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Sabine und Ed werden bei einer Spritztour durch das Sonnensystem (siehe AndroSF 179 »Planet der Navigatoren«) von einer mysteriösen Weltraumkatastrophe überrascht, die sie Hunderte von Lichtjahren entfernt auf einem unbekannten Planeten stranden lässt. Dort haben sich seltsamerweise nur niedrige Lebensformen entwickelt. Bei ihrer Robinsonade entdecken sie ein Artefakt, in dem scheinbar andere Naturgesetze vorherrschen. In letzter Sekunde werden sie gerettet. Beim Versuch, hinter das Geheimnis des Planeten und des röhrenartigen Gebildes zu kommen, stößt man in anderen Teilen der Milchstraße auf weitere Fremdkörper. Eine heiße Spur führt sie zu einem Asteroidenring. Dort erfahren sie von seltsamen Vorkommnissen. Sie finden heraus, was vor einer Million Jahren in diesem System geschah. Die Gefahr ist längst nicht gebannt. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt …
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2025
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AndroSF 212
Pete Farn
ARTEFAKTENJAGD
AndroSF 212
Weitere Geschichten aus dem Navigatoren-Universum:
Pete Farn, PLANET DER NAVIGATOREN, AndroSF 179
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: April 2025
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Titelbild: Pete Farn
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 450 2
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 695 7
Sabine und ich saßen Händchen haltend im Jumper und umkreisten die Sonne, als das Unglück geschah. Wir waren mit der ellipsoidförmigen Fähre von der Erde aus gestartet, um dem Mutterschiff, welches sich seit Jahrzehnten im Ortungsschutz des Fixsterns aufhielt, »Hallo« zu sagen.
Sie war eine als Erdenfrau getarnte Nyitin. Die Ärzte hatten sie kosmetisch gepimpt, um die Alienidentität zu verbergen. Wobei sie in ihrer wahren Gestalt ebenfalls eine erfreuliche Figur abgab.
Die Nyiten unterhielten auf der Erde ein geheimes Rekrutierungsbüro, um potenzielle Navigatoren für die Raumfahrt auszumachen und auszubilden. Diese waren in der gesamten Milchstraße Mangelware. Was nützte der beste Sternenkreuzer, wenn niemand dazu in der Lage war, ihn durch die Untiefen des Alls zu lenken.
Ich war ein Anwärter für den Job. Nur wenige Menschen oder Aliens besaßen diese Gabe, die sich auf eine Laune der Natur – einen Gendefekt – zurückführen ließ. Insgeheim amüsierte es mich, dass ein Hinterwäldlerplanet wie die Erde, deren bemannte Schiffe es gerade einmal bis zum Mond geschafft haben, für die interstellare Raumfahrt anderer, wesentlich höher entwickelter Völker, von Bedeutung war.
Sabine und ihr Kollege Doktor Cambert hatten mir einen Schnupperkurs in Sachen Navigation verpasst. Es lag an mir, eine Entscheidung zu treffen: weitermachen und den irdischen Muff hinter mir lassen, oder bei meinen Freunden bleiben und den öden Job bis zur Rente durchzuziehen. Würde ich das Ausbildungsprogramm abbrechen, bekäme ich eine harmlose Konditionierung, die mir jede Erinnerung an den Alienkontakt nahm. Was schade wäre, denn Sabines empathisches Wesen verwirrte auf erfreuliche Weise meine Sinne.
Kurz entschlossen lud sie mich zu dieser Spritztour ein, vermutlich um mir den Mund für ihre Sache wässrig zu machen. Der Jumper war eine zwölf Meter große achtsitzige Fähre, die für kurze Distanzen eingesetzt wurde. Für die Nyiten war der Flug von der Erde zum Mutterschiff ein netter Ausflug, der nur wenige Minuten in Anspruch nahm. Für längere Strecken, zu anderen Sonnensystemen, setzte man schnellere Raumschiffe mit effektiveren Antrieben ein; vorausgesetzt es standen ausreichend Navigatoren zur Verfügung.
Während meine Gedanken um die Ereignisse der letzten Wochen kreisten, registrierte ich eine leichte Erschütterung. Sabine bemerkte es ebenfalls.
»Sonnenaktivitäten?«, fragte ich sie.
»Nein, dazu sind wir zu weit weg von der Sonne. Zudem sind wir durch das Kraftfeld des Jumpers geschützt … normalerweise.« Sie bediente das Panel, um an zusätzliche Informationen zu kommen. Ich bemerkte ein leichtes Kribbeln in den Füssen.
»Darf ich davon ausgehen, dass im Jumper kein Fußbodenmassagegerät eingebaut ist?«
»Du darfst«, antwortete sie. »Da ist irgendetwas direkt vor uns. Die Instrumente zeigen Unregelmäßigkeiten in der Raumstruktur an.«
»Instrumentenfehler ausgeschlossen?«
»Statusanzeigen im grünen Bereich. Wenn das stimmt, was ich sehe, dürfte es gleich ungemütlich werden. Ich versuche, auszuweichen.« Keine Ahnung, wovon sie sprach. Aber es war alles andere als ermutigend. Auf den Monitoren war nichts zu erkennen. Der Weltraum sah wie immer friedlich und langweilig aus. »Können wir noch jumpen?«
»Für die Etablierung des Jumperfelds ist es zu spät. Zudem ist unvorhersehbar, wie das Feld mit dem, was da vor uns liegt, interagiert.«
Das Jumperfeld bildete normalerweise eine Art Kokon um das Gefährt. Es glich nicht nur die Gravitationskräfte aus, sondern ermöglichte überhaupt erst den Flug. Das Fliegen mit dem Jumper war nur innerhalb eines Bezugssystems mit mindestens zwei, vorzugsweise drei Schwerkraftkörpern – zum Beispiel Monde, Planeten oder Sonnen – möglich. Der Antrieb machte es sich zu eigen, dass es keine absolute Ruheposition im Weltraum gab. Jeder Himmelskörper war in Bewegung, jedes Sonnensystem, jede Galaxis. Der Jumper war dazu in der Lage, zwischen zwei Gravitationskörpern im Schutz des Jumperfeldes zu fliegen. Der Kokon verhinderte, dass das Raumschiff während des Fluges physischen Kontakt mit dem Einstein-Universum hatte. Nur so war es möglich, aus einem unterirdischen Hangar, der hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen war, die Erde zu verlassen. Diese verweilte nicht an einem absoluten Punkt, sondern bewegte sich zu jeder Zeit fort. Der Jumper sorgte nur dafür, dass er »stehen blieb«, während sich der Heimatplanet fortbewegte … wobei Stehenbleiben relativ war. Oder man wählte gleich den Mond beziehungsweise den Fixstern als neuen Bezugspunkt, so wie es bei unserem Flug der Fall war. Zwar gab es für Standardflüge wie von der Erde zur Sonne programmierte Presets, für kleinere Kurskorrekturen und Ernstfälle wie diesen benötigte man dennoch einfachere beschränkte Raketenmotoren. Sie waren unumgänglich, da der Aufbau des Kokons mehrere Minuten beanspruchte. Zudem wurden Start- und Ankunftsphase gedämpft, wenn man nicht als platt gedrückte Flunder enden wollte. Ohne die klassischen Rückstoßmotoren würde man während des Aufbaus des Jumperfelds antriebslos im Weltraum hängen, oder im entscheidenden Augenblick war keine Flucht aus einer Gefahrenzone möglich.
Das Kribbeln war inzwischen zu einer kräftigen Vibration angeschwollen. Ähnlich einem großen Gong, der zuerst leise, dann immer stärker angeschlagen wurde, bis ein ohrenbetäubender Lärm entstand.
Sabine setzte das Headset auf und sagte etwas in ihrer Sprache. Vermutlich nahm sie Kontakt zum Mutterschiff auf. In der Zelle unserer kleinen Fähre war es so laut, dass ich fast nichts mehr verstand.
»Mist … erreiche … Schiff nicht … auf anderer Seite … Sonne … Interferenzen«, meinte ich zu hören.
Mir wurde langsam mulmig. Sabine war zwar sonst die Ruhe in Person, aber ihre Bewegungen am Bedienfeld wurden immer hektischer. Die Resonanzfrequenzen steigerten sich bis ins Unerträgliche und ich verspürte im Kopf ein pelziges Gefühl. Bevor ich das Bewusstsein verlor, sah ich auf dem Monitor große Felsen aus dem Nichts auftauchen. Sie steuerten direkt auf den Jumper zu!
Schwärze.
Kopfschmerzen, wie nach einer durchzechten Nacht. Ein Ziehen in den Gliedern. Ein Geruch, der an alte wochenlang getragene, in Schweröl getränkte und danach verbrannte Socken erinnerte. Und war da nicht das Bouquet eines nassen Hundes? Vorsichtig öffnete ich die Augen. Durch einen milchigen Schleier schauten mich aus nächster Nähe zwei große dunkle Glupscher aus einem pelzigen Gesicht an. Sabine war es nicht. Dies erkennend zuckte ich reflexhaft zusammen und mein Körper versteifte sich. Das Pelzwesen, das entfernt an eine Mischung aus Erdmännchen, Waschbär und Schaffellpullover erinnerte, erschrak ebenfalls, sprang von meinem Schoß und verschwand mit einem aufgeregten keckernden Geräusch.
Langsam schaute ich mich um. Der Jumper war an einer Stelle aufgerissen und Tageslicht fiel durch einen meterlangen Spalt. Auf dem Boden lagen kleine kotähnliche Teile, die vermutlich genau das waren: Kot. Die Fähre stand auf festem Grund. Sabine oder die Automatik hatten den Jumper mehr oder weniger erfolgreich runtergebracht. Der Horror einer Bruchlandung war mir erspart geblieben. Wie lange war das her?
Sabine saß neben mir und kam langsam zu sich. Sie orientierte sich und unsere Blicke trafen aufeinander. Erleichterung. Ich breitete meine Arme aus, um sie in den Arm zu nehmen, wurde aber sofort in den Sitz zurückgezogen. Die Anschnallgurte lagen fest an. Jeder Dorfpolizist wäre zufrieden mit mir.
Sie sah den großen Riss im Jumper. »Die Frage, ob die Atmosphäre für Sauerstoffatmer taugt, erübrigt sich somit. Das hätte ins Auge gehen können.«
Wieso sollte die Luft nicht atembar sein? Waren wir nicht auf der Erde notgelandet? Ihre Feststellung implizierte, dass sie nicht unbedingt davon ausging.
»Glück gehabt«, antwortete ich.
»Abwarten. Gewisse irdische Merkmale fehlen. Mal die Luftzusammensetzung messen … Stickstoff, Sauerstoff … hm, Edelgase … aber in akzeptabler Konzentration. Keimbelastung … sieht gut aus. Lichtspektrum des Fixsterns ist akzeptabel. Wir sollten die Sonnencreme nicht vergessen.«
»Nicht meine Sonne?«
Sie verneinte und bemerkte nebenbei die Exkremente auf dem Boden. Vorwurfsvoll schaute sie mich an. Ich schüttelte vehement den Kopf.
»Lass uns checken, wo wir sind und was noch alles funktioniert«, schlug sie vor.
Zehn Minuten später hatten wir unseren Statusbericht, und das Ergebnis sah ernüchternd aus. Wir schrieben den fünften November und waren fast einen Tag bewusstlos. Das Unglück hatte uns direkt in den Anziehungsbereich dieses Planeten gebracht. Die Landeautomatik mit ihren Notfallroutinen war zwar angesprungen, für eine sanfte Landung hatte es indessen nicht gereicht. Der Jumper war flugunfähig und alles andere als weltraumtauglich. Höher entwickelte Lebensformen schien es auf dem Planeten nicht zu geben, wenn man von den felligen Scheißerchen absah, deren Hinterlassenschaften man überall im Schiff fand. Zumindest ließen die angezeigten Biowerte dieser Welt keine anderen Schlüsse zu. Wir waren auf uns allein gestellt und mit professioneller Unterstützung bei der Reparatur des Jumpers war nicht zu rechnen. Ironischerweise gab es ausreichend Sauerstoffvorräte an Bord. Der HiTec-Universalübersetzer wäre nicht von signifikanter Hilfe. Es sei denn, die Pelztierchen waren sprachbegabt, wonach sie nicht aussahen. Der Lauf des Zonkers, der sich beim Aufprall dort befunden hatte, wo jetzt ein großer Riss aufklaffte, war verbogen. Die einzige Waffe, die wir hatten, war somit unbrauchbar.
»Was ist überhaupt passiert?«, fragte ich sie.
»Lass uns den Flugschreiber checken. Zuerst die optischen Daten …«
Der Monitor präsentierte uns den Moment, kurz bevor sich das »Etwas« im All vor uns öffnete. Eine kleinere Bild-in-Bild-Aufzeichnung zeigte das Innere des Jumpers; und uns. Auf dem großen Schirm war ein Wabern erkennbar, als ob der Weltraum an dieser Stelle flüssig wäre.
»Die wellenartigen Bewegungen erinnern mich an die Peristaltik des menschlichen Darms. Schau, sie werden immer schneller.«
»Um bei deinem Vergleich zu bleiben: Der Weltraum hat gleich Diarrhoe«, antwortete sie. »Ich stelle auf Zeitlupentempo.«
Man sah, wie sich die Spitze eines Felsens aus der Weltraumperistaltik herausschob. Kurz danach wurde ich ohnmächtig. Sabine hantierte am Panel. Dann folgte ein riesiger, etwa zwanzig Meter durchmessender lang gezogener Brocken, der knapp am Jumper vorbeizog. Kleinere Gesteinsbrocken trafen auf das Kraftfeld des Ellipsoids und wurden elegant abgeleitet. Unser Gefährt schaffte es nicht, dem Feld zu entkommen. Stattdessen flogen wir direkt in das flirrende Etwas. In dem Moment wurde Sabine ohnmächtig. Die Schwärze des Weltalls wich psychedelischen Farbschlieren, die sich langsam und anmutig um unser Schiff bewegten.
»Bist du noch auf Zeitlupe?«, fragte ich sie.
»Nein. Echtzeit. Das sieht so aus. Die Kamera hatte zudem Probleme, ihre Umgebung zu fokussieren. Ich erhalte hier keine vernünftigen Werte, wie groß die Raumausdehnung ist, durch die wir geflogen sind.«
»So eine Art Hyperraum?«, versuchte ich mein vermeintliches Wissen, welches ich mir aus Science-Fiction-Romanen angeeignet habe, zum Besten zu geben. Sie schaute mich nur schräg an und hantierte am Pult.
»Sieht so aus, als ginge das ein paar Stunden so weiter.« Sie veränderte das Abspieltempo, die Farbeffekte wurden zu einem hektischen Farbspiel zusammengerafft. Plötzlich verschwanden die Farben und der Jumper wurde in den Normalraum zurückgeworfen. Sabine passte die Wiedergabegeschwindigkeit der Aufzeichnung an. Das Ellipsoid war in der Atmosphäre eines Planeten ausgetreten. Der Raketenmotor sprang augenblicklich an, hatte aber Probleme, die Flugbahn zu halten und den Fall zu dämpfen. Der Automatik gelang es, den Flug zu stabilisieren und eine unsanfte Landung einzuleiten. Dabei wurde die Backbordseite aufgerissen. Nur wenige Minuten später sah man, wie die einheimischen Tiere durch den Riss eindrangen und eifrig schnupperten.
»Sollten wir uns nicht draußen umsehen?«
»Eigentlich gibt es hierfür ein genaues Protokoll über die Vorgehensweise …«
»Eine Quarantäne dürfte uns nicht weiter bringen«, ich deutete auf die aufgerissene Stelle. Ich entfernte den Anschnallgurt und stand auf, dabei knickten beide Beine ein und mir wurde schwindlig.
»Probleme mit der Schwerkraft?«, fragte sie besorgt.
»Nein. Muss noch vom Flug sein.« Das pelzige Gefühl im Kopf war zwar verschwunden, aber wer wusste schon, welche Auswirkungen die letzten Stunden und die Bruchlandung auf uns hatten.
»Es gibt nur ein kleines Medpack an Bord, da der Jumper für Kurzstreckenflüge konzipiert ist.«
»Dann lass uns mal mit den Doktorspielchen beginnen.«
»Darf ich dich darauf hinweisen, dass ich keinen Titel besitze, der …«
Ich vergaß immer wieder, dass sie nicht von der Erde war. »Ist nur so eine Redensart«, unterbrach ich sie. »Leg einfach los.«
Sabine holte ein quaderförmiges Etwas aus dem Medpack und untersuchte uns beide damit.
»Ein paar Prellungen, keine Brüche … Deine Blase ist zum Bersten voll! Du solltest mal um die Ecke gehen.«
Sie hatte recht. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die Unfallfolgen noch nicht verkraftet hatte – und der Jumper über keine Toilette verfügte. Wir mussten beide ordentlich Kraft aufbringen, um das Schott zu öffnen. Die Hülle war leicht verzogen.
Wir schauten durch die Luke und erblickten eine mediterrane Landschaft: Felsen, Berge, Nadelbäume und etwas suspekt aussehende Sträucher. Wir standen auf einer kleinen Waldlichtung und hatten unübersehbare Spuren hinterlassen. Die Wipfel einiger Bäume waren kahl geschoren oder abgebrochen. Sie dürften unseren Aufprall ordentlich gedämpft haben. Wie durch ein Wunder war der Jumper bis auf die Macke an der Backbordseite nicht beschädigt. Dennoch würde er ohne umfangreiche Reparaturen nicht mehr fliegen.
Ich verschwand kurz hinter einem Baum; der Erleichterung wegen. Dabei fühlte ich mich beobachtet. Ich sah ein halbes Dutzend Fellknäuel in der Fichte direkt vor mir, die mir interessiert zuschauten.
»Wir werden den Riss provisorisch abdichten, sodass wir nicht mit ungebetenen Gästen rechnen müssen. Wer weiß, was für Viecher hier nachts unterwegs sind«, teilte mir Sabine nach meiner Rückkehr mit. »Laut Handbuch sollten wir dafür Sorge tragen, dass der Innendruck bei Bedarf stabil gehalten werden kann und von der Außenwelt abriegelbar ist. Wir wissen zwar, dass die Luft atembar und frei von Keimen ist. Aber man weiß ja nie, ob es auf anderen Welten Dinge gibt, die unsere Messgeräte nicht erfassen.«
Wir machten uns gleich an die Arbeit und dichteten die Stelle ab. Immer wieder huschten in respektvoller Entfernung ein paar Tiere vorbei. Ging man von den Stoffwechselprodukten aus, gab es zumindest in der näheren Umgebung keine anderen größeren Lebensformen.
Sabine kam aus der Fähre, um mich zu holen. »Es wird dunkel. Wir sollten …« Sie sah, wie ich den Sonnenuntergang genoss, und sie setzte sich auf einen kleinen Felsbrocken neben mir. Wir sprachen kein Wort. Sie schaute in den dunkler werdenden Himmel und schien nachdenklich. Als die Sonne am Horizont verschwand, suchten wir das Innere des Raumschiffes auf. Wir waren beide müde.
»Das Langstreckenfunkgerät ist kaputt. Wir werden keine Hilfe holen können. Leider kann ich nicht sagen, wo wir sind. Einige Bordinstrumente haben den Absturz nicht überlebt. Unsere Position lässt sich nicht ermitteln. Vorhin habe ich versucht bekannte Muster im Himmel zu erkennen.«
»Sternbilder?«
»Ja. Sie sind mir absolut fremd. Keine brauchbare Konstellation auszumachen. Wir mögen zwar nur einen knappen Tag unterwegs gewesen sein, aber …«
Ich legte meinen Zeigefinger auf ihre Lippen. Genug für heute. Sie schwieg und wir schauten uns nur an. Wir wussten, dass es entsetzlicher hätte kommen können. Wir hielten uns eine Weile in den Armen, machten es uns auf dem provisorisch hergerichteten Nachtquartier so bequem wie möglich und schliefen bald gemeinsam ein; das Alien und ich.
Morpheus hielt uns mindestens zehn Stunden in seinen Armen. Da wir die Backbordseite repariert hatten, drang kein störendes Licht von außen ein. Nur Sabines nächtliches Röcheln, das scheinbar dem irdischen Schnarchen entsprach, hatte mich einige Mal geweckt. Ich öffnete das Schott. Draußen schien die Sonne, und ein frischer Duft nach Nadelhölzern und Sträuchern vermischte sich mit der sterilen Luft im Fähreninneren.
Während wir das Frühstück einnahmen – eine Art hochkonzentrierter Müsliriegel und eine Tasse Energy-Tee – überlegten wir uns, wie wir unsere Situation in den Griff bekommen könnten. Die Reserven reichten problemlos für zwei bis drei Monate.
»Der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass so schnell keine Hilfe kommt. Wir müssen nach Wasser suchen und ein Quartier einrichten.«
»Drinnen oder draußen?«, fragte ich sie.
»Die ersten Tage in der Fähre. Sollten wir für sehr lange Zeit festsitzen, müssen wir den Planeten und seine Ressourcen erforschen. Heute werden wir die nähere Umgebung erkunden und nach Wasser suchen.«
»Wäre interessant zu wissen, wovon sich die einheimischen Tiere ernähren. Es scheinen Pflanzenfresser zu sein.«
»Zumindest haben die Wollmännchen einen schnellen Stoffwechsel. Mich beunruhigt, dass wir keine höhere Artenvielfalt antreffen. Der Planet macht einen paradiesischen Eindruck«, sinnierte sie.
»Ist dir aufgefallen, dass es nur dickblättrige Pflanzen und Nadelbäume gibt?«
»Kann mit dem Lichtspektrum der Sonne oder mit der Bodenbeschaffenheit zusammenhängen. Aber lass uns losziehen. Heute Abend wissen wir mehr.«
Wir stiegen auf einen nahe gelegenen Hügel, um von dort einen Überblick über das uns umgebende Terrain zu erhalten. Auf dem höchsten Punkt legten wir eine Pause ein. Sabine spähte durch einen Feldstecher, entdeckte aber nichts Aufregendes. Die Landschaft war angenehm hügelig, von grünen Tupfern und kleineren Wäldern durchsetzt. Es gab viele Höhlen, in denen offenbar die Fellwesen lebten. Sie machten sich zur Tageszeit auffällig rar. Insbesondere morgens und abends waren sie aktiv; wie wir später feststellten ebenso nachts. Natürliche Feinde schienen sie nicht zu haben, denn sie besaßen keine Scheu vor uns.
»Wir werden die Tiere eingehender beobachten. Irgendwo müssen Wasserstellen existieren. Da hinten gibt es eine Bergkette. Dort könnte es natürliche Quellen geben.«
Sie reichte mir den Feldstecher. Beim Absuchen der Landschaft fiel mir eine ungewöhnliche Felskonstellation auf. Diese war nur wenige Kilometer von uns entfernt. Ich wies Sabine darauf hin. Sie schaute durch das Fernglas und gab ein pfeifendes Geräusch von sich.
»Sieht so aus, als würde ein länglicher Fels waagrecht aus dem Berg schauen. Irgendwie unnatürlich.«
»Sollen wir in diese Richtung gehen?«
»Nein, heute nicht. Dazu ist es zu spät. Ich schlage vor, dass wir zurückgehen und uns morgen früh auf den Weg machen. Eventuell müssen wir für unterwegs ein Lager einplanen.«
Am Abend errichteten wir ein kleines Lagerfeuer unweit des Jumpers und genossen die Ruhe. Wir hörten zwar Geräusche um uns, es waren aber nur unsere tierischen Freunde, die sich respektvoll vom Feuer fernhielten. Sabine starrte in den Himmel und versuchte wieder vergeblich, bekannte Konstellationen zu entdecken.
»Man wird mich bald zu Hause vermissen. Meine Freunde werden sich unter Umständen an eure Organisation wenden, falls ich länger fern bleibe.« Zwar hatte ich Urlaub eingereicht, sodass ich am Arbeitsplatz nicht fehlte, aber was geschah, wenn wir Monate, gar Jahre auf diesem Planeten festsaßen? Konnte es mir dann nicht egal sein? Vor Kurzem war ich gelangweilt an meinem Schreibtisch gesessen und hatte ein stressfreies Leben genossen. Manchmal war es zu langweilig, sodass mir Sabines Organisation als eine willkommene Abwechslung erschien. Dass ich aber nur Wochen später einen Rundflug zur Sonne durchführte, oder gar eine Robinsonade auf einem fremden Planeten erlebte, wäre mir im Traum nicht eingefallen. Stattdessen staunte ich über mich selbst: Müsste ich nicht in Panik ausbrechen und die Nerven verlieren? Würde ein normaler Mensch nicht ausrasten und hoffen, dass das alles nur Fantasie war? Oder hatte ich den Ernst der Lage nicht verinnerlicht und stand unter Schock? Dies schien mir am plausibelsten.
»Sorge dich nicht. Wir haben den Absturz heil überstanden. Notfalls würde es hier für ein einfaches Leben ausreichen«, versuchte sie mich zu beruhigen. Sie hatte sich längst mit dem Thema beschäftigt und hegte ebenfalls Zweifel. Der Gedanke, mit ihr einige Wochen auf diesem Planeten zu verbringen, war für mich durchaus vorstellbar und angenehm. Aber auf einem fremden Planeten neu anzufangen und zu überleben war eine andere Geschichte.
»Was wohl mit dem Mutterschiff passiert ist?«, hakte ich nach.
»Zum Zeitpunkt der Katastrophe war es höchstwahrscheinlich auf der gegenüberliegenden Seite der Sonne. Daher bekam ich keinen Funkkontakt. Dem Schiff dürfte es gut gehen. Dort wird man die richtigen Schlüsse ziehen und entsprechend auf unser Verschwinden reagieren.« Das klang mir etwas zu einstudiert. Glaubte sie selbst daran? Aber ich nahm ihr nicht die Hoffnung, denn es war auch meine.
Am nächsten Morgen brachen wir früh auf. Wir waren für eine mehrtägige Expedition gerüstet und schlugen die Richtung ein, die wir tags zuvor vereinbart hatten. Vom Hügel aus hatte alles recht flach gewirkt. Es gab Probleme, die Distanzen präzise einzuschätzen, was vermutlich daran lag, dass dieser Planet größer als die Erde war und gleichzeitig eine geringere Masse besaß. Wir kletterten über Felsen und Geröll. Unterwegs beobachteten wir einige Insekten: stattliche Käfer und anderes Krabbelzeugs. Als wir auf eine Anhöhe kamen, bot sich uns ein ungewöhnlicher Ausblick. Wir entdeckten unser Ziel, welches wir morgen erreichten. Ich traute meinen Augen nicht. Sabine nahm den Feldstecher. Was wir für eine skurrile Felsformation hielten – ein waagrecht liegender Fels, der aus einem Berg ragte – war artifizieller Natur.
»Das muss eine Art Röhre sein, eine Behausung oder die Überreste irgendeiner Kultur. Ich kann es von hier aus schlecht beurteilen. Das werden wir uns morgen genauer anschauen.«
Wir wanderten zwei weitere Kilometer, bis wir einen geeigneten Lagerplatz auf einer Lichtung fanden. Während meiner Jugendzeit las ich viele Bücher zum Thema Survival in der Wildnis. Wenn man selbst in die Lage kam, das Gelesene in die Praxis umzusetzen, staunte man, welche Überlebenstipps sich als nützlich erwiesen oder nicht. Jede Situation erforderte eine andere Strategie. Eine selbst gebaute Hängematte ließ sich nicht aufhängen, da die Bäume zu kurz und biegsam waren oder zu weit auseinander standen. Um Feuer zu entfachen, benötigten wir keine Stöckchen, die wir aneinander rieben – für diesen Zweck verfügten wir über elektronische Feuerzeuge. Keine wilden Tiere oder Monster holten uns in der Nacht, um ihre Speisekarte zu erweitern. Eine Waffe war ohnehin nutzlos, da es an gefährlichen Angreifern mangelte. Für die Jagd gäbe es Lösungen wie Pfeil und Bogen oder gewöhnliche Fallen. Doch war ich mir nicht sicher, ob ich dazu in der Lage wäre, den Tieren das Fell über die Ohren zu ziehen. War diese Welt für echtes Survival zu harmlos?
Stattdessen fehlten uns warme Kleidung und Schlafsäcke, denn nach Sonnenuntergang wurde es empfindlich kalt. Nur eine dünne, aber stabile Aludecke diente als Schutz vor den rasch sinkenden Temperaturen. Zwar kamen Sabine und ich uns dabei näher, genießen konnten wir es nicht. Etliche Krabbeltiere suchten ihren Platz unter der Decke und sorgten für wenig Ruhe. Das Insektenspray aus dem Notfallset wirkte nicht; zumindest nicht bei den Riesenkäfern.
Ein wiederkehrendes leises Knacken weckte mich aus meinem leichten Schlaf. Diesmal war es nicht Sabines nächtliches Röcheln. Ich schlich in die Richtung, in der ich das Geräusch vermutete. Dabei entdeckte ich zwei Fellknäuel in den Bäumen. Sie aßen, nein, sie lutschten an den Nadeln! Mir fiel auf, dass diese dick angeschwollen waren. Ich zerquetschte eine zwischen meinen Fingern und eine durchsichtige Flüssigkeit quoll hervor. Die Wollmännchen entdeckten mich und verschwanden. Ob das Wasser genießbar war, würde ich mit Sabine abklären. Als ich mich umdrehte, um das Lager aufzusuchen, rannte ich ihr direkt in die Arme. Ihr Kommen hatte ich nicht bemerkt.
»Das Krabbelzeug macht einen wahnsinnig. Von wegen giftige Viecher und Raubtiere. Nach unserer Rettung werde ich dafür sorgen, dass man die Notfallsets aller Raumfahrzeuge modifiziert.«
Ich berichtete ihr von meiner Entdeckung. Sie bestrich den Nadelbaum mit ihrer Taschenlampe. Von der Spitze bis zum untersten Zweig gab es nur bis zum Bersten gefüllte Blätter.
»Mit etwas Glück haben wir das Wasserproblem gelöst. Wir werden das morgen früh untersuchen. Komm, lass uns wieder zu unseren Käfern gehen.«
Als wir zurückkehrten, fanden wir das Nachtlager und das Gepäck komplett durchwühlt vor. Jemand hatte in der kurzen Zeit die Taschen ausgeleert und darin herum gestöbert. Sabine zeigte auf einige Exkremente im Schlafgemach. »Diese Mistviecher! Fehlt irgendetwas?« Womöglich wäre ich doch nicht abgeneigt, den Viechern den Hals umzudrehen und damit Abwechslung in den Speiseplan zu bringen.
Ich bemerkte ein Geräusch und ein Blinken in zehn, zwanzig Meter Entfernung. »Da hast du deine Antwort.« Zwei der stoffwechselfreudigen Tiere zankten sich um unsere Ersatztaschenlampe. Sofort rannte ich in die Richtung, in der ich sie vermutete. Dabei fiel ich nach wenigen Schritten hin und landete mit dem Gesicht auf einer Art Wollgras. Die Pelzwesen ließen vor Schreck die Taschenlampe fallen und flüchteten. Ich stand auf, holte mir die Lampe und schwankte benommen zum Lager zurück.
»Wie siehst denn du aus?« Zum Glück war ich weich gelandet. In meinem Gesicht juckte es wie wild. Mir wurde schwummerig und ich sah in der Dunkelheit Farben, von deren Existenz ich bisher nichts ahnte. Brach der Tag schon an? Es folgte ein gewaltiger Hitzeschub mit Schweißausbrüchen. Instinktiv entkleidete ich mich.
»Leg dich hier hin, schnell.« Ich sah farbige Schemen vor mir. Das war Sabine. Sie griff nach dem Medpack – vermutete ich zumindest. Ihre Worte waren klar vernehmbar, aber ich fing damit nichts an. Was meinte sie mit: knallrotes Gesicht, psychotrope Pflanzen, Fieber? Sie legte meine Hände in die ihre und … ich sah wieder ihr wahres Aliengesicht und es erregte mich tierisch.
