WELTENSPRINTER - Pete Farn - E-Book

WELTENSPRINTER E-Book

Pete Farn

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Beschreibung

Eine neuartige Lebensform, Yoong, poltert ungefragt in Sabines und Eds Leben und sorgt für Aufregung, nicht nur bei den nyitischen Wissenschaftlern. Bisher unbekannte Mächte mischen das ohnehin chaotisch gewordene Familienleben auf und zwingen sie zur Flucht. Was hat es mit den Fremden und deren Interesse an Yoong auf sich? Es beginnt ein abenteuerlicher Trip zu exotischen Welten; zu Welten, die es nicht geben dürfte, und zu Welten, die nicht mehr existieren. Alte Rätsel werden gelöst und wir erfahren, weshalb man keine Raumschiffe im Großraum Stuttgart parken sollte. Dies ist der abschließende Roman der Navigatoren-Trilogie. Siehe hierzu auch »Planet der Navigatoren« (AndroSF 179) und »Artefaktenjagd« (AndroSF 212).

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Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Pete Farn

Weltensprinter

Navigatoren 3

AndroSF 233

Pete Farn

WELTENSPRINTER

Navigatoren 3

AndroSF 233

Weitere Geschichten aus dem Navigatoren-Universum:

Pete Farn, PLANET DER NAVIGATOREN, AndroSF 179

Pete Farn, ARTEFAKTENJAGD, AndroSF 212

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Januar 2026

p.machinery Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild: Pete Farn

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 499 1

ISBN dieses E-Books: 978 39 5765 663 6

Prolog

Vor langer Zeit gründeten die Nyiten eine aus zwölf raumfahrenden Völkern bestehende Gemeinschaft, die VöGe. Ziel war die Friedenssicherung und die Zusammenarbeit auf technologischen Gebieten. Die bisher vor sich hindümpelnde interstellare Raumfahrt erlebte einen Aufschwung, und es wurden Waffen zur Abschreckung entwickelt, die nur äußerst selten zum Einsatz kamen.

Dennoch vermied die Gemeinschaft eine all zu massive Expansion. Man war sich der Risiken bewusst, die dies mit sich bringen würde. Unter allen Umständen galt es, die Grenzen anderer Völker oder Gemeinschaften zu respektieren und keine wie immer gearteten Aliens auf den Plan zu rufen.

Man beschränkte sich daher auf ein lächerlich kleines Gebiet mit einem Durchmesser von fünftausend Lichtjahren.

Dieses Reich des Friedens besaß die Form einer gedachten platt gedrückten Kugel, in deren Mitte sich der Regierungssitz der VöGe und der Hauptplanet der Nyiten befanden: Nyit Eins.

Obwohl die Antriebe für die interstellare Raumfahrt eine hohe Entwicklungsstufe erreicht hatten, gab es ein Problem: Wenige Navigatoren waren in der Lage diese Schiffe sicher zu steuern. Es existierte nur eine bescheidene Anzahl an Lebewesen in der Milchstraße, deren Gehirn eine Kompatibilität mit der Steuerung der Raumschiffe aufwies.

Vor sechzig Jahren entdeckte man am Rand des Gebietes der VöGe einen Planeten, dessen Bewohner erst am Anfang der Raumfahrt standen: die Erde. Interessanterweise fand man ausgerechnet hier eine hohe Anzahl an Menschen, die über eine Art brachliegendes Navigatoren-Gen verfügten, ohne es zu wissen.

Mit Fingerspitzengefühl versuchten die Nyiten an diese potenziellen Navigatoren heranzukommen, denn ein offizieller Kontakt mit der Erde, geschweige denn eine Eingliederung in die VöGe, war aufgrund des dürftigen Entwicklungsstands derzeit nicht erwünscht. Es wurden heimlich unterirdische Stützpunkte und Ausbildungszentren auf der Erde errichtet, mit dem Ziel das passende Personal zu rekrutieren. Es dauerte nicht lange, bis sich die Neuigkeit bei anderen außerirdischen Völkern herumgesprochen hatte. Somit erhielt die Erdbevölkerung den Sonderstatus schützenswert, um sich die potenziellen Navigatoren zu sichern. Die Schutzzone wurde von eindrucksvollen Kampfschiffen bewacht, die am Rande des Sonnensystems stationiert waren. Von dem ahnten die Menschen auf dem Blauen Planeten nichts. Dank dieser neuen Fachkräftequelle wurde die interstellare Raumfahrt immer erfolgreicher und der Handel innerhalb der VöGe blühte auf.

Navigatoren waren hoch angesehen, und überraschend viele Erdenbewohner heuerten heimlich an. Nach erfolgreicher Ausbildung verschwanden sie freiwillig von der Erde, um in ihrer neuen Aufgabe Erfüllung zu finden. Wer eine Rückkehr wünschte oder die Ausbildung abbrach, erfuhr eine vorher vertraglich vereinbarte harmlose und selektive Löschung des Gedächtnisses. Die meisten blieben.

1.

Kindheitserinnerungen … Während der Schulferien besuchten meine Eltern und ich oft die Verwandtschaft im hohen Norden. Stundenlang saßen wir im Auto, um die Strecke von Stuttgart nach Hamburg hinter uns zu bringen. Die Fahrt schien nicht zu enden, und die Erwachsenen versuchten, mich zu beschäftigen. Smartphone, Hörbücher, DVD-Player oder Computerspiele gab es damals nicht. Stattdessen hielten Comics oder Mensch-ärgere-dich-nicht her, sofern die Figuren auf dem Spielbrett nicht erschütterungsbedingt umfielen und in den unergründlichen Tiefen des PKWs verschwanden.

Vermutlich gehörte ich ebenfalls zu den nörgelnden Kindern, die irgendwann kein Bock mehr hatten, brav auf der Rückbank zu verweilen. So lernte ich mehr oder weniger unfreiwillig und genervt das Zusammenspiel von Entfernung und zeitlicher Ausdehnung kennen.

Wenige Jahre später legten wir dieselbe Strecke einmal per Flugzeug zurück: mein erster Flug! Statt den ganzen Tag auf der Autobahn zu verbringen, waren wir mit dem Flieger nur eine satte Stunde später am Ziel. Mein Erfahrungs- und Zeitgefüge geriet durcheinander: Das passte mit dem bisher Erlebten nicht zusammen, die Anreise hätte länger dauern müssen. Die Welt war offensichtlich geschrumpft.

Vor Kurzem … der Flug mit Sabines Fähre zum Mond und darüber hinaus bis zur Sonne – in nur wenigen Minuten! Später ein ungeplanter Sprung über viele Lichtjahre in ein anderes Sonnensystem. Wieder ein Abgleich von Erfahrung, erlebter Zeit und überwundene Entfernungen. Erfuhr ich mit der Überwindung der interstellaren Leere, mit dem Zurücklegen Tausender Lichtjahre den nächsten Evolutionslevel? Gab es kein absehbares Ende von schneller, höher, weiter oder gewöhnten wir uns an alles, weil das Teil der großen Aufgabe war?

Etwas in mir weigerte sich, das Erlebte zu akzeptieren. Andererseits glaubte ich, den Hauch eines gewissen Gewöhnungseffektes in mir zu verspüren. Ich hatte Entfernungen zurückgelegt, die bisher außerhalb meiner Vorstellungskraft lagen. Es wäre ein Leichtes zu behaupten, dass Letztere bei mir nicht sonderlich ausgeprägt war. Aber einen Mangel an Fantasie sagte man mir nicht nach.

Was waren ein paar Kilometer gelaufener Wegstrecke ins Büro im Vergleich zu den Distanzen, die mein neuer Job mit sich brachte? Statt Kilometer legte ich Lichtjahre zurück; und davon nicht zu wenig.

Tausende zurückgelegter Lichtjahre waren nicht das einzige, womit ich klarzukommen versuchte. Die erlebten Abenteuer der letzten Wochen hatten mein bisheriges Weltbild auf den Kopf gestellt. In kurzer Zeit wurde aus mir – einem durchschnittlichen Angestellten – ein Erfolg versprechender Navigator im Dienst der Nyiten. Das alles nur wegen eines Gendefektes, der bei mir vorlag; wobei mir der Begriff defekt deplatziert erschien. Ich zog es vor, dies eine brachliegende Fähigkeit zu nennen, die erweckt werden wollte.

Es gab aber eine weitere Sache, die ich zu verarbeiten hatte: Sabines Umstand.

2.

»Schwanger? Wie das denn? Wer ist der Vater? Und was meinst du mit herzlichen Glückwunsch, künftiger Papa?« Wir standen in der Zentrale der Cheddar, Doktor Camberts Weltraumjacht, mit der wir soeben meine erste Mission abgeschlossen hatten. Wie es aussah, endete sie anders als geplant.

»Mit deiner vierten Frage hast du die dritte beantwortet … Papa. Zu Nummer eins: Nicht auszuschließen! Und was die Zweite betrifft, nun …«, grinste mich Sabine an.

»Wäre es nicht besser, dies in Ihrem Quartier weiter zu besprechen?«, bemerkte Kapitän Morano und schaute wie beiläufig zu seinen Mitarbeitern, die die Unterhaltung höchst interessiert mit verfolgten. »Oder vereinbaren Sie einen Termin mit unserem Bordarzt, Doktor Morgo.«

Als ich ungewollt einen schnaubenden Kehlkopflaut erzeugte, erntete ich mahnende Blicke. Der Doktor war mit Sicherheit die kompetenteste Person auf seinem Gebiet im Umkreis von mehreren Lichtjahren. Bis heute weiß ich nicht, ob er mich bei einem meiner letzten Besuche zu sezieren beabsichtigte oder ob er nur seinen nyitischen Humor anzubringen versuchte.

Die Nyiten waren schon rein optisch ein faszinierendes Volk: humanoid, überwiegend groß und grazil, aber nicht schwächlich. Ihre Haut war irisierend und ich gaffte immer wieder, wenn sie sich bewegten und ich – je nach Lichteinfall – das dezente farbige Lichterspiel erlebte.

Ihre Körpertemperatur lag drei bis vier Grad unterhalb der eines Menschen. Dies hatte mich anfangs, als ich Sabine – damals in menschlicher Gestalt – kennenlernte, verwirrt. Ihre sich extrem samtig anfühlende Haut ließ mich dies rasch vergessen.

Bisher hatte ich die Nyiten weitestgehend als ein äußerst friedliches und nach ethischen Prinzipien lebendes Volk kennengelernt. Das war nicht immer so, und es gab einige Schatten in deren Vergangenheit. Man war geneigt, ihnen menschliche Eigenschaften und Schwächen zuzugestehen, gar anzudichten. Dennoch waren es Aliens.

Die beste Art und Weise ihr Wesen zu verstehen, ist die Verbindung. Viele Nyiten besaßen nicht nur empathische Fähigkeiten, sie vermochten per Handverbindung Einblicke in ihr Innerstes zu gewähren sowie ihr Gegenüber auszulesen. Sabine und ich lasen uns oft gegenseitig aus, was in unserem Fall zu einer speziesübergreifenden intensiven Beziehung führte. Geplant und erwünscht war das nicht, außer von Sabine und mir. Wie reagierten die Erdregierungen, wenn sie erfuhren, dass sich Außerirdische auf unserem Planeten aufhielten und sich deren Gene höchstwahrscheinlich längst bei uns verbreiteten? Politische Verstrickungen vermieden die Nyiten bisher glücklicherweise; leider nur durch Geheimhaltung.

Sabines Job wäre mit meiner erfolgreichen Rekrutierung zum Navigatorenanwärter zu Ende gewesen. Liebe und Hormonhaushalte waren manchmal eben stärker als das Protokoll.

Wir folgten Camberts erstem Rat, uns in unsere Kabine zurückzuziehen. Für einen Abstecher zu Doktor Morgo wäre später ausreichend Zeit. Zuerst galt es, mein Defizit an Informationen auszugleichen. Nur Sabine war in der Lage mir ein klärendes Update zu verpassen.

Auf dem Weg ins Quartier war Funkstille zwischen Sabine und mir. In meinem Kopf herrschte ein wirres Durcheinander und ich nahm die Umgebung kaum wahr. Sie unterbrach mich nur einmal, als ich die falsche Abzweigung nahm und fast in einem der Außenkorridore mit verringerter Schwerkraft gelandet wäre. Es waren Wartungsgänge, die um das ganze Schiff führten. Sie wurden von der Besatzung gerne zum Joggen zweckentfremdet.

Die Cheddar war zwar nur eine mittelgroße Weltraumjacht mit dreihundert mal hundertfünfzig mal hundertfünfzig Metern, aber der Anblick war überwältigend, sofern man Gelegenheit hatte, sich dem Schiff langsam mit einer Raumfähre zu nähern.

Die Nyiten verwendeten für den Bau größerer Raumschiffe ausgehöhlte Asteroiden. Dies war kostengünstiger und ökologischer als der traditionelle Werftbau. Dreiviertel der Raumflotte bestand aus solchen nutzbar gemachten Felsen. Selbst das Verfahren, das Gestein zu konservieren, um ihm Stabilität und Strukturstärke zu verleihen, war dank der VöGe-Technologie extrem verbessert worden.

Die Cheddar war Camberts Privatjacht. Zu Beginn der Mission stand kein anderes Raumschiff zur Verfügung. Da Zeit knapp war und es weit und breit keinen nyitischen Kreuzer gab, stellte Cambert sein Eigentum zur Verfügung. Für eine Rettungsmission hatte man eiligst eine bunte Crew zusammengewürfelt. Cambert war der Leiter des Rekrutierungszentrums auf der Erde. Er genoss es, ab und zu aus dem Alltag auszubrechen und Expeditionen durchzuführen, wenn sich Gelegenheiten dazu anboten.

»Wir sind da«, sagte sie. Wir standen schon im Quartier und Sabine schaute mich an.

»Bist du … ich meine, warum erinnere ich mich nicht? Was ist mit mir … mit uns geschehen?«

Sabine nickte nur und wählte den direktesten Weg, um Licht in die Angelegenheit zu bringen. Sie deutete auf meine Hand und sah mich fragend an. Ich war einverstanden und nahm ihr kaltes Händchen.

Wie immer setzte mit der Verbindung ein leichtes Kribbeln ein, welches sich von der Hand bis unmittelbar unter die Schädeldecke ausbreitete. Schon bald tauchten Bilder auf.

Unser Abenteuer auf dem Wollmännchenplanet: Ich war in eine psychoaktive Pflanze gefallen, was in einem wilden Rausch endete. Diesmal erlebte ich die Situation aus Sabines Perspektive. Ich schaute in mein eigenes lüsternes irres Gesicht und erlebte meinen oder ihren Höhepunkt ein zweites Mal!

Sabine in der Dusche: Sie hatte ihre menschliche Gestalt abgelegt und vor mir stand eine waschechte Nyitin. Ich sah mich selbst in die Duschkabine starren, beobachtete, wie das Wasser an der irisierenden Haut abperlte. Wir duschten gemeinsam. Mein … Eds Gesichtsausdruck veränderte sich. Er geriet in Ekstase und sie paarten sich. Einmal, zweimal.

Nur langsam hörte das Pulsieren in der Unterleibsgegend auf und die Verbindung löste sich sanft aber deutlich.

»Die Frage, werder Vater ist, wäre damit geklärt. Weshalb du aber bei der Paarung das Bewusstsein verlierst, ist mir schleierhaft. In der Dusche war definitiv kein Wollgras die Ursache.«

»Wird mir das jedes Mal passieren, wenn wir Sex miteinander haben? Ist doch doof, wenn ich nichts mitkriege und du mir hinterher erzählst, wie es war; obwohl, diese Verbindung eben war wie echt.«

»Sie war echt – in gewisser Weise. Theoretisch könntest du den Akt hinterher immer wieder bei mir abrufen und diesen mit nahezu gleicher Intensität durchleben. Bei dir wirkt diese Methode ungewöhnlich heftig. In mir wurde eine Feedbackschleife erzeugt, sodass ich ebenfalls …« Sabine hielt inne.

»Cool. Das hat was! Statt sich jedes Mal abzumühen und Akrobatik zu betreiben, kommen wir gleich zur Sache. Das spart Zeit. Bliebe der ganze Rest an Fragen, die sich bei mir mittlerweile auftun«, erwähnte ich nicht ohne Ironie.

»Doktor Morgo?«, schlug Sabine vor und schaute mir dabei ungeniert in den Schritt »vorher wäre eine Dusche und Klamottenwechsel angebracht.«

3.

Anders als auf der Erde, erhielten wir sofort einen Termin beim Doktor. Nur wenig später schlugen wir bei ihm auf und warteten auf eine nyitisch-menschliche Schwangerschaftsberatung. Zuvor absolvierten wir ein paar harmlose Tests und er zapfte bei uns beiden Blut ab.

»Die Werte sind bei Ihnen alle im grünen Bereich. Theoretisch steht einer Schwangerschaft nichts im Weg.«

»Theoretisch?«

»Wie Sie beide wissen, gibt es keinerlei Präzedenzfälle für eine erfolgreiche Schwangerschaft bei der Paarung von Menschen und Nyiten. Um ehrlich zu sein, hielten wir das bisher für unmöglich, da beide Völker unterschiedlich ticken, um es in Ihrer Sprache auszudrücken«, dabei schaute er mich abschätzend an. Warum hatte ich jedes Mal das Gefühl, dass er nicht nur an meinen Blutwerten interessiert war? »Es wäre sinnvoll, bei Ihnen einige zusätzliche Tests durchzuführen, Ed, da …«, er bemerkte meinen missbilligenden Gesichtsausdruck. »Ein andermal. Wohlbemerkt, Sie sind nicht das erste speziesübergreifende Paar, das sich gefunden hat. Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass die DNA inkompatibel ist und somit keine erfolgreiche Zeugung stattfinden kann. Wenn man so will eine natürliche und sichere Verhütungsmethode.« Morgo lachte über seinen eigenen Witz. »Aufgrund mangelnder Erfahrungen und im Interesse der Wissenschaft, würde ich Ihnen raten, das Kind auszutragen. Sie wären das erste Paar, welches in der Lage war, die DNA-Hürde zu knacken! Es ist Ihre Entscheidung.«

Darüber hatten Sabine und ich gar nicht gesprochen. Eigener Nachwuchs war nie ein Thema für mich. Es entsprach nicht meinem Lebenskonzept. Es gab nicht nur den einen Weg.

Die Situation war jetzt eine andere und eine Neuevaluierung angebracht. Letztendlich lief es darauf hinaus, dass Sabine das letzte Wort hatte: Es war ihr Körper. Andererseits reichte ich mit dieser Einstellung meine Verantwortung an sie weiter. Knifflig.

Der erste Bewohner des Sonnensystems zu sein, der Nachwuchs mit einem Alien gezeugt hatte, wäre reizvoll. Würde man Straßen oder Universitäten nach mir benennen?

»Sie wissen, dass der Flottenverband sich aufgelöst hat und wir Kurs auf die Erde genommen haben. Für die fünftausendfünfhundert Lichtjahre dürften wir mindestens zwei Wochen benötigen. Kapitän Morano befragte mich nach meiner Einschätzung, ob es dabei bleibt oder ob es sinnvoll wäre, den Kurs zu ändern und Nyit Eins direkt anzufliegen. Diese Entscheidung erfolgte spätestens in einer Woche. Aus meiner Sicht sehe ich derzeit keinen Grund für eine Kursänderung. Bitte kommen Sie in zwei Tagen noch mal für eine Nachuntersuchung vorbei.«

4.

Die Nachuntersuchung verlief unspektakulär. Morgo war die überraschend schnelle Zellteilung beim Embryo aufgefallen, was bei der Konstellation Nyit-Mensch durchaus im Rahmen des Möglichen war. Der Doktor erwähnte, dass die gängigen knapp zehn Monate einer nyitischen Schwangerschaft unterschritten werden könnten, was mit dem irdischen Erbgutanteil zu erklären wäre. Sabine und mir wurde allmählich die Tragweite dessen bewusst, was wir ausgelöst hatten und was in ihrem Körper vorging.

Der Kapitän hatte mich aufgrund der Situation von meinem Navigatorenposten beurlaubt. Dennoch bot ich ihm an, eine der freien Navigatorenliegen als Stand-by-Nav zu besetzen, was für ihn in Ordnung war. In Wahrheit fühlte ich mich in Sabines Umgebung unwohl. Sie nahm wiederholt aggressive Züge an, was laut Morgo normal für werdende nyitische Mütter war. Da mein Bedarf an Kratzspuren und Schelte gedeckt war, zog ich es vor, mich in der Zentrale aufzuhalten und mehr oder weniger aktiv beim Rückflug vom Astorring zur Erde dabei zu sein. Dort hatten wir in letzter Sekunde das Iterationsproblem der Artefakte gelöst. Dabei stellten wir fest, dass die röhrenförmigen Gebilde in Wirklichkeit künstliche Intelligenzen oder sogar echte Lebensformen waren. Die Milchstraße hielt offensichtlich viele Überraschungen für uns bereit.

Ich war erst seit wenigen Wochen im Dienst der Nyiten tätig, fühlte mich aber pudelwohl, wenn ich eine der Forschungssonden oder gar die Cheddar für eine kurze Zeit navigierte.

Nach Dienstende kehrte ich nicht direkt in unser Quartier zurück, sondern versuchte, in der Infokammer weitere Informationen zum Thema Schwangerschaft zu finden. Die Nyiten hatten nicht nur Daten zum Ablauf nyitischer Schwangerschaften erfasst, sondern Vergleiche mit dem irdischen Reproduktionsgeschehen angestellt. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass uns all das nicht weiterhalf.

Als ich unser Quartier betrat, kam mir ein Bordmechaniker entgegen. Er wich meinem Blick aus und verdrückte sich rasch. Sabine freute sich, als sie mich sah, drehte sich aber sofort um und eilte auf die Toilette. Ein paar schreckliche Geräusche später – darunter zersplitterndes Glas – tauchte sie auf und lief an mir vorbei, hielt an, drehte sich um und umarmte mich.

5.

»Das gefällt mir gar nicht.« Der Doktor hatte uns sofort zu sich in die Bordklinik gerufen, als ihm Sabines neuste Untersuchungsergebnisse vorlagen. Sein Kommentar war selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich unverblümt. Hatte er vergessen, dass ihm eine Schwangere gegenüberstand, die ohnehin schon durch den Wind war?

»Die Zellteilung im Embryo hat sich exponentiell beschleunigt.«

»Ist das bei Zellteilungen nicht ohnehin der Fall?«, versuchte ich meine rudimentären Biologie-Kenntnisse unterzubringen. Morgo sah kurz auf. »Was wir hier erleben, überschreitet deutlich die Norm; egal, ob für nyitische oder irdische Verhältnisse.« Sabine blieb still. Starrer Blick. Bildete ich mir das ein oder irisierte ihre Haut weniger als sonst?

»Handelt es sich dabei um eine Art Synergieeffekt zwischen Nyiten und Menschen? Manchmal ist das Ganze eben doch mehr als die Summe seiner Teile«, bemühte ich ein Zitat.

»In gewisser Weise ist das Ergebnis einer Schwangerschaft immer eine Synergie. Aber ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, Ed.« Morgo klang besorgt. Eine Eigenschaft, die ich ihm bisher nicht zutraute. »Wüsste ich es nicht besser, würde ich die Entwicklung mit Krebs im Anfangsstadium vergleichen. Was aber nicht der Fall ist«, fügte er schnell hinzu. »Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was mir lieber wäre: Auf Nyit könnten wir fast alle Krebsarten heilen. Aber eine Mischlingsschwangerschaft, die es gar nicht geben dürfte und für die es keinerlei Erfahrungswerte gibt … das ist Neuland.«

»Na, das hört sich doch alles gar nicht so übel an!«, platzte es aus Sabine wie aus einem dampfenden Kessel heraus, und sie vollzog mir gegenüber eine heimliche Geste, deren Einordnung mir nicht gelang. Wir kannten uns schon einige Monate, aber ich war schwerlich auf dem Weg all die Feinheiten der Kommunikation dieser Aliens kennenzulernen. Selbst die Lingulab Hypnoseschulungen, die ich mir auf der Cheddar reingezogen hatte, umfassten nicht alle Aspekte dieses Volkes.

Mir klappte die Kinnlade herunter. Morgo zuckte die Achseln (ein menschliches Achselzucken?) und ignorierte die werdende Mutter. »Ich werde Cambert und Kapitän Morano empfehlen, Kurs auf Nyit Eins zu nehmen. Dort sind wir eher für Unvorhergesehenes vorbereitet.« Er sah in mein verdattertes Gesicht. »Sorgen Sie sich nicht. Wir schaffen das.« Ich liebte diesen Satz, der in mir genau das auslöste: Sorgen.

»Im Ernst, Ed, Sabine: Ihr beiden habt nichts falsch gemacht. Die Affinität zwischen Erdenbewohner und Nyiten ist, aus welchen Gründen auch immer, groß. Intime Begegnungen unserer Rassen waren nur eine Frage der Zeit. Es gab ja Verbindungen, die aber keine Schwangerschaften zur Folge hatten. Wir werden herausfinden, was bei euch anders gelaufen ist.«

Bevor wir uns verabschiedeten, befestigte Morgo ein kleines silbernes Pad auf Sabines Haut. »Das sendet Ihre Vitaldaten an meine Praxis; zur Sicherheit.«

Als wir auf den Gängen der Cheddar in Richtung Quartier liefen, erteilte mir Sabine ein paar heftige Klapse auf den Hintern. »Tag der Infantilität, was? Ich weiß nicht, wie du so gelassen … oje.« Als ich in ihre Augen schaute, ahnte ich, was passieren würde, wenn wir unsere Kabine erreichten. Sabine war ein Energiebündel, trotz allem; oder deswegen? Egal. Morgen früh würde ich erfahren, wie es war.

6.

Die Nacht war kurz für mich, was nicht nur am gruseligen Geräusch lag, das Nyiten bisweilen während der Schlafenszeit erzeugten. Was ich anfangs für das nyitische Äquivalent zum Schnarchen hielt, war angeblich eine Art natürlicher Reinigungsprozess der Atemwege, die in den nächtlichen Ruhephasen stattfand. Ein wundersames Volk!

Wie Morgo Sabines Vitaldaten der letzten Stunden interpretieren würde? Meine Erinnerungen waren wie erwartet lückenhaft. Dafür erinnerte ich mich an einige Träume. Diese handelten vor allem von unserer letzten Mission. Irgendwann wäre Zeit, das Geschehene aufzuarbeiten. Zumindest mein Unterbewusstsein räumte gerne auf.

Da Sabine schlief, ließ ich mir den Statusreport unseres Fluges anzeigen. Die Kursänderung nach Nyit hatte stattgefunden. Sie würde uns mindestens eine weitere Woche Flugzeit kosten. Überraschenderweise betrübte mich diese Aussicht nicht. Ich würde eine neue Welt kennenlernen, Sabines Heimat. Die Erde war in jeder Hinsicht weit weg von mir. Ich vermisste meine Freunde. Für sie war ich offiziell auf der anderen Seite der Erdkugel und genoss einen ausgedehnten Urlaub. Dass mein gebeutelter Arbeitgeber Kurzarbeit für sein Unternehmen beantragt hatte, machte es leichter und glaubwürdiger. Dennoch würde man irgendwann nach mir suchen, wenn Monate vergingen. Alternativ gäbe es die Möglichkeit, die letzten Wochen aus meinem Gedächtnis zu löschen und mich daheim abzusetzen. Ich zweifelte daran, dass ich nach dem bisher Erlebten, in das alte irdische Dasein zurückwollte. Seit Sabine in mein Leben hereingeplatzt war, gab es nur die Flucht nach vorne. Bisher war diese ungewöhnlich und aufregend verlaufen. Meine Navigatorenausbildung würde ich genauso gut auf Nyit Eins anstatt im geheimen Stuttgarter Ausbildungszentrum beenden. Momentan hatte Sabines Gesundheit Priorität.

Ich zog mich an und holte mir einen Kaffee in der luxuriös eingerichteten Kantine, die eher einem Edel-Restaurant glich. Vom nyitischen Copa sah ich vorsichtshalber ab. Mit diesem Getränk hatte ich unerfreuliche Erfahrungen heraufbeschworen. Es wirkte wie ein Koffeinkonzentrat, das man nur langsam, auf den Tag verteilt, schlürfte.

Sabine ließ ich weiterschlafen. Das war besser für die Einrichtung.

7.

Statt zum Quartier zurückzugehen, entschloss ich mich, die Zentrale aufzusuchen und dort meine bescheidenen Dienste anzubieten. Der Kapitän schien über mein Engagement erfreut, und ich nahm die freie Navigatorenliege ein. Die beiden anderen Plätze waren von meinen neuen Kollegen Atisi Naurang und Kulu Amari belegt, die mich bei den ersten Flugstunden unterstützten. Man hatte sie ebenfalls auf der Erde rekrutiert. Normalerweise war Karp vom Planeten Indragg als dritter Navigator vorgesehen. Er hatte derzeit dienstfrei. Mein Glück. Ich setzte die Navhaube auf und klinkte mich in das System ein. Diesmal wurde ich nur als Beobachter und nicht als aktiver Nav angenommen. Offenbar schonte man mich wegen Sabine. Trotz der Haube bekam ich mit, was auf der Brücke geschah. So bemerkte ich ihr Eintreffen. Sie trug eine Art Uniform. Bei den Nyiten fehlte mir der Überblick, was den Kleidungskodex betraf. Was wie Freizeitkleidung aussah, konnte durchaus eine Offiziersuniform sein. Sie winkte mir nur kurz zu und hielt Abstand zum Navigatorenalkoven. Stattdessen nahm sie bei den Umweltkontrollen Platz. Besser so, wenn sie sich ablenkte. An Bord wusste man Bescheid, was uns betraf. Das Schiff war klein und die Besatzung wie eine große Familie, die Rücksicht aufeinander nahm. Sogar der Kapitän akzeptierte Sabines Anwesenheit auf der Brücke, was daran lag, dass sie Camberts enge Vertraute war und ihm wiederum die Cheddar gehörte.

»Diffuse Masseortung backbord«, kam es von Atisi. Die Navigatorin aus Bangladesch schaltete die Daten sofort an alle Personen auf der Brücke durch. »Entfernung nur eine Lichtminute! Wie konnten die sich anschleichen?«

Wen immer sie mit die meinte, das Objekt besaß eine riesige Maße. »Entfernung nur eine Lichtsekunde! Hält den Abstand.« Die Cheddar wechselte automatisch in Alarmbereitschaft. »Auf den Schirm! Maximale Vergrößerung.« Trotz der riesigen Entfernung sah man auf dem Hauptschirm ein seltsames Objekt. Es erinnerte an zwei Kugeln, die an deren Rändern verschmolzen waren. »Als ob jemand versucht hat, zwei verklebte Kaugummis auseinanderzuziehen«, rutschte es mir heraus. Beide Kugeln waren unterschiedlich groß und deren Farbgebung abweichend: Die größere Kugel schillerte in einem metallenen Rot, während die kleinere mit ihrem dunklen matten Blau unheimlich wirkte. Wobei das Objekt alles andere als klein war: »Die größere Sphäre besitzt einen Durchmesser von etwa zwölf Kilometern!«, staunte Sabine. »Wieso etwa?«, hakte Morano nach. »Fluktuierender Datenstrom. Etwas verhindert, dass wir eindeutige Daten empfangen. Die Störungen dürften von diesem … Raumschiff ausgehen. Die längsten Ausmaße über beide Kugeln hinweg beträgt grob zwanzig Kilometer! Noch nie wurde solch ein großes künstliches Flugobjekt geortet«, ergänzte Kulu Amari, der gebürtige Westsamoaner.

Etwas an dieser Konstruktion bereitete mir Kopfzerbrechen. Es waren nicht nur die lächerlich zerbrechlich wirkenden dünnen Bögen, die die beiden Kugeln wie ein Exoskelett miteinander verbanden. »Kapitän Morano, hatten wir nicht vor einigen Wochen ein ähnliches Objekt geortet; damals aus etwa eins Komma drei Lichtjahren Entfernung. Es hatte haargenau die gleiche Maße und Energiekennung. Das ist kein Zufall! Wir flogen damals weiter, um keine schlafenden Hunde zu wecken.«

»Es sieht so aus, als hätte der schlafende Hund uns gefunden. Bei der Erstsichtung stellte sich das Raumschiff tot. Wir waren nicht einmal sicher, ob es sich nur um einen Asteroiden handelte. Dazu war er zu weit entfernt. Nicht auszuschließen, dass es uns die ganze Zeit über beobachtet hat.«

»Schaut mal auf den Mittelteil, wo die beiden Kugeln ineinander übergehen. Wer konstruiert denn so was? Man könnte meinen, dass der Erbauer zwei unterschiedliche Welten miteinander koppelte. Bei der Kopplung ist der Mittelteil … erstarrt. Diese Dynamik der Verbindung wurde auf gewisse Weise eingefroren. Die beiden Farben Rot und Blau fließen ineinander«, beschrieb Sabine. Cambert, der sich bisher zurückgehalten hatte, schaute zu ihr. »Mich beunruhigt, dass wir im Randgebiet der VöGe sind und uns eine offensichtlich unbekannte übermächtige Spezies begleitet. Genau dies gilt zu vermeiden.« Da war wieder die Angst der Nyiten. »Amari, initiieren Sie den Start einer Zecke. Standardprogrammierung. Sie soll sich an das unbekannte Schiff anheften.«

»Kapitän, erhöhte Energiewerte im Mittelteil des fremden Schiffes. Die Verbindungsbögen glühen auf … das Objekt scannt Teile der Cheddar … unser Antriebssystem, die Hangars, Mannschaftsquartiere!«