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Zwei Obdachlose, ein Massenmörder und ein alter Mann. Sie alle treibt etwas, sie sind in Bewegung, haben 'Asphalt im Kopf'. Doch auch Asphalt bekommt mit der Zeit Risse. Dieses Ebook enthält die Geschichten DIE FÜNFTE JAHRESZEIT und ENTLANG DER STRAßE, sowie den dystopischen Thriller TURABIEN.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Andreas Schütte
Asphalt im Kopf
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Entlang der Straße
Anmerkung
Prolog
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Turabien
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Die fünfte Jahreszeit
Elf Worte
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Impressum neobooks
Eine Obdachlosennovelle
In Deutschland, einem sogenannten Wohlstandsland, gibt es etwa 300.000Obdachlose. Dauerhaft auf der Straße leben 20.000 bis 25.000 Menschen. Die Zahl der Straßenkinder liegt, nach vorsichtigen Schätzungen, bei 7.000. Für die kommenden Jahre wird ein deutlicher Anstieg erwartet.
Irgendein Arsch mit billigen Schuhen hatte Schwinge im Laufe des Vormittags ein angebissenes Brötchen überlassen. Er hatte es mit dem lauwarmen Kaffee, den die fette Blumenverkäuferin von gegenüber mit spendabler Geste gebracht hatte, heruntergespült. Das verschissene Stück Pappe, auf dem er saß, war vom Dauernieselregen durchgeweicht. Sein Tabak war krümelig, das Volk hier ganz allgemein zum Kotzen und trotzdem kam er jeden Tag wieder hierher auf den Holm, zum Betteln, betteln um ein paar Cent für eine ranzige Wurst vom Schlachter.
Kurt Schwinge, Schuhmachermeister aus Tangermünde an der Elbe, stierte vor sich hin. Er hob so gut wie nie den Blick, wozu auch, denn was gab es auf den Gesichtern schon zu sehen, außer den Masken lausiger Schauspieler. Das, was sich in Bodenhöhe bewegte, reichte außerdem völlig, nämlich massenhaft Schuhe, die nichts taugten. Er selbst, ein Landstreicher, trug besseres Schuhwerk als diese Penner, die den ganzen Tag wie Staubpartikel an ihm vorbeistoben.
So sah die Sache aus.
Manchmal kam es vor, dass sich ein Schwachkopf von einer Christensekte zu ihm niederkniete und anfing zu schwafeln. Er hörte dann eine Weile stumm zu, bevor er sein Gegenüber mit der unangenehmen Wirklichkeit bekannt machte:
„Hör zu, Junge, dein Jesus war nichts weiter als ein verlauster Wanderprediger, wie es sie vor- und nachher tausendfach gegeben hat. Zu unterschiedlichsten Epochen und in unterschiedlichsten Gewändern. Möglicherweise war er besonders Nerv tötend oder hat besonders viel herumgehurt, wer weiß das schon. Jedenfalls haben die Leute, die zu der Zeit das Sagen hatten, ihn und seine Bande irgendwann ans Kreuz genagelt. Das war in der Gegend damals üblich. Was er wirklich von sich gegeben hat, werden wir nicht mehr erfahren, vielleicht war es nicht schlecht, vielleicht ein Haufen Mist. Kommt es darauf an? Aber du kannst sicher sein, dass die Kirchenfuzzis es dutzendfach verändert und den eigenen Zwecken angepasst haben. Also hör auf mit dem Scheiß! Hast du was zu rauchen? Wenn nicht, dann verpiss dich!"
Auf derart gesunden Menschenverstand zu stoßen war irgendwie lähmend, es lähmte Zunge und Barmherzigkeit, und Schwinge blieb tabaklos zurück.
Auf der derben Holzplatte des Arbeitstisches lag neben Pechdraht und Locheisen ein ungeöffneter Haufen von Rechnungen und Mahnungen. In der Spüle türmte sich das Geschirr von Wochen. Das Feldbett in der Ecke der Werkstatt war ungemacht, und der Vogel im Käfig auf dem Kühlschrank tot. Im Geschäft, das nur durch einen braunen Vorhang vom fensterlosen Werkstattzimmer getrennt war, stand eine volkseigeneOkaRegistrierkasse. Sie war geöffnet und leer. Der abgetretene Dielenboden knarrte bei jedem Schritt, und durch das verdreckte Schaufenster drang trübes graues Licht in den Raum.
Es waren solche Bilder ausgesuchter Trostlosigkeit, die Kurt Schwinge in seinem Kopf festgehalten hatte. Sie waren dreizehn Jahre alt und halfen dabei, niemals mehr zurück zu wollen.
Er war damals die Elbe entlang flussabwärts gewandert. An der Stepenitz, irgendwo zwischen Wittenberge und Perleberg, wohnte sein Bruder auf einem heruntergekommenen Hof.
Rupert hielt sich mit der Entführung von Haustieren über Wasser, hatte dabei aber irgendwie die Übersicht verloren, oder die Geschäfte liefen schlecht, denn sein ganzes Anwesen wimmelte von mehr oder weniger frei herumstreunenden Viechern. Zur Begrüßung verbiss sich ein mürrischer Pudel in seiner Hose, der erst nach einigen kräftigen Hieben mit dem Wanderstock von ihm abließ. Im Haus war es auch nicht besser. Tierhaare bedeckten die Möbel und der Gestank von Exkrementen stach einem in die Nase.
„Mensch Rupert, wann haste denn hier das letzte Mal klar Schiff gemacht?"
Rupert hob in einer hilflosen Geste seine klobigen Hände und drehte sich wie zur Erklärung einmal um sich selbst.
„Mensch, willste nicht mitkommen?"
„Wohin denn, Kurt?"
„Weg."
„Und meine Geschäfte?"
„Deine Geschäfte scheißen dich zu."
Aber ganz so schlimm sah Rupert die Sache nicht und fing an irgendwas von einer alten Oma aus Stendal zu faseln, die er an der Angel hatte, und die für ihren dämlichen Rauhaardackel 200 Mark (Westmark, Kurt!) auf den Tisch zu legen bereit war, ihre gesamten Ersparnisse, und der Hamster dort oben auf dem Regal, angeblich eine mexikanische Wüstenmaus, war einem kleinen Kind aus Neuruppin so sehr ans Herz gewachsen, dass er aus den Eltern mindestens einen Hunderter herausholen würde.
Die Bemerkung seines Bruders, dass die Wüstenmaus leblos im Laufrad hing, machte Rupert dann aber wütend. Er würde ihm den geschäftlichen Erfolg nicht gönnen, heutzutage müsse man eben erfindungsreich sein, und überhaupt wären die Schlafgewohnheiten von Wüstenmäusen ganz und gar jenseits seines Schusterhorizonts, 'schuldigung, Ex-Schusterhor...Aaargh!!!
Unter der Sitzbank war ein schwarzes Karnickel herangesprungen und hatte die Gelegenheit genutzt, seine kariösen gelben Vorderzähne in Ruperts Hand zu schlagen.
Er sprang auf und versuchte Jockel, so der Name auf dem Halsband, abzuschütteln, aber das blöde Vieh ließ nicht locker. Rupert schrie und hüpfte im Kreis, schlug Jockel immer wieder mit der Faust auf den Kopf, doch dessen Kiefer gaben seine Hand nicht frei, sondern gruben sich noch tiefer in sie hinein, und erst als er den Tauchsieder, mit dem er gerade Wasser aufgekocht hatte, an den Hals des Tieres drückte, ließ der Nager los.
Während sein beknackter Bruder heulend und fluchend nach draußen stürzte, um aus dem Schuppen das Verbandszeug zu holen, war Kurt Schwinge aufgestanden und hatte, ohne sich noch einmal umzublicken, den Hof verlassen.
Bei Rupert waren Hopfen und Malz verloren.
Hinter Boizenburg überschritt er die ehemalige Zonengrenze und hatte das Gefühl, in ein fremdes Land zu kommen. An der Alten Salzstraße wandte er dann seinen Schritt nach Norden. Es war eine endgültige Bewegung, eine Bewegung weg vom Fluss, an dem er fast sein ganzes Leben verbracht hatte, eine Bewegung wie die eines Bauern aus der Grundstellung im Schach - einmal gezogen, bleibt nur der Weg nach vorn.
Seit dieser Bewegung hatte er das nordwestlichste Bundesland mehr als 20mal von Ost nach West und zurück durchmessen. Schräg nach vorn. Aus Deutscher Mark wurden Euro, er wanderte weiter. Als Flugzeuge in das World Trade Center krachten, befand er sich gerade in Kopendorf auf Fehmarn und besohlte die Schuhe des örtlichen Kaufmanns. New York befand sich für ihn genauso auf einem anderen Planeten wie Benzinpreise, Unterhaltszahlungen oder Steuerabgaben. Er wanderte weiter. Hatte alle seine Wanderwege auf einer Karte eingetragen. Diese Karte war übersät mit Zeichen, Markierungen und Abkürzungen, die nur er selbst verstand. Jede Zahl, jeder Buchstabe war verbunden mit einer Erinnerung oder einer Geschichte. Die Karte war zu seinem Tagebuch geworden, unlesbar für jeden anderen. Im Laufe der Jahre war der Winkel der Schrägnachvorn-Wanderungen stumpfer geworden, und trotzdem war es irgendwann soweit gewesen, er hatte den Rand erreicht. Der Rand, das war für ihn die Grenze zu Dänemark.
Und jetzt war er bereits zwei Monate in dieser windigen, hügeligen Stadt, länger, viel länger als jemals zuvor an einem Ort auf seiner Wanderschaft. Verweilen war ungesund, zersetzte Stimmung und Moral des Vagabunden, aber er wusste einfach nicht mehr, wohin er gehen sollte. Schwinge holte den Zeitungsausschnitt, den er in einem Briefumschlag verwahrte, aus seinem Rucksack. Dort stand:
Wanderer, deine Spuren sind der Weg, sonst nichts
Wanderer, es gibt keinen Weg, denn Weg entsteht im Gehen
Im Gehen entsteht der Weg
und schaust du zurück, siehst du den Pfad,
den du nie mehr betreten kannst
Dieser Machado hatte Recht. Zurückgehen war unmöglich, aber eine Spur treten konnte er auch nicht mehr, obwohl, dachte er, entsteht nicht auch ein Weg, wenn...
„Hier, damit du besser einschlafen kannst."
Ein gesichtsloser Partikel hatte ihm im Vorübergehen mit mildtätigem Armschwung eine Flasche Schnaps vor die Füße gestellt. Idiot. Alkohol widerte ihn an. Aber scheinbar glaubten die meisten dieser Billigschuhpenner, dass ein Nichtsesshafter zwangsläufig der Trunksucht erlegen sein müsse. Wie auch immer, mit dem Sprit neben dem Bettelbecher lief nichts mehr, es war Zeit zum Aufbrechen. Er hatte noch ein gutes altes Brot vom Bäcker und jede Menge Tee. In der Gruft im Christiansen Park würde er ein kleines Feuer machen und gemütlich zu Abend essen, während die Sesshaften sich vor lauter Langeweile dummglotzten, dummschwatzten oder dummsoffen. Ihm sollte es recht sein.
Er stieg die Treppen zum Museumsberg hinauf. Den Alkohol vermachte er einem Jugendlichen, der die Flasche blöde grinsend seinen Kumpels wie einen gewonnenen Pokal vor die Nase hielt.
„Wer ist da drinnen?"
Er hatte schon von weitem bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Die hüfthohe Tür zur Gruft war nur angelehnt, und als er jetzt davor stand, hörte er von drinnen ein Scharren.
„Wer will das wissen?" Eine Frauenstimme.
„Kurt Schwinge, Schuhmachermeister aus Tangermünde."
Pause.
„Und ich bin Hildegard von Bingen."
Schwinge bückte sich und öffnete die verrostete Tür. Weil der Sarkophag des phönizischen Seefahrers zur Restauration bei einem Steinmetz lag, bot das Innere der kleinen Gruft genug Platz für einen ausgestreckten Menschen. Der Erdboden war bedeckt mit Zeitungspapier, und am hinteren Wandende blickte ihm der Kopf einer bis zum Hals in Decken gewickelten Frau entgegen. Sie hatte leicht hervortretende helle Augen und strähniges schwarzes Haar. Ihr Alter war schwer zu schätzen, wahrscheinlich irgendwo zwischen 25 und 35, dachte er, je nachdem, wie lange sie schon auf der Straße lebte. Mit der Direktheit eines Menschen, der schon vor mehr als einem Jahrzehnt den Ballast der Sesshaften abgeworfen hatte, fragte er: „Hast du Läuse?"
Ihre Augen blitzten.
„Na klar, Schuhmacher. Pass auf, dass du nicht zu nah kommst, auf rotbärtige Penner stehen sie ganz besonders!"
„Hör mal zu, ich weiß nicht aus welchem Loch du gekrochen bist, aber genau dorthin solltest du dich ganz schnell wieder verdrücken, denn das hier ist m e i n Schlafplatz."
Schweigen. Reglosigkeit. Stures Starren. Zwei Meter feuchte Luft zwischen zwei Augenpaaren. Plötzlich wurde es wieder heller in der Grabkammer. Schwinge hatte seinen massigen Körper zur Seite gehievt und in Richtung Parkausgang gesteuert. Er wollte in der Nähe der alten Kapelle nach einem halbwegs wettergeschützten Unterschlupf suchen.
„Morgen bist du weg!" rief er noch. Seltsamerweise wusste er schon nach wenigen Schritten nicht mehr, ob die Worte wirklich seinen Körper verlassen hatten, oder ob er sie nicht im Gedanken an sich selbst gerichtet hatte.
Verena Lorke atmete durch. Der alte Penner schien verschwunden zu sein. Auseinandersetzungen um trockene Schlafplätze waren an der Tagesordnung, wenn man Platte machte. Ihre Hand unter der Decke hielt immer noch die Dose mit dem Reizgas umklammert. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Verena Lorke das Spray benutzte.
Sie stammte aus Rotenburg an der Wümme, einer toten Kleinstadt in der niedersächsischen Tiefebene. In diese Stadt, oder die Gegend überhaupt, hatte sie allerdings seit zehn Jahren keinen Fuß mehr gesetzt, seit dem Tag, an dem sie mit fünfzehn von zu Hause abgehauen war, weg von Papa und dem ewigen Spermaschlucken.
Die nächsten sieben Jahre hatte sie auf dem Straßenstrich in Hamburg gearbeitet, immer wieder unterbrochen von Aufenthalten in Heimen oder Wohngemeinschaften für betreute Hoffnungslosigkeit, wie Verena es selbst nannte.
Obwohl sie mehr Schwänze in ihre Körperöffnungen aufgenommen hatte, als die gesamte weibliche Bevölkerung von Rotenburg zusammen, konnte sie trotzdem niemals genug Geld beiseitelegen, um einen Absprung zu schaffen, denn ihre wechselnden Zuhälter steckten den Großteil ihres Verdienstes in die eigenen Taschen. Wenn sie es dennoch wagte, zumindest einen kleinen Teil für sich zu behalten, wurde sie, wie zuletzt von Luca, halb totgeschlagen.
Immerhin hatte diese letzte Prügel zur Folge gehabt, dass sie sich endlich von ihrem Job und aus der Stadt verabschiedete. Zusammen mit ihrer Freundin Iris, die auch als Prostituierte gearbeitet hatte, war sie nach Lübeck gefahren. Sie wollten beide neu anfangen und die Vergangenheit hinter sich lassen. In der gemeinsamen Zweizimmerwohnung nahe der Altstadt war Iris jedoch bald wieder in die alten Gewohnheiten zurückgefallen, und neben wahllosem Einwerfen von Tabletten und Pillen war das vor allem Ausschau halten nach Freiern. Verena hingegen hatte keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß und wollte sich nach ein paar Monaten WG mit Iris eine eigene Wohnung nehmen, scheiterte aber an den bürokratischen Hürden – Wo haben Sie zuletzt gelebt? Wie haben Sie denn all die Jahre Ihr Einkommen bestritten? Und gibt es Nachweise darüber?
Sie hatte keine Lust auf diese Fragen zu antworten, sie hatte keine Lust zu erklären, warum sie lebte, aber in das Milieu aus dem sie kam, wollte sie auch nicht mehr. Nie mehr.
Es musste doch noch etwas Anderes im Leben geben, als von alten, stinkenden Männern gefickt zu werden. Und auch wenn es das nicht gab, sie war draußen, Punkt. Sie machte das Scheißspiel nicht mehr mit. Sollten die Arschficker es sich doch selbst besorgen.
An einem verregneten Junimorgen, Iris lag vollgedröhnt auf der Couch im Wohnzimmer und faselte irgendetwas von Kuba, hatte Verena ihre Wanderschuhe geschnürt, den Rucksack über die Schulter geworfen und war los gegangen, einfach los und weg, auf die Straße und aus der Stadt, und sie fühlte sich gut dabei, sehr gut, und auch wenn sie wusste, dass dieses beschwingte Gefühl nur vorübergehend sein konnte - oder gerade weil sie das wusste - platzte ihr Herz bei jedem Schritt fast vor Freude.
Sie hatte sich schon immer gerne bewegt, war im Sportunterricht auf der Schule eine der besten gewesen, und hätte auch gerne in einem Sportverein Leichtathletik betrieben, doch ihr Vater hatte es ihr verboten, wie er überhaupt ängstlich darauf achtete, dass Verenas soziale Kontakte nur sehr oberflächlich blieben. Je weniger Gelegenheiten es gab, dass sie sich verplapperte, umso besser. Der alleinerziehende Akademiker Hans-Jürgen Lorke steckte seiner Tochter Verena nämlich regelmäßig seinen Schwanz in den Mund und in den Arsch. Und zwar seitdem sie fünf war (Komm, mein Engel, lutsch ein bisschen an Papis Freund, das macht ihn glücklich, und Papi auch!).
Als Verena elf war, hatte der Vater sie entjungfert, doch weil er nicht an sich halten konnte und Angst hatte, seine Tochter irgendwann zu schwängern, fickte er sie meistens in die anderen Körperöffnungen.
Lange Zeit hatte Verena geglaubt, dass das, was ihr Vater in dem Einfamilienhaus mit ihr machte, völlig normal wäre. Bei der bigotten Nachbarschaft war Hans-Jürgen Lorke wegen seiner Hilfsbereitschaft und Offenheit sehr beliebt. Und wenn jemand den CDU-wählenden Nachbarn erzählt hätte, dass seine entspannte Zufriedenheit lediglich daher rührte, weil er Tag für Tag seiner minderjährigen Tochter in den Mund spritzte, sie hätten diesen Jemand mit Knüppeln aus ihrer Idylle gejagt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Erst als Verena sich mit zwölf einer Freundin anvertraute, die vorher hoch und heilig schwören musste, niemandem ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen, erst als sie die ungläubig schockierte Reaktion im Gesicht dieser Freundin sah, begann sie zu ahnen, dass das, was im Hause Lorke vor sich ging, ganz und gar nicht normal war.
Doch einstweilen stand sie noch im Bann ihres charismatischen Vaters. Den sie liebte. Ja, liebte. Wem sollte sie versuchen, das zu erklären?
In der Schule kapselte sich die Zwölfjährige immer mehr von ihren Mitschülern ab. Ihre Noten wurden schlechter, bis sie so schlecht wurden, dass sie mit vierzehn das Gymnasium verlassen musste und auf eine Realschule versetzt wurde. Das Umfeld machte für den Abfall der Leistungen das Einsetzen der Pubertät verantwortlich, möglicherweise auch das Fehlen einer Mutter oder weiblichen Bezugsperson, keinesfalls aber hielt man es für möglich, dass der sympathische und fürsorgliche Vater etwas damit zu tun haben könnte.
Vielleicht wäre diese inzestuöse Beziehung auch noch viele weitere Jahre unentdeckt geblieben, wenn Hans-Jürgen Lorke sich nicht eines Tages verliebt hätte.
Verena fröstelte. Es war bereits Ende April, doch seitdem sie auf der Straße lebte, fror sie eigentlich ständig, vor allem natürlich, wenn der Abend und die Nacht hereinbrachen. Die Kälte kam von innen und war ein enger Verwandter des ewigen Hungers.
Jetzt waren es bald zwei Jahre her, dass sie Lübeck verlassen hatte. Während des ersten Winters hatte sie noch Geld gehabt und konnte sich ein- bis zweimal in der Woche eine Herberge oder ein billiges Hotel leisten. Trotzdem war es hart gewesen, jedoch nichts im Vergleich zum zweiten Winter. Da sie die Obdachlosenasyle aus Angst vor Übergriffen mied, blieben nur irgendwelche Unterstände wie Bushaltestellen oder Hauseingänge. Oder so eine Erdhöhle wie die, in der sie jetzt saß. Verena Lorke nahm ihre Thermoskanne und schenkte sich einen sparsamen Schluck des heißen Tees ein, den sie zusammen mit zwei Wurstbroten von der Bahnhofsmission bekommen hatte. Fast wie Weihnachten heute, dachte sie, und beobachtete ohne Abscheu eine Wanze und eine Spinne, die sich ein Wettrennen über ihre Decke lieferten. Wanzen hatte sie schon gegessen, zwar nicht roh, aber über einer Flamme auf dem Teelöffel geröstet. Hunger beseitigt schneller Vorurteile als alles andere.
Umweltnazis, verfluchte! Der starke Verkehr auf dem Viadukt machte Schwinge rasend. Er versuchte durch die Nase zu atmen, und wenn ein Bus oder Laster vorbeiröhrte, hielt er für einen Moment die Luft an, versuchte den Augenblick abzupassen, in dem die Abgaswolke ihn erfassen würde. Das klappte aber nur selten, und wenn er dann wieder Sauerstoff brauchte, konnte er nicht mehr ruhig durch die Nase atmen, sondern musste mit geöffnetem Mund kräftig durchatmen, und schon war noch mehr Dreck in seinen Lungen.
Die Autofahrer, die aus ihren klimatisierten Fahrkabinen einen neugierigen Blick auf die merkwürdige Erscheinung am Straßenrand warfen, hielten sein gerötetes Gesicht für eine Folge des kalten Ostwindes, gegen den er sich stemmen musste, und der schon seit einigen Tagen wehte.
