Beschreibung

"Seit Jahren zählt die Game-Serie um die Ahnenreihe eines Assassinen zu den erfolgreichsten Games aller Zeiten. Bereits im November soll der mittlerweile 5. Teil der Meuchelmörder-Saga in den Regalen stehen. Panini präsentiert den offiziellen Roman zur nächsten Episode um Desmond Miles und seinen beeindruckenden Stammbaum von Profikillern. Der ewige Kampf zwischen Templer-Orden und Assassinen geht in die 5. Runde! Das neue Game ASSASSIN'S CREED V: UNITY erscheint im November! "

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BISHER ERSCHIENEN

ASSASSIN’S CREED: DIE BRUDERSCHAFT

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed: Brotherhood

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2236-8

ASSASSIN’S CREED: RENAISSANCE

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed 2

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2235-1

ASSASSIN’S CREED: DER GEHEIME KREUZZUG

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2436-2

ASSASSIN’S CREED: REVELATIONS – DIE OFFENBARUNG

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed: Revelations

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2437-9

ASSASSIN’S CREED: FORSAKEN – VERLASSEN

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2610-6

ASSASSIN’S CREED: BLACK FLAG

Der offizielle Roman zum Game

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2700-4

ASSASSIN’S CREED: DER UNTERGANG – COMICBAND 1

100 Seiten, farbig – ISBN 978-3-86201-093-6

ASSASSIN’S CREED: THE CHAIN – COMICBAND 2

100 Seiten, farbig – ISBN 978-3-86201-416-3

ASSASSIN’S CREED: BRAHMAN – COMICBAND 3

100 Seiten, farbig – ISBN 978-3-86201-973-1

Infos zu weiteren Romanen und Comics unter:

www.paninicomics.de

Oliver Bowden

Aus dem Englischen

von Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Englische Originalausgabe:

“ASSASSIN’SCREED: Unity” by Oliver Bowden, published by Penguin Books, London, England, November 2014.

Copyright © 2014 Ubisoft Entertainment. Alle Rechte vorbehalten. Assassin’s Creed, Ubisoft und das Ubisoft Logo sind Marken von Ubisoft Entertainment in den USA und/oder anderen Ländern.

No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s).

Übersetzung: Timothy Stahl

Lektorat: Robert Montainbeau

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8332-2990-9

Gedruckte Ausgabe:

ISBN 978-3-8332-2893-3

www.paninicomics.de

AUSZUG AUS DEM TAGEBUCH VONARNO DORIAN

12. September 1794

Auf meinem Schreibtisch liegt ihr Tagebuch, die erste Seite aufgeschlagen. Mehr hatte ich nicht zu lesen vermocht, bevor mir eine Flut aufwallender Gefühle den Atem verschlug und Tränen meine Augen füllten und der vor mir liegende Text verschwamm. Die Erinnerungen an sie hatten mich überwältigt – Erinnerungen an das schelmische Kind, das Verstecken spielte; an die Unruhestifterin, die ich im Erwachsenenalter kennen- und lieben gelernt hatte, der das rote Haar lockig über die Schultern fiel und deren tiefgründige Augen unter dunklen, glänzenden Wimpern hervorsahen. Sie besaß die Balance einer perfekten Tänzerin und einer Meisterin im Schwertkampf. Unter den begehrlichen Blicken eines jeden Mannes glitt sie ebenso ungezwungen über das Palastparkett, wie sie sich im Kampfe schlug.

Hinter diesem Blick aber verbargen sich Geheimnisse. Geheimnisse, die zu entdecken ich im Begriff war. Ich nehme ihr Tagebuch wieder auf, möchte Hand und Fingerspitzen auf die offene Seite legen, die Worte streicheln und spüren, dass dort ein Teil ihrer Seele liegt.

Ich fange an zu lesen.

AUSZÜGE AUSDEM TAGEBUCH VONÉLISE DE LA SERRE

9. April 1778

I.

Mein Name ist Élise de la Serre. Ich bin zehn Jahre alt. Mein Vater heißt François, meine Mutter Julie, und wir leben in Versailles – im glanzvollen, schönen Versailles, wo prachtvolle Bauten und stattliche Châteaus im Schatten des großen Palasts liegen; in Versailles mit seinen Lindenalleen, seinen schillernden Seen und Brunnen und seinen tadellos beschnittenen Sträuchern und Bäumen.

WirsindAdelige.WirzählenzudenGlücklichen.DenPrivilegierten.ZumBeweisbrauchenwirnurdiezwanzigKilometerlangeStraßenachPariszunehmen.DieseStraßewirdvondarüberhängendenÖllampenbeleuchtet,denninVersaillesbenutzenwirwelche.InParisjedochbehelfensichdieArmenmitTalgkerzen,undderRauchderTalgfabrikenliegtwieeinLeichentuchüberderStadtundverschmutztdenLeutendieHautundersticktihnendieLungen.InLumpengekleidetunddenRückengekrümmtvonentwederdemGewichttatsächlicherLastenoderderBürdeihresKummersschleichendieArmenvonParisdurchStraßen,indienieLichtzufallenscheint.DieGassengleichenoffenenKloaken,überallfließenSchlammundmenschlicheAusscheidungenundverschmierendieBeinejener,dieunsereSänften,diePortechaisen,tragen,wennwirdieseStraßenpassierenundmitgroßenAugenhinausstarren.

Später fahren wir dann mit vergoldeten Kutschen zurück nach Versailles und kommen vorüber an Gestalten auf den Feldern, die in Nebel gehüllt wie Geister aussehen. Diese barfüßigen Bauern bestellen die Felder der Adeligen und müssen Hunger leiden, wenn die Ernte schlecht ist; sie sind buchstäblich Sklaven der Landbesitzer. Daheim lausche ich den Geschichten meiner Eltern darüber, wie diese Leute nachts wach bleiben müssen, um mit Stöcken nach den Fröschen zu schlagen, deren Quaken die Landbesitzer im Schlafe stört und wie sie Gras essen müssen, um am Leben zu bleiben. Unterdessen gedeihen die Adeligen, befreit von Steuerzahlungen und vom Militärdienst und verschont von der Demütigung des Frondienstes, der sie eigentlich verpflichten würde, einen Tag lang unentgeltlich auf den Straßen zu arbeiten.

Meine Eltern sagen, Königin Marie Antoinette streife durch die Flure, Ballsäle und Vestibüle des Schlosses und ersinne neue Möglichkeiten, ihr Kleidergeld auszugeben, derweil ihr Gatte, König Ludwig XVI., sich auf seinem überdachten Throne, dem lit de justice, rekele und Gesetze erlasse, die das Leben der Adeligen auf Kosten der Armen und Hungernden bereicherten. Und sie munkeln, dass derlei Treiben eine Revolution schüren könne.

II.

Es gibt einen Ausdruck, der den Moment beschreibt, in dem man plötzlich etwas begreift, das einem vorher noch ein Rätsel war. Das ist der Moment, „in dem der Groschen fällt“.

Als kleines Kind kam es mir nie in den Sinn, mich darüber zu wundern, weshalb ich Geschichte lernte und nicht Etikette, Benimm und Haltung. Ich fragte mich nicht, warum Mutter sich nach dem Abendessen zu Vater und den Krähen gesellte und, die Stimme erhoben, mit ebensolchem Nachdruck widersprach und debattierte, wie sie es taten. Es verdutzte mich nicht, dass sie nicht im Damensattel ritt und nie eines Stallburschen bedurfte, der ihr das Pferd hielt. Und es kam mir auch nie merkwürdig vor, dass sie so wenig Zeit auf Mode und den Klatsch bei Hofe verwandte. Kein einziges Mal dachte ich daran, die Frage zu stellen, weshalb meine Mutter nicht so war wie andere Mütter. Nicht, bis der Groschen fiel.

III.

Natürlich war sie schön und stets gut gekleidet, aber sie vergeudete keine Zeit damit, sich so herauszuputzen, wie es die Damen bei Hofe taten, über die sie nur die Lippen schürzte und abfällig sprach. Ihr zufolge waren sie besessen von ihrem Aussehen und ihrem Status.

„Die würden eine Idee nicht einmal dann als solche erkennen, wenn sie zwischen den Augen davon getroffen würden, Élise. Versprich mir, dass du nie so enden wirst.“

Faszinierend. Ich wollte mehr darüber wissen, wie ich nie enden sollte, und nutzte meinen Lausch- und Aussichtsposten am Rocksaum meiner Mutter, um diese ihr so verhassten Frauen auszuspionieren. Was ich sah, waren zugepuderte Klatschbasen, die vorgaben, ihren Männern treu ergeben zu sein, während ihre Blicke über den Rand ihrer Fächer hinweg durch den Raum schweiften und nach arglosen Liebhabern Ausschau hielten, die sie sich schnappen konnten. Ungesehen blickte ich hinter die gepuderten Masken, wenn ihnen das spöttische Lachen auf den Lippen erstarb und der Hohn in ihren Augen erlosch. Dann erkannte ich, wie sie wirklich waren, voller Furcht nämlich. Sie fürchteten, in Ungnade zu fallen. Auf der gesellschaftlichen Leiter abwärtszurutschen.

So war Mutter nicht. Zum einen kümmerte sie nichts so wenig wie Tratsch. Auch sah ich sie nie mit einem Fächer. Sie hasste Puder, und sie hatte absolut keine Zeit für Schönheitsflecken, die mit Holzkohle aufgemalt waren, und für Alabasterhaut; ihr einziges modisches Zugeständnis waren Schuhe. Darüber hinaus achtete sie nur aus einem einzigen Grund auf ihr Benehmen – der Schicklichkeit wegen.

Und zum anderen war sie meinem Vater ganz ergeben. Sie stand ihm bei – an seiner Seite jedoch, nie hinter ihm –, sie unterstützte ihn und war ihm unerschütterlich treu.

Mein Vater hatte Berater, Messieurs Chretien Lafrenière, Louis-Michel le Peletier, Charles Gabriel Sivert sowie Madame Levesque. Ich nenne sie die „Krähen“, weil sie genau so aussahen in ihren langen schwarzen Mänteln, mit ihren dunklen Filzhüten und Augen, die nie lächelten, und ich bekam häufig mit, wie Mutter Vater gegen sie verteidigte, ihm ohne Rücksicht auf Verluste den Rücken stärkte, ungeachtet dessen, was sie hinter verschlossenen Türen zu ihm sagte.

Aber es ist lange her, seit ich sie zuletzt mit Vater diskutieren hörte.

Sie haben gesagt, dass sie heute Nacht sterben könnte.

10. April 1778

I.

Sie überlebte die Nacht.

Ich saß auf ihrer Bettkante, hielt ihre Hand und sprach mit ihr. Eine Weile gab ich mich dem Irrglauben hin, dass ich es war, die sie tröstete – bis sie den Kopf drehte und mich mit trüben, aber in der Seele forschenden Augen ansah und mir bewusst wurde, dass es andersherum war.

EsgabMomenteindervergangenenNacht,dablickteichzumFensterhinausundsahArnountenaufdemHof,undichbeneideteihndarum,wieersoblindseinkonntefürdieSorge,dienureinpaarMetervonihmentferntbittereWirklichkeitwar.Natürlichweißer,dasssiekrankist,aberTuberkuloseistnuneinmalweitverbreitet,undderTodhälttäglichErnte,auchhierinVersailles.UnderistkeindelaSerre.EristunserMündelundmithinnichteingeweihtinunseretiefsten,dunkelstenGeheimnisse,sowenig,wieeranunseremintimstenSchmerzteilhat.ZudemkennterdieSituationkaumanders,seiterhierist.FürArnoistMuttereinfernesWesen,umdasmansichindenoberenEtagendesChâteauskümmert;fürihnwirdsieeinzigdurchihreKrankheitdefiniert.

Mein Vater und ich teilen unseren inneren Aufruhr stattdessen mittels heimlicher Blicke. Nach außen hin tun wir so, als wäre Schmerz für uns etwas ganz Normales und als hätten zwei Jahre voller bitterer Diagnosen unseren Kummer gelindert. Unsere Trauer ist ein weiteres Geheimnis, das wir vor unserem Mündel verbergen.

II.

Wir nähern uns dem Moment, in dem der Groschen fiel. Und wenn ich mir den ersten Zwischenfall in Erinnerung rufe, das erste Mal, da ich mich wirklich über meine Eltern und insbesondere Mutter zu wundern begann, dann denke ich daran wie an einen Wegweiser auf der Straße zu meiner Bestimmung.

Es war im Kloster. Ich war erst fünf, als ich eintrat, und meine Erinnerungen daran sind alles andere als vollständig. Eigentlich sind es nur Eindrücke: lange Bettenreihen, eine vage, aber irgendwie zusammenhanglose Erinnerung an einen Blick durch ein von Frost gesäumtes Fenster auf Baumwipfel, die aus wabernden Nebelschwaden aufragten, und … die Mutter Oberin.

Gebückt gehend und stets bitter war die Mutter Oberin bekannt für ihre Grausamkeit. Sie spazierte durch die Klostergänge und trug dabei ihren Stock auf den flachen Händen vor sich her, als präsentierte sie ihn bei einem Bankett. In ihrem Arbeitszimmer lag er auf ihrem Schreibtisch. „Du bist dran!“, sagten wir damals immer, und eine Zeit lang war immer ich dran, denn sie hasste mein Bestreben, fröhlich zu sein, missgönnte mir mein stetes Lachen. Mein glückliches Lächeln bezeichnete sie als Grinsen. Der Stock, sagte sie, werde mir das Grinsen schon aus dem Gesicht wischen.

Damit hatte die Mutter Oberin recht. Das tat der Stock. Für eine Weile.

Und eines Tages kamen Mutter und Vater, um mit der Mutter Oberin zu sprechen – worüber, weiß ich nicht –, und auf Bitten meiner Eltern wurde ich hinzugerufen. Im Arbeitszimmer drehten sich meine Eltern auf ihren Stühlen um und begrüßten mich, und die Mutter Oberin erhob sich hinter ihrem Schreibtisch, den üblichen Ausdruck unverhohlener Verachtung im Gesicht, auf den Lippen die stumme Missbilligung meiner vielen Verfehlungen.

Wäre Mutter allein gekommen, hätte ich mich nicht so förmlich verhalten. Ich wäre zu ihr gerannt und hätte gehofft, zwischen den Falten ihres Kleides hindurch und in eine andere Welt schlüpfen zu können, irgendwohin, nur fort von hier, diesem schrecklichen Ort. Aber sie waren beide da, und mein Vater war mein König. Er war es, der bestimmte, welchen Grad der Höflichkeit wir befolgten. Und er war es gewesen, der darauf bestanden hatte, dass ich überhaupt ins Kloster kam. Deshalb trat ich vor ihn hin, machte einen Knicks und wartete, bis ich angesprochen wurde.

Mutter ergriff meine Hand. Wie sie sah, was damit los war, weiß ich nicht, denn ich hatte die Hand fest an meine Seite gedrückt, aber irgendwie hatte sie einen Blick auf die Male erhascht, die der Stock hinterlassen hatte.

„Was ist das?“, wollte sie von der Mutter Oberin wissen und hielt ihr meine Hand hin.

Nie hatte ich die Mutter Oberin anders als gefasst gesehen. Jetzt allerdings sah ich, wie sie blass wurde. Binnen eines Augenblicks hatte meine Mutter sich verwandelt – von einem schicklichen, höflichen Gast, wie man es gegenüber der Mutter Oberin erwartete, in ein Instrument latenten Zorns. Wir spürten es alle. Und die Mutter Oberin am meisten.

Sie kam ein wenig ins Stammeln. „Wie ich bereits sagte, Élise ist ein eigensinniges Mädchen und neigt zum Stören.“

„Und deshalb wird sie mit dem Stock geprügelt?“, fragte meine Mutter, und ihr Zorn wallte auf.

Die Mutter Oberin straffte die Schultern. „Wie soll ich denn Eurer Meinung nach sonst für Ordnung sorgen?“

Mutter schnappte sich den Stock. „Ich erwarte, dass Ihr fähig seid, für Ordnung zu sorgen. Glaubt Ihr, dieses Ding macht Euch stark?“ Sie hieb mit dem Stock auf den Tisch. Die Mutter Oberin zuckte zusammen und schluckte, und ihr Blick schoss hin zu meinem Vater, der mit merkwürdiger, undurchschaubarer Miene zusah, als bedürften diese Geschehnisse seiner Beteiligung nicht. „Dann irrt Ihr Euch zutiefst“, fügte Mutter hinzu, „denn er macht Euch schwach.“

Sie stand auf, funkelte die Mutter Oberin an und ließ sie abermals zusammenfahren, als sie mit dem Stock noch einmal auf den Schreibtisch schlug. Dann nahm sie meine Hand. „Komm mit, Élise.“

Wir gingen, und danach wurde ich von Hauslehrern unterrichtet.

Eines wusste ich, als wir aus dem Kloster stürmten und in unsere Kutsche stiegen, in der wir schweigend nach Hause fuhren. Während Mutter und Vater vor Dingen, die ungesagt blieben, fast überquollen, war mir klar, dass Damen sich nicht so benahmen, wie meine Mutter es gerade getan hatte. Gewöhnliche Damen jedenfalls nicht.

EinenweiterenHinweisdarauferhieltichungefähreinJahrspäteraufeinerGeburtstagsfeierfüreineverwöhnteTochterauseinemderbenachbartenChâteaus.AndereMädchenmeinesAltersspieltenmitPuppenundplatziertensieumeinenTischzumTee;zueinemTee,dernurfürPuppenwar,esgabkeinenrichtigenTeeoderKuchen,diekleinenMädchentatennurso,alsgäbensieihrenPuppenTeeundKuchen,wasmirdamalsschonalbernvorkam.

Nicht weit entfernt spielten die Jungen mit Spielzeugsoldaten, und so stand ich auf und gesellte mich zu ihnen. Das entsetzte Schweigen, das die Feier darob überkam, fiel mir gar nicht auf.

Mein Kindermädchen, Ruth mit Namen, zog mich fort. „Du spielst mit Puppen, Élise“, sagte sie mit zwar fester, aber nervöser Stimme, und sie wusste nicht, wo sie hinschauen sollte, während sie unter den scheelen Blicken der anderen Kindermädchen schier zu schrumpfen schien. Ich tat, wie mir geheißen, hockte mich hin und heuchelte Interesse an dem vorgetäuschten Tee und Kuchen, und nachdem die peinliche Störung vorüber war, hielt auf dem Rasen der Normalzustand wieder Einzug: Die Jungen spielten mit Soldaten, die Mädchen mit Puppen, die Kindermädchen behielten uns alle im Auge, und etwas abseits schnatterten die Mütter, hochwohlgeborene Damen, die auf schmiedeeisernen Gartenstühlen saßen und tratschten.

Ich schaute hinüber zu den Klatschtanten und betrachtete sie mit den Augen meiner Mutter. Ich sah meinen eigenen Weg vom Mädchen, das im Grase saß, zur tratschenden Dame, und in einem plötzlichen Ansturm absoluter Gewissheit wurde mir klar, dass ich das nicht wollte. Ich wollte nicht so sein wie diese Mütter. Ich wollte so sein wie meine eigene Mutter, die sich entschuldigt und ein gutes Stück entfernt hatte, wo sie nun am Wasser stand, ganz allein, ihre Individualität für alle offenbar.

III.

Ich hatte eine Nachricht von Mr Weatherall erhalten. Auf Englisch schreibt er mir, dass er Mutter zu sehen wünsche, und er bittet mich, um Mitternacht in der Bibliothek auf ihn zu warten und ihn zu ihr zu führen. Und er beschwört mich, meinem Vater nichts zu sagen.

Ein weiteres Geheimnis, das ich wahren muss. Manchmal komme ich mir vor wie eines dieser armen Geschöpfe, die wir in Paris sehen, ebenso gebeugt von der Last der Erwartungen, die mir aufgezwungen werden.

Und dabei bin ich doch erst zehn Jahre alt.

11. April 1778

I.

Um Mitternacht zog ich ein Kleid über, nahm eine Kerze und schlich mich hinunter in die Bibliothek, wo ich auf Mr Weatherall wartete.

Er hatte sich Zutritt ins Château verschafft, bewegte sich wie ein Phantom, ohne die Hunde aufzuscheuchen, und nachdem er die Bibliothek so leise betreten hatte, dass ich kaum hörte, wie die Tür sich öffnete und schloss, durchquerte er den Raum mit wenigen Schritten, riss sich die Perücke vom Kopf – das dreimal verfluchte Ding, das er so hasste – und packte mich bei den Schultern.

„Es heißt, sie werde rasch schwächer“, sagte er. Er musste sich einreden, es sei nur ein Gerücht.

„Sie wird rasch schwächer“, erwiderte ich und senkte den Blick.

Er schloss die Augen, und obgleich er nicht alt war – Mitte vierzig, ein wenig älter als Mutter und Vater –, zeichneten sich die Jahre in seinem Gesicht ab.

„Mr Weatherall und ich standen einander sehr nahe“, hatte Mutter zuvor gesagt. Dabei hatte sie gelächelt. Und ich glaube, sie wurde sogar rot.

II.

Es war ein eisig kalter Tag im Februar, als ich Mr Weatherall kennenlernte. Jener Winter war der erste wirklich harsche Winter, aber während in Paris die Seine über die Ufer trat und zufror und die Armen auf den Straßen starben, lagen die Dinge in Versailles ganz anders. Wenn wir aufwachten, hatte die Dienerschaft bereits Feuer gemacht, das in den Kaminen loderte, und wir aßen unser dampfendes Frühstück. Zum Schutz vor der Kälte hüllten wir uns in Felle, und Muffe hielten unsere Hände warm, wenn wir am Vor- und Nachmittag unsere Spaziergänge unternahmen.

An jenem Tag schien die Sonne, auch wenn sie gegen die bis ins Mark kriechende Kälte nichts auszurichten vermochte. Eine Eiskruste versah die dicke Schneedecke mit hübschem Glanz, und sie war so fest, dass Scratch, unser irischer Wolfshund, darauf laufen konnte, ohne mit den Pfoten darin zu versinken. Er hatte ein paar zaudernde Schritte gemacht, und als ihm sein Glück dann gewahr wurde, hatte er munter gebellt und war vorausgejagt, während Mutter und ich über das Anwesen gingen und Kurs auf die Bäume am Südrand des Rasens nahmen.

Ich hielt ihre Hand und schaute beim Gehen über die Schulter. In der Ferne schimmerte unser Château im Widerschein von Sonne und Schnee, die Fenster blitzten, und als wir dann aus dem Sonnenschein in den Schatten der Bäume traten, wurde es auf einmal undeutlich, wie mit Bleistift schattiert. Wir waren weiter gegangen als sonst, wurde mir bewusst, und befanden uns nicht mehr im Schutz des Châteaus.

„Erschrick nicht, wenn du einen Herrn im Halbdunkel siehst“, sagte Mutter und beugte sich ein wenig zu mir herab. Ihre Stimme war leise, und ich umklammerte ihre Hand etwas fester ob der bloßen Vorstellung, plötzlich einem Fremden gegenüberzustehen, aber sie lachte. „Wir sind nicht zufällig hier.“

Ich war zu der Zeit sechs Jahre alt und hatte keine Ahnung, dass es „Folgen“ haben könnte, wenn eine Dame sich unter solchen Umständen mit einem Mann traf. In meinen Augen traf sich meine Mutter eben einfach nur mit einem Mann, und es bedeutete nicht mehr, als wenn sie mit Emanuel, unserem Gärtner, sprach oder zum Zeitvertreib mit Jean, unserem Kutscher, plauderte.

Frost verleiht der Welt Stille. Zwischen den Bäumen war es noch leiser als auf dem zugeschneiten Rasen, und wir wurden Teil einer vollkommenen Ruhe, als wir auf einem schmalen Pfad tiefer in den Wald vordrangen.

„Mr Weatherall spielt gern“, sagte meine Mutter, die Stimme aus Ehrfurcht vor all der Friedlichkeit gesenkt. „Vielleicht will er uns überraschen, und man sollte stets auf der Hut sein vor etwaigen Überraschungen. Wir beobachten unsere Umgebung und richten unsere Erwartungen danach aus. Siehst du Spuren?“

Der Schnee ringsum war unberührt. „Nein, Mama.“

„Gut. Dann sind wir innerhalb unseres Radius sicher. Also, wo könnte sich ein Mensch unter solchen Bedingungen verstecken?“

„Hinter einem Baum?“

„Gut, gut – aber was ist hiermit?“ Sie wies nach oben, und ich reckte den Hals, um ins Dickicht der Äste hinaufzuschauen, auf denen das Eis blinkte wie in Scherben gegangener Sonnenschein.

„Behalte stets alles im Auge.“ Mutter lächelte. „Benutze deine Augen zum Sehen, ohne den Kopf zu neigen, wenn es möglich ist. Zeige anderen nicht, worauf deine Aufmerksamkeit sich richtet. Im Leben wirst du Gegner haben, und diese Gegner werden in deinem Verhalten nach Hinweisen auf deine Absichten suchen. Wahre deinen Vorteil, indem du sie im Unklaren lässt.“

„Versteckt sich unser Besucher auf einem Baum, Mama?“, fragte ich.

Sie lachte leise. „Nein. Ich habe ihn nämlich schon entdeckt. Siehst du ihn auch, Élise?“

Wir waren stehen geblieben. Ich blickte in Richtung der Bäume vor uns. „Nein, Mama.“

„Zeigt Euch, Freddie“, rief Mutter, und tatsächlich trat ein paar Meter vor uns ein graubärtiger Mann hinter einem Baum hervor, zog schwungvoll seinen Dreispitz vom Kopf und vollführte eine übertriebene Verbeugung.

DieMännerausVersailleswarenvoneinerbestimmtenArt.Sieschautenvonobenherabaufjeden,dernichtsowarwiesie.Sietrugendas,wieichesnannte,„Versailles-Lächeln“zurSchau,dasaufhalbemWegezwischenamüsiertundgelangweiltlag,alshättensieineinerToureinenjenergeistreichenScherzeaufdenLippen,aufgrunddererscheinbarsämtlicheMännerbeiHofebeurteiltwurden.

Dieser Mann war kein Mann aus Versailles, das zeigte allein schon sein Bart. Und obwohl er lächelte, war es kein Versailles-Lächeln – stattdessen war es sanft, wenn auch ernst, und sein Gesicht war das eines Mannes, der überlegte, bevor er sprach, und seinen Worten Gewicht verlieh.

„Ihr werft einen Schatten, Freddie.“ Mutter lächelte, als er näher trat, leicht ihre Hand ergriff, die sie ihm darbot, und formvollendet den Handkuss andeutete, bevor er mit mir ebenso verfuhr und sich abermals verbeugte.

„Mein Schatten?“, erwiderte er, und seine Stimme klang warm und rau, aber unkultiviert, die Stimme eines Seemanns oder Soldaten. „Ach, dreimal verfluchter Mist, ich werde wohl nachlässig.“

„Das will ich doch nicht hoffen, Freddie“, lachte Mutter. „Élise, darf ich vorstellen? Mr Weatherall aus England. Einer meiner Berater. Freddie, das ist Élise.“

Ein Berater? Wie die Krähen? Nein, er ähnelte ihnen in keiner Weise.

„Ich bin bezaubert, Mademoiselle“, krächzte er, und sein englischer Akzent verstümmelte das Wort „Mademoiselle“ auf eine Weise, die ich fast gegen meinen Willen charmant fand.

Mutter musterte mich mit ernster Miene. „Mr Weatherall ist unser Vertrauter und Beschützer, Élise. Ein Mann, an den du dich immer wenden kannst, wenn du Hilfe brauchst.“

Ich sah sie an und war ein bisschen erschrocken. „Aber was ist mit Vater?“

„Vater liebt uns beide von Herzen und würde mit Freuden sein Leben für uns geben, aber Männer, die so wichtig sind wie dein Vater, sollten nicht mit häuslichen Angelegenheiten belästigt werden. Zu diesem Zweck haben wir Mr Weatherall, Élise. Damit dein Vater sich keine Sorgen um die Angelegenheiten zu machen braucht, die seine Frauen betreffen.“ Ein noch bedeutungsvollerer Ausdruck trat in ihre Augen. „Dein Vater braucht sich keine Sorgen zu machen, Élise, verstehst du das?“

„Ja, Mama.“

Mr Weatherall nickte. „Ich stehe Euch ganz zu Diensten, Mademoiselle“, sagte er zu mir.

Ich knickste. „Danke, Monsieur.“

Scratch war zu uns gekommen und begrüßte Mr Weatherall aufgeregt. Sie beiden waren offensichtlich alte Freunde.

„Können wir reden, Julie?“, fragte der Beschützer, setzte seinen Dreispitz wieder auf und deutete mit einer Geste an, dass er ein paar Schritte mit ihr gehen wolle.

Ich blieb ein wenig hinter den beiden zurück und schnappte nur kurze Auszüge und zusammenhanglose Fetzen ihrer leisen Unterhaltung auf. Ich vernahm die Worte „Großmeister“ und „König“, aber das waren nur Begriffe jener Art, wie ich sie hinter den geschlossenen Türen des Châteaus zu hören gewohnt war. Erst in den Jahren danach gewannen sie deutlich an Tragweite.

Und dann geschah es.

Rückblickend kann ich mich an die Abfolge der Ereignisse nicht erinnern. Ich weiß noch, dass ich sah, wie Mutter und Mr Weatherall auf einmal ganz angespannt waren, während sich Scratch das Fell sträubte und er knurrte. Dann wirbelte meine Mutter herum. Ich folgte ihrem Blick, und da sah ich ihn, einen Wolf, links von mir im Unterholz. Es war ein schwarzgrauer Wolf, der vollkommen reglos zwischen den Bäumen stand und mich mit hungrigem Blick musterte.

Aus Mutters Muff kam etwas zum Vorschein, eine silberne Klinge, und mit zwei raschen Schritten war sie bei mir, schnappte mich und setzte mich hinter ihrem Rücken wieder ab, wo ich mich an ihre Röcke klammerte, während sie sich mit vorgestreckter Klinge dem Wolf entgegenstellte.

Auf der anderen Seite des Pfads hielt Mr Weatherall unseren Hund am Nacken fest; Scratch versuchte sich loszureißen und knurrte. Mit der anderen Hand packte Mr Weatherall den Griff eines Schwerts, das an seiner Hüfte hing.

„Wartet!“, befahl Mutter. Ihre erhobene Hand ließ Mr Weatherall auf der Stelle innehalten. „Ich glaube nicht, dass dieser Wolf angreifen wird.“

„Dessen bin ich mir nicht so sicher, Julie“, warnte Mr Weatherall. „Das ist ein ausgesprochen hungrig aussehender Wolf, mit dem wir es hier zu tun haben.“

Der Wolf starrte meine Mutter an. Sie erwiderte den Blick und sprach zugleich mit uns. „In den Hügeln draußen findet er nichts zu fressen. Es ist pure Verzweiflung, die ihn auf unser Anwesen getrieben hat. Aber ich glaube, dieser Wolf weiß, dass er sich uns zum Feind macht, wenn er uns angreift. Und er weiß auch, dass es besser für ihn wäre, sich angesichts unserer unerbittlichen Stärke zurückzuziehen und sein Glück anderswo zu versuchen.“

Er lachte kurz auf. „Warum wittere ich hier ein Gleichnis?“

„Weil“, erwiderte Mutter lächelnd, „das hier ein Gleichnis ist, Freddie.“

Der Wolf starrte noch ein paar Sekunden lang herüber, ohne Mutter aus den Augen zu lassen, bis er schließlich den Kopf senkte, kehrtmachte und langsam davontrottete. Wir sahen, wie er zwischen den Bäumen verschwand, Meine Mutter entspannte sich und verstaute die Klinge wieder in ihrem Muff. Ich schaute zu Mr Weatherall, der seinen Mantel wieder zugeknöpft hatte; von seinem Schwert war nichts mehr zu sehen.

Und ich war dem Moment, in dem der Groschen fallen sollte, einen Schritt näher.

III.

Ich führte Mr Weatherall zu Mutters Zimmer. Er bat mich, ihn mit ihr allein zu lassen, und versicherte mir, dass er selbst hinausfinden werde. Neugierig spähte ich durch das Schlüsselloch und sah, wie er sich neben sie setzte, nach ihrer Hand fasste und den Kopf neigte. Augenblicke später glaubte ich zu hören, wie er weinte.

12. April 1778

I.

Ich schaue aus meinem Fenster und denke an den vergangenen Sommer, als ich beim Spielen mit Arno binnen weniger Augenblicke meine Sorgen hinter mir ließ und glückselige Tage genoss, in denen ich wieder ein kleines Mädchen war und mit ihm durch das Heckenlabyrinth auf dem Palastgelände rannte, mich mit ihm um den Nachtisch zankte und nicht ahnte, dass die Erholungspause von meinem Kummer nur von kurzer Dauer sein würde.

Jeden Morgen bohre ich die Fingernägel in meine Handflächen und frage: „Ist sie wach?“ Und Ruth, die natürlich weiß, dass ich eigentlich frage, ob sie noch am Leben ist, versichert mir, dass Mutter die Nacht überstanden hat.

Aber es wird jetzt nicht mehr lange dauern.

II.

Also. Der Moment, in dem der Groschen fiel. Er rückt näher. Aber zuerst ein weiterer Hinweis.

Die Carrolls besuchten uns im Frühling jenes Jahres, in dem ich Mr Weatherall kennenlernte. Und was war das für ein herrlicher Frühling! Die Schneeschmelze hatte üppige Teppiche perfekt gestutzten Rasens freigegeben und Versailles in seinen natürlichen Zustand makelloser Vollkommenheit zurückversetzt. Umgeben von den akkurat geschnittenen Sträuchern und Bäumen unseres Anwesens konnten wir das Summen der Stadt kaum hören, während ein Stück rechts von uns die Hänge des Schlosses zu sehen waren, wo breite Steintreppen zu den Säulen der gewaltigen Vorderfront hinaufführten. Eine wahre Pracht, in der wir die Carrolls aus Mayfair in London empfangen konnten. Mr Carroll und Vater verbrachten Stunden im Salon, wo sie in Gespräche vertieft waren und gelegentlich Besuch von den Krähen erhielten, während Mutter und ich Mrs Carroll und ihre Tochter May unterhielten. May verlor keine Zeit, mir auf die Nase zu binden, dass sie zehn war, und weil ich nur sechs sei, mache sie das zu etwas Besserem.

Wir luden sie zu einem Spaziergang ein und zogen uns warm an zum Schutz vor der leichten Morgenkühle, welche die Sonne jedoch bald vertrieben haben würde.

Mutter und Mrs Carroll gingen ein paar Schritte vor uns. Mutter trug, wie mir auffiel, ihren Muff, und ich fragte mich, ob die Klinge darin versteckt war. Ich hatte mich nach dem Zwischenfall mit dem Wolf natürlich danach erkundigt.

„Mama, warum trägst du in deinem Muff ein Messer bei dir?“

„Aber, Élise, zum Schutz vor umherstreifenden Wölfen natürlich, was denkst du denn?“ Und mit einem schiefen Lächeln ergänzte sie: „Und zwar sowohl vor Wölfen der vier- als auch der zweibeinigen Art. Außerdem hält die Klinge den Muff in Form.“

Dann aber nahm sie mir, wie es bald Usus wurde, das Versprechen ab, dieses unser kleines Geheimnis für mich zu behalten, als eines unserer vérités cachées. Auch Mr Weatherall war ein vérité cachée. Und das hieß, wenn Mr Weatherall mich im Schwertkampf unterrichtete, wurde auch das ein vérité cachée.

May und ich gingen in höflichem Abstand hinter unseren Müttern her. Die Säume unserer Röcke streiften über den Kies, sodass wir aus der Ferne den Eindruck erwecken mussten, über den Boden zu gleiten, wie es sich für vier Damen wie uns gehörte.

„Wie alt bist du noch gleich, du Stinkstiefel?“, flüsterte May mir zu, obwohl sie, wie ich erwähnte, schon festgelegt hatte, was unser Altersunterschied bedeutete. Zweimal sogar.

„Nenn mich nicht Stinkstiefel“, erwiderte ich gekränkt.

„Entschuldige, Stinkstiefel, aber sag mir noch mal, wie alt du bist.“

„Ich bin sechs“, antwortete ich.

Sie gab einen glucksenden Laut von sich, der besagen sollte, wie furchtbar es sei, sechs zu sein, als wäre sie nie sechs gewesen. „Also ich bin zehn“, sagte sie dann in hochmütigem Ton. (Und nebenbei bemerkt, May Carroll sagte alles in hochmütigem Ton. Solange ich also nichts Gegenteiliges behaupte, geht ruhig davon aus, dass sie es in hochmütigem Ton sagte.)

„Ich weiß, dass du zehn bist“, zischte ich und stellte mir vergnügt vor, wie ich einen Fuß ausstreckte und sie in den Kies der Zufahrt stürzen sah.

„Ich sag’s ja nur, damit du es auch nicht vergisst“, erwiderte sie, und ich malte mir aus, wie kleine Steinchen in ihrem verheulten Gesicht steckten, während sie sich vom Boden aufrappelte. Wie hatte Mr Weatherall noch gesagt? Je größer sie sind, desto härter fallen sie.

(Und nun, da ich selbst das Alter von zehn Jahren erreicht habe, frage ich mich, ob ich genauso überheblich wie sie bin. Schlage ich auch jenen spöttischen Ton an, wenn ich mit anderen spreche, die jünger oder von niedrigerem Stande sind als ich? Mr Weatherall zufolge bin ich allzu selbstsicher, was wahrscheinlich eine nette Umschreibung für den Begriff „überheblich“ ist, und vielleicht rieben May und ich uns deshalb so aneinander, weil wir uns im Innersten ganz ähnlich waren.)

Auf unserer Runde um das Anwesen drangen die Worte der Damen vor uns an unsere Ohren, und wir hörten Mrs Carroll sagen: „Natürlich machen wir uns Sorgen wegen der Richtung, die Euer Orden anscheinend einschlagen will.“

„Ihr macht Euch Sorgen?“, entgegnete Mutter.

„Allerdings. Wir machen uns Sorgen wegen der Absichten der Berater Eures Gatten. Und wie wir beide wissen, ist es unsere Pflicht zu gewährleisten, dass unsere Männer das Richtige tun. Nehmt es mir nicht übel, aber vielleicht lässt Euer Gatte gewissen Gruppen die Möglichkeit, seine Politik zu diktieren?“

„Es gibt in der Tat hochrangige Mitglieder, die, sagen wir einmal, extremere Maßnahmen befürworten, was den Wandel des alten Ordens angeht.“

„Das bereitet uns in England Sorge.“

Meine Mutter lachte leise. „Natürlich. Ihr in England verweigert Euch ja allen Veränderungen.“

Dagegen verwahrte sich Mrs Carroll. „Aber ganz und gar nicht. Eure Auffassung unseres Nationalcharakters lässt jegliche Feinheit vermissen. Aber ich entwickle allmählich ein Gefühl dafür, wo Eure eigenen Loyalitäten liegen, Madame de la Serre. Ihr selbst votiert also für Veränderungen?“

„Wenn es Veränderungen zum Besseren sind.“

„Muss ich also berichten, dass Eure Loyalitäten bei den Beratern Eures Gatten liegen? War meine Reise hierher vergebens?“

„Nicht ganz, Madame. Es ist doch sehr beruhigend zu wissen, dass ich die Unterstützung meiner englischen Kollegen genieße, wenn es um den Widerstand gegen drastische Maßnahmen geht. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich hinsichtlich des letztendlichen Ziels mit Euch konform gehe. Es stimmt zwar, dass es Kräfte gibt, die auf einen gewaltsamen Umsturz drängen, und es ist auch wahr, dass mein Mann an einen von Gott bestimmten Monarchen glaubt und seine Idealvorstellungen der Zukunft keinerlei Veränderungen beinhalten – ich jedoch beschreite den Grat dazwischen, einen dritten Weg, wenn Ihr so wollt. Und es überrascht Euch vermutlich nicht, zu erfahren, dass ich meine eigene Ideologie als die moderatere von allen dreien betrachte.“

Sie gingen ein paar Stufen hinauf, und Mrs Carroll nickte nachdenklich.

In das Schweigen hinein sagte meine Mutter: „Es tut mir leid, wenn unsere Ziele Eurer Ansicht nach nicht übereinstimmen, Mrs Carroll. Und ich entschuldige mich dafür, wenn mich das zu einer etwas unzuverlässigen Vertrauten macht.“

Mrs Carroll nickte. „Ich verstehe. Ich an Eurer Stelle, Madame de la Serre, würde meinen Einfluss auf beiden Seiten nutzen, um Euren Mittelweg vorzuschlagen.“

„Dazu möchte ich nichts sagen, aber Ihr dürft gewiss sein, dass Eure Reise nicht vergebens war. Mein Respekt für Euch und Euren Zweig des Ordens ist so unerschütterlich, wie ich hoffe, dass es auch im Gegenzug der Fall ist. Was mich angeht, könnt Ihr Euch auf zwei Dinge verlassen – zum einen stehe ich zu meinen eigenen Prinzipien, und zum anderen werde ich nicht zulassen, dass mein Mann sich von seinen Beratern beeinflussen lässt.“

„Damit gebt Ihr mir, was ich wollte.“

„Sehr gut. Ich hoffe, das ist eine kleine Wiedergutmachung.“

May neigte mir den Kopf zu. „Haben dir deine Eltern von deiner Bestimmung erzählt?“

„Nein. Was meinst du denn damit … ‚Bestimmung‘?“

Sie hielt sich eine Hand vor den Mund und gab sich den Anschein, schon zu viel gesagt zu haben. „Vielleicht tun sie das, wenn du zehn wirst. So war es bei mir. Wie alt bist du eigentlich?“

„Ich bin sechs“, seufzte ich.

„Nun, vielleicht sagen sie es dir, wenn du zehn Jahre alt wirst, so wie ich.“

Letztlich mussten sich meine Eltern jedoch den Gegebenheiten beugen und mir schon viel früher von meiner „Bestimmung“ erzählen, denn zwei Jahre später, im Herbst1775, als ich gerade acht Jahre alt geworden war, gingen Mutter und ich Schuhe kaufen.

III.

Neben dem Château in Versailles besaßen wir noch eine große Villa in der Stadt, und wann immer wir dort weilten, ging meine Mutter gern einkaufen.

Wie ich bereits sagte, gab sie auf die meisten Moden nichts. Sie hasste Fächer und Perücken und beschränkte sich hinsichtlich ihrer Kleidung auf ein Minimum an Extravaganz – in einem Punkt aber war sie anspruchsvoll und wählerisch: Schuhe.

Wie gesagt, sie liebte Schuhe. Sie kaufte seidene Schuhe bei Christian in Paris, wo wir mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks alle zwei Wochen einmal hingingen, denn dies war, so sagte sie, ihr einziger Luxus – und auch der meine, denn wir kauften stets nicht nur ein Paar für sie, sondern auch eines für mich.

ChristianbefandineinerderwenigerzweifelhaftenStraßenvonParis,fernabunsererVillaaufderÎleSaint-Louis.Abernatürlichistallesrelativ,undichertapptemichdabei,wieichdieLuftanhielt,alsmanunsausunsererbequemenundnachParfümduftendenKutschehalfundwirdielärmende,wuselndeStraßebetraten,wosichdieGeräuschkulisseausständigenRufen,HufgeklapperunddemRumpelnvonKutschenrädernzusammensetzte.SoklangParis.

Über uns lehnten sich Frauen mit verschränkten Armen aus den Fenstern und schauten dem Lauf der Welt zu. Die Straße säumten Stände, an denen Obst und Stoffe verkauft wurden, sowie hoch beladene Karren, auf die Männer und Frauen in Schürzen achtgaben, die sogleich nach uns riefen: „Madame! Mademoiselle!“

Meine Blicke wurden zu den Schatten am Rand der Straße hingezogen, wo ich ausdruckslose Gesichter im Düstern sah, und ich bildete mir ein, Hunger und Verzweiflung in diesen Augen zu erkennen, die uns vorwurfsvoll und gierig musterten.

„Komm schon, Élise“, sagte Mutter, und ich hob meine Röcke hoch, so wie sie es tat, und schritt anmutig über den Schlamm und die Exkremente unter unseren Füßen, bis uns der Besitzer von Christian in sein Geschäft führte.

Hinter uns schlug die Tür zu, die Außenwelt war ausgesperrt. Ein Ladenjunge säuberte uns mit einem Handtuch die Füße, und binnen weniger Augenblicke war es so, als hätten wir den gefahrvollen Weg über die Straße nie zurückgelegt, jene wenige Meter lange Strecke zwischen unserer Kutsche und der Tür zu einem der vornehmsten Schuhgeschäfte in ganz Paris.

Christian trug eine weiße Perücke, die mit einem schwarzen Band nach hinten gebunden war, einen Gehrock und weiße Kniehosen. Er war die perfekte Mischung aus Edelmann und Diener, und auf dieser Stufe sah er sich auch auf der gesellschaftlichen Leiter. Er sagte gern, dass es in seiner Macht liege, Frauen das Gefühl zu geben, schön zu sein, und dies sei die größte Macht, die ein Mann besitzen könne. Und doch blieb ihm Mutter ein Rätsel, denn sie war die einzige Kundin, bei der seine Macht nicht recht wirkte. Und ich wusste warum. Weil andere Frauen Schuhe schlicht als Tribute an ihre eigene Eitelkeit betrachteten, während Mutter sie als eigenständige Schönheiten bewunderte.

Zu dieser Erkenntnis war Christian allerdings noch nicht gelangt, und so war er bei jedem unserer Besuche von Neuem auf dem Holzweg.

„Ah,Madame“,begannerundpräsentierteMuttereinPaarSlipper,diemiteinerSchnalleverziertwaren,„jedeDame,diedurchdieseTürtritt,bekommtbeimbloßenAnblickdieserexquisitenneuenKreationweicheKnie,abernurIhr,MadamedelaSerre,habtKnöchel,dieschöngenugsind,umdiesenSchuhengerechtzuwerden.“

„Zu frivol, Christian.“ Meine Mutter lächelte und ging an ihm vorbei und hin zu anderen Regalen. Ich warf dem Ladenjungen einen Blick zu, den dieser mit stoischer Miene erwiderte, und folgte ihr.

Meine Mutter entschied sich schnell. Sie traf ihre Wahl mit einer Bestimmtheit, die Christian immer wieder verblüffte. Ich, ihre stete Begleiterin, bemerkte, wie sie sich veränderte, wenn sie ihre Schuhe aussuchte. Eine Leichtigkeit ging dann von ihr aus.

Ihr Lächeln strahlte in meine Richtung, als sie ein weiteres Paar anprobierte und unter dem Schnauben und Juchzen Christians ihre schönen Knöchel im Spiegel bewunderte – jeder Schuh war ein erlesenes Kunstwerk, das noch im Entstehen begriffen war, bis der Fuß meiner Mutter ihm den letzten Schliff verlieh und ihn komplettierte.

Wir trafen unsere Entscheidungen, Mutter arrangierte die Bezahlung und Lieferung, und dann gingen wir. Christian führte uns auf die Straße hinaus, wo …

Keine Spur von Jean, unserem Kutscher. Und auch von der Kutsche selbst war nichts zu sehen.

„Madame?“, fragte Christian, sein Gesicht von Sorge gefurcht. Ich merkte, wie Mutter sich versteifte, sah, wie sie das Kinn neigte, während ihr Blick über die Straße glitt.

„Es gibt keinen Grund zur Sorge, Christian“, versicherte sie ihm leichthin. „Unsere Kutsche hat sich ein wenig verspätet, das ist alles. Genießen wir doch den Anblick und die Klänge von Paris, während wir warten.“

Es wurde allmählich dunkel, und in der Luft lag eine Kühle, die mit den Vorboten des Abendnebels zugenommen hatte.

„Das kommt gar nicht infrage, Madame, Ihr könnt nicht auf der Straße warten“, sagte Christian bestürzt.

Sie sah ihn mit der Andeutung eines Lächelns an. „Haltet Ihr mich für zu zartbesaitet, Christian?“

„Es ist gefährlich“, protestierte er und beugte sich vor, ehe er mit leicht angewidertem Gesicht flüsterte: „Und diese Leute!“

„Ja, Christian“, sagte meine Mutter, als weihe sie ihn in ein Geheimnis ein, „das sind nur Leute. Und nun geht bitte wieder hinein. Eure nächste Kundin weiß ihre exklusive Zeit mit dem aufmerksamsten Schuhhändler von Paris ebenso sehr zu schätzen wie ich, und sie wäre gewiss verstimmt, wenn sie ihr von zwei Irrläuferinnen, die auf ihren unzuverlässigen Kutscher warten, streitig gemacht würde.“

ChristiankanntemeineMutteralseineFrau,dieihreMeinungkaumeinmaländerte,underwussteauch,dasssierechthatte,wasdienächsteKundinanging,undsogabernachundverbeugtesich,entbotunseinaurevoirundkehrteindenLadenzurück.UndwirwarenalleinaufderStraße,wodieKarrenfortgeschobenwurdenundMenschensichinSchemenverwandelten,dieimtrübenNebelumhergeisterten.

Ich ergriff Mutters Hand. „Mama?“

„Hab keine Angst, Élise“, sagte sie und hob das Kinn. „Wir mieten uns eine Kutsche, die uns nach Versailles zurückbringt.“

„Nicht zur Villa hier in Paris, Mama?“

„Nein“, antwortete sie, überlegte und nagte dabei ein wenig an ihrer Lippe. „Ich halte es für besser, wenn wir nach Versailles zurückkehren.“

Sie war angespannt und auf der Hut, während sie mich die Straße hinunterführte, in deren Bild wir so gar nicht passten, mit unseren Hauben und den langen Röcken. Sie entnahm ihrer Handtasche einen kleinen Spiegel und prüfte ihr Rouge, dann blieben wir stehen und betrachteten die Auslagen in einem Schaufenster.

Und doch nutzte sie im Gehen die Gelegenheit, mich zu belehren. „Setz eine teilnahmslose Miene auf, Élise, zeig nicht deine wahren Gefühle, vor allem dann nicht, wenn du nervös bist. Erwecke nicht den Eindruck, in Eile zu sein. Strahle Ruhe aus. Wahre die Beherrschung.“

Das Treiben auf den Straßen ließ jetzt nach. „Auf dem Platz da vorn kann man Kutschen mieten. Wir sind gleich da. Aber vorher muss ich dir noch etwas sagen. Und wenn ich es sage, darfst du nicht darauf reagieren, du darfst dich nicht umschauen. Hast du das verstanden?“

„Ja, Mama.“

„Gut. Wir werden verfolgt. Er ist uns auf den Fersen, seit wir Christians Geschäft verlassen haben. Ein Mann mit hohem Filzhut und einem Umhang.“

„Warum? Weshalb verfolgt uns der Mann?“

„Das, Élise, ist eine sehr gute Frage, und ich habe vor, es herauszufinden. Geh nur einfach weiter.“

Wir blieben stehen und blickten in ein weiteres Schaufenster. „Ich glaube, unser Schatten ist verschwunden“, sagte Mutter nachdenklich.

„Das ist ja gut“, meinte ich mit der geballten Naivität meines sorglosen achtjährigen Wesens.

Doch Mutters Gesicht zeigte Sorge. „Nein, mein Schatz, das ist nicht gut. Mir war es lieber, ihn sehen zu können. Jetzt muss ich mich fragen, ob er wirklich weg ist oder ob er – was wahrscheinlicher ist – vorausgeeilt ist, um uns den Weg abzuschneiden, bevor wir den Platz erreichen. Er wird davon ausgehen, dass wir die Hauptstraße benutzen. Aber wir werden ihn täuschen, Élise, und einen anderen Weg einschlagen.“

Sie nahm meine Hand und führte mich erst in eine schmalere Straße und dann in eine lange Gasse, in der es dunkel war bis auf je eine Laterne an beiden Enden.

Wir hatten die Gasse zur Hälfte hinter uns gebracht, als die Gestalt vor uns aus dem Nebel trat. Aufgewühlter Dunst bauschte sich an den glatten Wänden zu beiden Seiten der schmalen Gasse. Und ich wusste, dass Mutter einen Fehler begangen hatte.

IV.

Der Mann hatte ein hageres Gesicht, das von einem Streifen fast schneeweißer Haare umrahmt wurde, und er sah aus wie ein geckenhafter, aber verwahrloster Doktor mit seinem schwarzen Umhang und seinem hohen, schäbigen Hut. Die Rüschen seines Hemdes hingen ihm über den Kragen.

Er trug eine Arzttasche bei sich, die er auf den Boden stellte und mit einer Hand öffnete, alles ohne uns aus den Augen zu lassen, während er der Tasche etwas entnahm, etwas Langes, Gebogenes.

Dann lächelte er und zog den Dolch aus der Scheide, und die Klinge blinkte gefährlich im Dunkeln.

„Bleib dicht bei mir, Élise“, flüsterte Mutter, „alles wird gut.“

Ich glaubte ihr, weil ich ein achtjähriges Mädchen war und als solches natürlich meiner Mutter glaubte. Aber auch weil ich sie mit dem Wolf gesehen und guten Grund hatte, ihr zu glauben.

Nichtsdestotrotz nagte Angst in mir.

„Was ist Euer Begehr, Monsieur?“, rief sie unaufgeregt.

Er gab keine Antwort.

„Nun gut. Dann kehren wir um und gehen dorthin zurück, wo wir hergekommen sind“, sagte Mutter laut, nahm meine Hand und machte Anstalten zu gehen.

AmZugangderGasseflackerteeinSchattenauf,undeinezweiteGestalterschienimorangefarbenenLichtderLaterne.EshandeltesichumeinenLaternenanzünder,daserkanntenwiranderlangenStange,dieerbeisichtrug.TrotzdembliebmeineMutterstehen.

„Monsieur“, rief sie dem Laternenanzünder vorsichtig zu, „ich möchte Euch gern bitten, diesen Herrn anzuweisen, uns in Ruhe zu lassen.“

Der Laternenanzünder sagte nichts, stattdessen ging er zu der Lampe hin und hob seine Stange. Mama setzte noch einmal an: „Monsieur …“ Ich fragte mich, warum der Mann versuchen wollte, eine Laterne anzuzünden, die bereits brannte, und erkannte zu spät, dass die Stange am Ende mit einem Haken versehen war – jenem Haken, der dazu diente, die Kerzenflamme in der Laterne zu löschen.

„Monsieur …“

Der Eingang der Gasse versank in Dunkelheit. Wir hörten, wie der Mann seine Stange klappernd fallen ließ, und als unsere Augen sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sah ich, wie er unter seinen Mantel griff und etwas hervorholte. Einen weiteren Dolch. Jetzt trat auch er einen Schritt vor.

Mutters Blick wanderte von dem Laternenanzünder zurück zu dem Doktor.

„Was wollt Ihr, Monsieur?“, fragte sie den Doktor noch einmal.

Anstelle einer Antwort hob der Doktor seinen anderen Arm. Mit einem Klicken schnellte eine zweite Klinge aus seinem Handgelenk.

„Assassine“, sagte Mutter lächelnd, als er näher kam. Auch der Laternenanzünder war herangekommen, so weit, dass wir den harten Zug um seinen Mund und seine schmalen Augen sehen konnten. Mutter drehte den Kopf mit einem Ruck in die andere Richtung und sah dem Doktor entgegen, der beide Klingen auf Hüfthöhe hielt, unverändert lächelnd. Er genoss das Ganze – oder versuchte wenigstens, den Anschein zu erwecken.

Wie auch immer, Mutter war für seine Bösartigkeit so unempfänglich wie für Christians Charme, und ihre nächste Bewegung war so anmutig wie ein Tanzschritt. Ihre Fersen klapperten auf dem Pflaster der Gasse, als sie mit einem Fuß zutrat, sich bückte und ein Stiefelmesser zückte, alles binnen eines Lidschlags.

Eben noch waren wir eine wehrlose Frau und ihr Kind gewesen, die in einer dunklen Gasse in der Falle saßen, und in der nächsten Sekunde … nicht mehr. Jetzt war da auf einmal eine Frau, die eine Klinge schwang, um ihre Tochter zu beschützen. Eine Frau, die offenbar genau wusste, was man mit einer Klinge tat – das verriet die Art, wie sie ihre Waffe gezogen hatte und nun dastand.

In den Augen des Doktors flackerte es. Der Laternenanzünder blieb stehen. Beide schienen zu überlegen.

Mutter hielt ihr Messer in der rechten Hand, und ich wusste, dass da etwas nicht stimmte, denn sie war eigentlich Linkshänderin.

Der Doktor trat vor. Im selben Moment wechselte meine Mutter ihr Messer in die andere Hand, und ihre Röcke bauschten sich, als sie in die Hocke ging und mit der ausgestreckten rechten Hand ihr Gleichgewicht wahrte, während sie mit der linken dem Doktor die Klinge über den Oberkörper zog. Dessen Mantelrock teilte sich so sauber wie unter der Schere eines Schneiders, und der Stoff sog sich augenblicklich mit Blut voll.

Der Schnitt hatte ihn verletzt, aber nicht schwer. Seine Augen weiteten sich, er sprang zurück, offenkundig verblüfft über das Geschick der Attacke meiner Mutter. Mochte er eben auch noch düster und Furcht einflößend gewirkt haben, jetzt war er es, der sich offensichtlich fürchtete, und ich verspürte neben meiner eigenen Angst noch etwas anderes – Stolz und Ehrfurcht. Noch nie hatte ich mich so beschützt gefühlt.

Aber trotzdem er zurückgewichen war, hielt er die Stellung. Sein Blick glitt kurz an uns vorbei, und Mutter drehte sich zu spät, um zu verhindern, dass mich der Laternenanzünder packte und seinen Arm um meinen Hals schlang.

„Legt das Messer weg, sonst …“, begann der Laternenanzünder. Aber er brachte den Satz nie zu Ende, denn eine halbe Sekunde später war er tot.

Mutters Schnelligkeit überrumpelte ihn – nicht nur die Schnelligkeit ihrer Bewegung, sondern die Schnelligkeit, mit der sie entschieden hatte, dass alles verloren wäre, wenn sie zuließ, dass der Laternenanzünder mich als Geisel nahm. Und das verschaffte ihr den Vorteil, als sie sich praktisch in ihn hineindrehte, die Lücke zwischen ihm und mir fand, in die sie ihren Ellbogen hineinstieß, um ihn dem Kerl dann auch schon in die Kehle zu rammen.

Er gab einen Laut von sich, der wie das Quaken eines Frosches klang, und ich spürte, wie sein Griff sich lockerte. Dann sah ich das Aufblitzen einer Klinge, als Mutter ihren Vorteil weiter nutzte und ihm das Stiefelmesser tief in den Bauch bohrte. Sie drückte ihn gegen die Wand, stieß mit einem leisen, angestrengten Ächzen die Klinge nach oben und trat in weiser Voraussicht beiseite, als sich die Vorderseite des Hemdes schon dunkel färbte und im nächsten Moment die Eingeweide inmitten eines Schwalls von Blut aus dem aufgeschnittenen Bauch quollen, während der Mann zu Boden rutschte.

Mutter richtete sich auf und wappnete sich für einen zweiten Angriff des Doktors, aber von ihm sahen wir nur noch den wehenden Umhang, als er herumfuhr, davonrannte und aus der Gasse auf die Straße hinausstürmte.

Mutter packte mich am Arm. „Komm mit, Élise, bevor du dir noch die Schuhe blutig machst.“

V.

An Mutters Mantel war Blut. Abgesehen davon deutete nichts darauf hin, dass sie einen Kampf ausgefochten hatte.

Kurz nachdem wir zu Hause angekommen waren, wurden Benachrichtigungen geschickt, und die Krähen eilten mit klappernden Stöcken und keuchend und schnaufend herbei und redeten laut davon, „die Verantwortlichen“ zu bestrafen. Das Personal war unterdessen in Aufruhr, man fasste sich nervös an die Kehle und tuschelte hinter Ecken, und Vaters Gesicht war aschfahl, und mir fiel auf, dass er sich verpflichtet zu fühlen schien, uns immer wieder in die Arme zu nehmen und ein bisschen zu fest und ein bisschen zu lange festzuhalten, ehe er uns wieder losließ, während in seinen Augen Tränen schimmerten.

Nur Mutter wirkte unerschüttert. Sie strahlte die Haltung und die Autorität einer Frau aus, die alle Schuld beglichen hatte. Und völlig zu Recht. Dank ihr hatten wir diesen Überfall überlebt. Ich fragte mich, ob sie insgeheim ebenso begeistert war wie ich …

Manwerdemichauffordern,meineSichtderEreignissezuschildern,hattesiemichinderMietkutscheaufdemWegzurückzuunseremChâteaugewarnt.IndiesemPunktsolleichihrfolgenundallesbekräftigen,wassiesagte,undnichtsGegenteiligesbehaupten.

Und so hörte ich zu, als sie ihre Fassung der Geschichte erzählte, erst Olivier, unserem Haushofmeister, dann meinem Vater und schließlich den Krähen, als sie eintrafen. Und obwohl ihre Geschichte in der Erzählung detaillierter ausfiel und sie alle Fragen, die man ihr stellte, beantwortete, sparte sie eine wichtige Einzelheit doch aus – den Doktor.

„Ihr habt keine versteckte Klinge gesehen?“, wurde sie gefragt.

„Ich sah nichts, was meine Angreifer als Assassinen ausgewiesen hätte“, erwiderte sie, „und somit kann ich nicht behaupten, dass es sich um das Werk von Assassinen handelte.“

„Gewöhnliche Straßenräuber sind nicht so organisiert, wie es dieser Mann gewesen zu sein scheint. Ihr könnt es doch nicht für einen Zufall halten, dass Eure Kutsche nicht zur Stelle war. Vielleicht findet man Jean betrunken, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht findet man ihn tot auf. Nein, Madame, dieser Überfall war kein wahlloses Verbrechen. Das war ein geplanter Angriff auf Eure Person, eine Aggression Eurer Feinde.“

Immer wieder warf man mir Blicke zu. Schließlich bat man mich, das Zimmer zu verlassen, was ich auch tat. Ich nahm draußen auf dem Flur Platz und lauschte den Stimmen aus dem Raum, die vom Marmorboden widerhallten und mein Ohr fanden.

„Großmeister, Ihr müsst einsehen, dass dies das Werk von Assassinen war.“

(Für mich klang es so, als wären damit irgendwelche Assassinen gemeint, Meuchelmörder also, und so saß ich da und dachte: Natürlich war es das Werk von Assassinen, Ihr Dummkopf. Oder jedenfalls von verhinderten Meuchlern.)

„Genau wie meine Gattin möchte ich lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen“, erwiderte Vater.

„Und doch habt Ihr zusätzliche Wachen aufgestellt.“

„Natürlich, Mann. Ich muss vorsichtig sein.“

„Ichglaube,inEuremHerzenkenntIhrdieWahrheit,Großmeister.“

Die Stimme meines Vaters wurde lauter. „Und wenn? Was soll ich Eurer Meinung nach tun?“

„Nun, Ihr solltet natürlich umgehend handeln.“

„Und meint Ihr damit, dass ich die Ehre meiner Frau rächen soll – oder soll ich den König stürzen?“

„Beides wäre eine unmissverständliche Botschaft an unsere Widersacher.“

SpätererhieltenwirdieNachricht,dassJeanmitdurchgeschnittenerKehleaufgefundenwordenwar.Mirwurdekalt,alshättejemandeinFensteraufgemacht.Ichweinte.NichtnurumJean,sondernbeschämenderweiseauchummeinerselbstwillen.Undichsahzuundlauschte,wiesichEntsetzenüberdasHaussenkteundvondruntenTränenzuhörenwarenunddieStimmenderKräheneinmalmehrlautwurden,diesmalinrechtfertigendemTon.

Und wieder brachte mein Vater sie zum Schweigen. Als ich zum Fenster hinausschaute, sah ich Männer mit Musketen auf dem Anwesen. Ringsum waren alle nervös. Vater kam und umarmte mich ein ums andere Mal – bis ich dermaßen genug davon hatte, dass ich mich ihm entwand.

VI.

„Élise, wir müssen dir etwas sagen.“

Und dies ist der Augenblick, auf den Ihr gewartet habt, lieber Leser dieses Tagebuchs, wer immer Ihr sein mögt – der Augenblick, in dem der Groschen fiel. Als ich endlich begriff, warum ich gebeten worden war, so viele vérités cachées zu bewahren. Als ich herausfand, weshalb die Berater meines Vaters ihn Großmeister nannten. Und als ich verstand, was sie mit Templer meinten und wieso „Assassine“ tatsächlich „Assassine“ bedeutete.

Sie hatten mich in Vaters Arbeitszimmer gerufen. Die Diener wurden gebeten, die Stühle vor den Kamin zu stellen, dann mussten sie sich zurückziehen. Vater stand, Mutter saß mir zugewandt da, die Hände auf den Knien, und beruhigte mich mit ihren Blicken. Ich musste daran denken, wie ich einmal einen Holzsplitter im Finger gehabt hatte und Mutter mich hielt und beruhigte und meine Tränen versiegen ließ, während Vater meinen Finger nahm und den Splitter entfernte.

„Élise“, begann er, „was wir dir jetzt sagen werden, hättest du eigentlich erst an deinem zehnten Geburtstag erfahren sollen. Aber die heutigen Geschehnisse haben zweifellos viele Fragen in dir geweckt, und deine Mutter glaubt, dass du bereit bist. Also … los geht’s.“

Ich sah Mutter an, die nach meiner Hand griff und mich mit einem besänftigenden Lächeln bedachte.

Vater räusperte sich.

Jetzt war es also so weit. Die vagen Vorstellungen, die ich mir von meiner Zukunft gemacht haben mochte, waren im Begriff, sich zu ändern.

„Élise“, sagte er, „du wirst eines Tages die französische Führerin eines internationalen Geheimbundes werden, der jahrhundertealt ist. Du, Élise de la Serre, wirst eine Großmeisterin der Templer sein.“

„Großmeisterin der Templer?“, wiederholte ich und blickte zwischen Mutter und Vater hin und her.

„Ja.“

„Von Frankreich?“, fragte ich.

„Ja. Im Moment habe ich diesen Posten inne. Deine Mutter bekleidet ebenfalls einen hohen Rang innerhalb des Ordens. Die Herren und Madame Levesque, die oft zu Besuch kommen, sind auch Ritter des Ordens, und genau wie wir haben sie sich der Aufgabe verschrieben, die Lehren des Ordens zu bewahren.“

Ich hörte zu und begriff eigentlich nichts so recht, aber ich fragte mich, warum diese Ritter, wenn sie doch derselben Sache verpflichtet waren, einander bei jeder Zusammenkunft so anschreien mussten …

„Was sind Templer?“, fragte ich.

Mein Vater zeigte auf sich und Mutter, dann machte er eine Geste, die mich in diesen Kreis einschloss. „Wir alle. Wir sind Templer. Wir sind Mitglieder eines jahrhundertealten Geheimbunds und dazu verpflichtet, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“

Das hörte sich gut an. Die Welt zu einem besseren Ort machen, das gefiel mir. „Und wie macht ihr das, Papa?“

Er lächelte. „Nun, das ist eine sehr gute Frage, Élise. Wie in jeder großen alten Organisation gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wie unsere Ziele am besten zu erreichen sind. Die einen meinen, wir sollten denen, die sich uns entgegenstellen, mit Gewalt begegnen. Und andere glauben an die friedvolle Verbreitung unserer Ideologie.“

„Und wie sehen die aus, Papa?“

Er hob die Schultern. „Unser Motto lautet: ‚Möge der Vater des Verstehens uns leiten.‘ Es ist nämlich so – wir Templer wissen, dass die Menschen trotz anderslautender Mahnungen eigentlich gar keine wahre Freiheit und echte Verantwortung wollen, weil diese Dinge eine zu große Last sind, um sie zu tragen. Das vermögen nur die geistig Stärksten.“

Er ließ seine Worte kurz wirken, dann fuhr er fort: „Wir glauben, dass die Menschen zwar gut sind, aber leicht zum Bösen zu verführen sind, zur Faulheit und zur Verderbtheit. Dass sie gute Führer brauchen, denen sie folgen können, Führer, die nicht ihre negativen Eigenschaften ausbeuten, sondern stattdessen die positiven festigen. Wir glauben, dass auf diesem Wege der Friede gewahrt werden kann.“

Ich konnte regelrecht spüren, wie sich mein Horizont erweiterte, während er sprach. „Hoffst du, die Menschen Frankreichs auf diesen Weg zu führen, Vater?“, fragte ich ihn.

„Ja, Élise, ja, das tun wir.“

„Wie?“

„Nun, lass mich dir die Frage stellen – was glaubst du, wie das möglich wäre?“

Mein Kopf kam mir plötzlich wie leer gefegt vor. Wie stellte ich mir das vor? Das schien mir die schwierigste Frage zu sein, die man mir je gestellt hatte. Ich hatte keine Ahnung. Vater sah mich freundlich an, und dennoch wusste ich, dass er eine Antwort erwartete. Ich schaute zu Mutter, die mir ermutigend die Hand drückte und mich mit ihrem Blick beschwor, und da fand ich, was ich glaubte, in Worten, die sie in meiner Gegenwart selbst zu Mr Weatherall und Mrs Carroll gesagt hatte.

Ich sagte: „Vater, ich glaube, unser gegenwärtiger König ist unrettbar verdorben. Ich glaube, seine Herrschaft hat den Quell Frankreichs vergiftet, und um den Glauben des Volkes an die Monarchie wiederherzustellen, muss König Ludwig abgesetzt und ein neuer Besen gefunden werden.“

Meine Antwort überraschte ihn völlig, und er schaute mich verdutzt an, warf Mutter einen fragenden Blick zu, doch die zuckte nur mit den Schultern, als sagte sie: Von mir hat sie das nicht!, obgleich es sehr wohl ihre Worte waren, die ich da nachgeplappert hatte.

„Ich verstehe“, sagte mein Vater. „Nun, es freut deine Mutter sicher, dass du derlei Ansichten unterstützt, Élise, denn in dieser Angelegenheit sind wir nicht ganz einer Meinung. Wie du glaubt sie an Veränderung. Ich hingegen weiß, dass der König von Gott ernannt wird, und ich glaube, dass ein verdorbener König überzeugt werden kann, seine Fehler einzusehen.“

Es folgten ein weiterer fragender Blick und ein Schulterzucken, und ich schob rasch eine neue Frage nach: „Aber es gibt auch noch andere Templer, Papa?“