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Beschreibung

Wie die Legenden es berichten, stand die Wiege der Götter der Erde im Anbeginn der Zeit selbst. Eines der mächtigsten Göttergeschlechter war Armoth. Doch es war nicht das Einzige, das die Geschicke und Schicksale des Menschengeschlechts beeinflusste. Neben dem Reiche Armoth existierten andere Gottheiten, die nicht minder mächtigen Einfluss auf die Menschenwesen ausübten und es noch immer tun. In Furcht vor ihnen und voll Sorge um ihre immer wieder im Laufe der Erdgeschichte bedrohte Existenz, brachten und bringen die Menschen noch bis heute schwerste Opfer dar. Ganze Generationen, ja sogar ganze Völker waren bei unzähligen Auseinandersetzungen der Götter untereinander zu beklagen gewesen. Und doch huldigte man ihnen und ihre spirituelle Anwesenheit war in allen Bereichen des täglichen Lebens der Menschenwesen allgegenwärtig.

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Seitenzahl: 642

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gohot v Ata Slhas

Die Geburt der Welt und der Reiche Armoth und Koshf

Als das allumfassende Nichts schon sehr alt war und tausend mal tausend Ewigkeiten währte, geschah die Vollkommenheit. Das Nichts war stark und mächtiger geworden und nach nicht zu beschreibendem Gesetz immer mehr angewachsen. Es strebte einem Ereignis zu, welches einem Tore oder Portal gleichkam, um sich zu manifestieren und hervor zu treten in unsere Welt, wie wir sie kennen und uns eigen ist.

So ist die Geburt des Urgottes Gohot v Ata Slhas zu verstehen, der mit unvorstellbarem Getöse und Räumen aus Zeit entstand. Die Existenz dieses Urgottes war eine unvorstellbar kurze, denn sofort zerfiel er in die Götter Armoth und Koshf, und diese wiederum gleichzeitig in andere.

Armoth zerfiel in die vier Götter Lufhd, Armth, Weghd und Krhom. Koshf wiederum in die fünf Götter Marham, Aih, Legdh und Rhosam. In ihren kurzen Existenzen aber legten Armoth und Koshf fest, dass nur Erstknaben oder Ersttöchter der Geburten ihrer künftigen Kinder am Großen Götterrat teilnehmen durften, der nach urgöttlicher Regelung alle zweihundert Jahre ausgerichtet werden müsse und in der Tempelstadt Kennenth stattzufinden habe.

Wie die Legenden es berichten, stand die Wiege der Götter der Erde im Anbeginn der Zeit selbst. Eines der mächtigsten Göttergeschlechter war Armoth. Doch es war nicht das Einzige, das die Geschicke und Schicksale des Menschengeschlechts beeinflusste. Neben dem Reiche Armoth existierten andere Gottheiten, die nicht minder mächtigen Einfluss auf die Menschenwesen ausübten und es noch immer tun. In Furcht vor ihnen und voll Sorge um ihre immer wieder im Laufe der Erdgeschichte bedrohte Existenz, brachten und bringen die Menschen noch bis heute schwerste Opfer dar. Ganze Generationen, ja sogar ganze Völker waren bei unzähligen Auseinandersetzungen der Götter untereinander zu beklagen gewesen. Und doch huldigte man ihnen und ihre spirituelle Anwesenheit war in allen Bereichen des täglichen Lebens der Menschenwesen allgegenwärtig.

Inhalt

Molh

Die Reise nach Omomoph

Die rotierende Insel

Die Seeräuber

Lhalh Ame

Bei den Sümpfen von Bhaanaah

Das Sternenschiff

Die Schlucht

Die innere Insel

Paahru der Händler

Mong De In

Warten

Lhalh Ames Geständnis

Dav Mondscheiner

Das Wiedersehen

Die Kalten

In An Karrh.

Im Meer des Ewigen Sturmes.

Auf der Insel Omonoph

Nach Omohaa

Der Heilige Schrein

Esta

Molh

1

Schier tobten und tosten die Himmel, als lobpreisten sie den nach äonenlangen Zeitspannen wieder stattfindenden Großen Götterrat, der Zusammenkunft der Götter, Göttinnen und deren erstgeborenen Söhnen. Bisher erst war es nur den Göttern, deren Gemahlinnen und den Erstknaben gestattet, diesem Großen Götterrat, der in zwei Jahren bevorstand, beizuwohnen. Obgleich sich immer schon leiser Zorn und Unmut regte in den davon ausgeschlossenen Zweit- Söhnen und Töchtern und ihnen zugehörigen, auch weitest entfernteren Verwandten. Auch der Zorn Legdas, der jüngeren Tochter Armths, führte zu Leid und Wehklagen der Raohten, den Bewohnern Raohts, denn Legda tauchte auf Grunde ihres Zornes auf ihren Vater, weil er sie kraft der von den Urgöttern geschaffenen Bestimmung, ausschloss, ganz Raoht in einen undurchdringlichen Nebel, den sie zweihundert Jahre dauern lassen wollte. Sonnengott Rhosam, den Menschen wohlgesonnen, wollte dies verhindern, war aber machtlos gegen den hartnäckigen Nebel. Er zürnte Legda sehr, denn sie ließ zu, dass die Menschen verhungern, die Früchte der Felder verschimmeln würden. Armth furchte darob seine Stirn so gewaltig, dass ein so mächtiges Erdbeben geschah, bei dem der Göttersitz des Gottes Molh Sprünge und Risse bekam und verheerende Schäden verzeichnete. Das Zentrum des Palastes, das mit stählernen Ringen und Klammern den „Rasenden Wind“ im Zaume hielt, wurde desgleichen in Mitleidenschaft gezogen und nur durch sofortiger Reparatur der Scheren und Klammern durch eiligst herbei befohlene Schmiede konnte der zu erwartende Ausbruch der wirbelnden Kreatur verhindert werden.

Als Armth erfuhr, dass sein Stirnwölben solch vernichtende Auswirkungen hervorgebracht hatte, sann er nach, wie er den nun sich anbahnenden Zwist mit Molh beschwichtigen könnte und suchte deshalb seine Frau Legdh auf, die im Garten weilte und gerade die Zukunft beschwor. Armth wusste, bei dieser Zeremonie durfte er auf keinen Fall stören, da sonst die Zukunft, von wem oder was auch immer, empfindlich gestört und unentwirrbar verwoben werden könnte. Und so wartete er, bis sich ihm der richtige Zeitpunkt bot. Legdh hörte ihm stumm zu, als er über sein Ungemach berichtete. Dann sah sie ihn an und sagte: „Erinnerst du dich, als vor dreizehn Sommern unsere Legda, sie war noch ein junges Kind, zum wiederholten male den Knaben aus dem Dorfe Kemdoman zu uns in den Garten führte und du ihr wie jedes mal verbotest, je wieder mit seinesgleichen Umgang zu haben? Da hatte sie bitterlich geweint und geklagt. Ich hatte gespürt und gesehen, du hattest sie verloren, für immer. Also, du wunderst dich darüber, dass sie kein Herz hat, keine Achtung und Reue kennt? Du siehst, was du mit deinem Stirnfurchen über das Tun deines, unseres Kindes, angerichtet hast. Nun geh und suche Molh auf und versöhne dich mit ihm. Wir können einen Zwist mit ihm nicht gebrauchen.“ Armth gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Du hast recht. Dich, so ein fest vertrauendes und verständnisvolles Weib, an meiner Seite zu wissen, macht mich glücklich.“

Er setzte sich zu ihr auf den warmen, blühenden Grasboden ihres Gartens, der so prächtig gedieh und anzusehen war. „Doch trübt dieses Glück, dass ich ein schlechter Vater war und noch immer bin …“ Da nahm ihn Legdh sanft am Arm. „Nein, ich weiß es“, fuhr er fort, „ … ich bin so ungestüm in meinem Wesen, dass ich meine Kinder nicht mit der ihnen gebührenden Einsicht und Liebe heranzog, wie du es tatest. Höre mir bitte nun gut zu“, sagte er und sah seiner Frau lange in die Augen, „ich werde auf eine Reise gehen. Nach Omonoph …“

Als Legdh dies hörte, wurde sie bleich und stöhnte leise auf. „Bleibe ruhig, Legdh“, sagte schnell Armth und drückte seine zitternde Frau an sich, „ich werde wahrscheinlich nicht mehr als der, der ich gegangen bin, wiederkommen. Mir wird nichts passieren, dafür werde ich sorgen. Nur kann ich so nicht weiterleben, zu unzulänglich ist mein Einfühlungsvermögen in meine Nächsten und in jedwede Kreatur dieser Welt, so dass es meine väterliche Pflicht verlangt, ein Anderer zu werden, ein Besserer, als ich es derzeit sein kann.“

Armth seufzte und legte sich rücklings auf den sonnengewärmten Gartenboden. Er verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und sah lange in den tiefblauen Himmel. Er erwähnte mit keinem Wort seinen Traum letzter Nacht, der Grund zu dieser Reise geworden war. Seine Frau saß stumm neben ihm. „Sieh, Legdh,“ sagte er schließlich und richtete sich auf, „wenn ich an unsere Kinder denke, die uns leider so selten besuchen, wird mein Gemüt schwer wie Granit. Daran, da gibt es keinen Zweifel, bin ich alleine der Verantwortliche und ihnen gegenüber in tiefer Schuld. Denk nur an Kahgd. Er, der um meine Liebe bettelte, bekam von mir nur Schelte und Missgunst, da ich glaubte, er wäre nicht wirklich fähig, mit seiner Begabung die Elemente zu beherrschen, weise und verantwortungsvoll umzugehen. Oder Legth, der nur Streit und Rachsucht kennt, der diese zwei Wesenszüge zur Vollendung auslebt und sie zügellos einsetzt, ja sich noch damit brüstet, Unglück und Trauer uns und anderen zu bringen. Einzig und allein von Malhd bin ich nicht enttäuscht, dieses Kind hat auf wundersame Art und Weise meine Halsstarrigkeit und Härte zu meinem Sohn und zu Legda aufgezeigt und mich doch, das weiß ich, liebt und ich sie, das weiß auch sie.“

Armth hatte bei seinen letzten Worten nicht verhindern können, die Tränen zurück zu halten. Legdh legte sanft ihren Arm um ihren Gemahl. Sie wusste nichts zu sagen. Die Reue Armths traf ihre Seele wie Pfeile der Sakaden, so erschütterte sie seine Aufrichtigkeit und seine gewonnene Einsicht.

„Du siehst“, fuhr er fort, als seine Fassung wieder erlangt war.

„Um mich selbst achten zu können und um nicht ganz den Verführungen der Trauer und des Seelenschmerzes anheim zu fallen, muss ich diese Reise nach Omonoph antreten, komme was wolle. Zuerst aber werde ich unverzüglich Molh, den Lhahln, aufsuchen, um den Zwist beizulegen und ihn um Vergebung zu bitten, auch soll ihm jede Hilfe gewährt werden, seinen Palast wieder in alter Pracht aufzubauen und die stählerne Scherenkammer der wirbelnden Kreatur noch sicherer zu gestalten. Dann komme ich wieder, geliebte Legdh, und werde die Reise vorbereiten.“ Sie sagte nichts. Armth sprang auf und gab ihr einen Kuss. Dann ging er und sie gewahrte an ihm wieder eine Lebendigkeit und Kraft, von der sie schon glaubte, er hätte sie längst verloren.

Hoch über dem Strom Maspah, in den sonnigen Bergen von Serhkihdh thronte die weitläufige Palastanlage Molhs, eines vor langer Zeit auf die Erde gekommenen Fremden, der abnormen Einfluss auf Schwerkraft und Geschwindigkeit aller Vorgänge jeglicher Natur in der Welt besaß und dem man nachsagte, er sei einer aus dem Geschlecht der Kroghden, Götter des Abnormen, die ihren Sitz jenseits des Stofflichen hatten.

Die weiten Hänge der Hügel und Berge dieses so fruchtbaren Landes waren üppig mit Blaubeersträuchern, Zitronenbäumchen und den duftenden Khaatbäumen, die ihre gut und gerne einhundert Fuß Höhe erreichten, bewachsen. Überall blühte und gedieh die Natur und versorgte die Bewohner dieses gesegneten Landstriches mit Nahrung in Hülle und Fülle. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da war dieses Land kahl und verödet, denn eine unsägliche, alles Leben zerstörende Kreatur zwang alles nieder mit ihrer wirbelnden, enormen Kraft, deren Ursprung nicht von dieser Welt sein konnte. Aber dann verschlug es den Molh durch ein Missgeschick in dieses Land. Er erwies sich dank seiner Gabe, abnormen Einfluß auf die Schwerkraft und auf die Geschwindigkeit aller weltlichen Vorgänge zu haben, als der Einzige, der diese wirbelnde Kreatur bannen konnte. Er ließ die stählernen Klammern der Scherenkammer von den besten Schmieden des Landes schmieden, um die ungestüme Kreatur darin zu bannen und für immer wegzuschließen. Molh zähmte auf seine Weise dieses wirbelnde Etwas und nannte es Nostromh Dha, den wirbelnden Wind. Molh konnte sich sogar mit dem wirbelnden Wind nach und nach verständigen, wohl weil er selbst die Gaben des Wirbelns und Rasens besaß und auf für Menschenwesen unfassbare Weise mit ihm sprechen konnte, wenn man es überhaupt als solches nennen kann. Aber Molh missbrauchte auch die entsetzlichen Fähigkeiten dieser Kreatur für seine ureigenen Zwecke, wenn es Zank und Streit mit wem auch immer gab. Dann fegte er zusammen mit Nostromh Dha über die Ländereien und im Zorn verwüsteten sie entlang ihrer Wirbelbahnen alles und jedes. Besonderen Spaß bereitete ihm das Vergnügen der Zerdrückung und Niederquetschung durch Einsatz abnormer Schwerkraft, die den Feind auf grässlichste Weise zerplatzen und den Boden unter diesem auf hundert mal hundert Fuß absacken, abstürzen ließ, so gewaltig wurde durch Molhs Einwirken die Schwerkraft.

Voll von unmäßigem Zorn und Niederträchtigkeiten, die er Armth angedeihen lassen würde, der die Zerstörungen an seinem, Molhs, Palast verursacht hatte, stand er an der höchsten Wehrung der granitenen Mauerwölbung, wo darunter die verborgenen Energien ruhten, die jederzeit mittels seines Befehls wachgerufen werden und Tod und Verderben bringen konnten. Von hier aus nahm er das gesamte Ausmaß der Zerstörung wahr, die nur ein einfaches Stirnrunzeln Armths ausgelöst hatte. Armth war ein mächtiger Gott, das wusste er wohl, denn bei allen Begegnungen mit ihm nahm er eine Kraft an ihm wahr, die sogar ihn, Molh, manchmal erschauern ließ. Sein Blick wanderte während dieser Überlegungen zum Zentralmassiv seines Palastes hin, von wo metallisches Tosen und Hämmern herüber drang. Dort, auf dem mit stählernen Pfeilern umgürteten Granitkegel, dort befand sich ganz oben die stählerne Scherenkammer, in der Nostromh Dha jetzt wütete, denn so viele Menschenwesen um ihn herum war er nicht gewohnt. Es waren die Schmiede und Metallurgen, die fieberhaft daran waren, die Schäden an der Umklammerung der Scherenkammer auszubessern.

„Molh!“, rief plötzlich eine Stimme dicht an seinem Ohr. Molh fuhr herum. Armth stand vor ihm und hob beide Handflächen an seine Brust, als Zeichen, in Frieden zu kommen. Für Molh unbemerkt, unhörbar war er erschienen.

„Ich komme in keiner böser Absicht. Höre, was ich zu sagen habe“, sagte Armth weiter, „die Zerstörungen an deinem Eigentum entstanden nicht aus Mutwillen, glaube es mir. Ich biete dir meine Hilfe an, um meinen guten Willen zu zeigen. Verfüge über meine Mittel, ich bitte dich darum.“

Molh sah mit seinen in den Augenhöhlen wirbelnden, beim genauen Hinsehen nicht zu fixierenden und schon gar nicht zu beschreibenden Materieströmen, die seine Augen darstellten, Armth lange an. Einerseits war seine anfängliche Erregung der Zorn, den Verursacher der großflächigen Zerstörung seines Sitzes vor sich so ruhig stehen zu sehen, andererseits wäre es womöglich ein Leichtes, ihn jetzt und hier überraschend anzugreifen, befanden sie sich doch in seinem, Molhs Palast, wo genügend gezügelte Kräfte nur darauf warteten, gegen Feinde losgelassen zu werden. Er überlegte blitzschnell, zuerst die Feuerschirme um Armth zu legen und in unfassbar kurzer Zeitspanne darauf, würde er ihn mit abnorm potenzierter Schwerkraft, fokussiert auf den Kopf, töten. Armth, der genau die Gefahr erkannte, in der er sich seit seines Erscheinens befand, stand äußerlich ruhig vor Molh, in seinem Innersten allerdings wachsam wie eine Uhnh, die ihre Brut beschützt. In den wirbelnden Abnormitäten von Molhs Augen war nichts zu erkennen, das als Zeichen eines Angriffs zu deuten gewesen wäre. In diesem Augenblick des Abschätzens, wurde ihm mit einem Male die ganze Situation in ihrem gesamten Ausmaß bewusst. Der Himmel war so friedlich, strahlte warm und die Landschaft unter ihm glänzte und war prall von Leben, ja sogar das Donnern und Kreischen der Arbeiten weit entfernt im Zentrum des Palastes klangen nicht mehr so fremd und gewalttätig wie kürzlich erst. Das Alles gewahrte er in einem kurzen Moment der Besinnung und auf einmal musste er lächeln. Da brach Molh sein Schweigen: „Ich zürne dir zwar sehr, denn über die Ausmaße der Zerstörung, die du meinem Eigentum angetan hast, hast du dich mit eigenen Augen überzeugen können. Aber ich danke dir für das Anbieten deiner Hilfe, doch bin ich in der Lage, selbst rasch die Ausbesserungsarbeiten an den beschädigten Arealen und Tempeln abzuschließen.“ Er sagte nichts über die Gefahren für ihn selbst, die bestünden, wenn Armth und seine Helfer womöglich verborgene Geheimnisse der Sicherheitssysteme, die sich überall in seinem Palast befanden, entdecken würden, wenn sie hier bei den Wiederaufbauten mithalfen. Niemand sollte, so schwor er sich, die wahre Stärke und Kraft seines Göttersitzes jemals ahnen dürfen, denn dann würde er angreifbarer sein als jetzt.

„Nun gut“, sagte Armth, „du bist Herr deines Willens und wirst das Richtige tun. Noch einmal versichere ich dir, dass ich zutiefst bereue, was ich, ohne dass es mir bewusst war, dir antat. In Frieden möchte ich nun gehen.“ Er hob zum Abschied die Handflächen an seine Brust, drehte sich um und nahm den Weg zu den breiten Treppen, die an der Mauerwölbung hinunter führten, um dann die Straße nach Lomhendah zu nehmen, die auch an seinem Anwesen vorbei lief. Er wählte bewusst den Weg der einfachen Leute und nicht die bequemere Möglichkeit, einfach zu verschwinden und zugleich in seinem Haus wieder zu erscheinen, in der gleichen Art und Weise, wie er hinter Molhs Rücken Gestalt geworden war.

Armth genoss den Gang durch die üppige Landschaft. Kam er an Höfen und Häusern vorbei, so grüßten ihn die Menschen erfreut und freundlich, denn für sie war er ein gütiger Gott, der ihnen nie Böses tat, nicht so wie der Herrscher Molh oben auf den Hügeln von Serhkihdh, der sich nichts aus den Sorgen und Leiden der einfachen Menschen machte und er unter ihnen sogar wütete, wenn Zorn und Hass ihm die Sinne verdarben.

In seinem bescheidenen Gehöft angekommen, suchte er sofort seine Gemahlin auf, um ihr ausführlich das Treffen mit Molh zu schildern. Dass es so glücklich ausgegangen war, stimmte sie milde. Auch war sein Bruder Lufhd, wie immer lachend und scherzend mit einem Weinglas in der Hand, anwesend. Er brachte immer alle zum Lachen, wusste immer ein gutes Wort für jeden. Es war gut dass er hier war, dachte Armth, denn so würde Legdh nicht so leicht in Trauer und Schwermut versinken, wegen seiner baldigen Reise, bei der er sie zurücklassen musste. Noch einmal traf es ihn wie einen Hammerschlag, als ihm die Tragweite seines Entschlusses bewusst wurde. Er würde lange, ja vielleicht jahrelang weg sein, oder sogar, er erschauerte bei dem Gedanken, womöglich bei diesem Unterfangen sterben.

Die Reise nach Omonoph

1

Nun galt es, diese Reise auf das Genaueste vorzubereiten. Armth hatte vor, eine Mannschaft zusammen zu stellen, die, wenn es darauf ankommen sollte, furchtlos und mutig den Gefahren ins Auge zu blicken imstande war. Der Weg zur Stadt Omohaa auf Omonoph war ein weiter, mit unzähligen Hindernissen gefährlicher Natur versehener. Es gab zwei grundsätzlich unterschiedliche Wege, zur Felseninsel Omonoph zu gelangen.

Der eine führte vom Dorf Kemdoman weg mit der Fähre über den Strom Maspah, von dort wies ein Pfad durch die grauenvollen nördlichen Sümpfe Bhaanaah zum Shabehn Gebirge, über dieses musste man einen beschwerlichen, stellenweise fast unbegehbaren Weg zu einem im Süden des Massivs befindlichen Steilabfall benützen. Diesen mußte der Reisende hinuntersteigen zu den südlichen Sümpfen und selbige durchqueren, bis er zu Kehlhels Hafen gelangte. Wenn der Reisende dies alles überlebt hat, braucht er ein gutes Schiff, um die Insel der Leiden zu umfahren, die inmitten des Meeres des Ewigen Sturmes liegt, der in diesen Gewässern tobt und wütet und alles und jeden zu vernichten gedenkt. Dann, wenn er überlebt hat, dann erst sieht er den gewaltigen Kegel Omonoph aus grauem, härtesten Granit, auf dessen Gipfelhöhe, dem Himmel schon fast nahe, die Stadt Omohaa thront, das Ziel der Fahrt. Tausend Tode könnte auf diesem Wege der Reisende sterben, bliebe er nicht andauernd mit geschärften Sinnen umsichtig und wachsam.

Der andere, nicht weniger gefährliche Seeweg, führt erstmals zu Lande von Armths Sitz über die Straße in zwei Tagesreisen nach Lomhendah. Dort müsste ein starkes, wehrhaftes Schiff vorbereitet sein, mit dem man dem Strom Maspah bis zu seiner Mündung in das Meer des KHDTA folgt. Die Gefahren nach dorthin sind nicht minderer als die bei der Reise über das Shabehn Gebirge, ja sogar zahlreicher und die Umschiffung der rotierenden Insel, auf der der Palast des uralten Gott KHDTA aufgebaut ist, in dem Alradhatt, der Wächter des Tempels, alleine haust, haben bis zum heutigen Tage nur wenige Mutige überlebt. Diese schreckliche Insel wurde vor Äonen, so war man im Götterrat sicher, von einem des Geschlechts der Koghden auf dem Erdenrund erbaut. Zu guter Letzt hatte der Reisende im Meer des ewigen Sturmes die Insel des Vergessens und die Insel der Leiden noch zu umschiffen, um endlich die Insel Omonoph vor sich zu sehen.

Armth hatte sich, seit er den Entschluss zu der Reise gefällt hatte, bereits für den Seeweg entschieden. Durch die grauenvollen Sümpfe und über das Gebirgsmassiv zu gehen, wäre sicherlich erschöpfend und bis zum Äußersten anstrengend, denn die Nahrung, die Waffen und sonstiges Notwendiges wäre den ganzen beschwerlichen Weg mit zu tragen. Ein Schiff brächte diesbezüglich nicht zu verachtende Vorteile und schien aus vielerlei Gründen sicherer zu sein. Obwohl man auch da in keinster Weise die Wachsamkeit verlieren durfte, mit Schwierigkeiten und Schrecklichkeiten musste man auch auf dem Meere jederzeit rechnen.

Das Wichtigste an so einem Unterfangen war, eine gute, verlässliche Mannschaft auszusuchen, daran gab es keine Zweifel. Armth grübelte Tag für Tag, wer von seinen Freunden und Familienmitglieder in Frage käme, denen er zutraute, in jeder Lebenslage kühl und überlegt handeln zu können. Seinen Bruder Lufhd hätte Armth gerne an seiner Seite gewusst. Er würde ihn auch darauf ansprechen. Die Leichtigkeit und das freundliche Wesen des Bruders konnte wahrscheinlich in schwierigen Situationen von Bedeutung sein, da er oft seine Gabe bewiesen hatte, gerade wenn jemanden der Mut zu verlassen drohte, den Betreffenden mit aufmunternder Rede wieder aufzurichten und zu stärken. Außerdem hatte er Zugang zu den verborgenen Wesenheiten des Wassers, diese Stärke konnte von großer Wichtigkeit sein, wenn es darauf ankam.

Wenn er an seine Töchter und Söhne dachte, so war Malhd die Einzige, der er zutraute, die Reise überstehen zu können, da sie mutig war und auch nie ihre Zuversicht verlor. Ganz wichtig war ein hervorragender Navigator, der die See gut kannte. Er würde Joranh, den Fischer, fragen, ein vertrauenswürdiger Mann, der ihm auch ein richtiger Freund war. Er kannte sich mit Schiffen aus, war ein hervorragender Steuermann und Navigator, er wusste um die Verwendbarkeit der verschiedensten Hölzer genauestens Bescheid und gab es einmal Probleme, wusste er immer eine Lösung mit Hand und Fuß.

Joranh kannte sicher auch noch drei oder vier erfahrene Seeleute, die bereit wären, die Reise mit anzutreten.

Drei seiner persönlichen Beschützer, die ihm treu ergeben waren und schon mehrmals Armths und Legdhs Leben gerettet hatten, würde er ebenfalls bitten, die Reise mitzumachen. Dies waren Dheekh, Mlah und der schweigsame Holosh. Die Drei beherrschten außerdem die Kampfkünste wie keine anderen, darüber hinaus hatte der schweigsame Holosh die seltene Gabe des Sehens durch jede beliebige Materie, welche der normal Sterbliche nicht besitzt und die sich womöglich als lebensrettend erweisen könnte, käme man in eine entsprechende Lage.

Diese Überlegungen warfen die entscheidende Frage auf, wie hoch die Zahl derer sein durfte oder müsste, die letzten Endes mitkämen. Denn eine zu große Mannschaft konnte in sich schon unliebsame Probleme auf Grund der verschiedenen Charaktere mit sich bringen, wenn Zusammenhalt gefordert ist und Einstimmigkeit bei entschiedenem Entgegentreten einer Bedrohung aller. Zuwenig Begleiter mitzuhaben wäre auch töricht, denn die Wenigen wären im Ernstfall überfordert, all die wichtigen Arbeiten auf dem Schiff auszuführen und schlimmstenfalls noch dazu eventuellen Gefahren an Schiff, Leib und Leben zu trotzen.

Was das Schiff selbst betraf, so kam für Armth nur ein Neubau in Frage. Das Schiff musste jeder Beanspruchung genüge tun. Es sollten die besten Hölzer, die widerstandsfähigsten Segeltücher und Taue Verwendung finden. Das Gefährt sollte mit den schnellsten Schiffen mithalten können, aber zugleich an Robustheit die Galeeren des Johgallh übertreffen, die als unbezwingbar galten. Joranh, der Fischer war, da war sich Armth sicher, der richtige Mann, um den Bau des Schiffes zu überwachen. Armth hatte größtes Vertrauen in ihn.

Nachdenklich und voll innerlicher Sorge, seine geliebte Frau Legdh für unbestimmt lange Zeit zurück lassen zu müssen, fiel er eines Nachts in einen unruhigen Schlaf. Die Bilder, die er träumte, waren von so einer unsagbar fremdartigen Kraft und Schönheit und auch wie eine hinter schweren Vorhängen lauernde Gefährlichkeit, die ihn erschauern ließ. Er ging, nein, er schwebte eine schmale Allee von blutroten, flimmernden, kompliziert aufgebauten Säulen entlang, die, als er ihnen näher kam, sich als irrsinnig schnell um ihre Achse rotierenden Bäume entpuppten. Während er staunend diese groteske Allee entlang schwebte, wurde er immer schneller und schneller bis er meinte, das Bewusstsein zu verlieren. Eintauchend in die Leere und Schwärze des Verlustes seines Selbst besaß er dennoch Sinne, aber gänzlich anderer Natur. Diese Räume, die er schaute, wechselten fortlaufend ihre Dichte, so jedenfalls kam es ihm vor, warum und wie sie das machten, über diese Gesetze wusste er nichts. Plötzlich hatte er riesengroß das Gesicht Legdhs vor sich. Ihre lila Augen glänzten in Freude und Liebe, so als ob Legdh ihn wieder begrüßen würde nach einer langen, langen Reise.

Da fuhr er auf aus seinem unruhigen Schlaf und den seltsamen Träumen. Dabei hatte er seine Gemahlin auch unbeabsichtigt geweckt, die ihn darauf hin besorgt an seiner Schulter berührte. Armth, noch benommen von dem verwirrenden, absurden Traumspiel, sah sie unsicher an. Sollte er ihr den Traum erzählen? Nein, entschied er, sie würde ihn zu deuten versuchen und sich wahrscheinlich ängstigen, mehr als er es tat. Also schwieg er. Legdh wusste über die Sorgen und Probleme, die mit seiner bevorstehenden Reise ins Ungewisse in Zusammenhang standen und ihn die letzten Tage und Nächte beschäftigten. Armth hatte seine Gemahlin inständigst gebeten und sie angefleht, nie während seines Wegseins in seine und die der anderen Gefährten Zukunft zu sehen, wie lange auch es dauern möge. Sie beteuerte, es gar nicht vorgehabt zu haben, denn es würde die Schicksale der einzelnen Reisenden ungünstig beeinflussen, ja sogar ungeahnte Mächte könnten dadurch auf sie aufmerksam werden, die am besten für alle Zeiten schlummernd in ihren Traumreichen bleiben sollten.

Armth war beglückt, als sein Bruder Lufhd mit Begeisterung zusagte, ihn zu begleiten. Malhd, die Göttin der Liebe und Armths Tochter, war auch ohne lange zu zaudern dafür, mit zu kommen, sie sagte, ihr Vater und sein Bruder wären ihr viel zu teuer, um beide ohne sie ziehen zu lassen. Auch als Armth sie auf die mannigfaltigen Gefahren aufmerksam machte, die sie erwarten würden bei ihrer beschwerlichen Fahrt und dass sie auch mit dem Tode rechnen mussten, ließ sich seine Tochter nicht davon abbringen.

„Sieh, Vater, wenn ich auch nicht des Kampfes mächtig bin wie du, so habe ich trotzdem Zuversicht, denn mein Wirken liegt in Bereichen, die im Innersten der Wesenheiten verborgen und bestimmend für ihr Selbst sind“, sagte sie.

Dheekh, Mlah und Holosh, seine Leibgarde waren, ohne auch nur im Geringsten zu zögern, dabei.

2

Nun war es an der Zeit, Joranh aufzusuchen. Seine Teilnahme wünschte Armth sich sehnlichst und er fürchtete sich fast, ihn darauf anzusprechen, denn eine Absage seinerseits hieße, die Reise noch einmal gründlichst überdenken zu müssen, ja sogar sie möglicherweise zu verwerfen.

Doch Joranh lächelte und sagte: „Armth, mein Freund, wie könnt Ihr fürchten, dass ich mir so ein Abenteuer entgehen lassen würde? Ihr kennt mich doch gut und müsstet daher wissen, dass ich überall mit Euch hingehe, wann immer Ihr es wünscht.“ Joranh war ebenfalls sofort bereit, mit einigen seiner Freunde, alles hervorragende Zimmerleute und Seefahrer, über die Reise zu reden, um drei oder vier dafür zu gewinnen.

Tatsächlich, nach einigen Tagen kam Joranh zu Armth, im Gefolge von sechs Männern, allesamt kräftige Gestalten, aber keineswegs ungeschlachten Eindruck machend und bat ihn um eine Unterredung, die Reise betreffend.

„Mein Freund“, begann Joranh, nachdem sie sich um den runden Tisch niedergelassen und von den von Armths Gemahlin gebrachten Erfrischungen gekostet hatten, „ich möchte Euch mit diesen Männern bekannt machen, die auch danach fiebern, bei Eurer Fahrt dabei sein zu dürfen. Ihr spracht von höchstens vier fähigen Leuten, die noch nötig wären. Wisset, auch ich wäge Notwendigkeit und Unvernunft ab, doch bin ich überzeugt, wenn Ihr diese Männer hier kennengelernt habt, werdet Ihr meine Einschätzung, auf die Hilfe und Unterstützung dieser Leute nicht verzichten zu wollen, teilen.“

Armth hatte zugehört und sah in die Runde. Ja, es waren, das spürte er, gute, vertrauenswürdige Leute, die schon einiges erlebt hatten, da war er sicher.

„Dies hier“, Joranh zeigte auf den Mann rechts neben ihm, „ist Beneeh. Er hatte mit Tradh, der neben ihm sitzt, die Semedeah einst gebaut, das Schiff, das, wie Ihr sicher wisst, die östlichen Meere durchkreuzte und unbeschädigt den Angriffen der Ungeheuer von Naahaa standgehalten hatte. Links von mir sitzt Zetth, der alle Hölzer und deren Eigenschaften kennt, die auf der ganzen Welt gedeihen und kennt Geheimnisse ihres Wesens, die nicht einmal ich kenne“, sagte lachend Joranh und klopfte Zetth freundschaftlich auf die Schulter.

„Armth, mein Freund, könnt Ihr Euch an die Entdeckung des Landes Prokeokon inmitten der damals noch unerforschten Nordmeere erinnern?“

Armth konnte sich noch gut daran erinnern. Eine Mannschaft von unerschrockenen Leuten wagte damals die Fahrt in das ewige Eis und trotzte unglaublichen Mühsalen und Entbehrungen und nach drei langen Jahren Finsternis, die dort die Welt umschlossen gehalten hatten, kehrten sie eines Tages zurück, ohne ein einziges Leben verloren zu haben. Das Schiff, ein besonders sorgfältig und meisterhaft ausgeführtes Gefährt, hatte alle beschützt.

„Dieser alte, aber noch rüstige Mann hier“, dabei verneigte sich Joranh vor einem weißhaarigen, am Tisch stolz aufrecht sitzenden Mann, „ist Heigdinh, der Erbauer dieses Schiffes und er fuhr auf dieser Entdeckungsreise mit.“

Armth war einen Augenblick über den Umstand sprachlos, so einen berühmten Mann in ihrer Mitte zu wissen. Spontan erhob er sich, umrundete den Tisch, verneigte sich so wie Joranh es auch tat vor dem Alten und bot ihm die Hand.

„Ehrenwerter Heigdinh, einen so erfahrenen, furchtlosen Mann wie ihr es seid, in meinem Haus begrüßen zu können, stimmt mich ehrfürchtig und dankbar.“

„Aber noch nicht genug der Überraschungen“, ergriff Joranh wieder das Wort, „dort, neben Heigdinh, sitzen die Brüder Aosith und Wigsith, welche unerschrocken die nördlichen und südlichen Sümpfe Bhaanaahs auskundschaftet, begehbare Wege gefunden und davon genaue Karten angefertigt haben. Sie können berichten, welch grauenhafte Wesen darin hausen und abnorme Fallen auf den Unkundigen warten.“

Armth mußte zugeben, sehr angetan zu sein von den Männern und ihren Taten und war ungemein beruhigt, diese Leute als seine Begleiter bei der Fahrt dabei zu haben. Das tat er auch kund und machte die Runde nun auch mit seinen persönlichen Beschützern, Dheekh, Mlah und Holosh bekannt, die er mitzunehmen gedachte.

So wie es schien, konnte die Konstellation der Beteiligten nicht vorteilhafter sein. Alles waren erfahrene Meister ihres Faches und brachten noch dazu eine gehörige Portion Mut, Zähigkeit und Ausdauer mit. Er konnte sich glücklicher nicht schätzen, dachte Armth, als er in die Runde sah, in der nur noch sein Bruder Lufhd und seine Tochter Malhd fehlte, die aber noch erscheinen wollten.

Da schlug schon die Torglocke. In der Tat, es waren die Erwarteten. Ohne Scheu machten sie sich mit den Anderen vertraut und Lufhd hatte bald alle zum Lachen gebracht mit seinem gewinnenden Wesen und auch Malhd zog die Blicke auf sich, ihre liebevolle Ausstrahlung tat jedem sehr wohl und mit ihrem gütigen Wesen, gepaart mit unglaublicher Schönheit, betörte sie die Männer. Besonders Wigsith konnte seine dunkelbraunen Augen nicht von ihr lösen.

So bat Legdh alle noch zu einem großen Mahl in den langen Saal ihres Hauses und da tauschten sie Geschichten und Berichte aus, lachten und scherzten und ein fröhliches Beisammensein endete spät in der lauen Nacht, die erfüllt war von süßen Düften der Gartenpflanzen und Blumen, die das große Haus umsäumten und auch im weitläufigen Garten sich entfalten konnten.

Früh am nächsten Tag, stand Armth voll Tatendrang und Ungeduld auf, denn nun war die Zeit gekommen, den Entwurf des Schiffes anzufangen. Er hatte mit Joranh vereinbart, sich mit den anderen bei ihm, in Joranhs Haus zu treffen und die ersten Gespräche darüber zu führen, unter welchen Gesichtspunkten der Entwurf und dann der Bau des Schiffes anzugehen sei. Die genauesten Kenntnisse über die Holzarten, aus denen die jeweiligen Teile des Rumpfes und der Aufbauten gefertigt werden müssten, besaßen glücklicherweise vor allem der weise Heigdinh, dann Joranh, Beeneeh und Tradh. Mit diesen Leuten war garantiert, dass nur das bestmögliche Schiff gebaut werden würde.

Armth hatte, was die Anordnung der benötigten Räume betraf, die Vorstellung, das Oberdeck möglichst frei von Aufbauten zu lassen, nur einen überdachten, nach allen Seiten freien Heckaufbau, aus starkem Holz gefertigt. Dadurch, dass die Lagerräume, Schlafkojen und der Gemeinschaftsraum unten im Zwischendeck untergebracht seien, wäre Leib und Leben ausreichender geschützt, käme das Schiff auf See in Bedrängnis. Heigdinh jedoch widersprach dem, denn er hätte die Erfahrung gemacht, bei Angriff durch wen auch immer, sei ein ebensolcher überdachter vorderer Aufbau von zwingender Notwendigkeit, da Angreifer entschiedener abgewehrt werden konnten.

Dem stimmten Joranh, Beeneeh und auch Tradh zu und Armth schließlich auch, denn es war sehr wohl von Vorteil, bei Gefahr zwei geschützte Verteidigungsorte auf dem Schiff zu besitzen, mit Abgängen in den Schiffsrumpf, die wenn nötig, mit absperrbaren Falltüren gesichert werden konnten.

Für Kiel, Spanten und für den Mast wurde einstimmig das Holz des Fedraabaumes gewählt, der im Norden von Urnhald beheimatet war und als härtestes und zugleich zähestes Holz unter den Schiffskundigen begehrt war, jedoch in der benötigten Menge nur im Hafen von Lomhendah lagernd war. Das waren zwei Tagesreisen. Aus diesem Grunde beratschlagte man und beschloss, den Bau doch im Hafen von Lomhendah zu beginnen, dort gab es auch genügend Holzhändler, die die anderen benötigten Hölzer sicher lagernd hatten und somit der Bau zügig voran getrieben werden könnte.

Armth war überall gerne gesehen und auch in Lomhendah, wo er mit Joranh das Hafenviertel aufsuchte. Dort fanden sich Liegeplätze und Werkstätten, die Händler und natürlich auch Schiffsbauer gegen Entgelt pachten konnten. Armth entschied sich für ein Areal, das etwas geschützter gegen Blicke Neugieriger war, da es großflächig überdacht war und einen direkteren Zugang zum Fluss hatte.

Armth hatte nichts zu verbergen, nein, aber es musste nicht gleich jedermann wissen, was er vor hatte.

Die Werkstätte verfügte über große Winden und einen Hebebaum, was von Vorteil war, denn schwere Bauteile waren leichter damit zusammen zu fügen. Außerdem waren auf Grund der Überdachung die Arbeiten vor Regen geschützt, der in dieser Gegend sehr heftig ausfallen konnte. Joranh und Armth waren sich einig, schon morgen früh die Leute zu sammeln und sofort mit den nötigen Vorbereitungen zum Bau zu beginnen.

Legdh wurde, je näher Armths Abreise ins Ungewisse kam, nachdenklicher und schweigsamer, marterte sie doch die Sorge um ihn und seine Leute, die auch in den Nächten ihr einen unruhigen Schlaf mit schrecklichen Träumen auslöste. Doch auch ihrem Gemahl plagten, vor allem Nachts, Gewissensbisse, in die Fremde zu ziehen, für unbestimmte Zeit und sie alleine zurück lassen zu müssen. Er hatte zwar den Bediensteten und Wächtern eingeschärft, während seiner Abwesenheit ihre Pflichten besonders wahrzunehmen und dass keinesfalls ihr etwas zustoßen durfte.

In den letzten Tagen waren ungewöhnlich oft ihr Sohn Legth und ihre Tochter Legda zu Besuch. Beide hassten Armth zutiefst. Armth hatte sich solch heftige Abneigung ihm gegenüber nie erklären können, vor allem die nicht von Legda.

Dass Legth seit jeher zornig war wegen dem Verbots, Zweitgeborene durften dem Großen Götterrat nicht beiwohnen, hatten seine Eltern allzu oft zu spüren bekommen. Legth war das zweitgeborene Kind. Armth hatte ihm wiederholt eröffnet, er, sein Vater habe sich an dieses Gesetz zu halten, es sei ein Gesetz, vor Äonen von den Urgöttern festgeschrieben für alle Zeiten. Doch davon wollte Legth nichts wissen und seine Enttäuschung entlud sich in bodenlosen Hass auf seinen Vater. Armth erklärte beider Hass sich damit, sie in entscheidenden Lebensabschnitten auf sich selbst gestellt gelassen und nicht, wenn sie ihn gebraucht hatten, sie geführt und geliebt zu haben.

Auch Legdh war tief getroffen von dem Verhalten und den Zornesausbrüchen beider Kinder, liebte sie sie doch, wie eine Mutter liebt.

Als eines Abends Legda und Legth wieder einmal zu Besuch erschienen, kam es zu unliebsamen Ausbrüchen von Zorn und Hass des Sohnes. Er warf seinem Vater Worte an den Kopf, die besser hier verschwiegen werden. Es waren Drohungen dabei von Gewalttaten, die erschaudern lassen und besser verschwiegen werden. Angefangen hatte der Streit harmlos. Ein wunderbares Essen hatte Legdh aufgetischt und es wurde geplaudert, aber als Legth seinen Vater fragte, ob es wahr sei, was er vernommen habe, dass er eine weite Reise plane und Armth das bejahte, lachte Legth auf und fragte frech: „Wann fahren wir?“

Armth sah seinen Sohn an und sprach: „Legth, mein Sohn, ich muss dich enttäuschen, aber ich kann dich nicht mitnehmen.“ Da war plötzlich gefährliche Stille im Raum.

„Warum … nicht?“ Legths Stimme zitterte.

„Ich aber werde mitkommen, nicht wahr, Vater?“ Spott und Hinterlist lag in Legdas heller Stimme.

„Nein, auch dich muss ich enttäuschen, du kannst ebenso nicht mit“, sagte Armth mit fester Stimme, „versteht doch! Unzählige Gefahren würden in der Ferne auf euch lauern und ich könnte es mir und eurer Mutter nicht verzeihen, wenn euch ein Leid geschieht.“

Legda lachte schrill auf. „Deine Fürsorge kommt zu spät, Vater! Ich habe von deinen und deinen, Mutter, verlogenen Heucheleien genug!“

Jetzt fuhr auch Legth hoch und bleich im Gesicht schrie er seinen Vater an: „Du Lügner, du Verräter! Dir geht es nicht um uns . . . ich hasse dich aus den tiefsten Gründen meines zerbrochenen Herzens, du Heuchler, sei verdammt und stirb tausend Tode, du sollst leiden, wie noch kein Wesen vor dir auf dieser verdammten Welt, die ich wie dich hasse und die Schrecknisse auf deiner verfluchten Fahrt bereithalten wird für dich und deine Männer, wie ihr sie noch nie erträumt habt, das will ich hiermit schwören!“

Daraufhin sprang er auf und stob hinaus, ohne eines Blickes für Mutter und Vater. Legda lachte ihr schrilles Lachen und verschwand grußlos.

Legdh und Armth blieben wie versteinert zurück. Legdh war zutiefst verletzt und wollte etwas sagen, doch ihre Stimme versagte und der Seelenschmerz, der ihr Herz in ihrer Brust fast zerriss, ließ sie schwindeln. Langsam fanden ihre Tränen den Weg hinaus aus ihren vor Trauer gebrochenen Augen und sie schluchzte bitterlich. Armth nahm seine geliebte Frau in seine Arme und weinte mit ihr still seinen Schmerz in die Welt.

„Geliebte Legdh, mein Leben, bedenke, gerade jetzt im größten Schmerz: wir sind nicht machtlos, auch nicht gegen diese verabscheuungswürdigen Anfeindungen und Gemeinheiten unserer Kinder. Mit Liebe werden wir gemeinsam die Herzen dieser unserer unglücklichen Kinder zu heilen versuchen und ich bin zuversichtlich, wir werden diese schier unmögliche Aufgabe vollbringen.“

Trotz allem, er musste diese Reise antreten, denn seine innere Zerrissenheit, die er sehr gut vor anderen verbergen konnte, peinigte ihn immerfort.

Auf Omonoph stand in der am höchst gelegenen Stadt der Welt, in Omohaa, der Heilige Schrein der drei Götter, die Einer waren, Omho, Ohom und Mhomh, genannt Moomhoo. Diese Götter, die Einer sind, erkennen jede, auch die kleinste Sinnesspaltung einer Seele und wenn der oder die zu Ihm Kommende um Hilfe bittet, so liegt es an der Lauterkeit und dem Willen der oder des Bittenden, Frieden finden zu wollen, um durch Ihn eine wundersame Umwandlung der innersten Lebenskraft und damit der Sinne zu erfahren. Er wollte bar jeden Vorteils und aller Privilegien, die ein Gott in der Welt der einfachen Menschen genießt, diese Reise bestreiten. Desgleichen schwor er sich, seine besonderen Fähigkeiten ruhen zu lassen und über sie so lange nicht verfügen, bis er nicht im Heiligen Schrein in Omohaa seine Läuterung empfangen hätte - auch dann nicht, wenn ein Menschenleben, oder gar sein eigenes in Gefahr sein sollte. Dieses Gelübde hatte er abgelegt und sich daran unumstößlich gebunden.

Armth erhoffte inständig, befreit zu werden von seinen Angstträumen, die ihn Nacht für Nacht peinigten. Seine frühere Herrschsucht, der er in jungen Jahren und auch noch bis vor nicht allzu langer Zeit unterlag, hatte viele Freundschaften zerstört, seine Gemahlin hatte sich vor vielen Jahren fast schon von ihm trennen wollen, so verletzend und despotisch war er zu ihr und seinen Kindern. Doch er hatte Einsicht gewonnen und sich gebessert.

Aber seltsamerweise suchten ihn nächtens immer mehr und immer wüstere Angstträume heim, je gütiger er von mal zu mal wurde. Diese Spaltung entlud sich in seinen Träumen und es gab Nächte, da wollte er seiner Existenz ein Ende setzen. Nur seine Liebe zu Legdh, zu seinen Kindern und den neuen tiefen Freundschaften, die er durch seine Wandlung zum Guten gewonnen hatte, hielten ihn davon ab.

Eines Nachts, als er wieder in seine grauenhafte Traumwelt geworfen wurde, da fand er sich wieder, wie so oft, in der Allee mit den wirbelnden, roten Bäumen. Wieder schleuderte es ihn in aberwitziger Schnelligkeit die endlose Allee entlang, doch diesmal wurde er nach erst kurzem Flug von etwas aufgehalten, als würde die Luft immer dichter, wie eine zähe Flüssigkeit, durchsichtig zwar, aber langsam stockend wie der Honig der Aseahs. Mit seinem Langsamerwerden rotierten auch seltsamerweise die roten Bäume immer langsamer, bis sie stillstanden, wie es in der Welt so üblich ist. Da erst gewahrte er, dass es gar keine Bäume waren, sondern Statuen, Bildnisse von Göttern und Menschenwesen die er kannte. Er konnte sich nicht mehr bewegen, wie eingefroren in blankes Eis, aber wohlig warm war ihm und er hatte dabei nicht eine Spur von Angst empfunden, ja es gefiel ihm sogar. Und da sah er plötzlich wieder Legdhs Gesicht, groß und schön und sie sagte nur ein Wort, seinen Namen. Wie durch eine wundersame Eingebung wusste er in diesem Augenblick, was zu tun sei. Er musste die Reise nach Omonoph verwirklichen!

Der Sommer war im Land des Stromes Maspah eine herrliche Zeit, denn die Natur brachte hier besonders wohlgestaltete und üppig gedeihende Pflanzen hervor, die sowohl Götter als auch Menschen und Tiere erfreuten. Überall im weiten Tal des Stromes mit seinen sanften Hügeln, die in allen Farben vor Leben glühten und leuchteten, lag die Hitze des Tages.

Die Arbeiten am Schiff gingen zügig voran. Von Früh bis spät wurde gearbeitet. Das Abrichten der schweren Hölzer, die das Unterschiff bilden sollten, war Schwerstarbeit. Armth selbst schonte sich genauso wenig wie die Anderen, denn er war es gewohnt, wie Menschen zu leben, die ihr Dasein auch durch harte Arbeit sichern mussten, auf den Feldern, wie auch in den Wäldern. Durch die gemeinsame Arbeit lernten sich die Männer auch besser kennen und Armth war mit jedem Tag, wo er sie um sich hatte, glücklicher und zuversichtlicher.

Der alte Heigdinh erwies sich als ungemein pfiffig und einfallsreich, was Erleichterungen bei schwierigen Arbeiten betraf. Er entwickelte, wenn es nötig war, für seine Tage ungeahnte Kräfte, die die Männer staunen ließen. Er aber lachte nur nach so einer Anstrengung. Joranh, Beeneeh und Tradh waren Meister im Abrichten, Schnitzen und wussten geschickt das Beil zu führen. Zetth, der unscheinbar und bescheiden sich gebende Mann verblüffte aber einmal die Anderen mit einer Anordnung, die sein außergewöhnliches Empfinden für Holz bewies und dadurch eine große, unverzichtbare Hilfe war. Armth, Joranh und Zetth suchten bei einem Holzhändler ein starkes, schweres Langholz für das Unterdeck. Im Lager des Händlers waren nur zwei in Frage kommende Stücke. Joranh und Armth entschieden sich für das Holz, das ihrer Ansicht nach am gesündesten aussah, doch Zetth trat hinzu, legte kurz seine Wange an den Balken und meinte dann, sie sollten das andere Holz nehmen, dieses hier sei von einem kranken Baum und werde nichts aushalten. Sie vertrauten Zetth und tatsächlich erfuhren sie zwei Tage später, dass Zetths Gespür richtig war. Den vermeintlich gesunden Holzbalken nahmen kurz nach ihnen Arbeiter mit, um ihn in eine Brückenkonstruktion einzubauen. Das Stück hielt nicht der geringsten Belastung stand und brach ein. Vier Männer kamen dabei um ihr Leben.

Die Zeit verging und das Schiff nahm Gestalt an. Und eines Tags stand der Mast, fest in der Keilung, durch die Wanten abgesteift und das Schiff war fertig. Das Segel war aus bestem Tuch gefertigt, bereit, dem stärksten Sturm zu trotzen.

Armth hatte auch einen Namen bestimmt, den das Schiff erhielt und am Heck eingebrannt wurde. Er nannte es „Legdh“, so wie seine Gemahlin hieß.

Die Männer und Armth waren sich einig, das Beste gegeben und das bestmögliche Gefährt geschaffen zu haben. Stolz und sanft wiegte es sich im vom Abendlicht erhelltem Wasser und strahlte Ausdauer und Kraft aus.

Armth hatte eine Einladung des Stadthalters für diesen Abend angenommen, aber er hatte sich ausbedungen, auch seine Mannschaft mitbringen zu dürfen. Der Stadthalter gab sein Einverständnis, war es doch nicht alltäglich, dass Götter eine so beschwerliche Schiffsreise auf sich nahmen. Aber man kannte im Lande die Gepflogenheiten Armths, der lieber unter den Menschen weilte als unter seinesgleichen.

Das Fest war prächtig vom Stadthalter ausgerichtet und bot die höchsten Gaumenfreuden und jeden staunend machende Unterhaltungen. Bis spät in die Nacht feierte man, bis Armth seine Gefährten mahnte, sich endlich zurückzuziehen, da es in einigen Stunden schon fort ging.

Der Stadthalter und seine Kommissare wünschten ihnen noch feierlich Glück und Gesundheit für die Reise. Morgen würden sie ihr Zuhause verlassen, ihren Lieben und Freunden für unbestimmte Zeit den Rücken kehren, um das große Abenteuer zu bestehen, das hieß, Omonoph zu erreichen, die Granitinsel und Armths Schicksalsinsel.

Alles Gerät, die Waffen, Proviant und die persönlichen Sachen waren verstaut. Der Abschied von Legdh war ein tränenreicher. Armth schärfte nochmals den Wächtern seines Gutes und persönlichen Beschützern Legdhs ein, während seines Wegbleibens größte Wachsamkeit und Vorsicht walten zu lassen, um jede Gefahr für Legdhs Leben und das der Bediensteten abzuwehren. Armth erinnerte Legdh noch einmal an ihr Versprechen, nicht seine und die der Mitreisenden Zukunft zu befragen. Sie bejahte und beruhigte ihn, denn nur zu gut war ihr bewusst, was die Folgen solchen Tuns wären.

Zahlreiche Schaulustige hatten sich zu so früher Morgenstunde am Flussufer eingefunden, denn die Kunde, Armth würde eine Reise nach Omonoph wagen, war durch das ganze Land getragen worden und das wollte sich alt und jung nicht entgehen lassen.

Armth küsste noch einmal lange und innig seine geliebte Legdh. “Meine teure Legdh“, sprach er, „nun ist es soweit. Ich versichere dir, zurück zu kommen mit der Gewissheit, so geworden zu sein, wie es mein Wunsch und Sehnen ist. Die Götter des Schreins, die Moomhoo sind, werden sich meiner annehmen, so wird es sein. Lebe wohl!“

3

Er ließ die Taue lösen und den Anker lichten. Dann winkte er noch Legdh zu und auch in die Menge, da bemerkte er seinen Sohn Legth, der abseits stand und mit steinerner Miene herüber sah zu ihm. Armth wünschte, ihm noch versöhnliche Worte zurufen zu können, doch dazu war es schon zu spät, Joranh lenkte bereits das Schiff aus dem sicheren Hafen hinaus und der Strom nahm sie auf.

Obwohl endlich die Reise begonnen hatte, vermisste Armth die Freude und Abenteuerlust in sich über die Fahrt, für die er und die Anderen den Sommer lang so schwer gearbeitet hatten.

Abschied genommen zu haben von seiner geliebten Legdh, ging ihm ungeahnt näher als er es erwartet hatte.

Die erfrischenden Winde auf dem Strom vertrieben ihm nach und nach die düsteren Gedanken aus dem Sinn, als er so dastand bei Joranh am Steuer und spürte, wie das Schiff Fahrt aufnahm. Andere Schiffe befuhren auch das Wasser, sogar ein großes Handelsschiff ließen sie hinter sich, nach den Segeln nach eines aus Hannehann, hoch oben im Norden, das wahrscheinlich auch Tah Hath anlief, so wie auch sie das tun würden.

In Tah Hath, dem letzten Hafen vor der Grenze zu den Wassern und Landen, die jeder scheut, wollten sie noch bei einem Bergbauern, den Zetth gut kannte, drei Fässchen Lorhenasnüsse aufnehmen, die er ihnen unbedingt mitgeben wollte. So wie es aussah, würden sie Tah Hath am späten Abend erreichen, denn die Legdh flog förmlich über die Wellen.

Wie gedacht, in der letzten Dämmerung liefen sie in den Hafen der Handelsstadt Tah Hat ein und vertäuten das Schiff an einer ihnen vom Hafenmeister zugewiesenen Mole. Der konnte sein Staunen nicht verbergen und sagte, als er mit der Hand wie prüfend über das glatte Holz der Wehrung strich, dass er selten so ein wunderbar gebautes Schiff gesehen hätte, wie ihres und als er Armths Namen vernahm, da wurde der gute Mann blass vor Ehrfurcht, einen Gott vor sich stehen zu sehen. Armth lachte und beruhigte ihn mit freundlichen Worten. Der Hafenmeister wollte nächtens besonders scharf auf ihr Schiff aufpassen. Armth dankte ihm und steckte ihm eine schöne Summe an Münzen zu, als Belohnung seines angebotenen Dienstes.

Der Abend war milde, von leichten, warmen Winden erfüllt. Die Gefährten beschlossen, eine Gaststätte aufzusuchen und mit einer guten Mahlzeit und Wein diesen ersten Tag der Reise ausklingen zu lassen. Sie hatten aber vor, sich hier in der Hafenstadt kein Nachtquartier zu suchen, denn sie wollten lieber auf ihrem Schiff die Nacht verbringen. Die Luft war warm und verhieß eine angenehme, entspannende Nachtruhe.

Tah Hath war eine nicht sehr große Stadt, da bald vom Fluss gesehen, die sanften Hügelketten sich aufschwangen und zu einem richtigen Gebirge verwandelten, wo an den steilen Hängen kein Hausbau möglich war. So beschränkte sich die Besiedelung mit kargen Obst- und Gemüsegärten auf den Uferstreifen, der auch nur bedingt für den Bau von Häusern und Lagerstätten für allerlei Gerät und eingeschifften Waren brauchbar war. Der Hafen aber war sehr gut ausgebaut und bot auch Liegeplatz für große Handelsschiffe, die zahlreich Tah Hath anliefen, denn von hier wurden wertvolle und begehrte Güter aus den Bergen, den Strom Maspah hinauf, in alle Lande verschifft und unter die Leute gebracht.

Trotzdem zeigte die Stadt an vielen Stellen Anzeichen eines beginnenden Verfalls. So waren die einst prächtigen Bauten und Gärten, der große Marktplatz und die Uferpromenade etwas verwahrlost anzusehen. Besonders die engen Gassen im bergseitig gelegenem Bezirk mit den niedrigen Holzhäusern, die früher von den Bergbauern bewohnt waren, boten einen erbarmungswürdigen Anblick. Viele Dächer waren eingedrückt, als habe ein Titan gewütet, die Fenster waren großteils leere, dunkle Höhlen und die Holzsubstanz der Fassaden morsch und grau.

Die Erklärung dieses Umstandes des Niedergangs lag darin, dass die Hafenstadt Tah Hat die letzte südlich gelegene menschliche Siedlung darstellte. Hier mündete der Strom Maspah in das gefürchtete Meer des KHDTA, wie es von den Menschen mit Schaudern genannt wurde. In Tah Hat wussten einige Menschen schauerliche Geschichten von Schreckensdingen zu berichten, die sich in diesem Gewässer zugetragen haben sollen. Mit Sicherheit würden sich viele davon als maßlose Übertreibungen von verängstigten Personen herausstellen, im Trunke dahergesagt, um sich ungebührlich interessant darzustellen und Ahnungslose zu erschrecken. Und doch war unumstritten, dass es tatsächlich Vorkommnisse von Unglaublichkeiten zu geben schien, die vertrauenswürdige Personen zu erzählen wussten und die, so wurde von ihnen versichert, sie am eigenen Leibe erfahren hatten.

Das Meer des KHDTA barg ohne Zweifel viele Gefahren, aber eine, wie sie heimtückischer nicht sein konnte. So lautete einhellig die Kunde dieser Erzähler und nur widerwillig, meist hinter vorgehaltener Hand und mit Erschauern, wurde diese Gefahr beim Namen genannt: Die rotierende Insel. Diese Insel - wenn man dieses sich selbst bewegende Etwas so nennen kann - soll, den Erzählungen nach, eher ein im Grundriss dreieckiges Bauwerk aus dunklem Stein mit metallenen, glatten Mauern sein, das sich unsagbar schnell, auf die jeweiligen Windrichtungen in wundersame Weise reagierend, um eine unsichtbare Achse dreht, die sich genau in der Mitte des auf dem Wasser scheinbar schwebenden Bauwerks befinden musste.

Der Sage nach soll inmitten der rotierenden Insel ein riesiger Palast aus einem dunklem Stein existieren, welcher nicht von dieser Welt stammen soll und spiegelglattem Metall, dessen Herkunft auch im Dunklen liegt.

Selbiger Palast ist Sitz des uralten Gottes KHDTA und wird durch die Zeiten bewacht von Alradhatt, einem Wesen, dessen Gestalt niemand auf dieser unseren Welt noch ansichtig wurde und wenn, konnte der oder diejenige nicht davon berichten. Bis zu diesem Tage kehrten nur zwei Menschen zurück von jener furchtbaren, rotierenden Insel. Aber es waren nur mehr Schatten ihrer selbst. Zwei Brüder waren es, vor ihrer unglückseligen Fahrt in dieses verwunschene Gewässer lebenslustig und fröhlich, aber als man sie nach ihrer Rückkehr fand, waren sie tumbe, auf grauenvolle Art unkenntlich veränderte Persönlichkeiten. Etwas musste auf sie eingewirkt haben, das sie seelisch so verstümmeln ließ.

Aus Furcht, die abnorme Einwirkung dieser Kraft des Gottes KHDTA könnte irgendwann die Stadt Tah Hath heimsuchen, verließen nach und nach die anfangs ansässig gewesenen Händler, viele Bauern und Handwerker die einst reiche, blühende Hafenstadt.

Zetth, der die Stadt gut kannte und selbstverständlich auch ihre Wirtshäuser und Spelunken, schlug vor, das Abendmahl in der Gaststätte eines ihm guten Freundes, einzunehmen.

Die Ankunft von Armths Schiff schien sich in der Stadt in Windeseile herumgesprochen zu haben. Armth mit seiner Mannschaft wurde begafft und beobachtet, zwar mit Ehrfurcht und nicht in einer Art von Unverschämtheit, wie es sonst geschah, wenn es ein besonderes Ereignis zu bestaunen gilt. Es kam nicht oft vor, dass ein Gott in ihre Stadt kam und so war Armths Erscheinen für die Menschen hier etwas Außergewöhnliches.

Armth hatte immer, und das unterschied ihn von anderen Göttern, ein tiefes Mitgefühl zu den Menschenwesen empfunden. Nicht so wie etwa Molh, dem die Lebensweise und Taten der Menschen nicht das Geringste bedeutete und die Menschen nur als unwert betrachtete.

Armth zog es zu den Menschen, ja er liebte sie sogar, so fühlte er sein Wesen zu dem ihrigen förmlich hingezogen. Er bewunderte, wie sie in höchster Not und Gefahr sich zu schützen wussten, ihre Erfindungsgabe, ihre Künste und ihre Wissenschaften. Aber vor allem die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, die Armth von manchen Menschen, die er als seine engsten Freunde bezeichnen konnte, kennengelernt hatte.

Da kam ihm plötzlich Legdh in den Sinn. Würde er diese schicksalshafte Reise überstehen und zu ihr zurückkehren, als der, der er werden musste, um in Frieden mit sich selbst sein restliches Leben zu verbringen? Ihm war bewusst, dass er diesen Frieden mit sich selbst, unumstößlich erreichen musste, denn nur dann war er er selbst.

Zetth führte die Gefährten von der Hafenpromenade weg eine leicht ansteigende Straße hinauf, eingesäumt von Läden mannigfaltiger Art, die aber auf Grund der späten Stunde allesamt schon geschlossen waren und, je länger der Weg wurde, einen immer erbärmlicheren Eindruck machten.

„Da vorne das Haus, dessen Eingang Licht zeigt, das ist es“, sagte Zetth und deutete vor ihnen auf ein größeres, mit hellen Steinplatten verkleidetes Gebäude.

„Welche Ehre, so Gäste wie Euch und Eure Freunde begrüßen zu dürfen.“ Die Wirtin, eine stattliche, schöne Frau mit eisblauen Haaren, wie sie Leuten aus dem Norden eigen waren, begrüßte Armth und die neuen Gäste, besonders aber Aosith und Wigsith, das Brüderpaar, das hierzulande und auch anderswo, sehr bekannt war durch die Erforschung der schrecklichen Sümpfe Bhaanaahs.

Es waren auch andere Leute in der Wirtsstube, die beim Eintreten verstummten und ihre Becher niederstellten. Nach der anfänglichen Neugier, wer da gekommen sei, nahmen sie ihre Gespräche wieder auf, gingen ihren Neigungen nach, oder gaben sich dem Trunke hin.

Die Wirtin stellte schnell ein paar der noch freien Tische zusammen, um den Neuankömmlingen Platz bieten zu können. Die angebotenen Speisen verhießen köstlich zu sein und es wurde dunkler Wein dazu bestellt. Der alte Heigdinh stand plötzlich auf und ging zu einem im Halbdunkel, neben einem Treppenaufgang stehenden Tisch, an dem eine Frau saß und vertieft war in eine ledergebundene Schrift. Stumm stand Heigdinh vor ihr, da sah die Lesende auf. Lange, wortlos, starrten sich beide an. Endlich erhob sich die Frau, noch immer Heigdinh ansehend und in tiefer Ergriffenheit umarmten sich beide, wie Armth beobachten konnte.

„Meine Tochter!“, rief leise Heigdinh in einem Ton, den nur ein Mensch anschlägt, der etwas lange Vermisstes wiedergefunden hatte.

„Mein Vater!“, sagte auch jetzt die Frau mit Tränen in ihren glänzenden Augen. So in Einigkeit standen sie da und hielten sich, wie um nimmer den anderen loszulassen.

„Freunde“, rief da Lufhd in die den Raum erfüllende Stille, „da hat das Schicksal es wirklich wieder gut gemeint.“

Er erhob sich und sagte feierlich: „Meine Lieben, glücklicher Heigdinh, und Ihr, schöne Frau, die Ihr seine Tochter zu sein scheint und alle anderen hier in der Stube, lasst uns diesen Augenblick ausgiebig feiern!“

Lufhds Worte schienen die Spannung im Raum zu lösen. Blitzschnell füllte er zwei Becher mit Wein und reichte sie den beiden. „Trinken wir auf dieses Wiedersehen!“, sagte er und lachte Heigdinh und seine Tochter schelmisch an. Der Alte bedankte sich bei dem immer fröhlichen und herzlichen Bruder Armths.

Dann wandte sich Heigdinh an die Anwesenden: „Ehrbarer Armth, liebe Gefährten. Soeben durfte ich durch eine wundersame Fügung des Schicksals eine Gabe erhalten, welche ich in tiefstem Herzen mir Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer wieder aufs neue erträumte. Die Hoffnung hatte ich schon lange aufgegeben, das muss ich euch gestehen, meine Tochter Alharh, die hier neben mir sitzt, jemals wiederzusehen. Nach fünfzig Jahresläufen nun, hat sich Krhom, die Göttin des Schicksals unserer erbarmt. Der Göttin sei Dank. Mächtiger Armth, liebe Gefährten, dass ich nun nicht mehr mit euch ziehen kann, werdet ihr mir verzeihen. Meine Tochter jemals wieder alleine zu lassen, kann und will ich nicht mehr zulassen. Wie gerne ich auch mit euch diese Reise unternommen hätte, aber ich bitte euch, mein Handeln zu verstehen.“

Heigdinhs Worte stimmten Armth sehr nachdenklich und er verspürte eine Stimmung von Verlust und Leere. Doch überwog sofort Verständnis für die schwerwiegende, ohne Zweifel aber richtige Entscheidung, die Heigdinh getroffen hatte. Auch den Anderen tat es leid, Heigdinh nicht mehr dabei zu wissen, den sie mittlerweile alle zu schätzen gelernt hatten. Auch sie verstanden den Alten nur zu gut, seine nach fünfzig Jahresläufen wiedergefundene Tochter nicht mehr verlassen zu wollen.

Besonders Malhd, die Tochter Armths hatte sich besonders zu dem Alten hingezogen gefühlt. Heigdinh selbst hatte diese schöne, junge Frau, die sie war, auch ins Herz geschlossen, denn ihr liebevolles Wesen hatte er in der kurzen Zeit, in der er sie kannte, liebgewonnen.

„Verzeiht, ehrwürdiger Heigdinh“, sprach Armth ihn an, „wenn ich Dinge fragen möchte, über die Ihr vielleicht schweigen möchtet . . .“

„ . . . Fragt nur, mächtiger Armth, es soll keine Geheimnisse geben zwischen Euch und mir.“ Heigdinhs Stimme war ruhig und fest.

„Was war der Grund, dass Ihr Eure Tochter so lange nicht gesehen habt und Ihr auch nicht wusstet, ob sie überhaupt noch am Leben war?“

Der Alte lehnte sich zurück und schien seine Gedanken zu sammeln. Joranh, der Fischer, stand hinter Heigdinh und legte seine Hand auf die Schulter des Alten.

„Glaubt mir“, sprach er und sah in die Runde, „was euch mein Freund Heigdinh jetzt erzählen wird, das wird euch wahrlich nicht gefallen.“

„Lass nur, Joranh, sie sollen es aus meinem Munde erfahren.“ Heigdinh strich sich über seinen Bart und begann: „Ihr wisst bereits, dass ich mit einigen abenteuerlustigen Freunden und meinem Schiff einst vor fünfzig Jahren, aufgebrochen war, um in den bis dahin unerforschten Nordmeeren, die sagenhafte Insel Prokeokon zu suchen. Es hieß, Schätze von unermesslichen Reichtümern wären auf ihr verborgen. Abenteuerlust und Neugier vernebelten meine Sinne und ich verließ Weib und Kind, im Glauben, bald wieder zurückkehren zu können. Dass es der größte Fehler in meinem Leben sein sollte, ahnte ich nicht. Prokeokon fanden wir zwar nach langen Irrfahrten in eisigen Wassern, mit Wellen, die sich auftürmen konnten höher als Saherrhbäume, die höchsten Bäume, die mir bekannt sind. Was wir nicht fanden, waren die Schätze in dieser schauerlichen Eiswüste. Noch dazu wurde innerhalb weniger Tage der Himmel finster und finsterer und die Kälte verschlimmerte sich in selbiger Schnelligkeit, wie es die Finsternis tat. Drei Jahresläufe dauerte die vollkommene Schwärze, in der wir ausharren mussten. Doch sahen wir Dinge am Himmel, die zu beschreiben unmöglich ist. Spielten uns unsere zu Eis erstarrten Sinne einen Streich, oder war es Wirklichkeit? Ich weiß es nicht mehr.“

Heigdinh nahm einen Schluck Wein, dann fuhr er fort. „Es gingen sieben Jahre in die Welt, bis wir zurückkehrten. Besser wäre es aber gewesen, nicht zurück zu kommen. Mein Heim fand ich, abgebrannt bis auf die Grundmauern vor, meine Familie fort und wie ich von meinem Freund Joranh dann erfuhr, entführte der gefürchtete Lokhas mit seiner Mörderbande meine Tochter und die Hausbediensteten, nachdem er mein Weib… bestialisch ermordet hatte . . .“ Hier versagten dem Alten, überwältigt von den Erinnerungen, die Worte.

„Vater, die Vorsehung hat uns nun zusammengeführt, freuen wir uns darüber. Das Geschehene ist in weiter Ferne und uns Menschen für immer unerreichbar“, sagte Alharh zu ihrem Vater und umarmte ihn. „Ich konnte später fliehen und in Uthuda Atth ein neues Leben beginnen.“

Da erhob sich einer der Anwesenden, der bis jetzt von allen unauffällig an einem etwas schlecht beleuchteten Tisch am hinteren Ende der Wirtsstube gesessen war. Der Fremde trat langsam zu Hegdinh und im helleren Schein der Lampen war der Fremde in seiner ganzen Erscheinung anzusehen. Sein dunkler, weit geschnittener Umhang aus bestem Elhemmleder wurde von einer glänzend funkelnden, fein gearbeiteten Schließe im Schulterbereich zusammengehalten. Auch sonst konnte man sehen, dass seine Kleider hervorragend gefertigt waren. Sein Gesicht aber war, trotz dem helleren Licht, weiterhin im Halbdunkel, wohl auch deshalb, weil sein breiter Hut, der tief in die Stirn herab gezogen war, es beschattete.

„Verzeiht, ehrwürdiger Hegdinh, dass ich Euer Gespräch störe“, sagte der Fremde, „ich kann Euch mein Wort darauf geben, dass Lokhas und seine Mörderbande zukünftig nie mehr ihr schändliches Tun ausüben werden.“

Der Fremde nickte Armth unmerklich zu. „Mächtiger Armth, ich begrüße Euch“, sagte er dann.

„Da Ihr mich zu kennen scheint“, sagte Armth schnell, „habt auch Ihr einen Namen?“

„Entschuldigt bitte meine Unhöflichkeit“, stieß der Fremde hervor und verneigte sich leicht zu Armth hin, „ich bin Wheronh aus Kelhels Hafen und Rechtsvermittler des dortigen Gerichtsstandes.“

Joranh, der noch immer hinter dem alten Heigdinh stand und freundschaftlich seine Hand um dessen Schulter hielt, stutzte und fragte: „Dann könnt nur Ihr es sein, der mit seinen Leuten die Bande von Halsabschneidern im Wald von Errhloh Rho stellte und festsetzte! Ich hörte davon,“

Der Rechtsvermittler nahm seinen weiten Hut von der Stirn und silbriges, langes Haar fiel auf seine Schultern.

„Ganz recht, der bin ich. Lokhas und seine Mörder brachten wir nach Kelhels Hafen. Dort wurden sie angeklagt, verurteilt und hingerichtet. Das müsste Euch, ehrwürdiger Heigdinh wenigstens Genugtuung sein, dass diese Mörder niemandem mehr etwas zuleide tun werden.“

Aber Heigdinh seufzte, erhob sich und sah den Rechtsvermittler an und sagte: „ Werter Herr, auch die schändlichsten Mörder sind für mich Menschen, die vielleicht aus Not nur so geworden sind und ich wünsche keinem, auch nicht denjenigen, die Unrecht tun, einen gewaltsamen Tod. Seht, deshalb verspüre ich keine Genugtuung. Trotzdem, habt meinen Dank für Eure Anteilnahme.“