Der Himmel über Kopenhagen - Andreas Schütte - E-Book

Der Himmel über Kopenhagen E-Book

Andreas Schütte

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Beschreibung

Richard Plonker lebt allein und zurückgezogen in einem Mietshaus. Seine Umwelt betrachtet der alte Mann mit Distanz und Verachtung. Nach einem Streit mit seiner tschetschenischen Haushaltshilfe und dem sexuellen Übergriff einer Nachbarin, kommt unerwartet noch einmal Bewegung in sein erstarrtes Dasein. Plonker bricht auf zu einer Reise nach Kopenhagen, um die Frau zu suchen, die ihn vor dreißig Jahren verlassen hat... "Die große Kraft von Der Himmel über Kopenhagen ist, auf wenigen Seiten ein Maximum zu beschreiben, einen ganzen Roman um ein Leben. Ich schwanke; einerseits hätte ich sehr gern mehr von Richard Plonker gehabt, andererseits liegt die Kunstfertigkeit in der Kürze. Ich muss nochmal kurz über das Ende sprechen: Grandios. Mit allem hätte ich gerechnet, aber das...Bin Beeindruckt." (Tania Folaji auf wasliestdu.de) Eine ungewöhnliche und doch auch alltägliche Geschichte, die bei ihrem ersten Erscheinen im Herbst 2013 von Kritikern und Lesern gleichermaßen gelobt wurde.

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Seitenzahl: 70

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Andreas S. Hansen

Der Himmel über Kopenhagen

Eine Novelle

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Elf Worte

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Impressum neobooks

Elf Worte

Irgendwann hört man auf zu altern. Dann verwittert man nur noch.

1

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Geht es Ihnen gut? Soll ich vielleicht ein Taxi rufen?“

Sie redet laut, schreit fast, beugt sich zu mir hinunter, auf ihrer Zunge glänzt etwas Metallisches.

„Herr Plonker?“

Ich hasse es, wenn die Leute mich wie einen Beschränkten behandeln. Ich bin weder schwerhörig noch begriffsstutzig, nur müde. Wie alt mag sie sein? Wahrscheinlich irgendwo zwischen zwanzig und vierzig. Je älter man wird, umso schwerer ist das Alter anderer zu schätzen. Das muss an der Entfernung liegen.

„Ich will mich nur ein wenig ausruhen“, sage ich betont leise.

„Tun Sie das, Herr Plonker“, schreit sie. „Möchten Sie ein Glas Wasser?“

Eher einen Kognak, denke ich und schüttele den Kopf. Die Metallzunge entfernt sich und geleitet den nächsten Patienten zu K., dem alten Quacksalber. Der hatte mir vor einer Viertelstunde eröffnet (na Plonker, wie geht es uns denn?), dass ich das Herz eines jungen Stieres hätte, meine Blutwerte die eines sechzigjährigen wären und alles Übrige eben natürlicher Verschleiß sei. Mein Gott, Plonker, Sie sind dreiundachtzig, was erwarten Sie denn? Das ist eine gute Frage, dachte ich, und nahm mir vor, sie in der Abgeschiedenheit meiner Dreizimmerwohnung zu beantworten. K. drückte mir sieben Rezeptzettel in die Hand und wünschte mir einen schönen Tag. Nicht das erste Mal hatte ich mich gefragt, wie die Apothekerin es fertigbrachte, die schlampige, völlig unleserliche Handschrift von K. zu entziffern, oder ob sie einfach nur raten würde.

„Geht es Ihnen wieder gut?“ Die Metallzunge.

Ich stütze mich auf den Krückstock und hieve mich langsam in die Höhe. „Mir ging es niemals besser“, antworte ich und zottle zum Ausgang.

„Auf Wiedersehen, Herr Plonker!“ Hoffentlich nicht, denke ich, und um einen Gruß anzudeuten, hebe ich leicht den Stock. Mit trippelnden Schritten erreiche ich den Fahrstuhl. Ein junger Stier, ha!

Die Apotheke ist im selben Gebäude. Mit lauter Stimme erklärt mir die Angestellte, wie ich die Medikamente anzuwenden habe. Ich stelle mich taub, gebe vor mein Hörgerät zu Hause vergessen zu haben, und es macht mir Freude zu sehen, wie diese Pillenhändlerin die Beherrschung verliert, ihre Halsschlagadern anschwellen, sie wild mit den Händen gestikuliert und schließlich kapituliert, indem sie alle Schachteln in eine kleine Tüte stopft und mich zur Tür hinauskomplimentiert.

Das sind die Momente, in denen ich fühle noch zu leben.

2

Ich fahre mit dem Bus bis zum Bahnhof. Als ich aussteige, murren die jungen Leute hinter mir ungeduldig, es geht ihnen zu langsam. Um zu meiner Wohnung zu gelangen, muss ich eine kurze, aber steile Serpentine hinauf. Das dauert lange, denn meine Pumpe braucht immer mal wieder eine Pause. Ich nehme an, dass ich irgendwann einmal auf dieser steilen Rampe zusammenbrechen und sterben werde, den Blick auf die Gleise des Bahnhofs gerichtet. Vielleicht fährt dann gerade ein Zug ab, nach Norden oder nach Süden, es spielt keine Rolle.

Meine Wohnung liegt im ersten Stock eines Mietshauses, das älter als ich ist. Ich lebe hier seit fast einem halben Jahrhundert, drei Zimmer mit Küche und Bad, mal geteilt mit einer Frau, doch meistens allein. Die Möbel sind so alt, dass sie schon wieder modern sind. Solange ich an einem Tisch essen, auf einem Stuhl sitzen und in einem Bett schlafen kann, mache ich mir über etwas Neues keine Gedanken. Veränderungen gibt es in der Welt da draußen schon genug, hier bleibt alles wie es ist.

Heute ist Mittwoch. Das ist der Tag an dem Olga kommt. Sie macht einmal die Woche die Wohnung sauber. Sie kommt aus dem Kaukasus, ich habe den Namen des Landes vergessen, und beherrscht die deutsche Sprache nur sehr mangelhaft. Da sie nur acht Euro die Stunde nimmt, habe ich mir die Mühe gemacht ein paar russische Wörter zu erlernen. Unmissverständliche, notwendige Worte wieNjelsja!Was so viel wieDarf nicht!heißt.

Njelsja das abgewaschene und abgetrocknete Geschirr in den Schrank stellen! Zum Beispiel. Das mache ich nämlich lieber selbst. Ich glaube, sie ist ziemlich beeindruckt von dem älteren deutschen Herrn, denn sie schaut mich jedes Mal mit großen, ängstlichen Augen an, wenn ich eine meiner Anordnungen erteile. Was aber inzwischen nur noch sehr selten sein muss, weil Olga lernfähig und aufmerksam ist.

Es klingelt. Ich schlurfe zum Türöffner. Challo Cherr Plonker. Guten Tag Olga. Sie zieht ihre Schuhe aus und begibt sich in die Küche. Ich setze mich an den Küchentisch und gebe vor Zeitung zu lesen. Ich mag es, sie beim Spülen zu beobachten, niemals sonst ist mir ein junger Mensch so nahe, und jung ist sie, sogar sehr jung. Laut ihrer Ausweisersatzpapiere, die ich mir von ihr habe vorlegen lassen, wurde sie am 15.Mai 1961 in Grosny geboren. Sie ist also heute zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Was habe ich getan, als ich zweiundfünfzig war? Das ist so lange her, es scheint fast in einem anderen Leben gewesen zu sein.

Während Olga Teller mit verkrusteten Essensresten einweicht, suche ich in meinem Kopf nach der Schublade mit der Aufschrift1982. Vor einigen Jahren habe ich angefangen diese Schubladen in meinem Kopf anzulegen, um Erinnerungen und Bilder, welche noch nicht verloren gegangen waren, festzuhalten. Einige dieser Schubladen sind leer, vollkommen leer, aber in der aus dem Jahr 1982 finde ich etwas. Finde ich jemanden: Michael. Der Junge war ein Träumer, hat in seiner Jugend zu viel Jack London gelesen und bekam irgendwann die fixe Idee, am härtesten Hundeschlittenrennen der Welt von Anchorage nach Nome teilzunehmen. Als er im Dezember 1981 nach Alaska flog, war er gerade einundzwanzig Jahre alt. Ein paar Monate später wurde er für tot erklärt, obwohl man seine Leiche nie gefunden hat. Den Schlitten und das Hundegespann schon, aber nicht ihn. Die Suchtrupps hatten nach zehn Tagen und starkem Schneefall aufgegeben. Seine Mutter gab mir die Schuld, so wie sie es immer tat, weil ich den Jungen angeblich zu hart angepackt hatte. Als ob er Jack London und seinen Träumereien nicht erlegen wäre, wenn ich ihn als Kind weniger oft gezüchtigt und bestraft hätte!

„Cherr Plonker?“

„Ja, Olga?“ Ich habe es aufgegeben von ihr die richtige Aussprache des Buchstaben H zu fordern. Einige Sachen lernen diese Russen nie.

„Teller hat kaputt.“ Sie hält mir einen Teller vors Gesicht. Er hat einen Sprung. Ich spüre, wie Zorn in mir aufwallt.

„Verdammt, Olga, können Sie nicht aufpassen? Ich werde das von Ihrem Lohn abziehen!“ Geburtstag hin oder her, Ordnung muss sein, weshalb sonst, wenn nicht wegen seines korrekten Verhaltens, ist der Deutsche in der ganzen Welt so geachtet.

„Nicht ich, nicht ich!“, stammelt Olga.

„Ach so, dann war’s wohl der Weihnachtsmann?“ Olgas Gesichtsfarbe verfärbt sich dunkel. Ich halte das für ein Schuldeingeständnis und werde milder: „Hören Sie, mein liebes Mädchen, ich weiß sehr wohl, dass Sie heute Geburtstag haben, deshalb schlage ich Ihnen vor, dass Sie Ihre Hausarbeit jetzt wie immer gewissenhaft erledigen und danach, als Wiedergutmachung, das Treppenhaus reinigen, das gesamte. Wir wollen dann die Sache mit dem Teller vergessen.“ Meine Stimme hat eine gutturale Tonlage erreicht.

„Und Lohn?“, fragt sie.

„Lohn gibt es heute keinen.“

Erstaunt sehe ich, wie Olga ihre Schürze wutentbrannt auf den Küchenboden schleudert und in einen Wortschwall einer mir unbekannten, barbarischen Sprache ausbricht. So kenne ich Olga gar nicht. Ich bin entsetzt. Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit, denke ich, und klammere mich fester an meinen Stock, denn meinen trüben Augen ist nicht entgangen, dass sie in einer ihrer fuchtelnden Hände ein Kartoffelschälmesser hält, welches sie gerade in Begriff war abzutrocknen.

„Ich weiß ja nicht, wie das in Russland ist…“, beginne ich.

„Ich nicht Russe, ich Nochtscho, Nochtscho!“, sagt sie heftig und schlägt sich dabei mit der messerlosen Hand auf die Brust, während die Klinge des kleinen, aber scharfen Messers in den Strahlen der durch das Fenster hereinfallenden Mittagssonne aufblitzt. Möglicherweise sterbe ich doch nicht auf der verfluchten Rampe, geht es mir durch den Kopf, und überrascht bemerke ich, dass ein Gefühl, das ich schon gar nicht mehr kannte, am Knochengerüst meines Altmännerkörpers entlangtastet: Angst.