Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Luna ist überzeugt, dass Silvan die Liebe ihres Lebens ist. Doch anstatt sich bereits während der Schulzeit glücklich ineinander zu verlieben, ist Lunas Leben gespickt von Missverständnissen, Zufällen und ganz viel schlechtem Timing. Wird sie Silvans Liebe jemals für sich gewinnen können? Und werden Lunas Freundinnen irgendwann verstehen, dass sie nicht besessen sondern einfach hoffnungslos verliebt ist? Gibt es sie wirklich, die eine grosse wahre Liebe?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Lisa Sturm
Warum liebst du mich nicht?
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Impressum neobooks
Donnerstag, 8. Januar 1976
„Der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt.“ Noch heute kann ich mich an die Worte meiner Mutter erinnern. „Ein eintöniger Tag. Grau in grau. Doch dann kamst du. In dem Moment, als du das Licht der Welt erblickt hast, haben sich die grauen Wolken verzogen und die Sonne erschien am Himmel. Ja, die Sonne hat vom Himmel gelacht und dein Daddy und ich waren so unendlich froh, dass du nun da warst. Luna Lauener, unser Sonnenschein.“ Mir wurde später erzählt, dass meine Mutter mich überhaupt nicht mehr losließ. Stundenlang habe sie mich festgehalten und mich angestrahlt. Kinderlieder habe sie gesummt und immer wieder leise geflüstert: „Du wirst ein wunderschönes Leben haben, liebe Luna. Dir stehen alle Türen offen. Man hat nur ein Leben, also mach das Beste daraus. Denn, Luna, dir gehört die Welt.“
„Der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt. Ein eintöniger Tag. Grau in grau. Doch dann kamst du.“
Samstag, 14. Februar 1981 (5 Jahre alt)
An diesem Samstag ging ich mit meinen Eltern Schlitten fahren. Auf dem wunderbar verschneiten Bernsteinhügel gleich bei uns in Fuchswil. Da sah ich ihn zum ersten Mal. Silvan Parpan. Er ging gemeinsam mit meinem Cousin Lars in die erste Klasse und war an diesem Wintertag ebenfalls mit seinen Eltern und seinem Bruder Flurin mit dem Schlitten unterwegs. Er trug ein Stirnband und seine strohblonden Haare standen in alle Richtungen. Seine blauen Augen funkelten frech in der Wintersonne und seine humorvolle Art gefiel mir sehr. Als ich mich am Abend ins Bett legte, war ich mir sicher, dass es auf der ganzen Welt nur zwei Jungs gab, die wirklich blonde Haare hatten. Der Schauspieler Terence Hill und eben er, Silvan Parpan, Liebe meines Lebens. Damals war ich mir sicher: Den Jungen werde ich einmal heiraten.
Donnerstag, 4. April 1985 (9 Jahre alt)
Obwohl Lars mit Silvan in einer Klasse war, hatten die zwei Jungs nicht viel gemeinsam. Doch an diesem Tag wollte Silvan Lars besuchen. Hierzu muss ich noch erwähnen, dass Lars bei meinen Eltern und mir aufwuchs. Die Vorfreude war nicht nur bei Lars riesig. Nach wie vor bewunderte ich Silvan und freute mich deshalb ebenfalls auf seinen Besuch. Damit sich Silvan bei uns zu Hause auch wohlfühlte, bastelte ich gemeinsam mit Lars ein Schild, worauf „Silvan Parpan – Herzlich Willkommen“ stand. Dieses hängten wir an die Haustür und freuten uns wie zwei kleine Kinder aufs Christkind. Allerdings hielt sich Silvans Freude in Grenzen. „Was soll denn der Scheiß?“, fragte er zur Begrüßung, worauf ich mich enttäuscht in mein Zimmer verzog und Silvan wieder vergaß.
Montag, 4. September 1989 (13 Jahre alt)
Laila und ich waren schon sehr nervös. An diesem Montag war der letzte von drei Kirmes-Tagen bei uns in Fuchswil und wir wollten gemeinsam hin. Wir kannten uns noch nicht so gut und waren auch noch nicht lange befreundet, denn Laila war erst im August in unsere Schule gekommen. Heimlich hoffte ich, dass Laila und ich gute Freundinnen würden. Denn meine bisher beste Freundin war im Sommer weggezogen und nun fühlte ich mich manchmal ein wenig alleine. Umso mehr freute ich mich nun auf diese Kirmes und die Chance, schon bald eine neue beste Freundin zu haben.
Um die verabredete Zeit traf ich bei ihr zu Hause ein und gleich zogen wir los. Alle Stände wurden begutachtet, alles genau besichtigt und natürlich auch jede Bahn, sah sie noch so gefährlich aus, ausprobiert. Wie immer, wenn in Fuchswil etwas los war, kannte man an jeder Ecke jemanden. Fuchswil war ein Dorf mit ungefähr 2.000 Einwohnern. Man kann nicht behaupten, dass jeder den anderen kannte, aber da sämtliche Schüler aus unserer Schule anwesend waren, gab es doch viele bekannte Gesichter. Laila und ich gingen zwar ins selbe Schulhaus und waren auch gleich alt, aber besuchten nicht die gleiche Hauptklasse. Unsere Klassenkameradinnen und -kameraden waren darum auch sehr erstaunt, als sie uns zusammen sahen. Denn, dass wir befreundet waren, wusste offenbar noch niemand. Gut, es war ja auch der erste „öffentliche“ Anlass, bei dem man uns gemeinsam sah. In Fuchswil waren die Klassen je nach Schulfach unterschiedlich aufgeteilt. Darum besuchten Laila und ich die gleiche Mathematikklasse, wo wir uns auch ein Pult teilten. So haben wir uns kennengelernt und die Idee entwickelt, gemeinsam zur Kirmes zu gehen. Bis zu dem Tag sah ich in Laila eine normale Klassenkameradin. Dass wir schon sehr bald dicke Freundinnen würden, ahnten wir an diesem September-Montag noch nicht.
Bei unserer Dorfjugend war der große Hit der Kirmes natürlich der Autoscooter. Wie alle anderen aus unserer Klasse verbrachten auch wir den Montagnachmittag dort. Meine Güte, wir waren gerade mal dreizehn Jahre alt und fühlten uns doch so erwachsen und so frei. Doch als ich die anderen Mädchen aus meiner Klasse aus dem Augenwinkel beobachtete, war ich ein wenig niedergeschlagen. Sie hatten sich alle herausgeputzt und geschminkt. Ich stand da, in meinen Jeans, trug einen viel zu weiten Pullover und was Schminke war, wusste ich nur aus Erzählungen. Natürlich bemerkte Laila, dass meine Laune plötzlich schlechter wurde und ich erzählte ihr, was mich bedrückte. Doch Laila lachte nur und meinte, wir würden auch so unseren Spaß haben. War doch egal, was die anderen über uns dachten. Vergnügt sprangen wir auch schon in den nächsten freien Autoscooter. Laila saß am Steuer und ich daneben. Gerade als sie losfahren wollte, merkte ich, dass mein Geldbeutel aus meiner Tasche gerutscht war.
„Warte“, rief ich und hob ihn auf.
„Gib Acht. Es wäre schade, wenn du dein gesamtes Kirmes-Geld verlieren würdest“, meinte Laila. Ich nickte und schon ging die Fahrt los. Wir kreischten und lachten und hatten richtig Spaß, wie es sich für 13-jährige Mädchen so gehört.
„He“, rief ich plötzlich, „ich habe eine Idee. Wir suchen uns jemanden bestimmten aus, auf den wir dann immer losfahren.“ Laila war einverstanden. So schauten wir uns um und konnten uns zuerst nicht entscheiden. Doch als ich zum Kassenhäuschen sah, blieb mein Herz beinahe stehen. Da stand ein Junge in Jeans und einer Jeansjacke. Er war strohblond und hatte leuchtend blaue Augen. Vermutlich hatte ich ihn zu offensichtlich angestarrt, denn er begann zu lachen. Mir war das Ganze furchtbar peinlich und ich schaute schnell in eine andere Richtung. Als die nächste Fahrt begann, stieg er ebenfalls in einen Scooter ein.
„Laila, komm wir fahren auf ihn los“, schlug ich vor.
„Ja, warum nicht.“ Sie war glücklicherweise einverstanden. Also fuhren wir mit voller Wucht in seinen Scooter hinein. Wir fanden uns selbst ja so lustig und mussten laut lachen. Er rammte uns kurz später mit der genau gleichen Wucht und das Spiel ging immer so weiter, bis alle Fahrchips aufgebraucht waren. Als wir aus unserem Scooter ausstiegen, winkte er uns zu. Dies blieb unseren Klassenkameradinnen nicht verborgen. Sie sagten, dass wir gar nicht so strahlen müssten, denn so, wie wir aussähen, hätten wir bei ihm sowieso keine Chance. Es war nämlich so, dass sowohl Laila als auch ich eher dick waren. Zudem war mein ganzes Gesicht mit Pickeln übersät und meine kurzen, „kackbraun-farbenen“ Haare, wie sie die anderen immer nannten, standen in Strähnen in alle Richtungen. Kurz schluckte ich, aber in dem Moment war ich viel zu glücklich, um mir meine gute Laune von ihnen verderben zu lassen.
Gemeinsam mit Laila ging ich zum Kassenhäuschen, wo wir neue Fahrchips kaufen wollten. Freudig griff ich in meine Tasche - aber diese war leer.
„Laila“, stöhnte ich, „ich muss meinen Geldbeutel im Scooter verloren haben.“ Sofort meldeten wir dies der Aufsicht, die gleich mit uns zum entsprechenden Scooter kam. Der Wagen war jedoch leer. Das Einzige, was noch im Wagen lag, war der Armreif, den ich getragen hatte. Dieser war zerbrochen. Das war auch der Beweis dafür, dass mein Geldbeutel gestohlen worden war, denn wir mussten wirklich in genau diesem Wagen gesessen haben.
„Tut mir leid, ich kann da nichts machen“, erklärte der Typ von der Aufsicht. Oh, wie enttäuscht ich war. Den Geldbeutel hatte ich mir doch gerade erst gekauft. Traurig ging ich zur Kasse, um zu fragen, ob jemand eine Brieftasche abgegeben hatte. Der Mann verneinte, aber versprach, einen Aufruf zu machen. Er wollte wissen, wie ich heiße und ich nannte ihm meinen Namen. Wenig später hörte man über den Lautsprecher: „Eine Luna hat ihre Brieftasche verloren. Eine kleine Schwarze. Falls jemand sie gefunden hat, bitte an der Kasse abgeben.“ Die Leute starrten mich an, was mir einmal mehr sehr unangenehm war. Schließlich stand ich nicht gerne im Mittelpunkt. Erstaunlicherweise kamen meine Klassenkameradinnen zu mir und versuchten mich zu trösten, was mich hingegen wieder sehr freute. Aber so ganz war meine Traurigkeit doch nicht verschwunden. Laila und ich stellten uns zu einem der Pfosten und beobachteten, wie die anderen Scooter fuhren und Spaß hatten. Aus dem Nichts tauchte der blonde Typ von vorhin in einem Scooter auf und lächelte mich an. Laila sah mich neugierig an und fragte: „Sag mal, gefällt dir der etwa?“ Nickend folgten ihm meine Blicke noch immer. Laila begann zu lachen und sagte: „Weißt du, ich wusste nicht, dass du dich auch schon für Jungs interessierst. Er gefällt mir übrigens auch.“ Nun lachten wir beide. Wir stellten fest, dass wir offenbar genau die gleichen Interessen hatten und ebenfalls dieselben Probleme. Denn auch Laila ärgerte sich über die anderen Mädchen aus unserer Klasse, die uns dauernd hänselten.
Meine Sorge um die gestohlene Brieftasche war schnell vergessen, denn immer wieder fuhr „Blondie“ an uns vorbei und wir konnten unsere Blicke nicht mehr von ihm lassen. Mit der Zeit wurden auch unsere Klassenkameradinnen auf ihn aufmerksam und versuchten, ihm zu imponieren und seine Blicke auf sich zu ziehen. Doch „unser“ Blondie zeigte kein Interesse an ihnen. Er ließ sie links liegen und schien nur Augen für uns zu haben. Na ja, das dachten wir zumindest. Wir waren rundum glücklich, was in dem Alter eine Seltenheit war. Leider ging auch der schönste Moment einmal zu Ende. Gegen 18 Uhr verließ der schöne Junge den Autoscooter.
„Schnell, Luna. Wir folgen ihm“, keuchte Laila und verschwand auch schon in der Menschenmasse. Hastig liefen wir ihm hinterher. Doch in der Menge verloren wir ihn leider ziemlich schnell aus den Augen. Fort war er. Ziemlich bedrückt spazierten wir zum Autoscooter zurück.
„Luna“, flüsterte Laila leise, „ich glaube, ich bin verliebt. Ich habe richtige Bauchschmerzen.“
„Mir geht es genauso“, bestätigte ich. „Ich habe ein Gefühl im Bauch wie noch nie zuvor. Als wir wieder beim Autoscooter angelangt waren, machten unsere Kameradinnen Witze über uns, weil uns unser Traumprinz einfach im Stich gelassen und offenbar doch kein Interesse daran hatte, uns tatsächlich kennenzulernen. Die dummen Sprüche und blöden Witze wurden immer mehr, so entschieden wir uns, den Autoscooter zu verlassen und weiter übers Festgelände zu spazieren.
Bei der „Berg-und-Tal-Bahn“ blieben wir stehen und schauten neugierig zu. Und dann sah ich ihn wieder. Silvan Parpan. Er stand gemeinsam mit einem Freund bei derselben Bahn. Lange war es her, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, und ich staunte nicht schlecht. Denn er trug Jeans und eine Jeansjacke und war ja zu allem Überfluss auch blond.
„Denkst du das Gleiche wie ich?“, flüsterte mir Laila ins Ohr.
„Er sieht aus wie Blondie“, antwortete ich atemlos. Da fühlten wir uns gleich wieder besser. Noch lange standen wir da und beobachteten ihn einfach. Am meisten faszinierte mich, wie cool er da stand. Keine Ahnung, wie lange wir ihn anstarrten, aber ich konnte meinen Blick nicht mehr von ihm lösen. Das fiel ihm natürlich auf und er wusste wohl nicht recht, warum er für uns so interessant war. Später tauchten dann unsere Klassenkameradinnen auf, die uns sicherlich gesucht hatten um uns weiter zu ärgern. Schnell stellten sie fest, dass wir Silvan beobachteten, und demonstrierten uns gleich, dass sie ihn persönlich kannten. Glücklicherweise zeigte er absolut kein Interesse an ihnen. Leider aber auch nicht an Laila oder mir. Als wir dann später nach Hause gingen, meinte Laila, dass sie Blondie sehr vermisse. Doch ich hatte Blondie bereits wieder aus meinen Gedanken und meinem Herzen gestrichen. Für mich gab es nur noch Silvan und ich freute mich bereits auf den nächsten Schultag. Schließlich hatte er sein Klassenzimmer ganz in der Nähe von unserem. Bevor ich mich von Laila verabschiedete, versprachen wir uns, am nächsten Morgen gemeinsam zur Schule zu gehen.
Als ich wieder zu Hause war, fühlte ich mich überglücklich. Einerseits spürte ich, dass ich eine neue Freundin gefunden hatte, und andererseits war ich bis über beide Ohren verliebt. Wenn ich später an diesen Tag zurückdachte, wünschte ich mir oft, dass wir nie zu der „Berg-und-Tal-Bahn“ gegangen wären. Mir wären so viele Sorgen und Tränen erspart geblieben. Doch es war nun mal passiert. In diesem Moment hätte ich wohl auch nie gedacht, dass das Gefühl des Verliebtseins noch stärker werden könnte, denn ich fühlte mich ja bereits wie im siebten Himmel. Bereits am Abend überlegte ich mir, was ich am nächsten Tag anziehen könnte. Solche Dinge waren mir bis zu diesem Moment völlig egal gewesen. In der Nacht lag ich im Bett und dachte an Silvan. Irgendwann schlief ich ein und träumte voller Hoffnung und Optimismus den ersten von wohl einer Million Träumen von Silvan.
Dienstag, 5. September 1989 (13 Jahre alt)
Natürlich stand ich am nächsten Tag wie verabredet an der Kreuzung und wartete auf Laila. Glücklicherweise erschien auch sie pünktlich. Als wir kurz vor dem Schulhaus angelangt waren, blickte sie über die Schulter zurück und sagte: „Das glaube ich jetzt nicht. Da hinten ist Silvan.“ Schnell schaute ich ebenfalls in seine Richtung und beobachtete, wie er gerade die Straße überquerte. Mein Herz schlug schneller und mein Puls raste. Ohne es miteinander abzusprechen, verlangsamten wir unsere Schritte, in der Hoffnung, dass er uns einholte. Doch auch er schien langsamer zu gehen und so trafen wir beim Schulhaus ein, bevor er an uns vorbeigehen konnte. Wir gingen in unsere jeweiligen Klassenzimmer. So saß ich in der Schule, doch wovon mein Lehrer, Herr Rüdisüli, sprach, bekam ich nicht mit, denn meine Gedanken kreisten nur noch um Silvan.
Als dann endlich die Pausenglocke erklang, sprang ich so schnell wie nur möglich auf den Pausenplatz hinaus, wo Laila schon ungeduldig auf mich wartete. Silvan ging mit ein paar Kameraden auf dem Pausenplatz auf und ab, wobei wir ihn natürlich beobachteten. Auch Laila und ich wurden beobachtet, allerdings nicht von Silvan. Der würdigte uns keines Blickes. Dafür schauten uns unsere Klassenkameradinnen skeptisch zu. Dass Laila und ich eines Tages befreundet sein könnten, hatte wohl niemand erwartet. Wir passten offenbar nicht gut zusammen. Laila kleidete sich im Gegensatz zu mir modischer und mit Stil. Ich hatte eigentlich immer nur alte T-Shirts oder weite Pullover an. Auch hatten wir verschiedene Persönlichkeiten. Kurz gesagt: Laila war eine Teenagerin, ich noch ein Schulmädchen. Doch vielleicht verstanden wir uns genau aus diesem Grund so gut.
In der nächsten Pause fragte ich Laila, ob sie noch an Blondie dachte, doch sie meinte, sie fände Silvan viel interessanter. Lachend berichtete ich, dass es mir genau gleich ging. Erstaunlicherweise gab es deswegen keine Probleme zwischen uns. Wir saßen auf unserer Bank auf dem Pausenplatz und verstanden uns blendend, obwohl wir für den gleichen Jungen schwärmten. Es machte mir nichts aus, dass sie auch Gefühle für Silvan hatte, weil ich trotz meiner Unsicherheit genau wusste, dass sich Silvan niemals in sie verlieben würde. Er war mein Traummann, er würde sich für mich entscheiden, wenn er wählen müsste. Vermutlich dachte Laila genau gleich über mich, denn auch sie störte sich nicht daran, dass ich ebenfalls für Silvan schwärmte. Stattdessen fragte sie mich, ob ich am Nachmittag mit nach Schafikon, die Nachbarstadt, käme. Begeistert sagte ich Ja.
Um 14 Uhr wollten wir uns am Bahnhof treffen. Der Fuchswiler Bahnhof war sehr klein. Es gab auch nur ein Gleis. Man konnte auf drei Sitzbänken auf den Zug warten. Egal, auf welcher Bank man saß, man schaute immer direkt auf ein türkisfarbenes Wohnhaus. Es war nicht irgendein Wohnhaus, sondern es war der Wohnblock, in dem Silvan zu Hause war. Als ich da auf der Bank saß und auf Laila wartete, erinnerte ich mich wieder daran, dass Silvan und ich als Kinder gemeinsam Schlitten gefahren waren. Er hatte immer noch dieselben strohblonden Haare wie damals.
Als Laila eintraf, löcherte ich sie mit Fragen, was sie denn eigentlich einkaufen wollte. Sie erklärte mir, dass sie Schminke brauche, und zwar auch für mich. Schließlich mussten wir uns für Silvan schön machen, wenn wir eine Chance bei ihm haben wollten.
„Luna, wir müssen uns verändern, sonst wird das nie was“, hörte ich sie noch sagen, während ich in Gedanken schon wieder abschweifte und mir vorstellte, wie erstaunt er mich am nächsten Tag anblicken würde, wenn er mich geschminkt sähe. Sie hatte recht, Laila wusste genau, auf was Männer standen. Allerdings war ich ein Mauerblümchen und ob mir Schminke tatsächlich stand, da war ich noch nicht so sicher. Doch der Gedanke, am nächsten Tag als veränderter Mensch in die Schule zu gehen, ließ mich nicht mehr los. Schließlich konnte man mit Make-up sehr viel machen. Bestimmt würde man dann auch meine Pickel nicht mehr sehen.
In den Läden hatte es Unmengen an Lippenstiften und Nagellack in allen möglichen Farben. Wie sollte man sich da nur entscheiden können? Schließlich hatte ich keine Ahnung, was mir eigentlich stand. Laila begann, mich zu beraten. Ich kaufte einen zartrosa-farbenen Lippenstift und den dazu passenden Nagellack. Der war zumindest für den Anfang nicht so auffällig. Laila wollte die Schminke gleich ausprobieren und fragte, ob ich noch mit zu ihr nach Hause kam, was ich natürlich mit Begeisterung tat.
Als wir bei Laila zu Hause waren, lernte ich auch ihre Mutter kennen.
„Nenn mich doch einfach Barbara“, meinte sie freundlich und ich war stolz, dass ich sie duzen durfte. Barbara zeigte uns, auf was man beim Nägellackieren achten musste und half uns dabei, damit es auch schön aussah. Fasziniert nahm ich mir vor, das nächste Mal meine Mutter zu fragen, ob auch sie mir meine Nägel lackieren würde. Als ich mich dann aber das erste Mal im Spiegel sah, mit den rosafarbenen Lippen, wurde ich wieder unsicher.
„Ich weiß nicht recht“, stammelte ich vor mich hin.
„Es sieht toll aus“, schwärmte Laila, die neben mir stand und sich selbst einen Kussmund im Spiegel zuwarf.
„Sieht es nicht … ein wenig … ich weiß nicht … angemalt aus?“, zweifelnd schaute ich mich nochmals an. Mein Spiegelbild konnte ich ohnehin nicht ausstehen. Nun trat Barbara zu uns.
„Luna, es sieht toll aus. Die Farbe passt genau zu deinem Typ und ist nicht zu auffällig. Wenn du morgen so zur Schule gehst, würden dich bestimmt alle Jungs am liebsten gleich küssen wollen.“ Sie nickte mir im Spiegel aufmunternd zu, während ich dachte: „Einer reicht mir.“
Heimlich beneidete ich Laila darum, dass ihre Mutter so aufgeschlossen war. Mir wäre nie im Leben die Idee gekommen, mit meiner Mutter über Jungs zu sprechen. Später stand ich in unserem Wohnblock im Treppenhaus und wischte den Lippenstift rasch weg, bevor ich in die Wohnung eintrat. Trotzdem zeigte ich meiner Mutter voller Freude, was ich gekauft hatte und wollte sie gleich fragen, ob sie mir dann auch einmal die Nägel lackiere. Doch im Gegensatz zu Barbara konnte sich meine Mutter nicht mit mir freuen. Im Gegenteil, sie wurde sehr wütend und machte mir eine Riesenszene. Ich wäre noch viel zu jung und bräuchte nicht wie eine Nutte herumzulaufen. Wieso sagte sie so etwas? Barbara hatte mir doch noch bestätigt, dass die Farbe zu mir passte und nicht zu auffällig sei. Das Schlimmste aber war, dass sie mir die Schminke gleich wieder wegnahm, worauf ich natürlich zu weinen begann. Wie sollte ich bei Silvan eine Chance haben, wenn ich weiterhin als hässliches Entlein zur Schule musste? Mehrmals versuchte ich, meine Mutter davon zu überzeugen, dass Schminke in unserem Alter normal und ich eine Außenseiterin sei, wenn ich ungeschminkt zur Schule ginge. Es nützte nichts. Sie verbot mir ein für alle Mal, mich zu schminken. Sie schien trotz der vielen Tränen, die ich vergoss, kein Mitleid zu haben. Vorbei der Traum, dass ich Silvan jemals gefallen könnte. Vorbei auch die Vorstellung, dass mir meine Mutter die Nägel lackieren würde, so wie Barbara es tat. Enttäuscht weinte ich mich am Abend leise in den Schlaf.
Mittwoch, 6. September 1989 (13 Jahre alt)
Am Morgen zog ich mir Handschuhe an, damit meine Mutter nicht sah, dass ich meinen Nagellack nicht entfernt hatte. Auf den Lippenstift musste ich aber wohl oder übel verzichten, diesen hatte sie nämlich zusammen mit dem Nagellack beschlagnahmt und benutzte ihn vermutlich einfach selbst. Sie durfte ja, sie war schließlich erwachsen.
Laila stand bereits an unserer Kreuzung, natürlich war sie geschminkt. Erstaunt fragte sie mich, warum ich mich nicht geschminkt hatte und ich erzählte ihr, was vorgefallen war.
„Ach Luna, so interessiert sich doch niemand für dich“, begann sie. „Sei mir nicht böse, aber so ohne Schminke siehst du einfach langweilig aus.“ Das war mir sehr wohl bewusst, doch was sollte ich tun? Meine Mutter war nun mal konservativ und streng, nicht so wie Barbara. Als wir dann beim Schulhaus angekommen waren, drückten wir uns noch so lange vor dem Eingang herum, bis Silvan erschien. Doch er ging, ohne ein Wort zu sagen an uns vorbei. Eigentlich hatten wir gehofft, dass er uns grüßt. Wir hätten ihn ja auch grüßen können, aber wir trauten uns nicht. Laila beklagte sich: „Er hat nicht einmal gemerkt, dass wir geschminkt sind.“ Wie sollte er auch? Er hatte uns ja kaum angesehen.
Unsere Klassenkameradinnen schienen mit meiner Mutter einig zu sein, dass uns Schminke nicht stand. Den ganzen Tag über musste ich mir blöde Sprüche anhören über meine Fingernägel, die ich offensichtlich mit Tipp-Ex bestrichen hatte. Aber mal ganz davon abgesehen, würde man jetzt nur noch mehr auf meine Hände starren und feststellen, dass meine Finger allesamt krumm sind. Das hatte ich bis zu diesem Tag nicht bemerkt und aus meinem Selbstbewusstsein wurde ein kleines Häuflein. Hatte ich tatsächlich krumme Finger? Beinahe war ich froh, dass meine Lippen nicht angemalt waren, denn was Laila alles zu hören bekam, war noch unfreundlicher als die Kommentare, die sie mir nachschrien. Auf jeden Fall entfernte ich den Nagellack am Abend freiwillig und das Thema Schminke war für mich erledigt.
Donnerstag, 7. September 1989 bis Freitag, 29. September 1989 (13 Jahre alt)
In den Pausen war Silvan stets mit seinen Freunden zusammen und es war für uns darum nicht möglich, mit ihm ins Gespräch zu kommen, schließlich sah man ihn fast nie alleine. Nach der Schule saßen wir meistens bei Laila zu Hause und malten uns aus, wie es wäre, wenn wir mit ihm zusammen sein könnten. Wir fanden ihn beide so unglaublich cool und bewunderten seine Selbstsicherheit. In der Schule war er bei allen sehr beliebt. Kein Wunder: Er war so humorvoll, immer gut aufgelegt und hatte dauernd einen lustigen Spruch auf den Lippen. Man könnte sagen, dass er der „Star“ unserer Schule war. Und genau in diesen Star war ich unglaublich verliebt. Aber so unbeliebt, wie ich in der Schule war, hatte ich sowieso keine Chancen bei ihm.
Es war alles wie immer. Laila und ich trafen uns jeden Morgen an unserer Kreuzung und gingen zur Schule. Wir betraten aber das Schulhaus immer erst, wenn Silvan eingetroffen war. Somit musste er beim Schulhauseingang jeden Tag an uns vorbei. Doch er sagte nie auch nur ein Wort. Jeden Morgen hofften wir erneut, dass er uns grüßen würde, doch nichts geschah. Jeden Tag hofften wir, dass wir den Mut zusammenbrächten, ihn selbst zu grüßen, doch wir trauten uns nicht. Was er wohl dachte, warum wir jeden Tag am Eingang Spalier standen? Nichts änderte sich, alles blieb beim Alten. In den Pausen stand er noch immer mit seinen Freunden herum. Laila und ich hingegen saßen zu zweit auf einer Bank, von wo aus wir ihn gut beobachten konnten. Wir sonderten uns damit immer mehr von unseren Klassenkameradinnen ab, was unsere Beliebtheit auch nicht sonderlich unterstützte.
Dann bekamen wir ein Schreiben, dass Lailas und meine Klasse für eine ganze Woche zusammen in ein Lager fahre. Alle freuten sich, außer Laila und mir. Wir waren sehr enttäuscht, dass man uns eine ganze Woche von Silvan fernhielt. Stattdessen mussten wir eine gesamte Woche mit unseren „ach so lieben“ Klassenkameradinnen verbringen. Von Freude konnte also keine Rede sein.
Montag, 2. Oktober 1989 bis Freitag, 6. Oktober 1989 (13 Jahre alt)
Bei der Abfahrt ins Lager ging es dann entgegen allen Erwartungen doch ziemlich lustig zu. Zu Laila und mir gesellten sich noch Caroline und Lea. Caroline war in Lailas und Lea in meiner Klasse. Die Hinfahrt mit dem Zug verbrachten wir zu viert. Da wir sehr viel zu lachen hatten und uns erstaunlicherweise ausgezeichnet verstanden, beschlossen wir, im Lagerhaus auch zu viert ein Zimmer zu beziehen. Als wir dann endlich im Lagerhaus angekommen waren, kam schon der erste Dämpfer. Es gab nämlich ein Massenlager und zwei Zweierzimmer. Natürlich wollten alle im Matratzenlager schlafen, da es weitaus interessanter war, ein Zimmer mit vielen Leuten zu teilen. Wie immer schafften wir es nicht, uns gegen unsere Kameradinnen durchzusetzen und somit wurde unser neu gebildetes Viererteam in zwei Zweierzimmer aufgeteilt. Also machten Laila und ich es uns in unserem Zimmer bequem. Bereits am Montag zählten wir die Tage, bis wir wieder nach Hause (zu Silvan) durften.
Unsere Lehrer versuchten alles, damit das Lager ein Erfolg würde. Doch sie hatten es mit uns Schülern nicht immer sehr leicht. Bereits am zweiten Tag war ich mehr als verärgert über die kleinen Bosheiten, die sich unsere Klassenkameradinnen für uns ausdachten. Waren wir wirklich so einfache Opfer? Mal verschwiegen unsere Klassenkameradinnen um welche Zeit wird die Duschen benutzen konnten und meinten nachher wir würden stinken. Dann schenkten sie sich beim Frühstück gegenseitig Milch ein und für uns reichte es nicht mehr. Manchmal versteckten sie unsere Pantoffeln oder legten uns rohe Eier in die Schuhe. Pantoffeln konnte ich sowieso nicht leiden. Für dieses Lager hatte ich mir extra welche kaufen müssen. Und nun sollte ich diese Scheiß-Dinger auch noch die ganze Zeit suchen. Und Schuhe hatte ich nur zwei Paar dabei. Was sollte ich denn anziehen, wenn in beiden rohes Ei klebte?
Darum fühlte ich mich im Lager immer unbehaglicher. Laila und ich verkrochen uns und je mehr wir uns verkrochen, desto weniger konnten uns die anderen leiden. Doch das bemerkten wir nicht, denn wir waren viel zu beschäftigt damit, sie zu hassen. Zudem lebten wir in unserer eigenen Welt, in der Silvan als Prinz mit seinem Pferd angeritten kam und uns aus diesem Leben, das sich so nicht zu leben lohnte, rettete.
Am einen Abend durften wir eine Disco veranstalten. Die Freude war bei allen groß und der Ärger fast wieder verflogen. Schon begannen die Jungs darüber zu sprechen, welche Anlage wohl die beste sei und die Mädchen diskutierten, was sie anziehen könnten. Dabei fiel mir ein, dass ich überhaupt keine passenden Kleider dabei hatte. Einmal mehr wünschte ich mir, dass ich zu Hause wäre und mich verkriechen könnte. Doch das ging leider nicht. Laila spürte vermutlich, was in meinem Kopf vorging, denn sie fragte mich, ob sie mich schminken dürfe. Begeistert stimmte ich zu. Meine Mutter war schließlich nicht da und würde es auch nie erfahren. Der Tag ging vorüber und ich versuchte, mich doch noch einigermassen schön zu kleiden. Sofern das mit meinen Schlabberkleidern überhaupt möglich war. Laila schminkte mich, was ich sehr genoss, denn ich hatte mich ja nach der Nagellack-Krise mit meiner Mutter nie mehr geschminkt. Stolz blickte ich mich im Spiegel an. Was würden wohl die anderen aus der Klasse sagen? Es sah wirklich toll aus. Mit neu gewonnenem Selbstbewusstsein trat ich in den Discoraum, wo sich alle zu uns umdrehten und dann gleichzeitig schallend zu lachen begannen. Sie meinten, dass wir wie Vogelscheuchen aussähen. So schlimm konnte es doch nicht sein, oder? Laila und ich waren völlig verunsichert und die bösen Kommentare schmerzten sehr. So saßen wir enttäuscht und zusammengekauert in einer Ecke und überlegten uns, wie Silvan wohl reagieren würde, wenn er uns so gesehen hätte. Die Jungs begannen Musik zu spielen und mit der Zeit tanzten alle.
Ein wenig später kam Roman zu mir und fragte, ob ich das Spiel von der Schweigeminute kenne. Mir war klar, wenn ich Nein sagte, hätte ich es spielen müsste. Roman war sowieso der Schlimmste aus meiner Klasse. Er war vorlaut und frech und hatte das Gefühl, er wäre der Größte. Wegen seiner dummen Witze und Streiche, die er immer machte, konnte ich ihn nicht leiden. Aber wenn ich so neben ihm stand, ich so klein und dick und er so dünn und groß, dann fühlte ich mich noch unbehaglicher. Um einer Blamage zu entgehen, antwortete ich: „Klar kenne ich das, ich finde es toll.“ Hoffentlich merkte er nicht, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Er meinte dann aber, dass er in diesem Fall jemand anderen suchen müsse, der es noch nicht kenne. Puh, noch mal Glück gehabt. Erleichtert stellte ich fest, dass er das Spiel mit Alanis machte, die er gnadenlos vor der ganzen Klasse blamierte. Nun standen alle da und lachten über Alanis. Eigentlich hatte ich gedacht, ich wäre froh, wenn sie einmal über jemand anderen lachen würden und dass sich das gut anfühlen müsste, aber mir tat Alanis einfach nur leid.
An dem Abend kreierten die Lehrer mit uns einen eigenen Tanz. Dazu standen wir alle im Kreis und legten uns die Arme gegenseitig auf die Schultern. Und auf ein Mal gehörten wir dazu. Wir vier waren genauso in dem Kreis integriert wie die anderen und ich genoss dieses Gefühl sehr. Wir tanzten stundenlang und sangen dazu. Die ganze Zeit staunte ich darüber, dass sie uns plötzlich akzeptierten. Nie wäre ich darauf gekommen, dass sie uns aus dem Grund akzeptierten, weil wir endlich an etwas teilnahmen, was alle machten. Es wurde ein langer Abend und ich dachte einige Male daran, wie es wohl mit Silvan gewesen wäre. Was hätte er gedacht, wenn er mich bei diesem Gruppentanz gesehen hätte. Integriert und ein Bestandteil der Klasse. Als die Disco vorbei war, mussten wir ins Bett. Die anderen Mädchen versammelten sich noch zum Tratschen in ihrem Massenschlag, nur wir vier waren wieder nicht dabei. Somit war alles wieder beim Alten und das gute Gefühl war bereits wieder ein wenig verflogen.
Wir lagen in unseren Betten und es war dunkel. Da sagte Laila plötzlich etwas zu mir, was ich nicht mehr vergessen konnte: „Du, Luna, wenn der Silvan jetzt zu dir käme und dich fragen würde, ob du mit ihm gehen willst, was würdest du ihm antworten?“ Nach langem Überlegen sagte ich: „Ich würde sagen, dass ich noch zu jung bin, aber dass ich eine Freundin habe, die ihn auch ganz toll findet.“ Hätte ich das wirklich gesagt? Genau so? Ja hätte ich sicher nicht geantwortet, denn ich hatte noch nie einen Freund gehabt und Angst davor, etwas falsch zu machen. Schließlich wollte ich Silvan nicht verlieren. Verlieren, bevor ich ihn jemals gewinnen konnte? Es war ja wohl zum Verrücktwerden. Ich war total verliebt, aber wenn er es auch wäre und mich fragen würde, könnte ich nicht einmal Ja sagen? Was war nur los mit mir? Laila sagte, dass sie bestimmt Ja sagen würde, denn sie fände ihn toll. In dieser Nacht schlief ich sehr schlecht. Einerseits war ich ein wenig eifersüchtig auf Laila, die das alles so locker sah, und andererseits verstand ich meine eigenen Gefühle nicht mehr. Ich dachte doch ununterbrochen an Silvan, aber wozu?
Am Tag der Nachhausefahrt standen alle auf Kriegsfuß miteinander. Wir wussten zwar nicht, was in der letzten Nacht geschehen war, aber offenbar war der Abend nicht so gelaufen, wie sie ihn geplant hatten. Laila und ich strahlten, als wir endlich abfuhren. Auf der Rückfahrt saßen wir wieder mit Caroline und Lea zusammen. Mit Lea verstand ich mich mittlerweile sehr gut, doch als wir da so im Zug saßen und zusammen lachten, wurde Laila plötzlich, in meinen Augen grundlos, wütend auf Lea und meinte, sie sollte mich in Ruhe lasse, ich wäre ihre Freundin. So kam es, dass wir vier auch noch Streit bekamen und als wir endlich wieder in Fuchswil waren, war jeder wütend und ging nach Hause.
Samstag, 7. Oktober 1989 – Sonntag, 8. Oktober 1989 (13 Jahre alt)
Das ganze Wochenende verbrachte ich zu Hause und genoss es, endlich wieder meine Ruhe zu haben. An Silvan dachte ich mittlerweile nicht mehr. Ich war nämlich zu dem Schluss gekommen, dass das Ganze sowieso keinen Sinn ergab. Schließlich traute ich mich ja nicht einmal, mit ihm zu reden; Laila war auch noch in ihn verliebt und langsam hatte ich das Gefühl, dass sie bei ihm die besseren Chancen hatte. Sie war viel hübscher als ich, hatte modischere Kleider und war selbstsicherer.
Montag, 9. Oktober 1989 (13 Jahre alt)
Da Laila und ich am Freitag im Streit auseinandergegangen waren, wusste ich nicht, ob unsere allmorgendliche Verabredung an der Kreuzung noch galt. Sie stand dann aber schon da, als ich an der Kreuzung erschien, und entschuldigte sich sofort bei mir für die Szene, die sie gemacht hatte. Natürlich vergab ich ihr. Schließlich war ich froh, dass der Streit vergessen war. So machten wir uns auf den Weg in Richtung Schulhaus. Als wir dort angekommen waren, bemerkte ich Silvan, der auf dem Schulweg war. Mir fiel beinahe das Herz in die Hose und ich konnte kaum noch atmen. Er war ja noch viel schöner als ich ihn in Erinnerung hatte. Wie war ich nur auf den Gedanken gekommen, dass ich nicht mehr für ihn schwärmen sollte? Sofort war alles wieder vergessen und mein Herz schlug wie wild.
„Luna, wollen wir ihn heute grüßen?“, fragte Laila, doch ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste genau, dass ich kein Wort herausbekommen würde. Als er auf den Schulhauseingang zukam, ging er einfach weiter, ohne zu grüßen. Auch wir sagten nichts, es war wie früher. Ob er überhaupt realisiert hatte, dass wir weg gewesen waren?
Im Schulhaus herrschte eine seltsame Stimmung, denn die meisten aus unserer Klasse waren noch immer wütend aufeinander. Herr Rüdisüli sagte, dass wir uns neue Plätze suchen könnten, da wir vielleicht im Lager neue Kontakte geschlossen hatten. Lea fragte mich, ob ich mit ihr ein Pult teilen wolle. Begeistert sagte ich Ja. Denn bis vor Kurzem saß ich noch alleine an einem Pult, was ziemlich langweilig war.
Dienstag, 10. Oktober 1989 bis Sonntag, 29. Oktober 1989 (13 Jahre alt)
Die nächsten Wochen verliefen immer im gleichen Muster. Laila und ich trafen uns an der Kreuzung, gingen zum Schulhaus, warteten beim Eingang auf Silvan. Niemand sagte etwas. Wir beobachteten ihn in der Pause. Dann hatten wir eine Projektwoche in der Schule, in der unsere Klassen die Aufgabe bekamen, eine Schulzeitung zu publizieren. Es gab verschiedene Themen und jeder war für eines zuständig. Laila und ich hatten „Musik“. So konnten wir eine A4-Seite mit Klatsch über die aktuellen Stars schreiben und durften auf der zweiten Seite eine Schulhaus-Hitparade abdrucken. Wir schrieben dazu unsere zehn aktuellen Lieblingssongs auf und wanderten in jeder Pause von Schüler zu Schüler, damit jeder seine Stimme abgeben konnte. Man durfte einen Strich hinter einen Song setzen, der bereits auf der Liste war oder die Liste mit einem neuen Song ergänzen. Damit es eine ausgeglichene Schulhaus-Hitparade wurde, mussten wir auch jeden einzelnen Schüler befragen. Somit hatten wir endlich einen Grund mit Silvan zu sprechen. In einer der Pausen stand er auf dem Pausenplatz und unterhielt sich mit seinen Jungs, als wir zu ihnen traten und erklärten, was wir vorhatten. Silvan war gleich hell begeistert und schnappte sich unseren Songzettel und den Kugelschreiber, den ich in der Hand hielt. Er blickte nur kurz auf die Liste und meinte, der Fall sei ja wohl klar. Seinen Strich machte er bei Martikas „I feel the earth move“, worauf mein Herz gleich einen kleinen Hüpfer machte, denn ich hatte diesen Song auf den Zettel geschrieben. Den Kugelschreiber, den er in der Hand gehalten hatte, behielt ich noch über Jahre in meiner Schreibtischschublade. Schließlich hatte er ihn berührt.
Gegenüber Silvan blieb ich trotzdem genauso ängstlich und schüchtern wie am Anfang. Laila ging es auch so, wobei sie gewisse Dinge ganz anders sah als ich. Wenn ich sagte, dass ich ihn hübsch finde, sagte sie, er hätte den schönsten Hintern im ganzen Schulhaus. Sie meinte es als Kompliment, doch ich ärgerte mich jedes Mal, wenn sie es sagte, und sie sagte es oft. Dabei hatte er viel bessere Vorzüge als sein Hinterteil. Er hatte die schönsten Augen auf der Welt, die wunderbarsten Haare, das zauberhafteste Lächeln und wenn sein Lachen über den Pausenplatz hallte, klang es wie ein wunderschöner Song in meinen Ohren. Laila sah ihn offenbar eher als Sex-Objekt. Für mich war er noch immer der Traumprinz und bestimmt hatte er zu Hause ein Pferd, mit dem er dann eines Tages angeritten kam und mich auflud. Vielleicht sollte ich mich einmal informieren, wie man auf ein Pferd aufsteigt, nicht dass ich mich dann blamierte, wenn es endlich so weit war.
Da Laila und ich immer nur zu zweit unterwegs waren, ließen uns unsere anderen Klassenkameradinnen immer mehr links liegen. Die Einzige, mit der ich sonst noch ab und zu sprach, war Lea. Roman machte nicht nur mir, sondern auch Laila das Leben schwer. Offenbar konnte er uns beide nicht leiden. Gegenüber Laila benutzte er gemeine und schlampige Ausdrücke. Wir wehrten uns nicht, weil wir hofften, es würde ihm dann langweilig und er hörte von alleine wieder auf. Falsch gedacht. Es schien ihm zu gefallen, dass wir uns offenbar nicht zu wehren wussten. Silvan hatte natürlich auch festgestellt, dass wir ihn dauernd beobachteten. Doch was er davon hielt, wussten wir nicht. Wahrscheinlich machten sich seine Kollegen über seinen „Fanclub“ nur lustig.
In der nächsten Zeit wurden viele krank. Verzweifelt hoffte ich, dass Silvan die Grippe nicht bekam, denn in der Zwischenzeit konnte ich mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. So dumm das auch klingen mag, zumal ich mich noch nie wirklich mit ihm unterhalten hatte. Wenn er einmal in einer Pause nicht auf dem Pausenplatz war, war ich buchstäblich enttäuscht. Wenn er am Morgen an uns vorüberging, starrte ich auf den Boden. Hätte ich ihn anschauen müssen, wäre ich bestimmt rot geworden. Oft saß ich an den schulfreien Nachmittagen am Ufer des Schafiker Sees und schaute ins tiefblaue Wasser. Dort hatte ich meinen Stammplatz gefunden. Gleich am Ufer lag nämlich ein großer Stein, der eigentlich mehr wie ein steinerner Sessel aussah. Es war „mein Stein“ und ich weiß nicht, wie oft ich in diesen Tagen auf meinem Stein gesessen habe und auf den Grund des Schafiker Sees gestarrt hatte.
Auch an diesem einen Nachmittag blickte ich traurig ins Wasser. Laila hatte mir an diesem Tag nämlich gestanden, dass Silvan sich in sie verliebt hatte. Auf meine Fragen, warum sie sich denn so sicher sei, antwortete sie: „Weißt du denn das noch nicht? Liebe Luna, wenn einen jemand liebt, dann spürt man das.“ Laila wusste so viel mehr vom Leben, sie hatte bestimmt recht. Und dass er in mich verliebt war, davon spürte ich nichts. Also musste es stimmen. Er liebte sie. Warum Laila? Warum liebte er nicht mich? In meinen Gedanken wurde ich vor lauter Eifersucht richtig böse. Ich wunderte mich, wie sich jemand in ein so dickes, unbeliebtes Mädchen wie Laila verlieben konnte. Allerdings war mir klar, dass ich genau so dick, unbeliebt und dazu noch hässlicher war. Zudem hätte er sich gar nicht in mich verlieben könnte, selbst wenn er wollte. Denn schließlich starrte ich jedes Mal zum Boden, wenn er in meiner Nähe war. Das musste ich ändern! Das nahm ich mir fest vor, als ich das blaue Wasser betrachtete, das enorme Ähnlichkeit mit Silvans Augen hatte. Nur war das nicht so einfach. Laila konnte ich ja nicht um Hilfe bitten, da sie davon ausging, dass ich ihr Silvan kampflos überließe. Beinahe hätte ich Lea von dem Desaster erzählt, aber ich entschied mich dann doch dafür, nichts zu sagen.
Lea war in unserer Klasse genauso unbeliebt wie ich. Meistens zog sie mit Caroline umher, die in Lailas Klasse war. Auch Caroline wurde wie eine Aussätzige behandelt. Lea war immer sehr freundlich und nett zu mir, doch Caroline gefiel das nicht und Laila schon gar nicht. Warum konnten sie sich nur nicht leiden? Wir vier waren doch alle Außenseiter. Und im Klassenlager hatten wir uns so gut verstanden. Warum konnten wir uns nicht zusammentun und eine eigene Clique gründen? Ich fand ihr Verhalten sehr kindisch und weil ich wusste, dass es Probleme mit Laila geben würde, wenn sie bemerkte, dass ich Lea von Silvan erzählte, behielt ich all meine Sorgen für mich.
Montag, 30. Oktober 1989 bis Sonntag, 3. Dezember 1989 (13 Jahre alt)
Es änderte sich wieder nichts. Absolut nichts. Nie ein Gruß am Morgen, nie ein Blick, nie ein Lächeln, gar nichts. Und ich liebte ihn immer noch. Noch immer dachte ich, er sei der Richtige für mich. Natürlich dachte Laila ebenfalls, dass er der Richtige für sie wäre, und schwärmte nach wie vor jeden Tag von seinem „Knackarsch“. Eines Tages war ich wieder mit Laila in Schafikon unterwegs. Auf der Rückfahrt mit dem Zug setzten sich zwei, ein wenig ältere Jungs zu uns. Sie versuchten uns zu beeindrucken und erzählten sich gegenseitig, wie viele Freundinnen sie schon gehabt hätten. Sie berichteten auch davon, wie und vor allem wie oft sie ihre Freundinnen küssten und dass diese nicht genug von ihren Küssen bekommen würden. Immer wieder schauten sie uns aus den Augenwinkeln an, um zu sehen, ob wir ihnen auch tatsächlich zuhörten. Nachdem Laila und ich ausgestiegen waren, sprachen wir natürlich begeistert über diese Jungs und darüber, dass sie uns offenbar beeindrucken wollten. Laila erklärte mir aber, dass ich mir darauf nichts einbilden müsste. Schließlich hatten sie sich nur ihretwegen zu uns gesetzt, denn sie konnten mich ja nicht sehen, als sie in den Zug eingestiegen waren.
Wieder saß ich auf meinem Stein und blickte in den See. Was sollte ich nur von dem halten, was sie mir heute gesagt hatte? War ich wirklich so schlimm, dass ich nicht einmal einen Blick wert war? War Laila so viel hübscher, so viel liebenswerter als ich? So konnte es nicht mehr weiter gehen. Ich würde mein Leben ändern. Ganz fest nahm ich mir dies vor. Man muss nur wollen, dann kann man alles erreichen, was man will. Genau! Silvan, ich komme!
Am nächsten Tag ging ich voller Hoffnung, Optimismus und Tatendrang zur Schule. In den ersten zwei Schulstunden hatten wir Sport. Beim Aufräumen entstand eine große Diskussion über eine Matte, die nicht mehr in den Geräteraum passte. Ich schlug vor, sie in einem anderen Raum unterzubringen. Darauf rief Chantal: „Hey, das ist eine super Idee. Du bist ja gar nicht so dumm, wie ich immer dachte.“ Sie erschrak selbst über das, was sie gerade gesagt hatte, doch anstatt dem etwas hinzuzufügen, starrte sie mich nur an. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Hatte sie es als Lob gemeint oder als Beleidigung? Keine Ahnung. Doch ich hatte mir vorgenommen, alles positiv anzugehen. Also strahlte ich sie an. Es war bestimmt ein Kompliment. Als sie dann sagte: „Sorry, ich habe es nicht so gemeint“, realisierte ich erst, wie alle grinsten. Ich spürte, wie sich langsam die Schamröte in mein Gesicht schlich.
„Schon gut“, stammelte ich leise. Wie der größte Vollidiot kam ich mir vor. Wie peinlich mir das Ganze war, lässt sich kaum in Worte fassen. Durch diesen Vorfall waren alle meine guten Vorsätze sofort wieder verschwunden. Alle Hoffnungen, der ganze Optimismus, das Gefühl, doch kein Totalversager zu sein, war auf einen Schlag wieder verschwunden. Eigentlich hoffte ich, dass mir Laila in irgendeiner Form zur Hilfe eilte, aber sie stand auch nur blöd da und sagte kein Wort. Traurig und mit hängendem Kopf schlich ich später durchs Schulhaus. Was für ein dämlicher Tag. Silvan versteckte sich in seinem Klassenzimmer und ließ sich nicht blicken. Nach der Schule ging ich nach Hause. Zu Laila wollte ich nicht, denn momentan ärgerte ich mich sogar über sie. Warum hatte sie mich nicht verteidigt? Mein ganzes, neu gewonnenes Selbstbewusstsein war wieder dahin.
Montag, 4. Dezember 1989 bis Dienstag, 2. Januar 1990 (13 Jahre alt)
Schon als kleines Kind hatte ich Weihnachten geliebt und konnte vor lauter Vorfreude den Heiligabend kaum erwarten. Es war immer alles magisch und das Fest der Liebe war stets wie ein Traum. Doch dieses Jahr … war alles anders. Wir feierten wie immer in unserem Ferienhaus, doch ich konnte mich über nichts freuen. Weder über den zauberhaften Pulverschnee, der überall lag, noch über den wunderschön geschmückten Baum und schon gar nicht über all die Geschenke, die darunter lagen. Die ganze Zeit musste ich an Silvan denken. So langsam konnte ich sogar nachvollziehen, warum es Leute gab, die Weihnachten hassten. Bis dahin hatte ich dies nicht verstanden, aber nun fühlte ich mich so alleine und traurig. Im Lauf des Abends verließ ich unser Familienfest und ging auf den Balkon. Es war kalt und roch nach Schnee. Traurig hielt ich die Hand ausgestreckt, um ein paar Schneeflocken einzufangen. Dann musste ich weinen. Was wohl Silvan gerade machte? Wie es ihm wohl gerade ging? Ob er an mich dachte? Warum sollte er auch? Er wusste ja nicht, dass ich ihn liebte. An diesem 24. Dezember 1989 nahm ich mir fest vor, ihm alles zu erzählen. Ich würde ihm sagen, dass ich unsterblich in ihn verliebt war und wenn ich dann endlich mit ihm zusammen war, vielleicht sprachen dann die anderen aus der Klasse auch wieder mit mir. Vielleicht ließen sie mich dann nicht mehr links liegen.
Die Ferien waren nicht ganz einfach für mich, denn ich vermisste es, Silvan beinahe täglich sehen zu können. Lars schaute dauernd Eishockey im Fernsehen. In Chandaila, einem bekannten Skiort, war ein internationales Eishockeyturnier. Eishockey interessierte mich nun mal überhaupt nicht, aber da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, schaute ich gemeinsam mit Lars ein Spiel. Und plötzlich sah ich ihn. Ja, Silvan war im Fernsehen, man konnte ihn ganz klar im Eishockeystadion sehen. Mein Herz schlug wie wild. Immer und immer wieder war er im Bild und ich konnte mich kaum sattsehen. Nun schaute ich jeden Tag mit Lars Eishockey, denn Silvan war stets zu sehen. Inmitten der Fanmenge stach er mit seiner neonpink-farbenen Skijacke hervor. Dieses Gefühl, ähnlich wie ein Ameisenhaufen im Magen, wurde immer stärker und stärker. Nachdem ich nun so viele Eishockeyspiele geschaut hatte, gewann ich diesen Sport richtig lieb. Doch wie glücklich war ich, als die Ferien endlich vorbei waren und ich wieder zur Schule konnte. Als ich wieder zu Hause war, rief ich als Erstes Laila an. Sie erzählte mir etwas, was das Blut in meinen Adern gefrieren ließ.
„Luna, Liebes. Weißt du was? Ich bin jetzt mit Silvan zusammen.“ Es fühlte sich an, als hätte sie soeben einen Dolch in mein Herz gestoßen. Laila und Silvan? Silvan war doch mein Märchenprinz. Noch immer brachte ich keinen Ton heraus. Laila begann zu lachen und erklärte mir, dass es nur ein Witz gewesen sei. Lustig fand ich es nicht. Dafür war ich sehr erleichtert. Doch über meinen Plan, Silvan meine Liebe zu gestehen, verlor ich kein Wort. Sie würde es dann schon sehen, wenn ich mit ihm zusammen Händchen haltend durchs Schulhaus ging.
Mittwoch, 3. Januar 1990 bis Sonntag, 7. Januar 1990 (13 Jahre alt)
Wie üblich verabredete ich mich mit Laila an der Kreuzung. Natürlich war ich sehr nervös. Ich hatte mir so viel vorgenommen. Wie immer standen wir vor dem Schulhauseingang und warteten auf ihn. Da kam er. Ich war bereit. Jetzt war der Moment gekommen, wo ich mich endlich getraute ihn zu grüssen. Aber er ging mit schnellem Schritt direkt aufs Schulhaus zu und marschierte an uns vorbei. Er grüßte uns wieder nicht und liess uns auch keine Möglichkeit ihn zu grüssen. Tief in meinem Herzen hatte ich gehofft, dass er mich in den Ferien ebenfalls vermisst hatte und darum Hallo sagen würde, doch weit gefehlt. Er ging an mir vorbei, als ob ich Luft wäre. Im Schulhaus standen dann alle im Flur und berichteten von ihren Ferienerlebnissen. Silvan war natürlich der Star vom ganzen Schulhaus, da er ja im Fernsehen zu sehen gewesen war. Voller Enthusiasmus erzählte er seinen Freunden in allen Einzelheiten, was er erlebt hatte. Laila und mich beachtete er dabei natürlich nicht. Während der Schulstunden überlegte ich mir, wie ich es am besten anstellen sollte, ihm meine Liebe zu gestehen. Das Einfachste würde wohl sein, ihn direkt darauf anzusprechen. Doch es klappte einfach nicht. Jedes Mal, wenn ich in seiner Nähe war, wurde ich so nervös, dass mir beinahe die Luft wegblieb und ich schnell wieder das Weite suchte. Er schaute mich zwar immer wieder an, doch ich konnte nicht abschätzen, was er dabei dachte. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn ich ihm einfach am Telefon gebeichtet hätte, dass ich ihn liebte. Wenn er mir nämlich auf dem Pausenplatz einen Korb geben würde, wäre das sehr peinlich. Am Telefon würde es wenigstens nicht gleich jeder mitbekommen. Laila wollte eigentlich am Nachmittag etwas mit mir unternehmen, doch ich sagte ihr, dass ich keine Zeit hätte und wir es auf ein anderes Mal verschieben müssten. Den ganzen Nachmittag saß ich stattdessen neben dem Telefon. Seine Nummer wusste ich natürlich auswendig. Doch jedes Mal, wenn ich den Hörer in die Hand nahm, begann diese so stark zu zittern, dass ich ihn gleich wieder fallen ließ. Irgendwann hatte ich die Nase voll. Resigniert stellte ich fest, dass ich mich nie trauen würde, ihn anzurufen, geschweige denn anzusprechen. Sowieso wäre es viel schöner, wenn er den ersten Schritt machen würde, schließlich ist er der Mann. Also ließ ich es bleiben und die Woche ging ohne besondere Ereignisse vorbei.
Montag, 8. Januar 1990 bis Sonntag, 14. Januar 1990 (14 Jahre alt)
Diese Woche war Silvans Klasse in einem Lager. Für Laila und mich war das eine schwere Zeit und wir hofften, sie ging so schnell wie möglich vorbei. An meinem 14. Geburtstag wollte Laila mit mir nach Schafikon in ein Lokal zum Tanzen. Doch ich sagte ihr, dass ich keine Lust dazu hätte. In Wirklichkeit wäre ich sehr gerne mit ihr dorthin gegangen, aber meine Eltern erlaubten mir dies nicht. Das wollte ich ihr gegenüber nicht zugeben, denn sie hatte mit Barbara eine Mutter, die ihr alles durchgehen ließ. Als ich am nächsten Tag zur Kreuzung kam, stand Laila bereits dort und strahlte übers ganze Gesicht.
„Stell dir vor, ich bin verliebt“, jubelte sie mir entgegen.
„Ja, ich weiß, aber Silvan ist noch immer im Lager. Warum sprichst du jetzt plötzlich wieder von ihm?“, wollte ich wissen. Laila schüttelte den Kopf.
„Ich habe gestern einen tollen Typen kennengelernt. Das ist mein absoluter Traummann, so etwas habe ich noch nie erlebt. Jetzt müssen wir nur noch dich mit dem Silvan verkuppeln und dann ist die Welt perfekt.“ Diese Nachricht klang richtig schön in meinen Ohren. Endlich hatte ich meinen Silvan für mich alleine. Umso mehr freute ich mich jetzt auf seine Rückkehr. Laila stand mir fortan nicht mehr im Weg.
Montag, 15. Januar 1990 bis Sonntag, 21. Januar 1990 (14 Jahre alt)
Silvan war wieder aus dem Lager zurück und stolzierte am Morgen, wie immer ohne zu grüßen, an uns vorbei. Man musste ihn doch einfach lieben, oder nicht? In der Schule erzählte Herr Rüdisüli, dass Silvans Klasse im Lager ein Video gedreht habe und wir dieses anschauen dürften. Überglücklich saß ich an meinem Pult. So konnte ich meinen Silvan die ganze Schulstunde über anschauen, ohne dass es jemandem auffiel. Am Anfang fand ich den Film auch ganz lustig und schaute strahlend zu, bis dann diese eine Szene kam. Sie hatten, wie so oft in diesen Lagern, eine Disco organisiert und es lief gerade sehr langsame Musik. Sie filmten die Pärchen und dann sah ich Silvan und Bettina eng umschlungen. Für mich brach eine Welt zusammen und ich konnte kaum glauben, was ich gerade gesehen hatte. Silvan und Bettina?
Natürlich begann ich die beiden in den Pausen zu beobachten, denn ich wollte herausfinden, ob sie tatsächlich ein Paar waren. Eigentlich sah man sie nie zusammen, dennoch war ich misstrauisch. In einer der Pausen erzählte ich Laila von meinem Verdacht und meinen Gefühlen. Doch sie meinte nur, dass sie überglücklich verliebt sei und alles andere wäre ihr egal. Wieso war sie schon wieder so gemein zu mir? Warum hatte sie kein Verständnis für meine Situation? Wieder war ich ganz alleine mit meinem Kummer.
Montag, 22. Januar 1990 bis Sonntag, 28. Januar 1990 (14 Jahre alt)
In der Schule sprachen plötzlich alle von diesem Riesenfest, das bei David zu Hause steigen sollte. David war in der gleichen Hauptklasse wie ich. Und erstaunlicherweise lud er auch Laila und mich dazu ein. Es sollte eine Riesenfete werden. Da er meine und auch Lailas gesamte Klasse eingeladen hatte, durften wir am nächsten Tag zwei Stunden später zur Schule kommen. Wann hatte es so etwas schon einmal gegeben? Laila und ich waren sehr nervös, als wir vor Davids Türe standen. Es war mein erstes Fest in dieser Art und da ich mit Sicherheit wusste, dass mich meine Eltern nicht zu einer solchen Party hätten gehen lassen, hatte ich behauptet, ich würde bei Laila zu Hause einen Film schauen und erst sehr spät in der Nacht nach Hause kommen. Barbara bestätigte dies meiner Mutter auch am Telefon und somit hatte ich ein Alibi.
Zuerst aßen wir alles Mögliche, danach begannen wir Spiele zu machen, so wie in den Klassenlagern. Eigentlich hasste ich ja solche Spiele, aber an diesem Abend waren alle so gut gelaunt, da hatte sogar ich Spaß daran. Wir spielten auch das Paketspiel und erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass ich dreimal ausgewählt wurde. Ich bekam das Paket für die schönsten Schuhe, die schönsten Socken und die schönsten Beine. Ausgerechnet ich mit meinen kurzen Beinchen und den Sprinterwaden. Aber trotzdem strahlte ich wie ein Weltmeister. Leider konnte Laila meine Freude nicht mit mir teilen, denn sie bekam das Paket kein einziges Mal. Etwas später begannen wir, in der fast professionell eingerichteten Disco zu tanzen. Die Musik entsprach anfänglich genau unserem Geschmack. Plötzlich begannen sie dann aber, langsame Lieder zu spielen und gleich tanzten alle eng umschlungen. Gerade beobachtete ich die anderen, wie sie tanzten, als Roman zu mir kam und fragte, ob ich mit ihm tanzen wolle. Sprachlos schaute ich ihn an und sah im Hintergrund, wie mir Laila zunickte. Also sagte ich Ja und auch wir tanzten eng miteinander. So gut das bei unserem Größenunterschied überhaupt möglich war. Und dann stieg ein Gedanke in mir hoch, der nicht mehr aus meinem Kopf entweichen wollte. Silvan und Bettina mussten ja nicht zwingend ein Paar sein, nur weil sie zusammen getanzt hatten. Schließlich tanzte ich hier ebenso nah zusammen mit Roman und wir waren alles andere als ein Paar, geschweige denn verliebt. Nun fühlte ich mich viel besser. Mein Kampf um Silvan war noch nicht verloren.
Ein wenig später machten wir ein Spiel, das wohl bei keiner Party fehlen durfte. Das Flaschenspiel. Es wurde gedreht und geküsst, gedreht und geküsst. Als Roman mit drehen an der Reihe war, zeigte die Flasche auf mich. Ausgerechnet. Eigentlich konnte ich ihn nicht ausstehen, aber um nicht schon wieder ein Spielverderber zu sein stand ich auf und ging zu ihm hinüber. Ziel beim Flaschenspiel wäre eigentlich ein flüchtiger Kuss auf die Lippen. Doch stattdessen bekam ich meinen ersten, richtigen Kuss. Ja, Roman küsste mich einfach so. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Nicht, dass ich Gefühle für ihn gehabt hätte, aber so wusste ich endlich, wie sich ein Kuss anfühlte, und konnte noch viel intensiver von Silvan träumen. An diesem Abend wurden viele Spiele gespielt und es wurden noch sehr viele Küsse verteilt. Irgendwie waren sämtliche Anwesende wie in Trance. Sie schienen auch vergessen zu haben, dass sie Laila und mich eigentlich nicht mochten. Oder lag es einfach daran, dass wir mitmachten und nicht freiwillig im Abseits standen? Meine Gedanken kreisten natürlich den ganzen Abend um Silvan und ich versuchte mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn Silvan mich küsste. Wenn ich bei Roman schon so kribbelig war, wie musste es erst bei meinem Traummann sein? Die Gedanken verdrängte ich aber schnell wieder, denn ich bekam schon bei der Vorstellung daran ganz weiche Knie. Am Schluss des Abends umarmten sich alle zum Abschied. Endlich war ich akzeptiert. Endlich gehörte ich dazu. Jetzt wo ich wusste, wie man küsste, gehörte Silvan mir!
Am nächsten Tag gab es natürlich nur ein Gesprächsthema in der Schule. Lea war die Einzige, die nicht beim Fest war und sie schien sehr unglücklich darüber zu sein. Es schien allerdings niemanden zu kümmern, denn alle waren viel zu beschäftigt mit sich selbst und den Erzählungen des letzten Abends. Neugierig fragte ich sie, warum sie nicht bei der Party war und sie erklärte, dass es ihre Eltern nicht erlaubt hatten. Oh, wie ich es ihr nachfühlen konnte. Mir war klar, dass auch ich hätte zu Hause bleiben müssen, wenn ich meinen Eltern von der Party erzählt hätte.
Eines Tages fragte mich Laila, ob ich denn noch immer in Silvan verliebt sei, worauf ich nur nickte. Sie war dann ganz still, was mich beunruhigte. Als ich von ihr wissen wollte, was los sei, berichtete sie mir: „Ich bin nicht mehr in den Typen von der Party verliebt, sondern wieder in Silvan.“ Wie sehr mich das ärgerte! Nun, wo sie bereits ihren ersten Freund gehabt hatte, würde sie doch sicher die besseren Chancen bei Silvan haben, da sie wusste, wie Beziehungen laufen. Doch ich traute mich nicht, dies zu sagen. Schließlich wollte ich ihr nicht noch Mut zureden. Was ich damals im Klassenlager gesagt hatte, war auch schon lange vergessen. Wenn mich Silvan fragen würde, ob ich mit ihm gehe, ich würde Ja sagen. Nach dem letzten Abend sowieso. Nun wusste ich ja sogar, wie man küsste. Doch natürlich fragte er nicht und machte auch sonst keinerlei Andeutungen, dass ich ihm irgendwie aufgefallen wäre.
Montag, 29. Januar 1990 bis Sonntag, 25. Februar 1990 (14 Jahre alt)
Es war zwar erst Februar, aber die meisten Mädchen aus meiner Klasse schienen bereits den Frühling zu spüren. Sie berichteten alle von ihren Freunden. Da konnte ich leider nicht mithalten, denn ich hatte ja noch nie einen Freund gehabt. Auch wenn jemand Interesse an mir hatte, zeigte ich immer die kalte Schulter, denn ich wollte mich für meinen Silvan frei halten. Diesen sah ich ab und zu mit Bettina. Mit der Zeit begann ich Bettina richtig zu hassen, dabei konnte sie ja nichts dafür, zumal sie ja nicht einmal wirklich mit Silvan zusammen war.
Laila und ich hatten immer wieder mal kleine Reibereien. Aber erstaunlicherweise vertrugen wir uns immer wieder. Einmal fragten uns die anderen Mädchen aus der Klasse, ob wir eigentlich nie verliebt seien, da wir nie von irgendwelchen Jungs erzählten. Wir lachten und erklärten, dass wir beide in den gleichen Typen verliebt seien, sie ihn aber nicht kannten. Es machte sich großes Erstaunen breit und niemand konnte nachvollziehen, warum wir so gut befreundet waren, wenn wir doch am gleichen Jungen Interesse hatten. Als sie uns direkt fragten, ob das kein Problem sei, verneinten wir. Doch wir beide waren plötzlich sehr nachdenklich.
Wir kamen allerdings nie zu dem Punkt, an dem wir tatsächlich ein Problem hatten, denn es änderte sich ja nichts an der Situation. Silvan hatte weiterhin kein Interesse, weder an Laila noch an mir. Wieder einmal dachten wir, dass wir etwas ändern müssten. An einem Nachmittag trafen wir uns bei Laila zu Hause und sprachen einmal mehr sehr lange über ihn. Wir kamen zum Schluss, dass es an ihm liegen musste. Er war einfach zu eingebildet, denn er grüßte uns ja nicht einmal. Also bastelten wir eine Urkunde für ihn. Wir brauchten mehr als drei Stunden, bis wir damit fertig waren. Mit vierzig verschiedenen Buntstiften hatten wir ihm ein Blatt gemalt, welches ihn zum „Mr. Arrogant“ nominierte. Kichernd saßen wir da und schauten uns das bunte Blatt an.
„Was machen wir jetzt damit?“, Laila fuhr noch einmal mit einem roten Stift über das Bild.
„Wir legen es ihm auf sein Schulpult“, lachte ich frech, doch wir wussten beide, dass wir so etwas nie tun würden. Stattdessen warf ich die Urkunde in Lailas Abfalleimer.
