Arsène Lupin und die Insel der 30 Särge. Kriminalroman - Maurice Leblanc - E-Book

Arsène Lupin und die Insel der 30 Särge. Kriminalroman E-Book

Leblanc Maurice

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Beschreibung

Eine mysteriöse Insel, eine uralte Prophezeiung und eine Frau zwischen Leben und Tod Auf einer düsteren Insel vor der bretonischen Küste verdichten sich Gerüchte, Aberglaube und grausame Realität zu einem Albtraum. Dreißig steinerne Särge, geheimnisvolle Zeichen und eine Serie unerklärlicher Todesfälle scheinen eine grausame Prophezeiung zu erfüllen. Inmitten dieses Schreckens kämpft eine junge Frau verzweifelt um ihr Leben und um die Wahrheit. Erst spät tritt Arsène Lupin auf den Plan. Doch wenn er erscheint, ist nichts mehr Zufall. Mit Scharfsinn, Mut und seiner Fähigkeit, hinter Masken und Mythen zu blicken, stellt er sich einem Gegner, der grausamer und fanatischer ist als alles, was ihm zuvor begegnet ist. "Die Insel der 30 Särge", Band 9 der Lupin-Collection, ist ein düsterer, atmosphärischer Roman zwischen Kriminalfall, Mystery und Psychothriller und zeigt Arsène Lupin nicht als spielerischen Gentleman, sondern als entschlossenen Kämpfer gegen Angst, Wahnsinn und Tod. Zur Lupin-Collection Die Lupin-Collection vereint nahezu alle Romane und Erzählungen rund um Arsène Lupin in einer sorgfältig kuratierten Reihe und ist in diesem Umfang im deutschen Sprachraum einmalig. Sie enthält auch bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte Bände. Die Serie folgt der Chronologie der Erscheinungsjahre und zeigte die innere Entwicklung der Figur vom jungen Abenteurer über den brillanten Meister der Täuschung bis hin zum reifen Strategen und Ermittler. Klassiker, seltene Texte und spätere Werke stehen gleichberechtigt nebeneinander und machen sichtbar, wie vielfältig und wandelbar Lupin ist: Gentleman-Gauner, Detektiv, Patriot, Liebhaber und Spieler mit Identitäten. Die Collection lädt dazu ein, Arsène Lupin nicht nur als legendäre Figur, sondern als literarisches Gesamtwerk neu zu entdecken.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Maurice Leblanc

Arsène Lupin

Die Insel der 30 Särge

Ein Kriminalroman

Inhalt

Erster Teil VÉRONIQUE

Prolog

1 Die verlassene Hütte

2 Am Rand des Ozeans

3 Der Sohn Vorskis

4 Die armen Leute von Sarek

5 Vier Frauen am Kreuz

6 Tout-Va-Bien

7 François und Stéphane

8 Die Angst

9 Das Totenzimmer

10 Die Flucht

Zweiter Teil DER WUNDERSTEIN

1 Die Geißel Gottes

2 Der Aufstieg nach Golgatha

3 Eli, Eli, lamma sabacthani!

4 Der alte Druide

5 Der unterirdische Opfersaal

6 Die Grabplatte der Könige von Böhmen

7 Grausamer Fürst im Dienste des Schicksals

8 Der Gottesstein

Epilog

Orientierungsmarken

Cover

Erster Teil VÉRONIQUE

Prolog

Der Krieg hat Europa so durcheinandergerüttelt, dass kaum jemand sich noch an den Skandal von Hergemont erinnert. Ein paar Jahre ist es her, und doch liegt über der Geschichte ein Schatten, der nie ganz verschwand.

Die kurze Version:

Im Juni 1902 ging Antoine d’Hergemont, Forscher und Spezialist für die Megalithen der Bretagne, mit seiner Tochter Véronique im Bois spazieren. Vier Männer griffen ihn an. Einer traf ihn mit einem Stock, er fiel, es kam zu einem Gerangel. Véronique kämpfte, wurde überwältigt und in ein Automobil gezerrt. Zeugen sahen den Wagen Richtung Saint Cloud fliehen.

Zuerst glaubte man an eine Entführung. Am nächsten Tag war klar, dass es anders lag.

Der Graf Alexis Vorski, junger polnischer Adliger von zweifelhaftem Ruf und gefährlicher Ausstrahlung, liebte Véronique. Sie liebte ihn. Ihr Vater, der sie regelmäßig demütigte, hatte Vorski vor den Kopf gestoßen. Also inszenierte der Graf die Entführung. Véronique wusste nichts davon.

Antoine d’Hergemont wurde später durch veröffentlichte Briefe als jähzornig, launisch und erbarmungslos gezeichnet, ein Mann, der seine Tochter klein hielt und für den Geld über allem stand. Er schwor öffentlich Vergeltung.

Er gab schliesslich die Heirat frei. Zwei Monate später fand die Hochzeit in Nizza statt. Schon im Jahr darauf folgte der zweite Schock: d’Hergemont hatte das Kind seiner Tochter entführt. In Villefranche stach er mit einer frisch gebauten Segelyacht in See. Ein Sturm brach über sie herein. Die Yacht sank vor der italienischen Küste. Vier Matrosen überlebten. Sie berichteten, wie Meer und Wind d’Hergemont und das Kind fortgerissen hatten.

Als Véronique den Beweis für ihren Tod erhielt, trat sie ins Karmelitinnenkloster ein.

Damit enden die bekannten Tatsachen. Vierzehn Jahre später jedoch sollten sie der Ausgangspunkt eines der seltsamsten und gefährlichsten Ereignisse werden, die man sich vorstellen kann. Vieles daran wirkt wie ein Märchen, weil die Welt durch den Krieg ihre festen Linien verloren hat. Doch hinter allem stand eine einfache Wahrheit. Und irgendwo im Hintergrund bewegte sich ein Name, der damals kaum jemandem auffiel. Ein kurzer Hinweis in einer alten Akte, ein Zeichen am Rand einer Aussage. Jemand hatte schon damals genauer hingesehen, als es schien.

1 Die verlassene Hütte

Le Faouët lag an diesem Maitag still unter hellem Himmel. Eine Frau stieg im Dorf ab, graues Kleid, Schleier, gemessene Haltung. Trotz der schlichten Kleidung konnte man ihre ruhige Schönheit erkennen. Sie frühstückte knapp, gab ihren Koffer beim Wirt ab und erkundigte sich nach den Wegen rund um den Ort. Dann verließ sie das Dorf Richtung Landstraße.

An einer Weggabelung trennten sich die Routen nach Quimperlé und Quimper. Sie nahm den Weg nach Quimper, stieg ins Tal hinab und wieder hinauf. Rechts am Abzweig stand ein Schild: Locriff, 3 Kilometer.

Hier sollte es sein. Doch die Hütte, die sie suchte, war nirgends zu finden. Ringsum waren nur Wiesen, Bäume, Stille. In der Ferne lag das kleine Schloss mit seinen verschlossenen Läden. Mittags läuteten die Glocken, dann fiel wieder Ruhe über die Landschaft. Véronique setzte sich ins Gras, holte den Brief des Agenten Dutreillis hervor und glättete die Seiten.

Oben stand der Briefkopf eines Auskunftsbüros. Darunter ihr Name: Madame Véronique, Modesalon, Besançon.

Sie begann zu lesen.

Der Agent erinnerte sie an die Ereignisse vor vierzehn Jahren, an den Skandal, an die Entführung ihres Sohnes, an den Untergang der Yacht. Er schrieb mit einer selbstgefälligen Stimme, die sie seit jeher irritierte. Er prahlte damit, die Beweise für den Tod ihres Vaters und ihres Kindes gesammelt zu haben. Er prahlte sogar damit, ihr damals den Eintritt ins Kloster organisiert zu haben, und später die Arbeitsstelle in Besançon. Véronique fühlte, wie sich beim Lesen ihre Nackenmuskeln spannten. Die Art, wie Dutreillis ihre Geschichte als seine eigene Heldentat darstellte, tat weh.

Sie atmete durch und las weiter.

Der Agent berichtete knapp über ihren Ehemann Vorski. Flucht, Internierung, Spionageverdacht, erneute Flucht. Schließlich der Fund seiner Leiche im Wald von Fontainebleau. Unklar war, wer ihn erstochen hatte. Die Sache sei abgeschlossen. Die Beweise lägen vor.

Dann erinnerte er sie an die alte Prophezeiung, die Vorski besessen hatte: Sohn eines Königs, Tod durch die Hand eines Freundes, die Frau ans Kreuz geschlagen. Dutreillis machte sich darüber lustig. Véronique jedoch fröstelte. Die Erinnerung an Vorski war für sie kein Stoff für Spott.

Der Brief wurde sachlicher. Jetzt kam der eigentliche Grund ihrer Reise.

Vor drei Wochen war sie mit ihren Angestellten im Kino gewesen. Bretonische Legende, ein Heimatfilm aus der Bretagne. In einer kurzen Szene stand am Wegrand eine verlassene Hütte. Sie war bedeutungslos für die Handlung. Doch auf der Tür prangten drei eingeritzte Buchstaben: V. d’H.

Ihre alte Unterschrift. In klaren Linien. Ihr querlaufender Strich. Vierzehn Jahre hatte sie ihn nicht benutzt.

Es war dieser Blick, dieser Moment im Dunkel des Kinosaals, der sie erschüttert hatte. Deshalb hatte sie Dutreillis beauftragt. Er hatte, wie erwartet, herausgefunden, wo die Hütte stand. Und er hatte ihr eine genaue Route geschickt. Nachtzug nach Paris, dann weiter nach Quimperlé, dann Le Faouët. Von dort zu Fuß die Straße nach Quimper. Am Ende der ersten Steigung, kurz vor dem Weg nach Locriff, sollte sie die Hütte finden. Ein einfacher Schuppen, innen leer, Dach undicht, nichts Auffälliges.

Der Film war im vergangenen September gedreht worden. Die Inschrift musste also seit mindestens acht Monaten dort stehen.

Véronique ließ das Schreiben sinken. Noch brannte ein Rest des Schmerzes von damals, aber auch ein neues Ziehen in der Brust. Jemand hatte diese Inschrift gesehen. Jemand hatte sie gefilmt. Oder jemand hatte gewollt, dass sie sie sah.

Am Rand der letzten Seite stand eine kleine, kaum sichtbare Bleistiftnotiz. Dutreillis erwähnte sie nicht. Es war ein Kürzel. Jemand anderes musste es gesetzt haben. Es war nur ein einzelner Buchstabe, sorgfältig geschwungen. Ein L.

Sie schloss die Augen. Vielleicht war es ein Zufall. Vielleicht mehr.

Das war es. Dutreillis’ Auftrag war erledigt, und er brüstete sich damit, ohne ein einziges Detail seiner kleinen Tricks zu verraten. Sein Honorar von fünfhundert Francs erwähnte er mit der Selbstzufriedenheit eines Mannes, der sich gern bewundern ließ.

Véronique faltete den Brief. Eine Weile blieb sie reglos sitzen. Die Worte hatten alte Wunden geöffnet: ihre Ehe, der Verlust ihres Kindes, der Verlust ihres Vaters. Alles schien aus einem einzigen Fehler geboren, aus der Liebe zu einem Mann, der ihr Leben zerstört hatte. Sie hatte sich ihm widersetzt, ja. Doch sie hatte ihn einst geliebt, und diese Erinnerung fühlte sich an wie ein Makel, der trotz der Jahre nicht verblasste.

Sie strich sich über die Stirn. Es reichte jetzt. Sie war nicht hier, um zu trauern. Sie wollte verstehen, wer sie aus ihrem stillen Leben in Besançon herausgezogen hatte.

Sie stand auf. Dutreillis’ Wegbeschreibung klang plötzlich neu in ihren Ohren. Sie musste die Hütte übersehen haben. Sie ging zurück, sah den kleinen Baumring rechts vom Weg und erkannte die versteckte Stelle sofort. Dahinter stand die Hütte.

Es war ein verwitterter Unterstand. Wind und Regen hatten das Holz grau gefressen. Vorsichtig trat sie näher. Auf der Tür waren die drei Buchstaben eingeritzt, ihre alte Signatur, blass, aber lesbar. Und darunter eine Pfeilspitze mit der Zahl 9.

Ihr Atem stockte. Jemand hatte sich an ihre Jugendunterschrift erinnert. Niemand aus ihrem früheren Leben lebte noch. Niemand wusste, wo sie war. Niemand wusste, dass sie diesen Film gesehen hatte. Wer also hatte das getan?

Sie umrundete die Hütte, fand jeine weiteren Zeichen, auch nichts an den Bäumen. Sie drückte den hölzernen Riegel hoch. Für einen Moment fühlte sie, wie sich etwas in ihr sträubte, als würde sie mit einer kleinen Bewegung eine Grenze überschreiten, die sie nicht benennen konnte.

Sie öffnete.

Ein Schrei brach aus ihr heraus. Auf dem Boden lag ein toter Mann. Und sofort fiel ihr Blick auf die Wunde: Ihm fehlte eine Hand.

Der Leichnam war alt, der Körper eingefallen, das Gesicht schwarz verfärbt, die Lippen geschrumpft. Die abgetrennte Stelle war sauber, trocken, mehrere Tage alt. Er trug einfache bretonische Kleidung, ordentlich, aber verblichen. Sein Körper war an die morsche Bank gelehnt, die Beine angewinkelt, als hätte er dort geschlafen und sei nicht mehr erwacht.

Véronique schwankte. Sie tastete seine Stirn. Eisig. Der Schock der Berührung machte sie wieder klarer. Sie musste nach Le Faouët zurück und die Behörden informieren. Doch zuerst durchsuchte sie den Toten.

Nichts in den Taschen. Keine Markierung an der Kleidung. Als sie den Oberkörper leicht anhob, kippte er nach vorn. Unter der Bank kam ein Papier zum Vorschein. Dünn, eingerissen, zusammengedrückt.

Sie hob es auf, glättete es, und ihre Hände begannen zu zittern.

Eine rote Zeichnung. Vier Frauen, an vier Bäumen gekreuzigt. Grob, aber verstörend deutlich.

Im Vordergrund war eine Frau. Schleier, verzerrtes Gesicht, angespannter Körper. Ein Gesicht, das sie kannte. Es war ihr eigenes.

Über ihr ein kleines Feld mit einer Inschrift. Drei Buchstaben. Ihr altes Zeichen. V. d’H.

Für einen Augenblick glaubte sie, jemand stünde hinter ihr. Ein kaum wahrnehmbares Rascheln, als würde jemand gerade noch rechtzeitig aus dem Schatten treten. Sie fuhr herum. Nichts. Nur der Wald. Und eine Hütte, die plötzlich nicht mehr verlassen wirkte.

Ein Krampf fuhr ihr durch den Leib. Sie taumelte aus der Hütte und sank im Gras in Ohnmacht.

Sie kam schnell wieder zu sich. Zwei Minuten vielleicht. Ihr Körper war stark, ihr Wille härter als jede Erschöpfung. Der Zug, die schlaflosen Nächte, der Schock des Fundes hatten sie überrumpelt, mehr nicht. Ihr Geist sammelte sich, wurde ruhig, klar, entschlossen.

Sie ging zurück in die Hütte, hob das zerdrückte Blatt auf und zwang sich, es mit kühlem Blick zu betrachten.

Links stand eine schmale Spalte, von oben bis unten mit gleichförmigen Strichen gefüllt, als hätte jemand eine Zeile nach der anderen nur angedeutet. Doch zwischen den Strichen standen Worte: Vier Frauen am Kreuz. Weiter unten: Dreißig Särge. Und in der letzten Zeile: Der Gottesstein, der Tod oder Leben bringt.

Die Spalte war eingerahmt von einer schwarzen und einer roten Linie. Darüber zwei rote Sicheln, von einem Mistelzweig umschlungen. Darunter die Silhouette eines Sarges.

Der restliche Raum gehörte der Zeichnung. Eine Sanguine-Skizze, roh und präzise zugleich. Vier Frauen am Kreuz. Drei im Hintergrund, kleiner, in bretonischer Tracht, die Hauben wie dunkle Flügel.

Im Zentrum war das Hauptbild. Ein Baumstamm, alle Seitenäste gekappt. Daran die gefesselten Arme einer Frau. Hände und Füße nicht genagelt, sondern mit Seilen gebunden, die sich eng um die Gelenke und Beine legten. Ein Leichentuch verhüllte den Körper bis zum Boden. Die Gestalt wirkte länger, ausgezehrter, als sollte der Schmerz betont werden.

Das Gesicht. Schlank, jung, erschöpft. Und unverkennbar ihr eigenes, so wie sie mit zwanzig ausgesehen hatte. Das Haar lang, in Wellen, fast bis zur Taille. Die Augen voller Trauer.

Über dem Kreuz stand ihre alte Unterschrift. V. d’H.

Für lange Zeit bewegte sie sich nicht. Keine Erinnerung, kein Bild, kein Gedanke bot eine Erklärung. Es war, als blicke sie auf eine Seite aus einem fremden, alten Buch. Und doch zeigte es sie.

Sie riss das Blatt in kleine Stücke. Der Wind trug die Fetzen davon. Als der letzte verschwand, hatte sie ihren Entschluss gefasst.

Sie schob den Leichnam beiseite, schloss die Tür und ging nach Le Faouët zurück, um die Behörden zu holen. Eine Stunde später kam sie mit dem Bürgermeister, dem Feldhüter und einer Menschentraube zurück. Die Hütte war leer. Der Tote verschwunden. Nicht ein Faden, nicht ein Abdruck war geblieben.

Sie fühlte die Blicke. Misstrauen. Zweifel. Ein leises Flüstern, dass eine Frau allein, fern der Heimat, Dinge sehen konnte, die gar nicht da waren. Sie schwieg. Es gab nichts, womit sie sich hätte verteidigen können.

Sie fragte den Wirt nach dem nächsten Ort und dem Weg zum Bahnhof. Man nannte ihr Scaër und Rosporden. Sie bestellte einen Wagen, der ihren Koffer unterwegs aufnehmen sollte, und brach zu Fuß auf. Ihr Blick war ruhig, ihre Haltung fest. Mehr Schutz brauchte sie nicht.

Sie ging, ohne sich umzusehen. Die Straße zog sich über Hügel und Täler. Ihre Gedanken wanderten dorthin, wohin sie sie nicht lassen wollte. Zur Vergangenheit. Vorski. Ihr Vater. Das Kind. Zu allem, was sie seit Jahren aus ihrem Leben gedrängt hatte.

Sie zwang sich, an Besançon zu denken. An Arbeit, Stille, Gewohnheit. Ein Leben ohne Schrecken. Dort würde alles wieder verblassen. Das musste es.

Doch kurz vor Scaër hörte sie hinter sich das Bimmeln eines Pferdes. Sie wandte sich nicht um. Ihr Blick fiel auf die Mauer eines halb verfallenen Hauses am Weg nach Rosporden. Darauf stand in weißer Kreide über einer Pfeilspitze und der Nummer 10: V. d’H.

2Am Rand des Ozeans

Véroniques Entschlossenheit kehrte zurück. Der Schrecken hatte sie fast umgeworfen, doch der Kreidestrich an der Mauer war wie ein Funke. Ein Pfeil, eine Zahl, ein Weg. Jemand führte sie. Oder wollte geführt werden. Das Warum spielte keine Rolle. Es gab eine Spur, und sie würde ihr folgen.

Der Wagen aus Le Faouët holte sie ein. Sie ließ sich nach Rosporden fahren und sah auf dem Weg zweimal ihre Signatur, mit den Nummern 11 und 12. Die Bestätigung wirkte wie ein Schlag ins Herz, aber ein ordnender. Dies war kein Chaos. Es hatte Struktur.

Sie übernachtete, setzte die Suche am Morgen fort. Die 12 an einer Friedhofsmauer leitete sie nach Concarneau. Dort verlor sie den Faden, suchte vergeblich und verschenkte einen Tag. Erst am nächsten Morgen tauchte die 13 auf, blass, an einem Wegrand nach Fouesnant. Danach wieder Irrwege, Felder, neue Abzweigungen. Vier Tage nach Le Faouët sah sie endlich das Meer. Die weite Bucht von Beg-Meil. Wind, Salz und Stille.

Sie blieb zwei Nächte im Dorf. Auf ihre vorsichtigen Fragen antwortete niemand. Doch auf einem Morgenspaziergang über die flache, bewachsene Klippe fand sie zwischen zwei kahlen Eichen eine einfache Hütte aus Ästen und Erde. Davor ein kleiner Menhir. Auf seinem Stein: ihre Inschrift. Nummer 17. Kein Pfeil. Nur ein Punkt.

In der Hütte lagen Scherben und leere Dosen. Es sah aus, als hätten Reisende hier auf etwas gewartet. Oder wie jemand, der sich auf eine Weiterfahrt vorbereitet hatte.

Dann hörte sie Stimmen. Unten, zwischen den Felsen, schaukelte ein Motorboot im Wasser. Ein Mann stellte Säcke ab.

„Gute Reise gehabt, Madame Honorine?“

„Hervorragend.“

Er fragte nach ihrem Ziel, und sie erzählte knapp von Paris, von Besorgungen für ihren Herrn, vom fehlenden Bootsverkehr seit Kriegsbeginn. Der Mann half beim Entladen, bot Hilfe an, lachte über ihre Fahrkünste und warnte sie schließlich:

„Passen Sie auf die Felsnadeln beim Eiland auf. Es hat einen schlechten Ruf. Man nennt es nicht umsonst die Insel der Dreißig Särge. Viel Glück!“

Er verschwand zwischen den Steinen.

Dreißig Särge. Die Worte trafen sie wie ein Stich. Es war genau der Satz, den sie auf der Zeichnung gesehen hatte.

Sie näherte sich. Honorine trug bretonische Tracht. Und ihre Haube hatte zwei schwarze Flügel, breit und weich, genau wie die Hauben der drei Frauen in der Zeichnung.

Véronique blieb stehen. Ihr war, als würde die Küstenluft plötzlich schwerer. Die Zeichnung, die Kreidespuren, der Menhir. Alles wies in dieselbe Richtung.

Und die Haube war kein Zufall.

Die Bretonin mochte um die vierzig sein. Wind und Sonne hatten ihr Gesicht scharf gezeichnet, doch die großen, dunklen Augen waren warm und klar. Eine schwere Goldkette lag über ihrem geschnürten Samtmieder. Sie summte leise, während sie die Säcke ins Boot trug, kniete am Stein, löste das Tau und sang weiter. Ein Kinderlied, schlicht und weich:

Und die Mutter sang

im Wiegen ihr Kind:

Weine nicht. Wenn man weint,

weint auch die gute Jungfrau.

Das Kind muss singen und lachen,

damit die Jungfrau lächelt.

Falte die Hände und bete

zur guten Jungfrau Maria.

Véronique stand plötzlich vor ihr. Die Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen.

„Was ist los?“, fragte die Frau.

„Das Lied. Woher haben Sie es? Meine Mutter sang es. Aus Savoyen. Seit ihrem Tod habe ich es nie wieder gehört.“

Honorine sah sie nachdenklich an, als suche sie selbst nach einer Antwort.

„Wer hat es Ihnen beigebracht?“, wiederholte Véronique.

„Jemand von dort“, sagte die Bretonin. „Von meiner Insel.“

„Die Insel der Dreißig Särge?“

„So nennt man sie. Ihr richtiger Name ist Sarek.“

Sie musterten einander, wachsam und offen zugleich.

„Verstehen Sie“, begann Véronique. „Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich folgte einer Spur, die ich nicht begreifen kann. Meine Signatur. Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl. Jemand hat mich geführt.“

Honorine trat näher. „Ihre Signatur? Welche?“

„V. d’H. Auf einem Stein, dort oben.“

Die Bretonin fuhr zusammen. „Véronique d’Hergemont.“

„Sie kennen meinen Namen“, flüsterte Véronique.

Honorine nahm ihre Hände. Die Härte in ihrem Gesicht schmolz, als würden Jahre abfallen. „Also sind Sie es. Ich danke dem Himmel.“

„Dann wissen Sie, was das bedeutet?“

„Nein. Aber wir werden es herausfinden.“

Sie stellte Fragen, ruhig und präzise. Wo das erste Zeichen gewesen war, wie die Hütte aussah, ob Véronique sie geöffnet hatte.

„Ja“, sagte Véronique. „Und dort lag ein Toter. Ein alter Mann. Landestracht. Weißes Haar. Ich glaube, er wurde ermordet.“

„Wurde er erkannt?“

„Niemand sah ihn außer mir. Als ich zurückkam, war er fort.“

„Fort“, murmelte Honorine. „Jemand wollte keine Spuren.“

„Und das war nicht alles“, sagte Véronique. „Ich fand eine Zeichnung. Vier Frauen am Kreuz. Eine von ihnen war ich.“

Honorine packte ihre Hände, diesmal hart.

„Vier Frauen am Kreuz?“

„Ja. Und es stand auch von dreißig Särgen dort. Von Ihrer Insel.“

Honorine legte ihr sofort die Hand auf den Mund. „Nicht darüber sprechen. Nicht hier.“

Sie kniete nieder, presste die Stirn gegen den Fels und betete, als müsste sie etwas Unsichtbares fernhalten. So ernst, so verzweifelt, dass Véronique keinen Ton mehr hervorbrachte.

Schließlich erhob die Bretonin sich wieder. Ihre Stimme war gefasst.

„Es ist schlimm. Sehr schlimm. Aber es ändert nichts. Wir müssen los. Es darf keinen Aufschub geben.“

Sie sah Véronique fest an. „Sie müssen mit mir kommen.“

„Wohin? Auf Ihre Insel?“ In Véroniques Stimme lag Abwehr.

Honorine ließ sich nicht beirren. Sie nahm ihre Hände und sprach langsam, als lege sie Stück für Stück etwas frei, das nicht ausgesprochen werden wollte.

„Sie heißen Véronique d’Hergemont?“

„Ja.“

„Ihr Vater war Antoine d’Hergemont?“

„Ja.“

„Sie heirateten einen Mann namens Vorski. Einen Polen.“

„Ja.“

„Nach einem Skandal, einer Entführung, einem Bruch mit Ihrem Vater.“

„Ja.“

„Sie hatten einen Sohn.“

„François.“

„Den Ihr Vater Ihnen nahm.“

„Ja.“

„Und beide starben bei einem Schiffbruch.“

„Ja. Sie sind tot.“

„Woher wissen Sie das?“

Véronique wich nicht zurück. „Durch meine eigene Nachforschung. Durch die Justiz. Alles stützt sich auf die Aussage der vier Matrosen.“

„Und wer sagt Ihnen, dass diese Männer nicht gelogen haben?“

„Warum hätten sie?“

„Vielleicht wurden sie bezahlt. Vielleicht verabredet. Vielleicht von Ihrem Vater.“

„Das ist unmöglich. Und außerdem ist mein Vater tot.“

„Woher wissen Sie das?“

Das zweite Mal traf die Frage sie härter. Sie wusste keine Antwort.

„Worauf wollen Sie hinaus?“, flüsterte sie.

„Erinnern Sie sich an die Namen der Matrosen?“

„Ich kannte sie. Jetzt nicht mehr.“

„Erinnern Sie sich, dass es bretonische Namen waren?“

„Ja, aber ich verstehe Sie nicht.“

„Sie waren nie hier. Ihr Vater jedoch oft. Er forschte in dieser Gegend, schrieb darüber. Er kannte Männer, die ihm ergeben waren. Männer, die für ihn gelogen hätten. Oder für Geld geschwiegen hätten.“

Véronique wurde blass.

Honorine fuhr fort: „Stellen Sie sich vor, er kannte diese vier seit Jahren. Stellen Sie sich vor, sie setzten ihn und Ihr Kind irgendwo an der italienischen Küste ab, versenkten dann das Boot, schwammen zurück und meldeten ein Unglück. Niemand fragte weiter. Niemand überprüfte eine einzige Angabe.“

„Aber diese Männer leben“, rief Véronique. „Man kann sie befragen.“

„Zwei sind tot. Der dritte, Maguennoc, ist alt. Sie finden ihn auf Sarek. Und der vierte betreibt hier in Beg-Meil den Laden. Gekauft von dem Geld, das er damals bekam.“

„Dann gehen wir zu ihm. Sofort.“

„Warum? Ich weiß mehr als er.“

Véronique starrte sie an. „Sie wissen?“

„Ich weiß alles, was Sie nicht wissen. Fragen Sie mich.“

„Was meinen Sie?“, flüsterte Véronique.

Honorine zeigte nicht die geringste Unsicherheit. „Ich meine, dass ein Netz um Sie gelegt wurde. Und dass es nicht von einem Fremden stammt. Nicht von Zufall. Nicht von Träumen.“

„Was dann?“

Honorine neigte den Kopf. „Wenn die Toten nicht tot sind, dann weiß einer die Wahrheit. Und er wartet. Auf der Insel.“

„Sarek“, sagte Véronique leise.

„Ja. Die Insel der Dreißig Särge.“

„Und ich soll mitkommen.“

„Sie müssen.“

Véronique schloss die Augen. Als sie sie öffnete, war die Angst verschwunden.

„Dann gehen wir.“

Doch Véronique schwieg. Die eine Frage wagte sie kaum zu denken. Warum sollte ihr Vater so handeln? Warum seinen eigenen Tod vortäuschen, dazu den ihres Kindes?

„Ihr Vater hatte geschworen, sich zu rächen“, sagte Honorine.

„An Vorski, ja. Aber an mir? Auf so grausame Weise?“

„Sie liebten Ihren Mann. Sie blieben bei ihm. Und Ihr Vater war ein Mann, der im Zorn blind wurde, das wissen Sie.“

„Aber danach?“, flüsterte Véronique. „Nach all dem?“

„Danach kam Reue. Und die Liebe zu dem Kind. Er suchte Sie überall. Auch im Kloster von Chartres. Doch Sie waren fort. Niemand wusste wohin.“

„Er hätte eine Anzeige aufgeben können.“

---ENDE DER LESEPROBE---