Assassin's Breed - Veit Beck - E-Book

Assassin's Breed E-Book

Veit Beck

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Beschreibung

Sein Geschäftsmodell ist innovativ, die Geschäfte laufen gut. Erpressung, Sachbeschädigung, Körperverletzung und sogar Mord gehören zu seinem Dienstleistungsangebot. Ausgeführt von einer Gemeinschaft aus willigen Jugendlichen, die er über Gamingplattformen identifiziert und mittels des Darknet rekrutiert und organisiert. Verschwiegenheit und Gehorsam sind die Eckpfeiler seines boomenden Geschäfts. Doch unmittelbar, nachdem eine auf Cyber-Crimes spezialisierte Einheit des BKA die Ermittlungen übernommen hat, zerstören Mitglieder der Gemeinschaft der Assassinen bei der Durchführung eines Auftrags unwissentlich einen Club der russischen Mafia. Nun haben sie einen weiteren Verfolger. Einen, der sich an keine Regeln hält und mit Methoden wie Entführung, Folter und Mord arbeitet. Methoden, auf die die Gemeinschaft nicht vorbereitet ist. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Assassin’s Breed

Tödliches Spiel

Ein Kriminalromanvon

Veit Beck

Veit Beck

Assassin’s Breed

Kriminalroman

Cover: Veit Beck • www.veitbeck.de

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte vorbehalten!

© 2020

Impressum

ratio-books • 53797 Lohmar • Danziger Str. 30

[email protected] (bevorzugt)

Tel.:(0 22 46) 94 92 61

Fax:(0 22 46) 94 92 24

www.ratio-books.de

ISBN E-Book 978-3-96136-078-9

ISBN Print 978-3-96136-077-2

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Kapitel 98

Kapitel 99

Kapitel 100

Kapitel 101

Kapitel 102

Kapitel 103

Kapitel 104

Kapitel 105

Kapitel 106

Kapitel 107

Kapitel 108

Kapitel 109

Kapitel 110

Kapitel 111

Kapitel 112

Kapitel 113

Kapitel 114

Kapitel 115

Kapitel 116

Kapitel 117

Kapitel 118

Kapitel 119

Kapitel 120

Kapitel 121

Kapitel 122

Kapitel 123

Kapitel 124

Kapitel 125

Kapitel 126

Kapitel 127

Kapitel 128

Kapitel 129

Kapitel 130

Kapitel 131

Kapitel 132

Kapitel 133

Kapitel 134

Kapitel 135

Kapitel 136

Kapitel 137

Kapitel 138

Kapitel 139

Kapitel 140

Kapitel 141

Kapitel 142

Kapitel 143

Kapitel 144

Kapitel 145

Kapitel 146

Kapitel 147

Kapitel 148

Kapitel 149

Kapitel 150

Kapitel 151

Kapitel 152

Kapitel 153

Kapitel 154

Kapitel 155

Kapitel 156

Kapitel 157

Kapitel 158

Kapitel 159

Kapitel 160

Kapitel 161

Kapitel 162

Kapitel 163

Kapitel 164

Kapitel 165

Kapitel 166

Kapitel 167

Kapitel 168

Kapitel 169

1.

Strecker saß grinsend auf der Couch. „Das ist nicht Dein Ernst. Ausgerechnet ich? Da ist wohl einem der Kollegen in der Verwaltung eine Verwechslung unterlaufen?“

„Nein“, antwortete Kriminalrat Brandt. „Das ist keine Verwechslung. Und ich muss es wissen. Genau genommen, war es meine Idee, die zu dem Angebot geführt hat. Also, was meinst Du?“

„Dass das eine Schnapsidee ist“, antwortete Hauptkommissar Strecker. „Was soll ich da? Ich bin seit über 30 Jahren hier in Köln. Und habe nur noch ein paar Jahre. Was soll ich auf meine alten Tage noch bei diesen Technik-Freaks? Von dem ganzen Kram verstehe ich nichts. Und ich will es auch gar nicht mehr verstehen. Die können mich doch gar nicht gebrauchen. Und ich brauche die übrigens auch nicht.“

„Bernd“, setzte der Kriminalrat nach. „Du hast doch früher schon einmal mit den Kollegen zusammengearbeitet. Und sie dabei wirklich beeindruckt. Mich im Übrigen auch. Und wenn Du ehrlich bist, warst Du doch damals auch der Ansicht, dass sie es nur mit ihren, sagen wir, modernen Mitteln, nicht geschafft hätten. Dass es ohne Instinkt nicht geht. Deshalb wärst Du eine Bereicherung für sie.“

„Das …“, setzte Hauptkommissar Strecker zur Gegenrede an, wurde aber sofort vom Kriminalrat gestoppt.

„Nein Bernd, ich bin noch nicht fertig. Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich uns die andere Seite der Argumentation ersparen könnte, aber offenbar geht das nicht. Die Alternative ist Deine Versetzung in den Innendienst oder den vorzeitigen Ruhestand. Hier in Köln gibt es keinen Kollegen mehr, der bereit wäre mit Dir zu arbeiten. Also stellt sich für Dich nur die Frage nach einem neuen Anfang oder einem Ende. Ein schnelles durch den Ruhestand oder ein quälend langes im Archiv. Ich hatte gehofft, Dir das mit meinem Vorstoß ersparen zu können. Es liegt nun an Dir. Du wirst Deinen Schreibtisch hier räumen müssen. Die Entscheidung ist gefallen. Aber wohin es geht, das liegt an Dir.“

„Das ist dann also das Ende? Nach so vielen Jahren?“, erwiderte Strecker in einem Tonfall, irgendwo zwischen Wut und Resignation.

„Es kann auch ein Anfang sein“, setzte Kriminalrat Brandt nach. „Bernd, hör zu. Ich mache Dir jetzt einen Vorschlag. Du versuchst es. Du wirst noch nicht versetzt, wir stellen Dich noch einmal ab. Für etwa drei Monate. Danach kannst Du Dich entscheiden, ob Du dort weitermachen willst oder wir wirklich das Ende einleiten. Aber Deinen Schreibtisch musst Du räumen. Dein Nachfolger wird in wenigen Tagen seinen Dienst antreten.“

„Na gut“, resignierte der Hauptkommissar. „Wann soll ich bei den Technokraten anfangen?“

„Morgen“, antwortete sein Vorgesetzter. „Sie haben einen dringenden Fall, bei dem Sie Deine Hilfe gut gebrauchen können. Für die, nennen wir sie Probezeit, werden sie Dir eine Wohnung in der Umgebung von Meckenheim stellen. Bitte räume Deinen Schreibtisch noch heute Nachmittag aus. Und falls Du keine Verwendung für die angebrochene Flasche Wodka haben solltest, kannst Du sie mir ruhig hochbringen. Ich habe auch meine schweren Tage. Bernd! Das ist eine Chance. Das wird Dir guttun.“

„Auf jeden Fall ist es gut für Dich“, sagte er dem Kriminalrat, während er sich erhob und grußlos den Raum verließ.

2.

Er erinnerte sich nur lückenhaft. In dem Trubel war er von den anderen getrennt worden. Plötzlich war er allein gewesen, inmitten des Chaos, das sie angerichtet hatten. Bei jedem Schritt knirschte das Glas unter seinen Füßen, vor jedem Schritt musste man aufpassen, um nicht über einen umgestoßenen Tisch oder Stuhl zu stolpern. Das alles machte seine Flucht noch schwieriger. Das Ausweichen machte ihn langsamer und das Knirschen leichter auffindbar. Zwar waren die meisten Lampen zerstört worden, doch das restliche Licht hatte ausgereicht, um zusammen mit dem Geräusch jeden Schrittes, den Verfolgern ein deutliches Ziel zu bieten. Und auch er hatte sie deutlich erkennen können. Sie förmlich spüren können, wie sie ihm im Genick saßen, näher gekommen waren und etwas in ihm hervorgerufen hatten, was er nicht erwartet hatte, was er nicht hatte zulassen wollen. Er hatte Angst gehabt. Ob ihn die Angst abgelenkt hatte oder er sich einfach zu lange umgedreht hatte, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Daran, dass er völlig unvorbereitet in etwas Weiches gelaufen war, daran erinnerte er sich aber noch sehr genau. An mehr allerdings nicht, denn gleich darauf war es dunkel geworden, stockdunkel. Jedes Gefühl war weg gewesen, auch die Angst.

Jetzt war sie aber wieder da. Die Angst. Obwohl es sich für ihn nicht geziemte. Nicht für einen seines Standes, für einen seiner Position. Angst kann man bekämpfen, Angst kann man besiegen, Angst muss man besiegen. Das hatte man ihn gelehrt. Und er hatte das geglaubt, er hatte es geschafft. Auch daran hatte er geglaubt. Aber offenbar hatte er sich geirrt. Das wusste er jetzt, wo er allein war mit seiner Angst in der Dunkelheit. Er fror, saß irgendwie fixiert auf einem Stuhl, konnte die Füße und die Hände nicht bewegen. Sein Hintern schmerzte, im Schritt war es feucht. Hoffentlich hatte er sich nicht eingenässt. So war er aufgewacht, so wartete er nun bereits seit einer Ewigkeit in der Dunkelheit, die Stille nur unterbrochen von seinem Schluchzen und seinen Atemgeräuschen. Gut, dass ihn sein Meister und seine Kameraden nicht sahen. Sie hätten sich noch mehr für ihn geschämt, als er sich seiner selbst schämte.

Was war das? Das Krächzen der sich öffnenden Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf, Hoffnung flammte auf, um gleich wieder zu erlöschen, als er sah, wie sich eine Gestalt im Türrahmen aufbaute. Sie war, gegen das aus dem Raum hinter der Tür scheinenden Licht, zwar nur als Schatten zu erkennen, aber dass sie eine Art Kapuze trug, war deutlich genug zu sehen. Das war kein Retter, das war eine Bedrohung. Die Hoffnung war wieder weg, die Angst hatte sie verdrängt, denn die war wieder da.

„Na? Aufgewacht?“, rief die Gestalt, während sie den Raum betrat und sich kurz nach rechts wandte. Unmittelbar darauf begann ein Flackern an der Decke, dass sich schnell in ein grelles Licht verwandelte. Unwillkürlich musste er, geblendet von der plötzlichen Helligkeit, die Augen schließen. Als er sie nur wenige Sekunden später wieder öffnete, immer noch gegen die Helligkeit anblinzelnd, stand die Gestalt auch schon vor ihm. Und zwei weitere Maskierte, die unbemerkt von ihm ebenfalls in den Raum gekommen waren.

Er fühlte sich bedroht, wagte es nicht den Maskierten in die Augen zu sehen, sondern blinzelte, den Kopf gesenkt nach links und rechts. Der Raum schien fensterlos, die Wände kahl und leer, lediglich rechts von ihm war ein Regal an der Wand befestigt, unter dem ein langer Tisch längs an der Wand stand. Als sein Blick zurückkehrte, auf den Boden unmittelbar vor seinen Füßen, registrierte er noch, dass seine Arme an den Handgelenken an die Stuhllehne gefesselt waren. Seine Fußgelenke konnte er nicht sehen, er wusste aber auch so, dass sie wohl an den Stuhlbeinen fixiert waren. Seine erfolglosen Versuche Hände und Füße zu bewegen, bestätigten seine Eindrücke und Vermutungen.

Plötzlich verspürte er eine Berührung. Den Druck einer Fingerspitze unter seinem Kinn. Zuerst ganz leicht, dann fester, sodass er schließlich gezwungen war den Kopf zu heben und die vor ihm stehende Gestalt anzublicken.

„Bist Du denn gar nicht neugierig?“, fragte die Gestalt, als sie Augenkontakt hatten. Das war gar keine Frage, jedenfalls wartete der vermummte Mann keine Antwort ab, bevor er fortfuhr. „Wir sind neugierig. Darauf, was Du uns jetzt gleich erzählen wirst. Insbesondere interessieren wir uns dafür, wer Dich überredet hat unseren Club zu überfallen. Und warum Ihr das gemacht habt? Und natürlich wollen wir auch wissen, wer die anderen waren. Willst Du uns das erzählen?“

„Nein“, antwortete er. Nicht leise, sondern überraschend fest und deutlich, allerdings begleitet von einem kräftigen Schlucken.

„Nein?“, fragte der Maskierte überrascht nach. Wegen der Maske konnte man sein Lächeln nicht erkennen, aber alle im Raum schienen es zu spüren. „Nein?“, wiederholte der Mann, wobei er sich zu den anderen Maskierten umdrehte und die Arme in die Höhe hob.

Für einen Moment war er stolz auf sich. Das hätte ihm niemand zugetraut, das hätte er sich selbst nicht zugetraut. Sein Meister wäre stolz auf ihn.

Doch das Gefühl war kurz, denn als die drei Maskierten in Gelächter ausbrachen, kamen ihm Zweifel. Ob Stolz die richtige Reaktion und ob „Nein“ die richtige Antwort gewesen war.

„Das ist gut. Das ist sehr gut“, antwortete der Maskierte. „Denn darauf sind wir vorbereitet. Nicht wahr?“ Bei dieser Bemerkung drehte er sich wieder zu seinen beiden Kumpanen um, wobei er einem von den beiden leicht zunickte. Dieser setzte sich in Bewegung und ging zwei bis drei Schritte, bis er den Tisch unter dem Regal erreichte und sich an einem kleinen Kasten zu schaffen machte.

Erst jetzt bemerkte er ein Kneifen an seinen Brustwarzen. Und die Kabel, die zu dem Kästchen führten. Aber bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein jäher Schmerz aus allen Gedanken. Er bäumte sich auf, soweit die Fixierung seiner Glieder dies zuließ. Als der Schmerz langsam abebbte, bemerkte er Blut in seinem Mund. Und Schmerzen. Er hatte sich auf die Zunge gebissen.

„Stopp!“, rief der direkt vor ihm stehende Maskierte. „Wir müssen noch einige Vorkehrungen treffen. Ohne Zunge kann er uns nichts mehr sagen. Und er wird uns viel erzählen wollen. Mehr als uns interessieren wird.“

Wieder wurde er am Kopf gepackt, sein Kopf nach oben gedrückt und sein Mund durch einen leichten Druck auf seine Wangenknochen geöffnet. Bevor er etwas sagen konnte und er wollte eigentlich unbedingt etwas sagen, spürte er schon, wie etwas Weiches in seinen Mund geschoben wurde. Reflexartig versuchte er das Material auszuspucken, hatte aber keinen Erfolg, weil sich irgendetwas gegen seinen Mund presste.

Der Maskierte hielt seine linke Hand über den Mund des Gefangenen, während er mit seiner rechten fordernd in Richtung seiner Kumpanen wedelte. Es dauerte nur Augenblicke, bis ihm der noch hinter ihm stehende Kumpan eine Krawatte in die freie Hand drückte. Diese fixierte der Maskierte geschickt über dem Mund seines Opfers, sodass dieses nicht in der Lage war, das in seinem Mund befindliche Material auszuspucken.

Noch während das Opfer darüber nachdachte, wie er denn mit dem Knebel im Mund die Fragen beantworten sollte, bekam er auch schon die Erklärung.

„Dann wollen wir Dich mal ermutigen uns auch wirklich alles zu erzählen. Ich hoffe, Du hast Dir die Fragen gemerkt. Ich gehe vor die Tür und rauche eine Zigarette. Währenddessen leisten Dir meine beiden Freunde hier Gesellschaft und verschaffen Dir die nötige Energie.“

Bei diesem Wort hielt der am Tisch stehende Maskierte den Kontakt an die auf dem Tisch stehende Autobatterie.

3.

Er hatte nicht lange im Foyer des BKA-Gebäudes in Meckenheim warten müssen. Doch Strecker waren selbst diese wenigen Minuten lang vorgekommen. Er hatte sich nicht wohl gefühlt, schon bei der Anfahrt. Das war nicht seine Heimat. Schon dieses, wie von einem anderen Stern anmutende Gebäude inmitten einer ansonsten von Obstplantagen dominierten Gegend. Nicht das man das Gebäude als modern oder gar futuristisch, wenn man von den zahllosen Antennen auf dem Dach einmal absah, hätte bezeichnen können. Sein entscheidendes Merkmal war, dass es einfach nicht in diese Landschaft passte. „So wenig, wie ich selbst hierher passe“, hatte er resignierend festgestellt.

„Herzlich willkommen“, begrüßte Hauptkommissar Faber seinen Kölner Kollegen und riss ihn aus seiner Trübseligkeit. „Ich bin sehr froh, dass Sie unser Angebot, künftig für das BKA zu arbeiten, angenommen haben. Bitte folgen Sie mir. Ich stelle Sie gleich Ihren neuen Kollegen vor. Na ja, einige von ihnen kennen Sie ja bereits. Die Herren Sehlmann, Wolf und Marten sind dabei. Und zwei weitere Kollegen mit speziellen technischen Kenntnissen, die insbesondere Herrn Marten unterstützen. Zusammen mit Frau Köster, die uns in allen organisatorischen Dingen unterstützt, Ihnen und mir, als Leiter, ist unsere neue Einheit auch schon komplett.“

Während er dies erläuterte, hatte er seinen neuen Kollegen aus dem Foyer des Bundeskriminalamtes in Meckenheim abgeholt, ihn in den Aufzug und über einen langen Flur im 1. Stock geführt.

„Er hat sich überhaupt nicht verändert“, dachte Strecker. „Schlank, dynamisch, sympathisch! Noch immer wie die Idealbesetzung eines Polizisten für jede Fernsehserie. Jedenfalls in den 70er Jahren. Heute sind da ja andere Typen gefragt. Zumindest skurril, am besten kaputt und vornehmlich mit sich selbst beschäftigt.“

Sie hatten ungefähr den halben Flur abgeschritten, als Faber stehen blieb, mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf ein Schild neben einer Tür zeigte. „1.07 HK Strecker“ stand auf dem Schild. „Doch bevor Sie Ihr neues Reich besichtigen, folgen Sie mir noch kurz in unseren Besprechungsraum. Dort warten die Kollegen, um Sie zu begrüßen. Und da wären wir auch schon“, schloss er und bog nach links ab.

Faber klopfte an, schob die nur angelehnte Tür auf und trat, Hauptkommissar Strecker im Schlepptau, in den Raum.

Sie betraten ein langgestrecktes Zimmer, die Wände kühl und weiß, ohne Fenster, aber mit einem geräumigen rechteckigen Tisch in der Mitte, der mindestens 12 Personen Platz bot. Fünf der um den Tisch stehenden Stühle waren besetzt, vier Männer und eine Frau saßen dort, in ein Gespräch vertieft, das sie im Moment des Eintretens der beiden Gäste unterbrachen.

„Frau Köster, Herr Strecker, Herr Strecker, Frau Köster“, stellte Hauptkommissar Faber dem neuen Kollegen die einzige Frau des Teams vor. Sie war in etwa Mitte dreißig, so schätzte Hauptkommissar Strecker, groß, mindestens 1,80 Meter, schlank, brünett mit einem extrem kurzen burschikosen Haarschnitt und einem umwerfenden Lächeln. „Ein würdiger Ersatz für Frau Meier-Uhland“, dachte sich Strecker.

„Angenehm“, sagte Hauptkommissar Strecker und steuerte anschließend auf die Kollegen Wolf, Sehlmann und Marten zu, um diese ebenfalls zu begrüßen. Hauptkommissar Faber hatte Mühe, Strecker zu folgen, erreichte ihn aber rechtzeitig, um ihm den letzten Anwesenden vorzustellen.

„Das ist Kommissar Schmiede, einer unserer IT-Spezialisten. Sein Kollege, Dr. Brick hat leider einen konkurrierenden Termin, ihn werden Sie erst morgen kennenlernen können“, schloss Hauptkommissar Faber die Vorstellungsrunde ab.

„Frau Köster, meine Herren, vielen Dank und an die Arbeit. Ich hatte Sie ja schon informiert, dass wir Verstärkung aus Köln bekommen werden. Hauptkommissar Strecker ist ein sehr erfahrener Kollege, der uns mit seinen langjährigen Erfahrungen in der Polizeiarbeit sicher gut unterstützen kann. Sie werden den neuen Kollegen bald besser kennenlernen können. Herr Marten wird ihm helfen, sich in den aktuellen Fall einzuarbeiten. Herbert kümmerst Du Dich bitte wie besprochen um den Kollegen Strecker. Danke.“ Damit verschwand er durch die Tür, dicht gefolgt von den übrigen Beamten. Nur Kommissar Marten blieb sitzen und sah Hauptkommissar Strecker mit einem breiten Lächeln an.

„Auch keine Veränderung“, dachte Strecker. „Noch immer etwas zu klein, etwas zu dick, zu wenige Haare, dafür einen dichten struppigen Bart.“

„Ich hätte nicht erwartet, dass wir uns so schnell wiedersehen“, sagte der Kommissar und riss damit Strecker aus seinen Gedanken. „Und schon gar nicht in dieser Konstellation. Aber ich freue mich. Sie werden uns guttun. Mit Ihrem Instinkt.“

„Warten wir es ab“, erwiderte Strecker. „Also, worum geht es bei dem neuen Fall?“

„Wir untersuchen eine Reihe von Überfällen, Anschlägen und ein Tötungsdelikt von denen wir annehmen, dass sie in einem Zusammenhang stehen. Offenbar werden die Tatverdächtigen über das Internet rekrutiert und gesteuert. Aber ehrlich gesagt, wissen wir noch nicht viel. Wir haben den Fall erst am Ende der letzten Woche übernommen. Was wir wissen, finden Sie in dem Aktenberg auf Ihrem Schreibtisch. Ich habe es ausdrucken lassen. Extra für Sie. Bitte sehen Sie sich das Material an. Wenn Sie durch sind oder Fragen haben, geben Sie mir Bescheid. Dann sprechen wir über den Ermittlungsstand. Okay? Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Büro.“

Ohne eine Reaktion seines Gesprächspartners abzuwarten, stand Marten auf und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Strecker blieb nichts anderes übrig, als sich ebenfalls zu erheben und Marten zu folgen, der erstaunlich zügig den Flur hinunterging. Ohne den ihm folgenden Strecker anzusehen, informierte er den Neuen über die Räumlichkeiten.

„Dort hinten links ist eine kleine Küche“, bemerkte Kommissar Marten, begleitet von einer leichten Drehung des Kopfes zur linken Seite. „Am anderen Ende des Flurs, gleich vor dem Treppenhaus, finden Sie die Toiletten. In Raum 1.03, zweite rechts nach dem Treppenhaus, sitzt Frau Köster. Ah, da sind wir schon.“

Marten öffnete die Tür des Raumes 1.07, trat zur Seite und forderte Strecker mit einer ausladenden Armbewegung auf, einzutreten.

„Pure Sachlichkeit“, dachte Strecker, als er eintrat und seinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Hatte er sich in seinem Kölner Büro beinahe zu Hause gefühlt, ja zeitweilig sogar fast darin gelebt, so war dies hier unmöglich. Funktional und rational. Denn es gab weder ein Sofa, noch eine Sitzecke, nur einen kahlen Raum, wenn man von den zwei sich gegenüberstehenden Schreibtischen in der Mitte absah. Gut, zwei Bürostühle waren auch noch vorhanden, aber das, abgesehen von den zwei Computermonitoren und Schreibtischlampen, war es auch schon. Nicht mal Telefone. Kein Bild, kein Kalender an der Wand und hinter den Fenstern keine Spur von pulsierendem Großstadtleben, sondern lediglich eine, von Obstplantagen nur dürftig kaschierte, öde Landschaft.

Streckers Blick blieb auf dem linken Schreibtisch haften. Jedenfalls vermutete er einen Schreibtisch unter den Stapeln von Aktenordnern, die sich dort türmten.

„Ich vermute, das ist mein Platz“, sagte der Hauptkommissar und deutete mit seinem linken Zeigefinger auf den Aktenberg. „Dafür, dass Sie den Fall noch nicht lange bearbeiten, haben Sie aber schon eine Menge Papier verbraucht“, frotzelte er.

„Normalerweise arbeiten wir hier nicht viel mit Papier. Aber ich kenne ja Ihre Aversion gegen Computerarbeit. Deshalb habe ich extra für Sie die Akten ausdrucken lassen. Als Begrüßungsgeschenk sozusagen. Bitte behandeln Sie sie pfleglich, denn nachdem Sie damit durch sind, wandern die Dokumente in das Archiv. Das finden Sie im Übrigen ganz hinten im Flur, direkt gegenüber der Kaffeeküche. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, lasse ich Sie jetzt allein.“

Kommissar Marten wartete noch eine Sekunde, ob nicht doch noch eine Frage oder ein Dankeschön von seinem neuen Kollegen kam. Dann verließ er, ebenfalls wortlos, den Raum und schloss die Tür.

4.

Die Mannschaft wuchs. Das Geschäftsvolumen wuchs. Mittlerweile wurden die Tage häufig länger, als ihm lieb war. Bald war es zu viel für eine Person. Aber an Verstärkung wagte er vorerst nicht zu denken. Woher sollte sie denn kommen? Er konnte ja nicht einfach ein Inserat aufgeben und seine bisherigen Mitstreiter kamen für diese Aufgabe auf keinen Fall infrage. Also musste er alles alleine stemmen. Marketing, Rekrutierung, Personalverwaltung, Auftragsannahme, Planung, Qualitätssicherung, Finanzmanagement. Und die ganze Technologie. Insbesondere das Webmanagement. Sein Verbrauch an Websites und Kommunikationsforen war gigantisch. Er musste immer schnell und aufmerksam sein, durfte nie zu lange an einem Ort verweilen. Andererseits durfte die Kommunikation zu seinen Kunden und Mitarbeitern nicht abreißen. Und er musste das Ganze auch noch dokumentieren. Denn jeder Kunde, jede Aktivität hatte ihre eigenen Kommunikationskanäle und natürlich die für die Durchführung der Aufgabe disponierte Mannschaft. Mit deren Mitgliedern er leider auch nicht über einen gemeinsamen, sondern über jeweils personenspezifische Kanäle kommunizieren musste. Denn dass keiner keinen kannte, dass nur er die Zusammenhänge zwischen den Kunden und den Aufträgen und zwischen den Aufträgen und den Durchführenden kannte, dass die Durchführenden sich auch nicht untereinander kannten, war eines der unverrückbaren Prinzipien seines Geschäftsmodells. Am aufwendigsten jedoch war die Personalbetreuung. Jeder Mitarbeiter brauchte eine individuelle Ansprache, eine ganz spezifische Führung. Je nach Alter, Charakter, Einsatzmöglichkeiten und Fantasien. Denn er zahlte ja keine Gehälter. Die Motivation der Mitarbeiter war abhängig von deren Enthusiasmus, von ihrem Glauben das Richtige zu tun, Erfüllung und Anerkennung zu bekommen, wenn sie seine Aufträge erledigten. Dazu musste er ihre individuellen Bedürfnisse, ihre Lebensumstände, berücksichtigen und mit den Einsätzen in Einklang bringen. Und das bei zumeist jungen Menschen, eher schwierigen, häufig labilen Charakteren. Denn gerade das war ja eines der wesentlichen Merkmale, die sie für ihn geeignet machten. Und auch um diese Leute zu finden, musste er viel Zeit investieren, sich in Onlineportalen herumtreiben, potenzielle Kandidaten finden, ansprechen, antesten, überprüfen. Die Ausschussquote war hoch, auch weil er vorsichtig sein musste.

Und weil er das alles unmöglich im Kopf behalten konnte, musste alles aufgezeichnet und dokumentiert werden. Das war nicht nur mühsam und zeitraubend, sondern auch gefährlich. Wenn sie ihn eines Tages doch erwischen sollten, würde er ihnen die Beweise quasi mitliefern. Also musste er auch hier jeweils zeitnah die Spuren verwischen. Er konnte nur das behalten, was das laufende Geschäft betraf. Erledigte Vorgänge musste er so schnell wie möglich löschen. Konsequent und nachhaltig, sodass die Daten nicht rekonstruiert werden konnten.

Kein Wunder, dass er für nichts mehr Zeit hatte, den ganzen Tag nur noch vor dem Rechner verbrachte, kaum noch die nötige Zeit zum Schlafen fand. Und vier Kilo abgenommen hatte er auch schon. Nicht, dass das nicht lukrativ war, aber gesund war sie nicht, seine derzeitige Lebensweise.

Natürlich hätte er auch Aufträge ablehnen können. Aber das war gefährlich, denn derzeit war sein Geschäftsmodell noch relativ neu. Irgendwann würde auch jemand anders auf diese Idee kommen. Und die Idee war der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Den Rest konnte man lernen. Den Verlockungen würden viele nicht widerstehen können. Man brauchte nicht viel Kapital, musste nicht viel investieren. Viele würden den Aufwand unter- und die Margen überschätzen. So wie es auch ihm ergangen war. Nein, Aufträge ablehnen war keine Option, auch weil die Kunden treu waren und gerne Folgeaufträge platzierten.

Nein, er würde expandieren müssen. Aber das hieß, einen oder besser gleich mehrere Partner finden.

5.

Strecker ging langsam zu seinem Stuhl. Strich dabei mit seiner rechten Hand sanft über die Aktenordner, streichelte sie beinahe. Von einem leichten Seufzer begleitet, ließ er sich in seinen Stuhl fallen und begann die Schubladen des Rollcontainers zu durchsuchen, der sich rechts unter seinem Schreibtisch befand. Alle leer, fast steril, mit Ausnahme der obersten Schublade, die so etwas wie eine Grundausstattung bestehend aus Stiften, Block, Radiergummi, Locher und Hefter enthielt. Und ein Mobiltelefon. Ein Smartphone, schlank, scheinbar nur aus Glas bestehend, lag samt Ladekabel und einer kurzen Beschreibung neben den anderen Utensilien. Hauptkommissar Strecker fingerte die Lesebrille aus seinem Jackett, griff sich Beschreibung und Telefon und begann die Inbetriebnahme. Doch es funktionierte nicht. So oft er auch auf den Einschaltknopf drückte, das Gerät funktionierte einfach nicht. Dann ging ihm ein Licht auf. Laden! Er musste es erst aufladen. Er zog das Kabel aus der Schublade, kroch unter den Schreibtisch, wo er wie vermutet eine Steckdose fand, in die er den Netzstecker des Ladekabels steckte. Nachdem er das andere Ende des Kabels mit dem Telefon verbunden hatte, drückte er erneut den Einschaltknopf. Dann klapperte er Punkt für Punkt der Beschreibung ab, PIN-Eingabe, die PIN las er von dem neben dem Smartphone liegenden Zettel ab, Passwortvergabe, Passwortwiederholung und schon blickte er auf ein mit Icons überfrachtetes Display. Er erinnerte sich, warum er diese Dinger nicht mochte. Und auch der Anblick der Aktenstapel auf seinem Schreibtisch ließ keine Freude aufkommen. Er stand auf, ließ seinen Blick wiederholt über den Schreibtisch gleiten, nahm Ordner in die Hand, legte sie wieder zurück, versuchte krampfhaft das System der Ablage zu verstehen, suchte nach einem Plan, wie er sich durch den Berg wühlen konnte. Hatte er anfangs noch gezweifelt, ob man ihm mit den Ausdrucken einen wirklichen Gefallen tun wollte, war er nun eher der Ansicht, dass man ihm eine Lektion erteilen wollte, ihm zeigen wollte, dass seine Vorgehensweise antiquiert und nicht mehr zeitgemäß sei. Aber was sollte er dann hier? Er fing gerade an, sich in seine Wut einzugraben, als es an der Tür klopfte. Bevor er antworten konnte, ging die Tür auch schon auf und Frau Köster betrat den Raum.

„Entschuldigen Sie“, begann sie das Gespräch. „Aber ich habe hier noch den Schlüssel für Ihr Dienstapartment. Das Gebäude, in dem unsere Apartments für Mitarbeiter liegen, ist gute fünf Minuten Fahrt mit dem Auto entfernt. Auf dem Blatt hier finden Sie die Adresse und eine Anfahrtsskizze. Alles Weitere erfahren Sie aus einer Infomappe, die im Apartment liegt.“

„Danke“, erwiderte der Hauptkommissar. Das schaffte er sogar mit einem Lächeln, was ihm angesichts der Sekretärin noch nicht einmal schwerfiel. „Muss ich bis zu einer bestimmten Zeit da sein?“, fragte Strecker und lenkte die Aufmerksamkeit von Frau Köster auf seinen überladenen Schreibtisch. „Es wird heute wohl etwas später werden.“

„Ich habe Herr Marten gleich gesagt, dass er Sie nicht sofort mit allen Details behelligen sollte. Aber er meinte, Sie müssten möglichst schnell alle Informationen bekommen. Es gibt im Übrigen, wo ist es doch gleich …“ Bei diesen Worten begann sie, den Blick konzentriert auf den Schreibtisch gerichtet, Ordner in die Hand zu nehmen und deren beschriftete Rücken zu studieren. Es dauerte nur wenige Augenblicke und sie reichte dem Hauptkommissar einen dünneren Ordner. „Ja, hierin finden Sie einen Zwischenbericht, den die Kollegen gestern für den Chef erstellt haben. Das sollte Ihnen einen ersten Überblick geben und den Einstieg in den Fall erleichtern. Ansonsten sind die Akten chronologisch geordnet. Aber nach meiner Ansicht keine gute Arbeitsgrundlage. In der elektronischen Akte gibt es Verlinkungen nach unterschiedlichsten Kriterien. Damit fällt einem die Recherche deutlich leichter. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen unser System morgen ausführlich. Heute …“, ergänzte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr, „schaffe ich das leider nicht mehr.“

„Gerne“, erwiderte der Hauptkommissar. „Morgen früh? Wann immer es Ihnen passt.“ Und er lächelte schon wieder. Und es fiel ihm immer weniger schwer. Engel müssen nicht zwangsläufig blonde Locken haben.

„Sagen wir um 8:00 Uhr?“, bot Frau Köster an. „Die Morgenbesprechung ist um 9:00 Uhr. Wenn wir bis dahin noch nicht durch sind, machen wir anschließend weiter.“

„Ja, gerne“, stimmte Strecker zu.

„Dann nochmals herzlich willkommen und bis morgen“, verabschiedete sich die Sekretärin und verließ, ohne eine Antwort abzuwarten, den Raum.

Strecker erwiderte die Abschiedsfloskel mit Verzögerung, jedoch nicht, weil er wieder in alte Verhaltensmuster abgeglitten war, sondern weil er bereits neugierig auf den Fall fokussiert war. Und das trotz der Erscheinung von Frau Köster. Er ließ sich wieder in seinen Bürostuhl fallen und machte sich gierig über den Zwischenbericht her.

6.

Sein Herz fing an zu rasen. Sie hatten ihn entdeckt. Und jetzt waren sie hinter ihm her. Waren schon dicht hinter ihm. Er rannte durch die Gassen, wagte kaum sich umzusehen, weil er dadurch langsamer werden würde. Also rannte er geradewegs weiter, bewegte sich so schnell er nur konnte. So schnell konnte es also gehen, wurde man vom Jäger zum Gejagten. Schneller als sein Herz waren nur noch seine Gedanken, beständig auf der Suche nach dem Fehler, nach dem Grund, der ihn in diese missliche Lage gebracht hatte. War er ungeduldig gewesen? Hatte er zu schnell zuschlagen wollen, anstatt auf einen besseren Moment zu warten? Er schüttelte den Kopf, weniger um sein Versagen zu leugnen, als vielmehr um diese Gedanken generell aus dem Kopf zu bekommen. Er musste, zumindest für den Moment, die Vergangenheit ruhen lassen, um noch eine Zukunft zu haben. Warum waren eigentlich die vielen Gestalten, die ihm entgegenkamen, die ihm im Weg standen, die er zum Teil rüde anrempelte, um an ihnen vorbeizukommen, so gleichgültig? Sie mussten doch sehen, dass er in Schwierigkeiten war. Sie schauten kurz auf, gingen dann weiter, ohne sichtbares Interesse an seinem Schicksal. Anders seine Verfolger, die er immer noch im Nacken spürte, die spürbar näher kamen, die die Lücken in der Menge nutzen konnten, die er sich und somit auch ihnen aufbrechen musste. Er musste ausweichen, auf weniger frequentierte Wege kommen, um seinen Nachteil zu verringern. Schweiß rann ihm über die Stirn, tropfte in seine Augen, verschlechterte seine Sicht. Urplötzlich bog er nach links ab, in eine schmale Gasse, verlassen und dunkel, weil kein Sonnenlicht über die hohen Gebäude zu ihren Seiten bis auf den Boden drang. Im letzten Moment erkannte er das Hindernis, eine Kiste oder ähnliches und setzte mit einem Satz darüber hinweg. Und das war sein Glück gewesen. Denn für seine Verfolger, die ihm so nahe gekommen waren, dass sie schon ihre Hände nach ihm ausstrecken wollten, kam sein Manöver überraschend. Sie bemerkten das Hindernis zu spät, fielen darüber und übereinander. Das verschaffte ihm Luft. Er bog nach rechts ab, in eine noch kleinere Gasse und bemerkte sogleich und doch zu spät, dass er einen Fehler gemacht hatte. Die Gasse war kurz, so kurz, dass er ihr Ende sehen konnte, sein Ende voraussehen konnte, denn es war eine Sackgasse. Und die Mauern waren zu hoch, um dort emporzuklettern. Zwar gab es eine Reihe von Türen in den wenigen Häusern, die die Gasse rechts und links umgaben, doch sie schienen verschlossen. Und er hatte keine Zeit, die Türen zu probieren oder gar gewaltsam zu öffnen. Nur eine Chance, eine Hoffnung blieb ihm noch. Wenige Meter vor ihm rechts stand ein Stapel Kisten. Dahinter konnte er sich verbergen. Und hoffen, dass seine Verfolger sein Abbiegen nicht bemerkt hatten, an der Gasse und an ihm vorbeilaufen würden. Kaum hatte er sich hinter die Deckung gekauert, hörte er sie auch schon vorbeilaufen, keuchend und fluchend. Doch was war das? Die Geräusche wurden wieder lauter, wandelten sich zu einem Gemurmel, ihre Schritte waren langsamer geworden. Im Gegensatz zu seinem Herzschlag.

„Er sitzt in der Falle“, hörte er einen der Verfolger sagen. Wie hatten sie ihn entdeckt? Wieso hatten sie ihn entdeckt? Wie konnten sie sich so sicher sein?

Jetzt würde er kämpfen müssen. Hoffen, dass er über sich hinauswachsen und es irgendwie schaffen könnte. Aber sie waren viele. Zu viele? Zum Zählen war er gar nicht gekommen. Das müsste er nun nachholen, um seine Chancen abwägen zu können. Aber dazu müsste er die Deckung verlassen und sich stellen, den Verfolgern und seinem Schicksal in das Antlitz blicken.

Also erhob er sich, blickte auf den Eingang zur Gasse und erschrak. So viele? Mindestens sechs Verfolger bewegten sich langsam in seine Richtung. Dabei konnte er noch nicht einmal ausschließen, dass es noch mehr werden würden. Dass noch weitere Gegner in der Nebenstraße waren, die die Gasse und sein Sichtfeld noch nicht erreicht hatten. Er konzentrierte sich auf seine sichtbaren Gegner, fokussierte insbesondere die vorderste Gestalt.

Doch was war das? Etwas lenkte ihn ab. Er registrierte ein leises Quietschen. Das Licht hatte sich verändert. Es war heller geworden. Und dann erkannte er den Grund für die Veränderung. Eine Tür hatte sich geöffnet. Zuerst nur einen Spalt, dann immer mehr. Der Grund für die zunehmende Helligkeit war ein Lichtschein, der durch die geöffnete Tür zu ihm drang.

7.

„Scheiße!“ Er hatte sich festgebissen. Hatte den Zwischenbericht gelesen, immer wieder nach Details in den Unterlagen gesucht und dabei zwar ein Gefühl für den Fall entwickelt, die Zeit darüber aber vollständig vergessen. Insofern erschrak Strecker heftig, als er auf die Uhr blickte. Fast 21:00 Uhr. Und er hatte keine Ahnung, wo genau seine neue Wohnung war, wie er da hinfinden sollte und was ihn da erwartete. Und Hunger hatte er auch noch, großen Hunger. Begleitet von einem tiefen Seufzer fuhr er den Rechner runter, klappte den Laptop zu, stand auf und schnappte sich Mantel und Reisetasche. Beinahe fluchtartig verließ er den Raum und hetzte zum Parkplatz. Nur wenige Minuten später hatte er das Navi auf sein neues Zuhause programmiert und machte sich auf den Weg. Regen peitschte auf die Scheibe, er konnte kaum etwas sehen, zudem wechselte sein Blick ständig zwischen Frontscheibe und Navi. Und zu essen musste er auch noch was finden. Irgendetwas. Da. Sein Blick blieb an einer Lichtreklame haften, die auf eine große Imbisskette hinwies. Eigentlich passte das nicht mehr zu seinen Vorsätzen. Ja, er hatte sich wirklich vorgenommen, die neue Stelle mit einem erweiterten Neustart zu verbinden. Also auch im privaten Umfeld einiges zu verändern. Die Ernährungsgewohnheiten zum Beispiel. Und auch den Alkoholkonsum, weshalb er auch darauf verzichtet hatte, die Flasche Wodka einzupacken. Apage satanas. Aber bevor er das Risiko einging, noch lange durch die Gegend zu irren und dann doch in einem drittklassigen Imbiss zu enden, entschied er sich für die sichere Option. Zu seinem Glück gab es auch einen Drive-In-Schalter. Dann brauchte er bei dem Scheißwetter noch nicht einmal mehr auszusteigen. Er musste aber irgendetwas bestellen, was er kannte. Aber das war kein Problem. Pommes gingen immer und einen dazugehörigen Hamburger würde er auch noch herunterwürgen können. Das war in der Vergangenheit ja auch immer gut gegangen. Und ein Getränk war auch noch im Preis enthalten. Er bestellte, zahlte, nahm seine Tüte entgegen, parkte den Wagen am Straßenrand und machte sich über den Inhalt der Tüte her. Keine fünf Minuten später waren der Inhalt der Tüte und der Hunger weg. Letzteren hatte er allerdings gegen ein Völlegefühl tauschen müssen. Er hatte den letzten Bissen noch nicht heruntergeschluckt, als er den Motor anließ und sich wieder in den Verkehr einfädelte. Nicht nur sein Hunger, auch der Regen war verschwunden. Das Navi leitete ihn durch die verschlafene Kleinstadt auf einen Parkplatz vor einem vierstöckigen Wohnblock. Er prüfte nochmals die Adresse, suchte noch aus dem Wagen heraus nach der richtigen Hausnummer, seufzte zufrieden und stieg aus. Nach einem kurzen Stopp am Kofferraum machte er sich mit seiner Tasche und hochgezogenem Mantelkragen auf den Weg zur Tür, fingerte den Wohnungsschlüssel aus der linken Hosentasche und öffnete die Tür. Er eilte, soweit seine Konstitution dies zuließ, durch den Hausflur, arbeitete sich von Wohnungstür zu Wohnungstür vor, bis er im 2. Stock rechts die Nummer 7 an der Tür prangen sah. Seine neue Heimat. Vorläufig. Er öffnete die Tür, schaltete das Licht ein und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Zweckmäßig, so war sein Urteil. Schon wieder. Ein Zimmer, eine abgetrennte Kochnische und hinten rechts eine Tür. „Die wird wahrscheinlich in das Bad führen“, dachte er. Strecker betrat das Zimmer, schloss die Tür, stellte die Tasche auf den Tisch und drehte eine Runde durch den Raum.

Rechts neben der Tür war eine kleine Sitzecke, davor ein Couchtisch. Daneben, Richtung Stirnwand, ein Esstisch mit vier Stühlen, dahinter eine kompakte Theke, die die Kochnische vom übrigen Raum trennte. An der Wand, die die Kochnische nach hinten begrenzte, befanden sich, von rechts nach links eine Spüle, der Kühlschrank, ein Herd und daneben noch ein Putzschrank. Über der Zeile war eine Schrankreihe an der Küchenwand befestigt. Der Hauptkommissar ging aus der Küchenzeile heraus nach rechts, öffnete die Tür und trat, wie erwartet in ein kleines Bad. Wie die übrige Wohnung, schmucklos aber funktionell. Rechts von der Tür die Dusche und eine Toilette, links ein Waschbecken, daneben ein Behälter für Schmutzwäsche oder ähnliches. Ein kleiner Badezimmerschrank hing über dem Waschbecken. Das Bett mit einem daneben stehenden Nachttisch stand links direkt neben der Tür. Ein Schrank zwischen dem Fußende des Bettes und der Badezimmerwand komplettierte die Einrichtung. Auch einen Fernseher gab es noch, er hing an der Wand, über dem Bett.

Strecker räumte seine Tasche aus, warf diese unten in den Schrank und deponierte seine Waschutensilien im Badezimmerschränkchen. Es war mittlerweile schon weit nach 22:00 Uhr. Er warf noch einen Blick in den Kühlschrank. Der würde seinen Beitrag zur Gewichtsreduktion leisten, war er doch gähnend leer. Also ohne Betthupferl und Nachttrunk zu Bett. Ohne Nachttrunk? War es ein Fehler gewesen, den Wodka nicht einzupacken? Nein, er verspürte nicht einmal ein kurzes Bedauern. Stattdessen war er beinahe ein wenig stolz auf sich. Den Fernseher würde er erst morgen ausprobieren. Und vorher noch einkaufen gehen. Der morgige Tag würde anstrengend werden. Und interessant. Er hatte viele Fragen. Auf die er Antworten haben wollte.

8.

„Du weißt also nicht, wer Dich beauftragt hat?“

„Nein. Wie oft soll ich das denn noch sagen. Sie müssen mir glauben“, bettelte er. Er konnte kaum noch sprechen, sein Hals schmerzte vom Schreien und Schlucken. Er musste bereits Unmengen von Blut und Speichel heruntergeschluckt haben.

„Das kann ich nicht glauben. Kein Mensch kann so blöd sein und die Befehle eines Unbekannten befolgen. Eines Irren, den man nicht kennt. Also denk noch einmal nach. Du sagst es uns ja doch. Früher oder später. Also noch einmal. Wer hat Dich beauftragt?“

„Bitte“, kam es wieder schluchzend aus seiner Kehle. „Glauben Sie mir. Ich würde es Ihnen sagen, wenn ich es wüsste.“

„Ja, das würdest Du“, dachte er sich. Aber mit der Geschichte, die ihm der Junge erzählt hatte, würde er seine Auftraggeber nicht zufriedenstellen können. Denn er kannte seine Auftraggeber. Im Gegensatz zu dem Jungen. Und mit diesem Ergebnis konnte er denen nicht kommen. Aber was sollte er tun? Sie hatten dem Jungen nun schon dreimal den Strom durch den Körper gejagt. Schon nach dem ersten Mal hatte er geredet wie ein Buch. Ihnen Dinge erzählt, die sie nicht verstanden.

Etwas von Briefkästen, Befehlen, einer Gemeinschaft, einer Mission. Aber die entscheidende Frage hatte er nicht beantwortet. Mittlerweile glaubte er dem Jungen. Aber wenn er ihn nicht verstand, half ihm das nichts. Und dem Jungen auch nicht. Er konnte den Worten seines Opfers zwar folgen, aber nichts damit anfangen. Er würde Verstärkung benötigen. Einen Spezialisten, einen, der mehr von dem Thema verstand. Erst danach würden sie wissen, woran sie waren. Und ob Sie den Jungen noch weiter brauchen würden.

Er stopfte seinem Gefangenen den Knebel wieder in den Mund und fixierte ihn wieder mit der Krawatte. Dann fummelte er sein Mobiltelefon aus seiner Jackentasche, wählte eine Nummer, hielt sich das Gerät an das Ohr und wartete.

„Ich brauche Deine Hilfe“, sagte er schließlich. „So schnell wie möglich. Ja, in der Werkstatt. In Köln. Erst übermorgen? Morgen wäre mir lieber. Versuch, ob es nicht früher geht. Bis dann. Danke.“

9.

Das Aufwachen war kein Problem. Das Aufstehen schon. Strecker hatte schlecht, nach seinem Gefühl sogar so gut wie gar nicht, geschlafen. Lag das an der unvertrauten Umgebung oder hatte ihm schlichtweg sein Schlaftrunk gefehlt? Mit noch geschlossenen Augen tastete er auf dem Nachtschränkchen herum, suchte nach seinem Mobiltelefon und öffnete die Augen erst, als er es in den Fingern hatte und das Display schon über seinem Gesicht schwebte.

Fast 7:00 Uhr. Dafür, dass er gemeint hatte, die ganze Nacht wach zu liegen, hatte er es erstaunlich lange ausgehalten. Nun war Eile geboten. Also schlug er die Decke beiseite, schwang zuerst die Beine und dann den restlichen Körper aus dem Bett. Er eilte in das Bad, setzte sich auf das Klo, entleerte seine Blase und machte sich, nachdem er die Spülung betätigt hatte, daran, sein Gesicht gesellschaftsfähig zu machen. Zum Duschen blieb ihm keine Zeit, also musste er sich damit begnügen, sich mit einem Waschlappen den Hals, die Brust und unter den Achselhöhlen zu waschen. Das hat ja früher auch gereicht, bevor tägliches Duschen zum Gewohnheitsbzw. sogar Pflichtprogramm ernannt wurde. Noch etwas Deo unter die Achseln gesprüht. Fertig! Anschließend fuhr er sich noch mit dem Elektrorasierer durch das Gesicht und schon war seine Erscheinung für die Öffentlichkeit freigegeben. Kurz zögerte er, neue Unterwäsche und Socken anzuziehen. Die ausgefallene Dusche lieferte eigentlich ein gutes Argument für einen Verzicht, aber gestern war schon ein guter Vorsatz über Bord gegangen. „Apage satanas“, dachte er sich, kramte die Sachen aus dem Schrank hervor und zog sie an. Auch ein frisches Hemd gönnte er sich, kontrollierte, soweit ihm möglich, beim Anziehen nochmals schnüffelnd seinen Achselgeruch und streifte schließlich das Hemd zufrieden über seine Schultern. Eine frische Hose wäre zu viel des Guten gewesen und auch das Jackett vom Vortag hatte sich über Nacht ausreichend glatt gehangen. Ohne Frühstück, aber samt Mantel und Handy, die er noch vom Haken bzw. Schreibtisch nahm, verließ er seine Dienstwohnung und fuhr zügig Richtung BKA. Für ein Frühstück hatte er keine Zeit mehr. Noch nicht einmal, um unterwegs irgendwo anzuhalten und etwas zum Mitnehmen einzukaufen. Da konnte er nur auf die Kantine des BKA bauen. Immerhin schaffte er es so, vor 8:00 Uhr in seinem neuen Büro zu sitzen. Pünktlich. Noch ein guter Vorsatz, der noch am Leben war.

Um 8:00 Uhr klopfte es an der Bürotür und unmittelbar nach seinem „Herein“ öffnete sich die Tür und Frau Köster betrat mit einem freundlich, fröhlichen „Guten Morgen“ auf den Lippen das Zimmer. „Kaffee?“, fragte sie in seine Richtung blickend und hielt dabei mit der rechten Hand eine dampfende Tasse in die Höhe.

Strecker rückte, nachdem er ihren Gruß erwidert hatte, mit seinem Stuhl zur Seite, zog einen Stuhl an einen Schreibtisch heran und forderte die Sekretärin mit einer ausladenden Geste auf, neben ihm Platz zu nehmen.

„Na, dann wollen wir Sie mal in die Geheimnisse des BKA einführen“, sagte Frau Köster, als sie die Kaffeetasse auf Streckers Schreibtisch abstellte und auf dem dargebotenen Stuhl Platz nahm.

„Darf ich?“, fragte sie rhetorisch, weil sie die Antwort schon dadurch vorwegnahm, dass sie sich der Tastatur und der Maus seines Rechners bemächtigte.

Eine knappe Stunde später war der Hauptkommissar nicht nur Frau Köster, rein kollegial natürlich, sondern auch der kriminalistischen Arbeit mit elektronischen Hilfsmitteln näher gekommen. Mehr sogar noch. Neben neuem Wissen hatte er auch noch an Überzeugung gewonnen und dafür Vorbehalte verloren. Die noch immer den Großteil seines Schreibtisches verdeckenden Aktenstapel würde er nicht mehr benötigen.

10.

Die Sitzung der Ermittler hatte nicht lange gedauert. Das war zwar gut für Frau Köster, weil das Protokoll entsprechend knapp ausfallen konnte, aber natürlich kein gutes Zeichen für das Fortkommen der Ermittlungen. Es gab weder neue, berichtenswerte Erkenntnisse, noch neue Ansatzpunkte. Die einzelnen Dezernatsmitglieder, mit Ausnahme von Hauptkommissar Strecker, berichteten kurz von ihren Aktivitäten am Vortag und den nächsten, anstehenden Schritten, aber wirklich hilfreich waren die jeweiligen Informationen für die Kollegen nicht. Immerhin war auch Dr. Brick anwesend, sodass Strecker nun alle seine neuen Kollegen kannte. Dr. Brick schien zu dem eher unscheinbaren Teil der Menschheit zu gehören. Klein, schmächtig, die Frisur kurz, braun und unspektakulär, genauso wie sein gesamtes Auftreten. Daran konnte auch die antiquiert erscheinende randlose Brille mit runden Gläsern, die eher an eine misslungene Bastelarbeit eines Oberschülers, denn an ein modisches Accessoire erinnerte, nichts ändern. Hätte Frau Köster Dr. Brick und HK Strecker nicht explizit miteinander bekannt gemacht, hätte letztgenannter ihn wahrscheinlich geflissentlich übersehen.

„Okay“, resümierte Hauptkommissar Faber sichtbar resigniert. „Erkennbare Fortschritte haben wir gestern wohl nicht gemacht. Also weiter wie besprochen. Herr Marten, Sie unterstützen unseren neuen Kollegen Strecker. Ab morgen soll er einsatzfähig sein. Dazu muss er alles wissen, was wir bisher wissen. Fragen?“

Wie gewöhnlich schien Faber keine zu erwarten, denn unmittelbar darauf stand er auf, schob seinen Stuhl an den Tisch und verließ den Besprechungsraum. Die übrigen Kollegen folgten seinem Beispiel, sodass wieder nur Kommissar Marten und Hauptkommissar Strecker im Raum zurückblieben.

„Gehen wir in Ihr Büro?“, fragte Marten. „Dann können wir für Sie hilfreiche Informationen gleich an Ihrem Arbeitsplatz platzieren.“

„Einverstanden“, antwortete der Hauptkommissar. „Wenn es Ihnen Recht ist, möchte ich vorher noch der Kantine einen kurzen Besuch abstatten. Ich bin noch nicht zum Frühstücken gekommen. Und das soll angeblich ja die wichtigste Mahlzeit des Tages sein. Treffen wir uns doch in 30 Minuten bei mir im Büro.“

Strecker war schon da, als Kommissar Marten gegen 10:00 Uhr an der Bürotür von 1.07 klopfte. Eine Minute später saß Marten dort, wo vor gut einer Stunde noch Frau Köster gesessen hatte.

„Warum ist das überhaupt ein Fall? Und warum ist das ein Fall für uns?“ Mit diesen Fragen begann der Hauptkommissar das Gespräch.

„Gute Fragen“, entgegnete Marten. „Lassen Sie mich zuerst die erste Frage etwas pauschal beantworten. Ob bzw. dass das ein einziger Fall ist, wissen wir noch nicht, vermuten es aber. Wie Sie den Akten vielleicht schon entnommen haben, wurden in den vergangenen Monaten mehrere Taten von unterschiedlichen Behörden verfolgt. Die Erkenntnis oder um genau zu sein, muss ich eigentlich sagen, die Vermutung, dass die Dinge zusammenhängen, ergab sich erst in der letzten Woche. Durch eine Vermisstenmeldung aus Köln. Die Mutter eines 16-jährigen Schülers namens Marc Johann hatte eine Vermisstenanzeige erstattet. Der Junge hatte am späten Nachmittag des 15.11., einem Mittwoch, das Haus verlassen und war abends nicht nach Hause gekommen. Seine Mutter hatte noch am späten Abend damit begonnen in seinem Freundeskreis herumzutelefonieren. Sie konnte seinen Aufenthaltsort aber nicht ermitteln. Dabei erfuhr sie allerdings, dass ihr Sohn bereits seit längerem den Kontakt mit seinen früheren Freunden nahezu eingestellt hatte. Als der Junge am nächsten Morgen immer noch nicht zu Hause war, hat sie im nächsten Revier in der Stolkgasse eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die Familie wohnt in der Allerheiligenstraße im Kunibertsviertel. Die Gegend kennen Sie ja. Unsere Kollegen haben dann in der Schule angerufen und die Einlieferungen in die Kölner Krankenhäuser gecheckt. Aber keine Spur von dem Jungen gefunden. Am Nachmittag haben dann zwei Kollegen von der Kripo die Eltern aufgesucht. Bei der Gelegenheit hatte die Mutter erwähnt, dass der Junge in der letzten Zeit ständig vor seinem Computer herumgehangen hatte. Daraufhin haben die Kollegen die Eltern gebeten, ihnen den Computer mitzugeben. Und dessen Auswertung hat uns dann in das Spiel gebracht. Denn auf dem Computer hatten die Kollegen von der Kriminaltechnik in Köln Informationen gefunden, hauptsächlich in Form von Screenshots und Chatprotokollen auf denen unsere Theorie fußt. Demnach vermuten wir, dass der Junge Mitglied irgendeiner Sekte oder so etwas war, die sich als sogenannte Gemeinschaft von Assassinen bezeichnet. Wohl in Anlehnung an ein beliebtes Computerspiel namens „Assassin’s Creed“. Davon gibt es schon etliche Fortsetzungen. Dabei geht es darum, dass die Spieler spezielle Missionen erfüllen müssen, häufig geht es sogar darum gezielt Anschläge oder Morde durchzuführen. Natürlich sind die Spieler die Guten und die Anschlagsziele die Bösen. Irgend jemand hat dieses Prinzip mutmaßlich in die Realität transportiert. Offenbar heuert er über das Internet Spieler an, manipuliert sie und stiftet sie an, bestimmte Straftaten zu begehen. Und um die Gemeinschaft zu unterstreichen, tragen sie eine Art Uniform. Graue Kapuzenpullis. Und das brachte uns auf den Zusammenhang, denn es gab eine Vielzahl von Meldungen über in der jüngeren Vergangenheit verübte Straftaten, bei denen die Täter graue Kapuzenpullis getragen hatten. Und damit wurde es unser Fall.“

„Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?“, fragte Strecker nach.

„Leider ja. Wir haben mittlerweile mehr als ein Dutzend Straftaten, hinter denen wir diese Gemeinschaft vermuten. Hauptsächlich Überfälle, aber auch Erpressungen und sogar einen Mordanschlag. Unsere Indizienlage ist noch dürftig, eigentlich haben wir nur die Kapuzenpullis als Bindeglied, aber wir sind uns relativ sicher, dass wir es hier mit einer größeren Sache zu tun haben.“

„Und was ist mit dem verschwundenen Jungen?“, wollte Strecker wissen.

„Der ist wie vom Erdboden verschluckt. Soweit wir den auf dem Computer gespeicherten Informationen entnehmen konnten, sollte er an dem Abend, an dem er verschwand, an einer Mission teilnehmen. Worum es sich dabei handelte, haben wir bisher nicht herauskriegen können. Nur, dass er sich um 19:00 Uhr an dem Abend am Ebertplatz einfinden sollte. Und dass er den Kapuzenpulli tragen sollte.“

„Das heißt, irgendjemand rekrutiert Verbrecher über das Internet? Wie soll das denn gehen?“, fragte der Hauptkommissar.

„Nun, Rekrutierung über das Internet ist heutzutage absolut üblich“, erläuterte Kommissar Marten. „Firmen und Bewerber kontaktieren sich über das Internet, tauschen Informationen aus. Entweder über spezielle dafür errichtete Webseiten der Unternehmen oder indem typische Bewerbungsunterlagen per E-Mail versendet werden. Selbst viele Bewerbungsgespräche finden dann online statt. Das spart den Unternehmen viele Kosten ein, die sie sonst für die Reisen der Bewerber bezahlen müssten.“

„Aber das ist doch was ganz anderes. Da stellen Firmen Anzeigen in das Internet und die Bewerber suchen danach und bewerben sich. In unserem Fall hat doch aber wohl niemand eine Anzeige in das Netz gestellt und nach Freiwilligen gesucht, die Straftäter werden wollen?“, protestierte Strecker.

„Nein, aber gegeben hat es auch das schon“, antwortete Marten. „Der IS zum Beispiel betreibt eine Menge von Webseiten auf denen er sich präsentiert, teilweise mit aufwendig gemachten Filmen, und über die er Kontaktmöglichkeiten propagiert. Viele Dschihadisten wurden auf diese Art und Weise angeworben und mobilisiert. Natürlich laufen verstärkende Maßnahmen durch telefonische oder persönliche Kontakte, aber viele Erstkontakte wurden auf diese Art und Weise generiert. Unser Täter hatte noch bessere Gelegenheiten. Viele Onlinespiele werden durch Chatmöglichkeiten unterstützt. Dabei können Spieler während des Spiels miteinander kommunizieren. Das ist teilweise sogar für den Spielablauf nötig. Bei vielen Spielen kann oder muss man Allianzen bilden, um Gegner mit anderen Spielern gemeinsam bekämpfen zu können. Dazu muss man kommunizieren. Idealerweise über Chaträume, die während des Spiels von den Spielern benutzt werden. Die Spieler kennen sich natürlich nicht mit ihren richtigen Namen, sondern sprechen mit oder über ihre Avatare, also die Rollen, die sie im Spiel einnehmen. Wir vermuten, dass der Kopf der Bande so seine Kandidaten gefunden hat. Indem er sie während der Rollenspiele kontaktierte, sie zum Beispiel lobte, auf mehr neugierig machte und in seinen Bann zog.“

„Und was wissen wir bis jetzt über diesen Kopf?“

„Das ist das einzige was wir genau wissen. Nämlich nichts. Wir haben die Aufzeichnungen von dem verschwundenen Jungen. Er nennt ihn Meister. Kommuniziert wurde über Websites oder Chaträume im Darknet. Die Seiten oder Räume existieren längst nicht mehr. Alles was wir haben, sind die Screenshots. Dass wir die haben, weiß der Meister hoffentlich nicht. Und wenn, dürfte er sich mächtig ärgern. Denn ohne die abgespeicherten Bildschirminhalte hätten wir keine Spur, wüssten nichts über seine Existenz und sein, sagen wir mal, Geschäftsmodell.“

„Gibt es beim Hersteller dieses Spiels keine Aufzeichnungen mehr?“, fragte Strecker nach.

„Natürlich haben wir dort angefragt. Eine Antwort steht noch aus. Aber der Junge hat mehrere derartige Spiele gespielt. Das hat die Auswertung der Screenshots ergeben. Die stammen von verschiedenen Herstellern, größtenteils handelt es sich dabei um amerikanische Firmen. Und bei entsprechenden Nachfragen in der Vergangenheit haben wir ja erfahren, wie viel Hoffnungen wir da auf brauchbare Antworten setzen können. ‚Assassin’s Creed‘ habe ich nur als Beispiel aufgeführt, weil es eines der bekannteren Spiele ist und so gut zum Vorgehen des Täters passt.“

„Was hat die Auswertung der früheren Fälle ergeben?“, war Streckers nächste Frage.

„Auch nichts. Unsere Kollegen haben die Fälle tagelang miteinander verglichen. Nach Vorgehen, Zeitabläufen, Zielgruppen, Größe. Was weiß ich nicht alles. Aber nichts. Der einzige Zusammenhang sind die grauen Kapuzenpullis der Täter. Aber vielleicht finden Sie ja etwas. Ich bitte Sie, sich die Fälle im Nachgang zu unserem Gespräch anzusehen. Sie finden die Dokumentationen in der Fallakte. Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben, würde ich Sie nun gerne allein lassen. Mit der Fallakte. Wir haben um 16:00 Uhr nochmals eine kurze Besprechung. Falls noch Fragen aufkommen, können Sie die dann stellen. Oder einfach vorher bei mir vorbeischauen.“

11.

Die sich öffnende Tür hatte ihn irritiert. Nur einen Augenblick, aber letztlich doch zu lange. Und seine Feinde, die hatten sich nicht ablenken lassen und sein Zögern eiskalt ausgenutzt. Was kurzfristig wie eine Chance schien, entpuppte sich als Gegenteil. Er hatte nicht rechtzeitig auf den Angriff reagiert, die Initiative der Gegner verpasst, das Schwert nicht kommen sehen, den Hieb nicht rechtzeitig pariert.

„Dieter! Das Essen ist fertig. Ich rufe schon die ganze Zeit. Bist Du schon wieder am Daddeln?“, rief seine Mutter durch die geöffnete Tür. Es war das Licht aus dem Flur, welches sein Zimmer geflutet hatte. „Hast Du schon Deine Hausaufgaben gemacht?“, setzte die Mutter nach, ohne eine Antwort auf ihre vorherige Frage abzuwarten.

Jetzt, erst jetzt hatte er verstanden, war er aus der virtuellen Realität zurück im wahren Leben. Tot war er nur im Spiel. Ihretwegen.

Der Junge drehte sich wütend um. Blinzelnd blickte er in das ihn blendende Licht. „Leck mich“, war seine Antwort.

„Das sage ich Deinem Vater“, war ihre.

„Ist mir egal“, erwiderte er. Und das war die Wahrheit. Sie hatten ihm lange genug sein Leben zur Hölle gemacht. Versucht, aus ihm besser funktionierende Kopien ihrer selbst zu machen. Er hatte versucht sie zu ignorieren. Sein eigenes Leben gegen ihren Widerstand zu führen. Doch nun war Schluss. Er würde es Ihnen zeigen, Ihnen und dem Rest der Welt. Sie würden es noch bereuen, dass sie ihm sein Leben versaut hatten. Und sein Spiel. Und er wusste auch schon wie. Er wurde schon lange umworben, hatte bisher gezögert, hatte Skrupel gehabt, vielleicht auch Angst. Aber das war nun vorbei. Er beendete das Spiel, ohne den Score eines Blickes zu würdigen, startete den TOR-Browser und rief die Website auf, deren Adresse er schon so lange im Gedächtnis hatte. Er positionierte den Cursor auf der Zeile „Ich bin bereit“, die sich am rechten Rand oben auf der Seite befand, betätigte die linke Maustaste und trug seinen Codenamen in das Eingabefeld ein. Die Antwort würde er sich gleich nach dem Abendessen ansehen.

12.

„Er weiß wirklich nicht mehr“, resümierte der von seinen Freunden und Feinden nur „Consultant“ genannte Mann.

Er sprach leise, war fast nicht zu verstehen. Weil er die Lippen kaum auseinander bekam. Irgendwie passte das zu seiner Erscheinung. Der schlanken, fast zerbrechlich wirkenden Gestalt. Den grauen, zum kurzen grauen Haar passenden Augen. Und zu seiner Kleidung, ganz in Schwarz. Schuhe, Hose, Rollkragenpullover und dem beinahe knöchellangen Mantel. Wie immer hatte er bei seinen Arbeitsbesuchen alles, auch Hut und Handschuhe, anbehalten

Sie hatten dem Jungen nach seiner Ankunft nochmals einige, sogar noch höher dosierte Stromstöße versetzt. Nicht weil sie daran glaubten, dass sie dadurch Neues erfahren würden, sondern eher, um dem Consultant zu demonstrieren, dass sie das Verhör mit dem gebotenen Nachdruck geführt hatten. Nachdem der Junge sich einigermaßen erholt hatte, hatte er dem Consultant nochmals seine gesamte Geschichte erzählt. Immerhin schien der Consultant zu verstehen worum es ging, wie es wahrscheinlich gelaufen war.

„Wir brauchen den oder die Computer des Jungen“, stellte der Consultant fest. „Wenn der Junge nichts weiß, finden wir vielleicht Spuren von seinem Auftraggeber oder seinen Kumpanen auf den Geräten. Erledigt das so schnell wie möglich und gebt mir Bescheid, wenn Ihr das Zeug habt. Ich organisiere in der Zwischenzeit einen Spezialisten. Einen IT-Spezialisten. Und beeilt Euch. Der Boss ist ungehalten, wie man hört. Kein Wunder. Der Überfall hat ihn eine Menge Geld gekostet. Die Zerstörungen und der Betriebsausfall waren schon teuer genug, aber noch schlimmer ist der Verlust an Renommee.“

Dass man sich in einem Etablissement von Dimitri nicht mehr sicher und ungestört amüsieren konnte, war keine Werbung. Dieser Imageschaden musste so schnell und so konsequent wie möglich behoben werden. Und dazu mussten die Verursacher gefunden und entsprechend behandelt werden. Nur wenn publik wurde, dass es ein Fehler ist, die Geschäfte von Dimitri zu stören, konnte der Vertrauensverlust beseitigt werden. Sollte dies nicht kurzfristig gelingen, bestand die Gefahr eines Flächenbrandes. Weitere Konkurrenten könnten übermütig werden. Daher war Eile geboten.

„Was? Geht zu dem Jungen nach Hause und holt seinen Computer“, herrschte der Consultant sie an.

„Ihr habt ihn noch nicht gefragt, wie er heißt und wo er wohnt?“, ergänzte er irritiert, als er die verstörten Gesichter seiner Kumpanen sah. „Da können wir ja von Glück sagen, dass er bei der Behandlung nicht krepiert ist. Und behandelt ihn von jetzt an pfleglich. Wir werden schneller finden, was wir suchen, wenn er uns unterstützen kann. Und Du wirst uns doch unterstützen, oder?“, fragte er in Richtung des Jungen, dem es trotz seines Zustandes irgendwie gelang noch mit dem Kopf zu nicken.

„Und wie heißt Du?“

„Marc. Marc Johann“, stammelte der Junge.

13.

Strecker holte sich noch einen Kaffee und machte sich dann über die Akten her.

Der erste Fall, den die Ermittler der Bande zurechneten, datierte aus dem Sommer 2017.

Am 27.06.2017, einem Dienstag, wurde in den frühen Abendstunden eine Trinkhalle in Duisburg-Wanheimerort, Ecke Düsseldorfer Str. und Nikolaistraße überfallen. Gestohlen wurden, soweit das überhaupt feststellbar war, außer ein paar Zigarettenschachteln und Schokoriegeln so gut wie nichts. Selbst die Kasse ließen die Täter unangetastet. Umso mehr Mühe verwendeten die Täter darauf, möglichst großen Schaden anzurichten. Die Frontscheibe wurde zertrümmert, zahlreiche Regale umgerissen, nahezu alle Glasbehälter zerstört. Zu guter Letzt hatten sie noch versucht, die Zeitschriften bzw. den Kiosk anzuzünden. Der Kioskbesitzer wurde tätlich angegriffen, konnte aber fliehen, bevor er ernsthaft verletzt wurde.

Von ihm und weiteren Zeugen wurde übereinstimmend ausgesagt, dass die Tat von einer Gruppe mit grauen Kapuzenpullis bekleideten Jugendlichen begangen wurde. Es handelte sich um, hier gingen die Aussagen der Zeugen auseinander, vier bis acht Täter. Einige hatten Knüppel oder Stangen dabei. Die gesamte Tat dauerte weniger als fünf Minuten. Bevor die, von mehreren Zeugen alarmierte Polizei am Tatort eintraf, waren die Täter bereits verschwunden.

Die zweite Tat, aus chronologischer Sicht, wurde am 15. August in Hamburg verübt. In der Straße „Lange Reihe“ wurde ein vor einem italienischen Restaurant geparkter Lamborghini abgefackelt. Laut den, auch hier zahlreich vorhandenen, Zeugenaussagen hatte ein mit einem grauen Kapuzenpulli bekleideter Mann einen Molotowcocktail auf den Wagen geschleudert. Der Täter entkam zu Fuß in Richtung Danziger Straße. Das Kraftfahrzeug brannte vollständig aus. Personen kamen nicht zu Schaden.

Der nächste Vorfall ereignete sich bereits am Folgetag, dem 16. August, einem Donnerstag. Tatort war ein Club in der Koblenzer Ernst-Abbe-Straße. Auch hier handelte es sich um einen Brandanschlag. Zwei Täter, wieder mit grauen Kapuzenpullis bekleidet, hatten Molotowcocktails in den Club geworfen. Glücklicherweise wurde der Brand von den Gästen schnell gelöscht, sodass es zu keinerlei Personenschäden kam. Auch der Sachschaden blieb gering.

Dann wurde am Montag, dem 11. September, in Frankfurt in der Holbeinstraße, ein Rentner im Flur eines Mietshauses überfallen und zusammengeschlagen. Der Rentner selbst hatte den Täter nicht gesehen, aber auch hier gab es wieder Zeugen, die ausgesagt hatten, dass ein mit einem grauen Kapuzenpulli bekleideter Mann vom Tatort weggelaufen war.

Die Akte enthielt ein halbes Dutzend weitere, ähnlich gelagerte Fälle, verteilt über die ganze Bundesrepublik.

Neben den grauen Kapuzenpullis war den Fällen gemein, dass die meisten Opfer, wenn auch in unterschiedlicher Weise und aus verschiedenen Motiven, vermutlich vorher unter Druck gesetzt oder bedroht wurden. Und dass es in keinem der Fälle brauchbare Ermittlungsergebnisse gab. Nicht einer der Täter hatte ermittelt, geschweige denn festgenommen werden können.

Das traf auch auf den bisher gravierendsten Fall zu, der auch der letzte in der Akte war. Die Tat war am 7.12. in Essen begangen worden. Auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Kennedyplatz war ein Mann erstochen worden. Der Täter hatte ihm gegen 20:00 Uhr abends mit einem Messer in den Rücken gestochen. Mehrere Besucher hatten ausgesagt, dass sich ein junger Mann, bekleidet mit einem Kapuzenpulli, zum Tatzeitpunkt und in der Nähe des Tatorts auffällig aggressiv einen Weg durch die Menge gebahnt hatte. Er war nicht aufgehalten worden, da offenbar bis dahin niemand die Straftat bemerkt hatte. Bei dem Mordopfer handelte es sich um einen Essener Geschäftsmann, der unter anderem mehrere Restaurants und Bars betrieb. Neben Essen auch an anderen Orten im Ruhrgebiet, wie Bochum oder Dortmund. Er war für die Polizei kein Unbekannter, wurde er doch seit längerem mit Drogengeschäften und Geldwäschedelikten in Verbindung gebracht. Bisher konnte ihm aber nichts nachgewiesen werden.

Strecker war sich sicher, dass die Kollegen alles in ihrer Macht Stehende unternommen hatten und darüber hinaus eventuell übersehene Spuren mittlerweile erkaltet waren.