Verlag: Panini Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Assassin's Creed Band 2: Die Bruderschaft - Oliver Bowden

Das einst so mächtige Rom liegt in Trümmern. In der Stadt herrschen Elend und Zerfall und ihre Bewohner vegetieren im Schatten der mächtigen Borgia-Familie. Die letzte Hoffnung der ewigen Stadt ist nun Ezio Auditore - der Meisterassassine. Doch ihn erwartet ein erbarmungsloser Gegner. Cesare Borgia - ein Mann der noch ruchloser und brutaler vorgeht als sein Vater der Papst -, wird keine Ruhe geben, bevor er nicht ganz Italien unter sein Joch gezwungen hat. In Zeiten wie diesen ist Verschwörung eine alltägliche Waffe - sogar in den Reihen der Bruderschaft der Assassinen ...

Meinungen über das E-Book Assassin's Creed Band 2: Die Bruderschaft - Oliver Bowden

E-Book-Leseprobe Assassin's Creed Band 2: Die Bruderschaft - Oliver Bowden

Oliver Bowden

Aus dem Englischenvon Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Englische Originalausgabe:

„ASSASSIN’S CREED: Brotherhood“ by Oliver Bowden, published by Penguin Books, London, England, November 2010.

Copyright © 2011 Ubisoft Entertainment. All Rights Reserved. Assassin’s Creed, Ubisoft, Ubi.com and the Ubisoft logo are trademarks of Ubisoft Entertainment in the U.S. and other countries.

No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s).

Lektorat: Caspar D. Friedrich, Marion Bergmann

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

PROLOG

Die Geschehnisse der vergangenen und höchst merkwürdigen fünfzehn Minuten – bei denen es sich ebenso gut um fünfzehn Stunden oder sogar Tage hätte handeln können, so lang waren sie Ezio vorgekommen – spielten sich vor seinem geistigen Auge noch einmal ab, als er mit schwirrendem Kopf aus dem Gewölbe unter der Sixtinischen Kapelle stolperte.

Er erinnerte sich, obgleich es ihm wie ein Traum erschien, dass er in den Tiefen des Gewölbes einen gewaltigen Sarkophag, der augenscheinlich aus Granit bestand, gesehen hatte. Als er sich ihm näherte, hatte der steinerne Sarg zu leuchten begonnen, in einem durchaus angenehmen und lockenden Licht.

Er hatte den Deckel des Sarkophags berührt, der sich daraufhin öffnete, als wäre er leicht wie eine Feder. Daraus erstrahlte ein warmes gelbes Licht, und mitten aus diesem Leuchten erhob sich eine Gestalt, deren Züge Ezio nicht erkennen konnte. Dennoch wusste er, dass es sich um eine Frau handelte. Eine Frau von ungewöhnlicher Statur, die einen Helm trug und auf deren rechter Schulter eine Eule saß.

Das Licht, das sie umhüllte, blendete ihn.

„Sei gegrüßt, oh Prophet“, sagte sie und nannte ihn damit bei jenem Namen, den man ihm rätselhafterweise verliehen hatte. „Ich habe seit zehntausend mal tausend Zeiten auf dich gewartet.“

Ezio wagte nicht aufzuschauen.

„Zeig mir den Apfel!“

Demütig bot Ezio ihn ihr dar.

„Ah!“ Sie strich mit der Hand über den Apfel, ohne ihn jedoch zu berühren. Er leuchtete und pulsierte. Ihr Blick bohrte sich in Ezio. „Wir müssen uns unterhalten.“ Sie legte den Kopf schief, als dächte sie über etwas nach, und Ezio, der den Kopf hob, meinte, in ihrem schillernden Gesicht die Spur eines Lächelns zu entdecken.

„Wer seid Ihr?“

„Oh, ich habe viele Namen. Als ich … starb, hieß ich Minerva.“

Ezio kannte den Namen. „Die Göttin der Weisheit! Die Eule auf Eurer Schulter. Der Helm. Natürlich.“ Er neigte den Kopf.

„Wir sind nicht mehr. Die Götter, die deine Vorfahren verehrten. Juno, die Königin der Götter, und mein Vater Jupiter, ihr König, der mich durch seine Stirn gebar. Ich war nicht die Tochter seiner Lenden, sondern seines Geistes!“

Ezio stand wie versteinert da. Sein Blick wanderte über die Statuen, die sich entlang der Wände reihten. Venus. Merkur. Vulcanus. Mars …

In der Ferne erklang ein Laut, der wie zerbrechendes Glas klang oder wie das Geräusch, mit dem ein Stern vom Himmel fallen mochte – es war Minervas Lachen. „Nein, wir sind keine Götter. Wir waren einfach nur vorher da. Selbst als wir auf Erden wandelten, hatten die Menschen Mühe, unsere Existenz zu verstehen. Wir waren lediglich ihrer Zeit voraus.“ Sie hielt inne. „Aber auch wenn du uns nicht begreifen kannst, so musst du doch unsere Warnung zur Kenntnis nehmen.“

„Ich weiß nicht …“

„Fürchte dich nicht! Ich möchte zu dir, aber auch durch dich sprechen. Du bist der Auserwählte deiner Zeit. Der Prophet.“

Ezio spürte, wie mütterliche Wärme seine Erschöpfung durchdrang.

Minerva hob die Arme, und die Decke des Gewölbes wurde zum Himmelszelt. Ihr funkelndes Gesicht zeigte einen Ausdruck unsagbarer Traurigkeit.

„Hör und sieh!“

Ezio konnte die Erinnerung kaum ertragen – er hatte die ganze Erde gesehen und den Himmel, der sie umgab, bis weit zur Milchstraße hinaus, die ganze Galaxis, und sein Verstand konnte die Vision kaum fassen. Er sah eine Welt – seine Welt –, von Menschenhand zerstört, und eine windgepeitschte Ebene. Doch dann sah er Menschen – gebrochen, vergänglich, aber unverzagt.

„Wir gaben euch Eden“, sagte Minerva, „aber daraus wurde der Hades. Die Welt brannte, bis nichts außer Asche übrig blieb. Aber wir erschufen euch nach unserem Bilde, und wir erschufen euch – ganz gleich, was ihr tatet und wie viel wucherndes Böses in euch steckte –, weil wir es wollten, aus freien Stücken, und wir schenkten euch den Willen zum Überleben. Nach den Verheerungen bauten wir die Welt wieder auf, und nach Äonen wurde daraus die Welt, die du kennst und in der du lebst. Wir bemühten uns nach Kräften, dafür zu sorgen, dass sich eine solche Tragödie niemals wiederholen wird.“

Ezio schaute wieder zum Himmel hinauf. Ein Horizont. Darauf Tempel und Konturen, in Stein geritzte Zeichen, Bibliotheken voller Schriftrollen, dazu Schiffe und Städte und Musik und Tanz. Spuren alter Zivilisationen, die ihm fremd waren und die er doch als das Werk anderer Menschen erkannte.

„Jetzt aber stirbt mein Volk“, sagte Minerva. „Und die Zeit wird gegen uns arbeiten … die Wahrheit wird sich in Mythen und Legenden verwandeln. Doch deine Willenskraft, Ezio, der du Prophet und Anführer bist, ist der unseren gleich, auch wenn deine körperliche Kraft nur die eines Menschen ist. Darum sollst du meine Worte bewahren.“

Ezio blickte sie wie in Trance gefangen an.

„Lass meine Worte auch Hoffnung bescheren“, fuhr Minerva fort. „Aber du musst schnell sein, denn die Zeit wird knapp. Die Garde gegen die Borgia. Die Garde gegen das Templerkreuz.“

Es wurde dunkel im Gewölbe. Auf Minerva und Ezio fielen die letzten Strahlen des warmen Lichts.

„Mein Volk muss diese Welt nun verlassen. Doch die Nachricht ist überbracht. Jetzt ist es an dir. Wir können nichts mehr tun.“

Dann herrschten Dunkelheit und Stille. Das Gewölbe war wieder nichts weiter als ein leerer unterirdischer Keller.

Und doch …

Ezio ging hinaus, und sein Blick fiel auf den sich krümmenden Körper Rodrigo Borgias, des Spaniers, Papst Alexander VI. und Anführer der Splittergruppe der Templer. Sterbend wand er sich am Boden – doch Ezio konnte sich nicht dazu durchringen, ihm den Todesstoß zu versetzen. Der Mann schien von eigener Hand zu sterben. Seinem Anblick nach zu urteilen, hatte Rodrigo Gift genommen, zweifellos dasselbe, das er vielen seiner Feinde verabreicht hatte. Sollte er also seinen eigenen Weg ins Inferno finden. Das Geschenk eines leichten Todes wollte Ezio ihm nicht machen.

Er trat aus der Düsternis der Sixtinischen Kapelle hinaus in den Sonnenschein. Vom Portal aus konnte er seine Freunde und die anderen Assassinen sehen, Angehörige der Bruderschaft, an deren Seite er so viele Abenteuer erlebt und so viele Gefahren überstanden hatte.

Sie warteten auf ihn.

TEIL EINS

Man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbürger zu ermorden,

die Freunde zu verraten,

ohne Treu und Glauben, ohne Menschlichkeit und Religion zu sein.

Auf diese Art kann ein Fürst wohl die Herrschaft,

doch keinen Ruhm erwerben.

Niccolò Machiavelli, Der Fürst

1

Ezio stand einen Moment lang benommen und verwirrt da. Wo war er? Was war das für ein Ort? Als er langsam wieder zur Besinnung kam, sah er, wie sein Onkel Mario sich aus der Gruppe der anderen Assassinen löste. Er näherte sich ihm und fasste ihn am Arm.

„Alles in Ordnung, Ezio?“

„Es … es gab einen Kampf – mit dem Papst, mit Rodrigo Borgia. Er lag im Sterben, als ich ging.“

Ezio zitterte heftig. Er konnte nichts dagegen tun. War es denn wirklich wahr? Vor ein paar Minuten erst – obschon es hundert Jahre her zu sein schien – war er in einen Kampf auf Leben und Tod mit dem Mann verwickelt gewesen, den er wie keinen anderen hasste und gleichzeitig fürchtete – mit dem Anführer der Templer, jener verderbten Organisation, die auf die Vernichtung derselben Welt aus war, um deren Erhalt Ezio und seine Freunde von der Bruderschaft der Assassinen so hart gekämpft hatten.

Aber er hatte die Templer geschlagen. Er hatte die ungeheuren Kräfte des mysteriösen Artefakts, des Apfels, eingesetzt – jenes heiligen Stückes von Eden, das ihm die alten Götter anvertraut hatten, um zu gewährleisten, dass ihre Bemühungen um die Menschheit sich nicht in Blutvergießen und Niedertracht verloren. Und er war siegreich aus der Sache hervorgegangen. Oder nicht?

Was hatte er gesagt? „Er lag im Sterben.“ Ja, in der Tat schien Rodrigo Borgia, dieser bösartige alte Mann, der sich an die Spitze der Kirche emporgekämpft und als Papst über sie geherrscht hatte, im Sterben gelegen zu haben. Durch Gift.

Aber nun fühlte sich Ezio von schrecklichen Zweifeln geplagt. Hatte er, indem er Gnade walten ließ – Gnade, die das Herz des Credos der Assassinen war und die, wie er wusste, allen zuteilwerden sollte, selbst jenen, deren Existenz den Rest der Menschheit gefährdete –, hatte er damit in Wirklichkeit Schwäche gezeigt?

Wenn dem so war, würde er sich seine Zweifel nie anmerken lassen, nicht einmal seinem Onkel Mario gegenüber, dem Anführer der Bruderschaft. Er straffte die Schultern. Er hatte den alten Mann zurückgelassen, auf dass er von eigener Hand sterben möge. Er hatte ihm Zeit zum Beten gelassen. Er hatte ihm nicht die Brust durchbohrt, um seines Todes sicher zu sein.

Eine kalte Hand schien sich um Ezios Herz zu schließen, als eine klare Stimme in seinem Kopf sagte: Du hättest ihn töten sollen.

Er schüttelte sich, um sich seiner Dämonen zu entledigen, so wie ein Hund nach einem Bad das Wasser abschüttelt. Seine Gedanken drehten sich dennoch weiter um sein rätselhaftes Erlebnis in dem seltsamen Gewölbe unter der Sixtinischen Kapelle im Vatikan in Rom, jenem Bauwerk, aus dem er gerade in das blendende Sonnenlicht zurückgekehrt war. Alles um ihn her schien merkwürdig ruhig und normal – die Gebäude des Vatikans standen da wie immer und erstrahlten im hellen Licht des Tages. Die Erinnerung an das, was in dem Gewölbe vorgegangen war, kam wieder und überschwemmte Ezios Bewusstsein in gewaltigen Wogen. Er hatte eine Vision gehabt, eine Begegnung mit einer seltsamen Göttin – es gab kein anderes Wort, um dieses Wesen zu beschreiben –, von der er jetzt wusste, dass es sich um Minerva gehandelt hatte, die römische Göttin der Weisheit. Sie hatte ihm sowohl die tiefste Vergangenheit als auch die ferne Zukunft gezeigt und ihm mit diesem erlangten Wissen eine große Verantwortung auf die Schultern geladen.

Mit wem sollte er all das teilen? Wie hätte er irgendetwas davon erklären können? Es kam ihm alles so unwirklich vor.

Er wusste nach seinem Erlebnis – das wohl eher die Bezeichnung Feuerprobe verdiente – nur eines mit Bestimmtheit: Der Kampf war noch nicht vorüber. Vielleicht würde einst der Tag kommen, da er in seine Heimatstadt Florenz zurückkehren und sich mit seinen Büchern zur Ruhe setzen dürfte, da er im Winter mit seinen Freunden trinken und im Herbst mit ihnen auf die Jagd gehen, im Frühling den Mädchen nachlaufen und im Sommer die Ernte auf seinen Ländereien beaufsichtigen könnte.

Aber noch war diese Zeit nicht gekommen.

In seinem Herzen wusste Ezio, dass die Templer und all das Böse, das sie repräsentierten, noch nicht niedergerungen waren. Mit ihnen stand ihm ein Ungeheuer mit mehr Häuptern gegenüber, als die Hydra sie je besessen hatte – und sie zu bezwingen hatte es eines Mannes wie Herkules bedurft, der immerhin fast unsterblich gewesen war.

„Ezio!“

Die barsche Stimme seines Onkels riss ihn aus seinen rasenden Gedanken. Er musste sich zusammenreißen.

In Ezios Kopf tobte ein Feuer. Um sich zu beruhigen, sagte er lautlos seinen Namen vor sich hin: Ich bin Ezio Auditore da Firenze. Ich bin stark und ein Meister in den Traditionen der Assassinen.

Noch einmal ging er das Erlebte durch. Er wusste nicht, ob er geträumt hatte oder nicht. Die Worte und Offenbarungen der seltsamen Göttin in dem Gewölbe hatten alles, was er glaubte und für gegeben hielt, bis in die Grundfesten erschüttert. Es war, als sei die Zeit selbst auf den Kopf gestellt worden. Als er aus der Sixtinischen Kapelle trat, standen seine Freunde, die Assassinen, versammelt da, in ihren ernsten Mienen lag grimmige Entschlossenheit.

Dennoch verfolgte ihn nach wie vor nur der eine Gedanke: Hätte er Rodrigo töten sollen – um ganz sicherzugehen? Er hatte sich entschieden, es nicht zu tun, denn der Mann schien erpicht darauf gewesen zu sein, sich selbst das Leben zu nehmen, nachdem er sein letztes Ziel nicht hatte erreichen können.

Doch diese klare Stimme hallte immer noch in Ezios Kopf wider.

Und das war noch nicht alles – eine sonderbare Macht schien ihn zur Kapelle zurückzuziehen. Er spürte, dass dort noch etwas zu Ende zu bringen war.

Nicht Rodrigo. Nicht nur Rodrigo. Diesmal würde er ihm den Garaus machen. Aber da war noch etwas anderes.

„Was ist?“, fragte Mario.

„Ich muss zurück“, sagte Ezio, der von Neuem spürte, dass das Spiel noch nicht vorbei war und dass er den Apfel noch nicht aus der Hand geben sollte. Er riss sich von seinem Onkel los und eilte zurück in die Düsternis. Mario bedeutete den anderen, dort zu bleiben, wo sie waren, und Obacht zu geben.

Dann folgte er Ezio.

* * *

Rasch erreichte Ezio die Stelle, an der er den sterbenden Rodrigo Borgia zurückgelassen hatte – doch der Mann war nicht mehr da! Ein reich verzierter, mit Blut befleckter Papstmantel aus Damast lag auf dem Boden, sein Besitzer jedoch war verschwunden. Abermals schloss sich die Hand, die in einem eiskalten stählernen Handschuh steckte, um Ezios Herz und schien es zu zerquetschen.

Die Geheimtür zum Gewölbe war geschlossen und kaum zu erkennen, doch als Ezio sich der Stelle näherte, an der sie sich seiner Erinnerung nach befand, schwang sie unter seiner Berührung auf. Er wandte sich nach seinem Onkel um und entdeckte zu seiner Überraschung Furcht in Marios Gesicht.

„Was befindet sich dort drinnen?“, fragte der ältere Mann mit mühsam beherrschter Stimme.

„Das Mysterium“, antwortete Ezio.

Er ließ seinen Onkel auf der Schwelle stehen, ging den schwach beleuchteten Gang entlang und hoffte, dass er nicht zu spät kam und dass Minerva all das vorhergesehen hatte und sich deshalb gnädig zeigen würde. Gewiss hatte sie Rodrigo den Zutritt verwehrt. Trotzdem hielt Ezio die verborgene Klinge bereit, jenen Dolch, den sein Vater ihm vermacht hatte.

Im Gewölbe standen die riesigen menschlichen doch zugleich auch übermenschlichen Gestalten – waren es Standbilder? –, und eine von ihnen hielt den Stab.

Eines der Stücke von Eden.

Der Stab war offenbar mit der Figur, die ihn hielt, verschmolzen, und als Ezio versuchte, ihn zu lösen, schien die Figur ihren Griff nur zu verstärken. Die imposante Gestalt und die Runeninschrift an den Wänden des Gewölbes leuchteten auf.

Ezio erinnerte sich daran, dass keines Menschen Hand je ungeschützt den Apfel berühren sollte. Dann wandten sich die Figuren plötzlich ab und versanken im Boden. Bis auf den gewaltigen Sarkophag und die Statuen, die ihn umstanden, war das Gewölbe nun leer.

Ezio trat zurück, schaute sich kurz um und zögerte, bevor er diesen Ort – und das wusste er – zum letzten Mal verlassen würde. Was erwartete er? Hoffte er, dass sich Minerva noch einmal vor ihm manifestierte? Aber hatte sie ihm denn nicht alles gesagt, was es zu sagen gab? Oder wenigstens alles, was er wissen durfte? Der Apfel war in seine Obhut gegeben worden. Zusammen mit dem Apfel hätten die anderen Stücke von Eden Rodrigo jene Überlegenheit gewährt, nach der er sich sehnte, und Ezio war sich darüber im Klaren, dass eine solche vereinte Macht in den Händen eines Menschen zu gefährlich war.

„Alles in Ordnung?“ Marios Stimme, die immer noch ungewohnt nervös klang, wehte zu Ezio herunter.

„Alles in Ordnung“, erwiderte er und machte sich seltsam widerwillig auf den Weg zurück ans Licht.

Als er wieder bei seinem Onkel ankam, zeigte er ihm wortlos den Apfel.

„Und der Stab?“

Ezio schüttelte den Kopf.

„Besser im Schoß der Erde als in Menschenhand“, meinte Mario, der sogleich verstand. „Aber das muss ich dir wohl nicht erst sagen. Komm, wir sollten keine Zeit vergeuden.“

„Wozu die Eile?“

„Eile tut not. Glaubst du etwa, Rodrigo wird tatenlos herumsitzen und uns einfach davonspazieren lassen?“

„Er lag im Sterben, als ich ging.“

„Das ist nicht ganz dasselbe, als hättest du ihn tot dort liegen sehen, oder? Komm schon!“

Schleunigst machten sie sich auf den Weg aus dem Gewölbe, und ein kalter Wind schien ihnen zu folgen.

2

„Wo sind die anderen hin?“, fragte Ezio seinen Onkel. Seine Gedanken kreisten immer noch um die jüngsten Ereignisse, als sie wieder das riesige Hauptschiff der Sixtinischen Kapelle erreichten. Die Schar der Assassinen war verschwunden.

„Ich habe ihnen gesagt, sie sollen aufbrechen. Paola ist nach Florenz zurückgekehrt, Teodora und Antonio nach Venedig. Wir müssen in ganz Italien auf der Hut sein. Die Templer mögen angeschlagen sein, aber zerschlagen sind sie nicht. Sie werden sich neu formieren, wenn unsere Bruderschaft der Assassinen nicht aufpasst. Der Rest unserer Kompanie ist schon vorausgereist und wird uns in unserem Hauptquartier in Monteriggioni erwarten.“

„Aber sollte sie nicht hier die Augen offen halten?“

„Das hat sie auch, aber die Leute wussten, wann ihre Pflicht getan war. Ezio, es gilt, keine Zeit zu verlieren. Das muss uns allen klar sein.“ Marios Gesicht war ernst.

„Ich hätte Rodrigo Borgia den Todesstoß versetzen sollen.“

„Hat er dich im Kampf verletzt?“

„Meine Rüstung hat mich geschützt.“

Mario schlug seinem Neffen auf die Schulter. „Ich war vorhin etwas voreilig mit meinen Worten. Ich glaube, es war richtig von dir, nicht unnötig zu töten. Ich habe immer schon zur Mäßigung geraten. Du hieltest ihn für so gut wie tot, gemordet durch seine eigene Hand. Wer weiß! Vielleicht hat er es nur vorgetäuscht – oder vielleicht nahm er versehentlich keine tödliche Dosis des Gifts. Wie auch immer, wir müssen mit der Situation umgehen, wie sie eben ist, und dürfen keine Energie verschwenden, indem wir darüber nachgrübeln, was hätte sein können. Wir schickten dich los – ein Mann gegen eine ganze Armee von Templern. Du hast mehr als nur deinen Teil beigetragen. Ich bin immer noch dein alter Onkel, und ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Komm, Ezio! Wir müssen fort von hier. Auf uns wartet Arbeit, und das Letzte, was wir brauchen, sind Borgia-Gardisten, die uns in die Enge treiben.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, was ich alles gesehen habe, Onkel.“

„Pass einfach auf, dass du am Leben bleibst, vielleicht kannst du mir dann später davon erzählen. Hör zu, ich habe ein paar Pferde bereitgestellt, gleich hinter dem Petersdom, außerhalb des vatikanischen Bezirks. Wenn es uns gelingt, dorthin zu gelangen, können wir gefahrlos von hier verschwinden.“

„Ich rechne damit, dass die Borgia versuchen werden, uns aufzuhalten.“

Mario zeigte ein breites Grinsen. „Natürlich werden sie das versuchen – und ich rechne außerdem damit, dass die Borgia heute Nacht den Verlust vieler Leben zu betrauern haben!“

In der Kapelle stießen Ezio und sein Onkel zu ihrer Überraschung auf eine Anzahl von Priestern, die zurückgekommen waren, um die Messe zu Ende zu bringen, die durch Ezios Konfrontation mit dem Papst unterbrochen worden war.

Die Priester stellten sich ihnen wütend entgegen, umzingelten sie und fragten: „Che cosa fate qui? – Was tut ihr hier?“ Sie schrien: „Ihr habt diesen heiligen Ort entweiht!“ Und: „Assassini! Gott wird euch für eure Verbrechen büßen lassen!“

Während Mario und Ezio sich durch die wütende Menge drängten, dröhnten über ihren Köpfen warnend die Kirchenglocken.

„Ihr urteilt über Dinge, die ihr nicht versteht“, sagte Ezio zu einem Priester, der ihnen den Weg verstellen wollte. Er fand den weichen Körper dieses Mannes abstoßend und schob ihn mit geradezu spitzen Fingern beiseite.

„Wir müssen gehen, Ezio“, mahnte Mario. „Komm schon!“

„Seine Stimme ist die des Teufels“, ließ sich ein anderer Priester vernehmen.

Und ein weiterer rief: „Wendet euch ab von ihnen!“

Ezio und Mario zwängten sich zwischen den Leibern hindurch und gelangten endlich hinaus auf den großen Vorplatz des Doms. Dort erwartete sie ein ganzes Meer aus roten Roben. Es schien, als hätten sich sämtliche Kardinäle versammelt, zwar verwirrt, aber immer noch unter der Herrschaft von Papst Alexander VI., Rodrigo Borgia, Hauptmann der Templervereinigung.

„Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen“, riefen die Kardinäle in rhythmischem Chor, „sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen.“

„Was ist denn mit denen los?“, wunderte sich Ezio.

„Sie sind durcheinander und suchen Führung“, erwiderte Mario grimmig. „Komm! Wir müssen verschwinden, bevor die Borgia-Garde auf uns aufmerksam wird.“ Er warf einen Blick nach hinten zum Vatikan. Das Sonnenlicht brach sich glitzernd auf Rüstungen.

„Zu spät. Da kommen sie schon. Los, beeil dich!“

3

Die wogenden Roben der Kardinäle bildeten ein rotes Meer, das sich teilte, als vier Borgia-Gardisten auf der Jagd nach Ezio und Mario hindurchdrängten. Panik erfasste die Menge, als die Kardinäle vor Angst und Schrecken zu schreien begannen, und Ezio und sein Onkel fanden sich auf einmal vor einer Mauer aus Menschenleibern wieder. Die Kardinäle wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten, und bildeten unbeabsichtigt eine Barriere. Vielleicht wurde aber auch durch das Eintreffen der gerüsteten Gardisten, deren Brustpanzer in der Sonne blinkten, ihr Mut gestärkt. Die vier Borgia-Soldaten hatten ihre Schwerter gezogen. Sie traten in den Kreis und damit Ezio und Mario gegenüber, die im Gegenzug ihre Klingen zückten.

„Legt Eure Waffen nieder und ergebt Euch, Assassinen! Ihr seid umzingelt und in der Unterzahl!“, rief der Anführer der Soldaten und tat einen Schritt nach vorn.

Noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, wirbelte Ezio aus dem Stand auf ihn zu. Dem Anführer der Garde blieb keine Zeit zu reagieren, denn angesichts ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit hatte er nicht mit solch einer tollkühnen Aktion seitens seines Gegners gerechnet. Ezios Schwertarm beschrieb einen flirrenden Kreis, die Klinge schnitt pfeifend durch die Luft. Der Gardist versuchte vergebens, sein Schwert zu heben und den Schlag zu parieren, Ezios Bewegung war schlicht zu schnell. Das Schwert des Assassinen traf sein Ziel mit unbeirrbarer Präzision, fuhr in den ungeschützten Hals des Soldaten und ließ Blut aufspritzen. Die drei anderen Gardisten standen reglos da, erstaunt ob der Flinkheit des Assassinen. Es war nur ein Augenblick, aber er besiegelte dennoch ihr Ende. Ezios Klinge hatte ihren ersten Todesstreich kaum beendet, als er auch schon seine linke Hand hob. Der Mechanismus seines verborgenen Dolches klickte, als die tödliche Klinge aus seinem Ärmel hervorschoss. Sie bohrte sich dem zweiten Gardisten zwischen die Augen, bevor er auch nur einen Muskel zu seiner Verteidigung rühren konnte.

Derweil hatte Mario sich unbemerkt zwei Schritte zur Seite bewegt. Er näherte sich den beiden anderen Gardisten, deren Aufmerksamkeit noch immer ganz auf das schockierende Schauspiel der Gewalt gerichtet war, das sich vor ihnen zutrug. Noch zwei Schritte, und schon war er heran und rammte sein Schwert unter den Brustpanzer des nächsten Gardisten. Die Spitze drang mit einem hässlichen Laut in den Rumpf des Mannes. Das Gesicht des Soldaten verzerrte sich vor Überraschung und Schmerz. Jetzt war nur noch einer übrig. Mit Entsetzen im Blick wollte er sich zur Flucht wenden, aber es war zu spät. Ezios Klinge traf ihn von rechts, Marios Schwert fuhr ihm in den Oberschenkel. Mit einem Grunzen fiel der Mann auf die Knie. Mario versetzte ihm einen Tritt, der ihn umkippen ließ.

Die beiden Assassinen sahen sich um. Das Blut der Gardisten bildete Lachen auf dem gepflasterten Boden und tränkte die roten Säume der Kardinalsgewänder.

„Gehen wir, bevor noch mehr von den Männern der Borgia aufkreuzen.“ Sie schwangen ihre Schwerter nach den jetzt entsetzten Kardinälen, die eilends vor den Assassinen flohen und ihnen so einen Weg freimachten, auf dem Ezio und Mario aus dem Vatikan gelangen konnten. Sie hörten den Hufschlag sich nähernder Pferde, zweifellos weitere Soldaten, während sie mit Gewalt in südöstliche Richtung drängten. So schnell sie konnten, rannten sie über den weiten Platz, fort vom Vatikan und auf den Tiber zu. Die Pferde, die Mario für ihre Flucht beschafft hatte, waren just außerhalb des Bezirks des Heiligen Stuhls festgemacht. Aber zunächst mussten sie sich den päpstlichen Gardisten zuwenden, die ihnen hoch zu Ross folgten und rasch näher kamen. Das Donnern der Hufe auf den Pflastersteinen hallte von den Häuserwänden wider. Mit ihren Schwertern gelang es Ezio und Mario, die Hellebarden, mit denen die Gardisten nach ihnen stachen, beiseitezuschlagen.

Marios Klinge traf einen der Gardisten gerade in dem Moment, als der im Begriff war, Ezio von hinten mit seinem Speer zu durchbohren.

„Nicht übel für einen alten Mann“, rief Ezio dankbar.

„Ich erwarte, dass du diesen Gefallen zurückzahlst“, gab sein Onkel zurück. „Und nenn mich nicht ‚alter Mann‘, verstanden?“

„Ich habe nicht alles vergessen, was du mir beigebracht hast.“

„Das will ich hoffen. Pass auf!“

Ezio wirbelte herum, gerade noch rechtzeitig, um seine Klinge über die Beine eines Pferdes zu ziehen, auf dem ein Gardist mit einem gefährlich aussehenden Streitkolben herangaloppierte.

„Buona questa!“, rief Mario. „Gut gemacht!“

Ezio sprang zur Seite, entging zwei weiteren seiner Verfolger und schaffte es, sie im Vorüberreiten aus dem Sattel zu stoßen. Der eigene Schwung trug sie nach vorn und ließ sie schwer zu Boden krachen. Mario, der massiger und älter war, zog es vor, stehen zu bleiben und nach seinen Gegnern zu schlagen, bevor er aus ihrer Reichweite sprang. Als sie jedoch den Rand des weiten Platzes vor dem gewaltigen Petersdom erreicht hatten, kletterten die beiden Assassinen hurtig in die Sicherheit der Dächer hinauf. Flink wie Eidechsen erklommen sie die bröckelnden Häuserwände, hasteten über die Dachschrägen und sprangen über die Lücken, zwischen denen die Straßen tiefe Schluchten bildeten. Es war nicht immer einfach, und einmal schaffte Mario es beinahe nicht. Seine Finger tasteten kratzend nach der Dachrinne, als sein Sprung um eine Winzigkeit zu kurz ausfiel. Keuchend machte Ezio kehrt, um ihn heraufzuziehen, im letzten Augenblick – denn schon im nächsten Moment zischten Armbrustbolzen, die ihre Verfolger auf sie abschossen, hinter ihnen vorbei und in den Himmel.

Sie kamen dort oben jedoch viel schneller voran als die Gardisten, die – schwerer gerüstet und längst nicht so wendig wie die Assassinen – mit ihnen Schritt zu halten versuchten, indem sie unten durch die Gassen rannten. Mehr und mehr fielen sie zurück.

Auf einem Dach, von dem aus man einen kleinen Platz am Rand von Trastevere überblicken konnte, hielten Mario und Ezio schließlich inne. Vor einem heruntergekommen wirkenden Wirtshaus, das ein zerschrammtes Schild als Zum Schlafenden Fuchs auswies, standen zwei kräftige braune Pferde. Sie waren gesattelt und aufgezäumt. Ein schielender Buckliger mit buschigem Schnurrbart gab auf sie acht.

„Gianni!“, zischte Mario.

Der Mann schaute nach oben und machte sogleich die Zügel los, mit denen die Pferde an einem großen, in die Mauer des Wirtshauses eingelassenen Eisenring festgebunden waren. Mario sprang umgehend vom Dach, federte die Landung ab und schwang sich noch in derselben Bewegung in den Sattel des größeren der beiden Pferde. Es wieherte und tänzelte unruhig.

„Schsch, Campione“, beruhigte Mario das Tier, dann blickte er nach oben, wo Ezio immer noch am Rand des Daches stand, und rief: „Komm schon! Worauf wartest du?“

„Einen Moment noch, Zio“, erwiderte Ezio und drehte sich nach zwei Borgia-Gardisten um, denen es gelungen war, auf das Dach zu klettern, und die ihm nun gegenüberstanden – zu seinem Erstaunen mit schussbereiten Pistolen von einer Art, die ihm neu war. Wo zum Teufel hatten sie die her? Doch dies war nicht die rechte Zeit für Fragen, und so warf Ezio sich ihnen entgegen, ließ seine verborgene Klinge hervorschnellen und schlitzte beiden in einer elegant anmutenden Bewegung die Hälse auf, bevor sie Gelegenheit hatten, auf ihn zu schießen.

„Beeindruckend“, kommentierte Mario, während er sein ungeduldiges Pferd zügelte. „Und jetzt beeil dich! Cosa diavolo aspetti?“

Ezio sprang vom Dach und landete dicht neben dem zweiten Pferd, das der Bucklige immer noch festhielt, dann schnellte er vom Boden hoch und saß im nächsten Moment im Sattel des Tieres. Erschrocken durch das plötzliche Gewicht auf seinem Rücken, stieg es, aber Ezio hatte es schnell unter Kontrolle und wendete das Tier, um seinem Onkel zu folgen, der bereits im Galopp auf den Tiber zupreschte. Gleichzeitig verschwand Gianni im Wirtshaus, und ein Trupp der Borgia-Kavallerie bog um eine Ecke auf den Platz davor ein. Ezio stieß seinem Pferd die Hacken in die Flanken und setzte seinem Onkel nach. In halsbrecherischem Tempo jagten sie über die löchrigen Straßen von Rom auf den schmutzigen, träge dahinfließenden Tiber zu. Hinter sich hörten sie die Rufe der berittenen Borgia-Gardisten, die sie verfluchten, während Mario und Ezio durch das Labyrinth aus alten Straßen galoppierten und allmählich an Vorsprung gewannen.

Sie erreichten die Tiberinsel und überquerten den Fluss auf einer wackeligen Brücke, die unter den Hufen ihrer Pferde erzitterte. Dann wandten sie sich nach Norden und ritten die Hauptstraße entlang, die hinausführte aus dieser verkommenen kleinen Stadt, die einst die Hauptstadt der zivilisierten Welt gewesen war. Sie hielten nicht an, bis sie weit in die ländliche Gegend vorgedrungen waren und sicher sein konnten, dass sie ihre Verfolger abgeschüttelt hatten.

In der Nähe des Dorfes Settebagni, im Schatten einer gewaltigen Ulme am Rand der staubigen Straße, die parallel zum Fluss verlief, zügelten sie ihre Pferde und gönnten sich eine Atempause.

„Das war fast ein bisschen zu knapp, Onkel.“

Der ältere Mann hob die Schultern und lächelte ein wenig schmerzvoll. Dann holte er aus seiner Satteltasche eine lederne Flasche mit herbem Rotwein hervor und hielt sie seinem Neffen hin.

„Hier“, sagte er, nun schon weniger schwer atmend. „Das wird dir guttun.“

Ezio trank und verzog das Gesicht. „Wo hast du das Zeug denn her?“

„Das beste Tröpfchen, das man im Schlafenden Fuchs bekommen kann“, erwiderte Mario mit einem breiten Grinsen. „Aber wenn wir in Monteriggioni sind, gibt’s was Besseres.“

Ezio lächelte und reichte seinem Onkel die Flasche zurück, doch dann fiel ein Schatten über seine Züge.

„Was ist?“, wollte Mario in sanfterem Ton wissen.

Bedächtig nahm Ezio den Apfel aus dem Beutel. „Was soll ich damit tun?“

Mario machte ein ernstes Gesicht. „Er bedeutet eine schwere Verantwortung. Aber die musst du allein tragen.“

„Wie kann ich das?“

„Wozu rät dir dein Herz?“

„Mein Herz rät mir, mich seiner zu entledigen. Aber mein Verstand …“

„Er wurde dir anvertraut von … von den Mächten, auf die du in dem Gewölbe trafst, wer oder was sie auch sein mögen“, erklärte Mario feierlich. „Sie hätten ihn wohl kaum wieder in die Hand eines Sterblichen gelegt, wenn sie damit nicht einen Zweck verfolgen würden.“

„Er ist zu gefährlich. Wenn dieser Apfel ein weiteres Mal in die falschen Hände geriete …“ Ezio blickte voller Sorge auf den trägen Fluss. Mario musterte seinen Neffen erwartungsvoll.

Ezio wog den Apfel in seiner behandschuhten Rechten. Aber er zögerte immer noch. Er wusste, dass er so einen großen Schatz nicht einfach wegwerfen konnte, und die Worte seines Onkels hatten ihn noch mehr ins Wanken gebracht. Nein, Minerva hätte bestimmt nicht ohne Grund zugelassen, dass er den Apfel wieder an sich nahm.

„Die Entscheidung musst du selbst treffen“, sagte Mario. „Aber wenn dir dabei unwohl ist, den Apfel jetzt in deiner Obhut zu haben, dann lass mich ihn aufbewahren. Du kannst ihn später zurückhaben, wenn du innerlich zur Ruhe gekommen bist.“

Ezio zögerte nach wie vor, doch da hörten sie auf einmal, wie sich aus der Ferne donnernde Hufe und das Kläffen von Hunden näherten.

„Diese Hurensöhne wollen einfach keine Ruhe geben“, stieß Mario zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Komm, gib ihn mir!“

Ezio seufzte, steckte den Apfel zurück in den Lederbeutel und warf ihn Mario zu, der ihn rasch in seine Satteltasche steckte.

„Und jetzt“, erklärte Mario, „müssen wir die Pferde in den Fluss und ans andere Ufer treiben. Das wird die verdammten Hunde von unserer Fährte abbringen. Aber auch wenn sie schlau genug sein sollten, den Tiber zu überqueren, werden wir sie in den Wäldern dort drüben abhängen können. Komm schon! Ich will morgen um diese Zeit in Monteriggioni sein.“

„Wie hart willst du denn reiten?“

Mario hieb seinem Pferd die Hacken in die Flanken. Das Tier bäumte sich auf, Schaum flog ihm vom Maul.

„Sehr hart“, antwortete Mario. „Denn von jetzt an müssen wir uns nicht mehr nur mit Rodrigo herumschlagen. Sein Sohn und seine Tochter sind bei ihm, Cesare und Lucrezia.“

„Und was hat es mit ihnen auf sich?“

„Das sind wahrscheinlich die gefährlichsten Menschen, denen du je begegnen wirst.“

4

Am Nachmittag des nächsten Tages tauchte auf einem Hügel am Horizont die kleine, ummauerte Stadt Monteriggioni auf, über der Marios rocca thronte. Sie waren schneller als erwartet vorangekommen und ließen ihre Pferde nun langsamer gehen, um sie zu schonen.

„… und dann erzählte mir Minerva von der Sonne“, sagte Ezio gerade. „Sie sprach von einer Katastrophe, die sich vor langer Zeit ereignet habe, und prophezeite eine weitere, die kommen werde …“

„Aber erst in ferner Zukunft, vero?“, warf Mario ein. „Dann brauchen wir uns darüber doch keine Sorgen zu machen.“

„Si“, erwiderte Ezio. „Ich frage mich, wie viel Arbeit noch vor uns liegt.“ Nachdenklich hielt er kurz inne. „Vielleicht ist sie ja schon bald getan.“

„Wäre das so schlecht?“

Ezio wollte darauf antworten, als ihm das Krachen einer Explosion die Worte von den Lippen riss – Kanonendonner aus der Richtung der Stadt. Er zog sein Schwert und richtete sich im Sattel auf, um den Blick über die Zinnen der Mauer wandern zu lassen.

„Keine Angst“, meinte Mario und lachte herzhaft. „Das ist nur eine Übung. Wir haben aufgerüstet und entlang der gesamten Mauer neue Kanonen aufgestellt. Und damit wird täglich geübt.“

„Solange sie nicht auf uns zielen.“

„Keine Angst“, wiederholte Mario. „An ihrer Zielgenauigkeit müssen die Männer zwar noch arbeiten, aber sie sind doch klug genug, um nicht auf ihren Anführer zu schießen!“

Wenig später ritten sie durch das offene Haupttor der Stadt und die Hauptstraße hinauf, die zur Zitadelle führte. Währenddessen sammelten sich am Straßenrand Menschen, die mit einer Mischung aus Respekt, Bewunderung und Zuneigung zu Ezio aufsahen.

„Willkommen, Ezio!“, rief eine Frau.

„Grazie, Madonna“, gab Ezio lächelnd zurück und nickte ihr zu.

„Ein dreifach Hoch auf Ezio!“, erscholl die Stimme eines Kindes.

„Buongiorno, fratellino“, sagte Ezio zu dem Jungen. An Mario gewandt fügte er hinzu: „Es ist schön, wieder daheim zu sein.“

„Ich glaube, die freuen sich mehr, dich zu sehen als mich“, meinte Mario, aber er lächelte dabei, und tatsächlich galt ein großer Teil des Jubels – insbesondere der der älteren Stadtbewohner – doch ihm.

„Ich freue mich darauf, den alten Familiensitz wiederzusehen“, sagte Ezio. „Es ist lange her.“

„Das ist wohl wahr. Und es warten dort ein paar Leute, die sich darauf freuen, dich zu sehen.“

„Wer denn?“

„Kannst du dir das nicht denken? Deine Pflichten gegenüber der Bruderschaft können dich doch nicht so stark beschäftigen, dass du sie darüber vergessen würdest, oder?“

„Ach so, natürlich. Du sprichst von meiner Mutter und meiner Schwester. Wie geht es ihnen?“

„Na ja, deine Schwester war sehr traurig, als ihr Gatte starb, aber die Zeit heilt vieles, und ich glaube, es geht ihr inzwischen schon viel besser. Sieh nur, da ist sie ja.“

Sie waren auf den Hof vor Marios Residenz geritten, und als sie absaßen, erschien Ezios Schwester Claudia am oberen Ende der Marmortreppe, die zum Haupteingang hinaufführte. Claudia flog die Stufen förmlich herunter und in die Arme ihres Bruders.

„Bruderherz!“, rief sie. „Deine Heimkehr ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich mir hätte wünschen können.“

„Claudia, mein Liebes“, erwiderte Ezio und hielt sie fest. „Es tut gut, wieder hier zu sein. Wie geht es unserer Mutter?“

„Ach, dem Herrn sei’s gedankt. Sie kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen. Wir saßen wie auf glühenden Kohlen, seit uns die Nachricht von deiner Rückkehr erreichte. Und dein Ruhm eilt dir voraus.“

„Lasst uns hineingehen“, sagte Mario.

„Da ist noch jemand, der sich freuen wird, dich zu sehen“, fuhr Claudia fort, nahm ihn beim Arm und führte ihn die Treppe hinauf. „Die Gräfin von Forlì.“

„Caterina? Sie ist hier?“ Ezio versuchte, nicht allzu aufgeregt zu klingen.

„Wir wussten nicht, wann genau du eintreffen würdest. Die Gräfin und Mutter sind bei der Äbtissin, aber bei Sonnenuntergang werden sie zurück sein.“

„Erst das Geschäftliche“, mischte sich Mario ein. „Ich werde für heute Abend eine Versammlung des Bruderschaftsrates einberufen. Ich weiß, dass Machiavelli besonders begierig darauf ist, mit dir zu sprechen.“

„Ist es denn vorbei?“, fragte Claudia gespannt. „Ist der Spanier wirklich tot?“

Ezios graue Augen wurden hart. „Ich werde heute Abend bei der Versammlung alles erklären“, erwiderte er.

„Nun gut“, sagte Claudia, aber in ihrem Blick lag Besorgnis, als sie ging.

„Und grüße bitte die Gräfin von mir, wenn sie zurückkommt“, rief Ezio ihr nach. „Ich werde ihr und Mutter noch heute Abend meine Aufwartung machen. Ich muss mich nur erst mit Mario um ein paar geschäftliche Dinge kümmern, die keinen Aufschub dulden.“

Als sie wieder allein waren, wurde Marios Tonfall ernst. „Du musst dich auf heute Abend gut vorbereiten, Ezio. Machiavelli wird bei Sonnenuntergang hier sein, und ich weiß, dass er viele Fragen an dich hat. Wir werden jetzt alles besprechen, und dann rate ich dir, dich ein wenig zu entspannen. Mach doch einen Spaziergang durch die Stadt!“

* * *

Nach einem langen Gespräch mit Mario in dessen Studierzimmer ging Ezio wieder in die Stadt hinunter. Die Frage, ob der Papst noch am Leben war, belastete ihn schwer, und er wollte sich davon ablenken. Mario hatte vorgeschlagen, er solle seinem Schneider einen Besuch abstatten und ein paar neue Kleider bestellen, um seine eigenen, die von der Reise strapaziert waren, zu ersetzen. So war Ezio nun auf dem Weg zur Werkstatt des Schneiders, den er dort mit gekreuzten Beinen auf seiner Werkbank sitzend und an einem smaragdgrünen Brokatumhang nähend vorfand.

Ezio mochte den Schneider. Er war ein gutmütiger Bursche, der etwas älter als er selbst war. Der Schneider begrüßte ihn herzlich.

„Was beschert mir die Ehre Eures Besuchs?“, fragte er.

„Ich glaube, ich brauche ein paar neue Kleider“, antwortete Ezio ein wenig beschämt. „Sagt mir, was Ihr meint. Und seid ganz ehrlich.“

„Selbst wenn es nicht mein Beruf wäre, Euch Kleider zu verkaufen, signore, müsste ich Euch sagen, dass Euch ein neuer Anzug recht gut zu Gesicht stünde.“

„Das dachte ich mir auch! So sei’s denn!“

„Ich werde eben Eure Maße nehmen. Dann könnt Ihr die Farben auswählen, die Euch gefallen.“

Ezio ließ den Schneider seines Amtes walten, dann wählte er dunkelgrauen Samt für das Wams und eine dazu passende Kniehose aus Wollstoff.

„Können die Sachen bis heute Abend fertig sein?“

Der Schneider lächelte. „Nicht, wenn Ihr erwartet, dass ich gute Arbeit leiste, signore. Aber Ihr könntet morgen gegen Mittag zu einer Anprobe kommen.“

„Sehr gut“, sagte Ezio und hoffte, dass die Versammlung, die heute Abend anstand, nicht dazu führen würde, dass er Monteriggioni gleich wieder verlassen musste.

Er schlenderte über den Hauptplatz der Stadt, als eine attraktive Frau seinen Blick auf sich zog. Sie plagte sich mit einer unhandlichen Kiste voller roter und gelber Blumen ab, die offenkundig zu schwer für sie war. Zu dieser Tageszeit waren nur wenige Leute unterwegs, und Ezio war es schon immer schwergefallen, einer jungen Frau in Not zu widerstehen.

„Darf ich Euch zur Hand gehen?“, fragte er, während er bereits auf sie zuging.

Sie lächelte ihn an. „Ja, Ihr seid genau der Mann, den ich brauche. Mein Gärtner sollte diese Blumen für mich abholen, aber seine Frau ist krank, darum musste er nach Hause. Als ich ohnehin hier vorbeikam, wollte ich sie selbst mitnehmen, aber diese Kiste ist viel zu schwer für mich. Könntet Ihr vielleicht …?“

„Natürlich.“ Ezio bückte sich und lud sich die Kiste auf die Schulter. „So viele Blumen. Ihr müsst eine glückliche Frau sein.“

„Jetzt bin ich sogar noch glücklicher – nachdem ich Euch begegnet bin.“

Es bestand kein Zweifel daran, dass sie mit ihm flirtete. „Ihr hättet ja Euren Gatten bitten können, die Blumen für Euch zu holen, oder einen Eurer anderen Diener“, meinte Ezio.

„Ich habe nur noch eine Dienerin, und sie ist nicht einmal halb so kräftig wie ich“, seufzte die Frau. „Und was einen Gatten angeht … es gibt keinen.“

„Verstehe.“

„Ich habe diese Blumen für den Geburtstag von Claudia Auditore bestellt.“ Die Frau sah ihn an.

„Das hört sich nach einem großen Vergnügen an.“

„Das wird es bestimmt.“ Sie schwieg kurz. „Wenn Ihr mir noch ein wenig behilflich sein wollt … ich suche noch jemanden mit etwas Klasse, der mich zu der Feier begleitet.“

„Meint Ihr denn, ich hätte genug Klasse?“

Jetzt wurde sie mutiger. „Aber ja! Niemand in dieser Stadt hat mehr Haltung als Ihr, Herr. Ich bin sicher, Claudias Bruder Ezio wäre beeindruckt von Euch.“

Ezio lächelte. „Ihr schmeichelt mir. Aber was wisst Ihr denn über diesen Ezio?“

„Claudia, die eine gute Freundin von mir ist, hält große Stücke auf ihn. Aber er besucht sie nur selten, und soweit ich weiß, ist er sehr weit weg.“

Ezio beschloss, dass es an der Zeit für ein Geständnis war. „Es stimmt leider – ich war sehr weit weg.“

Die Frau schnappte nach Luft. „Oh nein! Ihr seid Ezio? Das kann ich kaum glauben! Claudia sagte, Ihr würdet zurückerwartet. Die Feier soll eine Überraschung für sie sein. Versprecht mir, ihr kein Wort zu verraten!“

„Jetzt müsst Ihr mir aber auch sagen, wer Ihr seid.“

„Oh, natürlich. Ich bin Angelina Ceresa. Und jetzt versprecht es mir!“

„Wie wollt Ihr mich denn zum Schweigen bringen?“

Sie sah ihn kokett an. „Oh, da fallen mir sicher verschiedene Möglichkeiten ein.“

„Ich bin schon ganz gespannt darauf.“

Inzwischen hatten sie die Tür zu Angelinas Haus erreicht. Ihre ältliche Haushälterin öffnete, und Ezio stellte die Blumenkiste auf einer steinernen Bank im Hof ab. Lächelnd wandte er sich Angelina zu.

„Nun? Wollt Ihr es mir nicht verraten?“

„Später.“

„Warum nicht jetzt?“

„Signore, ich versichere Euch, es lohnt sich, darauf zu warten.“

Sie ahnten beide in diesem Moment noch nicht, dass die Ereignisse sich überschlagen und sie einander nicht wiedersehen würden.

Ezio verabschiedete sich, und da sich der Tag dem Ende zuneigte, schlug er den Weg zurück zur Zitadelle ein. Als er sich den Ställen näherte, fiel ihm ein kleines Mädchen auf, das offenbar ganz allein die Straße entlangging. Er wollte das Kind gerade ansprechen, als ihn lautes Rufen und das Donnern von Pferdehufen davon abhielten. Gedankenschnell packte er das Mädchen und warf sich mit ihm in den Schutz eines Hauseingangs. Gerade noch zur rechten Zeit, denn da galoppierte auch schon ein gewaltiges Schlachtross um die Ecke, in vollem Geschirr, aber ohne Reiter. Alles andere als in wilder Jagd und zu Fuß kam Marios Stallmeister hinterdrein, ein älterer Mann namens Federico, den Ezio kannte.

„Torna qui, maledetto cavallo!“, rief Federico dem entschwindenden Pferd hilflos nach. Als er Ezio erblickte, sagte er: „Könnt Ihr mir bitte helfen, Herr? Das ist der Lieblingshengst Eures Onkels. Ich war gerade dabei, ihn abzusatteln und zu bürsten, als ihn etwas erschreckt haben muss. Das Tier ist sehr nervös.“

„Keine Sorge, ich werde versuchen, das Pferd für Euch einzufangen.“

„Danke, ich danke Euch!“ Federico wischte sich über die Stirn. „Ich werde langsam zu alt für so etwas.“

„Nur die Ruhe! Bleibt hier und passt auf dieses Kind auf. Ich glaube, es hat sich verirrt.“

„Das werde ich tun.“

Ezio rannte dem Pferd hinterher, das er ohne Schwierigkeiten fand. Es hatte sich beruhigt und fraß Heu, das auf einer abgestellten Karre geladen war. Als Ezio näher kam, scheute es ein wenig, doch dann erkannte es ihn und lief nicht davon. Ezio legte dem Tier beruhigend eine Hand auf den Hals und streichelte es, bevor er es am Zaum fasste und gemächlich zurückführte.

Unterwegs fand er Gelegenheit zu einer weiteren guten Tat, als er auf eine junge Frau traf, die außer sich vor Aufregung war und sich als die Mutter des verirrten kleinen Mädchens erwies. Ezio erklärte ihr, was geschehen war, und spielte das Maß der Gefahr, in der das kleine Mädchen geschwebt hatte, ein gutes Stück herunter. Kaum hatte er der Frau gesagt, wo sich das Mädchen befand, rannte sie voraus und rief den Namen ihres Kindes: „Sophia! Sophia!“ Und Ezio hörte das Kind laut und weinerlich antworten: „Mamma!“ Minuten später erreichte er die kleine Gruppe und gab Federico die Zügel, der ihm nochmals dankte und ihn bat, Mario nichts von dem Vorfall zu verraten. Ezio versprach es, und Federico führte das Pferd zurück zu den Ställen.

Mutter und Tochter hatten auf Ezio gewartet, und er wandte sich ihnen nun lächelnd zu.

„Sie möchte sich bei Euch bedanken“, erklärte die Mutter.

„Danke!“, sagte Sophia pflichtschuldig und schaute mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst zu ihm auf.

„Bleib in Zukunft immer bei deiner Mutter“, mahnte Ezio freundlich. „Lauf nicht mehr davon, capito?“

Das kleine Mädchen nickte stumm.

„Würdet Ihr und Eure Familie nicht auf uns achtgeben, wären wir verloren, signore“, sagte die Mutter.

„Wir tun, was wir können“, erwiderte Ezio, doch seine Gedanken waren sorgenvoll, als er die Zitadelle betrat. Obgleich er ziemlich sicher war, sich gegenüber Machiavelli behaupten zu können, blickte er ihrer bevorstehenden Begegnung doch nicht mit Freuden entgegen.

* * *

Es war noch genug Zeit bis zu der Versammlung, und damit er bis dahin nicht nur darüber nachgrübelte, wie die Zusammenkunft wohl verlaufen würde, aber auch aus Neugier, stieg Ezio zu den Wehrgängen hinauf, um sich die neuen Kanonen anzusehen, die Mario hatte aufbauen lassen und auf die er so stolz war. Sie waren wunderschön, aus Bronze gegossen, und neben jeder lag ein Haufen sorgfältig geschichteter eiserner Kanonenkugeln. Das Rohr der größten Kanone war drei Meter lang, und Mario hatte ihm gesagt, dass sie zwanzigtausend Pfund wiege. Dazwischen gab es auch leichtere Feldschlangen, die einfacher zu manövrieren waren. In den Türmen, die entlang der Mauer aufragten, befanden sich Falkone auf gusseisernen Lafetten sowie leichte Falkonette auf fahrbaren Holzgestellen.

Ezio trat zu einer Gruppe von Kanonieren, die um eines der größeren Modelle herumstanden.

„Wahre Schönheiten“, sagte er und strich mit einer Hand über die aufwendig gearbeitete Verzierung rund um das Zündloch.

„Ganz recht, Messer Ezio“, sagte der Anführer der Gruppe, ein grobschlächtiger Oberfeldwebel, den Ezio von seinem ersten Besuch in Monteriggioni her noch als jungen Mann kannte.

„Ich hörte vorhin, wie Ihr geübt habt. Darf ich versuchen, eine davon abzufeuern?“

„Das dürft Ihr wohl, aber wir haben vorhin nur die kleineren Kanonen gezündet. Die großen sind noch brandneu. Wir haben offenbar noch nicht heraus, wie man sie lädt, und der Waffenmeister, der sie einrichten soll, scheint sich verdrückt zu haben.“

„Lasst Ihr denn nach ihm suchen?“

„Das tun wir, Herr, bis jetzt aber ohne Erfolg.“

„Dann sehe ich mich auch einmal um. Diese Dinger sind schließlich nicht zur Zierde da, und wer weiß, wie schnell wir sie brauchen werden.“

Ezio ging davon und setzte seine Runde über die Wehrgänge fort. Er hatte noch keine dreißig Meter zurückgelegt, als er ein lautes Grunzen aus einem hölzernen Schuppen hörte, den man auf einem der Türme errichtet hatte. Davor stand eine Kiste mit Werkzeugen, und als Ezio näher kam, entpuppten sich die Grunzlaute als Schnarchen.

In dem Schuppen war es dunkel und stickig, und es stank widerlich nach schalem Wein. Sobald sich seine Augen an das trübe Licht gewöhnt hatten, machte Ezio die Gestalt eines großen Mannes aus, der – alle viere von sich gestreckt und in nicht allzu sauberen Hemdsärmeln – auf einem Haufen Stroh lag. Ezio versetzte dem Mann einen sanften Tritt, woraufhin der Kerl nur schnaubte und sich mit dem Gesicht zur Wand drehte.

„Salve, Messer“, sagte Ezio und versetzte dem Kerl noch einen Stoß, weniger sanft diesmal und mit der Stiefelspitze.

Der Mann drehte den Kopf in seine Richtung und öffnete ein Auge. „Was ist los, mein Freund?“

„Wir brauchen Euch zur Einrichtung der neuen Kanonen auf den Wehrgängen.“

„Heute nicht, mein Lieber. Morgen.“

„Seid Ihr zu betrunken, um Eure Arbeit zu tun? Ich glaube, Hauptmann Mario wäre nicht allzu erfreut, wenn er davon Wind bekäme.“

„Für heute ist Schluss mit der Arbeit.“

„Aber der Tag ist doch noch gar nicht vorbei. Wisst Ihr, wie spät es ist?“

„Nein. Ist mir auch egal. Ich habe mit Kanonen zu tun, nicht mit Uhren.“

Ezio hatte sich hingehockt, um besser mit dem Mann sprechen zu können, und der hatte sich im Gegenzug halb aufgerichtet und gab Ezio eine Kostprobe seines nach Knoblauch und billigem Montalcino stinkenden Atems, als er ausgiebig rülpste. Ezio erhob sich wieder.

„Diese Kanonen müssen schussbereit gemacht werden, und zwar auf der Stelle“, sagte er. „Wollt Ihr, dass ich mir einen anderen suche, der zuverlässiger ist als Ihr?“

Der Mann rappelte sich auf. „Nicht so schnell, mein Freund! Kein anderer Mann legt Hand an meine Kanonen.“ Gegen Ezio gelehnt, schöpfte er Atem. „Ihr wisst ja nicht, wie das ist – einige dieser Soldaten haben keinen Respekt vor Geschützen. Für viele ist das natürlich neuartiges Zeug, das gebe ich zu. Aber sie erwarten, dass eine Kanone einfach so funktioniert, wie von Zauberhand! Sie haben keinen Sinn dafür, dass man sie pfleglich behandeln und ihr schmeicheln muss, um das Beste aus ihr herauszuholen.“

„Können wir unsere Unterhaltung im Gehen fortsetzen?“, fragte Ezio. „Die Zeit steht nicht still, wisst Ihr?“

„Ich sage Euch“, fuhr der Waffenmeister fort, „diese Dinger, die wir hier haben, die sind von einer ganz eigenen Klasse. Nur das Beste für Hauptmann Mario. Aber sie sind trotzdem ziemlich simpel. Ich hab einen französischen Entwurf für eine Handfeuerwaffe in die Finger bekommen. Man bezeichnet sie als schmiedeeisernen Mörder. Ganz schön ausgeklügelt. Überlegt nur einmal, eine Kanone, die man in der Hand halten kann. Das ist die Zukunft, mein Guter.“

Inzwischen näherten sie sich der Gruppe, die um die Kanone herumstand.

„Ihr könnt die Suche abblasen“, verkündete Ezio munter. „Hier ist er.“

Der Oberfeldwebel beäugte den Waffenmeister eingehend. „Kann er’s denn?“

„Ich mag zwar ein bisschen mitgenommen sein“, versetzte der Waffenmeister, „aber im Herzen bin ich ein friedfertiger Mann. In diesen Zeiten kann ich nur am Leben bleiben, wenn ich den schlafenden Krieger in mir bei Laune halte. Darum ist es meine Pflicht zu trinken.“ Er schob den Oberfeldwebel beiseite. „Dann wollen wir mal sehen, was wir da haben …“

Nachdem er die Kanone kurz in Augenschein genommen hatte, wandte sich der Waffenmeister den Soldaten zu. „Was habt ihr gemacht? Ihr habt daran herumgespielt, stimmt’s? Gott sei Dank habt ihr keine abgefeuert. Ihr hättet uns alle umbringen können. Sie sind noch nicht bereit. Erst einmal müssen die Rohre ordentlich gesäubert werden.“

„Jetzt, da wir Euch haben, brauchen wir vielleicht gar keine Kanonen“, meinte der Oberfeldwebel. „Es wird wohl reichen, wenn Ihr dem Feind Euren Atem entgegenblast!“

Aber der Waffenmeister war schon mit einem Stock und Knäueln aus grober, öliger Baumwolle zugange. Als er fertig war, richtete er sich auf und streckte sich.

„So, das hätten wir“, sagte er. An Ezio gewandt, fuhr er fort: „Jetzt sagt diesen Männern, sie sollen sie laden. Das können sie, auch wenn es weiß Gott lange genug gedauert hat, bis sie es gelernt haben. Dann könnt Ihr es einmal versuchen. Seht Ihr den Hügel da drüben? Dort haben wir für diese Kanone ein paar Zielscheiben aufgestellt. Zielt für den Anfang auf etwas, das sich auf gleicher Höhe befindet – wenn die Kanone dann explodiert, reißt sie Euch wenigstens nicht gleich den Kopf weg.“

„Klingt beruhigend“, fand Ezio.

„Versucht es einfach, Messer. Hier ist die Zündschnur.“

Ezio steckte die Lunte ins Zündloch. Einen Moment lang geschah nichts, dann machte er einen Satz nach hinten, als die Kanone bockte und brüllte. Er schaute zu den Zielscheiben hinüber und sah, dass seine Kugel eine davon zertrümmert hatte.

„Gut gemacht“, lobte der Waffenmeister. „Perfetto! Wenigstens einer hier, der weiß, wie man schießt – mich natürlich ausgenommen.“

Ezio ließ die Männer die Kanone nachladen und feuerte sie abermals ab, doch diesmal ging sein Schuss daneben.

„Es kann nicht immer klappen“, meinte der Waffenmeister. „Kommt bei Tagesanbruch zurück. Dann üben wir weiter, und Ihr habt Gelegenheit, Euer Auge zu schärfen.“

„Einverstanden“, erwiderte Ezio, ohne zu ahnen, dass die Situation tödlich ernst sein würde, wenn er die Kanone das nächste Mal abfeuerte.

5

Als Ezio den großen Saal in Marios Zitadelle betrat, brach bereits der Abend herein, und Diener entzündeten Fackeln und Kerzen, um die Dunkelheit zu vertreiben. Sie passte allerdings zu Ezios zunehmend trüber Stimmung, als die Stunde der Versammlung nahte.

Er war so tief in seine Gedanken versunken, dass ihm die Person, die vor dem gewaltigen offenen Kamin hockte, zunächst gar nicht auffiel. Darum zuckte er regelrecht zusammen, als die Frau – deren schlanke, aber doch kraftvolle Gestalt winzig wirkte im Vergleich zu den riesigen Karyatiden, die den Kamin flankierten – sich ihm näherte und ihn am Arm berührte. Kaum hatte er sie jedoch erkannt, entspannten sich seine Züge, und die pure Freude stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Buona sera, Ezio“, sagte sie, und er fand, dass der Gruß aus ihrem Mund ungewohnt scheu klang.

„Buona sera, Caterina“, erwiderte er und verneigte sich vor der Gräfin von Forlì. Ihre frühere Vertrautheit lag zwar ein ganzes Stück weit in der Vergangenheit, jedoch ohne für beide in Vergessenheit geraten zu sein, und als sie seinen Arm berührte, meinte Ezio, die alte Verbundenheit für einen Moment wieder zu spüren. „Claudia sagte mir, dass Ihr hier seid, und ich habe mich darauf gefreut, Euch wiederzusehen. Aber …“ Er zögerte. „Monteriggioni ist weit fort von Forlì, und …“

„Ihr braucht Euch nicht einzubilden, dass ich den langen Weg nur Euretwegen gekommen bin“, sagte sie mit einer Spur ihrer typischen Schärfe, doch erkannte er an ihrem Lächeln, dass sie es nicht ganz ernst meinte. Da wurde ihm bewusst, dass er sich immer noch zu dieser unabhängigen und gefährlichen Frau hingezogen fühlte.

„Ich bin Euch gern stets zu Diensten, Madonna – auf jede mir mögliche Weise.“ Und das meinte er so, wie er es sagte.

„Manche Weisen sind schwieriger als andere“, entgegnete sie, und nun lag ein harter Ton in ihrer Stimme.

„Worum geht es?“

„Die Angelegenheit ist nicht ganz einfach“, erklärte Caterina Sforza. „Ich bin auf der Suche nach einem Bündnis.“

„Erzählt mir mehr darüber!“

„Ich fürchte, Eure Arbeit ist noch nicht getan, Ezio. Die päpstliche Armee zieht gegen Forlì. Mein Herrschaftsgebiet ist klein, aber es liegt glücklicherweise – oder eigentlich zu meinem Pech – genau so, dass es für denjenigen, in dessen Händen es sich befindet, von größter strategischer Wichtigkeit ist.“

„Und Ihr wünscht meine Hilfe?“

„Meine Streitkräfte allein sind zu schwach. Eure condottieri wären für meine Sache von großem Wert.“

„Darüber muss ich erst mit Mario sprechen.“

„Er wird mir seine Hilfe nicht verweigern.“

„So wenig wie ich.“

„Wenn Ihr mir helft, erweist Ihr nicht nur mir einen Gefallen – Ihr stellt Euch auch den Mächten des Bösen entgegen, wider die wir stets vereint standen.“

Während sie noch miteinander sprachen, erschien Mario. „Ezio, Contessa, wir sind zusammengekommen und warten auf Euch“, erklärte er mit ungewohnt ernster Miene.

„Wir unterhalten uns später weiter“, sagte Ezio zu der Gräfin. „Ich werde bei einer Versammlung erwartet, die mein Onkel einberufen hat. Ich glaube, ich soll mich dort rechtfertigen. Wollen wir uns danach noch einmal treffen?“

„Diese Versammlung betrifft auch mich“, sagte Caterina. „Gehen wir?“

6

Der Raum war Ezio wohlvertraut. Dort, an der nun frei liegenden Wand, hingen die geordneten Seiten des Großen Kodex. Der Schreibtisch, sonst stets mit Karten übersät, war abgeräumt worden, und rings um den Tisch herum saßen auf harten, hochlehnigen Stühlen aus dunklem Holz die Mitglieder der Bruderschaft der Assassinen, die sich in Monteriggioni versammelt hatten, sowie jene Angehörigen der Familie Auditore, die in die Sache der Bruderschaft eingeweiht waren. Mario saß hinter seinem Schreibtisch. An einem Ende hatte ein nüchtern wirkender, dunkel gekleideter Mann Platz genommen, der noch jung aussah, dessen Stirn jedoch von tiefen Falten zerfurcht war und der zu einem von Ezios engsten Verbündeten, aber auch zu einem seiner beharrlichsten Kritiker geworden war: Niccolò Machiavelli. Sie nickten einander verhalten zu, während Ezio seine Schwester Claudia und seine Mutter Maria Auditore begrüßte, die seit dem Tod seines Vaters die Matriarchin der Familie war. Maria schloss ihren einzigen noch lebenden Sohn so fest in die Arme, als hinge ihr Leben davon ab, und sah ihn mit glänzenden Augen an, als er sich von ihr löste und nicht weit von Caterina und gegenüber von Machiavelli Platz nahm. Letzterer erhob sich und musterte ihn fragend. Ein höfliches Vorgeplänkel würde es offenbar nicht geben.

„Zunächst muss ich Euch vielleicht um Verzeihung bitten“, begann Machiavelli. „Ich war nicht selbst in dem Gewölbe, und dringende Geschäfte verlangten meine Anwesenheit in Florenz, bevor ich mich eingehend mit dem befassen konnte, was dort geschah. Mario hat uns seine Seite der Geschichte erzählt, aber nur Ihr kennt die ganze.“

Ezio stand auf und schilderte einfach und direkt, was passiert war. „Ich betrat den Vatikan, wo ich auf Rodrigo Borgia, Papst Alexander VI., traf und ihn stellte. Er war im Besitz eines der Stücke von Eden, des Stabs, und er ging damit auf mich los. Es gelang mir, mich gegen ihn zu verteidigen, und mittels der vereinten Macht von Apfel und Stab erlangte ich Zugang in das geheime Gewölbe, und zwar ohne ihn. Er war verzweifelt und flehte mich an, ihn zu töten. Aber das tat ich nicht.“ Ezio hielt inne.

„Was geschah dann?“, wollte Machiavelli wissen, während die anderen schweigend dasaßen und ihn ansahen.

„In dem Gewölbe befanden sich viele merkwürdige Dinge – Dinge, von denen man sich in unserer Welt nicht einmal träumen lässt.“ Sichtlich bewegt zwang Ezio sich, ruhig und beherrscht fortzufahren. „Die Göttin Minerva erschien mir in einer Vision. Sie erzählte mir von einer furchtbaren Tragödie, die eines fernen Tages über die Menschheit hereinbrechen werde, aber sie sprach auch von vergessenen Tempeln, die, wenn sie gefunden würden, uns helfen und uns zu einer Art Erlösung führen könnten. Sie schien ein Phantom zu beschwören, das in irgendeiner engen Verbindung zu mir stand, aber worum es sich dabei handelte, kann ich nicht sagen. Nach ihrer Warnung und ihren Vorhersagen verschwand sie. Ich verließ das Gewölbe und fand den Papst im Sterben liegend vor – oder zumindest erweckte er diesen Eindruck. Er schien Gift genommen zu haben. Später zwang mich dann etwas, noch einmal zurückzukehren. Ich nahm den Apfel an mich, aber den Stab, der ein weiteres Stück von Eden gewesen sein mag, verschlang der Erdboden. Worüber ich froh bin, denn schon der Apfel allein, den ich in Marios Obhut gegeben habe, bedeutet eine größere Verantwortung, als ich sie mir wünsche.“

„Unglaublich!“, rief Caterina aus.

„Ich kann mir solche Wunder gar nicht vorstellen“, fügte Claudia hinzu.

„Das Gewölbe beherbergte also keine schreckliche Waffe, wie wir es befürchteten – oder wenigstens fiel sie nicht den Templern in die Hände. Zumindest das ist eine gute Nachricht“, meinte Machiavelli gleichmütig.

„Was ist mit dieser Göttin, mit Minerva?“, fragte Claudia. „Sah sie so aus wie … wir?“

„Sie war von menschlicher Gestalt und zugleich übermenschlich“, antwortete Ezio. „Ihre Worte bewiesen, dass sie zu einem Volk gehört, das viel älter und größer ist als unseres. Sie hatte lange Zeit auf diesen Moment gewartet. Ich wünschte, ich fände Worte, um die Magie, die sie wirkte, zu beschreiben.“

„Was hat es mit diesen Tempeln auf sich, die sie erwähnte?“, warf Mario ein.

„Das weiß ich nicht.“

„Sagte sie, dass wir danach suchen sollen? Aber woher sollten wir dann wissen, wonach wir Ausschau halten müssen?“

„Vielleicht sollten wir das tun … vielleicht wird uns die Suche selbst den Weg weisen.“

„Die Suche ist unumgänglich“, sagte Machiavelli. „Aber zunächst müssen wir den Weg dafür bereiten. Erzählt uns vom Papst! Ihr sagtet, dass er nicht gestorben ist?“

„Als ich in das Gewölbe zurückkehrte, lag sein Gewand auf dem Boden. Er selbst war verschwunden.“

„Hat er irgendwelche Versprechen gegeben? Hat er Reue gezeigt?“

„Weder noch. Er war auf den Gewinn der Macht aus. Als er einsah, dass er sie nicht bekommen würde, brach er zusammen.“

„Und Ihr glaubtet, er sei dem Tod geweiht.“

„Ich wollte nicht der sein, der ihm den Todesstoß versetzt.“

„Das hättet Ihr aber tun sollen.“

„Ich bin nicht hier, um über Vergangenes zu streiten. Ich stehe zu meiner Entscheidung. Und jetzt sollten wir über die Zukunft sprechen. Darüber, was wir tun müssen.“