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Ein Brief ist Grundlage für neuen Roman Einfügen von Dostojewskis Leben und Schaffen in Fortsetzung Auch in der Qual liegt eine gewisse Wonne.// 1846 (Auszug) Durch Reue kann eine schlechte Tat nicht verschwinden. // 2020 (Auszug)
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Wie in unserem vorliegenden Fall, aus einem Werk der Literatur etwas hervorzuheben und gesondert zu veröffentlichen, ist nicht unüblich.
»Der Großinquisitor« aus Dostojewskis »Brüder Karamasow« ist ein gutes Beispiel dafür. Seltener passiert der Fall, wo zu dieser Herauslösung ein anderer Autor die eigene Fortsetzung schreibt. Eine Gleichwertigkeit oder gar Verbesserung der »Armen Leute« von Dostojewski sollte von vorn herein nicht in Betracht gezogen werden, denn jedes Werk besitzt ein Eigenleben. Dies ist gewiß kein Ziel dieses kleinen Romans, sondern mit derartigen, außergewöhnlichen Mitteln soll über 200 Jahre nach seiner Geburt, an das überragende literarische Vermächtnis erinnert werden.
Wem die Fortsetzung mißfällt, der nimmt vielleicht das Original in die Hand. Somit hat ein kleiner Verehrer von Dostojewski sein Ziel erreicht.
Das Erstlingswerk »Arme Leute« erschien im Februar des Jahres 1846.
In voller Überzeugung seiner Fähigkeiten hatte er sich zu diesem Zeitpunkt schon bewußt vom Militär getrennt, unter zu Hilfenahme der gesundheitlichen Probleme natürlich, um eine schriftstellerische Laufbahn zu beginnen. Die Jahre vorher während der Ausbildung nutzte er zum Studium der Literatur in den verschiedensten Facetten. Die Liste der Schriftsteller und Bücher ist unendlich lang und reicht von den französischen Aufklärern, über die deutschen Klassiker bis hin zu den englischen Vertretern.
Als echter Russe galt ihm natürlich das größte Interesse dem literarischen Geschehen im eigenen Lande, was im 19. Jahrhundert den Höhepunkt erreichte.
Warum er im Alter von 25 Jahren als Anfang einen Briefroman wählte, existieren verschiedene Theorien. Diese Form der Romanverfassung war keine Erfindung von ihm, jedoch findet deren Anwendung seltenen Zuspruch. Neu jedoch bei Dostojewski, die deutliche Zuwendung des Schriftstellers zu einer Bevölkerungsgruppe, die bisher in der russischen Literatur wenig Anklang fand, den armen Leuten. Für den begüterten Sohn einer adligen Familie eine doch recht ungewöhnliche Wahl. Er verehrte den Zaren, jedoch kaum im vollen Umfang die Leibeigenschaft und andere Mißstände. Die zaristische Zensur unterband in der Regel jeden Versuch in die Aufklärungsrichtung des Volkes. Auf Grund der hohen schriftstellerischen Leistung hatte er die Kritiker, an erster Stelle ist selbstverständlich Belinski zu nennen, auf seiner Seite. Sie erkannten das Talent und stellten ihn gleich auf eine Stufe mit Puschkin und Gogol.
Jedoch besaßen viele Leser eine andere Meinung, was heftige Diskussionen und teilweise Unverständnis hervorriefen. Dostojewski wußte dies, trotzdem kamen keine Zweifel an seinem Entschluß auf. Er schrieb selbst kurz nach Erscheinen des Romans: Drei Viertel der Leser schimpfen, doch ein Viertel äußert sich überaus lobend. Sie zetern und zetern, aber lesen dennoch. Unsere Leserschaft hat Instinkt, wie jede Masse, jedoch keine Bildung. Viele finden den Roman zu lang aber es gibt kein überflüssiges Wort darin. Du wirst es lesen und selbst sehen. Ich habe eine höchst glänzende Zukunft vor mir, Bruder! Eine erstaunliche Selbsteinschätzung Dostojewskis und er sollte Recht behalten. Das sind nur Auszüge aus dem Brief von Dostojewski an seinen Bruder vom 1. Februar 1846, jedoch verdeutlichen sie eine entschlossene Haltung trotz des Zwiespaltes.
Auf keinen Fall sollte der Leser versuchen, die »Neuen Arme Leute« in sein Meisterwerk einzufügen. Dieser Roman kann und darf nicht verändert werden, sondern ist nur als ein Ganzes zu betrachten. Wie er selbst schreibt, ist darin kein Wort zu viel. Bestimmt ist es besser für das Verständnis der Leserschaft, die die »Armen Leute« noch nicht gelesen haben, einige Wörter der Erläuterung einzufügen. Dostojewski beschreibt einen Briefwechsel zwischen einer jungen Waisen und einem älteren Herren, der mit Abschreiben von Akten etwas Geld verdient. Beide arm und mittellos, schütten in den Briefen ihr Herz aus. Die junge Frau sieht in dem Mann nicht nur den Liebhaber, sondern ebenfalls den verlorenen Vater, jedoch entscheiden Andere über ihr Schicksal.
Wie kann ein Mensch aus adligen Familienverhältnissen mit so großer Einfühlsamkeit das Leben, die Charaktere und die gesamten Umstände derart detailliert beschreiben, die normal im Verborgenen liegen.
Dabei entsteht sogar der Eindruck, nicht er, sondern die Hauptdarsteller erzählen autobiographisch in den Briefen ihr Leben. Der Leser merkt die intensive Beschäftigung Dostojewskis mit dem Thema, denn schon im Jahre 1844 begann er mit den ersten Niederschriften. Damit ist die Frage natürlich nicht beantwortet. Der Schriftsteller lebte nach dem Besuch der Petersburger Militäringenieurschule mitten unter den armen Leuten.
Sein Brot verdiente er mit Übersetzungen und Gelegenheitsarbeiten. Nur durch das intensive Studium der »Mitbewohner« konnte er tief in die Psychologie der Menschen eindringen und ihre Seelen erforschen. Jeder spürt sofort, daß die geschilderten Handlungen und Erlebnisse wahr sind.
Rund 200 Jahre nach seiner Geburt verblaßt etwas der Lichtstrahl, welcher auf das von ihm Geschaffene scheint. Ein Mann, dessen Themen nichts an Aktualität verloren haben, der immer noch Vorbild für viele auf diesem Gebiet Tätige ist und bleibt, verdient ein ewiges Licht. Sehr viel ist schon über ihn geschrieben worden, meist mit gut artikulierten Wörtern in bedeutungsvollen Sätzen, welches für den armen Leser kaum verständlich erscheint. Einfacher erscheint dagegen der Weg der Würdigung, den Autor selbst sprechen zu lassen. Dostojewskis Wortgedanken einer intensiven Betrachtung zu unterziehen, das funktioniert am besten mit der Alleinstellung von Textstellen. Selbst der beste Autor kann über 1.000 Seiten nicht gleichbleibend, einfach ausgedrückt, gut sein.
Die auserwählte Textstelle ist natürlich ein Brief, dessen Beginn schon in das Vorwort gehört. Damit soll der Eindruck vermieden werden, hier handelt es sich ebenfalls um einen Briefroman. Das ist auch hilfreich für die Eigenständigkeit der »Neuen Armen Leute«. Somit entfällt ein vorheriges Lesen des Originals, ist jedoch trotzdem empfehlenswert.
Den 1. Juni.
Liebster Makar Alexejewitsch! Ich möchte Ihnen so gern etwas Angenehmes erweisen, Ihnen eine Freude machen, zum Dank für alle Ihre Mühe und Sorge um mich und für alle Ihre Liebe zu mir, daß ich mich schließlich entschlossen habe, zur Vertreibung der Langeweile in meiner Kommode herumzuwühlen und mein Heft hervorzusuchen, das ich Ihnen denn hierbei schicke. Ich begann es noch in der glücklichen Zeit meines Lebens niederzuschreiben.
Sie haben oft mit teilnahmsvollem Interesse nach meinem früheren Leben gefragt, nach meiner Mutter, nach Pokrowski, nach meinem Aufenthalt bei Anna Fjodorowna und endlich nach dem Unglück, das mich unlängst betroffen hat, und haben so lebhaft dieses Heft zu lesen gewünscht, in dem ich infolge eines wunderlichen Einfalls einige Momente aus meinem Leben aufgezeichnet habe, daß ich Ihnen durch die Zusendung desselben ein großes Vergnügen zu machen hoffe. Mich dagegen hat es ganz traurig gestimmt, als ich es jetzt wieder durchlas. Mir scheint, daß ich seit der Zeit, da ich in diesem Heft die letzte Zeile niederschrieb, noch einmal so alt geworden bin. Alles dies ist zu verschiedenen Zeiten geschrieben. Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Ich langweile mich jetzt schrecklich und leide oft an Schlaflosigkeit. Eine sehr langweilige Rekonvaleszenz!
W. D.
Ich war erst vierzehn Jahre alt, als mein Vater starb. Meine Kindheit war die glücklichste Zeit meines Lebens. Sie begann nicht hier, sondern weit von hier, in der Provinz, in ländlicher Stille. Mein Vater war der Verwalter des gewaltigen Besitztums des Fürsten P. im Gouvernement T. Wir wohnten auf einem der Güter des Fürsten und lebten still, ruhig und glücklich. Ich war ein richtiger kleiner Wildfang; manchmal tat ich den ganzen Tag über nichts anderes, als auf den Feldern, im Walde und im Garten umherzulaufen; kein Mensch kümmerte sich um mich. Mein Vater hatte ununterbrochen mit seinen Geschäften zu tun, und meine Mutter wurde durch die Wirtschaft in Anspruch genommen.
Unterricht erhielt ich keinen und war darüber sehr froh. Manchmal lief ich schon am frühen Morgen an den Teich oder in den Wald oder zum Heumähen oder zu den Schnittern, und es machte mir keine Sorgen, daß die Sonne brannte, daß ich selbst nicht wußte, wie weit ich mich beim Umherlaufen vom Dorf entfernt hatte, daß die Sträucher mich zerkratzten und mir das Kleid zerrissen. Ich wurde zwar nachher zu Hause gescholten; aber das machte mir nichts aus.
Ich glaube, ich wäre glücklich gewesen, hätte ich mein ganzes Leben auf dem Lande bleiben und immer an einem Fleck wohnen können.
Aber ich mußte schon als Kind meine Heimat verlassen. Ich war erst zwölf Jahre alt, als wir nach Petersburg übersiedelten. Ach, in wie schmerzlicher Erinnerung habe ich unsern traurigen Aufbruch! Wie weinte ich, als ich von allem, was mir so lieb war, Abschied nahm! Ich erinnere mich, daß ich mich meinem Vater an den Hals warf und ihn unter Tränen bat, doch wenigstens noch ein Weilchen auf dem Lande zu bleiben. Der Vater fuhr mich an, die Mutter weinte; sie sagte, daß es notwendig sei, daß die Geschäfte es verlangten. Der alte Fürst P. war gestorben, und die Erben entließen meinen Vater aus seiner Stellung.
Mein Vater hatte einiges Geld bei Petersburger Geschäftsleuten angelegt.
In der Hoffnung, seine Vermögensverhältnisse zu verbessern, hielt er seine persönliche Anwesenheit hier für notwendig. Alles dies erfuhr ich von meiner Mutter. Wir ließen uns hier auf der Petersburger Seite nieder und behielten diese Wohnung bis zu meines Vaters Tode.
Wie schwer wurde es mir, mich an das neue Leben zu gewöhnen!
Wir kamen im Herbst nach Petersburg. Als wir das Gut verließen, war ein so heller, warmer, heiterer Tag gewesen; die ländlichen Arbeiten waren beendet, auf den Tennen türmten sich schon gewaltige Getreidehaufen, um die sich Scharen von Vögeln mit lautem Geschrei drängten; alles war so klar und fröhlich. Aber hier fanden wir, als wir in die Stadt einfuhren, Regen, modrige Herbstkälte, häßliches Wetter, Schmutz und eine Menge neuer, unbekannter Gesichter, unzufriedener, ärgerlicher Gesichter, die uns kein freundliches Willkommen boten! Wir richteten uns notdürftig ein. Ich weiß noch, daß alle bei uns viel Mühe und Arbeit hatten, um die neue Wirtschaft in Gang zu bringen. Mein Vater war nie zu Hause, und meine Mutter hatte keinen ruhigen Augenblick; ich war ganz mir selbst überlassen, vergessen. Es war ein trauriges Erwachen für mich am Morgen nach der ersten Nacht in unserer neuen Wohnung. Unsere Fenster gingen auf einen gelben Zaun hinaus. Die Straße war ständig voller Schmutz. Passanten gab es nur wenige, und alle hatten sich fest eingemummt, alle froren.
Bei uns zu Hause war es schrecklich melancholisch und langweilig.
Verwandte und nahe Bekannte hatten wir fast keine … Ziemlich häufig kamen Leute in Geschäftsangelegenheiten zu uns. Gewöhnlich gab es dann Streit, Lärm und Geschrei. Nach jedem derartigen Besuch war mein Vater sehr mißvergnügt und ärgerlich. Er ging dann manchmal stundenlang mit finsterer Miene von einer Ecke des Zimmers in die andere und sprach mit niemandem ein Wort. Die Mutter wagte es zu solchen Zeiten nicht, ihn anzureden, und schwieg. Ich setzte mich still und leise mit einem Buch in einen Winkel und wagte nicht, mich zu rühren.
Drei Monate nach unserer Ankunft in Petersburg wurde ich in eine Pension getan. Das war anfangs für mich ein trauriges Leben unter den fremden Menschen! Alles war so nüchtern und unfreundlich; die Gouvernanten schalten und zankten, die Pensionärinnen waren so spottlustig, und ich war so scheu und ängstlich. Es ging so streng und pedantisch zu! Die für alles fest bestimmten Stunden, die gemeinsamen Mahlzeiten, die langweiligen Lehrer – alles das war mir anfangs eine wahre Qual und Pein. Ich konnte dort nicht einmal schlafen. Ich weinte oft die ganze, öde, kalte Nacht hindurch. Abends, wenn alle ihre Aufgaben lernten oder repetierten, saß ich manchmal für mich über meinem Vokabelheft oder über meinem Konversationsbuche und wagte nicht, mich zu rühren; dabei dachte ich immer an unser Stübchen zu Hause, an den Vater, an die Mutter, an meine alte Kinderfrau und an ihre Märchen; ach, wie traurig wurde mir da zumute! Man erinnert sich dann an die unbedeutendsten Gegenstände zu Hause, und sogar an diese mit Vergnügen. Man denkt und denkt: Ach, wie schön wäre es jetzt zu Hause! Ich würde in unserm kleinen Zimmerchen mit den Meinen zusammen beim Samowar sitzen, und es würde so warm und behaglich und traulich sein. Ach, denkt man, wie herzlich und innig würde ich jetzt mein Mütterchen umarmen! Und so denkt man und fängt still zu weinen an vor Heimweh und sucht die Tränen in der Brust zu unterdrücken, und man bekommt die Vokabeln nicht in den Kopf hinein, die man zum nächsten Tag zu lernen hat. Die ganze Nacht träumt man von dem Lehrer und von Madame und von den anderen Mädchen; die ganze Nacht lernt man im Traum seine Aufgabe; aber am anderen Tage kann man sie nicht. Man muß zur Strafe knien und bekommt mittags keine Vorspeise. Ich war so traurig und niedergeschlagen.
In der ersten Zeit verspotteten und hänselten mich die anderen Mädchen alle; sie machten mich verwirrt, wenn ich meine Aufgaben aufsagte, kniffen mich, wenn wir in einer Reihe zum Mittagessen oder zum Tee gingen, und beklagten sich ohne jeden Grund über mich bei der Gouvernante.
Aber dafür welche Wonne, wenn manchmal am Sonnabendabend die Kinderfrau kam, um mich abzuholen! Ganz unsinnig vor Freude umarmte ich meine gute Alte. Sie kleidete mich an und hüllte mich warm ein und konnte unterwegs mit mir gar nicht Schritt halten; ich aber redete und redete zu ihr ununterbrochen und erzählte ihr alles mögliche. Heiter und vergnügt kam ich nach Hause und umarmte die Meinigen so herzlich, als wenn wir zehn Jahre lang getrennt gewesen wären. Und nun begannen die Gespräche und Erzählungen; alle, die zum Haushalt gehörten, begrüßte ich und lachte und lief umher und sprang vor Freuden. Mein Vater fing ein ernstes Gespräch an: über die Unterrichtsgegenstände, über unsere Lehrer, über das Französische, über die Grammatik von L’Homond – und wir waren alle so vergnügt und so zufrieden. Die Erinnerung an diese Stunden bereitet mir auch jetzt noch Vergnügen. Ich gab mir die größte Mühe, zu lernen und meinen Vater zufriedenzustellen. Ich sah, daß er das Letzte für mich hingab und selbst sich aufs kümmerlichste durchhalf. Mit jedem Tage wurde er finsterer, unzufriedener, ärgerlicher; sein Charakter veränderte sich völlig; seine geschäftlichen Unternehmungen mißlangen; er geriet tief in Schulden. Die Mutter fürchtete sich oft, zu weinen oder ein Wort zu sagen, um den Vater nicht aufzubringen; sie wurde ganz krank, magerte immer mehr ab und begann bedenklich zu husten. Wenn ich aus der Pension kam, fand ich so traurige Gesichter; die Mutter weinte im stillen, der Vater war ärgerlich. Er fing an, mir Vorwürfe zu machen und mich zu beschuldigen. Er sagte, er erlebe an mir keine Freude und ich brächte ihm keinen Trost; sie gäben das Letzte für mich hin, und ich könne immer noch nicht französisch sprechen; kurz, alle Mißerfolge, alle Unglücksfälle, alles, alles wurde mir und der Mutter zur Last gelegt.
Und wie konnte er nur so grausam sein, die arme Mutter so zu martern! Wenn man sie ansah, brach einem ja beinah das Herz: Ihre Wangen waren eingefallen, die Augen lagen tief in den Höhlen, und ihr Gesicht hatte eine schwindsüchtige Färbung angenommen. Ich wurde am allermeisten gescholten. Es begann immer mit Kleinigkeiten und endete dann wer weiß wo; oft verstand ich nicht einmal, wovon die Rede war. Was kam nicht alles vor! Daß meine Fortschritte im Französischen so gering seien, und daß ich gar keinen Verstand besäße, und daß die Vorsteherin unserer Pension ein nachlässiges, dummes Frauenzimmer sei und nicht für unsere geistige Ausbildung sorge, und daß der Vater noch immer keine Anstellung im Staatsdienst finden könne, und daß die Grammatik von L’Homond nichts tauge und die von Sapolski viel besser sei, und daß sie für mich viel Geld nutzlos weggeworfen hätten, und daß ich offenbar ein gefühlloses, steinernes Herz hätte – kurz, ich Arme, die ich mich aus allen Kräften mit dem Erlernen französischer Gespräche und Vokabeln abquälte, war doch an allem schuld und wurde für alles verantwortlich gemacht! Und das kam keineswegs daher, daß der Vater mich nicht liebgehabt hätte; nein, er liebte mich und die Mutter von ganzem Herzen, aber er war nun einmal so; das war so sein Charakter.
Die Sorgen, Kränkungen und Mißerfolge peinigten meinen armen Vater aufs äußerste: Er wurde mißtrauisch und verbittert; oft war er der Verzweiflung nahe; er fing an, seine Gesundheit zu vernachlässigen, erkältete sich, wurde krank und starb nach kurzem Leiden so plötzlich, so unerwartet, daß wir alle mehrere Tage lang von diesem Schicksalsschlage wie betäubt waren. Mama befand sich in einem Zustande der Erstarrung; ich fürchtete sogar für ihren Verstand. Kaum war der Vater tot, so erschienen bei uns, wie aus der Erde hervorgewachsen, die Gläubiger; in ganzen Scharen kamen sie herbeigeströmt. Alles, was wir besaßen, mußten wir hingeben. Unser Häuschen auf der Petersburger Seite, das der Vater ein halbes Jahr nach unserer Übersiedelung nach Petersburg erworben hatte, wurde ebenfalls verkauft. Ich weiß nicht, wie die Sache im übrigen geregelt wurde; aber wir hatten nun kein Dach mehr über dem Kopfe, keinen Zufluchtsort und keine Nahrung.
Meine Mutter litt an einer auszehrenden Krankheit; wir hatten nichts zu essen, wußten nicht, wovon wir leben sollten, und sahen den Untergang vor uns.
Ich war damals eben erst vierzehn Jahre alt. Da besuchte uns Anna Fjodorowna. Sie sagte immer, sie sei eine Gutsbesitzerin und mit uns verwandt. Meine Mutter sagte ebenfalls, daß sie mit uns verwandt sei, wiewohl nur sehr entfernt. Solange mein Vater noch lebte, war sie nie zu uns gekommen. Sie erschien mit Tränen in den Augen und sagte, sie nehme an uns großen Anteil; sie drückte ihr Mitgefühl aus über den Verlust, der uns betroffen habe, und über die ärmliche Lage, in der wir uns befänden, und fügte hinzu, der Vater sei selbst schuld daran: Er habe über seine Mittel gelebt, zu hoch hinaus gewollt und zu sehr auf seine Kraft vertraut. Sie äußerte den Wunsch, uns näherzutreten, und machte den Vorschlag, wir wollten beiderseits die vorgekommenen Mißhelligkeiten vergessen; und als meine Mutter erklärte, sie habe nie eine feindliche Gesinnung gegen sie gehegt, da vergoß sie Tränen, führte meine Mutter in die Kirche und bestellte eine Seelenmesse für den lieben, guten Verstorbenen (so drückte sie sich in bezug auf den Vater aus). Hierauf versöhnte sie sich mit meiner Mutter feierlich.
Nach langen Einleitungen und Vorreden, in denen Anna Fjodorowna in grellen Farben unsere kümmerliche, hoffnungslose Lage, unsere Vereinsamung und Hilflosigkeit geschildert hatte, lud sie uns ein, wie sie sich selbst ausdrückte, ihr Haus als Asyl zu benutzen. Meine Mutter dankte ihr, konnte sich aber lange Zeit nicht entschließen; da jedoch nichts anderes zu machen war und wir uns nicht anders zu helfen wußten, so erklärte sie ihr schließlich, daß wir ihren Vorschlag mit Dank annähmen. Als wenn es heute wäre, erinnere ich mich an den Vormittag, an dem wir von der Petersburger Seite nach der Wassili-Insel umzogen. Es war ein heller, trockener, kalter Herbstmorgen. Meine Mutter weinte; mir war sehr traurig zumute; ich fühlte eine solche Beklemmung in der Brust; eine unerklärliche, furchtbare Angst preßte mir das Herz zusammen. Es war eine schwere Zeit.
Anfangs, solange wir, das heißt meine Mutter und ich, uns in unserer neuen Wohnung noch nicht eingelebt hatten, fühlten wir uns beide etwas ängstlich und fremd bei Anna Fjodorowna. Diese wohnte in einem eigenen Hause in der Sechsten Linie. Das ganze Haus enthielt nur fünf ordentliche Zimmer. In dreien davon wohnte Anna Fjodorowna mit meiner Kusine Sascha, einer Vollwaise, die bei ihr aufwuchs. Dann wohnten in einem weiteren Zimmer wir, in dem letzten endlich, in dem Zimmer neben uns, ein armer Student namens Pokrowski, der es von Anna Fjodorowna gemietet hatte. Diese lebte sehr gut …
Anfänglich war sie ziemlich freundlich zu uns, aber bald zeigte sie ganz ihren wirklichen Charakter, da sie sah, daß wir völlig hilflos waren und nirgends anderswohin gehen konnten. Später wurde sie gegen mich sehr freundlich und verstieg sich sogar zu plumpen Schmeicheleien; aber in der ersten Zeit hatte ich ebenso wie meine Mutter viel zu leiden. Alle Augenblicke machte sie uns Vorwürfe; sie redete immer nur von ihren Wohltaten. Fremden Leuten stellte sie uns als ihre armen, hilflosen Verwandten vor, eine Witwe und Waise, denen sie aus Barmherzigkeit und christlicher Nächstenliebe ein Obdach gewähre.
