Armut und Fürsorge in Basel -  - E-Book

Armut und Fürsorge in Basel E-Book

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Beschreibung

Das Buch beleuchtet einen bisher wenig beachteten Aspekt der Basler Stadtgeschichte. Es trägt die Erkenntnisse der Armuts-forschung zu einem eindrücklichen Gesamtbild zusammen, das die grossen historischen Linien nachzeichnet und sich gleichzeitig in die kleinen Geschichten vertieft. 'Armut' ist eine relative, in wirtschaftliche und soziale, kulturelle und politische Zusammenhänge eingebettete Erscheinung. Die Auseinandersetzung mit Armutsproblemen sensibilisiert für gesellschaftliche Ordnungsmodelle im historischen Wandel. Es schreiben Susanna Burghartz, Bernhard Degen, Mirjam Häsler Kristmann, Urs Hofmann, Sara Janner, Georg Kreis, Martin Lengwiler, Sonja Matter, Josef Mooser, Claudia Opitz-Belakhal, Katharina Simon-Muscheid, Gaby Sutter, Regina Wecker, Simon Wenger, Regula Zürcher.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Beiträge zur Basler Geschichte

Josef Mooser, Simon Wenger (Hg.)

Armut und Fürsorge in Basel

Armutspolitikvom 13. Jahrhundert bis heute

Christoph Merian Verlag

Diese Publikation wurde ermöglicht durch einen Beitrag der Bürgergemeinde der Stadt Basel aus ihrem Anteil am Ertrag der Christoph Merian Stiftung.

Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel ‹Armut und Fürsorge in Basel› im Christoph Merian Verlag erschienen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

E-Book ISBN 978-3-85616-566-6

© 2012 Christoph Merian Verlag

Alle Rechte vorbehalten; kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abbildungen: s. Bildnachweis.Abbildung Umschlagvorderseite: Abgabestelle der Staatlichen Lebensmittelfürsorge des Kriegsfürsorgeamts Basel-Stadt vor dem Rathaus in Basel, Foto von Bernhard Wolf-Grumbach, 1917.

Lektorat: Ulrich Hechtfischer, Freiburg i. Br.Gestaltung und Satz: Atelier Mühlberg, BaselLithos: LAC AG, BaselDatenkonvertierung: Bookwire GmbH, Frankfurt

www.merianverlag.ch

Inhalt

Lukas Faesch: Vorwort

Josef Mooser/Simon Wenger: Dank

Josef Mooser: Einführende Bemerkungen

Armutspolitik und Umgang mit Armen seit dem Spätmittelalter

Katharina Simon-Muscheid: Arbeit und Armut im Spätmittelalter

Fürsorge, Selbsthilfe, Ausgrenzung

Susanna Burghartz: Im Angesicht der Armut

Ordnung, Regulierung und Fürsorge im 16. und 17. Jahrhundert

Claudia Opitz-Belakhal: «Ueber Armuth, Betteley und Wohlthätigkeit»

Armut und Armutsbekämpfung im Zeitalter von Aufklärung, Helvetik und Restauration

Sara Janner: Korporative und private Wohltätigkeit

‹Stadtgemeinde› und Stadtbürgertum als Träger der Armenpflege im 19. Jahrhundert

Martin Lengwiler: Wissenschaft und Sozialpolitik

Der Einfluss von Gelehrtengesellschaften und Experten auf die Sozialpolitik im 19. Jahrhundert

Regula Zürcher: Gegen den «Sumpf des selbstverschuldeten Elends»

Antialkoholbewegung und Armutsbekämpfung im 19. Jahrhundert

Urs Hofmann: «Nur das Evangelium vermag die soziale Frage zu lösen»

Die reformierte Kirche und die Armenpolitik im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Bernard Degen: Von Pionier- zu Zusatzleistungen

Kantonale Sozialpolitik seit Mitte des 19. Jahrhunderts

Mirjam Häsler Kristmann: «Dass es gerade die Frauen sind, die Hand anlegen müssen»

Der Basler Frauenverein und Pflegekinder um 1900

Josef Mooser: Armenpflege zwischen ‹Freiwilligkeit› und Verstaatlichung

Träger und Reformen der Armenpolitik im Umbruch zur Grossstadt um 1900

Regina Wecker: ‹Erbkrankheit Armut›

Eheverbote und eugenische Konzepte im Umgang mit Armen im 19. und 20. Jahrhundert

Gaby Sutter: Von der Armenpflege zur Sozialhilfe

Methoden- und Funktionswandel der öffentlichen Fürsorge im 20. Jahrhundert

Sonja Matter: Das Wohnort- und Heimatortprinzip in der Fürsorge vor 1975

Integrationsbestrebungen unter Vorbehalten

Georg Kreis: 1975 – Das endliche Ende der Heimschaffungen in der Fürsorge

Simon Wenger: Die jüngste Entwicklung der Sozialhilfe in der langen Sicht

Grössenordnung, Missbrauchsdiskurs, Risikolagen

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

Bildnachweis

Vorwort

Zum 125-jährigen Jubiläum der Christoph Merian Stiftung liegt es nahe, den Blick auf einen der wesentlichen Tätigkeitsbereiche der Stiftung zu richten: auf die Armenfürsorge, die auch dem Stifter ein besonderes Anliegen war. So spendete Christoph Merian im Jahr 1854 den damals immensen Betrag von 100’000 Franken zur Verbilligung von Brot, das ansonsten aufgrund einer massiven Teuerung für den ärmeren Teil der Basler Bevölkerung unerschwinglich geworden wäre. Später verfügte er in seinem Testament, dass eine Million Franken aus seinem Nachlass unter den Armen-, Wohltätigkeits- und gemeinnützigen Anstalten der Stadt verteilt werden solle.

Diesem Engagement ist die Christoph Merian Stiftung aufgrund des Testaments des Stifters auch für die Zukunft verpflichtet. Ihr zentraler Förderschwerpunkt, die Linderung von Armut, besteht vor allem in direkten Zuwendungen an Institutionen der Armenfürsorge, aber auch in der Prävention, in Sensibilisierungsmassnahmen sowie in Forschungsbeiträgen. So hat der von der Stiftung in Auftrag gegebene und im Jahr 2010 veröffentlichte ‹Armutsbericht Basel-Stadt› zum Zweck, die Ursachen und Hintergründe von Armut aufzudecken. Seine 43 Handlungsempfehlungen sollen uns und den Verantwortlichen in Basel als Basis zukünftigen Handelns im Armutsbereich dienen.

Diesem Handbuch wird nun die vorliegende, epochenübergreifende Publikation ‹Armut und Fürsorge in Basel› zur Seite gestellt. Eine solche historische Auseinandersetzung mit dem Thema Armut in Basel vom Mittelalter bis hinein ins 21. Jahrhundert stand bisher noch aus. Die wesentliche Motivation zu dieser Veröffentlichung bestand neben dem geschichtlichen Interesse darin, den steten Wandel des Armutsbegriffs und der Armutsbekämpfung detailliert nachzuvollziehen, um sinnvolle Perspektiven für die zukünftige Arbeit zu erhalten. Deshalb hat sich die Christoph Merian Stiftung im Jahr 2008 entschieden, diese Forschungsarbeit beim Historischen Seminar der Universität Basel in Auftrag zu geben und aus dem Anteil der Bürgergemeinde am Ertrag der Stiftung zu finanzieren.

Wir freuen uns, dass das Projekt dank der von Prof. Josef Mooser und Simon Wenger geleisteten Arbeit in der Konzeption und Gesamtleitung sowie der Artikel aller Autoren und Autorinnen nun Gestalt angenommen und seinen Platz in der Reihe ‹Beiträge zur Basler Geschichte› gefunden hat. Unser Wunsch ist es, dass es auch einen Beitrag für die Zukunft bereithält.

Dr. Lukas Faesch

Präsident der Kommission der Christoph Merian Stiftung

Dank

Ohne die Christoph Merian Stiftung wäre das vorliegende Buch nicht möglich gewesen. Im Rahmen ihres Förderschwerpunkts zur Armutsbekämpfung erschien 2010 der vom Büro BASS verfasste ‹Armutsbericht Basel-Stadt›. Das Historische Seminar der Universität Basel unter der Leitung von Josef Mooser erhielt von der Stiftung den Auftrag, die historische Dimension der Armutsproblematik in Basel zu erarbeiten. Wir als Herausgeber danken der Christoph Merian Stiftung, namentlich Walter Brack und Beat von Wartburg, für die grosszügige finanzielle Unterstützung. Zudem bedanken wir uns beim Christoph Merian Verlag, insbesondere bei Oliver Bolanz und Claus Donau, für die konstruktive Zusammenarbeit und bei Ulrich Hechtfischer für das sorgfältige Lektorat.

Für die wertvollen Hilfestellungen bei den diffizilen Quellen- und Bildrecherchen danken wir den Mitarbeitenden des Staatsarchivs Basel-Stadt, insbesondere Sabine Strebel und Franco Meneghetti, dem Netzwerk Historische Fotografie Basel-Stadt und Baselland, dem Historischen Museum Basel, insbesondere Franz Egger, Margret Ribbert und Daniel Suter, dem Schweizerischen Sozialarchiv, insbesondere Stefan Länzlinger, dem Kunstmuseum Basel, insbesondere Annika Baer und Maria Theresa Brunner, dem Museum der Kulturen Basel, insbesondere Dominik Wunderlin, der Universitätsbibliothek Basel, insbesondere Dominik Hunger, dem Paul Senn Archiv, insbesondere Markus Schürpf, dem Atelier für Foto und Fotogrammetrie, insbesondere Erik Schmidt, Thusnelda Zellweger-Stückelberger, Stephanie Zellweger und Alexander Egger, der Bildersammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, der Fotostiftung Schweiz, der Fondation Herzog sowie dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv. Der Städteinitiative Sozialpolitik, insbesondere Thomas Meier vom Sozialdepartement der Stadt Zürich, verdanken die Herausgeber die vorzeitige Einsichtnahme in den Kennzahlenbericht 2010 zur Sozialhilfe in den Schweizer Städten.

Nicht zuletzt haben wir den Autoren und Autorinnen der Beiträge für ihren aussergewöhnlichen Einsatz zu danken, neben ihren sonstigen Verpflichtungen an diesem Buch mitzuschreiben. Als Professoren oder Mitarbeitende sind sie dem Historischen Seminar eng verbunden. Die Projektkoordination verdankt dem Historischen Seminar schliesslich ihr Domizil in einem wissenschaftlich sehr innovativen Klima. Dieses Buch stellt einen weiteren kleinen Mosaikstein zur Geschichte Basels dar, wie sie in Aufsätzen, Lehrveranstaltungen und Qualifikationsschriften laufend erarbeitet werden, die aber eine neue Gesamtschau der Stadt- und Kantonsgeschichte nicht ersetzen können.

Basel, im Juli 2011

Josef Mooser und Simon Wenger

Einführende Bemerkungen

Armutspolitik und Umgang mit Armen seit dem Spätmittelalter

Josef Mooser

Der Erste Weltkrieg erschütterte auch Basel. In den letzten beiden Jahren des Kriegs bestimmten sinkende Löhne und Mangel, Teuerung und Not den Alltag. «Wo auf der Strasse zwei in einem eifrigen Gespräch beieinander standen», hielt das ‹Basler Jahrbuch› 1919 fest, konnte «man sicher sein, dass je nach der Jahreszeit und den gerade aktuellen Fragen sie sich von Käserationen und Kartoffelnot, von Kirschenwucher und Mehlmangel, von der Kohlenzentrale und den Schuhpreisen, von Hamstern und Hungersnot unterhalten».1 Die Verarmung in der Arbeiterschaft und im Kleinbürgertum rückte in den Mittelpunkt der kantonalen und schweizerischen Innenpolitik und verschärfte – mit den Höhepunkten im Landesstreik vom November 1918 und im blutig unterdrückten Basler Generalstreik am 1. August 1919 – den sozialen Konflikt. Das Titelbild des Buchs und die Fotos zu dieser Einführung zeigen Schnappschüsse der Armutskonstellation dieser Zeit. Schon seit Kriegsbeginn musste die Ernährung der Bevölkerung, die unzureichend war und sich weiter verschlechterte, durch ‹Volksküchen› und seit 1917 durch die sogenannte ‹Notstandsaktion› der kantonalen Regierung gesichert werden. Letztere gab im Rahmen der ‹Staatlichen Lebensmittelfürsorge› einkommensabhängige Gutscheine aus, die zum verbilligten Bezug von Lebensmitteln berechtigten. 1918 zählte man im Zusammenhang mit dieser Aktion über 30’000 «bedürftige Personen». Diese Fürsorge beruhigte die Lage nur wenig. Am 30. August 1917 erlebte die Stadt – im Rahmen landesweiter Aktionen – die bis dahin grösste Protestdemonstration ihrer Geschichte. 15’000 bis 20’000 Menschen versammelten sich vor dem Rathaus auf dem Marktplatz, neun Monate später, am 20. Juni 1918, noch einmal 12’000 bis 15’000. Im Anschluss an die letztere Teuerungsdemonstration kam es zum sogenannten ‹Casinosturm› auf das bürgerliche Restaurant am Barfüsserplatz. Aus einer Menge von mehreren Hundert eher jungen Menschen ertönten Sprüche wie «Die können sich satt essen, wir müssen hungern» und Drohungen, das Lokal zu demolieren, falls die Gäste es nicht verlassen würden. Als diese nicht gingen, wurde das Restaurant in wenigen Minuten verwüstet.2

Diese Ereignisse – Ähnliches spielte sich in jenen Jahren auch in anderen Städten ab – gehören zur sozialen und politischen Geschichte des Ersten Weltkriegs ebenso wie zur alten Geschichte der Armut und der Armutspolitik. Manches in dem Geschehen von 1917/18 lässt sich als eine Wiederkehr früherer Konstellationen entziffern. Die Teuerung, das grosse Ausmass der Bedürftigkeit, das unzulängliche und hilflose, unter lauten Protesten eingeforderte staatliche Engagement und das Bestrafungsritual nach den Massstäben der ‹sittlichen Ökonomie› der Volksjustiz im Casinosturm: Dies erinnert an die vielen Hungerund Teuerungsrevolten in Europa seit dem Spätmittelalter.3 Charakteristisch für den politischen Umgang mit der Armut ist ferner der Umstand, dass obwohl die Notstandsaktion erklärtermassen nicht im Rahmen der etablierten Armenpflege erfolgte, die Mehrheit der Berechtigten die Gutscheine für verbilligte Lebensmittel nicht nutzte, weil sie das «Odium der Armengenössigkeit» fürchtete. Auf der anderen Seite polemisierten Gruppen innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegen die «Almosenpolitik» und den «Armenpflegersozialismus» der Regierung und derjenigen Sozialdemokraten, die eine Staatshilfe forderten statt die «Selbsthilfe» des Proletariats. Auch die demonstrative Benennung der Notstandsaktion als ‹Staatliche Lebensmittelfürsorge› war offenbar nicht rundum vertrauenerweckend, hatte es doch vor dem Krieg heftige und zähe Auseinandersetzungen um die staatliche Sozialpolitik (besonders um die Krankenversicherung) im Kanton und in der Schweiz gegeben.

Bild 1 Markenausgabe der Staatlichen Lebensmittelfürsorge Basel-Stadt, Foto von Bernhard Wolf, 1917.

Dieses Beispiel armutspolitischer Konflikte in Basel vor bald hundert Jahren zeigt: Aktuelle Ereignisse enthalten gewissermassen eine geschichtliche Ladung. Geschichte ist nicht nur graue Vergangenheit, sondern in der Gegenwart präsent. So auch, wenn heute Sozialhilfeempfängern – wie unter anderem im Kanton Basel-Stadt – der Besitz eines Autos verboten wird.4 Eine solche Massnahme verweist auf die tiefsitzende Tradition der Reglementierung der Lebensweise von Armen, die besteht, seit es eine öffentliche, politisch regulierte Unterstützung gibt.

Die historisch geprägten Gründe, Motive und Formen des Umgangs mit Armen, die in der Praxis der Armenpflege verfestigten Traditionen, aber auch der Wandel in der Wahrnehmung von Armut und Armen: Dies ist das übergreifende Thema der hier versammelten Beiträge. Dieses Buch will damit auch einladen und beitragen zu einem historisch vertieften Nachdenken über die Armut in der heutigen Gesellschaft. Diese ist seit einiger Zeit zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen um den Sozialstaat und der wissenschaftlichen Forschung geworden – für Basel zuletzt im ‹Armutsbericht Basel-Stadt› von 2010.5 Eine solche historische Vertiefung ist sinnvoll, weil es offenbar Vielen immer noch schwerfällt, nach der Erfahrung eines historisch beispiellosen Massenwohlstands nach dem Zweiten Weltkrieg die Existenz eines Armutsproblems in den europäischen Gesellschaften angemessen wahrzunehmen. Damals – so schien es – haben Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, steigende Einkommen und der Ausbau sozialer Sicherungssysteme die Armut bei uns überwunden und zu einer exotischen sozialen Tatsache in den ‹Entwicklungsländern› gemacht, denen mit der Entwicklung die Überwindung der Armut verheissen wurde. Neben den Enttäuschungen der Entwicklungspolitik erlebten wir aber auch mit der Wiederkehr von Massenarbeitslosigkeit in Europa seit Mitte der 1970er-Jahre und anderen sozialen Wandlungen die Wiederkehr der Armut in Europa. Wie der Rückblick auf frühere Epochen zeigt – auf die Krisen im Spätmittelalter und im 16. Jahrhundert, die Zeit des Durchbruchs der kapitalistischen Industrialisierung im 19. Jahrhundert und die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre –, war und ist Armut eine Folge und Erscheinung eines krisenhaften fundamentalen sozialen Wandels, wie wir ihn auch gegenwärtig erfahren.

Wenn wir in einem historischen Horizont über Armut und Arme reden, ist es nützlich und notwendig, auch unsere Sprachgewohnheiten zu bedenken, die selbst historisch geprägt sind. Die heute angewandten notwendigen Kriterien für einen Anspruch auf Unterstützung sind ein Resultat langer armuts- und sozialpolitischer Debatten. Der Begriff der ‹Fürsorge› hat erst im frühen 20. Jahrhundert den traditionellen Begriff der ‹Armenpflege› verdrängt und ist seinerseits in den 1960er-Jahren durch den Begriff der ‹Sozialhilfe› ersetzt worden. Im Sprachwandel ging es immer auch um Definitionen von Armut, die implizit oder explizit Deutungen der Ursachen der Armut, der Wahrnehmung von Armen und des Umgangs mit Armen enthielten. Eine historische Definition, die diese Komplexität berücksichtigt, muss daher sehr breit sein. Katharina Simon-Muscheid umschreibt ‹Armut› im ‹Historischen Lexikon der Schweiz› als «ständige oder vorübergehende Situation der Schwäche, Abhängigkeit oder Erniedrigung, als Situation der Ohnmacht und gesellschaftlichen Verachtung, als Mangel an Geld, Einfluss, Macht, ehrenhafter Geburt, physischer Kraft, intellektueller Fähigkeit oder persönlicher Freiheit».6 Kurz: Armut war (und ist) nicht nur physischer und wirtschaftlicher Mangel, sondern auch Ausgrenzung, Entmündigung, Entrechtung. Der Begriff ‹Armut› verweist immer auch auf seine Gegensätze, nämlich Reichtum, Wohlstand, Macht usw., und ist insofern ein Relationsbegriff, der etwas über die gesellschaftliche Ordnung insgesamt aussagt. Armut lässt sich daher als eine extreme Ausprägung sozialer Ungleichheit verstehen. Ihre Wahrnehmung bewegt sich zwischen Verdrängung und Skandalisierung, rührt immer wieder Kontroversen auf, stösst aber immer wieder auch neue Anstrengungen zu ihrer Überwindung an.7 Für Letztere sind die ‹freiwillige›, ‹gemeinnützige› Praxis und Innovationen in der Armutspolitik seit dem späten 18. Jahrhundert – in Basel repräsentiert durch die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) – historisch wirkungsmächtige Beispiele.8

Bild 2 Teuerungsdemonstration vor dem Basler Rathaus, Fotoalbum Carl Friedrich Meyer, 30. August 1917.

Auf diese Komplexität der Armut spielt auch der Begriff ‹Armutspolitik› im Titel des Buchs an. In der Alltagssprache reden wir ungenau über ‹die Armut› als Zustand und ‹die Armen› als Personen. Wir neigen dazu, die Unterschiede zwischen den Zuständen, in denen Menschen von Armut betroffen sind, den Ursachen für diese Zustände, den Eigenschaften der Betroffenen und den Zielsetzungen im Umgang mit der Armut zu verwischen. Der Begriff ‹Armutspolitik› soll hier differenzieren. Armutspolitik umfasst übergreifende Konstellationen, kollektive Mangellagen wie Teuerungen, periodisch wiederkehrende Notlagen wie Krankheiten oder Arbeitslosigkeit. Der Begriff verweist auf die (wahrgenommenen) Ursachen von Armut, nicht nur auf die Gruppe der Armen. Dabei traf die Armutspolitik immer wieder Unterscheidungen im Blick auf die Betroffenen und stiftete damit eine ‹Armenpolitik›, deren Muster Erscheinungen von bemerkenswert langer Dauer erkennen lassen.

Seit dem Spätmittelalter war die Unterscheidung zwischen arbeitsfähigen und nicht arbeitsfähigen, einheimischen und fremden, ‹würdigen› und ‹unwürdigen› Armen für den Zugang zu beziehungsweise den Ausschluss von Unterstützungen grundlegend. Am eindrücklichsten ist wohl die lange Gültigkeit des Heimatortprinzips.9 Es verknüpfte Armenpolitik und (Orts-)Bürgerrecht und verpflichtete die Heimatgemeinden zur Unterstützung, ohne den Bedürftigen ein Recht auf eine solche zuzusprechen. Soziologisch betrachtet war es orientiert auf eine statische Gesellschaft und grenzte die mobilen Armen auf der Suche nach Arbeit und Unterhalt aus. Die städtischen Obrigkeiten klagten daher um 1500 genauso obsessiv über die ‹Plage› der Bettler wie um 1900. Angesichts der verstärkten Binnenwanderung seit dem 18. Jahrhundert begann im Bundesstaat zwischen Heimatgemeinden und Wohngemeinden ein zäher und langer Streit um die Finanzierung einer Unterstützung. Dabei konnten die Bedürftigen zwischen die Stühle fallen und von der polizeilichen Heimschaffung in eine ‹Heimat› bedroht sein, die ihnen fremd und ablehnend gegenüberstand. Trotz der Kommunalisierung der öffentlichen Unterstützung seit dem 15. Jahrhundert blieb das Heimatortprinzip eine Konstante bis ins späte 20. Jahrhundert, allerdings mit Modifikationen in den interkantonalen Konkordaten seit dem Ersten Weltkrieg. Unter diesen Umständen blieben andere Träger der Unterstützung lange Zeit wichtig, besonders die Kirchen (trotz der partiellen Säkularisierung der öffentlichen Armenpflege durch die Kommunalisierung), und im 19. Jahrhundert gewann die ‹freiwillige› und private Armenpflege für die Niedergelassenen und Ausländer ohne Bürgerrecht eine grosse Bedeutung.

Die genannten Unterscheidungen suggerierten ferner die Rede von ‹selbstverschuldeter› und ‹unverschuldeter› Armut und projizierten damit die Ursachen der Armut in Eigenschaften der Armen. Kriminelle Folgen zeitigte dies im 20. Jahrhundert in eugenischen Konzepten des Umgangs mit Armen. Mit all diesen Unterscheidungen wurden die Armen zu Opfern, zu passiven Klienten von Unterstützung oder Ausgrenzung. Konträr dazu – und dem Ziel einer an den Menschenrechten orientierten Armutspolitik angemessen – geht heute der sogenannte capability-Ansatz von den Fähigkeiten der Menschen aus, auf die die Formen der Unterstützung abzustimmen sind. In Übereinstimmung damit sprechen auch die Autoren des ‹Armutsberichts Basel-Stadt› (2010) von ‹Armutspolitik› und ‹Armutsbetroffenen›, nicht mehr von ‹Armen›.

Die ‹Sozialpolitik› seit dem späten 19. Jahrhundert in Gestalt der Sozialversicherungspolitik war in dieser Perspektive eine armutspolitische Antwort auf die kollektiv prekäre soziale Lage der lohnarbeitenden Männer und Frauen. Sie hat die Armenpolitik wesentlich verändert, indem sie mit den durch Beiträge finanzierten Sozialversicherungen im Hinblick auf Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit die Selbsthilfe von (potenziell) Armutsbetroffenen durch die staatliche Gesetzgebung obligatorisch machte. Die Formierung des Sozialstaats ist insofern eine grosse Zäsur in der Geschichte der Armutspolitik. In diesem Staat haben die Versicherten Rechte erworben und damit den Status von Bittstellern, den sie in der alten Armenpflege hatten, abgestreift. Dazu gehört auch ein Verständnis der Sozialhilfe als letztes Netz der sozialen Sicherung, seit Kurzem auch mit einem «Recht auf Hilfe in Notlagen», das die Verfassung des Kantons Basel-Stadt von 2005 als Teil der Grundrechtsgarantien festhält.10

Die Geschichte der Armutspolitik und des Umgangs mit Armen in Basel ist – wie auch anderswo – durch Kontinuität und Wandel bestimmt. Diese Formel verliert den Charakter eines Gemeinplatzes, wenn man durch genaueres Hinsehen das besondere Verhältnis von Dauerhaftigkeit und Veränderung entziffert. Dazu laden die Beiträge dieses Buchs ein. Sie fassen zu ausgewählten Themenbereichen die bisherigen Erkenntnisse zusammen, erweitern diese punktuell und akzentuieren die Wahrnehmung der Armut und der Armen aus der Perspektive von Akteuren der Armutspolitik und der institutionalisierten Formen des Umgangs mit Armen. Das stellt noch keine umfassende Synthese der Armutsgeschichte in Basel seit dem Spätmittelalter dar. Zu einer solchen würde insbesondere die Stimme der Armutsbetroffenen selbst gehören,11 aber auch ein reflektierter Vergleich der Armutsgeschichte in Basel mit der in anderen Städten, wobei auch der legendäre Ruf des ‹sozialen Basel› beziehungsweise des ‹roten Basel› (dem Konservative, Liberale und Linke beistimmen) zu prüfen wäre. Dies bedarf noch künftiger Forschung, die sehr wünschenswert wäre, geht es doch in der Armutsgeschichte nicht um einen Randbereich der Gesellschaftsgeschichte, sondern um das zentrale Problem des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

 1   Basler Jahrbuch 1919, S. 313

 2   Vgl. zu diesen Ereignissen Degen (Basel der andern), S. 72 ff., und ausführlicher Bolliger (Arbeiterbewegung), S. 73 ff. (besonders auch zu den nachfolgend genannten Details). Zum historischen Verständnis des ‹Casinosturms› vgl. die klassische Studie Thompson (Die ‹sittliche Ökonomie›).

 3   Thompson (Die ‹sittliche Ökonomie›)

 4   Vgl. den Artikel ‹Sozialhilfe verbietet Autos schon vielerorts› in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.6.2011

 5   Dubach/Stutz/Calderón (Armutsbericht)

 6   Simon-Muscheid (Armut)

 7   Vgl. exemplarisch Lutz (Verdrängung)

 8   Vgl. dazu jetzt die Darstellung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) in Schumacher (Freiwillig verpflichtet)

 9   Vgl. dazu auch die Überblicksdarstellung Epple/Schär (Stifter), mit einer gewissen Idealisierung des Heimatortprinzips

10  Verfassung des Kantons Basel-Stadt vom 23. März 2005, Art. 11 t

11  Vgl. dazu aber exemplarisch die Einblicke in die jüngste Zeit: Mäder (Armut) und Gruber (Basel von unten)

Arbeit und Armut im Spätmittelalter

Fürsorge, Selbsthilfe, Ausgrenzung

Katharina Simon-Muscheid

Von der Armutsbewegung zur städtischen Armenpolitik (13. bis 15. Jahrhundert)

Die Wahrnehmung von Armut durch die Obrigkeit und damit auch ihre Fürsorgepolitik waren seit dem späten 14. Jahrhundert von einem Vorverständnis geprägt, in das theologische Diskurse über Armut und Arbeit, neue ordnungspolitische Konzepte zur ‹Lösung› des Armutsproblems sowie einprägsame literarische Negativstereotype einflossen. Dabei wurde, wie Helmut Bräuer formuliert, «die Sorge um das Seelenheil immer intensiver von der Sorge um die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen ergänzt».1 Längerfristig setzten die Obrigkeiten damit einen Prozess in Gang, der die bettelnden Armen immer stärker marginalisierte und kriminalisierte.2

Seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert hatten sich in verschiedenen Teilen Europas religiöse Reformbewegungen – die sogenannte ‹Armutsbewegung› – herausgebildet. Was diese stark heterogenen Strömungen verband, war das Bedürfnis, ein Leben in evangelischer Armut und Busse zu führen. Ihre Kritik an der Institution Kirche richtete sich gegen deren ostentativen Reichtum, die Machtpolitik der Päpste und Bischöfe, die Abgaben und Zehnten, die auch von den Armen eingefordert wurden, sowie den Mangel an Seelsorge. In den aufstrebenden Städten des 12. und 13. Jahrhunderts mit ihren neuen Wirtschaftsformen, in denen sich Armut und Reichtum sichtbar manifestierten, kritisierten die Reformer insbesondere die Geld- und Handelsgeschäfte.3 Aus der äusserst heterogenen Armutsbewegung gingen die von der Kirche besonders gefürchteten häretischen Bewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts hervor:4 Die ‹Katharer› im Rheinland, in Süd- und Nordfrankreich und in Norditalien sowie die ‹Waldenser› in Südfrankreich und Norditalien, im Deutschen Reich und in der nachmaligen Westschweiz. Als kirchenkonforme Gegenbewegung entstanden die Bettelorden (Mendikantenorden), die ihrer Vision von Armut als pauperes Christi nachlebten.

Um den häretischen Bewegungen der Katharer und Waldenser den Boden zu entziehen, kopierten die Gründer der beiden Mendikantenorden der Franziskaner und der Dominikaner das Konzept der häretischen Prediger. Wie diese lehnten die Angehörigen der Bettelorden Besitz und ein festes Domizil ab. Zu zweit zogen die Brüder predigend über Land und lebten als pauperes Christi von dem, was ihnen die Zuhörenden spendeten. Mit den von Franziskus und Dominikus neu gegründeten Orden, dem Orden der ‹Minderen Brüder› und dem Predigerorden, die Papst Honorius III. 1210 beziehungsweise 1215 bestätigte, wurde ein wesentlicher Teil der Armutsbewegung in kirchenkonforme Bahnen gelenkt und ein häretisches Erfolgsmodell in die Kirche integriert.5 Um die beiden Ordensgründer Franziskus (ca. 1181–1226) und Dominikus (ca.1170–1221) scharten sich auch Männer und Frauen, die ein Leben nach evangelischem Vorbild führen wollten, ohne jedoch einem Orden beizutreten. Wie Franziskus selbst widmeten sie sich hauptsächlich den Armen und Kranken, nachdem sie als Terziarinnen und Terziaren die Regeln der Gemeinschaft des ‹Dritten Ordens der Büsser› angenommen hatten, die der Ordensgründer für Laien aller Stände konzipiert hatte.6

Bild 3 Barmherzigkeitstafel im äusseren südlichen Seitenschiff des Basler Münsters, Ende 12. Jahrhundert. Eine Frau namens ‹Luchart› führt einen ausgezehrten Pilger. Der Rundbogen bezeichnet die Figuren mit ‹Pauper› (Armer) und ‹Misericordia› (Barmherzigkeit).

Bild 4 Barmherzigkeitskapitell am dritten südlichen Langhauspfeiler im Basler Münster, Ende 12. Jahrhundert. Eine barmherzige weibliche Figur speist Bedürftige mit Brot, das sie von einem Engel empfängt.

Wie stark sich die Mendikantenorden von den etablierten Orden unterschieden, wurde 1219 manifest, als das franziskanische Ordenskapitel den Entschluss fasste, im Deutschen Reich zu missionieren. Kleidung und Aussehen der Bettelordensbrüder weckten bei den köstlich gekleideten und standesbewussten deutschen Bischöfen falsche Assoziationen. Die Chronik des Jordan von Giano, die uns über die Missionsreise informiert, schildert, wie die ärmlich gekleideten Gestalten, die wie Repräsentanten der Stadtarmut ausgesehen hätten, für Ketzer gehalten und «nackt» dem Stadtrichter vorgeführt worden seien.7

Otto Gerhard Oexle, der die hochmittelalterliche Armutsbewegung gleichzeitig als Arbeitsbewegung versteht, betont, dass sie «körperliche Arbeit stets als Instrument der von ihr mitintendierten und propagierten Infragestellung ständischer Unterschiede bewertete».8 Er verweist auf die Ordensregeln der Franziskaner von 1221, die festlegen, dass Brüder, die arbeiten können, ein Handwerk ausüben sollen, und dass für diese Arbeit auch das Notwendige, allerdings kein Geld, angenommen werden dürfe. Der hohe Stellenwert der Handarbeit wird dabei durch das Pauluswort unterstrichen: «Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.»9 Doch von 1230 an verwässerten die Päpste das ursprüngliche Besitzverbot stark, was den Franziskanern den Vorwurf eintrug, ihre Besitzlosigkeit sei bloss ein juristischer Trick.

Bereits im 13. Jahrhundert geriet die Lebensweise der Mendikanten von zwei Seiten unter Beschuss: Zum einen rechtfertigten die scholastischen Theologen, die sich den neuen sozioökonomischen Gegebenheiten der Städte angepasst hatten, den erwirtschafteten Gewinn als Lohn für geleistete Arbeit, wodurch sie das alte Dilemma der umstrittenen Geld- und Handelsgeschäfte zu lösen suchten.10 Zum anderen wurde der grundsätzliche Umkehrungsprozess der Werte ‹Armut› und ‹Arbeit› um die Mitte des 13. Jahrhunderts von einer heftigen theologischen Polemik der städtischen Weltgeistlichen an der Universität Paris gegen die dortigen Mendikanten überlagert, die sich dort erfolgreich etabliert hatten. Insbesondere Wilhelm von Saint-Amour (1200/1210–1277) griff die Mendikanten an und sprach ihrer Lebensweise, die er in seiner Polemik auf Bettel reduzierte, jeglichen religiösen Wert ab. Er bestritt ihr Existenzrecht mit dem Argument, jeder gesunde Mensch ohne Einkommen müsse für seinen Lebensunterhalt arbeiten, Betteln sei nur Kranken, Gebrechlichen, Kindern und Greisen erlaubt, berufsmässiges Betteln hingegen sei insbesondere «starken» Begarden und jungen Beginen verboten.11 Beginen und Begarden lebten als Laien in semireligiösen Gemeinschaften ausserhalb der Klöster, ihre Lebensweise wurde von Kirche und Obrigkeiten mit Misstrauen betrachtet. Die abwertende Bezeichnung der valides mendicantes – das heisst der ‹starken›, arbeitsfähigen Bettlerinnen und Bettler – bildete fortan einen Topos in der innertheologischen Polemik gegen Franziskaner, Beginen und Begarden, der im 14. und 15. Jahrhundert am Oberrhein wieder aufgegriffen wurde.

Die Pestpandemie von 1348/49 und der allgemeine spätmittelalterliche Verarmungsprozess hatten Landflucht und einen starken Zustrom der ländlichen und der mobilen Bevölkerung in die Städte zur Folge.12 Die von Obrigkeit und Bevölkerung als bedrohlich wahrgenommene Situation führte zu einem grundsätzlichen Wandel in der Akzeptanz von Armut und zu einschneidenden Modifikationen der traditionellen Vorstellung von caritas, die eine Unterstützung aller Armen gefordert hatte. Unter den neuen sozioökonomischen Bedingungen integrierten die Obrigkeiten die ursprünglich innertheologische Polemik gegen ‹starke› Bettlerinnen und Bettler in den politischen Armutsdiskurs. Dies galt vor allem für die Städte, wo sich zahllose einheimische und fremde Arme und Bettelnde konzentrierten – beschäftigungslos, Arbeit suchend und Almosen heischend. Mit der Ausweitung des Begriffs der ‹starken› Bettler auf alle Männer, Frauen und Kinder, die gesund und arbeitsfähig waren, liess sich die Menge der Armen theoretisch auf die ‹wahren› Armen reduzieren, die aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit Anspruch auf Unterstützung hatten.13 ‹Müssiggang› und ‹Vagantentum› wurden zu den beiden wichtigsten Begriffen, unter denen sich die Lebensweise der unerwünschten fremden und mobilen Armen subsumieren liess.

Bild 5 ‹Der Hl. Martin teilt seinen Mantel›, Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben des Hl. Martin von Tours, Kapelle in der Unterkirche San Francesco in Assisi, Simone Martini, 1322–1326.

In Basel wurde 1494 Sebastian Brants berühmtes ‹Narrenschiff› gedruckt. In dem satirischen Werk wurde unter anderem auch der Typus des ‹Betrugsbettlers› geprägt, der ohne zu arbeiten ein Leben auf Kosten gutgläubiger Spenderinnen und Spender führt. In der sogenannten ‹Gaunerliteratur›, deren bekanntester Text das ‹Liber vagatorum› von 1510 darstellt, wurde der Betrugsbettler popularisiert, wobei die oberrheinischen Druckereizentren Basel und Strassburg eine zentrale Rolle spielten. Der Gaunerliteratur schreibt Hans-Jörg Gilomen die Funktion eines Scharniers zwischen dem theologischen und dem tagespolitischen Diskurs zu. Sie wirkte handlungsleitend für die repressive Armutspolitik der Obrigkeiten, die durch die Annäherung von Bettel und Bettelbetrug ein Klima des grundsätzlichen Misstrauens Bettelnden gegenüber schufen. Die im Kontext des Basler Konzils entstandene anonyme ‹Reformatio Sigismundi› (1439) oder der Traktat des Zürcher Chorherrn Felix Hemmerlin ‹Contra validos mendicantes› (1438) trugen stark zur Ausformung eines kirchlichen, obrigkeitlichen und populären Negativstereotyps der Bettelnden bei.14

Armut im mittelalterlichen Basel: pauperes Christi, ‹Working poor› und Bettelnde

Die Unterscheidung nach ‹Armut› und ‹Bedürftigkeit›, wobei Armut zwar prekäre Lebensbedingungen aber eine Existenz ohne fremde Hilfe, Bedürftigkeit hingegen das Angewiesensein auf Unterstützung bedeutet, trägt den fliessenden Übergängen und dem häufigen Wechsel zwischen ‹Armut› und ‹Bedürftigkeit› kaum Rechnung.15 In beiden Fällen verfügten die Menschen weder über finanzielle Rücklagen noch gewährte man ihnen Kredite, mit denen sie sich über Notzeiten hinweghelfen konnten. Arbeitslosigkeit und länger andauernde Erwerbsunfähigkeit zwangen ‹Arme› und ‹Bedürftige› mitunter zur Bitte um Unterstützung oder zum Überbrückungsbettel. Wir ziehen deshalb einen offenen Armutsbegriff vor, der den typischen konjunkturabhängigen Wechseln und den individuellen Lebensmustern eher gerecht wird.

Bild 6 Mobile Bettlerfamilie, Illustration vermutlich von Albrecht Dürer zu Sebastian Brants ‹Narrenschiff›, 1494. Eselsohren, Schellen und Hahnenkamm kennzeichnen den Bettler als Narren. Das ‹Narrenschiff› prägte den Typus des betrügerischen, ‹starken› Bettlers.

Bild 7 Wandernde Bettler, Titelbild der ersten Ausgabe des ‹Liber vagatorum›, gedruckt 1510. Das ‹Liber vagatorum› war der am weitesten verbreitete Text der sogenannten ‹Gaunerliteratur›. Es charakterisierte die verschiedenen Bettlertypen mit ihren Tricks und ihrem rotwelschen Wortschatz. Die Gaunerliteratur rückte den Bettel in die Nähe von Betrug.

Das prekäre ökonomische Gleichgewicht zahlreicher Haushalte hing ab von den Preisen für Korn und Wein. Eine kritische Situation entstand, nachdem das französische Söldnerheer der Armagnaken, von der Bevölkerung ‹Schinder› genannt, 1439 und 1444 (nach dem Friedensschluss von Arras von 1435) plündernd und brandschatzend ins benachbarte Elsass eingefallen waren. Als sich 1444 in Basel die Nachrichten verdichteten, König Friedrich von Habsburg und der vorderösterreichische Adel hätten die ‹Schinder› gegen die Eidgenossen zu Hilfe gerufen, forderte die Basler Obrigkeit die Zünfte und die privaten Haushalte auf, sich mit Getreide für ein Jahr – nämlich drei Viernzel pro Kopf – einzudecken, und kaufte selbst Getreide für die öffentliche Vorratshaltung. Im selben Jahr liess der Rat eine Erhebung über die privaten Vorräte durchführen, die leider nur für das Kirchspiel St. Leonhard erhalten ist. Dabei stellte sich heraus, dass rund ein Viertel der Bevölkerung von St. Leonhard nicht in der Lage war, sich angesichts der drohenden Gefahr mit Getreide zu versorgen, während einige reiche Bürger wohlgefüllte, gut verriegelte Getreidespeicher besassen. Flüchtlinge aus dem benachbarten Elsass waren nur aufgenommen worden, wenn sie genügend Getreide für sich und ihre Familien mitgebracht hatten.

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