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Auf einer vergessenen Welt, einer vor Jahrhunderten einst blühenden Kolonialwelt der Menschheit, bricht über das in Harmonie mit der Natur und sich selbst lebende Volk eine Zeit des Schreckens herein. Tod und Sklaverei erwarten es. Doch die darauffolgenden Ereignisse im Imperium der von Menschen besiedelten Welten übertreffen alles bisher Geschehene. Die Zeit führt uns in einen Raum der Zukunft, in dem Ereignisse stattfinden, die unvorstellbar sind - aber doch geschehen können, weil sie möglich sind.
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Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
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Auf einer vergessenen Welt, einer vor Jahrhunderten einst blühenden Kolonialwelt der Menschheit, bricht über das in Harmonie mit der Natur und sich selbst lebende Volk eine Zeit des Schreckens herein. Tod und Sklaverei erwarten es.
Doch die darauffolgenden Ereignisse im Imperium der von Menschen besiedelten Welten übertreffen alles bisher Geschehene. Die Zeit führt uns in einen Raum der Zukunft, in dem Ereignisse stattfinden, die unvorstellbar sind – aber doch geschehen können, weil sie möglich sind.
Das Böse kam schleichend und unerwartet. Es suchte und traf auf Opfer, die bar jeglicher Schuld waren. Es kam zu uns, und die, die es herantrugen, nahmen uns alles. Unser Leben, unseren natürlichen Reichtum und unsere Würde. Sie unterbrachen unsere kulturelle Entwicklung, verschleppten und versklavten uns. Sie kamen aus Welten, die für uns unvorstellbar waren, und mit einer Gewalt, die erschreckend war und keine Grenzen kannte.
Wir lebten seit Jahrhunderten in Harmonie mit der uns umgebenden Natur, obgleich sie uns nicht immer wohlgesonnen war. Noch war die Grenze der Wüste weit entfernt, und wir konnten weiterhin hoffen, dass der Boden, auf dem wir lebten, noch lange fruchtbar blieb. Auch der große Fluss, die Lebensader unseres Landes, brachte sein Wasser zu uns, welches er aus den Bergen des Ursprungs, fast eine Tagesreise von uns entfernt, ohne Verzögerung heranholte. Unser Reichtum zeigte sich nicht im übertriebenen Prunk, sondern in der Schönheit unserer Gärten und Felder. Aber vor allen Dingen in unserer Lebensweise, denn das Glück und die Zufriedenheit strahlten aus uns heraus, und sie kamen tief aus dem Herzen.
Doch nicht immer konnte es so gewesen sein. Gewaltige Ruinen von Bauten, tief versunken im Sand der Wüsten, zeugten von einer Zeit, die so weit zurücklag, dass keine Erinnerungen an ihre Erbauer verblieben waren. Wir gruben nicht mehr nach ihren Nachlässen, was in alten Zeiten immer wieder versucht worden war. Denn Erfolge gab es nicht, was sollte es bringen, Erinnerungen hervorzuholen, zu denen wir keinen Bezug mehr hatten? Viele dieser Gegenstände, die gefunden wurden, waren nutzlos für uns. Doch es fanden sich Teile, welche wir nutzen konnten zum täglichen Gebrauch, und wir erkannten daran, dass ihre früheren Benutzer nicht allzu fremd sein konnten. Es gab immer wieder Unbelehrbare, die es nicht lassen konnten, und trotz aller Mühe, die ihre sinnlose Tätigkeit verursachte, stiegen sie wieder hinab. Denn was sich die Wüste einmal nahm, gab sie nur schwer wieder her. Weit ging es hinunter, und jene, die zurückkamen, berichteten von der ehemaligen Größe und den gewaltigen Anlagen. Bald glaubten wir ihnen nicht mehr, denn es überstieg unsere Vorstellungskraft. Viele dieser Unbelehrbaren erreichten nicht mehr die Freiheit des Lichts, stürzten in Schluchten, die versteckt im Untergrund lauerten, und starben einen einsamen Tod. Sie verirrten sich in den unterirdischen Gewölben, die sich unter dem Wüstensand verzweigten, und fanden nie mehr hinaus. Die Wüste kannte keine Gnade, sie strich den Sand wie eine schützende Decke über alles hinweg, und die Zeugnisse alter Kulturen schwanden mehr und mehr.
Es stellte sich niemals mehr die Frage, wer die Schöpfer dieser versunkenen Bauten waren. Aber die Götter blieben uns erhalten, und wir beteten zu ihnen, wie auch die Wesen vor langer Zeit es mit Sicherheit getan hatten. Denn Götter waren ewig, sie hatten uns erschaffen, sorgten sich und beschützten uns in all den langen und vergangenen Zeiten. Dafür dankten wir ihnen täglich, mit der Hoffnung auf ihr nie versiegendes Wohlwollen. Ihnen zu Ehren veranstalteten wir wunderbare Feste und opferten ihnen reichlich von dem, was uns von der herrlichen Natur geschenkt wurde.
Unsere Behausungen befanden sich längs des Flusses, doch reichten sie auch weit hinein ins Land. Umsäumt von fruchtbaren Feldern und Bäumen, die schwer an Früchten trugen. Gewaltige Bäume in den Wäldern, die uns umgaben, schützten uns vor Unwettern. Wenn diese kamen, mit der Absicht uns zu schaden, riefen wir in unserer Furcht nach den Göttern, beteten und opferten. Die Priester versuchten Trost unter uns zu verteilen, doch auch sie fürchteten sich. Wir fragten immer wieder mit Bangen, weshalb der Gott des Wetters uns zürnte, denn es reute uns keine Schuld.
Die großen wilden Geschöpfe, die sich in früheren Zeiten herangeschlichen hatten, um Nahrung zu finden, waren Vergangenheit. Sie hatten sich gegriffen, was verfügbar war, und machten keine Ausnahme. Niemand war zu diesen Zeiten sicher auf den Feldern gewesen. Nun waren sie fort und wir fürchteten diese Gefahren nicht mehr auf unserer Welt. Die Priester segneten unsere Felder, die Natur und die Neugeborenen im Namen der Götter. Sie bekleideten keine bevorzugten Ämter, sondern waren uns allen gleich. Doch galten sie als auserwählt und hielten den Kontakt sowie auch das Gespräch mit den Göttern in Ehren. Dafür liebten wir sie und dankten ihnen, denn sie waren die Boten und Überbringer unserer Wünsche. Sie schuldeten uns nichts, doch nicht wenige traten an sie heran mit der Bitte, eine Gefälligkeit von einem der Götter, wenn es sich denn machen ließe, zu erfragen und sie für Dank und Opfer zu erfüllen. Es war stets mit einer kleinen Aufmerksamkeit für den Priester verbunden, und dem Versprechen, eine weitere zu liefern bei Erfüllung des Wunsches. Sie wurden oft nach langem Warten erhört, doch bei so manchem Bittsteller war die Enttäuschung im Nachhinein groß. Der Priester tröstete dann mit klugen Worten.
»Dein Wunsch kann nicht erfüllt werden, denn du hast etwas Unredliches getan, welches den Gott verärgert hat. Gehe in dich und reue, bringe ein Opfer dar, dann wird dir verziehen. Aber diese Bitte stelle niemals wieder.«
So wurden diese Dinge geregelt, und der Betroffene ging in sich, ohne den Grund der Ablehnung zu erkennen. Doch Freude stahl sich in sein Herz und Dankbarkeit, denn der Gott hatte es für würdig befunden, seinen Wunsch zu beachten. Ich hatte niemals ein Bedürfnis, an einen unserer Götter mit einem Wunsch heranzutreten, denn ich besaß viel und teilte gern. Aus Dankbarkeit opferte ich gern den Göttern, und gab oft den für mich betenden Schamanen. Meine Frauen und acht meiner gezeugten Kinder waren gesund, wir lebten in fröhlicher Gemeinsamkeit und Harmonie, wofür besonderer Dank eine Selbstverständlichkeit war. Jeder Besucher war uns willkommen und wurde mit allem versorgt, was Herz und Leib erfreute. Boten kamen mit Nachrichten von fernen Orten, und reisende Händler brachten Dinge, die wir nicht besaßen. Auch Heiler kamen, und gingen enttäuscht, denn wir waren gesund und brauchten ihre Dienste nicht. Vieles machten wir selbst, es bedarf keiner großen Kunst, einen Zahn zu ziehen, oder ein Kind zu trösten, nur weil es einen Finger im Spiel mit scharfen Dingen verloren hatte. Schmerz hatte bei uns keine Bedeutung, er war nur eine Begleiterscheinung, und der Beweis für die Lebendigkeit des Leibes.
Auch wenn wir am Rande der Wüste lebten, so waren wir nicht abgeschnitten von der übrigen Welt. Wir waren mit allem versorgt, was unsere Zivilisation geben konnte, und mit vielem mehr. In früheren Zeiten konnte es anders gewesen sein, die Ruinen deuteten darauf hin. Aber dass wir in der heutigen Zeit ein genügsames Leben führten, bedeutete keinerlei Rückschritt. Wir besaßen Schulen, worin die Kinder das Grundwissen unserer Kultur gelehrt wurde, gerade so viel, wie sie es für ihr späteres Leben brauchten. Jedem Erwachsenen stand es frei, sich weiteres Wissen anzueignen. Wir besaßen ein Gebäude, es war vor sehr langer Zeit errichtet worden. Dort befanden sich Gegenstände, die aus den Tiefen unter der Wüste emporgeholt worden waren und für uns keinen Sinn ergaben, trotz der beiliegenden Erklärungen. Ein Raum war gefüllt mit vielen Büchern, darin zu stöbern machte mich neugierig und war Anlass zur Freude. Von Reisen war dort die Rede, von Reisen um unsere gesamte Welt, auf Schiffen, die auf dem großen Wasser schwammen. Karten des Himmels und Berichte von Welten in unglaublicher Ferne, bewohnt von Wesen, die uns in vielen Bereichen ähnlich waren. Einige dieser Wesen reisten in großen Schiffen durch die Leere des Alls, um wiederum andere ferne Welten zu besuchen. Oft stellte sich mir aber die Frage: Beruhten diese Schriften auf Wahrheit, oder waren sie nur Traum und Fantasie? Auf unserer Welt besaßen auch wir noch immer große Schiffe, sie glitten auf dem großen Wasser, von Wind getrieben, dahin, um Handel zu treiben zwischen den weit entfernten Ländern. Bisher hatte ich keines dieser Schiffe gesehen, doch wir benutzten kleinere Ausgaben, um uns auf dem Fluss des Lebens zu bewegen. Sie dienten dem Fangen von Wesen, die sich im Wasser befanden und als wohlschmeckende Nahrung willkommen waren. Auch taten sie Dienst als Transportmittel, um andere Orte zu erreichen, die weit entfernt am Ufer des Flusses zu finden waren. Zu Ehren der Götter fuhren wir an den Festtagen mit vielen dieser mit Blumen geschmückten Boote bis zur Mitte des Flusses und dankten mit einem Opfer dem Gott für seine Freundlichkeiten. Wir hatten viele Götter und dankten ihnen gern, so folgten immer wieder viele Tage der Freude und Ausgelassenheit.
Wir fürchteten uns nur, wenn die Götter unsere Opfer als minderwertig betrachteten und sich von uns abwandten, deshalb gaben wir viel, mit aller Kraft der Hoffnung. So war es und so wird es bleiben. Aber dennoch gab es keine Sicherheit der Erfüllung unserer Bitten, und das zeigte sich oft an kleinen Dingen. Ich hatte den Verdacht, es gebe jemand unter den Göttern, den wir fürchten müssten. Tat er es aus Freude oder Bosheit? Eine Krankheit, die sich nicht heilen ließ, oder eins unserer Tiere fiel und starb. Ein Baum trug plötzlich faule Früchte und verdorrte. Solche Dinge geschahen ohne das Anzeichen eines kommenden Unheils. Dann gingen die Schamanen und Priester durch den Ort, verteilten Zeichen des Schutzes, und wir brachten alle gemeinsam unsere Opfergaben zu dem Ort des Unglücks.
Ein Zeichen des Wohlwollens seitens der Götter erreichte wieder einmal meine Behausung, und ich spürte das Glück, welches mich zum wiederholten Male bedachte. Eine meiner Frauen war in Zuversicht, und ich hoffte, es käme ein Mädchen. Bisher hatte ich nur Söhne gezeugt, und es gab ein Problem für ihre Zukunft. Denn wie sollten sie eine Familie gründen, bei einem Mangel an Frauen? Meine Zweifel bestanden schon jetzt, der Ort am Ufer des Flusses war nicht klein, aber begrenzt. Um Frauen zu finden, müssten sie zu weiter entfernten Ansiedlungen, und es würde nicht leicht für meine jüngeren Söhne sein. Bei meinem ältesten Sohn standen die Chancen gut, er hatte das Jahr der Reife erreicht, und ich hatte mit Stolz und Freude die Blicke einiger junger Frauen bemerkt. Er war nicht der einzige Kandidat, und meine jüngeren Söhne würden wohl auf Wanderschaft gehen müssen. Um eine Familie zu gründen, musste jeder Mann einen Vertrag mit drei Frauen vorweisen können, ohne den ging es nicht, so lauteten unsere überlieferten Gesetze. Meine Behausung war nicht gerade klein zu nennen. Ich lebte mit fünf Frauen im Vertrag. Meine acht Söhne, einige alleinstehende Verwandte meiner Frauen und unabhängige Helfer befanden sich in unserer Gemeinschaft. Meines Vaters Behausung grenzte unmittelbar an die meine. Er lebte im Vertrag mit fünf Frauen, hatte aber bisher nur zwei Söhne gezeugt. Ich war der Erstgeborene, danach hatten ihm seine Frauen noch zwölf Mädchen geschenkt. Beim Tod eines Patriarchen wurde der Besitz nach alter Art unter den Söhnen aufgeteilt. Töchter gingen unter Vertrag und bekamen ihre Mitgift an Werten. Die Frauen des Verstorbenen konnten nun frei entscheiden, aber der Vertrag erlosch nicht. Sie konnten einen neuen Vertrag eingehen, zu ihren Töchtern ziehen oder bei dem Erben bleiben. Beim Tod meines Vaters erhielte ich den halben Teil seines Besitzes, und unter Umständen seine zurückgebliebenen Frauen, denen ich dann verpflichtet wäre. Möge mein Vater noch ein langes und gesundes Leben führen, so war es mein Wunsch und Bitte an die Götter bei diesen Gedanken. Er war mir eine große Hilfe in der Kindheit und Jugend gewesen und half immer wieder bei schwierigen Angelegenheiten. Ich gab alles erlernte Wissen an meine Söhne weiter, um ihnen ein sorgenfreies Leben in der Zukunft zu ermöglichen.
Wie mein Bruder im Falle des Ablebens unseres Vaters entschied, der weiter bei ihm lebte, ging mich nichts an. Er war mit drei Frauen unter Vertrag und hatte bisher vier Söhne gezeugt. Meine Schwestern waren auf viele Orte verteilt, sie hatten gute Partner gefunden, doch sahen wir uns nur zu besonderen Festlichkeiten. Wir konnten eine lange Ahnenreihe vorweisen, unsere Behausungen wurden viele Male geteilt und wieder vereint. Wenn kein Erbe verfügbar war, wurde ein Pächter verpflichtet. Sollte eine der Behausung frei werden, aber keinen Erben vorweisen können, entschied die Gemeinde über eine Vergabe und der gewählte Patron erhielt den Zuschlag. Bisher war aller Besitz innerhalb unseres Clans aufgeteilt worden. Wir hielten zusammen und jeder besaß die gleichen Rechte. Die Gründung einer neuen Familie war eine große Bereicherung für die Gemeinschaft und gab stets Anlass zu ausgelassener Freude bei einem großen Fest.
Ein Bote erschien und überbrachte Nachrichten, die Unheil verkündeten, obgleich sie etwas verworren klangen. So etwas war bisher nicht geschehen und es erschreckte uns nicht sonderlich. Ein friedliches Wesen konnte Berichte über Gewalttaten kaum richtig einordnen, denn ihm fehlte jegliche Erfahrung, und sie passten nicht in sein Weltbild. Wenn jemand die Farbe Blau nicht kannte und keinen Vergleich besaß, war es schwer, ihm eine Erklärung zu liefern. Also war die Reaktion bei uns allen mehr als mäßig bei den Berichten des Boten. Wir vernahmen es, doch es fehlte uns der Glaube. Aus Büchern, die in dem Museum lagerten, hatte ich Dinge erfahren, die dieser Nachricht ähnlich klangen. Ich nahm mir die Zeit und suchte nach Bestätigungen, doch alles erschien mir erdacht und ohne Beweis. Also sprach ich mit meinen Frauen und Söhnen, um vorbereitet zu sein auf das, welches geschehen könnte.
»Auch ihr habt die Nachricht vernommen, dass Fremde aus einer fernen Welt gelandet sind. Sie werden auch zu uns kommen, so wird vermutet. Doch wir wissen nicht, was sie wollen. Wir werden sie freundlich empfangen, gastlich versorgen und abwarten, was sie begehren.«
Wir empfingen oft Durchreisende, die aber niemals etwas verlangten oder forderten, denn sie waren unsere Brüder und sie bekamen alles, was ihnen für eine Weiterreise fehlte. Was also sollten wir befürchten?
»Also fürchtet euch nicht vor dem Fremden, wie immer er sich auch zeigt. Sie kommen von weit her und werden ermüdet sein von der langen Reise. Also bieten wir ihnen Freundschaft und ein Ruhekissen.«
Niemand war beunruhigt, auch im Ort gab es keine Reaktionen, so blieb alles still und jeder ging seinen Aufgaben nach. Neue Nachrichten erreichten uns, sie klangen erschreckend, doch ich schenkte ihnen weiterhin keinen Glauben. Selbst die Priester waren nicht beunruhigt, und ich schob den Gedanken von mir, die Götter um Extraschutz vor einem kommenden und unbekannten Unheil zu bitten. Damit stand ich wohl allein, denn es gab viele ängstliche Gemüter, und die Opfergaben türmten sich vor den Abbildern unserer verehrten und geliebten Beschützer.
Es sollte ein Tag der besonderen Freude werden, und das war spürbar in allen Räumen unserer Behausung. Die Harmonie, welche uns an jedem beginnenden Morgen begrüßte, sollte nicht anders sein als an den anderen Tagen. Doch nun klang alles Tun mit einem besonderen Ton der Freude und Erwartung. Das Rauschen der Bäume, erzeugt vom warmen Wind, und auch die Tiere klangen in meinen Sinnen voller Erwartung. Die hellen Stimmen der Frauen, welche mit ihren Gesängen zu mir drangen, waren in meinen Ohren ein Geschenk der Götter. Mein Herz füllte sich mit Freude, und ich schickte meine Liebe zu ihnen allen. Dieser Tag gehörte ganz meinem ältesten Sohn, denn es jährte sich der Tag seiner Geburt. Es war ein besonderer Tag, denn damit trat er in eine Phase des Lebens ein, die seine Zukunft betraf. Mit Stolz betrachtete ich ihn, und ich sah seine Augen leuchten, als er zu mir trat.
»Mein Vater, ich grüße dich, welch herrlicher Tag, wann brechen wir auf?« Ich spürte seine Unruhe und das Verlangen, so muss es auch mir ergangen sein an dem lang zurückliegenden Tag. Doch teilte ich mit ihm die Freude.
»Es ist alles bereit, nur wir zwei allein gehen zur Stätte der Weihung. Alle anderen bleiben zurück und erwarten uns bei der Rückkehr mit der vorbereiteten Feier dir zu Ehren.«
Die Dankopfer waren in Körben an einem jungen Arbeitstier befestigt und wir machten uns auf den Weg zum Ort am Ufer des Flusses. Es war ein Tag, wo alle Arbeit ruhte. Der Wettergott meinte es besonders gut und schenkte uns eine angenehme Temperatur auf diesem Weg. Schweigend gingen wir neben dem Tier. Wir hätten Reittiere nehmen können, doch zu diesem Anlass gaben wir dem Vorgang eine würdigere Bedeutung. Es hatte sich schon viel Volk auf dem Platz vorm Haus der Götter versammelt. Langsam näherten wir uns, für alle war es ein Tag der Ruhe, und die Einführung meines Sohnes hatte für sie keine weitere Bedeutung. Doch ich sah die Blicke einiger der hier Anwesenden, besonders die der jungen Frauen, in Richtung meines Sohnes. Wir waren eine Behausung mit etwas Einfluss und Besitz. Da war es selbstverständlich, dass sich einige einen Vertrag erhofften. Doch es war noch nicht an der Zeit für meinen Sohn. Es braucht viel Geschick und Bedenken beim Abschluss eines Vertrages für eine harmonische lange Beziehung. Wir wurden mit Freundlichkeit begrüßt und warteten darauf, dass sich das Tor zum Haus der Götter öffnete. Mein Bruder trat auf mich zu, er war allein, die gesamte Familie sollte später zu Ehren meines Sohnes zu unserer Behausung herüberkommen. Alle der Anwesenden waren mir bekannt, ich wusste viel von ihrem Leben, ihren Sorgen und den Befürchtungen. Was mochten sie wohl am heutigen Tag von den Göttern erhoffen? Bevor ich vollends in meinen Vorstellungen versank, wurde ich aufgeschreckt.
Sie waren da, plötzlich und ohne weitere große Ankündigung. Wir vernahmen nur ein helles Klingen über uns, und es landeten schlanke Fluggeräte auf allen freien Plätzen, die sich ihnen boten. Es war so schnell geschehen, dass alle nur dastanden und sich keinerlei Bewegung regte. Diese Teile, die herabschwebten, waren in unseren Augen eine ungewöhnliche Erscheinung, noch nie hatten wir solches erblickt. Es waren keine Götter, die sich uns zeigten, ich wusste es nun mit Erschrecken, denn wir waren gewarnt worden. Auch alle der Anwesenden mussten es erkannt haben, dass die Nachrichten der angekündigten Taten der Wahrheit entsprachen. Doch noch war nichts geschehen und es herrschte erwartungsvolle Stille. Aber ich spürte mein Herz schneller schlagen. Das singende Geräusch verklang und unsere Besucher befreiten sich aus ihren Geräten. Sie würdigten uns keinerlei Beachtung. Unsere Wehrlosigkeit war ihnen bekannt, es war nicht ihr erster Überfall. Sie wussten, was sie taten, und hatten nur ein Ziel. Ihr Weg führte geradewegs zu dem Gebäude, in dem sich unsere Götter befanden. Das Tor hatte sich gerade geöffnet, einer unserer Priester stellte sich den Herankommenden in den Weg. Doch sie töteten ihn, ohne dass ich erkannte, wie es geschah, und stießen ihn von den Stufen. Da ging ein lauter Aufschrei durch die noch immer erstarrten Anwesenden, aber niemand ging zum Angriff über oder zeigte eine Geste der Gegenwehr.
Ich erkannte im gleichen Moment die Lage, und auch den Ernst, der darin verborgen war. Die Besucher kamen mit unseren hell glänzenden Götterfiguren zurück aus dem Gebäude und verstauten sie in ihren Fluggeräten. Niemand stellte sich ihnen in den Weg, denn alle sahen unsere Hilflosigkeit ein. Danach griffen diese Diebe nach einigen der Anwesenden und stellten Fragen. Sie waren uns erschreckend ähnlich und sprachen mit unseren Stimmen. Woher kamen diese Abgesandten einer Macht, der wir so hilflos ausgeliefert waren?
»Wir wollen mehr, bringt es herbei.« Doch niemand rührte sich, dieses Begehren war uns allen unverständlich, denn die Abbilder unserer Götter waren alle in ihrem Besitz. Sie töteten zwei der Nahestehenden, ich sah einen Blitz aus den Stangen fahren, die sie bei sich führten, und sie riefen wieder:
»Noch einmal, wir wollen all euer Gold, bringt es herbei, oder es sterben viele.« Ich wollte weitere Gräuel verhindern und trat zu ihnen.
»Wir geben euch alles, was ihr verlangt, doch ich bitte darum, sagt uns, welches euer Begehren ist, denn wir verstehen eure Worte nicht.«
»Euer Gold wollen wir, eilt euch.«
»Was ist Gold? Wir kennen die Bezeichnung nicht.« Mein Gegenüber zeigte auf unsere Götter.
»Das ist Gold«, schrie er mich an.
»Das sind unsere Götterfiguren, und ihr habt sie alle vor euch, mehr besitzen wir nicht.«
»Das Material, aus dem sie gemacht sind, nennt sich Gold.« Er schien am Ende seiner Geduld, und ich verstand. Er begehrte dieses für uns wertlose Metall, welches zu nichts zu gebrauchen war. Wir verarbeiteten es meist für sinnlose Dinge. Einige verwendeten es als Schmuck an den Zügeln unserer Reittiere, weil es so schön glänzte. Wegen solch wertloser Substanz hatten diese Fremden hier an diesem Ort Bewohner und meine Freunde getötet. Ich verstand die Welt nicht mehr, und unsere Götter schwiegen, als ob es sie nicht betraf. Ich sagte ruhig:
»Das da nennen wir Plunder, weil es für uns keinen Wert besitzt. Es ist überall zu finden. Wir geben es euch gerne, aber tötet niemanden mehr. Wenn ich in Demut bitten darf?«
»Dann her mit eurem Plunder, eilt euch.« Er stieß mich vor die Brust, fast wäre ich gestürzt.
Die Angst lag wie ein Schleier über uns, und jeder eilte, dieser Forderung zu folgen. Wir befanden uns im Zentrum dieser Ansiedlung, um unseren Göttern nahe zu sein. Die Behausungen lagen weit darum verstreut, und so waren die Wege für viele weit. Die Fremden wurden ungeduldig und drängten uns zur Eile. Meine Behausung lag nahe, und ich konnte sie per Fuß in kurzer Zeit erreichen. Es erhob sich eins der Flugboote und begleitete mich. Mein Sohn blieb mit dem Lasttier zurück. Andere, die mit ihren Reittieren gekommen waren, sah ich in Richtung ihrer Behausungen davoneilen. Alle Fluggeräte bis auf eines erhoben sich, und ich sah sie ihnen folgen. Ich erreichte meine Behausung, rief laut nach meiner Familie und den Helfern. Das Boot war neben mir gelandet und der Fremde stieg daraus. In der Hand hielt er den Gegenstand, mit dem auch der Priester getötet worden war. Alle, die herbeigeeilt kamen, blieben vor Schreck und staunend stehen beim Anblick dieser ungewöhnlichen Erscheinung eines Bootes und des Fremden. Ich aber rief ihnen zu:
»Fürchtet euch nicht, es sind Fremde von fernen Welten, und sie kommen als unsere Gäste, hört nun, was sie begehren.«
Ich gab den Auftrag, alles, was aus Plunder hergestellt war oder herumlag, herbeizuschaffen.
Doch was zusammenkam, war nur eine geringe Menge, denn für uns hatte es keinen Wert. Mein Begleiter war nicht erfreut und ging selbst in die Häuser, suchte nach mehr, fand aber nichts.
Ich rief im Herzen nach meinem Schutzgott und bat um Hilfe: Es möge der Fremde nicht zu Gewalt greifen, um seine Forderungen zu befriedigen. Meine Bitte wurde erhört, doch musste ich zurück in den Ort. Die Boote kamen in Abständen zurück, und wir warteten in stiller Unruhe, was wohl noch geschehen sollte. Einer der Fremden winkte mich heran, er schien der Führer dieser Bande zu sein, und fragte:
»Woher habt ihr dieses Gold?« Welch eine Antwort gibt es auf solche Frage? Darüber hatte ich nie nachgedacht, er hätte auch fragen können: Woher habt ihr die Luft, die ihr atmet?
»Es war immer da, wir leben seit vielen Zeiten hier, und unsere Ahnen haben es uns überlassen. Außerdem ist es überall zu finden, es liegt im Boden. Wenn wir unsere Felder bearbeiten, erscheint es, so einfach wie gewöhnliche Steine.«
»Du scheinst von deiner Antwort überzeugt und sprichst wohl die Wahrheit. In anderen Orten gaben sie mir ähnliche Antwort. Heute werden wir wohl nicht mehr bekommen als diese geringe Menge. Wir werden wiederkommen, und bis dahin werdet ihr diese Sammlung verdoppelt haben. So wird es sein, beschafft es, wie auch immer.«
Er deutete auf mehrere junge Männer.
»Geht hin und fällt zwei Bäume, drei Mann hoch und zwei Handbreit stark, und schafft sie zum Ende des Ortes. Wir gehen nun dorthin, es sollen Löcher gegraben werden, um die Stämme darin aufzurichten. Eilt euch, denn die Tageshitze wird uns lästig.«
So geschah es. Die Löcher wurden gegraben und die jungen Männer erschienen mit den frisch geschlagenen Stämmen. Die Fremden griffen nach einer älteren Frau und einem der Männer. Sie befahlen ihnen, sich zu entkleiden, danach banden sie die Unglücklichen an die Stämme und wir mussten sie in den Löchern aufrichten. Die Erde wurde festgestampft, so standen sie fest, ohne zu schwanken. Die Fremden zogen einen weiten Kreis um sie herum und sagten:
»Diese Zone ist für jeden tabu, wer sich nähert oder den Kreis betritt, hängt in kurzer Zeit neben ihnen.«
»Weshalb tut ihr es uns und ihnen an, haben wir euch nicht alles gegeben, was ihr verlangtet? Ist dies der Dank für die Erfüllung eurer Bitte?«, fragte ich mit bebender Stimme, denn der Anblick der dort oben an den Stämmen gefesselten Freunde war kaum zu ertragen.
»Weshalb wir es tun, fragst du? Weil wir es für gegeben halten und müssen. Hiermit wollen wir eure Erinnerung bewahren an die Aufgabe, Gold herbeizuschaffen. Denn solltet ihr unserer freundlichen Bitte nicht in allem Ernst nachkommen, wird sich die Reihe dieser Stämme um ein Vielfaches erhöhen.«
Ich sank auf die Knie und flehte förmlich mit aller Kraft um Gnade für unsere Freunde. Doch mir schien, es hatte keinerlei Wirkung auf ihn, denn er schüttelte den Kopf.
»Steh auf, es ist sinnlos, es musste getan werden, was getan werden muss. Wir sind nicht hier, um zu bitten, denn wir sind eure Herren, und ihr seid für uns weniger als der Sand unter unseren Füßen.«
Diese Worte berührten mich tief in meinem Inneren, und mir schwindelte, Wut stieg in mir auf, doch der Verstand griff ein. Wir waren ihnen gegenüber wehrlos. Ihren Waffen hatten wir nichts entgegenzusetzen, obgleich wir ihnen zahlenmäßig weit überlegen waren. Ein Kampf hätte viele Opfer unter uns gefordert. Trotz eines Sieges wäre es nicht ausgeschlossen, dass viele kämen, nach ihnen suchten und schreckliche Rache nahmen. Also stand ich auf, verneigte mich und sagte:
»Ich danke dir, und es geschehe alles in deinem Sinne.«
Die Fremden wandten sich von uns, stiegen in ihre Boote, erhoben sich und flogen davon. Das Licht des Tages stand auf dem Zenit und Stille war um uns, bis auf das Stöhnen der Gefesselten an den Stämmen. Niemand wagte sich in den Kreis, um den Unglücklichen zu helfen oder sie zu befreien. Jeder Einzelne fürchtete um sein Leben, und auch ich bewegte mich nicht. Langsam entfernten sich einige der Anwesenden und strebten ihren Behausungen zu. Ich blieb und ging meinen schweren Gedanken nach. Die Stunden vergingen, die Hitze schwächte sich ab, aber das Stöhnen der Gepeinigten verstärkte sich mehr und mehr, und doch blieb ich. Durch mein Verharren wollte ich Hass und Willenskraft stärken, aber dann kamen die großen Vögel. Sie kamen fast lautlos heran und kreisten über uns, es sah sehr bedrohlich aus, und wir entfernten uns einige Schritte von dem gezogenen Kreis. Das ermutigte die Vögel, sie sahen es als eine Einladung, kamen herab und stürzten sich auf die Unglücklichen an den Pfählen. Ohne die Scheu, welche ihnen zu eigen war, hatten sie sich genähert. Es musste Ähnliches an anderen Orten geschehen sein und die Vögel sahen es als selbstverständlich an, dass ihnen hier Nahrung geboten wurde. Sie hackten mit ihren scharfen Schnäbeln zu und rissen das Fleisch von den nackten Körpern. Ich spürte eine Berührung an meinem Arm und erschrak. Es war mein Sohn. Wie konnte es geschehen, dass ich in den vergangenen Stunden seine Anwesenheit nicht gespürt hatte? Das Grauen, welches sich bei diesen Geschehnissen über mich gelegt hatte, behinderte meine Aufmerksamkeit. Nun sah ich ihm in die Augen, was mochte er empfinden? Die Schreie, die im gleichen Moment von den Stämmen zu uns herunterdrangen, waren so schrecklich, dass wir wie in Panik davonrannten. Diese Schreie verfolgten uns noch viele Schritte lang, bis sie kurz darauf erstarben. Doch sie wichen nicht von mir, sie verfolgten mich weiter in den Träumen und blieben stets gegenwärtig.
Schweigend entfernten wir uns von diesem schrecklichen Ort. Mein Sohn schritt neben mir und zeigte keinerlei Regung. Wir näherten uns dem Platz vor dem Haus der Götter. Die Leichen waren fort, doch unser Lasttier stand dort allein und erwartete uns. Das Tor war geöffnet, wir stiegen die Stufen hinauf und betraten den Innenraum. Wir sahen den Leichnam des Priesters, er ruhte auf einer Bank und neben ihm knieten einige Männer. Der Raum wirkte seltsam auf mich durch das Fehlen der strahlenden Figuren unserer Götter. Waren wir verloren ohne den Schutz, den uns die Götter seit vielen Zeiten gewährt hatten? Die geraubten Gegenstände waren nur Abbilder, und an meinem Glauben wollte ich nicht zweifeln. Wir trugen unsere Opfergaben hinein und legten sie an die dafür vorgesehenen Plätze. So standen mein Sohn und ich nebeneinander vor den leeren Sockeln unserer Götterfiguren. Die anwesenden Männer hatten sich zu uns gesellt, und ich sagte:
»Mein Sohn, eine fröhliche Feier zu deiner Weihe wird es nicht sein. Aber wir danken den Göttern für unser Leben. Sie allein entscheiden und sie werden wissen, was geschieht.«
Wir nahmen unser Lasttier und machten uns auf den Weg zu unserer Behausung. Mein Sohn hatte eine Erfahrung gemacht, die jenseits all unserer Vorstellungen lag. Was mochte er empfinden, wo doch das Erlebte auch für mich unerträglich war? Diese Fremden, sie kamen nicht von dieser Welt. Selten war ich fort gewesen von diesem Ort. Nur einmal hatte ich meinen Vater durch die Wüste begleitet, als er noch Handel trieb an einem weit entfernten Ziel. Es war eine angenehme Erinnerung und lenkte mich kurz ab von den trüben Gedanken. Auf unserer Behausung empfing uns Stille, doch mein Vater war mit seiner Familie herübergekommen. Der Tag, der so wunderbar begonnen hatte, endete mit Schrecken und tiefer Trauer. Wir beteten gemeinsam zu den Göttern und gedachten der Opfer dieser für uns ungeheuerlich erlebten Gewalt.
Dann kamen in den darauffolgenden Tagen andere Fremde in ihren fliegenden Booten, sie nahmen Frauen und junge Männer mit sich und sprachen von ihrem Gott. Wir fragten, weshalb sie so gegen uns handelten. Doch sie antworteten uns mit freundlicher und wohlwollender Stimme:
»Weil unser Gott es so will, er ist gut zu uns, er gibt uns alles und dafür preisen wir ihn. Es gibt nur den einen, und er hat alles erschaffen, auch das Leben. Doch wir sind auserwählt, seine Botschaft zu verbreiten und die Gesetze zu achten, wie er es uns aufgetragen hat. Eure Götter sind nur Illusion, und weder helfen sie, noch schaden sie. Folgt unserem Gott, dem einzigen und wahren, ihr werdet es nicht bereuen.« So sprachen sie und zogen wieder ab.
Die Goldsucher kamen danach, wir hatten gegraben, gesucht und gefunden, doch dabei unsere Felder vernachlässigt. Sie kamen und nahmen ohne Dank, schienen aber auch allem Anschein nach mit dem Ertrag unserer Mühe einverstanden – forderten jedoch bei ihrem nächsten Erscheinen in der Zukunft ein weiteres Drittel mehr. Nach ihrem Abflug standen drei neue Pfähle am Eingang unseres Ortes. Die Schreie der Gepeinigten drangen uns tief ins Herz, und niemand verstand diese sinnlose Tat. Waren unsere Götter gegangen und für immer fort? Sollten sie ihren Abbildern gefolgt sein, und unser Unglück war ihnen gleichgültig? War ihnen unsere Dankbarkeit zu allem, was sie für uns getan hatten, nicht genug? Unsere verzweifelten Rufe im Dunkel unseres Daseins berührten sie nicht. Wollten sie einfach nur mit ihrem Schweigen unseren Glauben prüfen, indem sie uns so quälten?
Wie viel Demütigung kann ein Wesen ertragen? Welche Kraft ist nötig, um seine Wut zu zügeln? Ich ertrug es nicht länger, ich musste mehr über unsere Vergangenheit erfahren und auch Wissen über unsere Peiniger erlangen. Diese Hilflosigkeit war nicht zu ertragen und ich fühlte mich alleingelassen in meiner Not, deshalb suchte ich in den alten Büchern nach Antworten. Vergebens, sie halfen wenig, denn für vieles fehlten mir die Erklärungen. Es waren Erfahrungen aus alter Zeit und sie hatten mit dem, was hier geschah, wenig gemein. Dabei stieß ich auf einen Vermerk, ›Wissen ist Macht‹, dem stimmte ich ohne Weiteres zu. Eine gewisse Macht besaß ich hier in diesem Ort, da brauchte es nicht viel an Wissen. Das erkannte ich nun mit deutlicher Klarheit durch die Hilflosigkeit, die mir auch von allen anderen innerhalb der Gemeinschaft gezeigt wurde. Denn die Gefahr, welche uns drohte, war für unser Empfinden übermächtig. Sollten wir alles widerspruchslos geschehen lassen? Es durfte einfach nicht sein. Gab es denn jemals ein Ende des Begehrens dieser gnadenlosen Räuber? Ich erkannte aber auch: Jedes Wissen wächst umso mehr, je größer die Aufgabe. Die allgemeine Goldsuche überließ ich allen anderen unserer Gemeinschaft und entschloss mich zu einer Reise entlang des Flusses. Es bedrückte mich zwar, die fleißig Suchenden in ihrem Tun alleinzulassen, aber ich hatte mir eine Aufgabe gestellt, die mir vordringlich erschien zum Nutzen unseres Volkes. Mein Reittier stand bereit, ich belud es mit Taschen voller einfacher Nahrung und einigen Wasserbeuteln. Der Abschied war eine kurze Angelegenheit, denn meine Gedanken eilten schon voraus. Mein ältester Sohn war trotz der entgangenen Weihe nun das Oberhaupt der Behausung. Sein stolzer Blick beim Erhalten der auf ihn übertragenen Verantwortung gab mir Kraft und Zuversicht für den Erfolg meiner gesetzten Aufgabe. Am Fluss des Lebens ritt ich entlang, der Weg folgte dem Lauf, bis er sich in der Ferne verzweigte. Der führende Strom endete im großen Wasser, der schmalere bildete einen See, umgeben von großen Bäumen. So war es mir aus Erzählungen bekannt, aber bis dahin waren es viele Tagesreisen und ich war erst am Beginn dieses langen Weges.
Am Eingang des ersten Ortes, welchen ich erreichte, begrüßten mich drei der Stämme, die mir wohlbekannt waren. In den losen Seilen hingen noch verbliebene Knochen der Unglücklichen, die einen so schrecklichen Tod hatten erleiden müssen. Der darum gezogene Kreis war unberührt, der Boden darin bedeckt mit weiteren Knochen und dem Kot der großen Vögel. Ein Schauer überlief meine Glieder, denn dieser Anblick glich dem Platz, den ich vor wenigen Stunden verlassen hatte. Diese Ortschaft war mir vertraut, denn hier befanden sich viele Freunde, zu denen ich Vertrauen hatte. Ich wollte Fragen stellen und hoffte auf Informationen, die mein Wissen vergrößern sollten. Meine Erwartung wurde gedämpft, denn bei der ersten Behausung fand ich niemanden vor. Alles war still und verlassen. Auch fand ich keine Tiere, das durfte nicht sein, und ich machte mich auf zu meinem nächsten Ziel. Auch hier war es überraschend still, aber meine Freunde befanden sich im Haus und waren erstaunt, aber doch erfreut über meinen Besuch. Die Gespräche drehten sich um unsere leidvollen Erfahrungen mit den Fremden, aber mehr erfuhr ich nicht. Es waren die gleichen Erfahrungen bei ihnen, die auch wir gemacht hatten. Sie boten mir ein Nachtlager an, doch ich wollte schnell vorankommen und verabschiedete mich. Freundschaftliche Besuche waren nicht mein Ziel, denn ich war nicht meines Vergnügens wegen unterwegs.
Ein Ort reihte sich an den nächsten, immer am Fluss des Lebens entlang, wie Perlen auf einer Schnur. Sechs Tage hatte ich hinter mir gelassen und nichts erfahren. Nur verzweifelte Not hatte ich angetroffen, und Mangel an Lebensmut. War ich vergebens aufgebrochen? Bei jedem Ort empfing mich der Anblick der grausigen Stämme, mal waren es mehr und mal weniger, immer aber war es der gleiche Anblick, und in mir sank der Wille zur Weiterreise. Doch dann traf ich auf einen Priester, er schaute sich wachsam um, vergewisserte sich, dass wir allein waren, und winkte mich zu sich heran.
»Du stellst Fragen und kommst von weit her«, sagte er. »Es ist gefährlich, Fragen zu stellen, denn der Feind ist nicht weit entfernt. Mir kannst du vertrauen, denn sie haben unsere Götter gestohlen und verlangen von uns, sie zu verleugnen. Dafür sollen wir einen Gott anerkennen, der sehr einsam sein muss, denn er ist ohne Gefährten.«
»Bei uns geschah das, was du schilderst, in gleicher Form, und ich möchte erfahren, woher sie kommen und wer sie sind. Bisher war niemand bereit mir Informationen zu liefern, ob aus Angst oder Unwissenheit, das habe ich nicht erfahren können.«
»Ich bin bis zum großen Wasser gewandert und habe dort eins ihrer gewaltigen Schiffe gesehen. Sie kommen von einer weit entfernten Welt zwischen den Sternen. Noch zwei weitere Schiffe befinden sich am Rande des großen Wassers, und sie rauben und töten, wo immer sie sich befinden.«
»Begehrt denn niemand auf, kein Widerstand erhebt sich gegen diese Bestien?«, fragte ich.
»Hast du es versucht? Ich glaube, nein. Denn sie sind zu mächtig, ihren Waffen sind wir unterlegen, und ein sinnloser Tod ist nicht erstrebenswert. Aber doch formiert sich im Geheimen eine Gruppe, die sich vorbereitet. Nur wenige sind bereit sich zu stellen, denn die Furcht ist groß.«
»Kannst du mich zu ihnen führen?« Diese Frage musste ich stellen, und die Antwort überraschte mich.
»Ich bin einer von ihnen. Doch nun reite weiter, als wäre nichts geschehen. Ein Tagesritt, dann raste und warte, wir werden dich finden.« Er verschwand hinter einer Mauer, und ich stieg von meinem Reittier, um zu tun, als hätte sich ein Gurt gelöst. Denn es näherten sich einige Bewohner des Ortes. Sie grüßten, gingen vorbei, ohne mich weiter zu beachten, und ich blieb allein auf dem Weg zurück. Ich tat weiter unbefangen, stieg nicht wieder auf, sondern folgte dem Weg. Ein neues Gefühl regte sich bei mir, es war die kleine Flamme der Hoffnung.
Die Gruppe dieses Priesters erschien, wie angekündigt und von mir erwartet, am Mittag des nächsten Tages. Wir suchten einen Lagerplatz weit ab vom Weg, sie waren zu dritt, und der Priester befand sich bei ihnen. Ihre Worte waren voller Hass, und sie hatten viele Erklärungen, doch ich fragte:
»Seid ihr Kämpfer, und wie viele seid ihr?«
»Noch sind wir wenige, haben aber den Mut und Willen, aufzubegehren. Zwanzig zählen wir in diesen Tagen, aber wir haben weitere starke Männer, die bereit sind und kommen wollen. Wir sind keine Kämpfer, aber wie schon erwähnt, es fehlt uns nicht an Mut.«
Ich hätte fast laut gelacht bei dieser Aussage.
»Ein Angriff ohne Strategie, ohne Ausbildung und ohne Kampferfahrung, dabei ist jeder Gedanke an einen Erfolg ohne Sinn. Der Kampf wird in Sekunden vorbei sein, und niemand wird davon erfahren. Wir brauchen Lehrer, die uns behilflich sind, um Böses zu verhindern.«
Trotz ihres erwähnten Mutes schauten sie nun etwas bedrückt aus, es war nun mal nicht leicht ein Held zu sein. Ich fuhr fort:
»In meiner Kindheit war ich mit meinem Vater jenseits der großen Wüste. Es war eine lange Reise, aber wir trieben Handel mit den dortigen Bewohnern. Es nennt sich das Goldland, dessen Bedeutung mir nun etwas aussagt. Ich sah den Männern bei Spielen zu, bei denen sie seltsame Kampftechniken anwandten, die mir vollkommen unbekannt waren. Dabei sah ich mit großem Vergnügen zu, doch wir brauchten diese Dinge nicht, denn uns bedrohte niemand, weshalb sollten wir es erlernen? Ob wir die Fremden mit den Stöcken, die dabei verwendet wurden, vertreiben können, bezweifele ich jedoch. Aber was Kampf bedeutet, könnten sie uns lehren.«
Sie diskutierten diesen Vorschlag und hielten es für machbar. Die Verzweiflung sucht einfache Wege, und so gingen wir die ersten Schritte dieses Plans durch. Ich würde hier warten, sie würden alles tun, was nötig war, um sich dann mit mir an diesem Ort erneut zu treffen. Es konnte spät werden, sagten sie, aber ich sollte ausharren und warten, bis sie erschienen. Ich bereitete mir einen Lagerplatz vor, in der Nähe befand sich ein Bach, so konnte ich mich reinigen und auch mein Reittier tränken. Die Nacht verlief ruhig, und der kommende Tag erschien mir lang. Diese ungewisse Warterei zerrte an meinem Gemüt, »wohin wird das führen?«, fragte ich mich. Worauf hatte ich mich eingelassen, mit Fremden, mit denen ich nur den Feind gemeinsam hatte? In einer geringen Höhe zogen Flugboote der Fremden über mich hinweg, doch ich war unter den Bäumen gut getarnt. Die momentane Hilflosigkeit wurde unerträglich, und ich fühlte mich wieder hilflos und verloren. Doch wer denken kann und lernt, erreicht seine Ziele auf vielen Wegen.
Meine Verbündeten trafen spät in der Nacht dieses vergangenen Tages ein. Sie waren also bereit, alles zu wagen. Doch enttäuschend wenige erschienen, achtzehn Männer auf Reittieren, und zwei Lasttiere mit Vorräten begleiteten sie. Eine kleine unausgebildete Armee gegen einen mächtigen Feind präsentierte sich hier in vollkommener Hilflosigkeit.
»Wir mussten vorsichtig sein und konnten niemanden mehr einweihen. Die noch zu uns stehen, sind nicht in der körperlichen Verfassung für die Reise, oder gar für einen Kampf.«
So sprachen sie, doch auch der Priester war nicht dabei. Von nun an waren wir unzertrennlich, denn sie würden mich begleiten müssen. Der Fluss des Lebens bildete einen großen Bogen durch das Land. Wir ritten nicht am Ufer des Flusses zurück, sondern nahmen den geraden Weg durch die Wälder. Damit erreichten wir Schutz vor Entdeckung und sparten an der Zeit.
Wir ritten die Nacht durch, und dann bis zur Mitte des Tages. Auch unter den dichten Kronen der Bäume machte sich die Hitze des Lebenslichts bemerkbar, und so wurden wir gezwungen zur Rast. Genügend Wasser war vorhanden, unsere Tiere waren genügsam und angepasst an diese Welt, so benötigten sie wenig. Die Rast eignete sich für Gespräche, und wir tauschen unser Wissen aus.
»Den Waffen der Fremden haben wir nichts entgegenzusetzen, sie töten schnell und lautlos, nicht nur auf geringe Entfernung.«
»Auch wenn wir sie erbeuten, wie sollten wir sie bedienen?«
»Wenn wir sie in einem Ort erwarten können, erschlagen wir sie und nehmen einen von ihnen als Lehrer.«
»Genau deshalb sind wir aufgebrochen, denn uns fehlt dafür die Erfahrung. Sie werden sich wehren, und sollte nur eins ihrer Boote entkommen, wäre es das Ende, nicht nur von uns wenigen.«
»Doch es ist das, was wir wollen, genau so werden wir handeln, aber nur, sobald wir in der Lage sind so vorzugehen. Bis dahin heißt es viel Geduld bewahren, auf keinen Fall dürfen wir spontan oder überhastet handeln.«
Solche Gespräche fanden ständig statt, waren aber sinnlos, jedoch für den Zusammenhalt der Gruppe ungemein wichtig. Wir erreichten unser Ziel in sehr kurzer Zeit, und meine Begleiter errichteten ein Lager in einiger Entfernung meiner Behausung. Meine Familie hatte mich nicht nach so kurzer Zeit erwartet, und so war die Freude umso größer. Während meiner Abwesenheit war nichts Außergewöhnliches geschehen, und ich ging in den Ort hinunter. Ich sprach mit Leuten, denen ich vertraute, und kontrollierte den Bestand des Goldes. Es war nicht genug, doch immer noch zu viel, ich entnahm deshalb einen dritten Teil und sagte, es müsste reichen.
Die Fremden erschienen am nächsten Tag und waren beim Anblick des wenigen Goldes nicht gerade in freudiger Stimmung, also eilte ich, eine Erklärung abzugeben.
»Ihr Herren, bitte verzeiht, aber es ist alles, was noch übrig ist, die Fundorte sind erschöpft. Wir arbeiten bis spät in der Nacht und haben kaum noch die Kraft uns zu erheben. Unsere Vorräte sind erschöpft und schwinden, weil die Arbeit auf den Feldern eingestellt wurde. Auch fehlt es uns an Personen, weil eure Priester viele mit sich genommen haben. Ich stelle eine Karawane zusammen und ziehe mit ihr hoch zur Quelle des Flusses. Dort wird sich viel Gold finden lassen, so habe ich aus Legenden erfahren. Gebt uns die Erlaubnis, und es wird Gold ohne Verzögerung und noch lange Zeit fließen. Doch tötet niemanden mehr, denn wir sind nur noch wenige und brauchen jeden Helfer, hier im Ort und vor allem auf der Reise.«
Ich hoffte, sie mit meinen Worten überzeugt zu haben, und dass die Gier nach dem Gold ihren Verstand überdeckte. Ihr Verhalten konnte ich nicht deuten, aber ihr Sprecher hob seine Waffe, legte sie auf meine Brust und sagte:
»So höre denn, wir geben dir den Auftrag und wollen für heute gnädig sein. Wir erwarten euch in sechzig Tagen an dieser Stelle mit Gold, welches unsere Erwartungen noch übersteigt. Denke in jedem Moment deines erbärmlichen Lebens daran, falls du uns eine Enttäuschung bereitest, werden wir diesen gesamten Ort mit allem, was darin ist, vernichten. Nichts wird mehr vorhanden sein, es wird aussehen, als ob es ihn nie gegeben hätte, und du wirst am Stamm den Tod finden.«
So sprach er und stieß mich zurück, so heftig, dass ich stürzte. Doch ich erhob mich, verbeugte mich und sagte meinen Dank. Dann waren sie fort, ich atmete tief ein, für mich war es ein erster Sieg. Auf die mir umstehenden Bewohner machte es aber einen anderen Eindruck, denn was ich den Fremden versprochen hatte, versetzte sie in ungläubiges Erstaunen. Ich drehte mich zu ihnen, klatschte in die Hände und rief:
»Sie sind fort, also freut euch. Sie werden wiederkommen, und wir werden sie wie versprochen erwarten, aber Gold werden sie von uns nicht bekommen!«
Doch sie redeten miteinander, und dann auf mich ein.
»Was hast du getan? Sie werden uns alle töten.« Ich hob die Hände.
»Brüder, habt Vertrauen, ich habe einen Plan, und sollte er nicht gelingen, ist der Tod allemal besser als das Leben, das wir zurzeit führen!« Ich spürte die Angst, doch ich glaubte an das, was ich ihnen zurief, denn was bedeutet ein Retter mit Zweifeln an seinem Tun?
Meine engsten Freunde umringten mich, und ich bat sie mit zu meiner Behausung. Hier eröffnete ich ihnen meinen Plan und wie weit er schon erarbeitet war.
»Im nahen Wald warten achtzehn Männer, die mit uns ziehen, um zu lernen, wie man sich mit Erfolg verteidigt, sie sind zu allem bereit. Doch wir sind wenige, es müssen noch zwanzig, aber nicht mehr, gefunden werden, die sich uns anschließen. Es eilt, wir müssen schnellstens aufbrechen, denn die Frist von sechzig Tagen erscheint mir etwas kurz.«
Meine Worte machten Eindruck, und sie versprachen zu handeln. Ich begab mich zu meinen neuen Freunden und berichtete über die Ereignisse in meinem Ort. Sie erstaunten und freuten sich über meinen Erfolg, drängten nun aber auf baldige Weiterreise. Ich versprach, alles zu tun, was in meiner Macht stand, und war kurz nach diesem Treffen wieder im Ort. Meine Freunde hatten sich entschieden und waren eiligst bei den Vorbereitungen. Fünfundzwanzig Männer hatten darauf bestanden, uns zu begleiten. Sechsundvierzig Packtiere standen ebenfalls bereit, sie waren als Entlohnung und Dank für geleistete Dienste vorgesehen, die wir an unserem Zielort erwarteten. Es wurde mit Hilfe und Eile gearbeitet, so war es bald geschafft, und schon am folgenden Morgen setzte sich die Karawane in Bewegung. Der Abschied gestaltete sich zu einem kleinen Fest, und als wir uns auf dem Weg außerhalb des Ortes befanden und der Weg offen vor uns lag, schauten wir nicht mehr zurück. Um nicht durch Verrat in Gefahr zu geraten, galt diese Karawane der angekündigten Suche nach Gold. Wir trafen mit unseren neuen Freunden zusammen, die schon früh am Morgen aufgebrochen waren. Nun zogen wir gemeinsam am Ufer des Flusses entlang, immer flussaufwärts, bis wir uns davon lösten und den Weg in Richtung der Wüste nahmen. Dieser Wechsel sollte unbemerkt geschehen, und der dichte Wald am Fuße des Gebirges bot uns die Möglichkeit. Es war ein mühseliges Vorwärtskommen, und wir verloren Zeit. Aber bald darauf waren wir in besserem Gelände, und es ging ungehinderter voran. Die Packtiere benötigten besondere Beachtung, wir mussten uns ihrer Gangart anpassen, denn sie hatten ihre Eigenart und ließen sich nicht treiben.
Wir erreichten die Ausläufer der Wüste, als das Licht des Lebens am höchsten stand, und machten kurze Rast. Jedes der Tiere wurde getränkt und wurde auf Schäden an den Füßen untersucht. Wir fanden keine Verletzungen, und bald danach brachen wir wieder auf. Es war ein kurzer Aufenthalt und wir zogen weiter, bis es Zeit für eine längere Rast war. Es war spät geworden, und bei uns allen machte sich die Müdigkeit bemerkbar.
Die Wüste ist eine fremde Welt. Ich erinnerte mich an die Stille die geherrscht hatte, als ich meinen Vater bei meiner ersten Reise begleitet hatte. Diese Stille war in mir verblieben, und ich war mit diesen Erinnerungen zu dieser Reise aufgebrochen. Doch die erwartete Stille trat nicht ein, das Schnauben der vielen Tiere und das Schnarchen der Männer waren eine störende Kulisse. Es raubte mir den Schlaf, ich erhob mich und floh über eine der Dünen. Es gibt keine Gefahren in der Wüste, vor denen man sich fürchten müsste, also lag ich dort, schaute empor in die unendliche Weite des Raums mit den wunderschönen Lichtern und fragte mich, von welcher Welt dort draußen wohl unsere Peiniger kämen. Das leise Singen des Sandes drang in mein Herz, und mit einem angenehmen Gefühl des Schwebens schlief ich ein.
Noch vor der Dämmerung brachen wir auf. Am dritten Tag sahen wir in der Ferne die erste Oase auftauchen, diese freudige Nachricht ging hinunter bis zu den Nachfolgenden am Ende der Karawane. Die Freude erfasste alle, denn dort gab es frisches Wasser und auch die Hoffnung auf reife, wohlschmeckende Früchte. Die Erinnerung an den Biss, den ich in eine dieser Früchte vor vielen Jahren getan hatte, tat ihre Wirkung. Der Speichelfluss im Mund war ein gutes Zeichen. Wir näherten uns langsam, der Weg war nicht gerade, mal mussten wir eine hohe Düne umgehen und dann wieder eine Senke durchqueren. Die Oase war nicht groß, aber grün, die Tiere rochen schon aus einiger Entfernung das Wasser und begannen unruhig voranzuziehen. Wir bemühten uns, sie beisammenzuhalten und zu leiten. Es gelang uns, die Wasserstelle fanden die Tiere allein, nur mussten wir auch weiterhin die Kontrolle behalten. Selbst kamen wir nicht so schnell in den Genuss des frischen Wassers, denn als alle Tiere gesättigt waren und sich abseits stellten, war der Rest des Wassers trübe und für uns ungenießbar geworden.
Wir schauten nach Früchten, fanden aber keine, dafür machten wir eine schreckliche Entdeckung. Flüchtig verdeckt von Sand und halb vergraben, fanden sich tote Wesen unserer Art. Sie waren erschlagen worden, und nach dem Anschein, der sich zeigte, vor wenigen Tagen. Es waren ihrer zehn Personen und sie waren ausgeraubt worden, denn wir fanden nichts von Wert bei ihnen. Ich erkannte die Männer, sie waren vor langer Zeit meine Gäste gewesen, noch bevor unsere Feinde erschienen waren. Sie kamen von weit her, suchten Abenteuer und neue Erfahrungen, wie sie mir erklärt hatten. Sie trugen lange Messer und nannten sie Schwerter, sie hatten mir die Handhabung gezeigt und waren darin sehr geschickt. Aber damals hatte ich keinen Bedarf darin gesehen und es vergessen. Sie hatten durch die Wüste gewollt, und immer weiter, bis sie an Grenzen stießen, die unglaublich entfernt lagen. Diese Begegnung lag lange zurück, wo mochten sie sich aufgehalten haben in der vergangenen Zeit? Dass ich sie nun hier leblos im Sand vorfinden sollte, empfand ich als ein Zeichen der Götter. Denn ich hatte mich an diese Männer vor der Abreise erinnert. Die Hoffnung, sie als Verbündete zu gewinnen, war hiermit gestorben. Denn nun lagen sie, auf die ich ebenfalls eine meiner Hoffnungen gesetzt hatte, tot im Sand vor meinen Füßen.
Wir begruben ihre Leiber in ausreichender Tiefe, damit der Wind sie nicht wieder ausgrub, und brachten unseren Göttern ein Opfer, als Dank für den bisherigen Schutz unseres Lebens.
Es hielt uns hier nicht länger, das Wasser war wieder klar und sauber geworden, und es schmeckte köstlich. Wir genossen es in Dankbarkeit und befüllten alle Wasserbeutel neu, denn die nächste Oase befand sich etwa vier Tage entfernt. Die Toten dauerten mich, hatten sie doch trotz ihrer Wehrkraft und Erfahrung den Tod gefunden. Sie mussten arglos gewesen sein, hinterrücks überfallen und wehrlos dem Feind ergeben. Sie hatten Gefahren gekannt und doch verloren. Wir aber in unserer wehrlosen Unschuld standen hilflos einer gewaltigen Macht gegenüber, die nur rohe Gewalt kannte. Die Trauer wich der Wut, die in mir aufstieg, und diese stärkte den Willen zur Gegenwehr. Wir würden unser Ziel erreichen, und Helfer finden, die uns stärkten und lehrten. Wir würden zurückkehren und Verbündete finden, gemeinsam würden wir den Feind dorthin schicken, von wo es keine Rückkehr gab.
Wir kamen gut voran und näherten uns der nächsten Oase. Spuren hatten wir bisher nicht gefunden, die auf die Anwesenheit anderer hätten hinweisen können, aber ich war misstrauisch.
»Die Mörderbande könnte sich in der Oase befinden, wir werden einen Bogen schlagen und uns von der Seite nähern. Sie werden uns arglos empfangen und denken, wir hätten ihre Untat nicht bemerkt. Wir wissen nichts über die Anzahl der Wesen, also tun wir freundlich. Auch müssen wir sicher sein, dass es sich um die Bande handelt. Wir werden es herausfinden, also seid wachsam. Wenn ich sage, wir haben Freunde gefunden, dann muss es geschehen.«
Durch diese Änderung verloren wir einen halben Tag, doch der brachte uns Gewissheit. Es erwarteten uns dreizehn Männer in einfacher Kleidung, sie luden uns an ihr Feuer und zeigten sich gastlich und freundlich. Sie fragten, von wo wir kämen, was unser Ziel wäre, und berichteten von ihren Reisen. Ich sah keine Waffen bei ihnen, und sie bemühten sich um einen harmlosen Eindruck. Wir waren in der Überzahl, wenn sie also Böses mit uns vorhatten, mussten sie wohl die Nacht abwarten. Einige unserer Männer gingen zu den Tieren, und auch ich stand auf mit den Worten, der lange Ritt erfordere etwas Bewegung. Ich hatte auch genug gesehen. An einem der Männer erkannte ich ein Amulett, das nur von unseren toten Freunden stammen konnte, denn ich hatte es ihm überlassen. An einigen ihrer Reittiere erkannte ich das Zaumzeug. Mein Weg führte ziellos durch die Oase, wie zufällig näherte ich mich meinen Männern und nickte ihnen zu. Sie hatten verstanden. Ich ließ mich wieder am Feuer nieder, und auch meine Männer folgten nach kurzer Zeit. Schwatzend und lachend kamen sie näher, verteilten sich und sahen mich an. Der Moment war gekommen, ich sagte mit einer einladenden Geste:
»Last uns feiern, wir haben Freunde gefunden.« Schneller, als das Auge folgen konnte, zogen wir unsere Messer und töteten sie alle im gleichen Augenblick. Sie hatten kaum etwas gespürt, und das Leben war aus ihnen gewichen wie Luft aus unseren Lungen. Die Schnelligkeit und Endgültigkeit dieser Tat überraschte mich, wie konnte so etwas geschehen? Die Götter mussten uns geleitet haben, da war ich mir sicher. Wir empfanden es nicht als böse Tat, und es war auch keine Rache für das, was sie unseren Freunden angetan hatten, sondern wir taten es, um unser eigenes Leben zu schützen. Ich nahm das Amulett an mich, wir durchsuchten die Toten und fanden versteckt unter den Büschen die Schwerter und andere Waffen. Ich erkannte die Schwerter als Eigentum meiner toten Freunde, denn sie trugen Zeichen, die mir bekannt waren.
Meinen Begleitern zeigte ich die Handhabung dieser Schwerter, und wir sahen diesen Fund als eine Bereicherung für unseren späteren Kampf. Wir vergruben die Toten außerhalb der Oase und ruhten in der kommenden Nacht. Es ist nicht leicht, Wesen seiner eigenen Art zu töten, und ich spürte es nun. Ein Gefühl von Unrecht stieg in mir auf, welches nicht wich, und der Schlaf wollte nicht kommen. So erging es wohl auch meinen Gefährten, denn alle waren früh auf und machten sich bereit für die Weiterreise. Schweigsam ging es voran, die Karawane hatte sich vergrößert durch die Reittiere der Bande und deren Beute. Nach fünf Tagen erreichten wir den ersten Ort unseres Ziels, doch wir trafen niemanden an, er war verlassen und nichts regte sich darin. Ich befürchtete gleiche Geschehnisse wie bei unseren Orten, doch fanden sich nicht die Pfähle der Qual.
Mit sechs Männern erreichten wir den nächsten Ort, alles andere hatten wir zurückgelassen. Denn weshalb sollten wir weiterziehen, wenn sich hier niemand mehr befand? Doch dieser Ort war voller Leben, und der Empfang freundlich. Sie reichten uns Wasser und
