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Arabische Medien E-Book

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Beschreibung

Facebook-Revolution, Twitter-Jihad und Al-Jazeera-Effekt – diese leeren Schlagwörter tauchen häufig in westlichen Medien und in Forschungspublikationen auf. Aber welche Rolle spielen arabische Medien wirklich? Das erste Standardwerk in deutscher Sprache bietet einen grundlegenden Überblick über aktuelle Medienentwicklungen in arabischen Ländern und eine fundierte Einführung in deren Mediensysteme. Das Buch hilft, die Rolle der Medien innerhalb der dynamischen und zum Teil dramatischen Entwicklungen von Gesellschaft und Politik in der arabischen Welt besser einordnen und verstehen zu können. Im Fokus des ersten Teils stehen transnationale Phänomene wie die Bedeutung des Satellitenfernsehens und der Sozialen Medien sowie die Rolle von Minderheiten, Gender und Islamisten in den Medien. Diese Beiträge geben den aktuellen Stand der Forschung wieder und reflektieren diesen. Im zweiten Teil des Buches werden in 18 Länderstudien – von Marokko bis zum Irak – die nationalen Besonderheiten der Medien betrachtet, die aus unterschiedlichen politischen Systemen, rechtlichen Beschränkungen, ökonomischen VorausSetzungen und der jeweiligen Soziodemographie resultieren. Durch ihre Analyse wird zu einem tieferen Verständnis der Medien der einzelnen Länder beigetragen. Zielgruppe des Bandes sind Akademiker und Studierende von Kommunikations-, Islam- und Politikwissenschaft sowie Journalisten, in der Entwicklungszusammenarbeit Tätige und alle, die sich für die arabische Welt interessieren.

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Danksagung

Arabische Medien: Eine Einführung

(Carola Richter & Asiem El Difraoui)

Teil I: Transnationale Phänomene arabischer Medien

Die Geschichte arabischer Massenmedien von 1860 bis 1950

(Bettina Gräf)

Transnationales Satellitenfernsehen: Bilder sprengen Grenzen

(Carola Richter & Asiem El Difraoui)

Media Cities: Mediencluster als Mittel wirtschaftlicher Standortkonkurrenz

(Almut Woller)

Facebook, Twitter & Co.: Die politische Rolle sozialer Netzwerkmedien

(Maria Röder-Tzellos)

Alltag und Medien: Mediatisierung in der arabischen Welt

(Ines Braune)

Genderkonstruktionen und Darstellungen von Geschlecht in arabischen Medien

(Xenia Tabitha Gleissner)

Medien und Minderheiten in arabischen Ländern

(Sebastian Elässer, Andrea Fischer-Tahir & Kristin Pfeifer)

Islamistische Medien: Vom Wahhabismus über die Muslimbrüder zum Cyber-Dschihad

(Asiem El Difraoui)

Teil II: Arabische Länder und ihre Mediensysteme

Ägypten: Paradox von Vielfalt und Gleichschaltung

(Carola Richter)

Sudan: Medien im Spannungsfeld von Islam, Instrumentalisierung und Idealismus

(Anke Fiedler)

Marokko: Gott, Vaterland und König und eineinhalb Millionen Likes für Mohammed VI

(Ines Braune)

Algerien: Im Land der Zeitungsleser

(Daniel Gerlach)

Tunesien: Mediensystem im Umbruch

(Judith Pies)

Libyen: Von der Diktatur des Grünen Buchs zum post-revolutionären Chaos

(Carola Richter)

Syrien: Von Einheitsstaats- zu Bürgerkriegsmedien

(Katharina Nötzold)

Libanon: Freie Medien im Dienste ihrer Zahlmeister

(Katharina Nötzold)

Palästina: Medien unter doppelter Besatzung

(Abir Kopty)

Jordanien: Zwischen Politur und Strukturreform

(Judith Pies)

Irak: Pluralismus in Bedrängnis

(Anja Wollenberg)

Saudi-Arabien: Gleichzeitigkeit der Gegensätze

(Carola Richter)

Vereinigte Arabische Emirate: Zwischen Zensur und unbegrenzten Möglichkeiten

(Xenia Tabitha Gleissner)

Qatar: Ein immer noch loyalistisches Mediensystem

(Sarah El Richani)

Bahrain: Freund und Feind des Internets

(Leoni Wolf)

Kuwait: Ein verblichener Mythos

(Martin Schiller)

Oman: Medien und Modernisierung im Land des Weihrauchs

(Gidon Windecker)

Jemen: Medien als politische Waffen

(Mareike Transfeld & Hafez Al-Bukari)

Autorinnen und Autoren

Danksagung

Wir möchten uns bei allen Autorinnen und Autoren bedanken, die zum Gelingen dieses Buchs durch ihre Expertise beigetragen haben. Zudem gebührt auch all denen Dank, die für den Leser unsichtbar durch Recherchen, Übersetzungen, Lektorat und Formatierung zu diesem Band beigetragen haben und die deshalb hier namentlich genannt werden sollen: Amin Louden, Byron Ahrendhold, Jonas Wahmkow, Milena Uhlmann und Julia Wegner.

Arabische Medien: Eine Einführung

Carola Richter & Asiem El Difraoui

Als die ersten exklusiven Bin Laden-Videos nach dem 11. September 2001 über den arabischen Satellitennachrichtensender AL-JAZEERA ausgestrahlt wurden, wurde auch den meisten deutschen Zuschauern dramatisch vor Augen geführt, dass die arabischen Länder eine dynamische Medienlandschaft besitzen. Im Kontext der Umbrüche im arabischen Raum erlangte der irreführende Begriff der »Facebook-Revolutionen« große Bekanntheit und fast jeder Mediennutzer außerhalb der arabischen Welt kennt die verwackelten Videos verschiedener Medienkollektive aus den Wirren des Bürgerkriegs in Syrien oder die erschreckend professionellen Clips der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Zahlreiche Artikel und Bücher haben sich nunmehr mit AL-JAZEERA, der vermeintlichen »Social-Media-Revolution« und dem »Medien-Dschihad« in der arabischen Welt beschäftigt. Jedoch werden die arabische Medienlandschaft und die arabischen Mediensysteme kaum in ihrer Gesamtheit betrachtet und in Zusammenhang mit historischen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen gebracht und inner-regional verglichen.

Dieses Handbuch ist das erste Überblickswerk in deutscher Sprache, das sich systematisch einer Betrachtung transnationaler Phänomene und nationaler Spezifika in arabischen Ländern widmet und das Wissen zu den medialen Entwicklungen vor Ort so zusammenführt, dass ein umfassendes Verständnis politischer, sozialer und wirtschaftlicher Implikationen der Medienentwicklungen vermittelt werden kann.

Der Begriff »Arabische Welt«, die über 300 Millionen Einwohnern umfasst, bezeichnet eine Vielzahl an Staaten, Bevölkerungsgruppen, Herrschaftsformen und Gesellschaftsordnungen. Vielfach wird die geografische Bezeichnung Naher Osten und Nordafrika (oder englisch: Middle East and North Africa = MENA) genutzt, um die riesige Flächenausdehnung der hier beschriebenen Region vom Atlantik bis nach Asien zu beschreiben. Die Staaten der MENA-Region sind alle Mitglieder der 1945 gegründeten Arabischen Liga und verstehen sich somit trotz ihrer Heterogenität als zusammengehörig, was nicht zuletzt in ihrer gemeinsamen Geschichte wurzelt: Insbesondere die sukzessive islamische Eroberung der Region und das spätere Aufgehen vieler der heute existierenden Länder im Jahrhunderte überdauernden Osmanischen Reich waren hier prägend. Das wesentliche einende Kriterium stellt sicherlich die arabische Sprache dar. Dies sollte allerdings nicht verdecken, dass wir es in den in diesem Buch beschriebenen Ländern mit einer Vielfalt an dialektalen Varianten des Arabischen und außerdem mit zahlreichen indigenen Sprachen wie Kurdisch oder Tamazight zu tun haben. Wir betrachten in diesem Buch 18 arabische Länder und ihre Medien, lediglich die Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga aus dem südlicheren Afrika (Mauretanien, Dschibuti, Komoren und Somalia) werden nicht behandelt.

Warum lesen? Zur Bedeutung arabischer Medien

Arabische Länder und Gesellschaften sind also nicht homogen. Dennoch lassen sich auch einige in ihren Gemeinsamkeiten begründete Besonderheiten feststellen, die sie als regionales Phänomen speziell machen. Gleichzeitig kann ein tieferer Einblick in die Funktionsweisen und Rahmenbedingungen arabischer Medien zum generellen Verständnis von Medienentwicklungen außerhalb Europas beitragen.

Kolonisation, Modernisierung, Kalter Krieg und Globalisierung sind Schlagworte, mittels derer sich die arabische Welt in globalgesellschaftliche Entwicklungen der Moderne einordnen lässt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es kaum ein arabisches Land, das in den heutigen Grenzen existierte. Seither wurden zahlreiche ethnisch und religiös disparate Bevölkerungsgruppen in Staatsgebilde zusammengewürfelt, was bis heute zu politischen und sozialen Spannungen führt. Für die Kolonialmächte Europas und später auch die Sowjetunion und die USA diente die Region nach 1945 mehr noch als Lateinamerika, Subsahara-Afrika und Asien als Spielfeld, um ihre Wirksphären abzustecken. Der starke Einfluss der Franzosen auf die Entwicklungen des Bildungs-, Rechts- und Mediensystems in den Ländern des Maghreb ist noch genauso spürbar wie die Implikationen der britischen Mandatsherrschaften in den Golfstaaten, Palästina und Irak. Das Zusammentreffen und die Konfrontation mit den europäischen Kolonisatoren und das damit verbundene Ende der jahrhundertelangen Dominanz der Osmanen in der Region löste eine Vielzahl von Entwicklungen im Medienbereich aus, darunter den Import neuer Technologien und Formate. Andererseits resultierten der Kolonialismus und die Rivalität der Supermächte nach dem zweiten Weltkrieg in zahlreichen Konflikten und Stellvertreterkriegen, die die Region immer wieder in ihrer Entwicklung zurückwarfen: Seien es die arabischisraelischen Konflikte, der Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren oder die Irak-Kriege von 1990/91 und 2003. Zudem unterstützten die Grossmächte verschiedene autoritäre Herrscher, die interne Stabilität und Loyalität garantierten, um im Kalten Krieg eine politische Machtbalance aufrecht zu erhalten. Dabei handelte es sich sowohl um Königshäuser, die sich über ihre Abstammung legitimieren wie in Saudi-Arabien, Jordanien, Oman, Kuwait, Qatar, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Marokko, als auch um nationalistisch geprägte Regime, die häufig einen starken Führerkult entwickelten wie in Ägypten, Libyen, Syrien, Algerien, Tunesien, im Sudan oder im Irak.

Die auf diesen unterschiedlichen autoritären Herrschaftsformen beruhende politische Vermachtung des Mediensektors stellt ein wesentliches Kennzeichen aller arabischen Länder dar. Der in der Modernisierungsideologie der 1960er-Jahre verankerte und von den Machthabern in fast allen arabischen Ländern internalisierte Gedanke, dass die Medien unmittelbaren Einfluss auf die Willensbildung der Menschen hätten, führte aufgrund seiner politisch-gesellschaftlichen Implikationen dazu, dass die jeweiligen Herrscher die Massenmedien ihres Landes ihrer Kontrolle unterstellten. Dabei wurden verschiedene Strategien zur Legitimation dieser Vermachtung eingesetzt. Im besten Fall wurden Medien als Instrumente für die Erziehung und Entwicklung der Gesellschaften genutzt, doch in der Regel resultierte die autoritäre engmaschige Kontrolle darin, dass Medien zu Verlautbarungsorganen der Machthaber degradiert wurden. Jeder Herrscher nahm dabei für sich in Anspruch, am besten zu wissen, was gut für die Bevölkerung sei und welche Informationen sie erhalten sollte. In der Regel dienten Informationsministerien, die Lizenzen für alle Medienarten vergaben und Personalentscheidungen trafen oder überprüften, der Implementierung dieser Logik und der damit einhergehenden Zensur. In den meisten Ländern ist der Besitz von Medien noch immer ausschließlich in Staatshand. Die Kontrolle durch ein Informationsministerium ist mittlerweile zwar aufgeweicht, häufig handelt es sich aber lediglich um Pseudo-Liberalisierungen. Von wirklich unabhängigen Medien, die sich frei von Einflüssen der Machteliten als Vermittlungsinstanz zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern verstünden, lässt sich derzeit in keinem arabischen Land sprechen. Tunesien kommt nach der Vertreibung Zine al-Abedin Ben Alis diesem Ideal noch am nächsten, doch wie in den meisten liberaleren Autokratien der arabischen Welt werden die Medien auch dort häufig als politische Instrumente ihrer Besitzer verstanden. In keinem einzigen arabischen Land existieren Medien, die man als »öffentlich-rechtlich« im europäischen Sinne bezeichnen kann.

Entsprechend ist ein kritischer Blick auf die politische Ökonomie der Medien unerlässlich. In der Beschreibung der einzelnen Länder werden einem häufig die Wörter »Rentierstaat« oder »Rentenökonomie« und »Neo-Patrimonialismus« begegnen. Eine Rentenökonomie basiert auf Einnahmen, die nicht durch die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen erwirtschaftet wird. Renten können beispielsweise aus dem Verkauf von Rohstoffen oder staatliche kontrollierten stabilen Einkommensquellen stammen, wie dem Suez-Kanal in Ägypten. Rentierstaaten sind also sehr stark von wenigen Einnahmequellen abhängig, ihre Ökonomien verfügen zumeist über einen nur sehr geringen Diversifikationsgrad. Zahlreiche arabische Staaten zählen zur Kategorie der Rentierstaaten – von den reichsten Golfländern über Libyen und Algerien bis zum armen Sudan. In anderen Ländern wie Ägypten und Marokko verfügen die Staatseliten über Monopolstellungen in zahlreichen Wirtschaftszweigen. Die oligarchischen Wirtschaftssysteme favorisieren ebenso wie die Rentenökonomien Neo-Patrimonialismus und Klientelismus: über die Verteilung der Ressourcen entscheiden die Machthaber. Wer davon profitieren will, muss sich loyal gegenüber den herrschenden Eliten verhalten. In den meisten Ländern sind deshalb häufig Patronage- und Klientelnetzwerke entstanden, in deren Mittelpunkt die Herrschaftseliten stehen, die mittels ihrer Kontrolle der politische Institutionen und der Wirtschaft ihre Stellung festigen und Strategien entwickeln, um sich dauerhaft die Loyalität der Bevölkerung als »Klientel« zu sichern. Den Medien kommt dabei als wirtschaftliche Unternehmen und gleichzeitig als politische Instrumente eine besonderere Bedeutung zu.

Die zumeist wegen politischer oder wirtschaftlicher Legitimationskrisen eingeführten Liberalisierungsmaßnahmen der 1990er und 2000er-Jahre haben selten mehr als eine Verlagerung des Medienbesitzes und der Medienkontrolle auf die dem Regime nahestehende Klientel aus den Wirtschaftseliten bewirkt. Auch die transnationale Expansion von Medien, insbesondere des Satellitenfernsehens, ist vor allem als Ausdruck der Stabilisierung oder Ausweitung politischer Einflusssphären vor allem von Saudi-Arabien, Qatar und Ägypten zu verstehen. Dabei wird entsprechend der Maxime »Teile und Herrsche« auch eine kritischere Berichterstattung in Kauf genommen, solange diese die Grundpfeiler der eigenen Herrschaft nicht angreift. Zudem sichern die Machthaber mit Garantieabnahmen und Subventionen für Printmedien die »Loyalität« der Medienmacher gegenüber ihrer Politik. Kommerziell erfolgreiche Finanzierungsmodelle für Presse oder Fernsehen sind in der arabischen Welt hingegen eine Seltenheit. Trotz oder vielleicht sogar wegen dieser engen Verbindungen von Politik, Wirtschaft und Medien sind die arabischen Mediensysteme mittlerweile hoch dynamisch.

Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich in den arabischen Ländern eine eigene Medienkultur. Eine stark oral geprägte Kommunikationskultur, die auch aufgrund des immer noch weit verbreiteten Analphabetentums fortbesteht, erklärt den spektakulären Erfolg des Radios und später des Fernsehens im Bereich der Massenmedien. Printmedien wie Zeitungen erreichen seit ihrer Entstehung vor allem die Bildungseliten und somit nur eine begrenzte Leserschaft. Sie wurden im Gegensatz zum Rundfunk zumeist weniger stark staatlich reglementiert. Internetbasierte Medien übernehmen zunehmend die Rolle von Print. Die Bevölkerung in der arabischen Welt ist sehr jung: Aufgrund der nach wie vor sehr hohen Geburtenrate sind je nach Land zwischen 20-40 % der Menschen jünger als 15 Jahre. Sie wachsen als digital natives mit Handy und Internet auf und umgehen unter Nutzung der digitalen Medien die bislang klar reglementierten Zugänge zu den klassischen Medien. Blogs und Social-Media-Plattformen bieten neue und vielfältig genutzte Möglichkeiten der Artikulation, sei es für gelernte Journalisten oder Aktivisten, oder für bisher marginalisierte Gruppen wie ethnische Minderheiten und Frauen – zugleich aber auch für Extremisten wie die des IS.

Auch die Regime rüsten medientechnologisch auf. Sie versuchen sich an einem Spagatakt zwischen dem für die eigene Legitimation so wichtigen Anschluss an die technologische Moderne und einer möglichst engmaschigen Kontrolle von Diskursen in den neuen Medien. Der Wettlauf hat jedoch gerade erst begonnen und angesichts der vielfältigen Auswirkungen von Internetkommunikation auf alle Lebensbereiche auch abseits des dezidiert politischen scheint ein Gesellschaftswandel unaufhaltsam. Die Vernetzung vormals marginalisierter politischer Gruppen oder die Herausforderung von religiösen und politischen Autoritäten, neue zwischen-geschlechtliche Kommunikationsmöglichkeiten, wiederauflebende Verbindungen von Bevölkerungsgruppen mit ihren Verwandten in der Diaspora – die durch die neuen Medien geschaffenen öffentlichen Räume werden über kurz oder lang einen Politikwandel unausweichlich machen.

Die Beobachtung der Entwicklung arabischer Medien ermöglicht also einerseits ein besseres Verständnis autoritärer Kontrollmechanismen im Zeitalter der Globalisierung und Transnationalisierung und andererseits die Analyse neuer Formen von medialer Artikulation, die in westlichen Gesellschaften bisher weniger ausgeprägt sind.

Wenngleich sich durch das Internet und das Satellitenfernsehen Grenzen aufzulösen scheinen, so verdeutlichen die einzelnen Länderstudien, dass nationale Rahmen immer noch bedeutsam sind und ganz unterschiedliche Anpassungsversuche an den Medienwandel unternommen werden. Hierbei setzt sich ein historisches Muster der Ungleichzeitigkeit der Entwicklung arabischer Medien fort. Während bereits im 19. Jahrhundert Kairo, Beirut und Bagdad intellektuelle Zentren mit einer lebhaften Presselandschaft waren, gab es Massenmedien in den heute technologisch führenden Golfstaaten noch gar nicht. Genau wie damals aber sind es auch heute wieder hochmobile arabische Journalisten und Medienproduzenten, die den inner-regionalen und auch internationalen Austausch und die Medienentwicklungen vorantreiben. Ob nun damals syrische Intellektuelle von Beirut nach Kairo reisten um Zeitungen zu gründen und heute Tunesier beim Fernsehsender AL-ARABIYA in den Emiraten moderieren oder qatarische Finanziers eine palästinensische Zeitung in London unterstützen, arabische Medien müssen gleichzeitig in ihrem nationalen und ihrem transnationalem Kontext, mit all den daraus resultieren Implikationen, verstanden werden.

Wie lesen? Aufbau des Buchs

Der vorliegende Band ist entsprechend in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil – Transnationale Phänomene arabischer Medien – widmen sich acht Beiträge wichtigen Aspekten von Medienentwicklungen, die für viele oder gar für alle arabischen Länder relevant sind. Dabei denkt man sicherlich zuallererst an grenzüberschreitende Medientechnologien wie Satellitenfernsehen und soziale Medien, die die Idee eines pan-arabischen Kommunikationsraums auch für uns in Europa sichtbar gemacht haben. Der Beitrag von BETTINA GRÄF zur Geschichte arabischer Medien wird aber deutlich machen, dass wir seit der Einführung von Massenmedien in arabischen Ländern unbedingt die transnationalen Verbindungen zwischen den arabischen Ländern, aber auch zwischen Europa und dem Nahen Osten mitdenken müssen, um die Medienentwicklungen und ihre sozialen und politischen Implikationen zu verstehen. Der Beitrag von CAROLA RICHTER & ASIEM EL DIFRAOUI beschreibt danach die Strukturen des für die arabische(n) Öffentlichkeit(en) so konstitutiven Satellitenfernsehens, das sich nicht nur auf AL-JAZEERA reduzieren lässt. ALMUT WOLLER wirft im Kapitel zu Media Cities einen Blick auf die ökonomischen Strategien, die arabische Regime mit Medien verbinden. MARIA RÖDER-TZELLOS widmet sich den sozialen Medien und zeigt auf, wie sich die häufig postulierte politische Wirkung dieser Medien anhand von konkreten Akteurstypologien wirklich fassbar machen lässt. INES BRAUNE wiederum legt eine ethnografische Perspektive an die in der arabischen Welt zur Verfügung stehenden Medien an und betrachtet Medienwandel und seine Auswirkungen im Alltag.

Fragen von Repräsentation stehen im Mittelpunkt der folgenden Beiträge. Angesichts der Vielfalt arabischer Gesellschaften, die aber häufig aufgrund politisch oder religiös bedingter Machtverhältnisse nicht angemessen repräsentiert wird, sind Medien ein Konfliktfeld für das Austragen von Fragen der Identität und Anerkennung. XENIA TABITHA GLEISSNER etwa legt dar, wie sich Genderkonstruktionen und Stereotype von Geschlechterrollen in arabischen Medien manifestieren. Dabei wird deutlich, dass die arabischen Diskurse um weit mehr als das Kopftuch kreisen und die Debatten eine Vielfalt von Konfliktfeldern offenbaren, die derzeit und in den nächsten Jahren die Gesellschaften und die Medien prägen werden. Genauso relevant sind Fragen der Repräsentation von ethnischer, religiöser und sprachlicher Vielfalt in den Medien. In einem Gemeinschaftsbeitrag zeigen SEBASTIAN ELÄSSER, ANDREA FISCHER-TAHIR UND KRISTIN PFEIFER exemplarisch an den ägyptischen Kopten, den irakischen Kurden und den marokkanischen Imazighen auf, wie sich das Ringen um öffentliche Sichtbarkeit und damit auch Fragen kultureller und politischer Identität von Minderheiten in und mittels Medien manifestieren. Schließlich geht ASIEM EL DIFRAOUI auf die Vielzahl der islamistischen Gruppen ein, die in ihren verschiedenen Ausprägungen von moderater Opposition bis zu dschihadistischen Terroristen entsprechende Kommunikationsstrategien ausgeprägt haben, die die autoritären Staaten der Region herausfordern, aber auch Einfluss auf die öffentlichen Diskurse in Europa und den USA haben.

Während der erste Teil also einen Überblick über verschiedene transnationale Phänomene gibt, widmet sich der zweite Teil jedem einzelnen arabischen Land und dessen Mediensystem. Das Wissen um historisch gewachsene nationale Besonderheiten ist unerlässlich, um transnationale Geschehnisse und ihre lokal unterschiedlichen Auswirkungen erklären und einordnen zu können. Außerdem ermöglichen die 18 Beiträge in diesem Teil eine vertiefende Beschäftigung mit konkreten Ereignissen und Entwicklungen in den Staaten der Region. Um diesen Teil auch für ein vergleichende Studien fruchtbar zu machen, sind alle Beiträge wie folgt strukturiert: zunächst wird ein historischer Rückblick gegeben, dann die gesellschaftlichen Verhältnisse erläutert, ehe auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, den ökonomischen Kontext und schließlich die technologische Infrastruktur eingegangen wird. Ein Ausblick identifiziert jeweils die wichtigsten der gegenwärtigen Probleme des Landes, für die in naher Zukunft Lösungen gefunden werden müssen. Die Thematisierung dieser aktuellen Probleme soll gern auch als Anreiz verstanden werden, Recherche- und Forschungsfragen zu entwerfen und sich diesen Problemen in eigenen Forschungsarbeiten zu widmen. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge haben sich alle selbst in Studien intensiv mit den Ländern beschäftigt und sind somit ausgewiesene Experten, die für diesen Band noch aktuelle Informationen aus einer Vielzahl an Quellen zusammengetragen haben.

Die Reihenfolge der Beiträge ist nach Großregionen geordnet und folgt damit auch einer gewissen Selbstverortung der Länder: zuerst behandeln wir Ägypten und Sudan, dann folgt der erweiterte Maghreb mit Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen. Im Anschluss wird die Levante (arab. Balad al-Shaam) mit Syrien, Libanon, Palästina, Jordanien und Irak angeschaut, ehe zum Schluss die Golfregion und die arabische Halbinsel mit dem Schwergewicht Saudi-Arabien und den vielen kleinen Staaten VAE, Qatar, Bahrain, Kuwait, Oman und schließlich Jemen beschrieben wird.

Um die Lesbarkeit der Beiträge zu vereinfachen, haben wir auf die umfangreiche Verwendung von Fußnoten verzichtet. Statistische Angaben, beispielsweise zur Bevölkerungszahl und -verteilung, der Analphabetenrate, dem Pro-Kopf-Einkommen sowie den Zugangsdaten zu Internet und Mobilfunknutzung haben wir jeweils aus einer Quelle bezogen, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Die Zusammenfassung der Daten findet sich in einer Tabelle am Ende dieser Einführung.

Für die Transliteration arabischer Eigennamen ist eigentlich eine spezielle Umschrift erforderlich, auf die wir aber aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet haben und uns an den deutschen Aussprachegewohnheiten bzw. der gängigen Verwendung von Eigennamen in deutschen Medien orientiert haben. Der ehemalige libysche Herrscher heißt somit bei uns einfach Gaddafi und nicht wie eigentlich richtig al-Qadhdhafi. Zudem kommt bei der Orientierung an den gängigen Standards und der eigenen Transkription eine gewisse Uneinheitlichkeit zustande: al-Jazeera schreiben wir in seiner englischen Umschrift und nicht al-Dschasira, wie es eine deutsche Transliteration erfordern würde, aber das weniger gebräuchliche Saut al-Arab für Stimme der Araber schreiben wir lieber so, als die englische Variante des Sawt al-Arab zu nutzen. Zudem unterscheidet sich eine gebräuchliche französische Transliteration von einer englischen wie beispielsweise bei den Zeitungsnamen al-Shoruq und Echourouk, die im arabischen gleich geschrieben werden.

Wir haben auch auf ein gender-neutrale Sprache verzichtet. Selbstverständlich inkludieren die verwendeten maskulinen Bezeichnungen auch immer Frauen.

Wo weiterlesen? Auswahlbibliografie relevanter Übersichtswerke zu arabischen Mediensystemen

Mit diesem Band legen wir das erste umfassende Überblickswerk zu arabischen Mediensystemen in deutscher Sprache vor. Auch in englischer Sprache gibt es derzeit keine vergleichbare Lektüre. Dennoch beschäftigen sich natürlich zahlreiche Autoren und Autorinnen mit Medien in der arabischen Welt. Im Folgenden wollen wir deshalb auch auf die wichtigsten Wissenschaftler und Werke verweisen, die es lohnt, für eine Erweiterung des hier vermittelten Wissens zu konsultieren. Wir konzentrieren uns dabei auf Werke, die nicht nur auf ein arabisches Land fokussieren, sondern die ganze oder Teile der Region in den Blick nehmen.

Standardwerk zur arabischen Presse mit einer systematischen Einteilung entsprechend der politischen Instrumentalisierung von Medien (Mobilisierungssysteme, loyalistische und diverse Systeme). Die Version von 2004 bezieht auch Rundfunkmedien mit ein und erweitert die Typologisierung um transitionale Systeme:

Rugh, William A. (1979): The Arab Press. News Media and Political Process in the Arab World. London: Syracuse University Press (Second edition 1987)

Rugh, William A. (2004): Arab Mass Media. Newspaper, Radio, and Television in Arab Politics. Westport: Praeger.

Überblickswerk über Entstehung und Charakteristika aller arabischen Rundfunksysteme geordnet nach Ländern:

Boyd, Douglas A. (1982). Broadcasting in the Arab World: a Survey of Radio and Television in the Middle East. Philadelphia: Temple University Press. (Second Edition 1993, Third Edition 1999).

Enthält kurze Kapitel über alle arabischen und mittelöstlichen Staaten sowie Israel, Zypern und die Türkei. Fokussiert auf eine chronologisch historische Darstellung der Entwicklung der Medien bis Anfang der 1990er-Jahre:

Kamalipour, Yahya R./ Mowlana Hamid (Hg.) (1994): Mass Media in the Middle East: A Comprehensive Handbook. Westport: Greenwood Press.

Historische Verortung der Presseentwicklung in Ägypten, der Levante und Irak bis 1945. Dazu schlüssige Einblicke in Mediennutzung, Medienökonomie, journalistische Ausbildung und Rechtslage:

Ayalon, Ami (1995): The Press in the Arab Middle East: a History. New York: Oxford University Press.

Faktenreiche Übersicht über die aktuelle Situation verschiedener Mediensysteme. Neben allen europäischen gibt es auch Länderkapitel zu ausgewählten arabischen Mediensystemen. Bis 2005 ist das Handbuch jährlich aktualisiert erschienen:

Hans-Bredow-Institut (Hg.): Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen 2009. Baden-Baden: Nomos.

Überblickswerke zur politischen Ökonomie des arabischen Fernsehmarktes mit konkreten Einblicken in personelle und strukturelle Zusammenhänge:

Sakr, Naomi (2001): Satellite Realms. Transnational Television, Globalization and the Middle East. London: I.B. Tauris.

Sakr, Naomi (2007): Arab Television Today. London: I.B. Tauris.

Sakr, Naomi/ Skovgaard-Petersen, Jakob/ Della Ratta, Donatella (Hg.) (2015): Arab Media Moguls. London: I.B. Tauris.

Herausgeberbände mit Beiträgen zu einer Vielzahl von Bereichen, z. B. Mediennutzung, Medienwirkung, Medienpolitik, journalistische Ethik, Medienökonomie und Medienkultur in der arabischen Welt:

Hafez, Kai (Hg.) (2001): Mass Media, Politics & Society in the Middle East. Cresskill: Hampton Press.

Seib, Philip (Hg.) (2007): New Media and the New Middle East. New York: PalgraveMacmillan.

Hafez, Kai (Hg.) (2008): Arab Media. Power and Weakness. New York: Continuum.

Nach Ländern geordnete Übersichten über Entwicklungen im Rundfunkbereich und die dahinterstehende Politik. Bezieht auch die aktuellen Umbrüche nach 2011 mit ein:

Guaaybess, Tourya (Hg.) (2013): National Broadcasting and State Policy in Arab Countries. Houndmills: PalgraveMacmillan.

Studien zu allen Ländern der Levante und Ägypten im Hinblick auf politische Rahmenbedingungen der Medien:

Al-Zubaidi, Layla (2004): Walking the Tightrope. News Media & Freedom of Expression in the Arab Middle East. Beirut: Heinrich-Böll-Foundation.

Aktuelle Länderstudien zum Status des Journalismus und der Medienfreiheit sind online abrufbar bei:

Reporter ohne Grenzen:

http://en.rsf.org/

Freedom House:

https://freedomhouse.org/

Human Rights Watch:

https://www.hrw.org/

Article 19:

http://www.article19.org/

Committee for the Protection of Journalists:

http://cpj.org/

Media in Cooperation and Transition:

http://www.mict-international.org/

Einige wissenschaftliche Journals und Buchreihen haben sich auf den arabischen Raum spezialisiert und enthalten interessante Einzelstudien:

Arab Media & Society:

http://www.arabmediasociety.com/

Middle East Journal of Culture and Communication:

http://www.brill.com/middle-east-journal-culture-and-communication

Journal of Arab & Muslim Media Research:

http://www.intellectbooks.co.uk/journals/view-Journal,id=148/

Buchreihe Medien und Politische Kommunikation – Naher Osten und Islamische Welt bei Frank&Timme, Berlin.

Kerndaten im Überblick

Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die wichtigsten Kerndaten der hier besprochenen 18 arabischen Länder und Deutschland im Vergleich:

LandEinwohnerzahl* (2013)BIP pro Kopf* (2014)Alter unter 15 Jahre* (2014)Alphabetisierungsrate** (2009-2013)Internetzugang* (2013) Handybesitz* (2013)Rang Pressefreiheitsindex*** (2014)Ägypten82.056.4003.337$31,1%73,9%49,6%121,5%159Sudan37.964.3001.985$41,2%73,4%22,7%72,9%172Marokko33.008.2003.392$27,9%67,1%56,0%128,5%136Algerien39.208.2005.886$27,8%73,6%16,5%102,0%121Tunesien10.886.5004.467$23,2%79,7%43,8%115,6%133Libyen6.201.5007.942$29,4%89,9%16,5%165,0%137Syrien22.845.600+2.807$35,1%85,1%26,2%56,0%177Libanon4.467.40010.531$20,8%89,6%70,5%80,6%106Palästina++4.332.8812.783$38,5%95,9%31,8%70,2%138Jordanien6.459.0005.460$34,0%97,9%44,2%141,8%141Irak33.417.5006.474$40,1%79,0%9,2%96,1%153Saudi-Arabien28.828.90025.401$29,0%94,4%60,5%176,5%164VAE9.346.10044.771$15,3%90,0%88,0%171,9%118Qatar2.168.70094.744$13,6%96,7%85,3%152,6%113Bahrain1.332.20028.424$21,0%94,6%90,0%165,9%163Kuwait3.368.60044.850$24,8%95,5%75,5%190,3%91Oman3.632.40021.688$23,5%86,9%66,4%154,6%134Jemen24.407.4001.655$40,2%66,4%20,0%69,0%167Deutschland80.621.80047.201$13,1%99,0%84,0%119,0%16

* alle Angaben nach Statistisches Bundesamt und International Telecommunication Union (www.destatis.de und www.itu.int/en/ITU-D/Statistics/Pages/stat/default.aspx). ** alle Angaben nach Unicef (www.unicef.org). *** alle Angaben nach Reporter ohne Grenzen (http://rsf.org/index2014/en-index2014.php). + Angaben für 2010. ++ Angaben für 2012 von CIA World Fact Book

Landkarte

Karte (modifiziert): Lencer ("own work",used BlankMap-World6.svg) CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)],via Wikimedia Commons.

TEIL I

TRANSNATIONALE PHÄNOMENE ARABISCHER MEDIEN

Die Geschichte arabischer Massenmedien von 1860 bis 1950

Bettina Gräf

Medien verstehe ich im Anschluss an die Philosophin Sybille Krämer (2010) als materielle Boten, die Wissen und dementsprechend Gefühle und zeitgebundene Wahrheiten speichern und übertragen können und die gleichzeitig Teil dieses Wissens sind. Als solche Boten gelten in der Geschichte Stein, Holz und Papyrus, natürlich Papier in verschiedenen Formen, neben Büchern ebenso Flugblätter, Broschüren, Zeitungen und Zeitschriften. Aber auch Kleider, Waffen, Häuser, Geld und der menschliche Körper selbst stellen diesem Verständnis nach Medien dar (Pfeiffer 1990). In diesem Beitrag geht es spezifisch um die Geschichte arabischer Medien seit dem 19. Jahrhundert. Damit lege ich die Aufmerksamkeit zum einen auf die Entstehung verschiedener Wirtschaftszweige wie den des Buchmarktes und der Musikindustrie und zum anderen auf Massenmedien. Ein wesentliches Merkmal von Massenmedien ist die Vermittlung von Wissen und Informationen an viele Personen zur gleichen Zeit, hierzu gehören sowohl Presseerzeugnisse als auch das Radio sowie Film und Fernsehen. Mündlicher, performativer und informeller Austausch verliert jedoch, wie vielfach fälschlich angenommen, mit dem Aufkommen von Massenmedien keineswegs an Bedeutung Nicht erst seit der intensiven Nutzung digitaler Medien stehen verschiedene Formen der Kommunikation nebeneinander bzw. sind miteinander verwoben. Die jüngsten arabischen Revolutionen haben eindrucksvoll die Verflechtung verschiedener Kommunikations- und Vermittlungsformen wie künstlerischem Ausdruck, politischem Essay, digitaler Vernetzung und politischer Mobilisierung verdeutlicht. Sie haben aber auch gezeigt, dass der Begriff der Medien allein, seien es Massenmedien oder andere, nichts über soziale und ökonomische Prozesse, politische Abhängigkeiten, Zensur und Selbstzensur aussagt (Eickhof 2014). Im folgenden Beitrag stehen deshalb nicht einzelne Medien, sondern die sozialen Bedingungen arabischer Medienproduktion und die damit zusammenhängenden Hierarchien im Mittelpunkt. Ägypten dient mir als wichtiges Beispiel, um dies zu illustrieren.

Historische Zäsuren

Bevor sich die neue Technologie des Druckens im Osmanischen Reich entfalten konnte – die offizielle arabische Druckgeschichte beginnt mit einer Fatwa des osmanischen Sultans 1727 – haben wir es in arabischsprachigen Regionen mit Manuskript- und Rezitationskulturen zu tun und diese waren hauptsächlich muslimisch geprägt, aber auch jüdisch und christlich (Messick 1993). Vielfältig rezitiert wurde einerseits Poesie und andererseits der Koran, dessen Wirkung sich vor allem durch den mündlichen Vortrag entfaltet (Neuwirth 2010).

Die arabischsprachige (ähnlich die persische) Manuskriptkultur wurde von einer kleinen Gruppe von Gelehrten (arab.: culama’) verfasst, gesammelt und weitergegeben. Als Gelehrte galten Richter, Lehrer, Imame, Philosophen, Schreiber und auch Zeichner. Sie arbeiteten seit dem 8. Jahrhundert (der Prophet Mohammad starb 632) in den verschiedensten Bereichen des Wissens wie Koranexegese, Rechtswissenschaft, Theologie, Ethik, Philosophie und Kosmologie, aber auch Astronomie, Mathematik, Geschichtsschreibung und Mystik. Rechtliche Dokumente wie Gerichtsakten, Urteile und Fatwas sowie Lehrbücher wurden innerhalb einzelner islamischer Rechtsschulen verfasst, benutzt, bewahrt und weitergegeben. Darüber hinaus zeugen Manuskripte in Form von Erlassen, Dekreten oder Fatwas von elaborierten Verwaltungs- und Herrschaftspraktiken.

Seit die Osmanen im 16. Jahrhundert einen großen Teil des südlichen Mittelmeerraums, des Balkans, Anatoliens und der Levante kontrollierten, wurden offizielle Dokumente auf Osmanisch verfasst, einer Turksprache mit vielen persischen und arabischen Lehnwörtern, die in arabischer Schrift geschrieben wurde. Der Beruf der Kopisten und Schreiber war in dieser Medienkultur unentbehrlich und deshalb hoch angesehen.

Druckerpressen, mit denen arabische Schriftzeichen gedruckt werden konnten, gab es auch schon vor 1727, nur nicht offiziell im Osmanischen Reich. Die erste arabische Druckerpresse wurde 1514 in Italien eingerichtet, um Gebetsbücher für syrische Christen drucken zu lassen. Der Koran soll bereits erstmals 1537 in Venedig auf Arabisch gedruckt worden sein. 1593 wurde das Hauptwerk des einflussreichen Gelehrten Ibn Sina (lat. Avicenna) »Der Kanon der Medizin« in Rom auf Arabisch gedruckt. Es galt bis ins 17. Jahrhundert als wichtigstes Lehrbuch der Medizin sowohl im heutigen Europa als auch im Osmanischen Reich. (Atiyeh 1995).

Im ausgehenden 18. Jahrhundert begann die französische und britische koloniale Durchdringung arabischsprachiger Regionen. Zusätzlich zu den etablierten religiösen und staatlichen agierten seither auch europäische Akteure im medialen Feld. Napoleons Truppen besetzen Ägypten von 1798 bis 1801 und brachten unter anderem drei Druckerpressen mit. So wurde die erste Zeitung auf ägyptischem Territorium auf Französisch herausgegeben. Sie hieß LE COURIER DE L’EGYPTE (Ägyptischer Kurier) und adressierte die französische Armee. Neben der neuesten Drucktechnik waren es durchaus noch andere Techniken, die einen bleibenden Eindruck hinterließen, so die des Sammelns und systematischen Dokumentierens. Aus der Sammelleidenschaft von Napoleons Begleitern entstand das mehrbändige Werk »Description de l’Égypte«, das erstmals 1809 in Frankreich erschien und als ein Baustein für die Begründung der Ägyptologie als Wissenschaft gilt. Die koloniale Durchdringung brachte spezifische, oft ambivalente, politische und mediale Erfahrungen in den einzelnen Ländern mit sich, in Ägypten von 1798 bis 1801 und seit 1882, in Nordafrika seit 1830 und in der Levante seit dem frühen 20. Jahrhundert (Mitchell 1991).

Muhammad Ali, von 1805 bis 1848 Gouverneur von Ägypten, interessierten die europäischen wissenschaftlichen, sozialen und technischen Entwicklungen enorm. Er begründete nicht nur eine neue Herrscherdynastie, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestand, sondern führte umfassende Reformen durch. Er gründete mit der Bulaq-Druckerei im gleichnamigen Stadtteil von Kairo die erste Druckerpresse in Ägypten. Die erste von ihm herausgegebene, höfische Zeitung erschien 1828 und hieß ÄGYPTISCHE WIRKLICHKEITEN (Atiyeh 1995: 245).

Die 1860er-Jahre markierten schließlich die Anfänge privater arabischsprachiger Kultur- und Medienproduktion. Im Jahr 1863 wechselte nicht nur die Herrschaft von Said Pascha zum ersten Khediven in Ägypten (d.h. vom Osmanischen Reich unabhängiger Herrscher), Khedive Ismail (1863-1879), sondern in den 1860er-Jahren änderten sich gleichzeitig die Bedingungen für Text- und Bildproduktionen. Dies geschah zum einen durch die Privatisierung der Verlagshäuser und Druckereien und zum anderen wegen der ab 1858 begonnenen Durchsetzung des Arabischen als Hauptsprache in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen (Al-Bagdadi 2010).

Kairo lief Ende des 19. Jahrhunderts Beirut als Hauptstadt des arabischen Journalismus den Rang ab. Journalisten und Verleger aus dem östlichen Mittelmeerraum, Christen und Muslime gleichermaßen, kamen hierher, um der osmanischen Zensur zu entgehen. Aber auch im kosmopolitischen Alexandria wurden Verlage und Zeitschriften gegründet. Verleger, Journalisten und Intellektuelle verschiedener Gemeinden und Gemeinschaften, wie der jüdischen, koptischen, griechischen und italienischen waren hier aktiv. Die englische Nachrichtenagentur REUTERS (gegr. 1851) eröffnete in den 1860er-Jahren in Alexandria mit Unterstützung durch den Khediven Ismail ihre erste ägyptische Niederlassung.

Die boomende Buchkultur verknüpft mit der Geschichte privater Verleger brachte vor dem Ersten Weltkrieg eine neue Elite (effendiya) hervor. Ihr wichtigstes Merkmal war, dass sie Hocharabisch lesen konnte – eine einheitliche Schriftsprache, die sich von den in jedem arabischen Land gesprochenen Dialekten abhebt. Diese Schicht artikulierte über neue Foren wie Zeitungen und Bücher ihre eigenen Themen und Weltsichten (Armbrust 2009).

Die Periode um die Wende zum 20. Jahrhundert wird oft als Zeit der intellektuellen Erneuerung (nahda) bezeichnet, vor allem in der Literatur ist dies ein feststehender Begriff. Zur gleichen Zeit wurde jedoch moderne arabische Massenmediengeschichte geschrieben. Über eine zahlenmäßig kleine Elite hinaus konsumierte die breite Bevölkerung Grammophonmusik, ging ins Theater und hörte Radio (seit den 1920er-Jahren). Hier wurde im Dialekt gesprochen bzw. gesungen, in einer Sprache also, die die meisten Leute verstehen konnten. Dies wiederum stärkte mit der Zeit das jeweilige Nationalgefühl von Ägyptern, Algeriern, Irakern oder Jemeniten und beflügelte entsprechend die Nachfrage nach diesen massenmedial vermittelten Produkten.

Seit Anfang der 1950er-Jahre, mit denen ich mich hier nicht beschäftigen werde, setzte sich in Folge der Machtübernahme der Freien Offiziere 1952 in Ägypten eine sozialistische Kulturpolitik durch, die u.a. die Verstaatlichung von Verlagen und eine Vielzahl von staatlichen Verlagsgründungen sowie Gründungen staatlicher Kulturinstitute bedeutete. Seit den 1960er-Jahren verfolgten auch Irak, Syrien, Süd-Jemen und Libyen sozialistische Regierungsprogramme, jedoch mit unterschiedlicher Dauer (Gonzales-Quijano 1998).

Innerhalb der Jahre 1860 und 1950, zwischen erstmaliger Privatisierung kultureller Produktion mit ihrem kreativen Potenzial, aber auch ihrer schichtenspezifischen medialen Kultur, und den sozialistischen Verstaatlichungen, können wir eine Palette von Entwicklungen beobachten, die die Geschichte kommunikativer Vermittlung und des medialen Austauschs kennzeichnen.

Das Buch als Medium und Ware vor dem Ersten Weltkrieg

Der euphorische Anfang des privaten Publizierens fiel in die Zeit, in der innenpolitisch in Ägypten über die osmanischen Tanzimat-Reformen (wörtlich Reorganisation, 1839-1876), die Unabhängigkeit vom osmanischen Sultan und den Übergang zur Khedivenschaft am ägyptischen Hof, den Bau des Suezkanals (Eröffnung 1869), den Baumwollexport und die englische Besatzung (seit 1882) debattiert wurde, um einige einschneidende politische Ereignisse zu nennen.

Was das Verlagswesen angeht, so kann man eine Zunahme arabischsprachiger Bücher (gegenüber osmanischen) seit Mitte des 19. Jahrhunderts konstatieren. Von einem kommerziellen Buchmarkt wird seit den 1860er-Jahren gesprochen (Al-Bagdadi 2010). Die ersten privat gedruckten Bücher waren Wörterbücher ins Arabische. Mit dem privaten Verlegertum entstanden neue literarische Genres, wie z. B. fiktionale Prosaliteratur, Dramen und Autobiografien sowie damit verbunden neue Inhalte und alternative Möglichkeiten von Geschichtsschreibung. Die neue Buch- und Druckkultur brachte neben islamischem Wissen auch Profanes hervor. Entsprechend standen die neuen Genres im Kontrast zu den Publikationen des Hofes ebenso wie zu denen religiöser Institutionen wie der Azhar-Universität. Aber auch diese profitierten von den neuen Drucktechniken: Im späten 19. Jahrhundert wurden zum Beispiel die ersten beiden großen Fatwa-Sammlungen zeitgenössischer Gelehrter gedruckt, im Jahr 1883 die des malekitischen Muftis in Ägypten Muhammad Ulayish (1802-1882) und 1887 die des hanafitischen Muftis Muhammad al-Abbasi Al-Mahdi (1827-1897) (Skovgaard-Petersen 1997: 75). Aus der Spannung zwischen religiöser und nichtreligiöser Textproduktion zum einen sowie zwischen höfischen und politisch kritischen Publikationen zum anderen entstanden wesentliche Impulse für alle Schreibenden, religiöse und profane zugleich (Al-Bagdadi 2010: 73).

Zwischen Büchern und Zeitschriften kann dabei nicht immer strikt getrennt werden. Bestimmte Themen erschienen zunächst als Fortsetzungsgeschichte in Zeitschriften wie z. B. in AL-HILAL (gegr. 1892) und erst später als Buch. Schriftsteller und Verleger engagierten sich in beiden Unternehmungen. Um eine Zeitschrift bzw. einen Verlag zu gründen benötigte man Ende des 19. Jahrhunderts kein großes Startkapital. Diese Unternehmen allerdings über längere Zeit aufrecht zu erhalten, war schwierig. Zum einen beruhte die ägyptische Wirtschaft in dieser Zeit fast ausschließlich auf der Produktion für den eigenen Bedarf und auf Tauschhandel und die meisten Menschen lebten auf dem Land. Zum anderen waren viele Ägypter des Lesens und Schreibens nicht mächtig und interessierten sich demzufolge kaum für das gedruckte Wort. Nur einige Unternehmer waren in der Lage, eine solide ökonomische Grundlage zu schaffen und schließlich eigene Druckereien zu betreiben, was ihr Geschäft erheblich einträglicher machte. Dazu gehörte die Zeitung AL-AHRAM (Die Pyramiden, gegr. 1875 als Wochenzeitung in Alexandria, seit 1881 bis heute Tageszeitung), die Monatszeitschrift AL-MUQTATAF (Das Auserwählte, gegr. 1876 in Beirut, später Kairo bis 1952) und die ebenfalls monatlich erscheinende Zeitschrift AL-HILAL (Der Halbmond, gegr. 1892 in Kairo bis heute).

Eine Schwierigkeit, mit der Verleger und Autoren aber zunehmend auch in Ägypten zu kämpfen hatten, war die staatliche Zensur. Das von privaten Verlegern gedruckte Buch und ebenso Zeitungen und Zeitschriften entzogen sich nach Meinung des ägyptischen Khediven zu sehr der staatlichen Kontrolle. Nach einigen Verboten für Zeitungen und Zeitschriften unter Ismail (z. B. SADA AL-AHRAM, Echo der Pyramiden 1878, AL-WATAN, Das Heimatland und AL-TIJARA, Die Geschäftswelt, jeweils 1879) erließ die neue Regierung ab 1881 restriktivere Gesetze, was eine erschwerte Vergabe von Erlaubnissen und eine Vorabzensur bedeutete (Ayalon 1995: 45; Al-Bagdadi 2010: 67ff).

Die Presse zwischen den beiden Weltkriegen 1918 bis 1939

Bis zum Ersten Weltkrieg kämpften die meisten Verleger, Journalisten und Intellektuellen verschiedener politischer Couleur an mehreren Fronten sowohl gegen die Briten in Ägypten als auch gegen den pro-britischen ägyptischen Hof und gegen das osmanische Sultanat. Während des Ersten Weltkriegs zwang die Zensur (unter Kriegsrecht) viele Publikationen in die Knie (Ayalon 1995).

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hingegen war eine blühende Periode für die gesamten ägyptischen Printmedien, was die Vielfalt, aber auch was die Freiheiten des Publizierens anging. Wurden zuvor pro Blatt meist unter 1000 Exemplare verkauft, erreichten einige Blätter in den 1920er- und 1930er-Jahren Auflagen bis zu 10.000 Exemplaren. Populäre arabischsprachige Tageszeitungen in diesem Zeitraum waren AL-AHRAM und AL-MUQATTAM (Name eines Viertels in Kairo, gegr. 1889). Als erfolgreiche Wochenzeitungen galten AKHBAR AL-YAUM (Nachrichten des Tages, gegr. 1925), RUZ AL-YUSUF (gegr. 1925 von der gleichnamigen Verlegerin) und AKHIR SA’A (Zu später Stunde, gegr. 1934). Im Jahr 1937 gab es 250 arabischsprachige und 65 ausländische (zumeist englisch- und französischsprachige) Blätter (Ayalon 1995: 75ff).

Bei Zeitungen handelte es sich entweder um private Gründungen oder um Parteiorgane. AL-SIYASA (Die Politik, gegr. 1922) stellte das Organ der Liberalen Verfassungspartei dar und AL-BALAGH (Die Nachricht, gegr. 1923) das der Wafd-Partei. Sechs Themen hielten die Ägypter nach dem Ersten Weltkrieg in Atem: parteipolitische Auseinandersetzungen, der Streit mit dem pro-britischen Palast, die professionelle und politische Durchsetzung der Pressefreiheit, der Kampf gegen ausländische Dominanz sowie die Fragen nach der nationalen kulturellen Identität und der ideologischen Ausrichtung der Gesellschaft (Goldschmidt 2005). In den 1930er-Jahren intensivierten sich die politischen Differenzen, was zu radikaleren Positionen und neuen Parteigründungen führte. Ein Beispiel dafür ist die politische Gruppierung MISR AL-FATAH (Junges Ägypten), die 1933 gegründet wurde. Sie gab ab 1938 ein Blatt mit dem gleichen Namen heraus (Jankowski 1975).

Neben der politischen Presse gab es eine Reihe von Magazinen und Zeitschriften, die sich mit Kunst, Literatur, Gesundheit, Bildung und anderen Themen beschäftigten. Auch Zeitschriften von Frauen für Frauen, wie z. B. AL-MISRIYA (Die ägyptische Frau) kamen auf dem Markt (Ahmed 1992). Im Jahr 1924 wurde das Hochglanzblatt AL-MUSSAWAR (Der Fotograf, Dar al-Hilal) gegründet. Modestrecken und Texte über neueste Technologien wechselten sich ab mit Produktwerbung und dem Radioprogramm. Ein verbreitetes und beliebtes Stilmittel waren Karikaturen. Die Figur des al-Misri effendi (etwa: Der Herr Ägypter) kam in verschiedenen Zeitschriften vor. Sie repräsentierte so etwas wie den modernen normalen Ägypter und nahm diesen gleichzeitig auf die Schippe. Durch diesen Charakter, der in europäischer Aufmachung gekleidet war und gleichzeitig einen Gebetshut trug, wurden gern politische Ereignisse im alltagssprachlichen ägyptischen Arabisch kommentiert.

Taschenbücher als neues Medium seit den 1930er-Jahren

Taschenbücher wurden in (heute) europäischen Ländern vereinzelt seit dem 18. Jahrhundert produziert. Von einer »Taschenbuch-Revolution« spricht man jedoch erst seit den 1930er-Jahren (Klussmann 1998). Taschenbücher sind leichter und billiger herzustellen als Bücher mit Ledereinband und Fadenbindung und können daher in großer Stückzahl produziert werden, was sie für den Massenmarkt prädestiniert. Bisher wissen wir nicht viel über die Geschichte des Taschenbuchs in arabischsprachigen Regionen. Taschenbücher wurden aber nicht nur von islamisch ausgerichteten Verlagen hergestellt, sondern ebenso von kommunistisch und sozialistisch orientierten. Junge, private Verleger mit wenig Geld, aber starken Überzeugungen gründeten in dieser Zeit kleine Verlage sowohl in Kairo als auch in Beirut, Damaskus und Jerusalem. Eine große Anzahl von Menschen interessierte sich für diese Publikationen und konnte sie sich leisten. Man kann davon ausgehen, dass das neue Buch-Format ein wichtiges Puzzlestück für das Verständnis des radikalen sozialen, politischen und kulturellen Wandels zwischen den späten 1930er und frühen 1950er-Jahren in Ägypten und anderen Regionen des Nahen Ostens darstellt (Gershoni/ Jankowski 1995; Armbrust 2009). Taschenbücher erleichterten nicht nur die Produktion von Büchern, sondern beeinflussten die Ausformulierung massenkompatibler Zukunftsentwürfe verschiedener politischer Lager. Auch hier sind es bestimmte Personen und Gruppen, die von der neuen Technologie profitierten, zum Beispiel politische Bewegungen, wie die der Muslimbrüder (gegr. 1928), sowie politisch auf den Islam ausgerichtete Verleger, wie Wahba Hasan Wahba, der 1946 die Verlagsbuchhandlung Maktabat Wahba in Kairo gründete. Im Arabischen bezeichnet man solche auf den Islam orientierte Buchhandlungen als makatabat diniya (religiöse Buchläden).

Exkurs: Auseinandersetzungen um Wissen und Ideologien in intellektuellen Zeitschriften von 1860 bis 1950

Hochglanzblätter wie das schon erwähnte AL-MUSSAWAR oder auch AL-ITHNAYN (Der Montag, gegr. 1934) mit ihren vielen Abbildungen adressierten eine breite Leserschaft, wobei die Exemplare von Hand zu Hand gingen oder auch vorgelesen wurden. Intellektuelle Zeitschriften erreichten dagegen nur eine kleine Elite. Dennoch werden sie in der Forschung bisher als das wichtigste Medium der arabischen kulturellen und politischen Erneuerung (nahda) an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert angesehen. Andere Akteure wie die radikale Linke und deren Zeitschriften, Netzwerke und Ausdrucksformen, besonders das Volkstheater, waren ebenso entscheidend für die kulturellen und politischen Entwicklungen in der Region, sind bisher aber weniger gut erforscht (Khuri-Makdisi 2010).

Die bekanntesten und doch recht unterschiedlichen Zeitschriften AL-MUQTATAF (1876-1952), AL-HILAL (1892-heute), AL-MANAR (1898-1935) und AL-MAJALLA AL-JADIDA (1929-1941) möchte ich im Folgenden vorstellen. Sie spiegeln das Ringen um politische, wissenschaftliche und weltanschauliche Wahrheiten zwischen den 1870er- und den 1940er-Jahren wider.

Die beiden syrischen Christen Yaqub Sarruf und Faris Nimr gründeten 1876 in Beirut die Zeitschrift AL-MUQTATAF (Das Auserwählte). In den 1880er-Jahren verlegten sie das Unternehmen nach Kairo. AL-MUQTATAF galt als Bildungszeitschrift und als Leitmedium für inhaltliche Debatten um wissenschaftlichtechnische Neuerungen (Glaß 2004). Im Untertitel trug AL-MUQTATAF den Namen »Zeitschrift für Wissenschaft, Industrie und Landwirtschaft«. Die Evolutionstheorie wurde ebenso diskutiert wie der Sozialdarwinismus, die ökonomische Liberalisierung und damals aufkommende wissenschaftliche Disziplinen wie Biologie und Soziologie. Auch was die Diskussionskultur angeht, setzte die Zeitschrift Standards: Die Herausgeber nahmen Leserbriefe ernst, die Wahrheitsfindung durch den Austausch rationaler Argumente hatte oberste Priorität, die Meinung Andersdenkender sollte respektiert werden. Neben den »Debatten« setzte sich das »Frage-Antwort-Muster« als journalistische Rubrik durch. Ausländische Wissenschaftsmagazine, darunter SCIENTIFIC AMERICAN (New York, gegr. 1845) mit der Kolumne »Notes and Queries«, standen dabei Pate (Glaß 2004: 260-270).

Christliche Syrer, die das Verlagswesen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestimmt und die wichtigsten Tageszeitungen und Periodika gegründet hatten, wurden nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund nationalistischer Kämpfe langsam aus dem arabischsprachigen Verlagswesen in Ägypten verdrängt und wechselten zu französischsprachigen Publikationen. Die Tageszeitung AL-AHRAM sowie die Zeitschriften AL-MUQTATAF und AL-HILAL bildeten aufgrund ihrer hohen Qualität Ausnahmen. Die monatlich erscheinende Kultur- und Literaturzeitschrift AL-HILAL (Der Halbmond) engagierte zudem zunehmend auch muslimische Journalisten und öffnete sich somit einer breiteren Leserschaft. AL-HILAL wurde von dem Intellektuellen Jurji Zaydan 1892 in Alexandria gegründet. Auch Zaydan (1861-1914) war syrischer Christ, jedoch wie Sarruf und Nimr weniger an Fragen der Religion als an gesellschaftlichem Fortschritt durch technische Entwicklungen interessiert. Zaydan war dabei sehr kritisch gegenüber sozialistischen Utopien. Er glaubte an Bildung als ein Mittel für die Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse, außerdem war er überzeugt von der Idee des sozialen Aufstiegs. Die Presse betrachtete er als eine Art Schule und Journalisten als Lehrer bzw. Führer für die Massen. Er befürwortete die osmanischen Reformen (tanzimat) im 19. Jahrhundert. Der Titel seiner Zeitschrift und seines Verlages (AL-HILAL) weist auf den osmanischen Halbmond. Erst Ende der 1890er-Jahre begann Zaydan eine kritische Haltung gegenüber dem osmanischen Sultan Abdülhamid II (1876-1909) einzunehmen und für Presse- und Meinungsfreiheit einzutreten. Entsprechend unterstützte er 1908 die Jungtürkische Bewegung, die gegen den starken staatlichen Zentralismus und für die Ideale von individueller Freiheit eintrat. Nach Zaydans Tod im Jahr 1914 setzte sich dann ein sozialistischer Kurs in der Zeitschrift durch.

Auch bei AL-HILAL und AL-MANAR kann man die Gemeinsamkeiten nachzeichnen, wobei die Unterschiede ebenso auf der Hand liegen. Muhammad Rashid Rida, der als einer der einflussreichsten Denker dieser Zeit gilt, gründete 1898 in Kairo die Zeitschrift AL-MANAR (Der Leuchtturm). Auch er stammte aus einer syrisch-libanesischen, aber muslimischen Familie. Rida galt als ein Befürworter von Reformen und gesellschaftlichem Fortschritt. Die Erneuerung der islamischen Bildung war ihm ein wichtiges Anliegen. Er verfolgte und kommentierte intensiv politische Themen (Dupont 2008; Philipp 2010). Wie Jurji Zaydan maß er der Presse eine wichtige Funktion für die Erneuerung der Gesellschaft bei. Islamische Ideen von guter Politik und Moral sollten nicht nur in einem kleinen Kreis von Gelehrten diskutiert werden, sondern mittels der Presse weite Verbreitung finden (Hamzah 2013). AL-MANAR wurde in diesem Sinn in aller Welt gelesen: von Marokko bis Malaysia diskutierten Intellektuelle ihre Themen. Anhand der Fatwa-Rubrik FATAWA AL-MANAR – hier wurden Fragen der Leser und Antworten des Herausgebers bzw. anderer Journalisten und Gelehrten abgedruckt – kann man die transregionale Verbreitung der Zeitschrift ablesen, die nicht zuletzt zu ihrer enormen Bekanntheit beigetragen hat. In AL-MANAR waren auch kritische Beiträge gegenüber imperialen und kolonialen Regimes zu lesen. Rida diskutierte den Islam als alternative Ordnung zu europäischen Gesellschaftsvorstellungen sowohl der Linken als auch der Liberalen. Dabei trat er in die Fußstapfen populärer Reformgelehrter wie Muhammad Abduh und Jamal al-Din Al-Afghani. Ihre Zeitschrift AL-URWA WA-L-WUTHQA (Das feste Band, gegr. 1884 in Paris) war die erste auf Arabisch herausgegebene Zeitschrift, die eine neue islamische Diskussionskultur und einen neuen Umgang mit Wissen darstellte. Mark Sedgwick drückt es folgendermaßen aus: »Afghani und Abduh erfanden das, was nunmehr als radikaler islamischer Journalismus auf Arabisch bezeichnet werden würde, einschließlich der Idee, den Islam als politisches Projekt zu verstehen« (Sedgwick 2010: 56).

In den Zwischenkriegsjahren verstärkten sich ideologische Auseinandersetzungen. Neben und vermischt mit islamischen, linken und liberalen lieferten sich pro- und antifaschistische Stimmen einen regen Schlagabtausch. Populäre Zeitschriften wie AL-ITHNAYN WA-L-DUNYA (Auflage 1944 90.000), AL-MUSAWWARund RUZ AL-YUSUF (Auflage in den späten 1920er-Jahren jeweils 20.000) waren in den späten 1930er-Jahren kritisch gegenüber dem italienischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus eingestellt (Gershoni/ Jankowski 1995). AL-MAJALLA AL-JADIDA (Die neue Zeitschrift), gegründet von dem koptischen Intellektuellen Salma Musa im Jahr 1929, stellt hingegen ein Beispiel für einen Gesinnungswandel dar. Zunächst identifizierte sich Musa mit dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland, inklusive dessen rassischen Homogenitätsvorstellungen. Er war fasziniert von den Versprechen sozialistischer Reformen und einer gerechten Gesellschaft. In den späten 1930er-Jahren orientierte er sich jedoch um und entwickelte sich schließlich zu einem scharfen Kritiker Hitlers. In den letzten Jahren sind einige Forschungsarbeiten entstanden, die das Verhältnis arabischer Intellektueller, Gelehrter und politischer Entscheidungsträger mit dem Nationalsozialismus bearbeiten und differenziert ausloten (Höpp et al. 2004). Israel Gershoni betont, dass die Entwicklung von AL-MAJALLA AL-JADIDA als repräsentativ für viele andere arabische Publikationen in den 1930er-Jahren gelten kann (Gershoni 2010).

Die Bedeutung des Theaters, der Musikindustrie und von Grammophonstars seit 1900

Waren intellektuelle Zeitschriften insgesamt beschränkt auf eine kleine Schicht von Intellektuellen, die sich auf hohem Niveau über Fragen der Zeit stritten, triumphierte ein anderes Medium – gerade weil es potenziell von allen genutzt werden konnte: das Radio. Das Radio war auch verantwortlich für einen plötzlichen Hunger nach Nachrichten und schließlich regelmäßige Nachrichtenproduktionen, die noch um 1900 nicht selbstverständlich gewesen waren. Radios in privaten Haushalten gab es in Ägypten seit den 1920er-Jahren. Im Jahr 1934 wurde das Radioprogramm unter staatliche Kontrolle gestellt und seither als nationales Rundfunksystem entwickelt. Radios machten trotz dieser Umstellung den Grammophonen und auf Platten aufgezeichneter Musik enorme Konkurrenz, die in den 1920er-Jahren große Erfolge gefeiert hatten.

Man kommt leicht in Versuchung, vor allem Gedrucktes mit der Herausbildung von politischem Bewusstsein und modernem Nationalismus in Verbindung zu bringen (Anderson 1991). Dies ist jedoch zu einfach gedacht, da gerade Theater, Kabarett, Gedichte und Lieder eine immense Bedeutung bei der Verbreitung politischer Ideen hatten und haben. Darüber hinaus zeugt auch nicht nur das politische Theater bzw. Lied von politischem Bewusstsein und Handeln. Für das Verständnis des ägyptischen Nationalbewusstseins und der spezifisch ägyptischen Moderne sind vor allem auch Lieder, Sketche, Witze und Filme im ägyptischen Dialekt ausschlaggebend. Ausgestattet mit einem bestimmten Humor und in verschiedenen kulturellen und medialen Formen tagtäglich wiederholt, führen uns Produzenten und Konsumenten der massenmedial vermittelten Populärkultur ins Herz der Auseinandersetzungen um ein modernes ägyptisches Selbstverständnis (Armbrust 1996; Fahmy 2011).

Über ägyptische Grenzen hinaus bis heute bekannt sind die Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum (1898-1975) und der Sänger, Komponist und Produzent Muhammad Abdel Wahab (1897-1991). Ihnen gingen andere Stars voraus, die über Grammophonschallplatten Anfang des 20. Jahrhunderts sehr populär geworden waren. Besonders taqatiq (Sing. taqtuqa), Lieder die von Frauen gesungen werden, erfreuten sich großer Beliebtheit. Die legendäre Sängerin Salama Hijazi sowie Asmah Al-Kumsariya und Bahiya Al-Mahalawiya waren bei Grammophonunternehmen unter Vertrag (Fahmy 2011: 88). Vor allem die Firma Odeon (gegr. 1903 in Berlin) eroberte schnell den ägyptischen Markt. Allein zwischen 1913 und 1914 verkaufte Odeon 458 verschiedene Platten in Ägypten. Grammophone waren weit verbreitet, vor allem in öffentlichen Cafés. Die Texte und Melodien wurden meist nicht von den Sängerinnen selbst geschrieben, obwohl das auch vorkam, z. B. bei Munira Al-Mahdiya, sondern von Dichtern bzw. Intellektuellen. Einige von ihnen, wie Bayram Al-Tunisi, Amin Sidqi und Yunis Al-Qadi, wurden in dieser Zeit berühmt, weil sie neben Liedern auch Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke, Filmskripte und Radioserien im ägyptischen Arabisch schrieben. Über die lokal vertraute Sprache wurden ganz bestimmte Bilder und Stereotypen, wie jenes des schon erwähnten effendi, des fallah (Bauern), der als Symbol für das unterdrückte Volk Ägyptens galt, oder des khawaja, des (weißen) Ausländers, transportiert, die für die Herausbildung eines nationalen Bewusstseins entscheidend gewesen sind (Al-Bagdadi 2010).

Obwohl die Lieder und Stücke sehr beliebt waren, gab es dafür nicht nur Zustimmung. In der Presse konnte man ebenso Kritiken lesen, die dem Ägyptischen eine geringere kulturelle Bedeutung als dem Hocharabischen einräumten. Dies zeigt, dass ägyptische Lieder, Gedichte und Theaterstücke nicht nur nationales, sondern auch subversives Potenzial hatten. Texte auf Hocharabisch standen eher in Verbindung zur staatlichen Kulturpolitik bzw. zu einer von Eliten dominierten Kultur- und Gesellschaftsvorstellung. Im Theater (Straßentheater, Vaudeville) begegneten sich jedoch Menschen der verschiedenen Schichten; es gab mehr als nur einer gesellschaftlichen Vision Raum. Zum einen galt es als Ort der Bildung und als Symbol des modernen städtischen Lebens, sogar zum Teil unterstützt durch städtische Verwaltungen, und zum anderen war das Theater ein Forum für radikale Meinungsäußerungen. Was das Theater aber für alle gleichermaßen attraktiv machte, waren der ägyptische Dialekt und die Lieder (Khuri-Makdisi 2010).

Filme in Ägypten

Ähnliches kann man auch vom ägyptischen Film sagen. Die eigenständige ägyptische Produktion begann in den 1930er-Jahren, als die Ära des Stummfilms schon fast vorbei war.

Die französischen Brüder Lumière, die den Kinematographen erfanden, zeigten den ersten Film in Ägypten überhaupt im November 1896 in Alexandria. Die ersten Aufführungen ihrer Kurzfilme hatten ein Jahr zuvor in Paris stattgefunden. Die neue Technologie wurde vom Publikum und von der Presse mit Faszination aufgenommen (Wassef 1995: 12). Im Jahr 1897 drehten sie die ersten Szenen in Alexandria und Kairo und produzierten den Dokumentarstreifen PLACE DES CONSUL, À ALEXANDRIE. Im selben Jahr wurde in Kairo das erste Filmtheater eingeweiht. In den folgenden Jahren entwickelte sich im Zusammenspiel von Filmproduktionsfirmen, Studios, Filmemachern, Schauspielerstars, Dokumentar-, Musik-, Tanz- und Spielfilmen sowie einer regen öffentlichen Rezeption eine Filmkultur in Ägypten, wobei die Geldgeber zunächst ausländische Unternehmen waren. Das änderte sich mit der Gründung der Ägyptischen Gesellschaft für Theater und Film im Jahr 1925 und schließlich mit dem später berühmten Studiokomplex Studio Misr 1935. Finanziert hatte beide Einrichtungen der Industrielle Talaat Harb, dort gelebt, geschrieben und gefilmt hat der Filmpionier Mohamed Bayoumi (1894-1963). Talaat Harb hatte 1920 die erste Bank Ägyptens, Bank Misr, gegründet und richtete auf Anregung von Bayoumi 1925 einen Zweig der Bank auf Filmförderung aus. Diese Unternehmung wurde als Film Misr bekannt, die erste ägyptische Filmproduktionsfirma. Der erste von Film Misr produzierte Film war WEDAD von Fritz Kramp. Er kam 1936 in die Kinos, mit Umm Kulthum und Ahmed Allam in den Hauptrollen. Ein anderer Publikumserfolg war DIE WEIßE ROSE (al-Wardah al-bayda) aus dem Jahr 1933 von Mohamed Karim, mit dem populären Sänger Mohammed Abdel Wahab und Samira Khuloussi. Der Aufstieg der neuen Stars am filmischen Himmel, die gleichzeitig darstellten, sangen und tanzten, bedeutete den Abschied vom Film für andere. Bahija Hafez (1908-1983) zum Beispiel feierte ihren größten Erfolg in dem Stummfilm ZEINAB von Mohamed Karim. Sie selbst hatte die Musik komponiert, die während der Aufführungen von Platte abgespielt wurde. Im Zuge der Ablösung des Stummfilms verschwand sie jedoch von der Bildfläche, erst 1967 drehte sie mit KAIRO 30 (al-Qahira thalathin) wieder einen Film.

Fazit

Arabische Mediengeschichte einzig anhand der Erfindung bestimmter Medientechnologien zu schreiben, würde zu kurz greifen. Dennoch spielen technologische Entwicklungen keine geringe Rolle. Mein Interesse war es, nachzuvollziehen, welche Technologien von welchen sozialen Akteuren genutzt und weiterentwickelt wurden. Die Eigentumsverhältnisse sind dabei genauso von Bedeutung wie das politische System. Für beide gilt gleichfalls, dass sie mit kommunikativen Mitteln entweder erhalten, stabilisiert oder herausgefordert werden können. Darüber hinaus interessiert das Neben- und Miteinander bestimmter Entwicklungen. So wissen wir, dass sich Grammophon und Stummfilm gleichzeitig etablierten und eben zur selben Zeit in der Presse intellektuelle Debatten um die Freiheit der Meinungsäußerung und des Ausdrucks ausgetragen wurden. Allein auf ein Medium zu schauen, würde unseren Blick verengen und damit unser Verständnis für die jeweilige Zeit. Lehrreich ist zudem, dass sich in arabischsprachigen Regionen, trotz dominanter nationalstaatlicher Wege, bestimmte technologische und kommunikative Entwicklungen stets eng verflochten mit Entwicklungen in den Regionen nördlich des Mittelmeers vollzogen haben. Es gilt also, die transnationalen bzw. transregionalen Komponenten von Medien- und Sozialgeschichte stärker in den Blick zu bekommen, auch um heutige mediale und politische Verhältnisse besser zu verstehen. Diese lassen sich ebenfalls nicht nur in einem nationalstaatlichen Rahmen verorten und sind durchaus Teil einer gemeinsamen Geschichte der kolonialen und postkolonialen Moderne.

Literatur

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Transnationales Satellitenfernsehen: Bilder sprengen Grenzen

Carola Richter & Asiem El Difraoui

Wenn man sich 20 Jahre alte Nachrichtensendungen aus einem beliebigen arabischen Land aus den Archiven herausholen lassen und anschauen würde, so bekäme man in verschiedenen Variationen unweigerlich folgendes zu Gesicht: Zunächst die Verlesung des Glückwunschtelegramms des Emirs des Emirates X an den Herrscher des Staates Y, anschließend der Besuch des Präsidenten in einem Krankenhaus oder in einer neuen Fabrikanlage sowie der Empfang eines minder wichtigen ausländischen Politikers im Regierungssitz und dann einen Zusammenschnitt von klagenden palästinensischen Müttern aus Nachrichtenagenturmaterial, mit dem symbolhaft die Verbundenheit aller Araber mit dem palästinensischen Volk beschwört werden sollte. Protokollnachrichten waren der Standard; kontroverse politische Analysen, Streitgespräche über Politik, überhaupt Innenpolitik oder an Nachrichtenfaktoren oder Publikumsinteressen orientierte Berichterstattung hingegen nicht existent.

1996 dann der Paukenschlag: AL-JAZEERA! Plötzlich wurde unter dem Slogan »Meinung und Gegenmeinung« heftig im Fernsehen gefochten, ja häufig regelrecht geschrien. AL-JAZEERAS politische Talkshows rissen die Zuschauer mit. Hier wurde so offen wie noch nie in der arabischen Welt diskutiert (Lynch 2006). Weltliche arabische Nationalisten stritten sich mit Islamisten, voll verschleierte ultra-konservative Musliminnen mit arabischen Frauenrechtlerinnen oder Demokratie-Befürworter mit Monarchisten. AL-JAZEERA brachte der arabischen Welt eine bislang unerhörte Meinungsvielfalt. Es schuf die erste wirkliche pan-arabische Öffentlichkeit (El Difraoui/ Abel 2012). Plötzlich standen Korrespondenten live mitten im Geschehen in Palästina, in Afghanistan oder im Irak und sogar vor der Haustür der Zuschauer in einem Dorf in Marokko oder einem Supermarkt in Oman und berichteten von dem, was sie sahen, und alle Zuschauer konnten daran teilhaben. Auf einmal schien auch die eigene Meinung etwas zu zählen, wurde man doch bei den verschiedenen Call-In-Sendungen regelrecht zur Mitsprache aufgefordert. Kritische Stimmen behaupten zwar, dass AL-JAZEERA lediglich ein Ventil für Frustration sei und damit die arabische Bevölkerung davon abhalten würde, ihrer Unzufriedenheit auf der Straße Luft zu machen, statt sich für wirklichen politischen Wandel zu engagieren (Al-Sadi 2012). Aber auch den Kritikern war bewusst, dass in Anlehnung an die Prämisse McLuhans »das Medium ist die Botschaft« allein die Existenz AL-JAZEERAS zu einer Veränderung rung führen würde. Und in der Tat war AL-JAZEERA Teil einer Medienrevolution, welche die arabische Welt ins Zeitalter der Globalisierung katapultierte.

Die politische Ökonomie der Satellitensender

Der technische Grundstein für diese Entwicklung wurde allerdings schon in den 1980er-Jahren gelegt. Die 22 Staaten der Arabischen Liga beschlossen, in ein eigenes Satellitensystem namens ArabSat zu investieren. Die Kosten für dieses Vorhaben, das zur Zeit ein Volumen von 500 Millionen US-Dollar hat, wurden entsprechend der finanziellen Potenz sehr ungleich verteilt: Saudi-Arabien trägt demnach 36,6 %, Kuwait 14,5 %; Libyen 11,2 %; Qatar 9,8 %, die Vereinigten Arabischen Emirate 4,6 %; Jordanien 4,0 %; Libanon 3,8 %; Bahrain 2,4 %; Syrien 2,0 %; Irak 1,9 %; Algerien 1,7 %; Jemen 1,6 %; Ägypten 1,5 %; Oman 1,2 %; Tunesien 0,7 %; Marokko 0,6 %; Mauretanien, Sudan, Palästina und Somalia je 0,2 %; Djibouti 0,1%.

Der erste Satellit wurde 1985 in Betrieb genommen, um Bilder der Pilgerfahrt zu den Heiligen Städten von Mekka und Medina in Saudi-Arabien international zu übermitteln. ArabSat wurde zunächst nur zum regionalen Programmaustausch, wie er auch mittels der European Broadcasting Union (EBU) unter den Sendern Europas üblich ist, eingesetzt. Ägypten nutzte als erstes Land das über diesen Austausch hinausgehende Potenzial des Satelliten, indem es den ersten arabischen Satellitensender etablierte und nicht nur den beteiligten Anstalten Bilder übermittelte, sondern sie direkt für die Zuschauer zugänglich machte. Anlass war der Irak-Krieg 1990/91, in dem auch Ägyptens Armee Kontingente auf Seiten der von den USA geführten Koalition stellte, um die irakischen Invasoren aus Kuwait zu vertreiben. Die ägyptischen Soldaten im Einsatz sollten Zugang zu den heimischen Informationen bekommen und nicht auf den damals sehr populären westlichen Monopolisten CNN angewiesen sein.. Ägypten sendete mit ESC1 (EGYPIAN SATELLITE CHANNEL 1) nunmehr das Programm seines ersten terrestrischen Kanals auch über Satellit (Sakr 2001). Doch damit war nur eine neue technische Möglichkeit der Verbreitung erschlossen; es bedeutete noch keinen Qualitätssprung des Fernsehens.

Dieser wurde im Folgejahr durch eine wirtschaftliche Diversifizierungsstrategie der milliardenschweren Eliten aus den Golfstaaten eingeläutet. Die Endlichkeit der Rohölvorräte als Einkommensquelle und vor allem die Verwundbarkeit der Märkte, wurde durch den Irak-Kuwait-Krieg erneut verdeutlicht. Zukunftsträchtige Investitionsfelder wurden gesucht und neue Kommunikationstechnologien als ein solches identifiziert. 1991 wurde von reichen Geschäftsmännern aus den Golfstaaten der Sender MIDDLE EAST BROADCASTING CENTER (MBC) gegründet [siehe Beitrag Saudi-Arabien]. Aus London wurde über ArabSat in die ganze Region gesendet. In schneller Folge wurden danach weitere Konsortien gegründet: 1993 entstand die Pay-TV-Gruppe ARAB RADIO AND TELEVISION (ART) und 1994 die ORBIT-Gruppe mit Sitzen in Italien sowie 1995 die ROTANA