Arschbombenalarm - Lisa Sturm - E-Book

Arschbombenalarm E-Book

Lisa Sturm

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Beschreibung

Sie sind Mitte dreissig und verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Doch anstatt den wunderschönen Sommer gemeinsam zu geniessen, sabotiert Samira die neugewonnene Beziehung mit vielen Missverständnissen und Dramen. Kann diese Liebe wirklich dauerhaft Bestand haben? Und wie kann das Schicksal so gemein sein, gerade als alle Probleme vermeintlich gelöst waren, Samiras ganzes Leben an einem Tag auf den Kopf zu stellen?

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Lisa Sturm

Arschbombenalarm

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

Quellenangabe

Impressum neobooks

Kapitel 1

„Ich muss sofort hier raus“, sagte Samira völlig ausser sich zu sich selbst. Ihr war klar, wenn sie jetzt das ganze Wochenende in dieser stickigen heissen Wohnung sass, würde sie im Selbstmitleid ertrinken. Sie musste sich unbedingt auf irgendeine Art und Weise abkühlen. Sie hatte zwar noch keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte aber trotzdem schnappte sie sich ganz unüberlegt ihre Sporttasche, wo sie ein paar wenige Sachen reinpackte. Wie von der Tarantel gestochen fetzte sie durch ihre Wohnung. Ein Nachthemd, Zahnbürste, Zahnpasta, einen Kamm, Badehosen, Badetuch und noch ein paar Kleinigkeiten, die ihr wichtig schienen. Im Stechschritt rannte sie zu ihrem Auto, fuhr aus der Tiefgarage und bog in die Hauptstrasse ein. Dann zögerte sie kurz. Links oder rechts? Sie hatte keine Ahnung, einfach nur weg. Also fuhr sie in Richtung Autobahn. Die beste Möglichkeit am schnellsten weit weg zu kommen war die Autobahn. Sie fuhr in Richtung Bern, drehte die Musik auf und sang so laut und falsch, wie es nur möglich war. Sie war auf der Flucht. Auf der Flucht vor der unerträglichen Hitze und auf der Flucht von ihrem Leben.

Es war ein heisser Tag im Juli. Als Samira gegen 18 Uhr in ihrer Wohnung in Zürich Oerlikon angekommen war und einmal tief durchgeatmet hatte, wurde sie von der stickigen Hitze fast erschlagen. Es war Freitagabend und das ganze Wochenende lag vor ihr. Eigentlich ein Grund zum Jubeln. Doch ihr war so gar nicht zum Jubeln zu Mute. Eine strenge Arbeitswoche lag hinter ihr und sie hatte noch keine Pläne fürs Wochenende. Zudem fühlte sie sich ein wenig einsam aber das Schlimmste war diese Hitze. Sie arbeitete in einem Grossraumbüro, in einem eigentlich sehr modernen Gebäude aber das angeblich vorhandene Klimasystem schien nicht zu funktionieren. Die ganze Woche über musste sie sich bei Innentemperaturen von rund 27 Grad auf die Arbeit konzentrieren, was insbesondere am späten Nachmittag stets zur Höllenqual wurde. Ihr dauernd übel gelaunter Chef machte die Situation auch nicht einfacher. Wenn sie dann endlich in den Feierabend gehen konnte, und zwar gemäss ihrem Chef keine Sekunde vor 17 Uhr, kam die nächste Qual auf sie zu. Mit dem nicht klimatisierten Tram quer durch die ganze Stadt Zürich zu fahren. In den seltensten Fällen konnte sie sich einen Sitzplatz erkämpfen. Natürlich auch heute nicht. Wie herrlich das jeweils roch, wenn sich die Leute an irgendwelchen Stangen festhielten und ihnen der Schweiss bildlich aus den Achselhöhlen tropfte. Und dann immer diese widerlichen alten Männer, die so nahe zu ihr stehen müssen, dass sich ihre Körper berührten. Samira war sich sicher, dass die das oft ganz absichtlich taten um Körperkontakt zu suchen und sie hasste das. Sie wurde nicht gerne von fremden Leuten berührt und wusste sich oft verbal nicht zur Wehr setzen. So kämpfte sie sich dann jeweils auf die andere Seite des Trams, wo das gleiche Spiel bald wieder von vorne losging. Wenn dann endlich ihre Haltestelle kommt, stürzt sie sich jedes Mal aus dem Tram und hechelt nach frischer Luft. Doch aufgrund der langanhaltenden Hitze war das an diesem Tag auch nicht möglich gewesen. „Wie ist denn das überhaupt möglich, dass es draussen noch heisser ist als in diesem stickigen Tram?“, fluchte sie heute leise vor sich hin, als sie von der Haltestelle nach Hause lief. Die Hitze brannte und sie wollte einfach nur noch in ihre Wohnung. Endlich angekommen, war es genau so heiss wie zuvor im Büro, im Tram und an der frischen Luft. Nach dieser Feststellung atmete sie tief durch und spürte, wie ein paar Tränen in ihr hochstiegen. Sie versuchte dagegen anzukämpfen und sprang schnell unter die Dusche. Endlich so was Ähnliches wie eine Abkühlung. Sie duschte lange und ausgiebig und als sie aus der Dusche trat, wurde sie erneut beinahe von der Hitze erschlagen. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Sie blickte in den Spiegel und begutachtete ihre weiblichen Problemzonen, während dem sie ihre langen dunkelblonden Haare trocken rubbelte. Ihre türkisgrünen Augen schimmerten traurig. Nur in ein Handtuch eingewickelt setzte sie sich dann aufs Sofa und versuchte positive Gedanken zu sammeln. Doch alles was ihr immer wieder durch den Kopf ging war „es ist so heiss“ und „ich bin so allein“.

Als Bern immer näher kam, musste sie sich entscheiden in welche Richtung es weitergehen sollte. Thun/Spiez? Die Gegend sei angeblich sehr schön. Langsam begann sie sich zu entspannen und war überglücklich, dass ihr Auto eine Klimaanlage besass. Somit konnte sie schon mal ein bisschen abkühlen.

Vor zwei Monaten war ihre Welt noch in Ordnung gewesen. Sie und Loris waren seit knapp einem Jahr glücklich verliebt und sie verbrachten jede freie Minute zusammen. Zumindest jede freie Minute, die Loris zur Verfügung hatte. Denn obwohl er arbeitssuchend war, hatte er immer irgendwas zu tun und war viel unterwegs. Samira hätte gerne mehr Zeit mit ihm verbracht, doch das ging nun mal leider nicht. Aber im grossen Ganzen war das auch gut so, denn somit hatte sie viel Zeit für sich selbst, was ihr auch sehr wichtig war und sie konnte ihre beste Freundin Jana auch jederzeit sehen. Jana war ebenfalls 35 Jahre alt und seit 15 Jahren glücklich mit ihrem Stefan liiert. Die beiden wohnten schon beinahe seit dem Anfang ihrer Beziehung in Zürich Seefeld. Sie arbeitete als Dentalassistentin und verdrehte noch heute mit ihren langen schwarzen Haaren und strahlend grünen Augen den Männern regelmässig den Kopf. Samira war sich sicher, dass sobald sie und Loris einmal zusammenziehen, sie sich automatisch auch öfters sehen würden. Wenn er bei ihr war, war alles perfekt. Ihr Herz schlug jedes Mal höher, sobald es an der Türe klingelte und er draussen stand. Ihre Begrüssungen und Verabschiedungen waren immer sehr herzlich und er sprach schon früh in der Beziehung davon, dass er sie einmal heiraten und Kinder mit ihr haben möchte.

Als sie sich das zweitletzte Mal gesehen hatten, waren sie bei Samira zu Hause und kochten gemeinsam. Gemütlich sassen sie danach bei Kerzenschein am Tisch und schwebten auf rosa Wolken. „Ich liebe dich so sehr“, flüsterte sie damals leise und er schaute sie glücklich an und flötete: „Ich bin so froh, dass wir uns begegnet sind“. Er nahm sie fest in den Arm bevor sie übereinander herfielen. Es war eine wunderschöne und romantische Nacht und am nächsten Morgen verabschiedete er sich mit einem langem Kuss und dem Versprechen, dass sie sich am übernächsten Tag wieder sehen und er sich sehr darauf freue.

Am übernächsten Tag hatte sie bereits alles für ein gemütliches Abendessen eingekauft. Der Tisch war gedeckt, die Kerzenständer durften natürlich nicht fehlen und im Ofen brutzelte bereits ein leckeres Stück Fleisch, als er an der Türe klingelte. Wie immer machte ihr Herz einen grossen Hüpfer und sie sprintete vor lauter Vorfreude schnell zum Eingang. Sie lächelte, als sie die Türe öffnete: „Hey, wie geht’s? Hattest du einen guten Tag?“ Er schaute sie ernst an und schüttelte den Kopf. Oje, irgendwas schien wohl bei ihm heute nicht gut gelaufen zu sein. Doch er blieb ruhig, sagte kein Wort mehr und hatte noch immer diesen ernsten Blick aufgesetzt. Panik kam in ihr hoch. „Was ist los?“ Mit grossen ängstlichen Augen blickte sie ihn an. War er krank? Fühlte er sich nicht gut? Warum hatte er sich dann den ganzen Tag über nicht gemeldet? Wenn er ihr geschrieben hätte, dass es ihm nicht gut gehe, dann hätte sie das Essen doch verschoben. Er setzte sich kommentarlos aufs Sofa und sie gesellte sich zu ihm. „Was ist denn jetzt?“ Er blickte ernst und mit fast schon böser Miene auf den Boden und es dauerte mehrere Minuten, bis er endlich etwas sagte. „Schau, ich habe mir ein paar Gedanken gemacht und bin zum Schluss gekommen, dass für mich diese Beziehung so nicht mehr funktioniert. Ich liebe dich nicht und möchte das Ganze hiermit beenden“. Stille. ‚Das muss ein Traum sein‘, ging es Samira durch den Kopf. Leider hatte sie sehr oft ziemlich lebhafte Träume und verfügte aber glücklicherweise über das Talent, bei bösen Träumen noch im Traum festzustellen, dass es nur ein Traum war. Damit konnte sie ihr Aufwachen beeinflussen. Sie wusste also, dass sie sich jetzt nur vom Sofa erheben musste und sich innerlich dazu aufzurufen aufzuwachen, dann war dieser Albtraum beendet. Also sprang sie hoch und versuchte zu erwachen. Doch nichts passierte. Im Gegenteil. Sie stand auf dem Parkettboden und es fühlte sich an, als würde ihr jemand den Boden unter den Füssen wegziehen. ‚Das ist gar kein Traum‘, raunte es ihr durch den Kopf. „Aber das kann doch nicht sein, verdammt nochmal“, schrie sie jetzt quer durch die Wohnung. Er sass seelenruhig an der gleichen Stelle wie zuvor und zuckte nur mit den Schultern. „Ich muss jetzt los“. Herzlos stand er auf. Sie versuchte ihn aufzuhalten, hielt ihn am Arm fest, doch er riss sich los, drehte sich noch ein letztes Mal um und sagte: „Sorry“. Dann ging er zur Türe raus und sie hatte ihn nie mehr gesehen oder gehört.

Eine Welt war für sie zusammengebrochen und eine Mischung aus Wut und Trauer machte sich in ihr breit. Sie nahm das gute Stück Fleisch aus dem Ofen und schmiss es mit voller Wucht von ihrem Balkon. Die Flasche mit dem guten Wein gleich hinterher. Sie hörte wie sie in tausend Scherben zersprang, genau wie ihr Herz. ‚Jetzt bist du wieder alleine‘ ging es ihr durch den Kopf. Wieder Single. Ihr graute es davor, erneut von vorne anzufangen. Sie hatte so lange auf Loris gewartet und jetzt war er einfach weg. Und mit ihren bereits 35 Jahren wurde es bestimmt nicht einfach, nochmals einen brauchbaren Mann zu finden.

Nach ein paar Tagen stellte sie fest, dass das Schlimmste an der Trennung nicht der Verlust von Loris als Person war sondern, dass sie vielmehr damit zu kämpfen hatte wieder alleine zu sein. Ihr Unterbewusstsein sagte ihr sogar, dass sie mit Loris sowieso keine Zukunft gehabt hätte und dennoch vermisste sie ihn anfänglich sehr. Es war bestimmt besser so. Loris war zwei Jahre jünger als sie und sie fühlte sich schon immer viel erwachsener als er. Auch optisch entsprach er eigentlich nicht dem Typ Mann, der Samira normalerweise gefiel. Er war sehr dünn, fast schon knochig, hatte strohblonde Haare und stahlblaue Augen. Sie hätte einfach gerne gewusst, warum er so plötzlich von einem Tag auf den nächsten alles hingeschmissen hatte, wo doch vermeintlich alles in bester Ordnung gewesen war. Doch sie bekam keine Antworten auf ihre Fragen. Ungefähr einen Monat lang schwankte sie zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt bis sie sich irgendwann sagte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Also zog sie definitiv einen Schlussstrich und konzentrierte sich auf ihre Zukunft. Jana hatte ihr den Rat gegeben sich fest darauf einzustellen, dass die Zukunft, die vor ihr lag die bestmögliche Zukunft überhaupt sei und auf diese sollte sie sich freuen.

Das gelang ihr eigentlich sehr gut. Sie verbrachte viel Zeit mit Jana und noch mehr Zeit mit sich selbst, was ihr an den meisten Tagen sehr viel Freude bereitete. Einer der grossen Vorteile am Singleleben war es schliesslich, machen zu können worauf man gerade Lust hatte und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Aber heute gelang ihr das nicht. Diese nicht enden wollende Hitze und die Aussicht auf ein Wochenende ohne Pläne und ohne Jana brachten langsam aber sicher eine grosse Verzweiflung in ihr hoch. Irgendwann verlor sie den Kampf gegen die Tränen und liess ihnen freien Lauf. Als sie sich beruhigt hatte, ergriff sie die Flucht. Und da war sie nun. Auf der Suche nach einem Ziel.

Sie fuhr dem Thunersee und Brienzersee entlang und staunte über die schöne Aussicht, das klare blaue Wasser und die Sonne, die auf dem See glitzerte. Sie passierte Meiringen/Hasliberg und folgte wahllos einer Strasse. Diese schlängelte sich in kurviger Strecke immer höher. Der Weg war ihr Ziel und sie fühlte sich frei und ungezwungen. Die Strasse führte durch dichte grüne Wälder, entlang eines relativ breiten Flusses. Wenn sie in Geographie keinen Fensterplatz gehabt hätte, wäre bestimmt auch zu erraten gewesen, wie dieser hiess. Die Bäume wurden weniger und sie sah grosse Berge, der pure Kontrast zu ihrem Leben in der Stadt. Nachdem sie auch noch eine Brücke überquert hatte sowie einer Links- und Rechtskurve gefolgt war, lag ein kleines sympathisches Bergdorf vor ihr. Auf dem Ortsschild konnte sie den Namen ‚Guttannen‘ erkennen und sie wusste insgeheim, dass sie am für sie richtigen Ort angekommen war.

Sie fühlte sich wie in einen alten Film versetzt. Hier war alles so herrlich ruhig und friedlich. Sie tuckerte auf der Strasse weiter, bis sie eine kleine Pension namens ‚Tannenhof‘ entdeckte. Das Haus war eines dieser traditionellen Berner Häuser. Die Aussenfassade aus dunklen Holzschindeln, alte Fenster mit urchigen Fensterläden aus hellerem Holz. Dazu war jedes dieser Fenster mit einer Blumenkiste geschmückt, die meisten mit roten Geranien. Sie war sich sicher, das Haus musste einem Bilderbuch entsprungen sein. Nachdem sie das Auto geparkt hatte und ausgestiegen war, kam ihr eine herrlich angenehme Bergluft entgegen. Es war bereits gegen viertel vor neun Uhr und die Temperaturen waren im Gegensatz zu ihrer Wohnung in Zürich schon ziemlich abgekühlt. Sie atmete tief durch. Genau so hatte sie sich das vorgestellt. Sie schnappte ihre Tasche und trat in den Tannenhof ein.

Sofort stockte ihr der Atem vor Begeisterung. Das Haus war von oben bis unten aus hellem Täfer, die Fenster mit bunten Vorhängen geschmückt und an den Wänden hingen handgeschnitzte Figuren, die aus Wurzeln entstanden waren. Es gab einen kleinen Empfang mit einer Klingel wo sie kraftvoll drauf drückte. Während dem sie kurz wartete begutachtete sie die alten Bauernmöbel und staunte über so viel Gemütlichkeit. Da öffnete sich eine Türe und eine freundliche, etwas ältere Dame mit roten Wangen und einem unglaublichen Strahlen im Gesicht erschien. Sie hatte ihre Haare zu einem Dutt hochgebunden, trug Jeans mit einem rot-weiss-karierten Hemd und sah aus als wäre sie einem Heimatfilm entsprungen. „Willkommen im Tannenhof. Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Ich bräuchte ein Zimmer für zwei Nächte, haben Sie da noch etwas frei?“ „Selbstverständlich, kommen Sie doch bitte gleich mit“. Die Dame schnappte sich einen Schlüssel und Samira folgte ihr gespannt. Die Pension war über und über mit Dekorationsgegenständen geschmückt und Samira kam kaum nach mit ihren neugierigen Blicken. Sie folgte der Dame die Treppe hoch und betrat das Zimmer Nr. 3. „Schauen Sie es sich doch kurz an“, hörte Samira eine Stimme im Hintergrund während dem sie bereits am Tagträumen war, „gefällt es Ihnen?“ Samira musste nur einen Blick in den Raum werfen und wusste, dass sie hier richtig war. Das Zimmer war aus hellem Täfer, sowohl die Wände als auch Decke und der Boden. Zudem lagen da noch ein paar ganz hübsche Teppiche. Es gab ein grosses Fenster, das mit rot-weissen-Vorhängen geschmückt war, an den Wänden hingen zwei hübsche Landschaftsbilder, handgemalt. Auf der rechten Seite stand das Bett und sie wäre am liebsten gleich reingesprungen. Am Kopf und Fuss des Bettes gab es wiederum eine Holzdekorierung und die weisse Bettdecke und das Kopfkissen mit dem Knick drin, sahen sehr kuschlig aus. Zudem gab es einen kleinen Tisch mit einem alten hölzernen Stuhl. Gleich beim Eingang war noch ein kleines Badezimmer mit WC, Dusche und Lavabo. Schlicht und einfach ein Traum. „Und wie es mir gefällt, vielen herzlichen Dank“, jubelte sie förmlich. „Haben Sie Hunger? Wir sind draussen im Garten und ich bin mir sicher, es findet sich noch etwas für auf den Grill. Kommen Sie doch gleich nach draussen, wenn sie ausgepackt haben“. Samira hätte die Frau am liebsten umarmt. Sie schmiss ihre Tasche aufs Bett, nahm ihren Kuschelpullover raus, zog ihn an, drehte sich um und sagte glücklich: „Ich bin bereit, auspacken kann ich später immer noch“.

Kapitel 2

„Wie heissen Sie? Und was verschlägt Sie hier in die Berge?“ Samira folgte der Dame die Treppe nach unten. „Samira. In erster Linie habe ich versucht der Hitze zu entkommen und bin irgendwie hier gelandet“. „Ich bin die Ida. Ja, es ist ein heisser Sommer, es wird hier tagsüber schon auch sehr warm“. „Aber in der Nacht kühlt es auch mal ab. Das habe ich gebraucht“. Samira lächelte während Ida nickte. Dann traten sie in den kleinen Garten hinaus. Eine wunderschöne grüne Wiese mit einzelnen Stellen, wo beim Rasen mähen noch Blumen stehen geblieben sind. Das Grundstück war umrandet von Tannen und Gebüschen und Samira war sich sicher, bereits einen Schattenplatz für morgen gefunden zu haben. Es gab hier einige kleine Tische mit Stühlen und mehrere grosse Festbänke. Auf der linken Seite stand ein grosser Grill, der noch in Betrieb war. Daneben gab es auf einem Tisch diverse Salate und Brote. „Kommen Sie, Fräulein Samira“. Ida nahm sie bei der Hand und zog sie zum Grill. Samira musste sich beherrschen, dass ihr nicht gleich der Sabber aus dem Mund tropfte, denn es sah alles so lecker aus und ihr Bauch begann auf Kommando laut zu knurren. „Da hat aber jemand Hunger“, hörte sie eine männliche Stimme hinter dem Grill. „Und wie“. Samira entschied sich für eine grosse Berner Wurst und ein saftiges Stück Fleisch. Zudem füllte sie sich den restlichen Platz auf dem Teller mit Salat, schnappte sich ein Stück Brot und setzte sich an einen der Festbänke. „Ist der Platz noch frei?“, fragte sie artig und verstand nicht, warum alle lachten. „Nicht fragen, einfach hinsetzen“, bekam sie zur Antwort. „Sie sind bestimmt aus der Stadt?“ wurde sie gefragt und war sofort in ein Gespräch verwickelt worden. Sie hatte ein Glücksgefühl in ihrem Herzen, wie schon lange nicht mehr. „Darf ich dir was zu trinken holen?“ Moment, die Stimme kam ihr bekannt vor. Ah ja genau, der Herr vom Grill. „Ja gerne, ich nehme ein…“ Sie blickte von ihrem Teller hoch, „ein ähm wow….“.

Der Mann, der da vor ihr stand, war in ihrem Alter, muskulös und atemberaubend. Seine ein wenig verwuschelten braunen Haare, die rehbrauen Augen, der verwegene 3-Tage-Bart, sein lockerer Holzfäller-Style, Samira war völlig von den Socken. Gab es eigentlich so was wie Liebe auf den ersten Blick? Bis jetzt war ihr das noch nie passiert. Im Gegenteil. Meistens zogen sich ihre Bekanntschaften und Rendezvous Ewigkeiten hin bis sich dann vielleicht schlussendlich mal eine Beziehung daraus ergab. Es gab immer irgendwas, was ihr nicht passte. Mal war sie sich optisch nicht ganz sicher, dann charakterlich. Oder dann wusste sie nicht, ob sie wirklich eine Beziehung wollte oder doch nicht. Ja, sie war ein schwieriger Kandidat. Jana meinte immer wieder, dass sie viel zu wählerisch sei und vielleicht hatte sie da nicht ganz Unrecht. Aber schlussendlich wollte sie ja die grosse Liebe und nicht eine lauwarme Wischiwaschi-Beziehung. Bis jetzt war ihr das nur leider noch nie passiert. Sie liebte es am Sonntagabend diese Liebesschnulzen im Fernsehen zu schauen und wünschte sich so sehr, dass bei ihr auch einfach so mal der Blitz einschlagen würde. Aber so was passierte doch im richtigen Leben nicht. Oder? „Erde an Miss Unbekannt. Bist du noch wach?“ Samira spürte wie sich ihr ganzes Gesicht rot verfärbte. „Äh ja, ich nehme einen Sex on the beach, bitte“, stammelte sie nun. Er grinste ihr frech ins Gesicht. „Das haben wir nicht. Ich könnte dir höchstens Sex im Heustock oder Sex hinter dem Haus anbieten oder ganz ordinär Sex im Bett“. Die Gruppe am Tisch lachte und sie wäre am liebsten im Boden versunken. „Willst du eine Cola? Ich müsste sie dir aber ohne Eis und Zitrone und ohne Partyschirmchen servieren“, plapperte er fröhlich weiter. Samira war nun völlig verunsichert. „Ja, gerne“, flüsterte sie fast lautlos. Ihr Traummann und Vater ihrer zukünftiger Kinder zog wieder von dannen. „Das war übrigens Yanick. Sohn des Hauses. Nimm den bloss nicht zu ernst“, sagte die Frau, die neben ihr sass und stupfte sie mit dem Arm in die Seite. Samira war dankbar über diese Bemerkung, denn ihr Selbstbewusstsein hatte gerade einen kleinen Knacks bekommen. Sie musste an Loris denken, der ihr immer wieder mal vorgeworfen hatte, wie peinlich sie sei. Ihre Art zu lachen, wenn sie einen Witz nicht verstand, dass ihr manchmal in heissen Sommernächten die Tränen kommen, wenn sie nicht schlafen konnte oder dass sie es einfach nicht schaffte das Auto gerade in einen Parkplatz zu stellen. Sie parkte immer leicht schräg. Mal nach links, mal nach rechts. „Wie lange fährst du jetzt schon Auto?“, hatte er des Öfteren kopfschüttelnd gefragt. Sie fand das nicht fair. Vor allen Dingen, weil er selber noch nicht mal den Führerschein gemacht hatte. Wäre er hier am Tisch gesessen, während dem sie den Sex on the beach bestellt hatte, hätte er sie danach sicher wieder runtergemacht. Wie kann man nur so blöd sein und an so einem Ort einen solchen Cocktail bestellen?

Sie schob sich gerade einen Bissen in den Mund, als sich jemand neben sie setzte. „Bitteschön“. Es war Yanick, der ihr eine Cola hinstellte. „Und den gibt es gratis dazu“. Er legte ihr einen Lebkuchen hin und setzte ein Zahnpastalächeln auf. Da war er. Der Blitz, auf den sie schon so lange gewartet hatte. Er hatte voll eingeschlagen. „Es ist ein Berner Honiglebkuchen“, erklärte er, während dem sie noch überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass sie nicht so gerne Lebkuchen ass. Sie sagte nichts. Immer im Hinterkopf, dass sie sicher wieder was Falsches sagen würde, also besser die Klappe halten. „Danke“. Aus Anstand biss sie, nachdem sie fertig gegessen hatte, in den Lebkuchen. Dieser war erstaunlicherweise sehr lecker. „Mmmm fein“, rutschte es aus ihr raus. „Wir haben übrigens auch alkoholische Getränke, also Bier, Wein und jede Menge Schnaps. Wie heisst du überhaupt?“ Er strahlte sie noch immer an. „Samira“. „Ich bin der Yanick und ich hol mir mal ein Bier. Nimmst du auch eines?“ Sie war eigentlich keine Biertrinkerin aber hier in den Bergen passte es irgendwie. „Gerne“. Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt. Es konnte doch einfach nicht wahr sein. Endlich war ihr der Traumprinz begegnet und sie brachte nicht mehr als ein Wort aufs Mal raus. Sie konzentrierte sich darauf, Loris‘ Stimme aus dem Hinterkopf zu verbannen und als Yanick sich wieder zu ihr setzte und ihr ein Bier in die Hand drückte hob sie dieses in die Höhe und sagte: „Auf die Bergluft“. „Auf die…was?“, kicherte Yanick. „Auf die Bergluft“, wiederholte Samira ein wenig lauter und ein paar Leute an ihrem Tisch erhoben ebenfalls die Gläser oder Flaschen und riefen im Chor: „Auf die Bergluft“.

Ein paar Biere später war Samira schon ein bisschen lockerer drauf und vergass ihre Unsicherheiten und ihr Selbstbewusstsein war auf dem durchschnittlichen Level angelangt. Sie war gerade dabei Yanick zu erzählen, dass sie in Zürich lebte und der Hitze entkommen wollte. „Du kannst dir das ja überhaupt gar nicht vorstellen, wie heiss es in meiner Wohnung ist und egal was man macht, es kühlt nicht ab“. Sie atmete einmal ganz tief durch. „Aber jetzt bin ich ja hier und konnte endlich ein bisschen runterfahren“. Sie lächelte Yanick glücklich an. „Runterfahren? Reicht dir das denn schon als Abkühlung, wie es jetzt gerade ist?“ Er blickte ihr keck ins Gesicht. „Warum? Meinst du, es wird morgen Abend noch kühler?“ „Das wohl nicht aber wenn ICH mich mal so richtig abkühlen möchte, ich wüsste schon, was ich dann machen würde“. Er blickte sie frech und verschwörerisch an und sie fühlte von Kopf bis Fuss einen wohligen Schauer. Nach einem kurzen Moment der Stille fragte sie: „Und wie? Was machst du um dich abzukühlen?“ „Es gibt hier in der Nähe einen kleinen Bergsee. Eigentlich ist es ein Moorsee mit einigen Metern Tiefe, wodurch er auch im Sommer eher kühle Temperaturen hat. Es gibt nichts Schöneres als an einem Samstagmorgen in aller Frühe eine Runde in dem See zu baden. Wenn man dann nicht abkühlt, weiss ich also auch nicht“. „Wie warm oder kalt ist denn dieser See?“ „Ach, so was zwischen 10-15 Grad würde ich sagen. Am Morgen wohl so um die 12 Grad oder so?“ „Und wie früh am Morgen schwimmst du denn da so?“ „Weiss nicht, meistens so um fünf oder sechs Uhr“. Samira nahm einen Schluck Bier und dachte nach. Wer um Himmels Willen stand freiwillig an einem Samstagmorgen so früh auf? Oder veräppelte er sie wieder? War das wieder einer dieser Momente, wo sie nicht merkte, dass man sie an der Nase rumführte? Loris würde bestimmt schon wieder den Kopf schütteln. „Und? Wie sieht es aus?“, Yanick stupfte sie mit dem Arm und holte sie aus ihren Träumen zurück. „Wie sieht was aus?“ „Kommst du morgen mit? Treffpunkt fünf Uhr hier vor dem Eingang?“ Er wollte also tatsächlich mit ihr in diesem Moorsee baden gehen? Und das in aller Herrgottsfrühe? Sie war ja wohl nicht wahnsinnig. Andererseits, eine bessere Möglichkeit abzukühlen gab es bestimmt nicht. Und natürlich wollte sie Zeit mit ihm verbringen, aber fünf Uhr morgens? „OK. Sagen wir Treffpunkt sechs Uhr vor dem Eingang“, versuchte sie ihn runterzuhandeln. „Letztes Angebot: 5.30 Uhr…zum ersten, zum zweiten, zum dritten“. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verkauft an die hübsche Dame aus Zürich“. Samira lachte und ihr Herz schlug bis zum Hals. Er fand sie hübsch? Obwohl sie hier völlig verschwitzt, in ihrem Wohlfühlpullover, mit den Schminküberresten des Tages, ungekämmt und abgekämpft dasass? Loris war immer der Meinung, dass sie sich mehr schminken müsste und viel stylischer anziehen sollte. Ihre natürliche Art gefiel ihm eigentlich gar nicht. Sie versuchte sich oft für ihn zu verstellen. Manchmal kaufte sie Kleider, die ihm bestimmt gefielen und sie schminkte sich so stark, dass er es sicher schön fand. Oftmals stand sie völlig verzweifelt in irgendeinem Geschäft, weil sie genau die Kleidungsstücke nicht fand, die er ihr beschrieben hatte und von denen er fand, dass sie diese doch so unbedingt mal anziehen sollte. Manchmal war sie den Tränen nahe und sich überhaupt nicht bewusst, wie sehr sie sich selbst für ihn aufgegeben hatte. Und jetzt sass sie da. Einfach so, wie sie war und hatte gerade ein simples Kompliment bekommen, dass in ihr eine richtige Hitze auslöste. ‚Ich wollte mich doch abkühlen‘, dachte sie. Während Yanick nochmals kurz zum Grill zurückging, nahm sie ihr Handy aus der Hosentasche und schrieb Jana eine SMS:

Bin in den Bergen am abkühlen…und habe den Mann meines Lebens kennengelernt. <3 Mehr wenn ich zurück bin. Guk. Samira. PS: Willst du meine Trauzeugin sein? ;-)

Janas Antwort kam umgehend:

Ich glaube, du hast zu viel Hitze abgekriegt. Kühl mal schön ab und melde dich dann wieder.

Samira blickte schmunzelnd aufs Display und sagte leise: „Und genau das habe ich vor“. Yanick kam an den Tisch zurück und blickte demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Zeit für die Heia“. „Für die was?“ „Ab ins Bett“, sagte er dann etwas lauter, „schliesslich müssen wir morgen früh raus“. „OK, ok, ich geh ja schon“, Samira erhob sich lachend und ging zum Tannenhof zurück, als sie Yanick noch rufen hörte: „Schlaf gut und träum was Schönes“.

Lächelnd ging sie die Treppe hoch und öffnete die Türe zu ihrem Zimmer. Sie tänzelte quer durch den ganzen Raum. Vergessen war die Hitze, vergessen war ihre Unsicherheit, vergessen ihr Leben in Zürich. Sie war gerade im Hier und Jetzt sehr glücklich. Sie legte sich die Badehosen und das Badetuch für den nächsten Morgen bereit. Zum Glück hatte sie die Sachen eingepackt. Dann machte sie sich bettfertig und als sie dann so da lag, konnte sie vor lauter Glück nicht gleich einschlafen. In Gedanken stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie immer hier leben würde. Gemeinsam mit Yanick. Da fiel ihr auf, dass sie ihn noch gar nicht gefragt hatte, was er arbeitete. Bestimmt etwas Handwerkliches. Vielleicht war er Schreiner oder Zimmermann. Oder er arbeitete als Holzfäller. Oder Bauer? Hm, und was könnte sie hier denn arbeiten? Es sah nicht so aus, als ob es in diesem Kaff viele Bürojobs gab. Gut, sie könnte sich bestimmt etwas in dem nächsten grösseren Ort suchen. Oder sie blieb dann halt einfach zu Hause mit den Kindern, die sie bestimmt noch bekommen werden. Ob sie mit seinem Schreinergehalt überhaupt durchkommen würden? Gut, hier brauchte man ja nicht viel, es würde schon irgendwie gehen. Und wenn er doch Bauer war? Könnte sie es sich tatsächlich vorstellen auf einem Bauernhof mitzuarbeiten? Während dem sie sich die unterschiedlichen Zukunftsvisionen durch den Kopf gehen liess, schlief sie dann doch irgendwann ein.

Kapitel 3

Samira wusste zuerst gar nicht mehr wo sie war, als der Wecker klingelte. Sie schaute auf die Uhr. Kurz nach fünf Uhr morgens. „Ich muss wahnsinnig sein“, sagte sie leise zu sich selbst, als sie sich mühsam aus dem Bett quälte. Nachdem sie die Zähne geputzt hatte, zog sie sich direkt die Badeklamotten an und ihre normale Kleidung darüber. Dann schnappte sie sich ihr Handy und schrieb Jana eine SMS:

So, unterwegs zum Morgenschwimmen mit meinem Traummann. Geniesse deinen Tag. Guk. Samira

Kurz vor halb machte sie sich auf den Weg zum Treffpunkt. Leise schlich sie die Treppe runter. Es war totenstill und offenbar war noch niemand wach. Als sie nach draussen trat, stand vor dem Eingang ein dunkelblauer Jeep Wrangler aus dem Yanick seinen Kopf rausstreckte und rief: „Guten Morgen, Schlafmütze“. „Ich bin aber pünktlich“, protestierte Samira, während dem sie einstieg. „Dann wollen wir mal los“, Yanick sprühte förmlich vor Energie. Er schien ein richtiger Morgenmensch zu sein. Ganz im Gegensatz zu Samira, die richtig Mühe hatte, die Augen offenzuhalten. „Du kannst schon noch ein bisschen schlafen. Ich wecke dich, wenn wir da sind“, meinte er vorlaut. „Was? Nein, ich bin hellwach“. „Wann beginnt denn dein Tag normalerweise in Zürich?“ „Ach, ich muss einfach spätestens um acht Uhr im Büro sein. Mein Chef ist da ein bisschen eigen und erlaubt mir keine Minute später zu kommen“. Yanick sagte nichts aber Samira konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass er leicht den Kopf schüttelte. „Findest du das seltsam?“, Samira schaute ihn neugierig an. „Nun ja, ich verstehe nicht ganz, warum man so unflexibel sein muss. Aber bei euch Stadtmenschen ist das wohl normal“. „Hey, stell uns jetzt nicht so hin, als wären wir eine seltsame Spezies“, lachte Samira. „Seid ihr das denn nicht?“ Er schenkte ihr ein überaus herzliches Lachen. „Was arbeitest du denn eigentlich?“ Die Frage brannte ihr schon lange auf der Zunge. Zunächst schwieg er einen Moment, bevor er zu erzählen begann. „Ich bin gelernter Zimmermann und habe lange bei einer Zimmerei in Innertkirchen gearbeitet. Ach ja, ich habe die Arbeit mit dem Holz geliebt“, er hielt kurz inne. „Meine Mutter hast du ja bereits kennen gelernt, die Ida. Sie führte denn Tannenhof zusammen mit meinem Vater. Zuvor war die Pension im Besitz meiner Grosseltern. Quasi ein Familienunternehmen. Mein Vater bekam vor etwa 3,5 Jahren Krebs. Ein halbes Jahr später starb er. Es ging alles so schnell….“ Yanick machte eine Pause und Samira hatte einen Kloss im Hals. Hätte sie bloss nicht gefragt. Doch bevor sie etwas sagen konnte, sprach er weiter. „In der Zeit habe ich meinen Eltern oft in der Pension geholfen, worunter meine Arbeit als Zimmermann ziemlich gelitten hatte. Zunächst war mein Chef sehr verständnisvoll. Auch nach dem Tod hiess es zuerst, dass sie Verständnis haben und ich mir so viel Zeit nehmen soll, wie ich halt brauche. Doch irgendwann war die Doppelbelastung zu viel. Weisst du, den Verlust zu verarbeiten und gleichzeitig meine Vollzeitstelle innehaben und auch noch teilweise die Pension zu schmeissen, das ging nicht mehr. Aber Familie geht über alles und es war keine Frage, dass ich meinen Job aufgebe und voll in die Pension einsteige. Und das mache ich jetzt immer noch. Ich bin quasi ein Allrounder und kann mir so meinen Tag selber bestimmen“. „Vermisst du deine Arbeit als Zimmermann denn manchmal?“ „Eigentlich nicht. Es gibt ja auch im Tannenhof ab und zu mal was, das geflickt werden muss. Oder wenn wir neue Möbel brauchen, habe ich die auch schon selbst schnell hergestellt. Wir sind übrigens da“.

Samira hob den Blick und sah einen wunderschönen, klarblauen Bergsee. Es war schon hell geworden, die Sonne hatte sich bereits am Horizont gezeigt und während dem sie noch staunend nach draussen sah, schrie Yanick: „Wer zuerst im Wasser ist, hat gewonnen“. Sofort sprang er los, riss sich die Kleider vom Leibe, bis er nur noch die Badehosen trug, rannte auf dem kleinen Steg nach vorne und stürzte sich mit einem Kopfsprung ins Wasser. Samira sass noch immer staunend im Auto und als sie die Türe öffnete tauchte sein Kopf wieder an der Wasseroberfläche auf und er schrie wie ein wildes Tier. Samira lachte, während dem sie sich ebenfalls auszog und zaghaft einen Fuss ins Wasser hielt. „Reinspringen, sonst wird das heute nichts mehr“, ertönte es ungeduldig aus dem Wasser. „A-aber das ist ja eiskalt“, Samira zitterte. „Du wolltest doch eine Abkühlung. Jetzt spring endlich rein“. Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Samira hielt sich die Nase zu und sprang ins Wasser. Es war so kalt, dass es ihr beinahe die Luft abschnitt und als sie wieder an der Oberfläche auftauchte, schrie sie beinahe so laut, wie er vorher. „Na, na, welch undamenhaftes Verhalten, hier so rumzuschreien“, sagte eine Stimme neben ihr und zugleich wurde sie mit sanftem Griff wieder untergetaucht. „Na warte“, gluckste sie, als sie es wieder nach oben geschafft hatte. Sie hätte ihn gerne ebenfalls unter Wasser gedrückt aber er schwamm lachend in eine andere Richtung. Nachdem sich ihr Körper an das kalte Wasser gewöhnt hatte, begann Samira es nun so richtig zu geniessen. Eine bessere Abkühlung hätte sie sich kaum wünschen können. Sie plantschten und schwammen um die Wette. Sie tauchten sich gegenseitig unter und sie lachten, herzlich und unbeschwert. „Du läufst ja blau an“, stellte Yanick irgendwann fest, „lass uns mal rausgehen“.

Er kletterte schnell auf den Steg und zog Samira zu sich hoch. Sie standen sich jetzt direkt gegenüber und sie fühlte sich so sehr zu ihm hingezogen, dass sie sich ihm am liebsten gleich an den Hals geschmissen hätte und über ihn hergefallen wäre. Während dem sie noch so da stand und vor sich hinträumte, hatte er sich bereits ein grosses Badetuch geschnappt und um Samira gewickelt. „Dann machen wir dich mal trocken“, hörte sie seine zärtliche Stimme sagen, während dem er sie sanft abtrocknete. Sie fühlte sich so herrlich geborgen, wie sie es noch nie erlebt hatte. Er schenkte ihr einen intensiven Blick und lächelte, sie lächelte zurück und es schien, als ob die Zeit stehen geblieben war. Eingewickelt in die Badetücher sassen sie jetzt nebeneinander auf dem Steg und blickten auf das Wasser.