Arachneion - Pallashass - Bastian Brinkmann - E-Book

Arachneion - Pallashass E-Book

Bastian Brinkmann

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Beschreibung

"Ihr müsst mir ein Versprechen schwören. Ihr könnt es nicht abschlagen, ist's der letzte Wunsch des grausam Sterbenden." IDMON VON KOLOPHON Vater der Arachne Mit diesem Wunsch beginnt die Reise des Asklepios, dem legendären Heiler und Teilnehmer der Argonautenfahrt. Er soll sich der Tochter des Idmon annehmen und sie in eine neue Heimat führen. Doch ein schwerer Makel liegt auf Asklepios. Ein Frevel, der die Götter auf den Plan ruft und ihn bis an den Rand der Welt verfolgt. Und darüber hinaus.

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Seitenzahl: 585

Veröffentlichungsjahr: 2016

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BASTIAN BRINKMANN

ARACHNEION

Pallashass

Inhaltsverzeichnis

PERSONAE

PROLOGOS - Der Bithynische Eber

ERSTER GESANG - Wo Argonauten längst Legenden sind

ZWEITER GESANG - Die rasenden Rosse des Poseidon

DRITTER GESANG - Das Leuchten der Okeaniden

VIERTER GESANG - Hadesbrand

FÜNFTER GESANG - Der Ansturm des Zerberus

SECHSTER GESANG - Im Totenreich

SIEBTER GESANG - Die Flechten des Attis

ACHTER GESANG - Jenseits des Okeanos

NEUNTER GESANG - Zurück im Hexenhain

ZEHNTER GESANG - Drei Schwestern

ELFTER GESANG - Rückweg

ZWÖLFTER GESANG - Hypaipa

DREIZEHNTER GESANG - Der Wettbewerb

VIERZEHNTER GESANG - Bestiensturm

EPILOGOS - Der Aar am Firmamente

Über den Autor

Impressum

Impressum neobooks

PERSONAE

MENSCHEN UND TIERE

- ASKLEPIOS: Legendärer Heiler und Teilnehmer der Argonautenfahrt.

- IDMON: Legendärer Seher. Argonaut und Vater der Arachne.

- IASON: Sohn des Aison. Anführer der Argonauten.

- ARACHNE: Tochter des Idmon.

- COLYDON: Ziege der Arachne.

GÖTTER

- ZEUS: Göttervater und oberster Gott.

- HERA: Seine eifersüchtige Gattin.

- HADES: Herrscher über das Totenreich.

- POSEIDON: Gott des Meeres.

- ATHENE: Göttin der Weisheit, der Kunst und des Handwerks.

SONSTIGE BEGRIFFE UND FABELWESEN

- KRONIDEN: Kinder des Kronos.

(Zeus, Hades, Poseidon, Hera, Hestia, Demeter)

- MOIREN: Schicksalsgöttinnen.

(Klotho, Lachesis, Atropos)

- AISONIDE: Kind des Aison.

- Weitere Götter und Fabelwesen.

Umfangreiche Enkyklopaideia unter: www.wikineion.org

PROLOGOS - Der Bithynische Eber

Fluss Sangarios in Bithynien. Reißende Wässer. Ein Wasserfall in der Nähe, so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht.

ASKLEPIOS DER HEILER steht an seinen Ufern.

ASKLEPIOS. Was ist es hier doch laut,

wo heftig Wasser strömend braust!

Was treibt mich schlimm der Durst,

wo mein Schlauch doch fast schon leer.

So will ich ihn befüllen,

auf dass ich nicht verdurste

auf meinen langen Wegen.

(Er legt sich an das Ufer und füllt seinen Wasserschlauch im reißenden Fluss.)

Da muss schon einer sehr drauf achten,

dass ihm der Wasserschlauch nicht gleich entrinnt

und mit der schnellen Flut verschwindet.

(Er holt den Schlauch aus dem Wasser. Er ist prall gefüllt.)

So will ich schnell ein Schlückchen wagen,

bevor mein Weg mich weiter führt.

(Er setzt den Schlauch an und nimmt einen tiefen Zug.)

Auf auf, nochmal den Schlauch befüllt,

wo die Gelegenheit so günstig.

(Erneut taucht er seinen Wasserschlauch in das reißende Wasser.)

Schnell schnell, bevor es weitergeht.

(Ein kleiner Fisch kommt vorbeigeschwommen, dahinter ein großer.)

Oh, jetzt ist's gleich um den Fisch geschehen,

der dort so wunderschön voran

und nichts von dem Verfolger ahnt,

der ihm schon so dicht auf den Fersen.

So wie ich sehe,

schließt er auf, der große Räuber.

Gleich schnappt er zu mit heftig Kiefern,

den kleinen Fisch gleich zu verschlingen.

Was tut's mir arg schon leid

um diesen kleinen wackren Racker,

den gleich das Maul des Großen

wird verschlingen.

Doch ist's nun mal der Lauf der Welt,

dass sich ein jedes gegenseitig frisst,

so wie es jedes Wesen tut,

das überleben will

in dieser ach so schlimm gefräßgen Welt.

(Nur noch wenige Zentimeter trennen die beiden Fische voneinander.)

Da! Gleich schlägt er zu

und stößt voran

mit aufgerissnen Kiefern,

um den kleinen Fisch

sogleiche zu verschlingen.

(Der große Fisch schießt hervor. Kurz darauf zappelt der kleine Fisch in seinem Maul.)

(Mit leidendem Blick:)

Was ist's noch schlimmer,

dass das kleine Ding nicht einfach tot!

Stattdessen zappelt es im Todeskampf

dort zwischen unentrinnbar Kiefern.

Ach, wenn ich könnt,

ich würd's befrein

aus seiner misselichen Lage.

Ein wenig macht's mich traurig,

dass ich geh nun fort

und lebe noch

und dieser kleine Fisch nicht mehr.

So weiß ich doch genau,

dass dieser große Räuber

hat nicht zum letzten Mal gespeist.

Noch viele werden ihm zum Opfer fallen,

die unaufmerksam schwimmen.

Was ist die Welt so schlimm gemein

mit all den Kleinen und den Schwachen!

Da!

Noch immer zappelt er,

was wünsch ich mir Errettung!

(Ein Schrei ertönt.)

(Aufspringend:)

Beim Zeus, was war das?

(Der große Fisch lässt den kleinen los. Beide schießen in entgegengesetzten Richtungen davon.)

Ein Schrei,

er ging mir grad durch Mark und Bein!

War er doch so laut,

dass ich ihn übers laute Rauschen

dieses Wasserfalls erhörte,

wo ich mein eignes Wort kaum hör.

(Er dreht den Kopf in Richtung des Schreis.)

Das kam von dort,

vorangeeilt!

Vielleicht gibt's was zu helfen!

(Er rennt los. Asklepios ab.)

Lichtung zwischen hohen Tannen unweit des Flusses Sangarios.

Ein MANN liegt am Boden und hält sich den blutigen Bauch. Neben ihm stehen zwei der ARGONAUTEN. Ein riesiger EBER, erstochen und erschlagen am Grunde. ASKLEPIOS eilt herbei.

ASKLEPIOS (heraneilend).

So komme ich so schnell

als wie es mir nur möglich

und sehe diesen dort am Boden liegen,

dass es mir schon jetzt

die letzte Hoffnung raubt.

Was ist geschehn?

PELEUS. Dies große Vieh,

das dort am Grunde schlummert,

auf Idmon ging es los

und nahm ihn auf die Hauer.

IDAS. Er hatte keine Chance.

Es kam dort aus den Bäumen vorgestürmt

und stürzte sich auf ihn,

dass der gute Mann war chancenlos.

PELEUS. Wir haben es erschlagen,

so schnell wir es vermochten.

ASKLEPIOS. So hat sich seine Prophezeiung hier erfüllt,

die unser Idmon lang schon hegte,

als er sein eigen Ende kommen sah

hier im tannenreich Bithynien.

(Er blickt auf den Mann am Boden. Immer neues Blut quillt zwischen seinen Fingern hervor.)

IDAS. Da muss man wahrlich wohl kein Arzt sein,

um zu sehen,

dass es schlimm um unsren Idmon steht.

ASKLEPIOS. Die Wund sieht wirklich übel aus,

die dieses Tier ihm riss.

So nehme er die Hände von der Wunde,

dass ich sie mir betrachten kann.

(Er versucht, die Hände des Idmon zur Seite zu schieben.)

IDMON (aufheulend im Schmerze).

Was ist mir kalt und spür ich Schmerzen,

dass es mich verreißt!

Ich habe große Schwierigkeiten,

das Gedärm darinnen zu behalten

hinter diesem großen Riss,

den die verdammten Eberhauer

mir in meinen Wanste rissen.

Ihr braucht es gar nicht anzusehen,

mit diesem ist es bald vorbei.

ASKLEPIOS. So lasse er mich doch betrachten,

was das Tier ihm schlimm getan.

So nehm er nur die Händ beiseit,

dann will ich einen Blick drauf werfen.

IDMON. So wenn er drauf besteht,

mir das Leiden und das Sterben

noch ein wenig zu verschlimmern ...

(Er nimmt für einen kurzen Moment die Hände von der Wunde.)

Vermaledeit!

Der Schmerz raubt mir die Sinne!

(Er droht, jeden Moment ohnmächtig zu werden.)

ASKLEPIOS (die Wunde betrachtend und das Gesicht verziehend).

(Er schweigt.)

IDMON (den Asklepios betrachtend).

Sein Blick sagt mir schon alles,

was ich wissen könnte über das,

was mir geschah

und noch geschehen wird.

So ist es bald vorbei, ich weiß,

ich sah's in seinen Augen.

Nur lüg er mich nicht an!

ASKLEPIOS. Ich wünscht,

ich könnte ihn beruhigen,

ihm tröstend Worte sprechen.

(Er sieht sich in der Gegend um.)

Wächst doch nicht das kleinste Kraut,

so weit die Lichtung mir den Blick erlaubt.

(An den Peleus und den Idas gewandt:)

Schnell, holt Hilfe,

wir brauchen hier geschwind Arznei.

(Sie nicken ihm kurz zu und rennen los. Beide ab.)

So nimm er meine Hand,

auf dass sie ihm noch Trost mag spenden.

IDMON. Fast könnt ich mich freuen,

würde mich das Lächeln nicht

so derart grässlich schlimm

und grausam schmerzen.

(Er stößt ein kehliges Husten aus. Blut rinnt ihm aus den Mundwinkeln.)

Fast wundert's mich,

dass es fast gar nicht weh getan,

als mich die Eberhauer hievten.

Asklepios, mein treuer Freund,

wer hätte es gedacht,

dass Ihr in letzter Stunde

würdet bei mir stehen?

Habt auf den weiten Reisen

schon so manchen Argonauten

vor dem sichren Tod bewahrt.

Doch hier bei mir, mir armem Tor,

ist Eure Heilkunst wohl am Ende.

ASKLEPIOS. Wo er wohl recht hat.

Kann ich ihn kaum ertragen,

den Gedanken,

dass es nun wohl vorbei sein soll

mit Idmon

aus dem fernen Kolophon.

IDMON. Jetzt ist mir warm

wie lange schon nicht mehr,

wo's mich grad noch fror und fröstelt'.

Ich spür die Lebenskraft entweichen

und mit ihr alle Schmerzen.

So hoffe ich, es tröstet ihn,

wenn ich ihm sage,

dass ich keinen Schmerz mehr spür.

Nur noch das Gefühl einer wärmenden Schwäche,

die meinen Körper hier ergreift

und sich ausbreitet

in meinem ganzen Körper

bis hinauf zum Kopfe.

ASKLEPIOS. Wenn er es wünscht,

so ist es mir ein Trost,

wenngleich ein schwacher nur,

dass Idmon hier nicht leiden muss.

IDMON. Was will dem Tier man Vorwurf machen,

dass es in mir, dem treuen Pazifisten,

den allerschlimmsten Feinde sah?

(Er hustet, wird blasser und blasser.)

(Die Hand des Asklepios mit letzter Kraft ergreifend:)

Schwört mir etwas!

ASKLEPIOS (einen Moment irritiert).

(Er schweigt.)

IDMON. Ich möcht,

dass Ihr mir eines schwört,

bevor ich geh aus dieser Welt

und wandle in das Totenreich.

ASKLEPIOS. So sprecht,

ich will's erfüllen,

wenn es steht in meiner Macht.

IDMON. Ihr müsst mir ein Versprechen schwören.

Ihr könnt es nicht abschlagen,

ist's der letzte Wunsch des grausam Sterbenden.

Kommt näher!

(Der Asklepios beugt sich über den Idmon. Der Idmon brabbelt einige unverständliche Worte in sein Ohr. Danach verstummt er, sein Kopf sinkt auf den Boden.)

(Den Blick ins Leere gerichtet:)

Dies war er,

mein allerletzter Wunsch ...

... den er mir nicht ...

... abschlagen kann.

(Sein Blick erstarrt.)

PELEUS kommt herbeigeeilt. In der Hand trägt er einen Weinschlauch.

PELEUS (dem Asklepios den Weinschlauch hinhaltend).

Es tut mir leid,

dies ist alles,

was wir fanden.

Weit und breit keine Arznei.

ASKLEPIOS (den Weinschlauch voller Verzweiflung betrachtend).

So fürchte ich,

brauch ich den Schluck.

(Er setzt den Weinschlauch an und nimmt einen tiefen Zug.)

Der IDAS tritt durch die Bäume. Auf seinem Arm trägt er etwas.

IDAS. Seht, was ich im Dickicht fand.

(Ein Frischling zappelt auf seinem Arm.)

PELEUS (lächelnd).

Ach, sieh an,

dies arme Ding.

So arg verschreckt und ganz verängstigt

auf seinem starken Arme.

IDAS. Einen herrlich Braten soll's abgeben,

wenn's erst nur auf dem Feuer schmort.

(Idas und Peleus fangen an zu lachen.)

ASKLEPIOS. Was seid ihr herzlos

mit dem armen Ding.

(Er geht zum Idas hinüber und streichelt dem Frischling über die Borsten.)

Du armes kleines schwaches Ding.

Hast den verlorn, der dich beschützte,

bist ganz allein nun auf der Welt.

(Er betrachtet das kleine Ding mit mitleidigem Blick.)

(Plötzlich innehaltend:)

Nanu,

was ist das?

Betrachtet das besondre Fell,

wie wunderschön's gemustert ist

fast wie ein Netz.

PELEUS. Ja,

fast wie ein Spinnennetz

mutet es mir an.

ASKLEPIOS (das Fell musternd).

Seltsam ...

IDAS. Ein Zeichen der Götter wird es sein,

doch was hat's zu bedeuten?

PELEUS. Ich kann mir schlicht nicht vorstelln,

dass ein schlechtes Omen überbracht wird

von so 'nem niedlich Ding.

ASKLEPIOS (mit ernstem Blick).

Wer versteht die Wege

unsrer großen Götter schon?

(Peleus und Idas sehen ihn fragend an.)

IDAS (den Blick vom Asklepios lösend).

So lasst uns schnellstens hier verschwinden

und dem Iason von berichten,

was wir hier gefunden.

PELEUS. Nur fürchte ich,

dem Aisoniden wird es nicht gefallen.

Er tut sich schwer mit dem Versterben

seiner Männer und auch seinem eigenen.

ASKLEPIOS. Auf, so geht.

Ich will so lange warten hier

und harren,

bis ihr wiederkehrt.

(Idas und Peleus nicken ihm zu und wenden sich zum Gehen. Beide ab.)

(Den toten Idmon mit ernstem Blick betrachtend:)

Welch Bürde ward mir aufgetragen!

Doch will ich sie erfüllen,

wie's der letzte Wunsch

des fast schon Toten war.

Irgendwann.

Küste Bithyniens.

Ein EBER und ein FRISCHLING über dem Feuer. ASKLEPIOS, einige der ARGONAUTEN lose um das Feuer herum versammelt. In einigem Abstand IASON, ihr Anführer, mit dem Rücken zu ihnen und über das Meer blickend.

PELEUS (zum Iason hinüberzeigend).

Was nimmt der Tod des Idmon

unsren Führer schrecklich mit.

So wie ein jeder Tod

eines jeden einzeln Mannes.

IDAS. Wie oft schon hat der Iason schwer gelitten

auf unsren langen Fahrten?

PELEUS. Und betrauert jeden Einzelnen

auf die ihm so ganz eigne Art.

IDAS. Es ist nicht gut für Mannesführer,

Männer derart zu beweinen,

wo man sie auch mal opfern muss,

ganz wie's die Situation verlangt.

(Sie beobachten den Iason eine Weile. Dieser rührt sich nicht, blickt nur hinaus aufs Meer.)

ASKLEPIOS (den Blick zu Boden gesenkt).

Ein weiterer,

den ich nicht retten konnte.

(Er schweigt.)

IDAS (ihm einen Arm um die Schulter legend).

Er ist der beste Heiler weit und breit,

das weiß ein jeder wohl in ganz Achaia.

Was mehr kann er sich wünschen,

als den Ruhm des größten Heilers zu genießen?

ASKLEPIOS. Noch weniger der Toten,

das würd ich mir wünschen.

So viele Tote bleiben stets zurück

auf meinen weiten Wegen.

PELEUS. Er beliebt zu scherzen.

Er heilte schon so viele,

die ein andrer tot geglaubt.

IDAS. Und dies schaffte er nur,

weil er sich stets bemühte,

als wär's der Erste und der Letzte,

den er im Leben heilen könnt.

ASKLEPIOS (in die Flammen starrend).

So ist's wohl wahr.

Bringt mich der Tod der Männer

auch um den Verstand,

ist dies die ausschlaggebend Motivation,

die mich wohl so erfolgreich macht.

IDAS. Unbestreitbar.

Euch segneten die Götter

mit einem ganz besonderen Talente.

Und auch von einem Maße,

welches jedem anderen vorenthalten.

ASKLEPIOS. Doch ist's auch eine Pflicht,

das riesige Talent,

und kann auch eine Bürde sein.

Man muss noch viel mehr sich bemühen,

um das Gewalt'ge zu vollbringen.

(Eine Weile starren sie in die Flammen, niemand sagt etwas. Der Peleus erhebt sich und tritt an das Feuer. Er reißt ein Stück Fleisch aus dem gebratenen Eber und legt es auf einen Teller.)

PELEUS. Ich werde unsrem großen Führer

diese kleine Stärkung reichen.

Es kann nicht gut sein, in der Trauer

derart schweigend auszuharren

und nur auf Wellen raus zu starren,

die einem keine Antwort geben.

IDAS. Doch sehe er sich vor:

Er weiß, wie angekratzt der Iason ist,

ist einer seiner Mannen grade erst verstorben.

PELEUS. Es ist wohl kaum das erste Mal,

dass ich den Iason so erlebe.

(Er trägt den Teller in Richtung des Argonautenführers.)

IDAS (ihm nachblickend).

Gleich hat er ihn erreicht,

den schwer Erschütterten.

(Die um das Feuer versammelten Argonauten sehen dem Peleus hinterher. Er erreicht den Iason und richtet ein paar auf die Entfernung nicht zu verstehende Worte an den Argonautenführer. Der Iason betrachtet den Teller wie eine schlimme Beleidigung und schlägt ihn dem Peleus aus der Hand. Anschließend widmet er sich wieder den Wellen, als wäre nichts geschehen.)

PELEUS (zurückkehrend).

Zu schade um das gute Essen,

das nun im Sande dampfend darbet.

ASKLEPIOS (den Iason betrachtend).

Nun steht er wieder da,

als hätte er sich nie gerührt.

Den Blick stets auf das Meer gerichtet.

IDAS. So lasst uns essen,

eh das Fleisch ist zäh und trocken.

(An den Asklepios gewandt:)

Auch dieser sollte etwas essen,

es bringt nichts,

wenn er hier verhungert.

ASKLEPIOS (den Iason betrachtend).

(Er schweigt.)

Küste Bithyniens. Etwas später. Nacht. Die Reste der Schweine sind zu großen Haufen aus Fett, Knochen und Haut als Dank an die Götter aufgebahrt.

Die ersten ARGONAUTEN ziehen sich in ihre Zelte zurück. ASKLEPIOS, am Feuer sitzend und sich den Bauch haltend. Ein leerer Teller steht neben ihm.

ASKLEPIOS (mit schmerzverzerrtem Gesicht).

Was hab den Magen ich erneut mir hier verrenkt,

so wie es jedes Mal der Fall,

wenn's Eber zu verspeisen gilt!

Ihr Götter!

Wie es grummelt

und wie's murmelt

in meinem leidgeprüft Gedärm ...

(Er stöhnt auf.)

PELEUS (dem Asklepios im Vorbeigehen einen mitleidigen Blick zuwerfend).

Was kann der Heiler einem leidtun,

ist er selbst auch nicht gefeit

vor Heimsuchung durch Krankheit.

Gut Nacht, mein Freund Asklepios,

ich wünsch dem Armen gut Erholung.

ASKLEPIOS. Habt Dank, Peleus,

ich Euch auch.

(Peleus ab.)

IDAS (sich erhebend und an den Asklepios gewandt).

Möget Ihr auf Hypnos' Wegen

erholend munter Schlummer finden.

Gute Nacht.

ASKLEPIOS (zur Antwort nickend).

(Er schweigt. Idas ab.)

(Weitere Argonauten kommen vorbei und wünschen ihm eine gute Nacht. Argonauten ab.)

(Kurz darauf sitzt der Asklepios völlig allein am Feuer und betrachtet die sterbenden Flammen.)

Wie aus dem Nichts steht der IASON plötzlich neben ihm.

IASON (düster auf den Asklepios hinunterblickend).

Ich akzeptiere das nicht, Asklepios.

ASKLEPIOS (aufschreckend und irritiert).

Bitte was?

IASON. Ich akzeptiere das nicht.

ASKLEPIOS (ihn betrachtend).

(Er schweigt.)

IASON. Ich akzeptiere nicht,

dass Idmon hier gefallen ist,

von einem Eber schlimm zerrissen.

Bis zuletzt hatt ich gehofft,

dass die Prophezeiung sich als falsch erweist.

ASKLEPIOS. Er wusste nur zu gut,

welch großer Seher Idmon war,

dessen Visionen und Gesichte

sich stets als wahr erwiesen.

IASON (mit grimmigem Blick).

So ist's ein schwacher Trost mir nur,

dass er bis zuletzt noch recht behielt.

Wie kann man nur so tapfer sein und dreist,

dass man auf eine Reise geht

und weiß, man kehrt nicht von zurück?

ASKLEPIOS. Vielleicht hat's Idmon nicht mal selbst geglaubt,

dass sich der Tod erfüllen würd

im fremd und fern Bithynien.

Vielleicht war's Hoffnung, die ihn trieb,

dass er dem Schicksal doch entgehen könnte.

IASON. So macht's die Sache nur noch trauriger,

dass der Seher,

in der Hoffnung, sich zu irren,

trotzdem auf die Reise ging.

(Eine Weile schweigen sie beide.)

ASKLEPIOS. Was nehmen Euch die Toten nur so mit?

Es ist nicht gut für Euch,

im Mitleid für die Männer zu vergehen.

Ihr müsst stark sein,

Eure Mannen stolz betrauern,

die ihr Leben für Euch ließen.

IASON. ... die ihr Leben für mich ließen?

Ich hoff, du meinst's nicht ernst.

Ich weiß, ich habe sie enttäuscht,

als ich den Teller von mir stieß,

den stolz Peleus zu mir brachte.

Die Gefühle gingen mit mir durch.

ASKLEPIOS. Doch hindern wird's Euch nicht daran,

Euch morgen bei den Männern zu erklären.

Und jetzt sollte er schlafen.

IASON (zu dem fortgeschlagenen Teller blickend).

Er ist nun voller Sand.

Vielleicht sollt ich zur Strafe

mit Stumpf und Stiel's hinunterschlingen.

Als Selbstkasteiung vor den Göttern

und noch wichtiger:

Den Männern.

(Er schweigt einen Moment.)

Doch wenn ich's recht bedenke,

ist jeder Appetit mir längst vergangen.

Das dominierende Gefühl

ist das der Müdigkeit,

nicht das des Hungers.

ASKLEPIOS (ihm aufmunternd zulächelnd).

Wenn er es wünscht,

werd ich ihn gern begleiten

und ihn durch die Plane führen.

IASON. Nicht notwendig,

ich finde meinen Weg allein.

(Er zieht mit gesenktem Haupt von dannen. Iason ab.)

ASKLEPIOS (dem Iason nachsehend).

Ich will noch eine Weile wachen,

Wellen und die Nacht belauschen,

und mich noch dem Versprechen widmen,

welches ich dem Idmon schwor

in seiner letzten Stunde.

Welch schlimme Bürde trugst mir auf,

wirfst mir das Leben durcheinander

nach der Argonautenfahrt,

von der ich nicht mal weiß,

ob ich je kehre von zurück.

Ich hoff, es liegt in meiner Macht,

sonst find ich keinen Frieden mehr

- in dieser Welt

oder jeder andren.

ERSTER GESANG - Wo Argonauten längst Legenden sind

Stadtmauer zu Kolophon. Purpurne Tücher mit wunderschönen Mustern wehen im Wind.

Ein ALTER MANN mit Schlangenstab kommt die Straße nach Kolophon entlang. Zu seiner Linken blickt er über das Ägäische Meer, zu seiner Rechten auf die Mauern der Stadt Kolophon.

ALTER MANN (sich auf seinen Gehstab stützend und über das Ägäische Meer blickend).

Oh, welch weiß brausend wilde Gischt!

Eine wahre Freude ist's,

den Blick schweifen zu lassen

und zu verfolgen,

wie sich's erstreckt als bis zum Horizont.

(Er verweilt einen Moment und lässt den Blick über das Meer schweifen.)

Und erst die gute Luft,

die einem in die Nüstern steigt

und einen dann sogleich erfrischt,

dass man sich wieder jung fühlt,

auch wenn das Alter bereits weit vorangeschritten.

(Er atmet die Meeresluft tief ein, sein Brustkorb hebt und senkt sich.)

So hat der Weg sich schon allein

für diese gute Luft gelohnt,

den ich her hab zurückgelegt

auf meiner weiten Reise.

Hab doch die halbe Welt gesehn

und fand's so schön wie hier

noch nirgendwo.

(Eine Weile noch genießt er den Blick über das Meer, dann setzt er sich wieder in Bewegung.)

(Die Stadtmauer erblickend:)

Oh, welch prächtig prangend Mauerwerk

hält hier wohl jede Feindschar ab?

Und dann erst diese Tücher,

die dort gleich Bannern von den Wänden hängen!

Und diese Muster!

Ich kann sie kaum erkennen,

doch nehmen sie selbst von hier

den Blick mir schon gefangen.

Gleich Schlachtstandarten peitschen sie im Wind

und sind dabei genauso prächtig.

(Er macht ein paar weitere Schritte auf die Stadtmauer zu.)

Mit jedem Schritte,

den ich hier näherkomme,

entwickelt sich das prächtig Muster.

Und mit jedem Schritt entdecke ich,

scheint's mir,

dass immer weitre feine Linien

sich enthüllen meinem Blicke.

Fast möcht ich dran zweifeln,

dass ein Mensch allein dies schaffen konnte.

Vielmehr scheint's mir,

die Götter selbst sind vom Olymp herabgestiegen,

um ihr Talent hier zu beweisen.

Ein Zeichen für die Herrlichkeit der Götter,

die Menschen unerreichbar ist.

(Eine Weile noch lässt er den Blick über die Tücher streifen, dann erblickt er eine schwarze Gestalt.)

Eine in schwarze Tücher gehüllte GESTALT, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen, die Arme vor der Brust verschränkt, steht zwischen ihm und der Stadtmauer. Die schwarzen Tücher peitschen wie Dämonenflügel im Wind.

ALTER MANN (anhaltend und sich auf den Gehstab stützend).

So hast du mich wohl sehr erschrocken,

der du so schwarz hier prangst

und einsam auf dem Wege stehst.

So sag:

Was willst du mir entlocken,

mir armem Wanderer,

der ich so weit gereist

und schon so manchem Räuber wohl begegnet bin?

(Die schwarze Gestalt betrachtet ihn, ohne sich zu regen.)

So hast du wohl dein Sprechen auch verlernt,

dass du die Beute mir nicht nennen kannst,

die du von mir erbittest.

(Er wartet die Antwort der schwarzen Gestalt ab. Sie antwortet nicht.)

Wenn du mir keine Antwort gibst,

ich dir auch keinen Groschen geben kann.

So sprichst du nicht

und hältst mich hier nicht auf,

werd ich ganz einfach meines Weges ziehn

in diese schöne Stadt hinein.

(Er macht einen ersten Schritt. Im selben Moment fängt die schwarze Gestalt an zu sprechen:)

SCHWARZE GESTALT (mit tiefer, hallender Stimme).

Der alte Mann

ist kaum der harmlos Wanderer,

für den er sich hier auszugeben sucht.

Ich kenne deinen wahren Namen,

bin gekommen, dich nun heimzuholen.

Den Göttern sind die Missetaten dessen hier

ein Dorn im Aug

- auf dass er bloß nicht denke,

den Göttern würde es entgehen,

wenn jemand derart großen Frevel

hinter ihrem Rücken tätigt.

ALTER MANN. Wenn ich nur wüsst,

von was er spricht ...

Wer bist du, der hier lauert

und sich einfach in den Weg mir stellt

in seinem schwarzen Tuche,

dass es angst und bang mir wird

und ich mich traue kaum vorbei

an dem, der sich zunächst nicht rühren wollt

und seine Stimme scheint's verloren hatte?

SCHWARZE GESTALT. Du kennst mich wohl viel mehr,

als es dir lieb zu sein scheint.

Bin ich es doch,

gegen den du hast dich aufgelehnt,

hast mir die Toten frech entrissen

durch dein besonderes Talent

- er hat's weit besser ausgenutzt,

als es die Götter vorgehabt.

ALTER MANN (erbleichend).

Bei allen Göttern!

Der Hades ist's, der vor mir steht,

der mir den Weg abschnitt in diese schöne Stadt,

in die ich mich begeben wollt,

den Auftrag zu vollführen,

den Idmon mir einst aufertrug

mit seinem letzten Atem.

HADES. Sehr wohl, er hat mich gut erkannt.

Der Totengott höchstselbst es ist,

der diesen in Empfang nun nimmt,

bevor die Stadt er hier betreten wird.

So leid's mir tut, er wird nun mit mir gehen,

ohne dass die schöne Stadt er je

von innen hat gesehn.

ALTER MANN. Was soll es denn gewesen sein,

das ich getan,

dass die Götter mir nun derart zürnen

und mir den weiteren Weg versperren wollen?

Nichts anderes getan,

als den Kranken ihre Leiden auszutreiben,

hab ich.

HADES. Das ist wohl wahr,

zumindest,

was die jungen Jahre dessen hier betrifft.

So hat er sein Talent zur Meisterschaft gebracht

und sprengte jeden Rahmen,

den die Götter hierfür vorgesehn.

ALTER MANN. So wie es wohl der Wille aller Götter ist,

dass man das wohlfeile Talent

zur höchsten Stufe bringen mag.

HADES. Wo er wohl recht hat.

Ein Talent kann eine Pflicht sein,

es einzusetzen und den Ruhm der Götter zu verbreiten,

die höchste Aufgabe mag sein,

die ein Sterblicher erhalten kann.

Doch als den Sterbenden ins Leben er zurückgeholt,

hat er's mit seiner Gabe übertrieben.

ALTER MANN. So so,

das also ist's,

was Euch hierher geführt

und nun mir zum Verhängnis wird,

wenn's auch mit allerbesten Absichten geschah.

HADES. Wie oft wohl sind's die guten Absichten,

die einen ins Verderben führen?

Nichtsdestotrotz:

Dem Totenreich die Toten zu versagen,

steht einem Sterblichen nicht zu.

Ich bin es, dem er die Seelen hier entreißt

und weg sie aus dem Hades führt.

Das kann ich nicht erdulden!

ALTER MANN. Ich denke, auf den einen kommt's nicht an.

HADES. Er gesteht also,

dies dunkle Werk vollführt zu haben?

ALTER MANN. Wenn er so will.

Doch weder werde ich's bejahen

noch verneinen,

wenn's mich in mein Verderben führt.

HADES. Ins Verderben geht er sowieso,

wenn er so will.

Ein jeder geht den Weg,

der ihn am letzten Ende

hinunter in den Hades führt.

Nur dieser hat das Glück,

vom Totengott höchstselbst

ins Totenreich geführt zu werden.

Keiner Münz im Mund bedarf es,

den Flusse Styx zu überqueren,

an dessen Ufer er, der alte Fährmann, wartet.

Und auch sein schlimmer Höllenhund,

der dreigeköpfte Zerberus,

bekommt ihn nicht zu sehen.

ALTER MANN (mit köstlicher Ironie).

Oh, da soll ich mich wohl freuen,

dass diese Ehre hier mir wird zuteil.

HADES. Ein jeder Weg führt letzten Endes

hinunter in das Totenreich.

Beim einen früher,

beim andren später.

So lasse er uns gehen,

mein Mund wird langsam fusselig.

(Er reicht dem alten Mann die Hand.)

ALTER MANN (die Hand des Hades betrachtend).

So leid's mir tut,

so fürcht ich doch,

ich muss dem Händedruck entweichen:

Ein ganz besondrer Auftrag ist's,

der mich hat bis hierher geführt:

Es war der letzte Wunsch des Sterbenden,

dass ich die Stätte Kolophon

aufsuchen möge

und seinem Kinde,

der wackeren Arachne,

den Tod des Vaters überbringen soll.

HADES. Was kümmern mich die Wünsche irgendwelcher Menschen?

ALTER MANN. Es war der Wunsch des Sterbenden.

Der Gott des Todes kann ihn nicht verwirken.

So genüge er sich mit dem Vater

unten tief in seiner Hölle

und lasse mich der Tochter

diese Botschaft nur noch überbringen.

Danach will ich ihm gern gehören.

HADES (mit sich ringend).

Gewieft, gewieft,

ich fürchte fast, der Mensch hat recht.

ALTER MANN. Ich will ihm gern den Eid hier schwören,

dass ich danach nicht flüchten werd.

Ich will ihn wieder treffen

weit hier draußen vor dem Tore,

wenn die Botschaft ich ihr überbringen konnte.

Und auch mein Dank sei ihm gewiss,

gewährt er mir den Aufschub.

HADES. Nun gut.

Der letzte Wunsch soll überbracht noch sein.

So will ich gerne warten

und hier harren, bis er kehrt zurück.

Doch wehe, er treibt Schabernack,

dann werde ich ihn finden

und sofortens zu mir holen.

ALTER MANN. Der Handel scheint mir wohl gerecht,

darauf will ich die Hand ihm reichen.

(Er hält dem Hades die ausgestreckte Hand hin.)

HADES (die Hand betrachtend).

So sei es denn, der Handel gilt!

(Er ergreift die Hand des Alten. Im selben Moment verschwindet er. Hades ab.)

ALTER MANN. Da hat er grad noch hier gestanden

und verschwindet schon im nächsten Augenblick.

Fast ist es mir,

als hätte ich den Händedruck

niemals gespürt.

So will ich mich nun in die Stadt begeben

und die Arachne suchen.

(Sein Blick fällt erneut auf die Tücher im Wind.)

Aber erst, wenn ich den Blick kann lösen

von diesem göttergleich gewebten Tuche.

(Eine Weile noch betrachtet er die Tücher, dann begibt er sich durch das offene Tor in die Stadt. Alter Mann ab.)

Agora zu Kolophon. Reges Treiben.

Der ALTE MANN hinkt auf seinem Schlangenstab durch die Menschenmassen. Fast alle BEWOHNER sind in purpurnes Tuch gekleidet.

ALTER MANN (stehen bleibend).

Was ist's für ein Gedrängel und Geschiebe,

durch das man sich hier kämpfen muss!

Da geht ein alter Mann schlicht unter,

wenn er mit seinen Armen nicht zu kämpfen weiß.

(Jemand stößt ihn in die Rippen.)

Au! Der Stoß hat wohl gesessen.

Jetzt drückt's und zwickt's, wo er mich stieß.

Ich sollt wohl auf der Seit mich halten.

(Er hinkt in Richtung eines Standes auf der Seite.)

(Die Leute betrachtend:)

Was promenieren sie vorbei

und tragen stets das gleiche Tuch,

als wie es von der Mauer prangt?

Fast möcht man meinen,

alle Bürger trügen diesen Stoff.

Moment,

dort vorn zum Beispiel, da geht einer,

der trägt kein Purpurtuch am Leibe.

(Die Augen zusammenkneifend:)

Nein doch, jetzt seh ich's:

Auch dieser trägt ein Tuch am Arme

als Blickfang, neckisch Accessoire.

Aber dort,

dies Mädchen mit dem Wasserkruge auf dem Kopfe ...

Nein, doch nicht,

am Fuße trägt sie das Gebinde,

sowas von schön

und fein mit Mustern ziseliert.

(Zwei Soldaten auf hohen Rossen schieben sich durch die Menge und an dem alten Mann vorbei. Sie sind in purpurne Mäntel gekleidet, vom Zaumzeug hängen Streifen des purpurnen Tuches herunter.)

Und selbst die tapfren Streiter

schmücken sich mit Purpurtuch.

Und ganz genauso ihre Rosse,

man möcht es fast nicht glauben.

(Er blickt den Wachen hinterher, bis sie an ihm vorbei sind und um eine Häuserecke verschwinden.)

Ich wünscht, ich könnt verschnaufen,

im Gedrängel kommt man kaum an Luft.

So will ich einmal schauen,

was die Händler hier so feilzubieten haben.

(Er geht auf einen der Stände zu.)

Ein MANN MIT BAUCHLADEN stößt ihn an.

MANN MIT BAUCHLADEN. Oliven, der Herr?

Es sind die besten, weit und breit.

ALTER MANN. Die besten,

sagt er,

weit und breit?

Wie oft schon hab ich das gehört

und stets hat sich's

als plumpe Lüge rausgestellt?

MANN MIT BAUCHLADEN. Doch nicht bei diesem hier.

Es stimmt, es sind die besten.

Nur zu, so koste er.

ALTER MANN. Nein, nein,

mir ist nicht nach Oliven.

MANN MIT BAUCHLADEN. Oh, es gibt auch Datteln,

falls danach mehr sein Sinn heut steht.

ALTER MANN (abwinkend).

Ich verzichte,

schert Euch fort,

ich will nur meine Ruhe.

MANN MIT BAUCHLADEN. Seine Ruhe will er,

sagt er?

Hört, hört,

und das auf der Agora.

Noch einen schönen Tag, der Herr.

(Er entfernt sich. Mann mit Bauchladen ab.)

ALTER MANN (schwer atmend).

So ist er endlich fort,

der nervige Patron.

Hätte er mir Atemluft geboten,

ich hätte tapfer zugeschlagen.

Hier in dieser Menschenmasse

und in der heißen Sonne

fällt einem sehr das Atmen schwer.

Und dann erst diese Enge!

(Er sieht einen Bettler zwischen den Ständen hocken. Seine zerrissene Tunika besteht aus purpurnem Stoff.)

So so,

selbst die Bettler dieser Stadt

wissen sich gut zu gewanden.

Wie kann das sein?

Ein HÄNDLER hinter einem Stand spricht ihn an.

HÄNDLER. Ihr seid wohl fremd in dieser Stadt,

betracht ich das Gewande,

welches dieser dort am Leibe trägt.

Kommt ein wenig näher,

dann kann ich Euch kredenzen

von dem feinen Tuche,

mit dem die ganze Stadt geschmückt.

ALTER MANN. Und wo sie selbst

von den Stadtmauern hängen,

so prächtig prangend schön herab.

HÄNDLER. Oh, das hat er recht gesehn.

Es gibt wohl keinen Fleck in dieser Stadt,

an dem man nicht auf das Gewebte stößt.

(Er kramt etwas hinter seiner Ladentheke hervor. Kurz darauf breitet er weitere Tuchbahnen auf seiner Verkaufsfläche aus.)

Seht her,

dies ist's besagte Garn,

mit dem sich alles schmückt

und wonach alles giert.

(Der Stoff zeigt das Muster mit den feinen Linien.)

ALTER MANN (den Stoff mit großen Augen betrachtend).

Oh, wie herrlich's ist!

Sehe ich den Stoff nun grad von Nahem,

sieht er noch viel prächtger aus

als draußen bei den Mauern.

Ich kann den Blicke kaum beherrschen,

muss gebannt den Stoff betrachten

und kann mich kaum von lösen.

HÄNDLER (lachend).

Hat man das Tuch betrachtet,

muss man's haben.

(Auf den Bettler zeigend:)

Seht selbst:

Zu essen hat der nichts,

ist schwerlich abgemagert,

und selbst der trägt das Tuch am Leib

und gut geputzt hält er es auch.

Für manchen ist es wichtiger,

dies Tuch zu tragen,

als sich den Ranzen vollzuschlagen.

ALTER MANN (noch immer das Tuche betrachtend).

Ein Bann muss darauf liegen.

(An den Händler gewandt:)

Und dieser hat's gewusst:

Dass er mich hatte,

als er die Bahnen hinter seinem Ladentisch

nach oben holte,

so fast ganz nebensächlich,

und sie mir vor die Nase legte.

HÄNDLER (mit finsterem Lächeln).

(Er schweigt.)

ALTER MANN. Er dementiert zwar nicht,

doch er gesteht auch nicht.

(Noch immer liegt sein Blick auf dem Tuch.)

Ich wüsst zwar nicht wofür,

doch muss ich dieses Tuch besitzen.

Ohne geh ich nicht aus dieser Stadt.

HÄNDLER (lachend).

Das ist mir wohl das rechte Wort!

Er soll die reine Freude damit haben,

mit dem, was er hier kaufte.

Und falls es ihn nach mehr gelüstet,

so weiß er ja, wo er mich findet.

Wie viel darf ich ihm einpacken?

ALTER MANN. Eine lange Bahn,

die Tunika zu schneidern,

die diesem reicht

für seinen Leib.

HÄNDLER (eine Schere hervorholend).

Auch ich weiß von dem Banne,

der hier auf diesem Tuche liegt.

Ich traue mich ein jedes Mal fast nicht,

den Stoffe zu zerschneiden,

geschweige denn, ihn

mit dem scharfen Eisen

auch nur zu berühren.

Jedes Mal treibt's mir die Gänsehaut

das Kreuz hinunter.

Fast freut man sich, die Faser zu berühren

und traut sich dann des Morgens kaum,

sie an den ungewaschnen Leib zu legen.

(Er zögert noch einen Moment, dann beginnt er zu schneiden.)

ALTER MANN (zu sich selbst).

Auch mir geht's schlecht,

betrachte ich,

wie's Tuch in Bahnen er zerlegt.

(Er betrachtet mit großen Augen, wie die Schere durch die Stoffbahn fährt.)

HÄNDLER (die letzten Schnitte vollführend).

Ich habe es so grad geschnitten

als wie es irgendwie nur möglich.

So darf ich's überreichen,

auf dass er es

in seinen Taschen wohl verstaue?

ALTER MANN (das ihm hingehaltene Tuch betrachtend).

Da ist die Tasche voller Schmutz und unrein,

als dass man dieses edle Element

darin verstauen dürfte

ohne Not.

HÄNDLER. Ich kann es ihm in nicht ganz so edle Stoffe wickeln,

dann fällt ihm das Verstauen nicht so schwer.

ALTER MANN. Eine jede Qualität ist zu gering,

um diesen Stoff drin einzuwickeln.

HÄNDLER (lachend).

Da wollen wir nicht übertreiben.

Alle meine Stoffe sind die feinsten,

wenn auch nicht so fein wie dieser.

(Er holt eine weitere Stoffbahn hinter seiner Ladentheke hervor und wickelt die purpurne Tuchbahn darin ein.)

Hier, nun nehmt,

so könnt Ihr es verstauen

für Eure weitre Reise,

ohne Angst zu spüren,

dass Ihr es beschmutzen könntet,

das edle Tuche.

ALTER MANN (nach kurzem Zögern das Stoffbündel einpackend).

Habt vielen Dank.

Hier weiß man sich als Kundschaft

gut und freundlich aufgehoben.

HÄNDLER (sich verneigend).

So war es mir die helle Freude,

Euch dies edle Stück verkauft zu haben.

Nur eines noch:

(Er hält ihm die geöffnete Hand hin.)

Wenn ich drum bitten dürfte.

ALTER MANN (in seinen Taschen nach Münzen suchend).

So sag er mir den Preis,

ich zahle gern.

HÄNDLER. Es sind nicht mehr als 15 Taler,

die ich ihm will für abverlangen.

ALTER MANN (aufhorchend).

15 Taler?

15 Taler sind nicht viel,

was stimmt damit nicht?

HÄNDLER (lachend).

Es ist von allerbester Qualität

und gar nichts daran auszusetzen.

Es ist nur die Arachne,

die nicht zu schätzen weiß,

was sie für große Kunst vollbringt.

ALTER MANN. Arachne?

Arachne hat dies fabriziert?

HÄNDLER. Ja ja,

doch sagt es ihr nicht weiter,

wo die Geschäfte so gut laufen.

ALTER MANN (mit Unglauben die Tücher betrachtend).

Ich bin sprachlos ob der Kunst,

die ich hier ausgebreitet liegen sehe.

(Er fährt mit der Hand über die Stoffbahnen.)

(Halblaut:)

... nehmt es aus, das junge Ding,

was seid Ihr für ein schlechter Mensch.

HÄNDLER (sich verneigend).

Schlichtweg ein einfach Händler,

der sehn muss, wo er bleibt.

Warum sollte man mehr bezahlen,

als der Macher es verlangt?

ALTER MANN. Bei dieser Herrlichkeit?

Ich bitte Euch!

HÄNDLER (ihn betrachtend).

(Er schweigt.)

ALTER MANN. Ich sehe schon,

wir kommen hier nicht weiter.

Wo find ich sie,

Arachne,

die Weberin des Ganzen?

HÄNDLER. Hat er vor, mich zu verraten,

wo er grad den tollen Handel machte?

ALTER MANN. Verraten? Ich?

Nein, nur ein kleiner Auftrag,

mehr nicht.

HÄNDLER. Nur ein kleiner Auftrag?

Hat er damit zu tun,

einfache Händler zu verraten?

ALTER MANN. Einfache Händler,

dass ich nicht lache.

Und nein:

Damit hat's nichts zu schaffen.

Es gilt nur,

ihr eine Botschaft schnell zu überbringen.

HÄNDLER. Ich hoffe, es ist gute Kunde,

die Ihr bringt.

ALTER MANN. Ich fürchte,

das geht Euch nichts an.

So sprecht: Wo finde ich Arachne?

HÄNDLER (sich am Kinn kratzend).

Ich weiß nicht, ich weiß nicht,

ob ich's Euch verraten soll ...

ALTER MANN. Betrachte ich die Straßen,

kann mir wohl ein jeder sagen,

wo ich das junge Ding find.

HÄNDLER. Wo er wohl recht hat.

Ihr findet sie am Rand der Stadt,

außerhalb der Mauern.

Am Flusse vor den Toren

wäscht sie stets die Tücher aus.

Ihr könnt sie nicht verfehlen,

folgt Ihr dem purpurnen Strome.

Und ist der Fluss ganz klar,

seid Ihr zu weit noch oberhalb.

ALTER MANN. Ich danke Euch

für Euren kompetenten Rat.

(Er drückt dem Händler ein paar Münzen in die Hand und verneigt sich leicht.)

HÄNDLER (sich ebenfalls verneigend).

Ich danke ebenfalls, der Herr.

Noch einen schönen Tag, der Herr.

(Der alte Mann macht ein paar Schritte von dem Stand weg, seine Hand ruht auf dem Stoffbündel in seiner Tasche. Dann trifft ihn die Erkenntnis:)

ALTER MANN (erbleichend).

So ein schönes Tuch,

doch werd ich's niemals tragen,

sitz ich erst im Totenreich.

Hades!

Ich hatt ihn fast vergessen.

So trifft mich die Erinn'rung umso schwerer.

Ich muss verweilen,

sitzen,

wo's mir grade wird zu viel.

(Er sieht sich um, erblickt einen Brunnen.)

Dorthin will ich mich wenden,

wieder neue Sinne fassen.

(Er schiebt sich durch die Menschenmassen. Alter Mann ab.)

Brunnen nahe der Agora zu Kolophon.

ALTER MANN. Ein paar ALTE WEIBER sitzen auf dem Rand des Brunnens.

ALTER MANN (die Weiber grüßend).

So ist es mir gestattet,

mich dazuzusetzen?

(Die Weiber nicken.)

(Sich dazusetzend:)

Habt Dank, ihr holden Maiden,

die ihr reich an Jahren seid.

Empfangt hier einen in der Mitte,

der euch an reich Erfahrung

nicht im Geringsten nachsteht.

(Er holt das Stoffbündel hervor und fährt mit den Händen darüber.)

So habe ich's gekauft

und werd's wohl niemals tragen,

weile ich erst nicht mal mehr

unter allen Lebenden.

ALTES WEIB. Herr, was faselt er vom Sterben?

Hab ich ihn nicht recht verstanden?

(Sie legt eine Hand hinter das Ohr.)

ALTER MANN (mit Trauer in der Stimme).

Es geht nicht ganz mit rechten Dingen zu,

wie ich die Welt verlassen werd.

ALTES WEIB. Mein Herr,

wie soll's denn gehen,

dass er so völlig anders aus dem Leben scheidet

als der ganze Rest von uns?

ALTER MANN. Die Geschichte ist zu lang,

als dass ich sie erzählen könnt und wollt.

Ich fürchte fast, in diesem Fall

behalte ich mein Anliegen für mich.

Sie wird es schon verstehen,

wie ich hoffe.

ALTES WEIB. Wie Ihr meint.

Doch vielleicht kann ich ihm helfen

bei seinem ach so schlimm Anliegen,

welches ihn so heftig plagt.

ALTER MANN. Das Einzge,

was mir helfen könnt,

hab ich schon längst erfahren.

ALTES WEIB. So?

Und das wäre?

ALTER MANN. Ich such ein junges Mädchen,

dessen Name ist Arachne.

Ich finde sie dort draußen,

außerhalb der Mauern,

am Flusse vor den Toren.

Dort wäscht sie ihre legendären Tücher.

ALTES WEIB (nickend).

Da hat er recht.

Arachne wohnt weit außerhalb,

allein in ihrer Werkstatt.

Oder besser formuliert:

In der Werkstatt ihres Vaters.

Das arme Ding ...

Idmon ist schon lang vermisst

und kehrt wohl nicht zurück.

Als Iason damals rief,

ist er nach langem Zögern erst gefolgt,

hat seinen eignen Tod vorausgesehn

auf dieser letzten Reise.

Ich seh sie noch vor mir,

die schlimmen Tränen der Arachne,

als sie der Vater hat verlassen.

Sie liebt den Vater gar so sehr,

das Wissen, dass er endlich tot,

wäre auch ihr eigner Tod.

ALTER MANN (zuhörend).

Ist's echt so schlimm?

ALTES WEIB. Wie ich's sagte.

Und zornig wird sie werden ...

Ich hab es selbst erlebt,

als sie den Stoff mir in Fetzen riss,

den ich mal reklamieren wollt.

Doch lag es nicht an Fehl und Tadel,

dass ich das Tuche tauschen wollt,

nein nein,

es war wie stets perfekt gewebt,

doch hatte ich mich umentschieden,

kurz nachdem ich's kaufte.

Hätte ich zuvor gewusst

von dieser kleinen Furie,

ich hätt das Maul im Zaum gehalten.

ALTER MANN. So muss ich mich in Acht wohl nehmen,

bring ich schlechte Kunde.

ALTES WEIB. Dann ist es also schlechte Kunde,

die dieser hier dem Kinde bringt?

Ist's gar vom Tod des Vaters?

ALTER MANN. Ich werde's ihr nicht sagen,

worum sich's bei mir dreht.

ALTES WEIB. So setzt er sich zum Plausche neben mich

und will doch nichts verraten.

Was sind's für schlecht Manieren,

die dieser hier zum Besten gibt.

ALTER MANN. Was soll's die ganze Stadt erfahren,

ist's für Arachne nur bestimmt?

ALTES WEIB. Ich glaub, da hat er recht.

Was geht's dies alte Tratschweib an,

was er für Kunde überbringt?

Ist man erst so alt wie ich,

bleibt einem kaum was andres,

als sich das Maule zu zerreißen

über Angelegenheiten fremder Leute.

(Sie lacht.)

ALTER MANN (lachend).

So ist zumindest ehrlich sie.

Und weiter schreite ich voran

zu meiner ungenehm Mission.

(Er erhebt sich.)

Dank dafür,

dass sie zum Lachen mich gebracht.

ALTES WEIB. Ich wünsch ihm alles Gute

auf seinem weitren Wege.

ALTER MANN (sich verneigend).

Ich empfehle mich.

(Er verschwindet nach wenigen Schritten in der Menschenmasse. Alter Mann ab.)

Flusslauf außerhalb der Stadt Kolophon.

Ein JUNGES MÄDCHEN schöpft Wasser mit einer Schale. Eine KLEINE ZIEGE steht etwas abseits.

JUNGES MÄDCHEN (die Schale zur Ziege tragend).

Gut aufgepasst,

auf dass ich nichts verschütte,

mein Colydon sieht durstig aus.

Es ist Poseidon ungefällig,

sein allerliebstes Elemente

derart ungehemmt und ohne Schätzung

zu verplempern auf den heißen Grunde.

(Sie hält der Ziege die Schale hin. Das Tier beginnt sofort zu trinken.)

Hier, trink, hast dir ein redlich Tröpfchen

wohl verdient.

(Sie lässt die Ziege austrinken, setzt sich neben sie und legt ihr den Arm über die Schulter.)

(Den Blick in die Ferne gerichtet:)

Wo nur mein liebster Vater bleibt?

Er müsste längst zurück schon sein,

falls Götterwesen unser Flehen

in der stillen Kammer

nachts erhören.

Ich hab stets nur den einen Wunsch,

den alten Vater in der Ferne

heimkehren zu sehen.

Die Arbeit steigt mir übern Kopf,

so viel Getier,

so viel Gesträuch,

so viel zu ernten,

dreschen,

flegeln ...

Was ist's zu viel für

junges Ding mich!

(Sie stößt ein Seufzen aus. Eine Weile schweigt sie und blickt in die Ferne. Die Ziege beginnt, ihr am Ohr zu knabbern.)

(Lachend:)

He, hör auf damit, mein Colydon,

du kitzelst mir die Läppchen weg.

Wie mir der Vater stets erzählte:

"Mein Kind, wenn du so weitermachst

und dich von allem schlecken lässt,

was hier im Stall und auf der Weid,

die Ohren sie dir von dem schönen Kopfe fressen werden."

Als ich noch kleiner war,

hab ich ihm fast geglaubt,

des Nachts vorm Schlafen in der Kammer

mir stets die Ohren scharf befühlt,

um mich zu vergewissern,

dass sie noch da, wohin sie g'hörn.

(Etwas in der Ferne erregt ihre Aufmerksamkeit.)

Nanu, was kommt dort hinten,

ist noch Schemen,

weit entfernt?

(Sie erhebt sich.)

Was treibt denn Fremde hier zu uns,

gradwegs her zu Baches murmelnd Rauschen?

Ein ALTER MANN kommt auf das junge Mädchen zu und erreicht sie nach einigen Minuten. Er stützt sich auf einen Schlangenstab.

ALTER MANN (auf das Mädchen hinunterblickend).

Gegrüßt, mein Kind, sollst du mir sein.

Erlaube einem alten Mann,

sich quick am Bach zu laben,

eh meine schwere Kunde

ich Euch überbringen muss.

JUNGES MÄDCHEN. Schwere Kunde?

Na, Ihr zeigt Nerven,

falls für mich's bestimmt.

So schlimm belastend kann's nicht sein,

wenn er sich vorher niederlässt zum Trunke.

ALTER MANN (sich vor den Bach legend und mit den Händen schöpfend).

Was hat es Zweck, verdurst ich,

eh die Nachricht ich kann bringen?

(Er trinkt ein paar hastige Schlucke.)

JUNGES MÄDCHEN. So passe er nur auf,

dass er den Magen sich vor Durst nicht krummverrenkt.

Der Durstige trinkt oft zu schnell,

ist er sich erst der Quelle sicher.

ALTER MANN. Vertrau sie mir,

ich weiß, wovon ich spreche,

steckt doch ein großer Arzt in mir

und heilt dem Hades selbst die Toten weg.

Das weite Reisen macht mich durstig,

überstieg's doch beinah meine Kraft.

(Er trinkt weiter.)

JUNGES MÄDCHEN. Die Toten hat er auferweckt?

Will er den Göttern damit freveln,

dass er dem Hades frisch entreißt,

was runter in sein Reich gehört?

Ich spür den Drang zu flehen,

dass die Götter Euch verschonen.

ALTER MANN. So so, die Götter,

so ist sie ein naiveres Ding,

als ich's für möglich hab erachtet.

Was machst du hier so ganz allein?

JUNGES MÄDCHEN. Ich hüt den Hof des Vaters,

ging er doch auf lange Reise

vor unzählig vielen Tagen.

Und alle Tage harre ich

auf seine Rückkehr.

(Sie mustert den Alten eine Weile.)

Doch irgendwas verrät mir,

dass Ihr längst es wohl schon wisst.

Euer Blick ...

Was schiebt er vor sich her,

dass er es nicht verraten will?

ALTER MANN (ein schmerzliches Lächeln legt sich auf seine Lippen).

Oh, so ist's wohl wahr,

erkenn ich ganz und gar,

als wie der Idmon Euch beschrieb:

Ganz aufgeweckt und götterfromm

und wunderhübsch gar anzuschaun,

dass umso mehr's mich schmerzt,

was ich ihr zu berichten hab.

JUNGES MÄDCHEN (erbleichend).

Mein Vater?

Was ist es? Was berichtet er?

Was trug er Euch wohl auf,

versteh ich's richtig?

ALTER MANN (sein Lächeln weicht unverhohlener Trauer).

Kann sie es sich nicht denken?

Muss ich Gedanken wirklich sprechen,

die sie in ihrem Kopfe längst schon hegt?

JUNGES MÄDCHEN (Tränen sammeln sich in seinen Augen).

Oh bitte, Fremder, sagt es nicht ...

ALTER MANN. Das Flehen umso mehr mich schmerzt,

doch zwecklos ist es zu beschweigen,

was Götterwerk längst hat verrichtet.

So muss ich wirklich sprechen?

JUNGES MÄDCHEN (mit zitternden Lippen).

Sprecht's, sonst will ich's niemals glauben.

ALTER MANN. Es war im fern Bithynien,

ein Eber fiel ihn an.

Und noch ehe einer

von uns Argonauten

das Biest erschlagen konnte,

da steckten seine Hauer schon

im Leibe Eures Vaters.

Sein Schmerzgeheul und all das Blut,

ich werd's nie mehr vergessen.

(Er wendet den Blick zu Boden. Nach einer Weile richtet er ihn auf das Mädchen und erschrickt.)

Was ist mit Euch?

JUNGES MÄDCHEN (wut- und zornschnaubend).

So war mein Vater keiner derer,

die Ihr entrissen habt

den raffgiergen Klau'n der Götter?

Ist es nicht so?

Sprecht!

ALTER MANN. Nein, ich war mir dort noch nicht bewusst,

was dieses Mannes Hände schaffen können.

Ich war ein gut bewandter Heiler,

doch niemals nicht ein Totenwecker.

Mich schaudert's jetzt noch, denk ich dran ...

Doch trauert nicht zu sehr:

Ein Denkmal wir errichteten,

dort wo der Idmon fiel,

und auch für Euch ist schon gesorgt.

So folgt mir nun, lasst hinter Euch,

was immer Euch hier hielt.

Kommt,

es gibt hier nichts für Euch,

das Euch noch halten könnte.

JUNGES MÄDCHEN (mit tränenbedecktem Gesicht).

Ein Denkmal, so so ...

Doch bringt es mir den Vater nicht zurück,

schafft mir kein Deut Erleichterung.

So führte ich den Hof allein,

was keines Kindes Schicksal sollte sein

in meinem zarten Alter.

Was für ein Denkmal soll es sein,

das mich über den Verluste tröstet?

ALTER MANN (mit vor Stolz schwellender Brust).

Ein Ölbaum wuchs aus seinem Grab,

ein Wunder, Gruß der Götter.

Und um das Bäumchen drumherum,

dort wächst nun eine Stadt,

benannt nach dem Allstärksten,

der jemals wandelte auf Erden:

Ihr Name lautet Herakleia Pontike.

JUNGES MÄDCHEN. So so, benannt nach einem Halbgott.

Wenn schon die Götter ihm nicht halfen,

so ist ein Halbgott gut genug,

den Tod mir zu vergelten.

Und lasst mich raten: In der Stadt,

da sind sie ganz besonders fromm,

errichten große Tempel,

wo sie huldigen den Göttern,

die mein Bitten nie erhört.

Es ist ein schwacher Trost, den Ihr mir hier entbietet.

ALTER MANN. Ein andrer wäre stolz,

sich als den Erben eines Stadtbegründers zu verstehen.

JUNGES MÄDCHEN. Ein andrer wohl mit Sicherheit,

doch waren all die Jahre viel zu schlimm,

so völlig ohne Ahnung.

Und all die viele Arbeit!

Sie machte mir das Kreuze krumm,

ich geh wie eine alte Frau

und bin noch nicht mal ganz erblüht.

ALTER MANN. Dann schuldet Ihr mir trotzdem Dank:

Das Knechten hat ein Ende, wenn Ihr aufbrecht,

mit mir geht.

Es ist bereits gesorgt für Euch,

ein Handwerk zu erlernen.

Euer Vater sagte mir,

Ihr habt ein ganz immens Talent:

In Eurer Freizeit frönet Ihr der Weberei,

so sagt' er mir,

und dort soll Eure Zukunft sein.

Ich kenne eine Weberin

im schönen fern Hypaipa.

Dort in die Lehre soll sie gehen,

die hier so schrecklich trauert.

JUNGES MÄDCHEN (sich die Tränen wegwischend).

Was sollt ich dort schon lernen,

die ich webe, seit ich denken kann,

seit ich die Finger raffen kann

und Nacht um Nacht am Webstuhl haus

und jetzt schon alles sprachlos mach,

das einen Blick verliert auf meine Kunst?

Doch wüsst ich nicht, was mich noch hält

hier bei der großen Stadt.

Solln sich die Weiber selber schinden,

wolln sie tragen hübsches Garn,

die mich so lang so schlecht entlohnten.

Komm, Colydon, nun folge mir,

es gibt so viel zu packen.

(Junges Mädchen und Ziege ab.)

ALTER MANN (zu sich selbst).

Was ist dies Ding doch arrogant schon

für sein zartes Alter.

Schwätzt was von der Fertigkeit,

die sie in sich zu hegen glaubt,

und weiß doch so rein gar nichts von der Welt.

Es wird ein böses Ende nehmen,

verweilt der Hochmut so in ihr.

(Er sieht dem Mädchen hinterher.)

Kurze Zeit später kehrt ARACHNE mit ihrer ZIEGE zurück.

ALTER MANN (das Mädchen musternd).

So denkt Ihr wirklich, dieses kleine Bündel

reicht für Eure lange Reise?

ARACHNE. Es ist alles drin, was ich besitz,

den Rest trägt mir mein Colydon.

ALTER MANN (lächelnd).

Erst jetzt erblick ich das Geschirr,

in dem das kleine Zicklein steckt,

und all die kleinen Taschen,

die ihm von seinen Flanken baumeln.

Hoffen wir,

dass es nicht dran zusammenbricht,

eh wir die schöne Stadt erreichen.

ARACHNE (mit großen Augen).

Zusammenbricht? Mein Colydon?

Seid froh, wenn Ihr die Stadt erreicht,

mein alter Mann.

Ich hoff, dass Euch die Füße tragen,

die unter krummen Knien gedeihn.

ALTER MANN (lachend).

Was ist sie keck und frech!

Der Vater hatte recht.

Macht Euch um meiner keine Sorgen,

es werden nicht die letzten Meilen sein,

die ich auf dieser Welt noch wandle.

ARACHNE (mit trauriger Miene).

So hört mir auf von meinem Vater,

der Verlust ist mir zu schlimm,

als dass ich leichten Herzens

von ihm reden hören mag.

ALTER MANN (ihr eine Hand auf die Schulter legend).

Ganz wie sie meint, verzeih sie mir.

Ich schwöre Ihr, nicht mehr zu reden

von dem schmerzlichen Verluste.

Es sei denn, sie fragt mich danach.

ARACHNE. Abgemacht.

So frisch voran, wo lang?

ALTER MANN (den Arm ausstreckend).

Dort entlang.

Hypaipa harrt

und alle schlecht betuchten Weiber und auch Herren.

ARACHNE. Moment, ich dachte immer,

Hypaipa liegt irgendwo dort hinten ...

ALTER MANN (sich umblickend).

Liegt es auch, doch gilt es noch zuvor,

einen kleinen Umweg einzuschlagen.

ARACHNE. Ein kleiner Umweg?

Dafür hat er noch Zeit?

ALTER MANN (die Augen zu Schlitzen verengend).

Sagen wir mal so:

Es geht ums Leben und ums Sterben.

Und das ist mir stets Grund genug.

ARACHNE. Ganz wie Ihr meint,

so gehen wir.

ALTER MANN. So folgt mir nur,

es gibt so viel zu sehen

und erzählen will ich Euch

von Eurer neuen Heimat.

Ihr werdet Kolophon nicht missen,

so viel lasst mich Euch versichern.

(Er geht voran.)

ARACHNE. Wir folgen Euch.

Komm, Colydon!

(Die Ziege stößt ein Meckern aus.)

(Über die weißen Steine des Bachbettes machen sie ihre ersten Schritte. Alle ab.)

Schenke Demeters Tropfen im Hafen zu Myrina.

Eine Bande ZECHER bei verdünntem Wein.

ZECHER ZUR LINKEN. Hoch die Becher!

Hoch auf unser Wohl getrunken!

Auf dass der Wein nicht Wassers werde!

Hinab!

(Er stürzt den Krug hinunter.)

ZECHER ZUR RECHTEN. Hoch, hoch!

Und hinab!

(Er tut es ihm gleich.)

ZECHER ZUR MITTE (seine Kameraden betrachtend).

Was stürzen sie in sich hinein das Glück,

und das auf meine Kosten!

Wo mich das Glücke fand

über Nacht,

bin ich ein reicher Mann geworden.

Oh, Schicksal süß,

so süß wie Wein.

(Er wirft einen schwärmerischen Blick in seinen Becher.)

ZECHER ZUR LINKEN (ihn anstoßend).

He, was will er nicht hier mit uns saufen

und starrt in seinen Becher nur?

Davon wird er auch nicht trunken.

(Er fällt mit dem Zecher zur Rechten in ein Gelächter ein.)

ZECHER ZUR MITTE. Spottet nur,

ist euer Glück doch morgen schon verronnen,

doch meins, das ist von langer Frist.

Es wird nicht mehr vergehen,

all das Glück,

das daheim in meinen Kisten wartet.

(Das Gemurmel um ihn herum beginnt langsam zu verstummen. Die Blicke der übrigen Schenkenbesucher richten sich auf ihn.)

Ja, ganz richtig habt ihr grad gehört:

Es wird das letzte Mal heut sein,

dass ich in eurer Mitte.

Ihr Gesocks, Spelunkentreiber,

habt mich zum letzten Mal gesehn.

(Er setzt den Becher an und leert ihn in einem Zug. Mit voller Kraft schlägt er den leeren Becher auf den Tisch.)

Jawoll! So wahr's hier knallt,

ich bin nun viel zu gut für euch,

als mich hier weiter abzugeben

mit den Niederen, die hier so drin verkehren.

(Er erhebt sich.)

Lebt wohl, ich geh!

(Er schreitet durch die Tür. Mit lautem Knall schlägt er sie zu. Zecher zur Mitte ab. Der ganze Saal fällt in Schweigen.)

ZECHER ZUR LINKEN (ihm nachsehend).

Da schmeckt der Tropfen gleich viel bittrer,

wenn so einer dir die Augen öffnet.

(Er sieht sich in der Schenke um, blickt in die Gesichter der Versammelten.)

Was sind wir doch für abgewrackte Spießgesellen ...

Und dieser ist nun fort und fand sein Glück.

(Er nimmt einen tiefen Zug.)

ZECHER ZUR RECHTEN. Wenn er sich da mal nicht vertut:

Im Hafen sind die Messer locker,

vor allem in so finstrer Nacht wie heut.

(Er wirft einen Blick aus dem Fenster.)

So seht nur selbst,

wie finster's droben dunkel dräuet.

(Er nimmt einen Schluck.)

ZECHER ZUR LINKEN. So wünschen wir ihm Glück

und hoffen, er kann's noch genießen.

(Beide lächeln verschwörerisch und leeren ihre Becher.)

Hafengassen zu Myrina. Finsterste Nacht. Leise rauschen die Wellen.

Ein EINSAMER ZECHER torkelt durch die Straßen.

EINSAMER ZECHER (sich mit einer Hand an einer Wand abstützend).

Was war der Wein doch stark

und sind die Gassen schmal.

Gleich einem Nadelöhr so torkle ich

von einer Seite auf die andere

und niemand in der Nähe,

der mir ein Händchen reichen könnt.

Ich spür schon, wie's mir hochkommt ...

(Er beugt sich vor und beginnt, trocken zu würgen.)

Wenn's wenigstens was kommen wollt,

ist's schlicht der Geiz, der's drinbehält?

(Er würgt erneut und sinkt zu Boden.)

Sapperlot! Was zehrt's an mir,

hat's in der Schenke doch so gut geschmeckt.

Ich brauche Luft.

(Er atmet ein paar tiefe Züge.)

Pah, was stinkt's nach modernd Wassern,

die dort plätschern friedlich an das Kai ...

Ich sollte weitergehen,

will ich des Morgens nicht gefunden werden

schlafend auf der Gassen.

(Er versucht sich zu erheben, sinkt erneut zu Boden.)

Ein SCHATTEN huscht an ihm vorbei.

EINSAMER ZECHER. Nanu, da seh ich schon Gespenster,

die sich eilen von der einen Seite auf die andere?

Oder war es nur ein Streich,

den Hypnos mir auf's Auge legte?

Ich sollte gehen, hier ist's mir nicht geheuer,

wenn's nur am Aufstehen nicht scheitern würd ...

(Er versucht erneut, auf die Beine zu kommen. Wieder huscht der Schatten an ihm vorbei.)

Sieh, da war es grad schon wieder!

Jetzt wird's mir klemm und klamm ums Herz.

Moment, wo ist's?

(Er greift in sein Gewand.)

Wo steckt's, das spitze Ding?

Ah, da ist es.

(Er schafft es unter großen Mühen, sich auf die Beine zu stellen. Im nächsten Moment hat er einen Dolch in der Hand.)

So, nun bin ich nicht mehr unterlegen,

komm aus dem Dunkel nur heraus.

Ich will dich spießen und dich lehren,

sich an mich heranzuschleichen in der Nacht,

wo alle Katzen grau.

(Er sieht sich zu allen Seiten um, die Spitze des Dolches folgt seinem Blick.)

(Zu sich selbst flüsternd:)

Wo ist es hin, ich seh es nicht,

das schwarze dunkle Wesen?

War's wirlich nur ein Hirngespinst?

ETWAS stellt sich - wie aus dem Nichts - vor ihn.

EINSAMER ZECHER. Ah, da bist du ja, so sprich:

Wie kann ich dich bedienen?

Soll's der Dolch sein, der dir Linderung verschafft?

So sprich!

(Eine fremde Klinge blitzt über ihm auf.)

Das ist's also, was er plant,

begehrt er mich hier abzustechen.

Nur zu,

die Klinge rast schon bald herab

und auf mein Herze zu.

(Die Klinge saust herunter. Der Zecher wehrt sie irgendwie ab, verliert dabei jedoch fast das Gleichgewicht. Er taumelt kurz, kann sich im letzten Moment noch fangen.)

So, jetzt guckst du, was?

Bist an den großen Messermann geraten,

der so manchen Klingenkampf in seinem Leben

hat bereits sehr siegreich absolviert.

Nur zu, stich zu,

ich harr...

(Sein Gegenüber sticht erneut zu. Die Klinge verschwindet in seinem Unterleib.)

(Aufstöhnend:)

So hat er mich doch gleich erwischt

mit seinem zweiten Streiche.

Ich spür, wie's Leben schon entrinnt.

Was für ein Frieden legt sich über mich,

wo ich verlasse nun die Welt ...

Die Nacht verschwindet, löst sich auf

zu herrlich leuchtenden Gefilden,

wenn dort nur dieser schwarze Fleck nicht wär,

der mir das Leben raubte.

(Er verzieht das Gesicht voll Zorn, sticht zu.)

So stirb! Ich reiße dich mit mir!

Sollst nicht mehr länger schweigend töten,

was du in finstren Gassen findest!

(Die Klinge des Zechers dringt in den Leib des Gegenübers ein. Das Gegenüber rührt sich nicht, steht da und gibt keinen Laut von sich.)

Ja, jetzt spürst du schon,

wie alle Kraft dir grad entrinnt, was?

Jetzt weißt du auch, wie's allen ging,

die du an finstren Orten hast gemordet.

Warte nur,

gleich sinkst du tot darnieder.

Wir wolln doch sehn,

wer Erster ist in seinem Tode.

(Sie stehen da, verbunden durch die Messer in ihren Leibern.)

Vermaledeit, ich halt's nicht aus,

ich spür die Beine schon nicht mehr.

Was bist', dass immer noch kannst halten dich

auf dem, was längst müsst verlieren alle Kraft

zum Tragen deines Leibes?

(Das Gegenüber bleibt reglos stehen.)

So ist die Waffe wirkungslos,

wie kann dies nur geschehen?

Kein Mensch kannst sein, wo du in tödlicher Verwundung

mir so tapfer gegenüber stehst.

Was bist', erzähl, ein Gott,

ein Halbgott

oder gar ein schlimmer Geist?

(Das Gegenüber rührt sich nicht.)

Jetzt verblasst's, verschwimmt, entrinnt mir,

die Konturen, sie verlaufen heim ins Nichts.

Nun seh ich schon nicht mehr,

was mich so eiskalt meuchelte

und dessen Fleisch ich mit dem Dolche hab durchdrungen.

Ade, du Rätsel,

mag meine Mordung sich bezahlen.

(Er sinkt nieder - seine Hand löst sich vom Messergriff - und landet hart auf dem Pflaster. Das Gegenüber verweilt ungerührt.)

ZWEITER GESANG - Die rasenden Rosse des Poseidon

Außerhalb Kolophons. Nördlicher Stadtausgang. Unzählige Hütten säumen das Land, dunkler Rauch steigt aus den Dächern in den Himmel auf.

ARACHNE, ALTER MANN und die Ziege COLYDON folgen dem Weg aus der Stadt.

ARACHNE (die Ziege an einer Leine führend).

Wie weit ist es nach Hypaipa,

wenn die Frage schon gestattet ist,

wo wir die Stadt erst kaum verließen?

ALTER MANN (sich auf den Schlangenstab stützend).

Oh, fragt nur, junges Ding,

zum Fragen ist viel Zeit

und zum Erklären ebenso.

Auch wenn der Marsch sonst Tage dauert,

werden wir so manchen Umweg gehen.

(Er zeigt über die Landschaft aus Hütten.)

Seht nur, wie die Hütten säumen all das Land

und ihre rauchend Säulen uns den Himmel schwer verdunkeln.

Und: Riecht Ihr das?

ARACHNE (sich die Nase zuhaltend).

Ja, das stinkt.

Puh, schon hier ist's kaum noch zu ertragen,

wie muss es erst darinnen stinken

unter all den Dächern?

Warum führt er mich hierher,

wo alle Stadt landeinwärts liegt?

ALTER MANN. Nun,

vielleicht tut's einem jungen Ding wie Euch

auch mal ganz gut zu sehen,

was den armen Geistern widerfährt,

die nicht das Glück des groß Talents verspüren.

Kommt, gehen wir nur weiter,

der Geruch wird Euch noch mehr bedrängen.

(Er geht weiter.)

ARACHNE (sich das Gewand über die Nase ziehend).

Ich verzichte.

Laufen wir 'nen großen Bogen,