Verlag: Campus Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Asia 2030 - Karl Pilny

Die neue Weltmacht Asien Die Weltwirtschaft steht vor einer Zeitenwende: Asien ist dabei, endgültig die Vorherrschaft im globalen Wettbewerb zu übernehmen. Der Kontinent, auf dem über die Hälfte aller Menschen lebt, setzt sich als Technologiechampion an die Spitze - flankiert von den neuen Seidenstraßen, einem der ehrgeizigsten Infrastrukturprogramme in der Geschichte der Menschheit. Der Asienexperte Karl Pilny führt uns in das Innere dieses neuen Wirtschaftswunders und erläutert, wer die neuen Mächte in Asien sind. - Welche Allianzen und Rivalitäten gibt es? - Welche Konflikte kommen auf uns zu? - Wo entstehen neue Märkte, was sind die langfristigen Megatrends in Sachen Handel und Konsum, Demografie und Urbanisierung? Pilnys Fazit ist anschaulich und belegt: Es entsteht eine multipolare Welt, in der schon bald vier der fünf mächtigsten und reichsten Länder asiatische Länder sein werden.

Meinungen über das E-Book Asia 2030 - Karl Pilny

E-Book-Leseprobe Asia 2030 - Karl Pilny

Karl Pilny

ASIA 2030

Was der globalen Wirtschaft blüht

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Die neue Weltmacht Asien

Die Weltwirtschaft steht vor einer Zeitenwende: Asien ist dabei, endgültig die Vorherrschaft im globalen Wettbewerb zu übernehmen. Der Kontinent, auf dem über die Hälfte aller Menschen lebt, setzt sich als Technologiechampion an die Spitze – flankiert von den neuen Seidenstraßen, einem der ehrgeizigsten Infrastrukturprogramme in der Geschichte der Menschheit.

Der Asienexperte Karl Pilny führt uns in das Innere dieses neuen Wirtschaftswunders und erläutert, wer die neuen Mächte in Asien sind.

- Welche Allianzen und Rivalitäten gibt es?

- Welche Konflikte kommen auf uns zu?

- Wo entstehen neue Märkte, was sind die langfristigen Megatrends in Sachen Handel und Konsum, Demografie und Urbanisierung?

Pilnys Fazit ist anschaulich und belegt: Es entsteht eine multipolare Welt, in der schon bald vier der fünf mächtigsten und reichsten Länder asiatische Länder sein werden.

Vita

Dr. Karl Pilny ist einer der profundesten deutschen Asienkenner und hat viele Jahre in der Region gearbeitet. Der Wirtschaftsanwalt aus Berlin ist auch in Zürich als Investmentexperte für Emerging Markets und Unternehmer tätig und hat eine Professur für International Technology Transfer Management an der bbw Hochschule Berlin. Er ist Keynote Speaker, Cross Culture Coach und Autor unter anderem der bei Campus erschienenen Bücher Das asiatische Jahrhundert (2005), Tanz der Riesen (2006) und Tiger auf dem Sprung (2008).

Inhalt

Einleitung

I. Neue Mächte

Einführung

Neue Herausforderungen für Deutschland und Europa

Wie Asiens Aufstieg Deutschlands Zukunft prägen wird

China Inc. – von der Weltfabrik zur globalen Supermacht

Der neue Kaiser von China

Hard Power

Herausforderungen im Inneren

Herausforderungen im Außen

Soft Power

Smart Power

Digitale Supermacht

Chinas neue Ära

Incredible India – Karma und Kaste in the Modi

India Shining – die Kongresspartei unter Manmohan Singh bis zur Wahl von Narendra Modi 2014

Modis Traum: Großmacht Indien, wohlhabend und sauber

Hard Power

Außenpolitik

Tanz der Riesen – Indien und China zwischen Konflikt und Kooperation

Perlenketten und der böse Nachbar

Soft Power

Smart Power

Japan Inc. 2.0 – Olympiade 2020 und Abenomics

Die drei Pfeile der Abenomics

Abes Traum

Hard Power

Soft Power

Smart Power

Korea Inc. – zwischen Wiedervereinigung und Atomkrieg

Träumen Kim und Moon das Gleiche, wenn sie von Wiedervereinigung sprechen?

Hard Power

Soft Power

Smart Power

Die Tiger Südostasiens – sind sie noch auf dem Sprung?

Die historische Entwicklung

Die ASEAN-Staaten

Indonesien – das neue Indien?

Hard Power

Soft Factors

Smart Factors

Wohin geht die Entwicklung?

Malaysia

Die Philippinen

Myanmar

Vietnam – das neue China

Singapur

ASEAN und die EU

II. Neue Märkte

Einführung

Die Seidenstraßen-Initiative

Leibniz’ Traum

Chinas dritter Weg

Russland

USA

EU: Mittel – und Osteuropa

Zentralasien

Südost- und Südasien

Neue Seewege

Digital God – Wandel im Handel

China: digitale Supermacht

Entwicklungen im Handel

Green (R)Evolution – wird China grüner als Greenpeace?

Umweltherausforderungen

Grüne Wachstumschancen

Chinas Maßnahmen zum Umweltschutz

Rohstoffe, Ressourcen und der Wettlauf zum Mars

Rohstoffe und Ressourcen

Mission to Mars – ein gemeinsamer Traum für den Superorganismus Menschheit

Neue Methoden – Industrie 4.0 und Additive Manufacturing

Fabriken aus dem 3-D-Drucker, Roboterrestaurants und andere neue Methoden

Industrie 4.0 und das Internet of Everything

Organe aus dem 3-D-Drucker und synthetische Biologie

III. Neue Menschen

Einführung

Kulturrevolution 2.0 – Mao und der neue Sozialismus

»Neue Planwirtschaft«

»Arbeit« im neuen Sozialismus

Konfuzianismus 2.0 – Rückbesinnung und Zukunftsvision

Der Neokonfuzianismus als gesellschaftliche Klammer

Werte und Wirtschaft

König Kunde, kleine Kaiser – Demografie und Urbanisierung

Demografie in Asien

Uralte Metropolen und Megacitys von morgen

Smart Life 2030

Smart Living

Künstliche Intelligenz

EURASIA – »ASEAN plus« versus »EU minus«

Herausforderungen für die EU

Alte Wege, neue Ziele?

Epilog

Anhang

Literatur

Grundlegende Literatur

Neue Mächte

Neue Märkte

Neue Menschen

Register

Einleitung

Zwischen 2005 und 2007 erschien meine Trilogie Das asiatische Jahrhundert, bestehend aus Das asiatische Jahrhundert, Tanz der Riesen sowie Tiger auf dem Sprung. Sie untersuchte Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in Ostasien, Südasien und Südostasien. Die Bestandsaufnahme nach einer Dekade zeigt: Die wesentlichen Prognosen sind eingetroffen. Meist sogar schneller und dramatischer als vorhergesagt.

Wir leben in einer historischen Zeitenwende. Rund siebzig Jahre nach dem Ende der alten Nachkriegsordnung zeichnen sich Konturen einer neuen – hoffentlich – multipolaren Welt ab. Gleichwohl lässt der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Chinas zur globalen Supermacht viele ein »chinesisches Jahrhundert« befürchten.

Diese tektonische Plattenverschiebung geht Hand in Hand mit gewaltigen technischen Umwälzungen, die immer häufiger ihren Ursprung in China haben, das nun offen »seinen Platz an der Sonne« geltend macht. Die Ablösung der gegenwärtigen Supermacht USA durch China und die Frage, ob dies friedlich geschehen wird, ist natürlich von zentraler Bedeutung. Doch die wachsende Rivalität ist vor dem Hintergrund eines noch größeren Trends zu sehen: 500 Jahre westliche Hegemonie neigen sich dem Ende zu, und Asien spielt bei der Ausgestaltung dieser neuen Normalität eine, wenn nicht gar die entscheidende Rolle.

Der Einfluss der USA in der Welt nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Damit geht auch das »US-amerikanische Zeitalter« und mit ihm die alte atlantische Nachkriegsordnung ihrem Ende entgegen. China wird bis spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts zur weltweit größten Volkswirtschaft aufsteigen, und sein immer selbstbewussteres Auftreten führt bereits jetzt zu Zerreißproben an vielen Fronten. Doch das Reich der Mitte ist auch der unerwartete, neue Champion von Freihandel, Klimaschutz und einer nachhaltigen sharing economy und propagiert einen neuen Sozialismus chinesischer Prägung, ja einen neuen Menschen- und Gesellschaftsentwurf. China will und wird nicht nur wirtschaftlich und militärisch, sondern auch eine »digitale« und »grüne« Supermacht sein.

Aber Asien besteht nicht nur aus China. Dank Kim Jong-un und seinen unberechenbaren Plänen stehen auch Japan und die koreanische Halbinsel im Fokus. Der frühere US-amerikanische Außenminister John Hay konstatierte Anfang des 20. Jahrhunderts: »Das Mittelmeer ist der Ozean der Vergangenheit, der Atlantik ist der Ozean der Gegenwart und der Pazifik ist der Ozean der Zukunft.« Diese Prognose gilt heute mehr denn je.

Deshalb ist eine Bestandsaufnahme dessen, was in den letzten Jahren in Asien passiert ist, wo es heute steht und wo es 2030, in zwölf Jahren, stehen wird und was dies für uns bedeutet, dringend geboten. In wenigen Jahren werden zwei Drittel der Menschheit in Asien leben. Die Geschwindigkeit des wirtschaftlichen und sozialen Wandels in Asien ist dramatischer und rasanter als in jeder anderen Epoche oder Region der Welt.

Auf dem größten Kontinent der Erde leben derzeit rund 3,8 Milliarden Menschen, schon jetzt stellen sie über 60 Prozent der Weltbevölkerung. Die Schere zwischen Arm und Reich wächst dort rasant, dazu kommen massive Umweltzerstörung, politische Probleme sowie zögerliche Fortschritte bei der Demokratisierung und im Kampf gegen die Korruption. Klimawandel und Rohstoffmangel verschärfen die Situation. Asien – und damit die Welt – steht vor enormen Herausforderungen: Wird in dieser dynamischen Wachstumsregion die politische Entwicklung weiter mit der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Schritt halten können?

Im Jahr 2030 werden nach Berechnungen der UNO rund 8,5 Milliarden Menschen auf der Erde leben, zwei Drittel davon in Asien. Ostasien wird voraussichtlich bis 2030 als wirtschaftlich erfolgreichster Teil Asiens die geringste Wachstumsrate aufweisen. Südostasien wird das Mittelfeld bilden, und das wirtschaftlich später gestartete Südasien unter Führung von Indien wird die höchsten Wachstumsraten verzeichnen. Eine regelrechte Bevölkerungsexplosion droht bestehende Gegensätze noch zu verschärfen und den Kontrast zwischen einzelnen Ländern zu verstärken. Es zeichnet sich ab, dass sich der Nationalismus vertieft und sich die Vermögensschere weiter öffnet. Bereits bestehende regionale Wirtschaftszentren wie Bangkok in Thailand und Jakarta in Indonesien werden an Bedeutung gewinnen. Die Urbanisierung wird sich weiter beschleunigen und die Spannungen zwischen Stadt- und Landbevölkerung zunehmen.

Die daraus resultierenden Verluste an Agrarflächen werden die Frage der Versorgung dramatisch zuspitzen. Einkommensgefälle, Arbeitslosigkeit, steigende Zinsen, Ausbildungsdefizite, Konflikte zwischen notwendigen Militär- und Sozialausgaben könnten bis 2030 eskalieren und sich ausweiten. Umweltkatastrophen würden die Probleme zusätzlich vertiefen.

Die bedrohlichsten Konflikte des 21. Jahrhunderts könnten die Konflikte der asiatischen Mächte werden, die global, also auch in Europa und Zentralasien direkt oder durch Stellvertreterkriege ausgefochten werden. Die alten und neuen Supermächte Asiens wie Indien, Indonesien und Japan beginnen sich bereits geschickt zu umkreisen, neue Allianzen einzugehen und neue Märkte zu erobern.

Was kommt da also auf uns zu?

I. Neue Mächte

Einführung

Wir leben in einer Zeit rasanten Wandels. Die Globalisierung und der damit einhergehende Aufstieg neuer Mächte bei gleichzeitigem relativem Abstieg der USA, Europas und Japans ist der Megatrend unserer Zeit. Der Fall des Eisernen Vorhangs und das Ende des Kalten Krieges haben zusammen mit technologischen Entwicklungen zu einer enormen Beschleunigung der weltweiten Veränderungen geführt.

Die globale Machtverschiebung ist gleichwohl kein Tsunami, sondern ein Prozess, der noch viele Jahre andauern dürfte, zugleich aber unaufhaltsam ist. Trotz relativem Machtverlust werden die USA noch längere Zeit Primus inter Pares bleiben. Dennoch nimmt der US-amerikanische Einfluss in der Welt seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Für alle sichtbar ist dies im aktuellen Rückzug aus Afghanistan und zuvor aus dem Irak. Damit geht auch das »US-amerikanische Zeitalter« und mit ihm die alte Ordnung ihrem Ende entgegen, die geprägt war durch die beiden Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise und den Kalten Krieg. Auch die Institutionen des so genannten Washington Consensus wie die Vereinten Nationen, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds verlieren an Einfluss. So konnte beispielsweise die von China vorangetriebene Gründung einer Asiatischen Infrastruktur Entwicklungsbank (AIIB) als neuer Wettbewerber von den USA nicht verhindert werden und findet regen Zulauf.

Der Aufstieg Chinas und anderer neuer Gestaltungsmächte symbolisiert mithin den Beginn einer neuen Ordnung, deren genaue Umrisse aber erst allmählich erkennbar werden. China dürfte bis spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts zur größten Volkswirtschaft aufsteigen und könnte auch bei den Verteidigungsausgaben bis 2025 mit den USA gleichziehen.

Mit China steigt ein Staat in der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Hierarchie auf, der sich in Konkurrenz zum Westen zu einem ordnungspolitischen Modell für andere Staaten entwickeln könnte. China hat in den vergangenen dreißig Jahren ein erfolgreiches Entwicklungs- und Modernisierungsmodell geschaffen, das autoritäre politische Führung mit staatlich beaufsichtigtem Kapitalismus kombiniert. Statt auf Marktwirtschaft setzen auch viele der Aufsteigerländer auf einen staatlich gelenkten Kapitalismus. Ihre Industriepolitik zeichnet sich durch die Dominanz von Staatsunternehmen und nationaler Champions aus. »Sovereign Wealth Funds«, Subventionen und Kapitalverkehrskontrollen sowie Wechselkursmanipulationen sind die wichtigsten Mittel einer solchen Strategie. Eine solche Wirtschaftspolitik zeigt nicht nur in China, sondern auch in einigen anderen autoritär regierten Ländern positive Ergebnisse, sodass sich hier nur wenig Druck in Richtung Demokratisierung und gesellschaftspolitischer Teilhabe entwickelt.

Nahezu alle neuen Gestaltungsmächte haben zudem im Zuge ihres wirtschaftlichen Aufstiegs ihre Verteidigungsausgaben erhöht und das Militär modernisiert. Vor allem in Asien dürften die wachsenden Militärausgaben einerseits wachsenden regionalen Rivalitäten geschuldet sein, andererseits stellen sie eine Reaktion auf den Einflussverlust der USA dar, verbunden mit Zweifeln an der amerikanischen Fähigkeit, für den Schutz seiner Bündnispartner zu sorgen.

Viele der neuen Gestaltungsmächte orientieren sich an engen nationalen und allenfalls noch regionalen Interessen. Trotz wachsender globaler Interdependenz findet Institutionenbildung und politische Integration nur auf der regionalen Ebene statt. Darum dürfte die Zukunft durch eine multizentrische Welt gekennzeichnet sein.

Neue Herausforderungen für Deutschland und Europa

Die globale Machtverschiebung kann zwar nicht verhindert werden, gleichwohl besteht aber für Deutschland und Europa die Möglichkeit, die dadurch entstehende neue Ordnung mitzugestalten. Es wird immer deutlicher, dass ein vereinigtes Eurasia die bisherige Hegemonie der USA in den Schatten stellen könnte.

Rund drei Dutzend europäische Staaten, die effektiv über Land, See und andere Wege miteinander und mit Zentralasien verbunden und auf diese Weise auch mit anderen asiatischen Ländern in Kontakt sind, würden mit Abstand den weltweit größten Handelsraum bilden. Ein einheitlicher Binnenmarkt, ausdifferenzierte und arbeitsteilig agierende Industrien und moderne Logistik würden diesen Raum, der Russland beinhaltet, unabhängig machen von den USA. Eurasia ist somit ohne Zweifel die wichtigste und größte sowie komplexeste geografische Region der Welt. »Connectivity« ist deshalb das neue Zauberwort für die asiatischen und europäischen Nationen.

Das Bündnis des Asia-Europa Meeting (ASEM) ist ein Anfang. Bereits existierende Mitglieder der ASEM hegen visionäre Pläne, wie zum Beispiel den Ausbau der Infrastruktur, den Masterplan der Asian Connectivity sowie die »One Belt One Road« (OBOR)-Initiative der Chinesen.

Es ist also ein neues Kapitel der Kooperation zwischen Asien und Europa angebrochen. Das Potenzial ist gewaltig – jedoch auch die Risiken durch mögliche Störfälle sind riesig.

Wie Asiens Aufstieg Deutschlands Zukunft prägen wird

Asien wird das 21. Jahrhundert entscheidend beeinflussen. Die rapide Entwicklung vor allem in China und Indien verändert das globale Machtgefüge. Egal ob im Arbeitsmarkt, der Migrationspolitik, bei der Ressourcensicherheit oder im Wettbewerb um Talente: Die Bewältigung der großen deutschen Zukunftsaufgaben hängt maßgeblich von Ereignissen und Entscheidungen in Asien ab. Um die richtigen Antworten zu finden, brauchen alle Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands ein solides Verständnis der Ursachen und Folgen der Entwicklung Asiens, denn das asiatische Jahrhundert wirkt sich in vielen Bereichen aus. Die Entwicklung von mehr Asienkompetenz und die Entwicklung und Umsetzung einer Asienstrategie sind für Politik und Wirtschaft alternativlos.

Asien ist zum Motor der Weltwirtschaft geworden, und viele asiatische Volkswirtschaften wachsen mit hohem Tempo und werden zunehmend komplexer. Damit gehen jedoch auch gesellschaftliche Probleme einher, die sich ebenfalls verstärken: Fast alle asiatischen Gesellschaften befinden sich im Auf- und Umbruch und werden durch tiefgreifende Transformationsprozesse verändert. Die soziale Ungleichheit und damit die sozialen Fliehkräfte werden größer. Deswegen gibt es in vielen asiatischen Ländern zunehmend Spannungen und Konflikte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber auch die politische Stabilität beeinträchtigen können.

Für Deutschland ist insbesondere mit China ein formidabler Wettbewerber auf den Plan getreten, der die deutschen Paradedisziplinen durcheinanderwirbeln wird. China will bis Mitte des Jahrhunderts eine industrielle Supermacht werden – besonders bei der Digitalisierung und Automatisierung der industriellen Fertigung. Die Innovationsfähigkeit und das Technologieniveau der fertigenden Industrie sollen schlagartig erhöht werden. Elektronik sowohl von der Hardware- als auch von der Software-Seite zählt zu den Stärken Chinas; die Digitalisierung der Industrie, in Deutschland gern unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« gefasst, wird hier also vorangetrieben.

Dennoch wiegen sich Teile der deutschen Wirtschaft in falscher Sicherheit und verweisen darauf, dass zum Beispiel die chinesische Automobilindustrie nach diversen Rückschlägen noch immer hinterherhinkt und nicht mit der deutschen mithalten kann. Man sollte jedoch nicht vergessen, wie in den siebziger Jahren japanische Autos belächelt wurden, was sich in den achtziger Jahren mit koreanischen Autos wiederholte. Beide Länder lernten schnell und wuchsen zu globalen Automobilmächten heran. Es gibt keinen Grund, warum sich das nicht in China wiederholen sollte. Auch für andere Bereiche wie Maschinenbau, Luft- und Raumfahrt und Biotechnologie ist dies vorstellbar.

Bereits heute sind chinesische Smartphones von Huawei und Laptops von Lenovo Weltspitze. Von 2013 bis 2015 meldete China deutlich mehr Patente an als Deutschland und die USA zusammengenommen. Mögen diese hinsichtlich ihrer Qualität im Augenblick nur zum Teil Weltmarktstandard sein, so sind sie im Gegensatz zu den japanischen Massenanmeldungen in den achtziger Jahren jedoch deutlich innovativer. Und das ist erst der Anfang! Die Investitionen in Forschung und Entwicklung stiegen in China von 30 Milliarden US-Dollar im Jahr 2005 auf 200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014.

Einschränkend muss erwähnt werden, dass nur 5 Prozent der chinesischen Patente gleichzeitig in den USA und Europa eingereicht werden. Zudem hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Innovationen in China in der Regel nicht im Zusammenhang mit wissenschaftlicher Forschung und Technologie stehen, sondern mit nicht-wissenschaftlichen Abläufen in der Wirtschaft und zum Beispiel die Effizienz der Verwaltung, den Kundendienst und das Produktdesign betreffen.

Daraus jedoch abzuleiten, dass China noch eine weite Strecke vor sich hat auf dem Weg zu einem Innovationsland, ist aber voreilig. Die Kombination von systematischer Innovationspolitik, die sich abzeichnet in der staatlichen Gründung von Hunderten von exzellenten Hochschulen und Forschungszentren, und finanzieller Unterstützung aus dem wachsenden privaten Sektor, führt aufgrund der schieren Masse der Absolventen und der Institute zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit wissenschaftlichen Fortschritts.

Das Paradebeispiel ist die Anzahl der Ingenieure: In Deutschland treten pro Jahr rund 70 000 Ingenieure in den Arbeitsmarkt ein, in China sind es rund 700 000. Selbst wenn nur die Hälfte dieser 700 000 Weltmarktniveau erfüllen sollten, sind sie eindeutig in der Mehrheit. Trotz steigender Sozial- und Lohnkosten werden auch künftig Produktionskostenvorteile weiterhin bestehen bleiben: Somit ist die Gefahr groß, dass Produkte von ähnlicher Qualität wie in Deutschland in doppelter Menge zum halben Preis in China produziert und von dort exportiert werden können.

Die erfolgreiche Attacke auf die deutschen Vorzeigebranchen Maschinenbau und Automobilbau ist bereits im Gange. Der chinesische Maschinenbau wächst seit einigen Jahren mit gesunden 4 bis 5 Prozent pro Jahr, die Industrialisierung der Landwirtschaft sorgt für einen anhaltend hohen Bedarf an Agrar- sowie Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Zugleich schreitet die Entwicklung zu einem modernen Industriestandort mit großem Tempo voran.

Deswegen ist es umso wichtiger, dass deutsche Unternehmen, die im Maschinen- und Anlagenbau erfolgreich sind, ihren chinesischen Kunden nicht nur langlebige Produkte verkaufen, sondern ebenso erstklassige After-Sales-Services im Angebot haben. Es versteht sich von selbst, dass die Produkte dem lokalen Markt angepasst, also weder overengineered noch veraltet sind.

Was Elektrofahrzeuge angeht, wurde Deutschland schon 2015 von China überholt. Nach den Plänen der chinesischen Regierung sollen im Jahr 2020 rund fünf Millionen Elektrofahrzeuge auf den Straßen Chinas rollen. In keinem anderen Politikfeld hat der Fünfjahresplan so konkrete Ziele festgeschrieben wie im Umweltbereich. Dabei geht es nicht nur um die Reduzierung des Schadstoffausstoßes, sondern um eine umfassende Verbesserung der gesamten Lebensqualität, insbesondere die Reduzierung bis hin zur Eliminierung von Verschmutzung von Luft, Böden und Gewässern. Die Politik der Regierung wird sich in den nächsten Jahren in diesem Punkt eher noch intensivieren. Und noch haben chinesische Unternehmen einen technologischen Rückstand.

Die Größe des Landes und die Größe der Probleme bergen deshalb – zur Zeit! – enorme Chancen für deutsche Firmen, die Umwelttechnologie, erneuerbare Energien und Reinigungstechnologie anbieten können. Filteranlagen, Sensoren, Wasseraufbereitungsanlagen werden langfristig in großer Menge gebraucht werden. Die Chancen für deutsche Unternehmen in China sind darum trotz aller Herausforderungen weiterhin gut.

Doch auch die zweitgrößte Wirtschaft Asiens Japan bietet Möglichkeiten. Ähnlich wie Deutschland ist Japan eine Wissensgesellschaft und eine stabile Demokratie – sowie zudem die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. In den letzten Jahren stand Japan im Schatten des Wachstums von China und Indien. Doch die Bemühungen Shinzo Abes, der mit seinen drei Pfeilen der Abenomics die Wirtschaft wieder beleben will, verbunden mit den anstehenden Olympischen Spielen in Tokio 2020 sind ein Grund, das Land wieder mehr ins Auge zu fassen. Nach wie vor investiert Japan stark im Ausland, deutlich mehr zum Beispiel als China und Südkorea. Die japanische Wirtschaft hat sich intensiver globalisiert, und insbesondere in Asien hat Japan Gas gegeben, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit seiner hoch entwickelten Wirtschaft zu sichern, deren Rückgrat wie in Deutschland die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sind.

Seit Fukushima 2011 ist Japan eher bereit, erneuerbare Energien einzusetzen. Gleichzeitig wird massiv in Forschung und Entwicklung von Zukunftstechnologien investiert. In den Bereichen alternative Energien und Elektromobilität ist Japan auf Augenhöhe mit Deutschland. So wundert es nicht, dass die beiden Regierungen eine engere Zusammenarbeit beim Thema Industrie 4.0 insbesondere in den Bereichen Standards, Datensicherheit und der Zusammenarbeit mittelständischer Unternehmen anstreben. Dies war auch das Motto der CEBIT 2017 in Hannover, bei der Japan das offizielle Partnerland war.

Für deutsche Unternehmen gibt es vor allem Chancen auf interessante Drittmarktgeschäfte, bei denen sie zusammen mit japanischen Unternehmen in Asien aktiv werden können. Hierbei helfen eine ähnliche Mentalität, ein hohes Qualitätsbewusstsein und Zuverlässigkeit. In Branchen wie Industrie 4.0, erneuerbare Energien, Medizintechnik und Umwelttechnologien gibt es mithin gute Chancen für deutsche Unternehmen.

Die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens, Indien, hat zwar einige hausgemachte Probleme, doch bietet sie auch viel Potenzial, zumal sie mittlerweile schneller wächst als China und 2025 China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablösen wird.

Wirtschaftlich gesehen zählt der indische Subkontinent zu den ärmsten Regionen Asiens und trägt nur etwas über 10 Prozent zur gesamtasiatischen Wirtschaftsleistung bei. Die Wirtschaftskraft pro Kopf liegt damit nur etwas oberhalb des Niveaus von Afrika, und das BIP pro Kopf in Indien beträgt nur knapp ein Drittel des chinesischen Wertes.

Allerdings weist die Region seit einigen Jahren eine ausgesprochen hohe Wachstumsdynamik auf. Südasien hat dabei die gesündeste Bevölkerungsstruktur aller asiatischen Regionen, eine wichtige Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum. So sind in Indien mehr als 50 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Indien ist nach den 1991 eingeleiteten Reformen auf dem Weg in eine soziale Marktwirtschaft, wobei der öffentliche Sektor in zentralen Wirtschaftsbereichen mit einem Anteil von über 70 Prozent noch immer dominiert. Das indische Wachstumsmodell zeichnet sich durch seine Fokussierung auf den Dienstleistungssektor aus. Der Sektor liegt mit einem Anteil am BIP von fast 50 Prozent fast auf dem Niveau der Industriestaaten. Die Entwicklung des industriellen Sektors hingegen kommt nur langsam voran. Die Infrastruktur Indiens weist noch große Defizite auf und ist derzeit nur ungenügend entwickelt. Der Verfall der indischen Rupie neben den nachgebenden Kursen vieler indischer Aktien unterstreicht die Fragilität der Situation.

Sollte es Indien gelingen, sich weiter zu öffnen, dann bietet das Land große Chancen, da die demografische Situation günstiger ist als in China. Doch eine umfassende Erneuerung und Modernisierung seiner Infrastruktur und seiner Verwaltungsstrukturen sind dafür unabdingbar.

Die Bevölkerung in Indien wächst stetig: Im Jahr 2030 wird Indien China als das bevölkerungsreichste Land der Welt mit geschätzten 1,8 Milliarden Menschen überholen. Deswegen ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Energie ein zentrales Thema der Regierung. Nach wie vor haben über 52 Millionen Inder keinen Zugang zu Strom. Ähnlich wie in China ist der wichtigste fossile Energieträger Kohle, gefolgt von Holz und anderer Biomasse sowie Öl und Erdgas. Aus diesem Grund ist Indien nach China und den USA zum drittgrößten Kohlendioxid-Emittenten der Welt geworden.

Doch die Regierung hält dagegen und möchte in den nächsten sechs Jahren eine Kapazität von insgesamt 175 Gigawatt (GW) aus erneuerbaren Energien aufbauen. 100 GW sollen an Photovoltaikanlagen erstellt werden, hiervon alleine 40 GW an Solaranlagen. Damit würde Indien Deutschland in den Schatten stellen. Denn 40 GW ist gerade einmal das, was in Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre an Photovoltaikanlagen insgesamt installiert wurde. Geschäftschancen für deutsche Unternehmen liegen vor allem in diesem Bereich sowie im Einzelhandel, in der Medizintechnik und im Cleantech-Bereich.

Aber auch weitere Staaten sind für die deutsche Wirtschaft interessant. Taiwan ist gerade so groß wie Baden-Württemberg und ist dennoch im Bereich der Vernetzung und Robotisierung mittlerweile weltweit führend. Vergleichbar mit dem Konzept »Industrie 4.0«, gibt es ein »Connectivity-4.0-Programm« für Maschinen, die mit Operatoren, Sensoren und verschiedenen Netzwerken verbunden sind. Weil es in Taiwan im Maschinenbau und der IT-Entwicklung nicht zuletzt durch die Fertigung von iPhones und Computern hohes Know-how und Kompetenz gibt sowie eine große Dichte an hoch qualifizierten Hochschulen, existiert in diesem Bereich ein ideales Ökosystem. Hinzu kommt eine großzügige und strategische staatliche Förderung, um durch eine Vernetzung der bereits bestehenden taiwanesischen Player einen neuen Global Player herauszubilden. Das kleine Land hat es zum siebtgrößten Herstellerland von Werkzeugmaschinen weltweit geschafft. Über 80 Prozent der Werkzeugmaschinen werden exportiert, nicht zuletzt auch nach Deutschland.

Bangladesch ist ein Land mit großem Potenzial und über 140 Millionen Einwohnern. Gerade in den letzten Jahren hat sich eine blühende Textil-, und Bauindustrie herausgebildet. Allerdings gewinnt seit ein, zwei Jahren ein islamistischer Fundamentalismus an Einfluss, der das politische Leben und Wirtschaftswachstum zunehmend behindert. Eigentlich war von Regierungsseite geplant, bis zum fünfzigjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit im Jahr 2021 den Ruf als bitterarmes Land zu überwinden. Und in der Tat gab es zwischen 1991 und 2008 enorme Fortschritte, das BIP hatte sich vervierfacht. Dies war einem Pakt der politischen Parteien PAL und BNP zu verdanken, die sich unter der Führung von zwei Politikerinnen – den Töchtern von ehemaligen Ministerpräsidenten – arrangiert hatten. Dieser Pakt ist nun jedoch offener Rivalität gewichen.

Ein interessanter Markt sind auch die Philippinen mit ihrer jungen Bevölkerung – über 100 Millionen Einwohner sind unter 30 –, wenig Schulden und einer wachsenden Wirtschaft. Das BIP pro Kopf liegt bei nur rund 2 900 US-Dollar pro Kopf, was ungefähr der Hälfte des thailändischen Wertes entspricht. Gleichzeitig erstarkt die Wirtschaft in den letzten Jahren konstant mit 6 Prozent pro Jahr. Im einzigen katholischen Land Asiens bleibt die Geburtenrate hoch, sodass die Einwohnerzahl in den nächsten Jahrzehnten wohl auf 150 Millionen ansteigen wird. Die Philippinen bestehen aus 7 500 Inseln – von der Fläche her insgesamt gerade einmal so groß wie Italien – und sind reich an natürlichen Ressourcen und biologischer Vielfalt. Sowohl die Staats- als auch die Firmen- und Privatverschuldung sind gering. Private Haushalte sind mit nur 8 Prozent des BIP verschuldet. Einzelhandel, Konsumgüter, Telekommunikation und Straßenbau bieten gute Aussichten.

Chancen bietet auch Myanmar, dessen Wirtschaft in den letzten Jahren mit rund 7 Prozent gewachsen ist. Beobachter erwarten sogar für die nächsten Jahre ein durchschnittliches Wachstum von rund 9,2 Prozent aufgrund eines noch höheren Zustroms von Finanzhilfen und Direktinvestitionen aus dem Ausland. Da sich das enorm ressourcenreiche Land, das im 19. Jahrhundert eines der reichsten Länder Südostasiens und der britischen Kolonien war, gerade erst geöffnet hat, gibt es naturgemäß noch Engstellen im Bereich Infrastruktur, Verkehrswege, Stromversorgung, Transportwesen und Bildungswesen.

Ungleich dynamischer geht es seit einigen Jahren in Vietnam zu. Vietnam hat etliche hausgemachte Probleme wie eine hohe Inflation und einen Werteverfall der Landeswährung Dong, doch bleibt mittelfristig zu erwarten, dass die Mischung aus einer jungen lern-, leidens- und leistungsfähigen Bevölkerung kombiniert mit einem großen Nachholbedarf bei Konsum, Infrastruktur und Industrieaufbau ein attraktives Umfeld für Unternehmer und Investoren darstellt. Das Land hat sich politisch aus dem Gröbsten herausgearbeitet und legt nun eine beeindruckende Wachstumsgeschwindigkeit an den Tag.

Insgesamt gesehen setzen die aufstrebenden Wirtschaftsmächte Asiens immer mehr auf Innovation und fordern uns heraus. In den letzten Jahren haben Schwellenländer wie Indien und China kräftig aufgeholt und mit innovativen Technologien und innovativen Geschäftsmodellen ihre europäischen Konkurrenten überrumpelt und überrascht. Im Gegensatz zu ihren europäischen Konkurrenten genießen sie dabei in der Regel starke politische Rückendeckung.

Wo die Chancen und Schwierigkeiten im Einzelnen liegen, was die neuen Mächte jeweils kennzeichnet, das wird in den kommenden Kapiteln eingehend betrachtet.

China Inc. – von der Weltfabrik zur globalen Supermacht

Der Vorstoß zur Gründung einer asiatischen Investitionsbank; Investitionen auf allen Kontinenten, um den Zugang zu wichtigen Rohstoffen zu sichern; die Ankündigung des Staatspräsidenten, mithilfe beschleunigter Reformen eine »Armee von Weltklasse« zu schaffen; der Bau von Flugzeugträgern und die Eröffnung von Militärbasen im Ausland; der Ausbau der Raumfahrtkapazitäten und der Plan zum Aufbau einer bemannten Raumstationen – China ist in vielen Bereichen auf dem Weg, zur Weltmacht Nummer eins zu werden.

Chinas sanfter Griff nach der Weltmacht löst Bewunderung und Ängste aus. Doch welche Ziele verfolgt China konkret? Welche Konsequenzen sind für das internationale System zu erwarten? Und was bedeutet dies für Europa?

Der neue Kaiser von China

Für Jahrhunderte hatte sich das Reich der Mitte hinter der Großen Mauer abgeschottet. Doch seit dem 18. Parteikongress 2013, seitdem der mächtigste Führer der im Jahr 1949 gegründeten chinesischen Volksrepublik seit Mao Zedong, die Macht übernommen hat, weht ein anderer Wind. Xi Jinping will sein Land politisch, militärisch und wirtschaftlich zur ersten Weltmacht formen. In einem beispiellosen Spagat zwischen liberaler Wirtschaftspolitik und repressiver Innenpolitik tritt er auch außenpolitisch immer selbstbewusster auf. Er sieht sich dabei in bester Gesellschaft: Mao Zedong hat das gedemütigte China vereint, Deng Xiaoping hat es reich gemacht, und Xi Jinping will China wieder zu der zentralen starken Weltmacht machen, die es den größten Teil seiner Geschichte über war.

Xi ist seit Frühjahr 2018 Parteichef der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und Präsident auf Lebenszeit und damit der mächtigste Mann Chinas – vielleicht sogar der Welt?

Schon vorher hatte der 64-Jährige als Präsident, Generalsekretär der kommunistischen Partei und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission eine unbegrenzte Machtfülle wie vor ihm nur Mao Zedong und Deng Xiaoping. Letzterer hatte angesichts der Exzesse der Kulturrevolution und des »Großen Sprungs nach vorn«, die viele Millionen Opfer gefordert hatten, das Präsidentenamt auf zwei Fünfjahreszeiträume begrenzt. Daran hatten sich Jiang Zemin (1993–2003) und Hu Jintao (2003–2013) auch gehalten. Doch ausgerechnet Xi Jinping hebelte dies aus.

Xi galt zu Beginn seiner Machtübernahme als dem Westen gegenüber aufgeschlossen und modern. Als einer der ersten politischen Führer Chinas ließ er zum Beispiel seine Tochter in den USA studieren. Doch spätestens seit dem dramatischen Machtkampf 2012 mit dem charismatischen Bo Xilai, dem ehemaligen Regierungschef der regierungsunmittelbaren Stadt Chongquing, wurde seine Politik konservativer und die Machtfülle größer.

Der konsequente Kampf gegen Korruption war in den ersten Regierungsjahren eines der Kernthemen Xis. Dies brachte ihm Sympathien beim Volk ein, jedoch auch viele Feindschaften, da er auch vor obersten Machtetagen nicht zurückschreckte. Zeitgleich intensivierte sich die Überwachung der eigenen Bürger und die Verhaftungen von Menschenrechtlern, Anwälten und die Unterdrückung von Minderheiten.

Xi führt heute das Land mit straffer Hand und hat auch einen Plan. Sogar mehr als das, einen Traum: Spätestens zum hundertjährigen Jubiläum der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 2049, aber im Grunde schon 2030 soll China nach dem Plan Xi Jinpings eine moderne wohlhabende Nation, eine globale Supermacht sein. Dafür werden große Anstrengungen unternommen und zahlreiche Programme und Initiativen aufgelegt. China soll nicht länger die kostengünstige Werkbank der Welt sein, »Made in China« soll bis 2025 von »Made by China« abgelöst werden. Dies soll zum Gütesiegel avancieren.

Die rapide wachsende Mittelschicht Chinas, die mittlerweile mehr Köpfe zählt als die amerikanische, stellt immer höhere Ansprüche. Sie will nicht mehr nur noch abgekupferte Produkte kaufen oder solche, die im Westen entworfen und in China nur produziert werden. Symptomatisch dafür ist die rasende Entwicklung der geschichtslosen Stadt Shenzhen, in deren Nähe die Mutter von Xi aufgewachsen ist. Aus diesem einstmals verschlafenen Fischerdorf wurde in weniger als einer Generation eine 12-Millionen-Metropole mit der fünfthöchsten Bevölkerungsdichte und dem drittgrößten Containerhafen der Welt. Die am Reißbrett geplante Stadt an der Mündung des Perlflusses ins südchinesische Meer war einstmals unter Deng Xiaoping die erste Sonderwirtschaftszone, die den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft vollziehen durfte. Der visionäre Unternehmer Yuan Geng war anfangs die treibende Kraft der Öffnung und Reformpolitik. Er initiierte die große Explosion, durch die ein großer Berg gesprengt wurde, um Land zu gewinnen. Dies war der Startschuss für das Projekt Shenzhen. In Lichtgeschwindigkeit wurde Tabula rasa gemacht und Gewinn erzielt. Es ist kein Zufall, dass Deng Xiaoping auf seiner berühmten »Reise in den Westen« im Jahr 1992 diesen Ort wählte, um den Aufruf zum Reformprozess zu erneuern: »Lasst den Westwind herein, Reichtum ist ruhmvoll.«

Nachdem der Volkskongress im März 2018 der Entscheidung des Zentralkomitees zugestimmt hat, die Begrenzung der Amtszeiten aufzuheben, kann Xi nun solange Präsident bleiben, wie er will. Begründet wurde die Notwendigkeit für diesen Schritt damit, dass nur so eine starke und stabile Führung für den entscheidenden Zeitraum zwischen 2020 und 2030 sichergestellt ist.

Zur Machtsicherung war dies nicht unbedingt nötig. Das Präsidentenamt ist innerhalb der drei Ämter Xis das vielleicht unbedeutendste. Als Vorsitzender der zentralen Militärkommission kann Xi den Umbau der chinesischen Streitkräfte fortsetzen, und auch als Generalsekretär der Kommunistischen Partei hätte er über 2023 hinaus die Macht behalten können. Er hätte auch nach dem Vorbild Deng Xiopings jahrzehntelang als graue Eminenz im Hintergrund die Fäden ziehen können. Dass Xi es dennoch für notwendig hielt, sich als einziger chinesischer Führer auf eine Stufe mit dem legendären Staatsgründer Mao Zedong zu stellen, könnte auf große Eitelkeit hindeuten. Es könnte allerdings auch nahelegen, dass er diesen Schritt für notwendig hielt, um seine zahlreichen Gegner in Schach zu halten. Unter diesem Blickwinkel wäre es ein Eingeständnis von Schwäche.

Doch welche Gründe auch ausschlaggebend waren: Zumindest nominell dürfte diese neue Machtfülle Xi zum mächtigsten Menschen der Welt machen. US-Präsident Trump ist an eine Amtsbegrenzung gebunden, Wladimir Putin hat diese zwar elegant umschifft, ist aber letztlich nicht so mächtig wie Trump oder Xi.

Ohne Zweifel wird die neue Machtfülle dazu führen, dass sich die aktuellen innen- und außenpolitischen Initiativen und Entwicklungen in China verfestigen und langfristig Wirkung zeigen. Man kann damit rechnen, dass die Verhärtung im Land zunehmen wird und dass der Personenkult um den allmächtigen Führer, den neuen Kaiser Xi, noch stärker werden wird.

Der wirtschaftliche und politische Vormarsch wurde im Oktober 2017 beschlossen. Präsident Xi schwor auf dem 19. Nationalen Volkskongress der Kommunistischen Partei Chinas, dass bis 2035 das Land eine moderne Wirtschaft haben werde. 2049 zum hundertjährigen Jubiläum der Gründung der Volksrepublik solle China ein Land »mit hohen Einkommen« sein.

Es bleibt zu hoffen, dass er erfolgreicher ist als der erste Ministerpräsident der Volksrepublik Zhou Enlai. Dieser hatte 1964 »Vier Modernisierungen« bis zum Ende des 20. Jahrhunderts versprochen und sich dabei auf die Reform der vier Schlüsselsektoren Verteidigung, Landwirtschaft, Industrie sowie Wissenschaft und Technologie bezogen. Um die Jahrtausendwende war China jedoch nur ein Land der unteren Mittelklasse. Die angestrebte Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens dürfte für Xi die einfachere Übung sein. Momentan liegt das reale Pro-Kopf-BIP Chinas bei rund 25 Prozent der USA. Um in die Gruppe der vierzig Volkswirtschaften zu kommen, die über ein hohes Einkommen verfügen, muss sich China auf mindestens 45 Prozent steigern. Dies wäre machbar, wenn bis 2049 die chinesische Wirtschaft jedes Jahr mindestens 1,7 Prozent mehr wächst als die amerikanische. Das ist nicht unmöglich, denn bei einer langfristigen Fortschreibung der derzeitigen Wachstumsrate der USA von 2 Prozent müsste China jährlich um 3,7 Prozent wachsen, was niedriger ist als die mittelfristig angestrebten 6,5 Prozent.

Doch Modernisierung bedeutet mehr als bloße Einkommenssteigerung. Es handelt sich um einen umfassenden Prozess. der viele Aspekte hat. Auch ein schonenderer Umgang mit der Umwelt und deren Regeneration gehören dazu. Die Kosten dafür werden gewaltig sein. Ebenso muss die Verringerung der Kluft zwischen Stadt und Land weiter vorangetrieben werden, denn obgleich die Einkommensunterschiede in China insgesamt abnehmen, haben Landbewohner immer noch weniger Zugang zu Bildungsinfrastruktur und Daseinsvorsorge als die Städter. Zwar greift die Urbanisierung um sich und es ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt, doch werden 2030 immer noch 300 Millionen Chinesen auf dem Land leben.

Zusätzlich wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter abnehmen und bis 2030 um beinahe 10 Prozent sinken. Die steigende Automatisierung wird zwar einen ernsten Arbeitskräftemangel verhindern, aber die wirtschaftliche Belastung durch Sozialleistungen wird wachsen. Das chinesische Rentensystem hatte vor zwanzig Jahren Einzelkonten eingeführt, basiert aber immer noch auf dem Umlageverfahren. Wenn die zwischen 1962 und 1976 geborenen Babyboomer in den Ruhestand gehen, wird das Defizit explodieren. Ein einheitlicheres und umfassenderes System zur Deckung der sozialen Sicherheit im ganzen Land ist dringend notwendig.

Auch Rechtsstaatlichkeit muss weiterentwickelt werden. Es geht dabei nicht allein darum, die Korruption einzudämmen, sondern notwendig ist ein Kulturwandel. Die Bürger Chinas wünschen sich eine Gesellschaft, die von rechtlichen Strukturen und verlässlichen Regeln bestimmt wird und nicht nur von örtlichen und familiären Bindungen. Xi behauptet zumindest, dass das übergeordnete Ziel laute, »die Rechtsstaatlichkeit umfassend voranzutreiben«. Ein Hindernis auf diesem Weg könnte jedoch das politische System sein. Freie Wahlen sind beim Aufstieg zur globalen Supermacht nicht vorgesehen, der alleinige Machtanspruch der kommunistischen Partei bleibt unangefochten.

Hard Power

Wie beim Go-Spiel setzt China heute in den verschiedensten Bereichen Standards und Markierungen. Im Folgenden stehen verschiedene Spielfelder und Kreuzungspunkte im Mittelpunkt: Hard Power, also Außenpolitik, militärische Macht, Wirtschaft, politische Macht, und Soft Power, die eng mit der Innenpolitik zusammenhängt.

Nach innen betreibt Xi eine immer rückschrittlichere Politik mit weniger Meinungsfreiheit und weniger Transparenz, aber mit mehr Personenkult, was an den großen Steuermann Mao erinnert. Nach außen tritt China verstärkt aggressiv auf, dies gilt für die geopolitische wie auch die wirtschaftliche Ebene. Der defensive Protektionismus von US-Präsident Trump droht mit Strafzöllen, der chinesische Protektionismus ist im Vergleich dazu deutlich offensiver. Es gibt eine aggressive Strategie von Investitionen in Infrastrukturprojekte entlang der »Neuen Seidenstraße« von China bis nach Europa und verstärkte Investitionen in europäische Technologieführer. Gleichzeitig werden die Hürden für ausländische Investoren in China hochgehalten.

Herausforderungen im Inneren

China ist darauf angewiesen, wirtschaftlich auf Kurs zu bleiben. Seit Anfang der achtziger Jahre gilt ein unausgesprochener Deal zwischen der Partei und dem chinesischen Volk: Wir sorgen für mehr Wohlstand – ihr folgt unserer Führung. Solange die Wirtschaft wächst, wird dieses Abkommen fortbestehen, doch sollte das Wachstum enden oder sich gar umkehren, ist es mit der Ruhe vorbei. Eine weitere Herausforderung für die Partei ist die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln: Rund 40 Prozent des urbaren Landes in China sind nach Angaben des chinesischen Agrarministeriums verseucht. Ein fatales Dilemma: Einerseits muss China die Industrialisierung vorantreiben, um sich zu modernisieren und den Lebensstandard anzuheben, aber andererseits bedroht genau dieser Prozess die Produktion von Nahrungsmitteln. Kann diese Herausforderung nicht gelöst werden, ist ein Aufruhr zu erwarten.

Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Armut bis 2020 auszurotten. Durch das starke Wirtschaftswachstum und etliche staatliche Eingriffe ist es bislang gelungen, rund 700 Millionen Menschen aus der extremen Armut zu befreien. Dennoch leben noch immer mehr als 43 Millionen Chinesen von weniger als 0,80 Euro pro Tag, die meisten von ihnen auf dem Land. Der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses hat darum zum Jahresende 2017 etliche Gesetze und Verordnungen erlassen, die es chinesischen Bauern einfacher machen sollen, Gewinn zu erwirtschaften. Vor allem zwei Gesetze erregen Aufmerksamkeit: Zum einen wurden Bestimmungen für bäuerliche Kooperativen geändert, und zum anderen wurde ein Pilotprogramm verlängert, das es Bauern erleichtert, Kredite aufzunehmen.

Das Gesetz für bäuerliche Kooperative ist ein wichtiger Bestandteil der Initiative, Bauern das Leben zu erleichtern. Nach wie vor sind die meisten Höfe in China sehr klein, im Durchschnitt beträgt ihre Größe weniger als ein Hektar. Der daraus resultierende geringe Ertrag lässt keine größeren Investitionen in Maschinen, Saatgut oder Pestizide zu. Das neue Gesetz ermöglicht es einzelnen Familien, sich zu größeren Einheiten zusammenzuschließen und dadurch gemeinsame Anschaffungen zu tätigen. Mit großem Erfolg: Gab es am Anfang gerade einmal 30 000 registrierte Kooperativen, so sind es mittlerweile knapp 2 Millionen.

Auch der zweite Beschluss des Ständigen Ausschusses, die Verlängerung des landwirtschaftlichen Programms zur einfacheren Kreditvergabe, soll Chinas Bauern unterstützen. Durch das im Dezember 2015 eingeführte Programm können Bauern ihr Pachtland als Sicherheit für einen Kredit angeben. Zwar berichtet die staatliche Nachrichtenagentur ausschließlich von den großen Erfolgen, dennoch wird es auch in Zukunft ein Pilotprojekt bleiben, das nur wenige Gebiete um Peking und Tianjin umfasst. Die Gründe dürften darin liegen, dass es bislang nur durchwachsene Ergebnisse hervorgebracht hat: Einerseits haben zahlreiche Bauern das dringend benötigte Geld für Investitionen bekommen, andererseits sind aber die Formalitäten für die Kreditaufnahme so kompliziert, das viele Bauern am Antragsprozess gescheitert sind. Und last, but not least fehlt es auch bei den Banken an Wissen, um die Lage eines Bauern richtig einschätzen zu können.

Es geht Präsident Xi mit diesen Gesetzesänderungen aber nicht nur darum, das große Ziel 2020 zu erreichen, es geht vor allem um soziale und politische Stabilität. Immer noch drängen Millionen von armen Landbewohnern in die Städte, wo sie sich als rechtlose Wanderarbeiter auf den Baustellen der Großstädte verdingen. Dies wird nicht so weitergehen können, und die Geschichte, die den Chinesen stets präsent ist, hat gezeigt, dass die Bauernunruhen am Anfang jeder großen Veränderung standen. Sie stürzten die Ming- wie auch die Quing-Dynastie und brachten die Kommunisten an die Macht.

Gefahrenanzeichen gibt es durchaus: Es mehren sich kritische Stimmen an der Zwangsräumung von Wanderarbeiterräumen in Peking, und ein bekannter Immobilien-Tycoon verglich Chinas Politik der Wohnsitzkontrolle, die noch auf Mao Zedong und den Bürgerkrieg zurückgeht, mit nordkoreanischen Verhältnissen. Zudem beginnt sich die Mittelschicht gegen die Verwendung des Begriffs »sozialer Abschaum« zu verwahren, der immer wieder von der Bezirksregierung für die unter prekären Verhältnissen lebenden Wanderarbeiter verwendet wird. Es wäre übertrieben, darin ein umfassendes Erwachen politischen Bewusstseins zu sehen, jedoch wird der Mittelschicht zunehmend bewusst, wie stark das städtische Leben von der Arbeit der Wanderarbeiter geprägt ist. Sie leisten im Gastronomiesektor, als Haushaltskräfte und auf dem Bau essenzielle Arbeit, und dies ohne soziale und rechtliche Absicherung für wenig Geld.

Auf der anderen Seite ist das Wachstum des Wohlstandes in China schnell und hat das Interesse vieler Privatbanken geweckt. Die Zahl der Chinesen, die über mehr als eine Million Euro an investiertem Vermögen verfügen, ist in den letzten zehn Jahren geradezu explodiert. Nach einer Studie der Beratungsfirma Bain gab es 2006 ungefähr 180 000 Chinesen mit rund 1 Million Euro Vermögen, im Jahr 2017 hat sich diese Zahl verhundertfacht und liegt bei beinahe 1,8 Millionen Chinesen.

Damit gibt es mittlerweile nicht mehr nur mehr Milliardäre als in den USA, auch der chinesische Binnenmarkt rückt in den Fokus. Momentan wird nur ein Bruchteil der Gelder von ausländischen Firmenmanagern verwaltet. Der wahre Reichtum verbleibt vorerst in China. Doch dort werden nun die Daumenschrauben angezogen. Es ist schwieriger für chinesische Unternehmer geworden, in China erarbeitetes Geld im Ausland anzulegen. Der von der Führung kontrollierte Kapitalverkehr und der Wechselkurs sorgen dafür, dass das Geld zu Hause bleibt.

Seit dem 19. Parteitag 2017 hat Xi Jinping die Kontrolle der KPCh über den Staat weiter ausgebaut. Nicht nur wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2018 die Verfassung dahingehend geändert, dass es für die oberste politische Führung keine Begrenzung der Amtszeit auf zwei Perioden mehr geben wird. Auch Xis Antikorruptionskampagne wurde stärker institutionell verankert, wofür ebenfalls die Verfassung geändert werden musste. Faktisch wurden alle staatlichen Organe unter Parteikontrolle gebracht.

Zudem wurde auf dem 19. Parteitag erstmals seit Beginn der Öffnungspolitik die Rolle der Privatunternehmen in der Wirtschaft des Landes definiert. Dabei wurde der Patriotismus zur obersten Pflicht von Unternehmen erklärt. Das Modell eines Staatskapitalismus nimmt also konkretere Formen an. Die chinesische Führung zielt offenbar darauf ab, die Kontrolle über große Teile der chinesischen Wirtschaft wiederzuerlangen, die sich bislang außerhalb der Aufsicht durch die Partei entwickeln konnten. Bereits im Jahr 2017 hatte die KPCh den Einfluss von Parteikomitees an Privatunternehmen in einem so starken Maße ausgeweitet, wie es bis hierher nur von Staatsunternehmen bekannt war. Auch ausländische Beteiligungen von Unternehmen sind davon betroffen. Ranghohe ausländische Manager berichten inoffiziell, dass sie gedrängt werden, Parteistrukturen in ihren Firmen zu entwickeln.

Wie soll man auf diese Tendenzen reagieren, die vielleicht noch zunehmen werden, da seit Jahren wichtige Wirtschaftsreformen als neue Wachstumstreiber für die Binnenkonjunktur fehlen. Einzig steigender Konsum könnte helfen, doch die Verschuldung Chinas, und zwar sowohl die des Staates und der Unternehmen als auch die der privaten Haushalte, steigt rasant und beträgt mittlerweile 270 Prozent des BIP.

Zu den Herausforderungen Chinas zählt unter anderem die Industriepolitik. Eines der größten Länder der Welt wird von einer der kleinsten Führungsgruppen regiert, dem Ständigen Ausschuss des Politbüros mit sieben Mitgliedern. Zwar hat es Xi Jinping geschafft, seine Machtfülle zu zementieren und sich weiteren Spielraum für Reformen zu eröffnen, doch diese sind auch dringend notwendig: Diverse alte ehrgeizige Reformpakete sind noch lange nicht umgesetzt wie zum Beispiel, gewisse Sektoren für ausländische Investoren zu öffnen. Auch bei der immer wieder versprochenen Liberalisierung der Kapitalmärkte gibt es Handlungsbedarf: Die bisherige Öffnung vollzieht sich eher asymmetrisch, denn Kapitalzuflüsse, also Investitionen, werden zwar erleichtert, doch Kapitalabflüsse, insbesondere die Verbringung von Kapital ins Ausland, wird immer stärker reglementiert. Möglicherweise ein Indiz dafür, dass Xi mehr Wert auf die Konsolidierung seiner Macht legt als auf die Umsetzung der Wirtschaftsagenda.

Nach wie vor ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt stark abhängig vom Immobilienmarkt und von schuldengetriebenen Wachstumsimpulsen. Die chinesische Führung ist jedoch lernfähig. So hat sie nach der Finanzkrise 2008 – unter Ausnutzung astronomisch hoher Währungsreserven – das Wirtschaftsmodell mit Erfolg von exportgetrieben auf industriebasiert umgestellt.

Das spiegelt sich im Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder. Lag das von China 1991 noch bei 0,49 Billionen US-Dollar, legte es bis 2016 auf 11,22 Billionen US-Dollar zu. Während China 1991 damit noch auf dem neunten Rang verglichen mit den USA mit dem größten BIP von 7,04 Billionen US-Dollar lag, rangierte das Reich der Mitte 2016 bereits auf dem zweiten Rang direkt hinter den USA. Bis 2030 erwartet man, dass Chinas BIP auf 24,77 Billionen US-Dollar ansteigen wird und dann die USA mit prognostizierten 22,09 Billionen US-Dollar überflügelt.

Auch die Anzahl chinesischer Unternehmen in der Liste der Fortune 500, den weltweit 500 umsatzstärksten Unternehmen, wird weiter steigen. Waren es 2006 gerade einmal 16 Unternehmen, kletterte diese Zahl in 2017 bereits auf 115. Bis 2030 dürfte die Zahl auf 200 weiter zulegen.

Auch der bis 2020 gültige Fünfjahresplan steht für eine weiterhin positive Entwicklung Chinas. Die Verschuldung soll maximal bei 3 Prozent des BIP liegen, der Fokus wird verstärkt auf innovative Technologien und eine Vielzahl großer Infrastrukturinvestments gesetzt, wie etwa 11 000 Kilometer Schnellzugtrassen und fünfzig neue Flughäfen.

Die stärkere Binnenmarktorientierung führt zwar zu einer gestiegenen Verschuldung des Landes, bringt jedoch auch eine dringend notwendige Schaffung von mehr zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen mit sich. Neben den Staatsunternehmen bieten sich hierfür immer häufiger die erfolgreichen Privatunternehmen an. So hat sich bei den Internetfirmen eine große Dynamik entfaltet; zunehmend sind chinesische Wettbewerber auch in der Konsum-, Telekommunikations- oder Finanzbranche mit ihrer Marktkapitalisierung auf Augenhöhe mit ihren westlichen Konkurrenten.

Die Initiative »Made in China 2025« ist Teil des großen Masterplans, China zur globalen Supermacht zu machen. Durch Investitionen von über 300 Milliarden US-Dollar in die Zukunftstechnologien Robotik, Umwelttechnik und Biochemie soll der Anschluss an die Industrieländer endgültig geschafft werden. Dafür braucht es jedoch noch immer die Technologie der entwickelten Länder, insbesondere Deutschlands. Dies ist allerdings nicht ohne Risiko. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Zwangs-Joint-Ventures mit einer Durchschnittslebensdauer von fünf Jahren, die bereits in der Anfangszeit der Sonderwirtschaftszonen unter Deng Xiaoping eingerichtet wurden, vor allem dazu dienten, dass die chinesischen Partner Know-how erwarben, um sich dann selbstständig und dem ausländischen Konkurrenten das Leben schwer zu machen.

Dies gilt unter anderem für die Automobilbranche. Mittlerweile stammt jedes zweite in China verkaufte Auto von einem chinesischen Unternehmen. Gleichzeitig werden die Chinesen immer anspruchsvoller. Je weiter sie selbst die Wertschöpfungskette hinaufklettern, umso selektiver werden sie bei Unternehmen, die sie im Land dulden. Eigentlich interessieren sie sich nur noch für Unternehmen, die neue und wichtige Technologie mitbringen.

Die bereits im Land ansässigen ausländischen Unternehmen werden hingegen trotz jahrzehntelangen Investments auf Abstand gehalten. Ein Beispiel dafür ist die Textilfirma Hugo Boss, die wie die meisten Unternehmen in China kopiert wurde und dessen Marke von einem chinesischen Wettbewerber registriert worden war. Die Benachteiligung gegenüber der heimischen Konkurrenz ist auch in Fragen der Qualitätsstandards und Garantievorschriften gegeben, ebenso wie bei der Zulassungsdauer für neue Medikamente.

Trotz zahlreicher Proteste der europäischen Handelskammern und Politiker hat sich die Situation nicht verbessert, sondern im Gegenteil eher verschlechtert. Zudem hat die Internetzensur zugenommen, was dazu führt, dass Homepages von ausländischen Unternehmen sich bis zu fünfmal langsamer öffnen als chinesische Homepages. Neue Datenschutzgesetze versuchen die Internetzensur noch deutlicher auszuweiten. Durch die strengen Vorschriften müssen deutsche Firmen seit April 2018 mit großen Unannehmlichkeiten und Kosten rechnen.

Wie die japanische Regierung in den achtziger Jahren ist die chinesische erfinderisch, wenn es darum geht, die Schaffung oder Anwendung umfangreicher Regelungen für ausländische Unternehmen so eng zu gestalten, dass sich faktisch eine deutliche Benachteiligung durch Kosten und/oder steigenden Arbeitsaufwand gegenüber den heimischen Unternehmen ergibt.

Die Tendenz, so viel wie möglich von ausländischen Unternehmen zu profitieren, sie aber ansonsten möglichst zu isolieren, war besonders im Bereich der erneuerbaren Energien erkennbar. Seien es deutsche Hersteller von Windkraftanlagen wie Nordex und Repower oder Hersteller von Solarzellen: Alle hatten sich enorme Umsätze im Megamarkt China versprochen, doch die Träume ließen sich nicht verwirklichen. Erst wurden die deutschen Unternehmen wie üblich gezwungen, ihre innovative Technologie in Joint-Ventures zu übertragen; und schließlich wurde dafür gesorgt, dass bei Ausschreibungen faktisch nur chinesische Mitbewerber zum Zuge kommen konnten. Deshalb zogen sich Nordex und Repower 2011 und 2012 aus dem Markt zurück; heute liegt der Anteil zu 100 Prozent bei chinesischen Wettbewerbern. Genauso verlief die Entwicklung im Bereich der Hochgeschwindigkeitszüge.

Das ehrgeizige Programm »China 2025« ist also mit Vorsicht zu genießen. Zwar bieten sich durchaus große Chancen für europäische und deutsche Zulieferer, die die notwendige Hardware für den technischen Aufschwung bereits liefern und weiterhin liefern sollen. Doch die Gefahr besteht, dass China in Kürze in der Lage ist, die Maschinen nachzubauen.

Zugleich bleibt es schwierig für ausländische Investoren, in China aktiv zu sein. Die Versprechungen, den Banken- und den Versicherungssektor zu öffnen, sind nur bedingt eingehalten worden. Ausländische Versicherungskonzerne wie Ergo, Allianz oder Swiss Re benötigen weiterhin einen Joint-Venture-Partner in China und müssen in jeder Provinz eine gesonderte Lizenz für den Vertrieb der Policen beantragen. Lokale Anbieter bekommen diese deutlich schneller und können diese auch bündeln.

Es gibt also keine echte Reziprozität. Wegen des aggressiven Protektionismus im Inneren sind deshalb auch die Auslandsinvestitionen Chinas möglicherweise anders zu beurteilen als die von anderen Ländern. In der Regel ist nicht erkenntlich, wer hinter einem Investor steht, ein vermuteter staatlicher Einfluss bewahrheitet sich meist. Deshalb wird der Einstieg chinesischer Staatskonzerne bei deutschen Unternehmen skeptisch beäugt. So will zum Beispiel eine Tochter des Staatskonzerns China Iron & Steel Research Institute Group den sächsischen Mittelständler Cotesa, einen Zulieferer für Unternehmen wie Airbus und Boeing, übernehmen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat sich in die geplante Transaktion eingeschaltet. Doch die Beamten müssen diesen und andere Fälle mit Augenmaß betrachten: China ist unser Partner, unser Wettbewerber und auch unser Herausforderer. Gegner ist die Volksrepublik (noch) nicht.

Fehlende Reziprozität gehört zu den alljährlich vorgetragenen Kritikpunkten der europäischen Handelskammer, die gemeinsam mit der deutschen Regierung diese wiederholt einfordert: Reziprozität sei der Schlüssel und die Lösung. Wenn China ausländische Eigentümerschaft auf 49 Prozent der Anteile beschränke, so sollte man das Gleiche im umgekehrten Falle tun. Das liest sich zwar gut, es ist aber fraglich, ob sich das durchsetzen lässt.

Im Laufe des Jahres 2018 wird voraussichtlich ein von Frankreich, Deutschland und Italien initiiertes EU-Gesetz verabschiedet werden, das besagt, dass künftig ausländische Direktinvestitionen genauer geprüft werden sollen. Dies bezieht sich auch auf kritische Bereiche wie etwa künstliche Intelligenz, Robotik oder Informationstechnologie und Versorgungssicherheit. Diese Art von Prüfung ist bereits in vielen anderen Ländern wie den USA und verschiedenen asiatischen Staaten gängige Praxis, insofern wäre es kein Verstoß gegen Reziprozität. Im Gegenteil es wäre eine Annäherung an bereits existierende Standards.

Wichtig ist, dass deutsche Wirtschaftsunternehmen trotz der bestehenden Chancen im Riesenmarkt China sich nicht zu abhängig von diesem machen, wie es in einigen Sektoren der Automobilindustrie in den letzten Jahren geschehen ist. Zwar war die Volksrepublik bislang durchaus auf deutsche Technologie etwa im Maschinen- und Anlagenbau angewiesen, doch mittlerweile hat die chinesische Wirtschaft ein Niveau erreicht, das es ihr ermöglicht, die Nachfrage in vielen Bereichen selbst zu bedienen. Die Konkurrenz in China wird somit für deutsche Unternehmen stärker werden.

Im Jahr 2017 betrug die Summe der chinesischen Investitionen in Deutschland 11,2 Milliarden Euro – knapp eine Milliarde mehr als 2016 und damit ein neuer Rekord. 54 von 247 Käufen wurden in Deutschland getätigt, Übernahmen in Großbritannien und Italien folgen mit 44 beziehungsweise 24 Käufen auf den Plätzen zwei und drei.

Die Gesamtanzahl der chinesischen Käufe ist in Deutschland jedoch um rund ein Fünftel zurückgegangen und in Europa sogar um ein Drittel auf insgesamt 57,6 Milliarden Euro. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die chinesischen Aufsichtsbehörden strengere Kontrollen für Übernahmen im Ausland eingeführt und Auflagen verabschiedet haben, um den Kapitalabfluss zu kontrollieren. Nach aktuellem Stand müssen Übernahmen, die 1 Milliarde Euro übersteigen, besonders gut begründet werden.

Doch auch die europäischen Firmen sind vorsichtiger geworden. Aufgrund vieler geplatzter Transaktionen und teils betrügerischer Strukturen verlangen inzwischen viele Unternehmen hohe Garantiesummen vor Vollzug eines Kaufvertrages.

Nach wie vor sind die chinesischen Unternehmen sehr interessiert an den Bereichen Industrie, Mode, Einzelhandel, Lebensmittel und Pharma. Besonders gern kaufen Chinesen allerdings Hidden Champions in den Bereichen Maschinenbau und Automobilbau. Geografischer Schwerpunkt der chinesischen Aktivitäten in Deutschland ist der Südwesten, wo beispielsweise vom Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen der Bereich Fahrzeugbedienungssysteme übernommen wurde. Das Startergeschäft von Bosch ging für rund eine halbe Milliarde Euro an ein chinesisches Konsortium.

Anfang 2018 hatte für Überraschung und auch für Unmut gesorgt, dass sich Li Shufu, der Gründer des chinesischen Autobauers Geely, mit knapp 10 Prozent am deutschen Vorzeigekonzern Daimler beteiligen konnte. Die Daimler AG ist wie andere deutsche und internationale Automobilkonzerne seit längerem in China tätig und von den dortigen Umsätzen stark abhängig. Mit der Firma BAAIC und BYD hat Daimler starke Partner vor Ort. Warum also noch ein chinesischer Partner? Li Shufu hatte sich bereits vor einigen Jahren erfolgreich Volvo einverleibt und zu einem profitablen Unternehmen gemacht. Trotz aller Erfolge ist Li in China nicht so akzeptiert wie andere Autofirmen; Geely ist das einzige private Automobilunternehmen ohne staatliche Beteiligung. Deswegen hat Li Probleme, mit den Marktführern von Elektroautos wie BYD zusammenzuarbeiten. Dennoch ist es sein ehrgeiziges Ziel, bis zum Jahr 2020 zum überwiegenden Teil nur noch hybride oder Elektroautos herzustellen. Um die notwendige E-Autotechnologie zu erlangen, sucht er darum den Umweg über Daimler. Mithilfe eines Aufsichtsratspostens hätte er die Möglichkeit, an wichtiges Know-how zu gelangen. Doch es muss gar nicht unbedingt ein Aufsichtsratsposten sein, die Beteiligung an Daimler eröffnet vielleicht andere Wege, um Zugriff auf die F&E-Ergebnisse des Konzerns zu erhalten. Li Shufu agiert dabei in einem juristischen Graubereich, wie die unerwartete Offenlegung eines 9,99-Prozent-Anteils der Aktien zeigt.

Im Februar 2018 verkündeten BAAIC und Daimler, gemeinsam 1,5 Milliarden Euro in einen neuen Standort in Peking zu investieren, um neue Mercedes-Modelle »Made in China for China« zu produzieren. Dies dürfte für viele Großunternehmen mit Präsenz in China ein neuer Fokus werden. Daimler, bei Premiumautomobilen hoch profitabel und inzwischen wieder global führend, sieht sich mit seinen Partnern für die Zukunftsfelder Elektromobilität, autonomes Fahren und Dienstleistungen gut aufgestellt. Dies ist auch notwendig, denn bislang fehlt Daimler im Vergleich zu BMW der Anschluss an die E-Mobilität. In der Kombination kann für Daimler eine große Chance liegen.

Die Einführung einer Elektroautoquote von 10 Prozent, die China bis 2019 plant, zeigt einmal mehr, wie sehr die Volksrepublik langfristig bestrebt ist, durch Industriepolitik und staatliche Eingriffe vorübergehend genutzte ausländische Technologie durch chinesische Technologie zu ersetzen. Zudem dürfte der Rückstand bei Verbrennungsmotoren kaum aufzuholen sein, die Konzentration auf E-Mobilität hingegen eröffnet für China die Chance, den Weltmarkt zu erobern, zumal deutsche Hersteller sich in diesem Punkt nur langsam entwickeln und bewegen.

Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey wurden im Jahr 2016 375 000 Elektroautos von chinesischen Firmen hergestellt. Dies bedeutet einen Anstieg um 43 Prozent in der Elektro-Automobilproduktion weltweit. Bereits im Jahre 2015 hatten die chinesischen Hersteller einen Weltmarktanteil von 40 Prozent. Damit sind auf Chinas Straßen weltweit die größte Anzahl von Elektroautomobilen unterwegs.

Das Land hat damit in dieser Hinsicht erstmalig die USA überholt. Schon 2013 war es der größte Automobilmarkt der Welt – und in anderen Branchen spielt sich Vergleichbares ab. Chinas Vorteil ist, zugleich der größte Absatz- wie der größte Herstellungsmarkt der Welt zu sein für ausgewählte Branchen, die sich in immer schnellerer Folge abwechseln. Im Jahr 2010 hat McKinsey einen Elektroauto-Index erschaffen und nationale Märkte im Hinblick auf Produktion und Nachfrage analysiert. Unter bestimmten Gesichtspunkten wurden im Jahr 2016 15 Länder aus allen Kontinenten untersucht. Sowohl auf der Produktions- wie auch auf der Nachfrageseite hat China bei weitem die Mitbewerber übertroffen.

Aber China zeichnet sich nicht nur durch die hohe Zahl verkaufter Elektromobile aus, sondern bietet auch eine enorme Bandbreite an verfügbaren Modellen. 24 neue Automodelle wurden allein 2016 im chinesischen Markt vorgestellt. Mittlerweile können chinesische Kunden zwischen über 75 verschiedenen Elektroautotypen wählen, weitaus mehr als in jedem anderen Land. Zudem gibt es Erleichterungen von staatlicher Seite: Die Zulassung von Neufahrzeugen ist seit mehreren Jahren stark beschränkt, um Emissionen zu reduzieren. Wer in China ein Auto kaufen will, muss an der staatlichen Kfz-Kennzeichen-Lotterie teilnehmen, um eine Zulassung zu gewinnen. Dies kann oftmals Jahre dauern. In einigen großen Städten wie Peking oder China sind Elektroautomobile von der Lotterie ausgenommen: Eine Zulassung ist ohne größere Umstände möglich.

Diese und ähnliche Erleichterungen sollen vor allem erstmalige junge Autokäufer zu E- Mobilen locken. Insgesamt addieren sich laut McKinsey die Steuervorteile und Nachlässe auf rund 23 Prozent des Gesamtpreises eines Elektroautos. Im Vergleich zu skandinavischen Ländern fallen die Beihilfen zwar niedriger aus – in Dänemark zum Beispiel betragen diese 49 Prozent, in Norwegen 45 Prozent –, doch sie sind höher als die Beihilfen, die in den USA (18 Prozent), Deutschland (13 Prozent) und Japan (10 Prozent) angeboten werden. Für die Zukunft hat die chinesische Regierung angekündigt, ab dem Jahr 2020 von Direktsubventionen langsam zu nichtmonetären Anreizen überzugehen.

Laut McKinsey ist es dennoch nur schwer abzuschätzen, wohin die Reise langfristig geht. Elektromobile machten 2016 nur 1,4 Prozent des chinesischen Marktes aus, in Norwegen hingegen waren es 24 Prozent. Auf der anderen Seite wird in China in die Infrastruktur investiert: 2016 gab es 107 000 offizielle öffentliche Ladestationen für Elektromobile, das bedeutet einen Anstieg von 118 Prozent gegenüber 2015.