich interessierte es sie auch gar nicht. Es reichte aber aus, um in den gerufenen Worten die üblichen Floskeln zu erkennen, mit denen Männer dachten, sich selbst feiern zu müssen.

»Anstatt hier einen auf dicke Hose zu machen, solltet ihr euch lieber um die Reisenden auf euren Straßen kümmern«, hörte sie sich selbst murmeln, überrascht, dass sie das soeben tatsächlich ausgesprochen hatte. Aber das passte zu ihrer Stimmung.

»Du möchtest Kritik vorbringen?«, wandte sich einer der Männer zu ihr um. Natürlich. Die Dinge mussten einer seltsamen Gesetzmäßigkeit folgen, dass wenn eine Sache schon schiefging, auch alle folgenden scheitern mussten. An jedem anderen Tag hätte sie ihre Gedanken für sich behalten. Und an jedem anderen Tag hätte sie in solch einer Situation gelächelt, sich entschuldigt und das Weite gesucht. Aber nicht heute. Was auch immer sie gerade dazu trieb, Cari blieb stehen und nahm den Mann in Augenschein, während der Kampf im Kreis zum Erliegen kam.

»Ja, vielleicht möchte ich das. Scheint ja ansonsten keiner zu machen«, antwortete sie angriffslustig. Sie funkelte ihn an, damit er gar nicht erst auf den Gedanken kam, dass er sie einschüchtern konnte. Er war auch gar nicht so viel größer als sie; allein der Zopf, zu dem er seine Haare am Hinterkopf gebunden hatte, während er sie am seitlichen Schädel ab der Schläfe kurzgeschnitten hatte, überragte sie etwas. Er schaute sie mit blaugrünen Augen an, deren Farbe sie an das Wasser eines Flusses erinnerte, und um seine Mundwinkel zuckte ein spöttisches, wenn auch gutmütiges Lächeln. Er trug an Oberlippe und Kinn einen Bart – an den Wangen sprossen nur einige spärliche Härchen –, war muskulös, aber nicht drahtig, und vermutlich nur wenige Jahre älter als sie.

»Das sind ernste Anschuldigungen«, entgegnete er ruhig. »Ich würde gerne erfahren, was dich dazu bringt.«

»Ganz einfach«, schnappte sie zurück. »Während ihr hier so heldenhaft mit euren Stöcken spielt, werden Reisende und Flüchtlinge von dreckigen und stinkenden Wegelagerern heimgesucht. Aber was wisst ihr schon, hier hinter euren schicken Mauern. Ich gehe jetzt.« Und damit wollte Cari sich ans Gehen wenden, bevor es vollends mit ihr durchging, besann sich dann jedoch noch einmal und warf dem Mann an den Kopf: »Jeder Depp kann eine Waffe in den Händen halten, aber nur ein Mann weiß, wofür er sie auch einsetzen sollte. Und ihr seid ... Pusteblumeriche, alle miteinander!« Ihr Götter, hatte sie das eben wirklich gesagt? Cari wurde übel und heiß. Was war nur in sie gefahren?

Die Antwort erhielt sie prompt und zwar so laut und deutlich, dass es jeder der Männer, die sie gerade auf so grandiose wie selbstsichere Art beleidigt hatte, hören konnte: ein Grummeln und Knurren wie von einer Meute verlauster Straßenhunde. Ihr Magen verschaffte sich Aufmerksamkeit. Cari spürte, wie sie knallrot anlief.

Der Mann, der ihr gegenüber stand, lachte leise. Er schien ihr weder den Ausbruch noch den Hunger übel zu nehmen. Letzteres wäre natürlich auch albern gewesen.

»Wenn ein jeder Depp eine Waffe führen kann, erweist du mir die Ehre eines kleinen Duells?«

»Warum sollte ich das tun?«, fragte Cari. »Ich bin ja kein ... Ich bin ja nicht dumm.«

»Den Eindruck hatte ich auch nicht. Aber sieh es so: Du führst deine Worte wie ich diese Waffe.« Er schulterte den Knüppel, den er in der linken Hand hielt. »Ich habe einige Treffer hinnehmen müssen, und jetzt erbitte ich als Ehrenmann die Möglichkeit einer Revanche.«

»Ehrenmann? Revanche?«, wiederholte Cari vorsichtig. Ihr gefiel nicht, worauf das hinauslaufen sollte. Wollte er sie bloßstellen? Was hatte er davon?

»Ein Ehrenmann«, bekräftigte er mit einem offenen Lächeln. »Wenigstens versuche ich jeden Tag mein Bestes, einer zu sein.«

»Ich bin eine Frau, kein Krieger«, entgegnete Cari ihm. Ihr Zorn flaute langsam ab und sie wollte sich der Situation entziehen, auch wenn sie das Gefühl beschlich, dass dies nicht möglich sein würde.