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Ein junger Mann, ohne weitere Ausbildung, lustlos und ohne Perspektive für die Zukunft, bekommt eine Biographie, die auch die meine sein könnte. Er gerät in Situationen, die ihn über sich selbst hinauswachsen lassen. Die Zukunft beginnt in diesem selben Augenblick, wir bewegen uns mit der Gegenwart hinein. Unvorhergesehenes geschieht, und wir werden mit Ereignissen konfrontiert, die völlig unerwartet kommen. Ein Volk, das seine Heimat aus Not verlassen musste, gelangt nach vielen Jahren der Suche zur Erde. Die Integration gestaltet sich anfangs etwas schwierig, doch zeigt sie, Fremde können Freunde und eine Bereicherung sein. Der Traum von einer wunderbaren Zukunft, mit fleißigen Robotern, bleibt nur ein Traum. Jedes Wesen träumt seinen eigenen Traum. Der Beginn mag verheißungsvoll sein, doch das Böse schaffen wir uns selbst.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort.
Reisen
Unerwartet
Pflichterfüllung bis zum Untergang
Der Tunnel
Verlorene Träume Teil 1
Verlorene Träume Teil 2
Ein junger Mann, ohne weitere Ausbildung, lustlos und ohne Perspektive für die Zukunft, bekommt eine Biographie, die auch die meine sein könnte. Er gerät in Situationen, die ihn über sich selbst hinauswachsen lassen. Die Zukunft beginnt in diesem selben Augenblick, wir bewegen uns mit der Gegenwart hinein. Unvorhergesehenes geschieht, und wir werden mit Ereignissen konfrontiert, die völlig unerwartet kommen.
Ein Volk, das seine Heimat aus Not verlassen musste, gelangt nach vielen Jahren der Suche zur Erde. Die Integration gestaltet sich anfangs etwas schwierig, doch zeigt sie, Fremde können Freunde und eine Bereicherung sein.
Der Traum von einer wunderbaren Zukunft, mit fleißigen Robotern, bleibt nur ein Traum. Jedes Wesen träumt seinen eigenen Traum. Der Beginn mag verheißungsvoll sein, doch das Böse schaffen wir uns selbst.
Seitdem das Rauchen in den Kneipen verboten ist, war es kaum noch möglich zu atmen, ohne kotzen zu müssen. Wenn das Gedränge auch noch unerträglich wird und die Lautstärke ein Taubheitsgefühl erzeugt, dann wird es Zeit zu gehen. Es sei, der Alkoholspiegel lässt alles ertragen. Ich hatte genug für diesen Abend, besonders, nachdem ich mehrmals unsanft angerempelt wurde. Den Rest meines Bieres ließ ich im Glas und schob mich zum Ausgang durch.
Vor der Tür blieb ich kurz stehen und holte tief Luft, es war ein schöner Abend mit angenehmen Temperaturen. Ich schaute die Straße entlang, es war eine gemütliche Straße, mit Laubbäumen, und dazwischen standen Laternen. Es waren etwas altertümliche Laternen, die aber ein angenehmes Licht abgaben und einen runden Lichtkreis auf den Boden warfen. Der gedämpfte Lärm aus der Kneipe störte die Behaglichkeit nicht, die ich bei diesem Anblick empfand. Eigentlich lag mein Ziel in der anderen Richtung, doch ich wandte mich zur nostalgisch erscheinenden Straße, aus lauter Lebensfreude. Der ätzende Gestank, den ich aus der Kneipe mitgenommen hatte, saß noch in meiner Nase. Aber der würzige Duft der Bäume vertrieb ihn schnell, und auch die frische Luft tat mir gut.
Langsam näherte ich mich dem Bereich dieser Oase, meine Schritte erzeugten ein leichtes Knirschen, das etwas störend klang in der Stille, die mich umgab. Ich schritt bei der ersten Laterne durch den Lichtkreis, dann durch den nächsten. Im dritten Lichtkreis flammte das Licht kurz auf, und ich blieb erschrocken stehen, ohne mich zu bewegen.
»Wer bist du?«, ertönte hinter mir eine Stimme, ich wandte mich um und sah niemand.
»He, ich hab gefragt, wer du bist, ich hab jemand anderen erwartet.«
Die Stimme kam von unten, vor mir stand ein kleiner Mann. Wirklich klein, so etwa 50 bis 60 Zentimeter, in der Hand hielt er einen Gegenstand, ähnlich einer Fernbedienung für Fernsehgeräte. Mein erschrockenes Gesicht sagte ihm wohl mehr als genug. Er hob das Gerät an und drückte auf einen Knopf, das Licht flackerte kurz und die Stimme ertönte hinter mir.
»Sag, was ist los? Du hast hier nichts verloren, also weg mit dir, verschwinde!«
Der kleine Mann stand immer noch da, er hatte doch gerade noch vor mir gestanden, es verwirrte mich, ohne zu antworten, drehte ich mich um und ging schnell davon. Ich schaute noch einmal zurück, aber der kleine Mann war nicht mehr da. Im Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen und es hielt noch auf dem ganzen Heimweg an. Im Lichtkreis hatte ich nicht auf die Umgebung achten können, auch war ich durch das Erscheinen des kleinen Mannes abgelenkt worden. So einen kleinen Mann hatte ich noch nie gesehen, alles kam mir sehr seltsam vor. Diese sinnlosen Gedanken schüttelte ich von mir ab, dachte an etwas anderes, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, und betrat meine Wohnung. Mir wurde wieder übel von dem Kneipengestank, es war die Ausdünstung aus meinen Kleidern und sie war nicht leicht zu vertreiben. Die Kneipe sah mich das letzte Mal, da geh ich nicht wieder rein, war mein Gedanke. Meine Jacke legte ich über eine Stuhllehne und dabei fiel etwas klappernd auf den Boden.
Vor mir lag ein Gerät, das wie eine Fernbedienung aussah und dem Teil glich, welches ich bei dem kleinen Mann gesehen hatte, ich bückte mich danach und hob es auf. Es gehörte mir nicht, wo oder wie kam es in meine Tasche? In der Kneipe muss es mir jemand zugesteckt haben und bei dem Gedränge hatte ich nichts bemerkt. Der erste Impuls war, es einfach in den Müll zu werfen, ich überlegte es mir aber anders und legte es auf dem Tisch ab. Es lohnte nicht, mich weiter damit zu beschäftigen, ich war müde, das Bett war nahe und lockte mich einladend zu sich.
Am anderen Morgen sah ich das Gerät und betrachtete es nun genauer. Es ähnelte tatsächlich einer Fernbedienung, die gleiche Anordnung der Zahlen, nur in etwas fremdartigen Zeichen, die ich nicht deuten konnte. Ganz automatisch drückte ich alle Knöpfe, doch es zeigte sich nichts. Kein Aufleuchten, kein akustisches Geräusch, nichts. Der kleine Mann hatte auf seinem Gerät etwas ausgelöst, und es hatte auch etwas geleuchtet, glaubte ich mich zu erinnern. Die Laterne hatte geflackert, da musste ein Zusammenhang bestehen, vermutete ich. Und so nahm ich mir vor, am Abend wieder dorthin zu gehen. Dieses Vorhaben musste aufgeschoben werden, denn es gab ein Gewitter, und es regnete bis zum anderen Morgen. So bekam ich noch Zeit zum Nachdenken. Beim genaueren Betrachten des Geräts stellte ich fest, Batterien waren anscheinend nicht vorhanden, es musste wohl nur aufgeladen werden. Meine Anschlüsse passten, wie dafür gemacht. Ob ich damit eine Wirkung erzeugte, ließ sich nicht feststellen, und es leuchtete auch nicht auf.
Spät am Abend machte ich mich auf den Weg, die Kneipe beachtete ich nicht, sah nicht einmal hin. Langsam ging ich mit dem Gerät in der Hand unter den Laternen entlang, und als ich bei der dritten in den Lichtschein trat, leuchtete ein Punkt auf. Mein Schritt verhielt, und spontan drückte ich auf eine der Zahlen.
Es flackerte kurz, und als ich aufsah, befand ich mich an einem mir vollkommen fremden Ort. Ein Weg lag vor mir, inmitten grüner Hügel und totaler Einsamkeit, nur Licht und Stille umgaben mich. In einiger Entfernung erkannte ich eine Mauer aus großen grauen Steinen. Langsam ging ich darauf zu. Ein großes Tor aus Metall mit allerlei Verzierungen und Zeichen wurde sichtbar. Als ich leicht dagegen stieß, erklang ein Sirren, ähnlich dem Geräusch, welches ertönt, wenn ein Pfeil die Sehne verlässt. Das Geräusch verklang langsam und ich klopfte nun mutig gegen das Tor. Schneller als erwartet wurde es geöffnet und ein alter Mann schaute heraus. Er lächelte, hob die Hand und sagte:
»Willkommen, du Wanderer von den Sternen, tritt ein und wärme dich.« Ich deutete eine leichte Verbeugung an und trat durch das Tor. Dahinter befand sich ein kleiner Raum mit einer weiteren Tür und einem hellen Licht. Es schien aus den Wänden zu dringen, ich dachte aber nicht weiter darüber nach, denn er fragte:
»Was führt dich her, möchtest du studieren?« Meine Unsicherheit versuchte ich zu verdrängen, denn ich musste erfahren, wo ich mich befand. Er wartete aber keine Antwort ab, sondern sprach gleich weiter:
»Du befindest dich in der Bibliothek des Wissens, des gesamten Wissens der Galaxis und darüber hinaus, was möchtest du denn anderes als studieren, was gibt es noch?«
»Das gesamte Wissen der Galaxis?«
»Und darüber hinaus«, antwortete er. Mit seiner Erklärung war mir wenig geholfen, und ich konnte es nicht glauben.
»Ich komme von der Erde und dieser Ort ist mir fremd. Wenn ich um eine Führung und einige Informationen bitten darf? Man hat mich reisen lassen ohne Ziel und Sinn. Entschuldige bitte, wenn ich gerade zur unpassenden Zeit komme, dann werde ich mich wieder entfernen.« Er sah mich an und schüttelte den Kopf.
»Von der Erde also, von dort war noch niemand hier. Wir besitzen aber alles, was auf der Erde jemals gedacht wurde, und nichts wird vergessen.« Ich fragte:
»Wie kommt es, dass du meine Sprache sprichst, wo doch noch niemand von der Erde hier war. Wir haben so unendlich viele Sprachen, also weshalb ausgerechnet meine?« Er lächelte:
»Ich spreche alle Sprachen, wie könnte ich sonst hier Archivar sein?« Er öffnete eine weitere Tür und hob einladend die Hand:
»Also komm, du Mensch von der Erde, sei denn bereit für die Führung.«
Ohne zu zögern folgte ich ihm, fragte mich aber, worauf ich mich hier einlasse und was mich hier wohl erwartete. Vor mir zeigte sich ein Gang und er schien endlos zu sein, weit, weit entfernt verschwand die Sicht in einem feinen Dunst. Das Licht war auch hier präsent, ohne dass ich erkennen konnte, woher es kam. Hinter dem Eingang standen kleine Fahrzeuge, benutzbar für eine Person, sie ließen sich leicht bedienen und steuern. Sie waren total lautlos, und mein Gastgeber hielt sich neben mir, sodass eine Unterhaltung möglich war. An beiden Seiten des langen Ganges zogen sich Regale entlang, alle waren sie voller Bücher, ohne eine einzige Lücke. Links und rechts gingen Gänge ab, die endlos erschienen und im leichten Dunst verschwanden. Bücher über Bücher sah ich und alles in diesem seltsamen Licht. So ging die Fahrt weiter und weiter, wahrscheinlich schon einige Kilometer, die wir zurückgelegt hatten, bis wir zu einem runden Saal gelangten. Da befanden sich mehrere Tische und Stühle und am Rande einige Sessel mit seitlichen Ablagemöglichkeiten für Bücher. Es wirkte irgendwie gemütlich. Wir hielten uns aber nicht auf, sondern fuhren weiter durch einen abzweigenden Gang. Bis sich wieder ein Saal vor uns auftat. Hier werde ich nie wieder hinauskommen, dachte ich, doch nun hatten wir eines der möglichen Ziele erreicht und stiegen von den Fahrzeugen.
»Das ist der Saal der Erde, sieh dich um und staune.« Ich staunte nicht wenig. Das sollte also das ganze Wissen der Menschheit sein?
»Von hier und dort entlang und immer weiter, weiter als du sehen kannst. Das gesamte Wissen der Menschheit.« Mein Begleiter hob den Arm und zeigte in alle Richtungen.
Mein Schweigen dauerte einen Moment, denn es fehlten mir die richtigen Worte, und mein Mund war die Wüste selbst. Mein Räuspern klang gedämpft, ich fragte dann aber:
»Wie groß ist das Gebäude für alle diese Bücher?«
»Das weiß niemand«, war die Antwort.
»Wer hat es erbaut?«
»Das weiß auch niemand.«
»Wer liest all diese Bücher?«, wollte ich nun wissen.
»Die liest niemand.« Diese Antwort erstaunte mich doch sehr.
»Aber weshalb dann dieser große Aufwand, wenn es nicht gelesen wird? Die Pflege allein und es gibt doch Register und weshalb nun Bücher? Es gibt andere Möglichkeiten zur Sammlung und Speicherung.«
»Alles ist vergänglich, Bücher sind die Denkmäler des schaffenden Geistes. Halte ein Buch in der Hand, und du findest darin die Gedanken eines anderen Wesens. Eine zu Materie gewordene Illusion wird Wirklichkeit. Schau an den Regalen entlang, sieh auf die Rücken der Bücher, und du ahnst Wunderbares. Eine Illusion nimmt Gestalt an, sie tritt in deinen Geist und wird lebendig. So wie ein Wunder, so wie Wunder Illusionen sind, so wie so vieles andere auch. Ein kluger Mann von der Erde sagte einmal ›Ich weiß, dass ich nichts weiß› und er lernte und suchte, und je mehr er suchte, umso mehr Fragen blieben offen. Wenn er noch tausend Jahre hätte, er wüsste immer noch nicht alles. Auch in diesen Mauern befindet sich nur ein Bruchteil allen Wissens, und wenn wir noch Milliarden Zeiten weitermachen, es wird immer noch viel zu fragen sein.« Ich hörte zu und verstand nichts mehr.
»Ich weiß, dass es auf der Erde große Bibliotheken gibt, aber der Umfang dieser Sammlung übertrifft doch alles Mögliche.« Er schüttelte den Kopf und gab mir die Antwort:
»Bedenke, hier befindet sich alles bisher Geschriebene, auf der Erde wurde vieles aus reiner Ignoranz und Unwissenheit zerstört, doch hier befindet sich alles sicher verwahrt für ewige Zeiten. Möchtest du mehr?«
Die Frage kam wie durch Watte bei mir an, und ich schüttelte den Kopf.
»Wissen ist Macht«, hörte ich seine Worte. »Aber Macht ist eine Illusion, sieh die Menschen auf der Erde an, die wenigen Menschen, die Macht hatten. Sie alle haben sie falsch genutzt, sind vergangen und haben nichts Gutes hinterlassen. Das wahre Wissen aber ist unvergänglich und durch nichts zu ersetzen.«
Es war beeindruckend, aber ich wollte doch noch eine Frage beantwortet haben.
»Die Größe dieser Anlage scheint mir gewaltig. Wenn hier alles Wissen der Galaxis und darüber hinaus gesammelt und verwahrt wird, wie viele Intelligenzen gibt es dann?«
»Du denkst in den Maßstäben deiner Welt. Das Wissen hier kommt von allen Zeiten und Dimensionen an diesen Ort. Der wahre Beginn der Schöpfung liegt so weit zurück, dass selbst ich, der hier über alles wacht, bisher keinen Nachweis gefunden habe. Deine Galaxis ist noch sehr jung, sie entstand aus den Resten einer viel größeren. Kleinere Reste verschwanden in den anliegenden Dimensionen, und alles begann von vorn. So wird es weitergehen bis in unendliche Zeiten. Dieser Ort ist unvergänglich, und wir befinden uns im Zentrum allen Geschehens. Nimm ein Buch heraus, und du wirst sehen.«
Ich trat an eines der Regale und griff zu einem Buch. Es glitt ohne mein Zutun in meine geöffnete Hand, und ich trug es zu einem Tisch. Meine Finger teilten die Seiten, schlugen sie einfach auf, ohne feste Absicht, ich sah hinein und war gefangen. Eine Welt öffnete sich, tat sich vor mir auf, und ich befand mich in einer Welt aus Fantasie, die mich meine Umgebung vergessen ließ. Doch ich wurde herausgerissen, so plötzlich, dass mir schwindelte.
»Das darfst du nicht, du bist geschwächt durch den kleinen Schritt, der dich hierhergeführt hat, du könntest sterben. Es wird Zeit, sich zu verabschieden, ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem weiteren Weg. Wenn dir der Wunsch zum Studieren kommt, bist du jederzeit willkommen. Nun eile und lebe wohl.«
Dank wollte ich sagen, für die Führung und Belehrung, doch die Stimme versagte mir. Der Dunst in den Gängen verdichtete sich und kam auf mich zu, mehr und mehr, bis alles verschwamm und verschwand. Als meine Augen wieder helles Licht bemerkten, stand ich auf dem Weg zwischen den grünen Hügeln. Von einer Mauer war nichts zu erkennen, auch nachdem ich auf einen der Hügel stieg und einen weiten Überblick hatte, war alles eine grüne Landschaft bis zum Horizont und ich war allein.
Das Gerät spürte ich in meiner Hand, drückte auf den mir bekannten Knopf und fand mich unter der Laterne wieder. Es war dunkel und tiefe Nacht, auch war niemand in der Nähe. Auf dem Weg zu meiner Wohnung verspürte ich eine seltsame Mattigkeit. Ich schloss das Gerät noch an die Ladestation und fiel ins Bett, Hunger und Durst ignorierend. Mein Kopf war schwer, als ich erwachte, und es war schwierig, auf die Beine zu kommen. Auch war es noch sehr früh, zu früh, um aufzustehen. Durst quälte mich, ich trank Wasser und aß, was sich im Kühlschrank befand. Es war wenig, aber es musste reichen. Danach fiel ich wieder ins Bett, um kurz vor Mittag aufzuwachen. Drei Gläser Wasser stillten meinen Durst, und ich eilte zum Supermarkt. Mit einiger Hast ergriff ich alles, was ich für richtig hielt, immer noch zu wenig im Vergleich zu meinem Hungergefühl. Im Haus spielte sich dann eine Fressorgie ab, und danach ging ich wieder ins Bett. Der Wunsch nach Schlaf war übermächtig, und kurz vor dem Einschlafen ging mir der Gedanke durch den Kopf: ›Was ist geschehen, habe ich mir einen Virus eingefangen?‹ Anscheinend aber nicht, zwar war ich die nächsten Tage noch etwas schlapp, doch nach einer Woche waren meine Kräfte zurückgekehrt, und ich war wieder voller Tatendrang.
Der Besuch in der großen Bibliothek hatte mein Leben nicht beeinflusst, ich dachte schon nicht mal mehr daran. Weit entfernt war es, wie die Erinnerung an einen Traum. Nachdem ich meinte, ich hätte mich genug erholt, stand ich eines Abends wieder unter der Laterne. Die Neugier hatte mich dazu getrieben. Die Zahlen hatte ich mir notiert und gemerkt, die ich bisher gedrückt hatte, und wählte eine der folgenden.
Dann stand ich im hellen Nebel oder Dunst, auf einem Weg zwischen Felsen und Geröll. An meine Ohren drang ein helles, klingendes Geräusch, ähnlich Hammerschlägen auf einem Amboss. Es war laut und heftig, und blitzende Lichter sah ich über den Felsen im Klang der Schläge. Der Weg führte um einen der Felsen herum und erreichte einen freien Platz. Zu meiner Überraschung sah ich zwei Ritter vor mir, in voller Rüstung und mit Schwertern auf sich einschlagend. Sie kämpften mit vollem Einsatz und gewillt, den Gegner zu schlagen und niederzustrecken. Wie mir schien, waren sie sich ebenbürtig und keiner wich zurück. Mir blieb nichts anderes, als stehen zu bleiben und zu schauen, bis plötzlich ein lauter Gongschlag ertönte. Die Ritter hielten ein und entfernten sich voneinander, setzten sich auf einen gegenüberliegenden Felsen, wo sie seitwärts griffen, eine Tasche hervorholten und zu vespern begannen. Ohne Scheu näherte ich mich einem der nächstsitzenden Ritter.
»Gegrüßet seid Ihr, edler Ritter. Ich hoffe, ich störe Euch nicht.« Mir kam diese Sache höchst seltsam vor und deshalb bediente ich mich dieser Sprache, die ich aus einem Film kannte. Doch er antwortete ernsthaft in der gleichen Art:
»Auch Euch einen Gruß, seid willkommen, Wanderer, Ihr seid weit gereist. Ihr müsst müde sein, also setzt Euch zu mir.« Ich tat es und fragte:
»Auch Ihr müsst müde sein, nach diesem harten Kampf, erlaubt mir die Frage, weshalb kämpft Ihr so heftig miteinander?«
Er nagte gerade an einer Gänsekeule, nahm einen Schluck aus seinem Krug, kaute und schluckte, um dann zu antworten.
»Wir sind die Ritter ›Vom Puls der Zeit‹ und es ist unsere Bestimmung, zu kämpfen.«
›Ich glaub, ich spinne‹, fiel mir diese Redensart spontan dazu ein.
»Es ist also Eure Bestimmung, doch es muss einen Grund geben, man kämpft nicht ohne Grund.« Er antwortete:
»Den hat man uns nicht genannt, wir kämpfen um des Kampfes willen, bis einer fällt. So ist es bestimmt.« Auf der Erde gab es viele Sportarten und da wurde auch gekämpft, bis einer fiel. Sie hatten aber einen Grund, sie taten es freiwillig und um des Geldes wegen. Es wurde dabei oft auch gekämpft, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit oder die des Gegners. Ich gab nicht auf:
»Ist es Euer Feind, gegen den Ihr kämpft?« Er schüttelte den Kopf.
»Im Gegenteil, er ist mein Freund, und wir kennen uns seit vielen Jahren.« Nun war es an mir, den Kopf zu schütteln.
»Das ist doch der reinste Wahnsinn, weshalb wollt ihr euch gegenseitig töten? Ihr seid Freunde, wie Ihr eben sagtet, haltet ein und vertragt euch.«
Der Ritter sprang nach diesen Worten auf und griff zu seinem Schwert.
»Ich sagte Euch, es ist unsere Bestimmung, wir kämpfen um des Kampfes willen seit unzähligen Zeiten und hören auf, wenn einer fällt. Was dann geschieht, ist nicht unsere Sache, darauf haben wir keinen Einfluss. Zweifelt Ihr an meinen Worten, bezichtigt Ihr mich der Lüge? So fordere ich Euch auf der Stelle heraus.«
Er fasste sein Schwert fester, ich hob beschwichtigend die Hand, wollte mich entschuldigen, doch da ertönte ein Gong. Der Ritter drehte sich auf der Stelle herum und stürmte mit hocherhobenem Schwert auf seinen Gegner los. Die Schwerter krachten mit lautem Klingen aufeinander, sodass die Funken flogen, und ich machte, dass ich fortkam.
Unter der Laterne angekommen, dröhnten mir noch immer die Ohren von den lauten Schlägen. Auf dem Heimweg bekam ich wieder weiche Knie, ich war wohl doch noch nicht so fit, wie ich meinte zu sein. Ein paar Tage Erholung sollten mir guttun. Das gerade Erlebte war doch der totale Schwachsinn, so etwas konnte es nicht geben. Ritter, die sich schlugen, in der heutigen Zeit, wenn ich das jemand erzählte, würden sie mich in eine Anstalt einweisen, und zwar für immer. Ich dachte daran, dass Bücher Illusion sein sollten, und die Ritter hätten vielleicht eine Aufgabe von großer Bedeutung, und alles hätte einen Sinn, den ich nur nicht verstand. Es gab so vieles in der Welt, was sinnlos erschien und viel später, wenn alles vergessen war, doch einen Sinn ergab. Es machte das Leben interessant, doch Hunger und Durst lenkten mich vorerst von weiteren Überlegungen ab, auch mein Bett wartete. Meine Erschöpfung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Nicht mehr denken. Einfach nicht mehr denken, einfach nur noch schlafen.
Diese Müdigkeit und Erschöpfung, die ich seit Kurzem verspürte, musste einen Grund haben. Wenn ich die Reise antrat, befand ich mich anscheinend kurz darauf an einem weit entfernten Ort. So musste es sein. Wo der sich befand und wie weit entfernt, davon hatte ich bisher keine Vorstellung. Der Weg dorthin verbrauchte irgendeine Art von Energie, woher sie bezogen wurde, war mir nicht klar. Darüber hatte ich nicht nachgedacht, es sollte aber angebracht sein. Das Gerät war anscheinend mit Energie geladen, es reichte für den Transport über die Schwelle und das Betreten der anderen Welt. Dabei verbrauchte ich ebenfalls Kraft, deshalb die Erschöpfung. Ich werde mich zurückhalten müssen und einige Zeit verstreichen lassen bis zu einem erneuten Versuch. Das Leben genoss ich auf meine Art, aber es hatte sich verändert. Museen und Bibliotheken besuchte ich seit einigen Tagen, was ich in der Vergangenheit gemieden hatte. Auch trat ich einem Fitnessclub bei, um meine Kondition zu stärken, und es tat mir wider Erwarten gut. Meine finanzielle Lage konnte sich nicht vermögend nennen, dabei war ich auch seit Langem arbeitslos und lebte ausschließlich von staatlicher Unterstützung. Da ich keine großen Ansprüche hatte, kam ich ganz gut zurecht. Zeit hatte ich mehr als genug und deshalb angefangen, ein Tagebuch zu schreiben, wo ich versuchte, meine Erlebnisse in verständlicher Form wiederzugeben.
Nach nun fast zwei Monaten, war ich wieder bereit für ein neues Abenteuer. Vorsichtshalber steckte ich mir einige Schokoriegel ein, sollte mein Aufenthalt von längerer Dauer sein, war mein Überleben gesichert. Die Laterne stand, wie erwartet, beleuchtet in der stillen Straße, und ich befand mich gleich darauf in einer blühenden Landschaft. Wie ein wunderschöner Frühlingstag, so schien es mir. Die Sonne brachte die Blumen zum Leuchten, und so weit mein Auge reichte, gab es nur diese blühende Pracht. Die Gerüche waren unbeschreiblich, ich hatte ein Paradies betreten. So etwas Herrliches hatte ich noch nie gesehen.
Aus einer Richtung kam ein zwitscherndes Geräusch an mein Ohr, ich erkannte aber keine Vögel in der Nähe. Inmitten der Blumen war ich gelandet, vorsichtig trat ich auf den schmalen Pfad, der sich vor mir befand. Das Geräusch näherte sich, und ich ging ihm entgegen. Bei der nächsten Biegung des Weges blieb ich erschrocken stehen, eine Gruppe Menschen näherte sich mir und verharrte ebenfalls. Wohl ebenso überrascht wie ich. Mein erster Eindruck war, sie wären noch weiter entfernt, doch das war eine optische Täuschung, sie befanden sich direkt vor mir. Das müssen Liliputaner sein, war mein erster Gedanke, denn sie waren putzig klein. Bin ich in Liliput gelandet? Stille, dann ein jubelnder Aufschrei.
»Ein Erdling, seht nur, ein Erdling, willkommen, willkommen, Erdling.«
Das Zwitschern, welches ich vernommen hatte bei meiner Ankunft, verstärkte sich, der Ursprung war nun klar erkennbar. Es waren etwa dreißig Personen, und, wie ich erkennen konnte, zwischen ihnen befanden sich sehr kleine Gestalten. Aber der größte Anteil dieser Gruppe hatte etwa 50 bis 60 Zentimeter Höhe. Es handelte sich eindeutig um Menschen, nur viel kleiner, und die noch kleineren waren anscheinend ihre Kinder. Diese verkrochen sich ängstlich hinter den Erwachsenen, wenn man sie so nennen konnte, und schauten zu mir empor. Um nicht allzu riesig zu erscheinen, ging ich auf die Knie, um in etwa Augenhöhe mit ihnen zu kommen. Es waren nur Sekunden vergangen, doch nun schwiegen sie. Ich machte ein freundliches Gesicht und sagte:
»Ich danke für die Begrüßung, ihr seid nicht überrascht, wie ich bemerke. Ganz im Gegensatz zu mir, ihr kennt meine Sprache und wisst, woher ich komme. Doch wer seid ihr?«
Eine der Personen trat vor, eindeutig ein Mann, und ich vernahm überraschend eine kräftige und dunkle Stimme, die ich bei seiner Größe nicht erwartet hatte.
»Wir sind zwar überrascht, dich hier zu sehen, aber wir kennen die Erde genau. Ich selbst war dort viele Jahre und bin gespannt auf deine Erzählungen. Begleite uns zu unserem Dorf, du bist nun unser Gast.«
Alle machten auf der Stelle kehrt, und ich sollte ihnen folgen. Die zwitschernden Laute stammten wohl von den Kindern und einigen der Frauen. Sie gingen vor mir und sangen wieder, diese Lieder verschmolzen mit dieser wunderschönen Umgebung zu einer einzigartigen Harmonie. Meine anfängliche Befangenheit verging, und ich spürte, wie sich mein Herz öffnete und mir Tränen in die Augen traten.
Das Dorf konnte ich nicht betreten, es war zu eng für meine riesige Gestalt. Mit meiner Größe von 186 Zentimetern war ich immerhin dreimal so groß wie sie. Auf einer Wiese, gleich neben dem Dorf, ließ ich mich nieder, das war allen recht. Einige eilten davon und kamen mit kleinen Erfrischungen zurück, andere reichten mir Früchte. Auf der Erde gab es auch kleinwüchsige Menschen, und das erscheint uns normal. Hier war nur die große Ansammlung auf den ersten Blick ungewöhnlich, doch es war für mich schon keine Besonderheit mehr. Sie holten Stühle und Bänke herbei und ließen sich mir gegenüber nieder. Ich kam mir nun nicht mehr so außergewöhnlich riesig vor und freute mich auf Gespräche, die keine Fragen offenließen. Der Mann, der anfangs mit mir gesprochen hatte, schaute mich an und begann.
»Du scheinst nicht zu wissen, wer wir sind und wo du dich befindest, deshalb halte ich es für richtig, dir einiges zu erzählen, damit eine Basis entsteht und du Vertrauen bekommst. Wir besaßen vor vielen Jahren noch Raumschiffe, um zu anderen Planeten zu fliegen. Ich bin mit meiner Crew vor langer Zeit mit einem dieser Schiffe auf der Erde gestrandet, ein wichtiges Mineral war uns ausgegangen und dann brauchten wir lange Jahre, um die erforderliche Menge für eine Weiterreise zu sammeln. In dieser langen Zeit machten wir uns bei den Menschen nützlich, ohne uns zu zeigen. Aber Ergebnisse sprachen für sich, und Vermutungen führten zu Spekulationen. Da aber einige von uns auch allerlei Schabernack mit tumben Personen trieben, hielten sie uns für böse Geister. Versuche, die es gab, uns zu fangen, hatten keinen Erfolg, bis wir uns bald darauf zurückzogen und zu Märchengestalten wurden. Die Menschen nannten uns Trolle und fertigten Fantasiefiguren an, die uns aber keineswegs ähnlich sahen. Vor ein paar Jahren konnten wir die Erde verlassen und landeten sicher auf unserer Heimatwelt. Hier hatte sich vieles verändert in unserer langen Abwesenheit. Es werden keine Raumschiffe mehr gebaut, wir haben die Raumfahrt aufgegeben. Aber auch den Stepp benutzen wir nicht mehr nach den vielen negativen Erlebnissen, die da auf uns zukamen. Aber nun erzähle du. Du bist durch den Stepp zu uns gekommen, hat sich die Erde denn so schnell verändert?«
Durch die Erzählung war ich seltsam angerührt. Plötzlich saß ich Märchengestalten gegenüber, es fehlte nur noch Schneewittchen. Ich erwähnte den Besuch in der Kneipe und wie ich dann zu meiner Überraschung das Gerät in der Jacke gefunden hatte. Es musste mir jemand zugesteckt haben, ohne dass ich es bemerkte. Danach von der Laterne und dem kleinen Mann. Er unterbrach mich.
»Der Mann ist mir bekannt, er gehörte einst zu meiner Crew. Er ist auf Abwege geraten, mit noch drei meiner Leute. Was sie bezwecken, ist mir ein Rätsel, vor allem auf der Erde. Hüte dich vor ihm, er könnte Böses im Schilde führen gegen dich, da er nicht weiß, woher du den Stepp hast und er sich verfolgt fühlt. Aber erzähle weiter.« Ich fuhr fort, verschwieg aber die Besuche an den vorherigen Orten.
»Auf der Erde hat sich nichts verändert, es gibt brutale Kriege in verschiedenen Ländern ohne einen wahren Sinn. Bombenanschläge, Selbstmordattentäter fast täglich, und sie reißen viele Menschen mit in den Tod. Die Angst greift um sich, überall auf der Welt. Ich kann es nicht verstehen, weil ich der Generation angehöre, die Kriege zwar nicht im eigenen Leben erlebt, aber immer daran geglaubt hatte, in eine friedliche Zukunft zu gehen. Zurzeit sehe ich es als einen Rückschritt der Zivilisation an, aber niemand hilft uns.« Ich schwieg, mein Gegenüber sah mich an.
»So schlimm steht es also, aber Außenstehende werden nicht helfen, die Menschheit ist groß genug, sich gegen Gewalt zu wehren und auch dazu fähig. Sie sollte sich nur einig sein, daran fehlte es schon immer. Alle Männer, die in ihrem Wahn die Weltherrschaft anstrebten, sind gescheitert und ließen eine Welt in Trümmern zurück. Das sollte doch jedem klar sein, der die Vergangenheit beachtet und versteht.«
Wir schwiegen beide, und ich ließ diese Worte noch einmal passieren. Das Licht wurde schwächer und mein Gegenüber und alle anderen standen auf.
»Es ist Zeit für die Nachtruhe, bleibe unser Gast, für Nahrung ist gesorgt, und der morgige Tag wird willkommen sein.«
Sie brachten mir eine Decke, die aus einigen anderen Teilen zusammengefügt war, und wünschten mir eine gute Nacht. Unter freiem Himmel zu schlafen war mir fremd, aber ich hatte keine Mühe mit dem Einschlafen und wurde wach durch ein Rütteln an meiner Schulter. Es war überraschend heller Sonnenschein, langsam erhob ich mich zu sitzender Haltung. Vor mir waren Nahrungsmittel aufgebaut, die äußerst einladend aussahen, und ich griff auch hungrig zu. Doch zur endgültigen Sättigung verzehrte ich einen meiner Schokoriegel. Um meine Blase zu erleichtern, wiesen sie mir einen weiter entfernten Ort zu. Nun war die Zeit gekommen für weitere Gespräche. Es ging los mit dem Gerät, das sie den Stepp nannten, angelehnt war die Bezeichnung sozusagen als kleiner Schritt gemeint. Es folgte eine regelrechte Schulung.
»Du hast das Teil benutzt, ohne zu wissen, was du tust. Aber dem Unwissenden steht meist das Glück zur Seite. Es geht um Leib und Leben bei einer falschen Handhabung. Du hast es zu schnell in Folge benutzt, deshalb deine ständige Erschöpfung. Zum Glück für dich, du hast die Zeit genutzt und dich immer wieder gut erholt. Das Aufladen des Geräts kannst du dir sparen, der Anschluss passt nur zufällig, die beiden Spitzen sind Antennen zur Aufnahme der kosmischen Energie. Die größte Energiemenge bezieht das Gerät aber beim Schritt aus dir selbst. Dabei alterst du bei jedem Schritt um viele Tage deines Lebens, es ist also größte Vorsicht geboten. Mehrere Monate deiner Welt sind nötig zur Regenerierung, um Schaden für dich selbst abzuwenden.«
Darauf folgte noch die Erklärung der verschiedenen Knöpfe, auch wie sie in Kombination zueinander standen. Ungeahnte Möglichkeiten boten sich mir, aber ich sah auch die Folgen einer falschen Anwendung. Die Ermahnung, ich solle das Gerät nicht ständig am Körper tragen, wegen des Energieverlustes, nahm ich besonders ernst.
»Und halte das Gerät unter Verschluss, lasse es niemals frei herumliegen, lasse nicht zu, dass ein anderer es je berührt. Dann wechselt es den Besitzer, und du hast es für alle Zeiten verloren.«
Er gab mir ein Futteral für das Gerät, es sollte mich vor dem Energieentzug schützen. Eine Führung durch sein Land schlug er vor, und das letzte Raumschiff, das noch vom Flug zur Erde stammte, wollte er mir zeigen. Nach einer längeren Wanderung durch eine herrliche Landschaft standen wir bald davor. Es war in einer Berghöhle untergebracht, überraschend groß und seltsam geformt. Mit der Besatzung von neunundvierzig Personen war es vor langer Zeit im All unterwegs gewesen, um dann auf der Erde zu stranden.
»Es kam überraschend, es fehlte uns nur eine geringe Menge eines Minerals, aber ein Weiterflug war unmöglich. Auf der Erde war dieses Material vorhanden wie auf vielen Planeten, aber nur in geringen Mengen, und das Auffinden macht große Mühe. Uns war bewusst, die Suche könnte lange Zeit dauern, aber sie übertraf dann alle Erwartungen. Die Bewohner dieses Planeten waren noch nicht so weit, dass wir um Hilfe bitten konnten. Wir sandten Gruppen zu sieben Personen aus und machten uns auf die Suche. Wir arbeiteten an verschiedenen Orten des Kontinents im Norden. Die Suche dauerte an und war teilweise ergebnislos, so verging die Zeit. Wie ich schon erwähnte, hatten einige Menschen uns entdeckt und wir zogen uns daraufhin zurück. Eine unserer Suchtruppen befand sich in der Mitte des Kontinents und bekam eines Tages den Besuch einer angeblichen Königstochter. Sie war auf der Flucht vor ihrer Stiefmutter, die sie töten wollte, aus einfachen und niederen Motiven. Wir nahmen sie auf, doch dann fanden wir sie eines Tages wie leblos auf dem Boden liegen. Sie hatte sich an einem Stück eines Apfels verschluckt, wir retteten sie und brachten sie zu einer weiter entfernten Burg.«
Ich dachte bei mir - also doch, Schneewittchen und die sieben Zwerge sind damit auch erklärt. Er fuhr fort:
»Wir waren auf einer kleinen Insel gelandet und dort blieben wir, hier fand sich die Menge von Mineralien, die wir benötigten. Kurz vor unserem Abflug retteten wir noch einem jungen Mann das Leben, der zu uns in die Höhlen gestürzt war.«
Wir gingen zurück, ich war voller Begeisterung von dieser Umwelt und sagte es auch. Im totalen Überschwang ließ ich mich hinreißen und sprach vom Paradies. Doch er sagte:
»Vertraue deinem Gefühl, aber nicht den Augen. Nicht alles, was du siehst, ist real, du siehst die grünen Hügel, die Blumen und riechst ihren betörenden Duft. Aber dieser Planet sieht anders aus, er ist felsig und kahl, er ist auch nicht unsere ursprüngliche Heimat. Das, was du hier siehst, ist unserer Heimat nachempfunden, wir leben hier unter einer großen Kuppel, die uns aber alles bietet, was wir benötigen.«
Es war kaum zu glauben, doch es musste wohl so sein, ich zweifelte nicht an seinen Worten. Nun war auch Zeit zum Aufbruch, sie geleiteten mich wieder mit Gesang ein Stück des Wegs vom Dorf und verabschiedeten sich von mir wie von einem guten Freund.
Der Abschied tat mir weh, gern wäre ich noch geblieben, aber die Laterne hatte mich schon empfangen. Meine Erschöpfung hielt sich in Grenzen, ich fühlte mich gut und besser als erwartet. Die kleinen Leute hatten gut für mich gesorgt. Den Rest meiner Schokoriegel hatte ich ihnen überlassen, es war etwas vollkommen Neues für sie, sogar von der Verpackung waren sie begeistert. Bei mir hatten sie den Eindruck hinterlassen, sie führten ein glückliches und zufriedenes Leben, ich beneidete sie und liebte sie.
Mein Leben verlief nun wie seit Jahren, ereignislos und ohne wirkliche Perspektive, auf der Erde weiter. Ich hatte mir alles gemerkt über die Funktionen des Stepp, notierte alles genauestens und schrieb weiter an meinem Tagebuch. Meine Gedanken drehten sich um das Gespräch über die Vergangenheit der Erde und dass uns niemand half unsere wahre Bestimmung zu erkennen. Einigkeit und Recht und Freiheit, stolze Worte, aber ein ewiger Kampf. Gleichheit, Brüderlichkeit, liebe deine Feinde, bei den Zuständen und Scheußlichkeiten, die überall herrschten, nicht gerade einfach zu ertragen. Doch was regte ich mich auf, ich bin nur ein arbeitsloser Schmarotzer der Gesellschaft, der seit Neuestem in der Galaxis herumreiste.
Es sollte auch weiterhin meine Aufgabe sein, nur müsste ich die Wartezeit zum nächsten Schritt eleganter überbrücken. Mein Fitnesstraining behielt ich weiter bei, zusätzlich besorgte ich mir ein altes Fahrrad. Ich dachte weiter über die Zustände, die auf der Erde herrschten, nach und war mit meinen Gedanken bei denen, die leiden mussten. Im Grunde war ich sehr einsam, denn ich hielt mich von vielen Menschen fern. Der Fitnessclub lenkte mich ab, aber beginnende Freundschaften ließ ich nicht zu mir heran. Weder ein Radio noch ein Fernsehgerät besaß ich, aber an Büchern mangelte es nicht, denn ich sammelte seit Neuestem, was ich bekommen konnte. Je mehr ich las, umso neugieriger wurde ich auf das nächste Buch. Dabei dachte ich immer zurück an meinen Besuch in der kosmischen Bibliothek und fühlte mich sehr klein.
Vor einer erneuten Reise hatte ich keine Angst, obgleich ich gewarnt wurde und schnell reagieren sollte, falls Gefahr drohte. Fast zwei Monate waren nun vergangen, ich bereitete mich mental vor und, mit Energieriegeln gerüstet, tat ich den Schritt ins Ungewisse. Der Nebel, der mich einhüllte, nahm mir die Sicht und Orientierung. Still und bewegungslos stand ich da und versuchte etwas zu erkennen. Doch der Nebel verschwand wie ein zurückgezogener Vorhang, und ein großer Mann stand vor mir. Ein wirklich großer Mann, ein Riese, um wohl fast einen Meter überragte er mich. Er trug ein langes, ärmelloses Gewand, nackte muskelbepackte Arme zeigten sich, und er besaß weder Bart noch Kopfhaar. Erschrocken trat ich zurück, er aber sagte in meiner Sprache und mit angenehmer Stimme:
»Willkommen, du Mensch von der Erde, fürchte dich nicht, es droht dir keine Gefahr.«
Weshalb sprechen alle meine Sprache?, fragte ich mich verwundert und antwortete:
»Danke für deinen Willkommensgruß, ich bin nur ein Besucher, der niemanden belästigen und niemandem schaden will. Ich bin auf der Suche nach Information und Wissen.«
Der Nebel hatte sich vollkommen verzogen, in der Ferne sah ich eine große, hell glitzernde Fläche und in der Nähe kleinere Seen und Teiche.
»Ich bin der Hüter der Seelen«, sagte er und deutete dann in alle Richtungen. »Was du hier siehst, ist kein Wasser, es sind die Ansammlungen aller Seelen von verstorbenen Wesen jeglicher Art.«
Ich riss die Augen auf.
»Bist du Gott, ist das der Himmel?« Ich musste wegen seiner Größe zu ihm hinaufschauen. Er neigte sich etwas zu mir hinab:
»Nein, ich bin kein Gott, und dieses ist nicht der Himmel. Ich bin nur ein bescheidener Diener des großen Geistes, der über allem Leben wacht. Dazu berufen, alle Seelen, die hier ankommen, zu sammeln, zu heilen und zu pflegen. Jedes Lebewesen besitzt eine Seele, ohne die es kein Leben hätte. Ob Pflanze, Tier, Mensch oder all die anderen Wesen dieser Galaxis, sie alle besitzen eine Seele. Ich bin der Hüter dieser zurückkommenden Seelen, die ihren Körper aus verschiedenen Gründen verlassen mussten, und sie kommen zum Teil in sehr schlechtem Zustand zurück. Eine Seele ist weder gut noch böse, sie ist vollkommen rein, wenn sie diesen Ort verlässt. Doch sie muss schlimme Dinge ertragen bei den höher entwickelten Wesen, denen sie anvertraut wurde. Bei niederen Pflanzen haben wir keine Probleme, aber bei immer mehr Empfindung vergrößert sich der Schaden, den sie stetig nimmt. Je mehr Schaden die Seele genommen hat, desto länger der Heilungsprozess, und er dauert viele Zeiten, bis sie uns wieder verlassen kann. Dann ist sie aber wieder wie neu, und alles beginnt von vorn, denn eine Seele ist unsterblich. Es kommen Seelen zurück, die fast zerstört sind und sich im letzten Moment retten konnten, andere schreien vor Schmerz und Qual, aber still in ihrem Inneren. Wieder andere irren herum, auf der Suche nach sich selbst. Alle zurückkommenden Seelen landen in dem großen See, wo meine Helfer als Seelenfischer tätig sind. Dann kommen die armen Seelen in die für sie bestimmten Teiche, werden geheilt und gepflegt. Alle gesunden Seelen kommen in diesen Teich, den du hier vor dir siehst.«
Es war eine lange Rede, und ich hoffte, alles verstanden zu haben. Für ihn war es anscheinend eine Selbstverständlichkeit, mir diese Erklärungen ohne Umschweife vorzutragen. Neben diesem kleinen Teich befand sich ein rundes Gebilde, es war aus Steinen gemauert und ähnelte einem alten und verwitterten Brunnenschacht.
»Was geschieht mit den geheilten Seelen?«, fragte ich.
»Oh, sie verlassen uns voller Erwartung und dringen dann wieder in ein Leben ein, welches neu entsteht.«
Er nahm eine große Kelle, die auf dem Rand des Beckens lag, tauchte sie in den kleinen Teich und schüttete den Inhalt schwungvoll in den Schacht des Brunnens. Ich beugte mich vor und sah die glitzernde Masse in der Tiefe verschwinden.
»Es sind gerade Milliarden von gereinigten und gesunden Seelen, die in diesem Moment in ein neues Leben gehen. Meine persönlichen guten Wünsche folgen ihnen, auch wenn es nichts besagt.«
Er führte mich zu weiteren Becken, erklärte mir den Zustand der sich darin befindenden Seelen.
»Es gibt keine unheilbaren Seelen, wenn ein Mensch seine Seele nicht achtet, nimmt sie Schaden. Dieser Mensch kümmert dann zwangsläufig dahin und stirbt in Elend.« Ich hatte noch Fragen:
»Was ist mit der Hölle, womit die Menschen auf der Erde geängstigt werden?« Er schaute mich traurig an:
»Wenn du den Zustand der Seelen sehen könntest, die von der Erde zurückkehren, dann würdest du diese Frage nicht stellen. Es gibt keinen anderen Ort als diesen.«
Mit dieser Antwort konnte ich leben und hatte keine weiteren Fragen mehr. Er fuhr fort:
»Deine Seele scheint sehr gelassen zu sein, sie strahlt Gesundheit und Zufriedenheit aus. Pflege sie, und dir wird es an nichts fehlen. Seelen können eine Stufe erreichen, in der sie keinen Körper mehr brauchen, sie werden zu Engeln. Sie tun dann viel Gutes und bleiben oft bei einem von ihnen auserwählten Wesen sein Leben lang.«
Leichte Nebelfäden näherten sich und sammelten sich, bis sie uns einhüllten, seine Stimme wurde schwächer, verklang, und ich lag erwachend in meinem Bett.
Es war am frühen Vormittag des nächsten Tages, und ich war total verwirrt. Mühsam erhob ich mich, ich war entkleidet, alles war so, wie es sein sollte. Ich konnte mich an die Rückkehr nicht erinnern. Es lohnte nicht, daran einen Gedanken zu verschwenden, alles geschah, wie es kommen musste, und ich glaubte, das Schicksal spielte seine eigenen Spiele mit mir. Ob ich wohl einen Schutzengel besaß? Früher hielt ich es für einen Aberglauben. Doch nach meinen bisherigen Erlebnissen halte ich alles für möglich. Aber nun wollte ich diesen neuen Tag fröhlich beginnen, spürte jedoch, die letzte Reise hatte wieder an meinen Kräften gezehrt. Dagegen war vorgesorgt, den Kühlschrank hatte ich gefüllt, und er gab viel her. Post vom Amt für Arbeit lag vor, ich beachtete es nicht weiter, denn ich brauchte einen Tag der Erholung. Eine passende Beschäftigung werden sie garantiert nicht für mich haben, und außerdem legte ich darauf keinen Wert. Vielleicht stieß ich bei meinen Reisen durch das All einmal auf eine Goldader.
Mir fiel ein Kindheitserlebnis ein. Es war jemand gestorben, und die Nachbarstochter kam zu mir, wir waren damals fünf und sechs alt Jahre und sie sagte:
»Wenn jemand stirbt, dann fliegt eine kleine Wolke aus dem Fenster und in den Himmel. Das ist die Seele.« Ich glaubte es und erzählte es anderen. Danach wurde es mir zugeschrieben, und sie machten sich später darüber lustig. Nach meinen letzten Erlebnissen hielt ich auch dieses für möglich.
Heute koch ich, morgen back ich und übermorgen hole ich der Königin ihr Kind. Ich brauchte mal eine totale Ablenkung zu dem Leben, das ich zurzeit führte. Die Wartezeit bis zur nächsten Reise war lang und zehrte an meinen Nerven. Beim Arbeitsamt soll ich einen Computerkurs machen. Sie sagten, dann hätte ich mehr Aussicht bei der Arbeitssuche.
Dieses Angebot kam mir recht, zweimal die Woche, schaden konnte es nicht und es lenkte mich ab. An manchen Tagen fuhr ich stundenlang mit meinem Fahrrad durch die Stadt oder setzte mich auf eine Bank in den nahen Grünanlagen. Beobachtete die Menschen und fragte mich, was sie für ein Leben führten oder wie es sich von meinem unterschied. Die Frage, es muss doch mehr geben im Leben, es kann doch nicht alles sein, hatte sich mir schon teilweise beantwortet. Doch was es für mich persönlich brachte, war bisher nicht erkennbar.
Zweieinhalb Monate sind genug der Erholung, die Laterne schien auch auf mich zu warten. Der Schritt war getan, und es empfing mich ein lautes Gebrüll. Wie das Gebrüll aus einem der Fußballstadien auf der Erde. Es war nicht weit entfernt, ich rannte den nächstliegenden Hügel empor, und dann lag unter mir eine menschenleere Ortschaft, soviel ich erkennen konnte. Das Gebrüll kam aus dem Kolosseum, dieser Begriff kam mir beim Anblick der Mauern. Wie ich da hineingelangen sollte, war die Frage, sehen, was dort geboten wird, möchte ich aber, weshalb bin ich sonst hier? Aber nach Möglichkeit unbemerkt. Wachen sah ich keine, alle werden wohl innerhalb der Mauern sein. Die Vorstellung, die dort stattfand, musste sehr unterhaltsam sein.
Von der Seite näherte ich mich dem Gebäude und fand einen Aufstieg, der zu einem Platz hoch nach oben führte. Ich kam tatsächlich ganz nach oben und schob mich bis an den Rand, von dem ich erwartete, einen Überblick zu bekommen. Dank meiner Kondition hatte der Aufstieg keine Mühe gemacht. Nun hoffte ich, nicht bemerkt zu werden, es wäre mir sehr unangenehm. Als ungebetener Gast und Zuschauer konnte ich Konsequenzen erwarten, die nicht einzuschätzen waren. Von hier oben hatte ich einen guten Überblick.
Auf den Sitzreihen rund um den Platz, der sich in der Mitte befand, war anscheinend die ganze Bevölkerung versammelt. Im Mittelpunkt dieser Anlage war auch der Grund dieses Spektakels zu erkennen. Dort sah ich eine Ansammlung seltsamer Gestalten angeordnet und erkannte, was sie darstellen sollten. Das sogenannte Spielfeld war quadratisch, nach meiner Schätzung 80 mal 80 bis 90 Meter. Aufgeteilt in kleinere Quadrate zu etwa einem Meter in Länge und Breite. Es stellte eindeutig ein übergroßes Schachbrett dar, und ein Schachspiel wurde hier veranstaltet, nur in ganz anderen Dimensionen. Das Spiel hatte schon begonnen, auf Tribünen, zu beiden Seiten, saßen anscheinend die Spielleiter, so nannte ich sie für mich. Jedenfalls gaben sie die Anweisungen. Alle zusätzliche Anordnungen unterschieden sich von dem mir bekannten Schachspiel von der Erde. Dort waren 8 Felder und 16 Gegenspieler, hier gab es nun in 4 Reihen 320 Gegner auf jeder Seite. Die Figuren waren den unsrigen nachempfunden. An jedem Ende befanden sich König und Königin, vor ihnen und neben ihnen Pferde, Türme und Läufer, die mir aber für andere Aufgaben gedacht schienen. Davor befanden sich in zwei Reihen die Bauern, das Fußvolk, als erste Opfer. Wie schon gesagt, das Spiel hatte begonnen.
Die Szenerie, die sich vor meinen Augen abspielte, war für mich als Pazifist kaum zu ertragen. Die Figuren wurden von den Spielleitern zu den gewünschten Positionen dirigiert, danach reagierte die Gegenpartei. In dem mir bekannten Schachspiel treffen zwei Bauern aufeinander, er kann dann seitwärts geschlagen werden und wird danach am Spielfeldrand abgelegt. Hier aber kämpften sie verbissen miteinander, bis einer fiel oder starb. Der Gewinner blieb auf seinem Feld, der Verlierer, tot oder lebend, wurde von Helfern fortgeschafft.
Während dieser Kämpfe schwoll das Geschrei der Zuschauer an, ich vermutete, sie wetteten und wollten ihrem jeweiligen Favoriten Mut machen. Bei den Pferden hatten die Bauern kaum eine Möglichkeit, denn Flucht war nicht erlaubt. So wie es mir schien, waren die Bauern keine erfahrenen Kämpfer, sondern einfache Menschen und gezwungen, hier teilzunehmen. Dieses Spiel konnte Tage dauern, ich wollte das Ende nicht abwarten, aber doch weiter, fast gegen meinen Willen, einige Zeit bleiben und beobachten. Dieses Spiel in seinem gewaltigen Ausmaß war logisch durchdacht und möglich, ich erkannte eine Strategie und den Sinn dahinter. Vorläufig war es für mich wie Brot und Spiele im alten Rom, mehr wird es auch nicht sein. Das Töten ging dort unten in der Arena weiter, das Volk jubelte und ich zog mich vorsichtig zurück. Die Schreie der Opfer wurden von dem Gejohle der Menge verschluckt, aber es traf mich doch und berührte meine Seele. Auch aus dem Ort kam ich unbeschadet, und ich entschied, für heute waren es genug Abenteuer.
In den folgenden Tagen versuchte ich, das Erlebte zu vergessen, und nahm mir vor, etwas Sinnvolles zu tun. Es hätte böse enden können, wenn sie mich erwischt hätten, wäre ich wahrscheinlich als Bauer auf dem Spielfeld gelandet. Nie wieder möchte ich in so eine Lage geraten. Alles, was ich bisher erlebt hatte, war nicht eben das, was ein Reisender in ferne und fremde Welten vorfinden sollte. Es konnte doch nicht alles sein? Bis auf die kleinen Leute fand ich alles unglaubwürdig und hirnrissig. Wo waren die Planeten mit Wesen, die noch nie jemand erblickt hatte? Wo die riesigen Raumschiffe, die mit Lichtgeschwindigkeit und mehr durchs All flogen, um fremde Galaxien zu erforschen? Sollte es das alles nicht geben? Bisher machte es auf mich allerdings den Eindruck. Auf der Straße sprach mich jemand an, ich erkannte ihn nicht, bis er sich vorstellte. Es war ein Schulkamerad aus vergangenen Tagen.
»Schön, dich mal wieder zu sehen«, sagte er. »Vor einigen Jahren hätten wir uns sprechen können, aber es war nicht der richtige Moment, umso mehr freue ich mich heute. Wie geht es dir, was machst du? Du siehst aus, als ob du gut in Form bist, treibst du Sport? Früher war das doch nicht dein Ding, also sag mal.«
Er plapperte auf mich ein, ich hatte Mühe, die Geduld zu bewahren, denn eigentlich war er ein Fremder für mich. Auf mich machte er keinen besonders gesunden Eindruck, aber das war Nebensache, ich wollte nur weiter.
»Danke der Nachfrage, du hast gut beobachtet, mir geht es gut, und ich mache tatsächlich Sport, ich habe entdeckt, dass es was bringt. Nicht nur Spaß, ich achte auch auf eine gesunde Ernährung. Doch entschuldige, ich muss weiter, Termine, nett, dich getroffen zu haben, man sieht sich.« Und weg war ich.
Zum Glück hatte ich tatsächlich einen Termin, denn der Computerkurs wartete. Der hatte sich schon bewährt, ich machte Fortschritte. Als Nächstes plante ich, ein gebrauchtes Gerät zu erwerben und all meine Erlebnisse darin zu speichern. Dann schreibe ich ein Manuskript und gehe zu einem Verlag. Dort werden sie fragen, haben sie sich das alles ausgedacht? Nein, werde ich sagen, das habe ich alles persönlich erlebt, daraufhin werden sie mich vor die Tür setzen.
