Verlag: Panini Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Assassin's Creed Band 6: Black Flag - Oliver Bowden

Die tödliche Präzision des maskierten Mannes schlug mich in ihren Bann. Ich war fasziniert von diesem Sendboten des Todes, der - nahezu unbeeindruckt von dem Blutbad um ihn herum -, nur auf den richtigen Moment wartete, um zuzuschlagen. Es ist das goldene Zeitalter der Piraten - und die Neue Welt lockt mit ihren Verheißungen. Edward Kenway - der ungestüme Sohn eines Wollhändlers träumt vom schnellen Gold und kann dem Traum von einem ruhmreichen Leben auf Hoher See nicht widerstehen. Als der elterliche Hof angegriffen wird, sieht er seine Chance gekommen und kehrt seiner Familie den Rücken. Schon bald wird Kenway zu einem der tödlichsten Freibeuter seiner Zeit. Aber Gier, Ehrgeiz und Verrat sind seine steten Begleiter und als der Beweis einer perfiden Verschwörung ans Licht kommt, die alles zu zerstören droht, was ihm lieb und teuer ist, folgt Kenway dem Ruf nach Vergeltung und wird so in den jahrhundertealten Kampf zwischen Templern und Assassinen hineingezogen.

Meinungen über das E-Book Assassin's Creed Band 6: Black Flag - Oliver Bowden

E-Book-Leseprobe Assassin's Creed Band 6: Black Flag - Oliver Bowden

Bisher erschienen

ASSASSIN’S CREED: DIE BRUDERSCHAFT

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed: Brotherhood

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2236-8

ASSASSIN’S CREED: RENAISSANCE

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed 2

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2235-1

ASSASSIN’S CREED: DER GEHEIME KREUZZUG

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2436-2

ASSASSIN’S CREED: REVELATIONS –

DIE OFFENBARUNG

Der offizielle Roman zum Game Assassasin’s Creed: Revelations

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2437-9

ASSASSIN’S CREED: FORSAKEN –

VERLASSEN

Oliver Bowden – ISBN 978-3-8332-2610-6

ASSASSIN’S CREED: DER UNTERGANG –

COMICBAND 1

100 Seiten, farbig – ISBN 978-3-86201-093-6

ASSASSIN’S CREED: THE CHAIN –

COMICBAND 2

100 Seiten, farbig – ISBN 978-3-86201-416-3

Infos zu weiteren Romanen und Comics unter:

www.paninicomics.de

Oliver Bowden

Aus dem Englischen

von Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Englische Originalausgabe:

„ASSASSIN’S CREED: Black Flag“ by Oliver Bowden, published by Penguin Books, London, England, November 2013.

Copyright © 2013 Ubisoft Entertainment. All Rights Reserved. Assassin’s Creed, Ubisoft and the Ubisoft logo are trademarks of Ubisoft Entertainment in the US and/or other countries.

No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s).

Übersetzung: Timothy Stahl

Lektorat: Caspar D. Friedrich

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8332-2757-8

www.paninicomics.de

TEIL EINS

1

1719 (oder um den Dreh)

Einmal habe ich einem Mann die Nase abgeschnitten.

Ich weiß nicht mehr genau, wann es war – wahrscheinlich um 1719 – und auch nicht wo. Aber es passierte bei einem Überfall auf eine spanische Brigg. Natürlich hatten wir es auf deren Vorräte abgesehen. Ich kann mit Stolz behaupten, dass die Jackdaw stets gut ausgerüstet war. Aber es befand sich noch etwas anderes an Bord. Etwas, das wir nicht hatten, aber brauchten. Jemand, um genau zu sein. Ein Schiffskoch nämlich.

Unser eigener Smutje und sein Maat waren tot. Der Gehilfe des Kochs war dabei erwischt worden, als er in den Ballast pisste. Das erlaubte ich nicht, und deshalb bestrafte ich ihn auf die traditionelle Weise, indem ich ihn einen Krug, der mit der Pisse der Mannschaft gefüllt war, austrinken ließ. Ich muss gestehen, dass es mir noch nie untergekommen war, dass der Krug mit der Strafpisse einen Mann umbrachte, aber dem Maat des Kochs widerfuhr genau das. Er trank den Krug aus, ging am Abend schlafen und stand nie wieder auf. Der Koch kam danach eine Zeit lang ganz gut allein zurecht, aber er trank abends gern mal einen Schluck Rum und ging dann oft aufs Hüttendeck, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. In einer dieser Nächte hörte ich ihn über meiner Kabine herumtrampeln. Er tanzte die Jig – bis er plötzlich aufschrie und irgendwas ins Wasser klatschte.

Die Glocke wurde geläutet, die Mannschaft eilte an Deck. Wir warfen Anker und zündeten Laternen und Fackeln an, aber von unserem Koch war nichts mehr zu sehen.

Natürlich hatte er Helfer. Aber das waren nur Knaben, deren Kochkenntnisse gerade einmal ausreichten, um eine Suppe umzurühren oder ein paar Kartoffeln zu schälen. Seitdem lebten wir von rohem Fraß. Wir wussten nicht einmal, wie man einen Pott Wasser kochte.

Nun hatten wir vor nicht allzu langer Zeit ein Kampfschiff überfallen. Ein feiner kleiner Ausflug, der uns eine brandneue Breitseitbatterie bescherte sowie einen Laderaum voller Kriegsgerät: Entermesser, Piken, Musketen, Pistolen, Schießpulver und Kugeln. Von einem Angehörigen der gefangenen Mannschaft, der dann ein Angehöriger meiner Mannschaft wurde, hatte ich erfahren, dass die Dons ein spezielles Versorgungsschiff hatten, auf dem ein besonders versierter Koch Dienst tat. Man munkelte, er habe bei Hof gekocht, aber die Königin beleidigt, woraufhin er verbannt worden sei. Davon glaubte ich zwar kein Wort, aber das hinderte mich nicht daran, es meiner Mannschaft gegenüber zu erwähnen und ihr zu versprechen, dass dieser Mann noch vor Ende der Woche unsere Mahlzeiten zubereiten würde. Und so machten wir es uns zur Aufgabe, diese spezielle Brigg aufzuspüren. Und als wir sie fanden, griffen wir sie umgehend an.

Unsere neue Breitseitbatterie erwies sich dabei als sehr nützlich. Wir gingen längsseits und beschossen die Brigg, bis sie auseinanderbrach, die Segel in Fetzen hingen und das Ruder zersplittert im Wasser trieb.

Die Brigg krängte bereits, als meine Mannschaft an ihr festmachte und sie enterte. Wie Ratten kletterten die Männer an der Bordwand hinauf. Die Luft war erfüllt von Pulvergestank und dem Knallen der Musketen. Und dann klirrten auch schon die Entermesser. Ich war wie immer mitten unter ihnen. In einer Hand das Entermesser, die verborgene Klinge ausgefahren – das Entermesser fürs Handgemenge, die Klinge für den Todesstoß aus nächster Nähe. Zwei Gegner kamen auf mich zu, und ich machte mit dem ersten kurzen Prozess, indem ich ihm mein Entermesser von oben herab in den Schädel hieb und seinen Dreispitz entzweischnitt, bevor ihm die Klinge den Kopf fast in zwei Hälften spaltete. Der Mann brach in die Knie, die Klinge meines Messers zwischen den Augen, aber das Problem war, dass ich sie zu tief hineingestoßen hatte. Als ich versuchte, sie herauszuziehen, blieb sein sich windender Körper daran hängen. Inzwischen war auch der zweite Mann da. Das Entsetzen in seinem Blick verriet mir, dass er nicht ans Kämpfen gewöhnt war. Mit einer blitzschnellen Bewegung meiner verborgenen Klinge schnitt ich ihm die Nase ab, was den gewünschten Effekt zeigte – er wankte zurück. Blut spritzte aus dem Loch, wo eben noch sein Zinken gewesen war. Derweil benutzte ich beide Hände, um endlich mein Entermesser aus dem Schädel des ersten Angreifers zu zerren und den Kampf fortzusetzen. Bald darauf war es vorbei. Wir hatten möglichst wenige Mitglieder der gegnerischen Besatzung getötet, und ich hatte zudem ausdrücklich Anweisung gegeben, den Koch unter keinen Umständen zu verletzen. Was auch geschehen mag, hatte ich gesagt, den Koch brauchen wir lebend.

Und als die Brigg im Wasser versank und wir davonsegelten, ließen wir die spanische Mannschaft auf unserem Hauptdeck antreten, um den Koch herauszupicken. Unter uns war kaum ein Mann, dem nicht schon das Wasser im Munde zusammenlief und dem nicht der Magen knurrte, denn der Eindruck, dass die Spanier gut im Futter standen, entging uns keineswegs.

Es war Caroline gewesen, die mich gelehrt hatte, gutes Essen zu schätzen. Caroline, meine einzig wahre Liebe. In der allzu kurzen Zeit, die wir miteinander verbrachten, hatte sie meinen Gaumen verfeinert, und ich ging davon aus, dass sie meine Einstellung zum Essen genauso begrüßt hätte wie auch mein Bemühen, der Mannschaft beizubringen, ein gutes Mahl zu schätzen. Denn schließlich wusste ich dank ihr auch, dass ein satter Mann ein glücklicher Mann ist. Und ein glücklicher Mann neigt weniger dazu, die Obrigkeit des Schiffes infrage zu stellen, weshalb ich in all den Jahren auf See noch nie auch nur mit dem Hauch einer Meuterei konfrontiert worden war. Kein einziges Mal.

„Hier bin ich“, sagte der spanische Koch und trat vor. Nur klang es eher wie: „Bier bin bich“, was seinem bandagierten Gesicht geschuldet war, dem irgendein Idiot die Nase abgeschnitten hatte.

2

1711

Sei’s drum, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Caroline. Du wolltest wissen, wie ich sie kennengelernt habe.

Nun, das ist eine Geschichte für sich, wie man so sagt. Dazu muss ich viel weiter zurückgehen, in die Zeit, als ich ein einfacher Schafzüchter war und noch nie irgendetwas von Assassinen oder Templern, von Blackbeard, Benjamin Hornigold, von Nassau oder dem Observatorium gehört hatte. Und vielleicht wäre es auch dabei geblieben, hätte sich nicht eines heißen Sommertags im Jahre 1711 eine zufällige Begegnung im Auld Shillelagh ereignet.

Es ist so, dass ich einer jener jungen Heißsporne war, die gern mal einen über den Durst trinken, obwohl ich deswegen in die eine oder andere Meinungsverschiedenheit geraten bin. Etliche … nun … Zwischenfälle, auf die ich nicht allzu stolz bin. Aber das ist eben das Kreuz, das man zu tragen hat, wenn man dem Alkohol ein bisschen zu sehr zugetan ist. Einen Trinker mit reinem Gewissen wird man nur selten finden. Die meisten von uns haben es das eine oder andere Mal in Erwägung gezogen, die Trinkerei aufzugeben, sich zu bessern und vielleicht Gott zuzuwenden oder etwas aus sich zu machen. Aber dann wird es Mittag, und man weiß, dass einem etwas zu trinken guttäte, und so macht man sich wieder auf den Weg in die Taverne.

Die Tavernen, von denen ich spreche, befanden sich in Bristol an der südwestlichen Küste des guten, alten Englands, wo wir an raue Winter und herrliche Sommer gewöhnt waren, und in jenem Jahr, in ebenjenem Jahr, als ich sie kennenlernte, wie gesagt im Jahr 1711, war ich gerade einmal siebzehn Jahre alt.

Und ja … ja, ich war betrunken, als es so weit war. In jenen Tagen, man muss es so sagen, war ich die meiste Zeit betrunken. Vielleicht … nun, wir wollen nicht übertreiben. Ich möchte nicht schlecht über mich reden. Aber es war vielleicht die Hälfte der Zeit. Möglicherweise ein bisschen mehr.

Ich war am Rand eines Dorfes namens Hatherton zu Hause, sieben Meilen außerhalb von Bristol, wo wir auf einem kleinen Hof Schafe hielten. Vaters Interesse galt den Tieren, immer schon. Und mich dabeizuhaben entband ihn von dem Teil des Geschäfts, der ihm zuwider war – die Ware in die Stadt zu bringen, mit Kaufleuten und Händlern zu feilschen, zu verhandeln, Abmachungen zu treffen. Sobald ich alt genug war, womit ich meine, sobald ich Manns genug war, um auf gleicher Augenhöhe mit unseren Geschäftspartnern zu handeln, nun, ab diesem Zeitpunkt tat ich das. Und Vater ließ es mich mit Freuden tun.

Mein Vater hieß Bernard, meine Mutter Linette. Sie stammten aus Swansea, ließen sich jedoch, als ich zehn Jahre alt war, in Südwestengland, im sogenannten West Country, nieder. Unseren walisischen Akzent hatten wir noch. Ich glaube, es störte mich nicht sonderlich, dass wir uns deswegen von anderen unterschieden. Ich war ein Schafzüchter und keines der Schafe.

Vater und Mutter sagten immer, ich hätte ein flottes Mundwerk. Vor allem Mutter versicherte mir stets, dass ich ein gut aussehender junger Mann sei und mit meinem Charme die Vögel vom Baum locken könnte, und es stimmt, wenn ich das einmal so sagen darf. Ich verstand es, die Frauen um den Finger zu wickeln. Lass es mich so ausdrücken – für mich war es Erfolg versprechender, mich mit den Ehefrauen der Kaufmänner zu befassen, als mit deren Gatten handeln zu müssen.

Wie ich meine Zeit verbrachte, hing von der Jahreszeit ab. Die Ablammsaison von Januar bis Mai war unsere emsigste Zeit. In diesen Monaten fand ich mich bei Sonnenaufgang in den Ställen wieder, Brummschädel hin oder her, um nachzusehen, ob eines der Mutterschafe in der Nacht gelammt hatte. War das der Fall, wurden sie in einem der kleineren Ställe in einem Verschlag untergebracht, Lammpferche nannten wir die, wo Vater sie übernahm, während ich die Futtertröge sauber machte und wieder auffüllte sowie Heu und Wasser wechselte. Und Mutter notierte in einem Journal gewissenhaft die Einzelheiten der Neugeburten. Ich konnte damals noch nicht schreiben. Jetzt natürlich schon. Caroline brachte es mir bei, so wie vieles weitere, das mich zum Mann machte. Aber damals konnte ich es eben noch nicht, und so fiel diese Aufgabe Mutter zu, um deren Schreibkunst es zwar nicht zum Besten stand, aber es reichte immerhin, um Buch zu führen.

Sie arbeiteten gern zusammen, Mutter und Vater. Ein Grund mehr, warum Vater mich in die Stadt gehen ließ. Er und meine Mutter, die beiden klebten wie Zwillinge aneinander. Nie habe ich zwei andere Menschen gesehen, die so sehr ineinander verliebt waren und doch nicht das Bedürfnis hatten, dies zur Schau zu stellen. Man merkte einfach, dass sie einander in Schwung hielten. Es tat der Seele gut, das mit anzusehen.

Im Herbst brachten wir die Schafböcke auf die Weide, um sie mit den Zibben grasen zu lassen, damit sie wieder neue Lämmer für den nächsten Frühling zeugen konnten. Die Felder mussten bestellt, Zäune und Mauern errichtet und ausgebessert werden.

Wenn im Winter das Wetter sehr schlecht war, brachten wir die Schafe in die Scheunen, wo sie es warm hatten, damit sie im Januar bereit waren, wenn die Ablammsaison begann.

Was wirklich in mir steckte, konnte ich jedoch im Sommer zeigen. Während der Schersaison. Mutter und Vater übernahmen den größten Teil, während ich öfter in die Stadt zog, meinen Karren nicht mit Fleisch, sondern mit Wolle beladen. Und weil sich mir im Sommer mehr Gelegenheit dazu bot, kehrte ich immer öfter in die örtlichen Tavernen ein. Man könnte sagen, ich wurde dort zum vertrauten Anblick, mit meinem langen, zugeknöpften Wams, meiner Kniebundhose, den weißen Strümpfen und dem etwas abgetragenen braunen Dreispitz, den ich gern als mein Markenzeichen betrachtete, weil meine Mutter sagte, er passe gut zu meinen Haaren, die ständig des Schneidens bedurften, aber von eindrucksvoll sandbrauner Farbe waren, wenn ich das mal so sagen darf.

In den Tavernen fand ich heraus, dass mein flottes Mundwerk nach ein paar Ales zur Mittagszeit noch geschmeidiger wurde. So wirkt er nun einmal, der Alkohol, nicht wahr? Er löst die Zunge, die Befangenheit, die Moral … Nicht, dass ich in nüchternem Zustand schüchtern und zurückhaltend gewesen wäre, aber das Ale verlieh mir jenes gewisse Extra. Und außerdem deckte das zusätzliche Geld, das ich mit meinem vom Alkohol geförderten Verhandlungsgeschick verdiente, die Kosten für das Ale mehr als nur ab. Jedenfalls redete ich mir das zu jener Zeit ein.

Aber da war noch etwas, abgesehen von der törichten Vorstellung, dass Edward in betrunkenem Zustand ein besserer Verkäufer war als der nüchterne Edward – und das war mein Seelenzustand.

Die Wahrheit war – ich glaubte, anders zu sein. Nein, ich wusste, dass ich anders war. Es gab Zeiten, da saß ich des Nachts allein da und wusste, dass ich die Welt auf eine Weise sah, die meine ganz eigene war. Heute weiß ich, was es damit auf sich hat, aber damals konnte ich es nicht besser in Worte fassen, als zu sagen, dass ich mich anders fühlte.

Und entweder deshalb – oder trotzdem – beschloss ich, dass ich nicht mein Leben lang ein Schafzüchter sein wollte. Ich wusste es schon an dem Tag, da ich meinen Fuß zum ersten Mal als Arbeiter und nicht mehr als Kind auf den Hof setzte. Ich sah mich selbst und sah dann meinen Vater an und begriff, dass ich nicht mehr zum Spielen dort war und bald von einer Zukunft träumen würde, in der ich auf hoher See die Segel setzte. Nein, das war nicht meine Zukunft, denn ich würde den Rest meines Lebens als Schafzüchter zubringen, für meinen Vater arbeiten, ein Mädchen aus der Umgebung heiraten, Söhne zeugen und sie lehren, Schafzüchter zu werden, so wie ihr Vater und ihr Großvater einer war. Ich sah den Rest meines Lebens vor mir ausgebreitet, wie saubere Arbeitskleidung auf einem Bett, und anstatt ob dieser Tatsache eine warme Woge der Zufriedenheit und des Glücks zu verspüren, machte sie mir nur Angst.

Die Wahrheit war also – es lässt sich nicht behutsamer ausdrücken, und es tut mir leid, Vater, möge Gott deine Seele in Frieden ruhen lassen –, dass ich meinen Beruf hasste. Und nach ein paar Ales, nun, da hasste ich ihn nicht mehr so sehr. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Vertrieb ich also meine enttäuschten Träume mit Alkohol? Wahrscheinlich. Darüber dachte ich seinerzeit nie wirklich nach. Ich wusste nur, dass mir in der Brust ein Groll schwärte über die Richtung, die mein Leben nahm – oder vielmehr und schlimmer noch, die es schon genommen hatte.

Vielleicht war ich ein wenig indiskret meine wahren Gefühle betreffend. Gelegentlich mag ich meinen Trinkkumpanen den Eindruck vermittelt haben, ich hätte das Gefühl, das Leben habe für mich Besseres auf Lager. Was soll ich sagen? Ich war jung und hochmütig und ein Saufkopf. Selbst zu den besten Zeiten eine tödliche Kombination. Und das waren definitiv nicht die besten Zeiten.

„Du hältst dich für besser als unsereins, was?“

Das bekam ich oft zu hören. So oder ähnlich jedenfalls.

Und vielleicht wäre es meinerseits diplomatischer gewesen, dies abzustreiten, aber das tat ich nicht, und so geriet ich in mehr als nur etliche Prügeleien. Vielleicht um zu beweisen, dass ich in der Tat in allem, auch im Prügeln, besser war als andere. Vielleicht hielt ich so auf meine Weise den Namen unserer Familie in Ehren. Ein Säufer mag ich ja gewesen sein. Ein Schwerenöter. Eingebildet. Unzuverlässig. Aber ein Feigling war ich nicht. Oh nein! Vor einem Kampf schreckte ich nie zurück.

Und es war Sommer, als mein Leichtsinn seinen Höhepunkt erreichte – weil ich da am betrunkensten und am übermütigsten und vor allem ein bisschen nervtötend war. Aber andererseits war ich in dieser Stimmung auch am ehesten bereit, einer jungen Dame in Not zu helfen.

3

Sie war im Auld Shillelagh, einer Taverne auf halbem Wege zwischen Hatherton und Bristol, in der ich regelmäßig anzutreffen war, und im Sommer, wenn Mutter und Vater sich zu Hause beim Scheren abplagten und ich regelmäßiger in die Stadt musste, traf man mich sogar mehrmals am Tag regelmäßig im Auld Shillelagh an.

Ich gebe zu, dass sie mir anfangs nicht sonderlich aufgefallen war, was ungewöhnlich für mich war, denn ich rühmte mich gern des Talents, zu wissen, genau zu wissen, wo in meiner Nähe sich eine schöne Frau aufhielt. Und außerdem war das Shillelagh kein Ort, wo man eine schöne Frau vorzufinden erwartete. Eine Frau, jawohl. Eine bestimmte Art von Frau. Aber dieses Mädchen, das sah ich, war keine solche: Sie war jung, ungefähr in meinem Alter, und sie trug eine Haube aus weißem Leinen und einen Kittel. Für mich sah sie nach einer Dienstbotin aus.

Aber es war nicht ihre Kleidung, die meine Aufmerksamkeit erregte. Es war die Lautstärke ihrer Stimme, die, das musste man so sagen, in völligem Widerspruch zu ihrem Aussehen stand. Sie saß mit drei Männern da, die allesamt älter waren als sie und die ich sofort erkannte: Tom Cobleigh, sein Bruder Seth und ein gewisser Julian, dessen Nachname mir entfallen war, der aber mit ihnen zusammenarbeitete – drei Männer, mit denen ich mich schon unterhalten, wenn nicht sogar geprügelt hatte. Sie gehörten zu der Sorte, die auf mich von oben herabschauten, weil sie glaubten, ich schaue auf sie herab, und die mich nicht mehr mochten als ich sie – und ich mochte sie nicht besonders. Sie saßen vornübergelehnt auf ihren Hockern und musterten dieses Mädchen mit anzüglichen, wölfischen Blicken, die finstere Absichten verrieten, obgleich sie breit lächelten und auf den Tisch klopften, um sie zu ermuntern, einen Krug Bier auszutrinken.

Nein, sie sah nicht aus wie eine jener Frauen, die diese Taverne für gewöhnlich aufsuchten, aber es schien, als wäre sie entschlossen, sich wie eine von ihnen zu benehmen. Der Krug war in etwa so groß wie sie selbst, und als sie sich über den Mund wischte und ihn auf den Tisch hämmerte, reagierten die Männer mit Jubel, riefen nach einem weiteren Krug und freuten sich zweifellos, zu sehen, dass sie auf ihrem Hocker leicht wankte. Wahrscheinlich konnten sie ihr Glück nicht fassen. So ein hübsches kleines Ding wie dieses Mädchen …

Ich beobachtete, wie sie das Mädchen noch mehr Ale trinken ließen und wiederum den gleichen Tumult veranstalteten, als sie den Krug geleert hatte. Und als sie sich dann wie zuvor mit der Hand über den Mund wischte, diesmal allerdings deutlicher schwankend, wechselten die Kerle einen Blick. Einen Blick, der zu sagen schien: Geschafft!

Tom und Julian standen auf und machten sich daran, sie zur Tür zu „eskortieren“, wie sie es nannten. „Ihr habt zu viel getrunken, Liebes. Wir bringen Euch nach Hause.“

„Ins Bett“, grinste Seth in dem Glauben, er murmele es nur vor sich hin, obwohl er in der ganzen Taverne zu hören war. „Dann wollen wir dich mal in die Laken schaffen.“

Ich warf dem Mann hinter der Theke einen Blick zu, aber der senkte die Augen und schnäuzte sich in seine Schürze. Neben mir saß ein weiterer Gast am Tresen, der sich nur abwendete. Mistkerle. Genauso gut hätte ich die Katze um Hilfe bitten können, dachte ich. Dann stellte ich meinen Krug krachend ab, stieg von meinem Hocker und folgte den Cobleighs auf die Straße hinaus.

Ich blinzelte, als ich aus der schummrigen Taverne ins helle Tageslicht trat. Mein Karren stand da und briet in der Sonne. Daneben ein weiterer, von dem ich annahm, dass er den Cobleighs gehörte. Auf der anderen Seite der Straße lag der Hof eines Hauses, das weit nach hinten versetzt war, der Farmer war jedoch nicht zu sehen. Wir befanden uns allein auf der Landstraße – nur ich, die beiden Cobleighs, Julian und das Mädchen natürlich.

„Tja, Tom Cobleigh“, sagte ich, „was man an einem schönen Nachmittag nicht alles zu sehen bekommt. Dich und deine Kumpane zum Beispiel, wie ihr euch besauft und eine arme, hilflose junge Frau noch besoffener macht.“

Das Mädchen sackte zusammen, als Tom Cobleigh ihren Arm losließ und sich nach mir umdrehte, den Finger schon erhoben.

„Du hältst dich schön raus aus dieser Sache, Edward Kenway, du junger Taugenichts. Du bist genauso betrunken wie ich, und deine Moral ist genauso locker. Von einem wie dir brauche ich mir keine Standpauke halten zu lassen.“

Auch Seth und Julian drehten sich jetzt um. Die Augen des Mädchens waren glasig, als ob ihr Geist schon eingeschlafen wäre, auch wenn ihr Körper noch wach war.

„Nun“, erwiderte ich, „meine Moral mag locker sein, Tom Cobleigh, aber ich brauch ein Mädchen nicht mit Ale abzufüllen, bevor ich mit ihr ins Bett gehe. Und ganz gewiss brauche ich keine Freunde, die mir dabei helfen.“

Tom Cobleigh lief rot an. „Du unverschämter kleiner Dreckskerl! Ich werde sie jetzt auf meinen Karren laden und nach Hause bringen. Genau das werde ich tun.“

„Ich bezweifle nicht, dass du vorhast, sie auf deinen Karren zu laden und nach Hause zu bringen. Sorge bereitet mir, was du dazwischen im Schilde führst.“

„Das bereitet dir Sorge, ja? Eine gebrochene Nase und ein paar gebrochene Rippen werden dir Sorge bereiten, wenn du dich nicht um deine eigenen Angelegenheiten kümmerst.“

Blinzelnd schaute ich die staubige Landstraße entlang, wo die Bäume, die sie säumten, golden und grün in der Sonne leuchteten, und in der Ferne war schimmernd und undeutlich eine einsame Gestalt auf einem Pferd auszumachen.

Ich trat einen Schritt vor, und wenn in meinem Verhalten noch Wärme oder Belustigung gelegen hatten, so verschwanden sie nun fast wie von selbst. Stählerne Härte lag in meiner Stimme, als ich das Wort wieder ergriff.

„Du lässt das Mädchen los, Tom Cobleigh. Andernfalls übernimmst du die Verantwortung für das, was geschehen wird.“

Die drei Männer schauten einander an. In gewisser Weise hatten sie ja schon getan, was ich verlangte. Sie hatten das Mädchen losgelassen, und es ließ sich fast erleichtert in die Hocke nieder, stützte sich mit einer Hand auf dem Boden ab und schaute uns alle aus trüben Augen an, ohne zu begreifen, dass wir uns seinetwegen stritten.

Ich taxierte derweil die Cobleighs und wog die Chancen ab. Hatte ich schon einmal gegen drei Männer zugleich gekämpft? Eigentlich nein. Wenn man nämlich gegen drei auf einmal kämpfte, dann kämpfte man in Wirklichkeit nicht, sondern wurde zusammengeschlagen. Aber nun komm schon, Edward Kenway, sagte ich mir. Ja, einerseits waren es drei Mann, aber einer von ihnen war Tom Cobleigh, der kein junger Hüpfer mehr war, sondern ungefähr so alt wie mein Vater. Der andere war Seth Cobleigh, Tom Cobleighs Sohn. Und wenn man sich die Art von Mann vorstellen kann, der seinem Vater dabei hilft, ein junges Mädchen betrunken zu machen, nun, dann kann man sich ungefähr vorstellen, was Seth Cobleigh für ein Mann war – ein schmieriger, heimtückischer Kerl, der sich vor einem Kampf eher in die Hose machte und davonlief, anstatt sich zu behaupten. Und obendrein waren sie alle betrunken.

Andererseits war auch ich betrunken. Außerdem hatten sie Julian dabei, der zumindest den Eindruck machte, als könnte er seinen Mann stehen.

Aber ich hatte eine andere Idee. Da war dieser einsame Reiter, den ich in der Ferne sah. Wenn ich die Cobleighs so lange aufhalten konnte, bis er eintraf, dann standen meine Chancen wahrscheinlich wieder besser. Wenn der einsame Reiter ein anständiger Mensch war, würde er ja wohl anhalten und mir aushelfen.

„Nun, Tom Cobleigh“, sagte ich, „ihr seid mir gegenüber im Vorteil, das kann jeder sehen. Aber weißt du, ich könnte meiner Mutter nicht mehr in die Augen schauen, wenn ich zuließe, dass du und deine Kumpane dieses hübsche junge Ding verschleppen.“

Ich schaute die Straße hinauf, wo der Reiter sich näherte. Komm schon, dachte ich. Trödle nicht so herum!

„Das heißt“, fuhr ich fort, „selbst wenn ihr mich grün und blau schlagt und hier auf der Straße liegen lasst und dieses junge Mädchen am Ende trotzdem mit euch nehmt, muss ich doch alles daransetzen, euch dies so schwer wie möglich zu machen. Und vielleicht dafür sorgen, dass ihr mit einem blauen Auge und schmerzenden Eiern von dannen zieht.“

Tom Cobleigh spie aus. Dann sah er mich an, die Augen zu runzeligen Schlitzen verengt. „Wie du meinst. Also, was ist? Willst du einfach nur dastehen und den ganzen Tag drüber reden, oder willst du das, was du vorhast, auch tatsächlich versuchen? Das Rad der Zeit hält nämlich niemand an …“ Er grinste bösartig. „Ich hab noch eine Menge zu tun.“

„Aye, das stimmt, und je länger du es aufschiebst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das arme Mädchen wieder nüchtern wird.“

„Ehrlich, Kenway, ich hab all das Gerede langsam satt.“ Er wandte sich an Julian. „Wie wär’s, wenn wir dem kleinen Mistkerl eine Lektion erteilen? Ach, eines noch, bevor wir anfangen, Master Kenway. Du bist es nicht einmal wert, deiner Mutter die Schuhe zu putzen, verstanden?“

Diese Bemerkung traf mich hart, das will ich gar nicht leugnen. Dass es einem wie Tom Cobleigh, dessen Moral und Intelligenz der eines tollwütigen Hundes entsprachen, gelang, an meiner Seele zu rühren, als wäre mein Schuldgefühl eine offene Wunde, und dann auch noch seinen Daumen in diese Wunde zu stecken, das stärkte zumindest meine Entschlossenheit, sosehr es auch schmerzte.

Julian streckte die Brust heraus und kam knurrend heran. Zwei Schritte vor mir hob er seine Fäuste, senkte die rechte Schulter und setzte zu einem Schwinger an. Ich weiß nicht, mit wem Julian sich sonst vor Tavernen prügelte, aber es war auf jeden Fall jemand mit weniger Erfahrung, als ich sie besaß, das stand fest. Denn ich hatte schon zur Kenntnis genommen, dass er Rechtshänder war, und er hätte seine Absicht nicht einmal dann, wenn er es versucht hätte, deutlicher machen können.

Staub erhob sich um meine Füße, als ich dem Schlag mit Leichtigkeit auswich und meine rechte Faust kraftvoll nach oben stieß. Er schrie vor Schmerz auf, als ich ihn unterm Kinn erwischte. Und hätte ich es nur mit ihm zu tun gehabt, wäre der Kampf bereits gewonnen gewesen. Aber da griff mich Tom Cobleigh an. Ich sah ihn aus dem Augenwinkel, zu spät jedoch, um reagieren zu können, und dann fühlte ich mich auch schon benommen, weil seine Knöchel meine Schläfe getroffen hatten.

Ich wankte leicht, als ich ausholte, um zum Gegenangriff überzugehen, und meine Fäuste schwangen wilder, als es mir lieb war. Ich hoffte, einen Glückstreffer zu landen, denn ich musste wenigstens einen der Männer zu Boden schicken, um das zahlenmäßige Verhältnis auszugleichen. Aber ich konnte keinen meiner Hiebe landen, weil Tom Cobleigh sich zurückzog, und Julian hatte sich zudem erschreckend schnell von meinem Schlag erholt und ging nun abermals auf mich los.

Seine rechte Faust kam hoch, traf mein Kinn und wirbelte mich herum, sodass ich fast das Gleichgewicht verlor. Mein Hut flog davon, die Haare fielen mir in die Augen. Ich war orientierungslos. Und nun rate mal, wer in diesem Moment daherkam und mit seinen Stiefeln nach mir trat? Seth Cobleigh, dieser Wurm, feuerte zugleich seinen Vater und Julian an. Und der kleine Scheißkerl hatte Glück. Sein Tritt traf mich in den Bauch, und da ich schon aus dem Gleichgewicht geraten war, verlor ich den Stand und fiel hin.

Das Schlimmste, das einem im Kampf passieren kann, ist hinzufallen. Liegt man erst einmal, ist es aus. Zwischen den Beinen meiner Gegner hindurch sah ich den einsamen Reiter, der jetzt meine einzige Chance auf Rettung war, vielleicht sogar meine einzige Hoffnung, lebend aus dieser Sache herauszukommen. Aber als ich sah, wer da herankam, wurde mir bang ums Herz. Kein Mann auf einem Pferd, kein Händler, der absitzen und mir zu Hilfe eilen würde. Nein, der einsame Reiter war eine Frau. Sie saß zwar nicht im Damensitz auf dem Pferd, sondern rittlings, aber man sah trotzdem, dass sie eine Lady war. Sie trug ein Bonnet und ein Sommerkleid in heller Farbe, und mein letzter Gedanke, bevor die Stiefel der Cobleighs mir die Sicht verwehrten und die Tritte auf mich einhagelten, galt ihrer Schönheit.

Aber egal … Schönheit würde mich jetzt nicht retten.

„Hey!“, hörte ich da ihre Stimme. „Ihr drei. Hört auf damit, sofort!“

Sie drehten sich um, schauten zu ihr auf, nahmen ihre Hüte ab und stellten sich in einer Reihe auf, damit die Lady mich, der ich hustend am Boden lag, nicht sehen konnte.

„Was geht hier vor?“, wollte sie wissen. Der Klang ihrer Stimme verriet mir, dass sie jung war, und mochte sie auch nicht hochgeboren sein, so war sie doch ganz gewiss wohlerzogen – zu wohlerzogen, um ohne Begleitung zu reiten?

„Wir haben diesem jungen Mann hier nur ein paar Manieren beigebracht“, keuchte Tom Cobleigh außer Atem. Es war ein anstrengendes Unterfangen, mich halb totzutreten.

„Nun, dazu braucht es aber doch nicht drei von Euch, oder?“, erwiderte sie. Jetzt konnte ich sie sehen. Sie war noch schöner, als ich zuerst gedacht hatte, wie sie da auf dem Pferd saß und funkelnden Blicks auf die Cobleighs herabstarrte, die ihrerseits einen betretenen Eindruck machten.

Sie stieg ab. „Und mehr noch interessiert mich, was Ihr mit dieser jungen Dame hier vorhabt?“ Sie wies auf das Mädchen, das immer noch benommen und betrunken auf dem Boden hockte.

„Oh, Ma’am … verzeiht bitte, Ma’am, aber das ist eine junge Freundin von uns, die zu viel zu trinken hatte.“

Die Miene der Lady verdüsterte sich. „Das ist ganz bestimmt nicht Eure junge Freundin, sondern eine Dienstmagd. Und wenn ich sie nicht nach Hause schaffe, bevor meine Mutter merkt, dass sie abgängig ist, dann ist sie eine arbeitslose Dienstmagd.“

Sie schaute demonstrativ von einem zum anderen. „Ich kenne Männer wie Euch, und ich glaube, ich weiß ganz genau, was hier los war. Ihr werdet diesen jungen Mann jetzt in Ruhe lassen und Euch davonscheren, bevor ich beschließe, andere Maßnahmen zu ergreifen.“

Sich vielmals verbeugend kletterten die Cobleighs auf ihren Karren und waren bald darauf verschwunden. Die Frau ging unterdessen neben mir in die Knie, um das Wort an mich zu richten. Ihre Stimme hatte sich verändert. Sie sprach jetzt ganz sanft. Ich hörte Sorge in ihrem Ton. „Mein Name ist Caroline Scott. Meine Familie wohnt in der Hawkins Lane in Bristol. Ich bringe Euch dorthin und kümmere mich um Eure Wunden.“

„Das geht nicht, Gnädigste“, sagte ich, setzte mich auf und versuchte ein Grinsen. „Auf mich wartet Arbeit.“

Sie stand auf und runzelte die Stirn. „Ich verstehe. Aber habe ich die Situation richtig eingeschätzt?“

Ich hob meinen Hut auf und klopfte den Staub davon ab. Jetzt sah er noch abgerissener aus. „Allerdings, Gnädigste.“

„Dann schulde ich Euch meinen Dank, genau wie Rose, wenn sie wieder nüchtern ist. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, nicht immer die einfachste Magd, trotzdem möchte ich nicht, dass sie für ihr Ungestüm bestraft wird.“

Diese Frau war ein Engel, das entschied ich im selben Augenblick. Und als ich ihr aufs Pferd half, wobei sie Rose festhielt, die betrunken über dem Hals des Pferdes hing, kam mir plötzlich ein Gedanke.

„Darf ich Euch wiedersehen, Gnädigste? Um Euch in etwas präsentablerem Aufzug angemessen zu danken?“

Sie schenkte mir einen Blick des Bedauerns. „Ich fürchte, mein Vater wäre davon nicht erbaut“, sagte sie, und damit nahm sie die Zügel auf und ritt davon.

Am Abend saß ich unter dem Strohdach unseres Häuschens und schaute, während die Sonne unterging, über die Wiesen, die sich in sanften Wellen von unserer Farm aus in die Ferne erstreckten. Für gewöhnlich hätten meine Gedanken sich darum gedreht, meiner Zukunft zu entkommen.

An diesem Abend dachte ich jedoch an Caroline. An Caroline Scott aus der Hawkins Lane.

4

Zwei Tage später wurde ich von Schreien geweckt. Hastig streifte ich meine Hose über und hüpfte mit offenem Hemd zur Stube hinaus, noch dabei, meine Stiefel über die bloßen Füße zu ziehen. Ich kannte diesen Schrei. So schrie meine Mutter. Augenblicke später waren ihre Schreie zu einem Schluchzen verebbt und wurden vom Fluchen meines Vaters abgelöst. Das leise Fluchen eines Mannes, der recht behalten hatte.

Nach meiner Schlägerei vor dem Auld Shillelagh war ich in die Taverne zurückgegangen, um meine Kratzer und Schrammen zu versorgen. Um die Schmerzen zu betäuben, sozusagen. Und wie hätte sich das besser bewerkstelligen lassen als mit einem Ale oder auch zwei? Und so war ich, als ich schließlich heimkam, in etwas angeschlagenem Zustand. Und wenn ich „angeschlagen“ sage, dann meine ich „angeschlagen“ – wie ein Mann, der aussah, als wäre er im Krieg gewesen, was eigentlich ja auch den Tatsachen entsprach: Ich hatte blaue Flecken im Gesicht und am Hals, die Kleidung war verschmutzt und zerrissen. Ich meine aber auch „angeschlagen“ wie ein Mann, der viel zu viel getrunken hatte.

Eins von beidem machte meinen Vater wütend, und so stritten wir. Und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich in Gegenwart meiner Mutter einiger unflätiger Ausdrücke bediente. Das machte meinen Vater natürlich noch wütender, und ich bekam dafür seinen Handrücken zu spüren. Am meisten brachte ihn aber auf, dass die Prügelei, wie er es nannte – weil er nicht einsehen wollte, dass ich die Ehre einer Dame verteidigt hatte und dass er in meiner Situation dasselbe getan hätte –, mitten während der Arbeit stattgefunden hatte. Er sah natürlich sich und meine Mutter, erschöpft von all der Schufterei, und im Gegensatz dazu mich, der sich betrank, in Schlägereien geriet, dabei den guten Namen der Kenways in den Schmutz zog und in diesem speziellen Fall auch noch für zukünftigen Ärger sorgte.

„Die Cobleighs.“ Er hatte vor Verzweiflung die Hände in die Höhe geworfen. „Diese verfluchten Halunken“, hatte er gesagt. „Ausgerechnet die mussten es sein, ja? Die werden das nicht auf sich beruhen lassen. Das ist dir doch klar, oder?“

Und so war es dann auch, als ich an jenem Morgen auf den Hof hinausstürmte, wo mein Vater in seiner Arbeitskleidung meine Mutter tröstete, die leise schluchzend den Kopf an seiner Brust vergraben hatte und mit dem Rücken zu dem stand, was auf dem Boden lag.

Erschrocken blieb ich stehen, als ich sah, was sie vorgefunden hatten: Zwei abgeschlachtete Schafe lagen mit durchgeschnittenem Hals nebeneinander im vom Blut dunklen Staub. Man hatte sie so hingelegt, damit wir wussten, dass sie keinem Fuchs oder wilderndem Hund zum Opfer gefallen waren. Wir sollten wissen, dass sie aus einem bestimmten Grund getötet worden waren.

Als Warnung. Als Vergeltung.

„Die Cobleighs.“ Ich spie den Namen aus, spürte Wut wie brodelndes Wasser in mir hochkochen. Damit einher ging ein scharfes, stechendes Schuldgefühl. Wir wussten alle, die Ursache für diese Untat war das, was ich getan hatte.

Vater sah mich nicht an. Sein Gesicht zeigte Trauer und Sorge, wie es in diesem Augenblick zu erwarten war. Wie gesagt, er war ein sehr angesehener Mann, und er genoss die Vorzüge dieses Ansehens. Sein Verhältnis selbst zu seinen Konkurrenten war von Höflichkeit und Respekt geprägt. Er mochte die Cobleighs nicht. Natürlich mochte er sie nicht – wer mochte sie schon? Aber er hatte noch nie Schwierigkeiten gehabt, weder mit ihnen noch mit sonst jemandem. Es war das erste Mal und für uns völlig neu.

„Ich weiß, was du denkst, Edward“, sagte er. Ich merkte, dass er es nicht fertigbrachte, mich anzusehen. Er stand da, hielt meine Mutter fest, die Augen starr auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. „Aber das kannst du dir aus dem Kopf schlagen.“

„Was denke ich denn, Vater?“

„Du denkst, dass du es bist, der uns das eingebrockt hat. Du denkst daran, es mit den Cobleighs auszufechten.“

„Und? Was denkst du? Willst du es ihnen einfach durchgehen lassen?“ Ich zeigte auf die beiden blutigen Kadaver im Staub. Sinnlos getötetes Vieh. Sinnlos vergeudetes Leben. „Sie müssen dafür bezahlen.“

„Das geht nicht“, sagte er nur.

„Was meinst du damit?“

„Vor zwei Tagen wurde ich angesprochen, mich einer Organisation anzuschließen – eine Handelsorganisation, so hieß es.“

Als ich meinen Vater anschaute, fragte ich mich, ob ich in ihm eine ältere Version meiner selbst sah, und Gott möge mich für diesen Gedanken strafen, aber ich hoffte inständig, dass es nicht so war. Er war einst ein gut aussehender Mann gewesen, aber jetzt war sein Gesicht faltig und ausgezehrt. Der breite Rand seines Filzhuts beschattete seine Augen, die stets zu Boden blickten und müde wirkten.

„Ich sollte der Organisation beitreten“, fuhr er fort, „aber ich sagte Nein. Wie die meisten Händler in der Gegend haben die Cobleighs Ja gesagt. Sie genießen den Schutz der Handelsorganisation, Edward. Warum sonst würden sie es wagen, etwas derart Skrupelloses zu tun? Sie werden geschützt.“

Ich schloss die Augen. „Gibt es irgendetwas, das wir tun können?“

„Wir machen weiter wie bisher, Edward, und hoffen, dass es damit genug ist, dass die Cobleighs ihre Ehre als wiederhergestellt betrachten.“ Jetzt endlich richtete er seine müden alten Augen auf mich. Ich sah nichts darin. Weder Wut noch Vorwurf. Nur Niedergeschlagenheit. „Also kann ich mich darauf verlassen, dass du hier aufräumst, während ich mich um deine Mutter kümmere?“

„Ja, Vater“, antwortete ich.

Er und Mutter wandten sich zum Haus.

„Vater“, rief ich, als sie die Tür erreichten. „Warum hast du dich der Handelsorganisation nicht angeschlossen?“

„Das wirst du eines Tages herausfinden“, sagte er, ohne sich umzudrehen, „falls du jemals erwachsen wirst.“

5

In der Zwischenzeit kehrten meine Gedanken zu Caroline zurück. Als Erstes brachte ich in Erfahrung, wer sie war, und indem ich mich in der Hawkins Lane umhörte, fand ich heraus, dass ihr Vater, Emmett Scott, ein reicher Kaufmann war, der mit Tee handelte und den die meisten seiner Kunden zweifellos als neureich bezeichnet hätten. Nichtsdestotrotz schien er sich in die High Society eingefunden zu haben.

Ein Mann, der weniger eigensinnig und selbstbewusst als ich war, hätte sich gewiss für einen anderen Weg entschieden, um Carolines Herz zu erobern. Immerhin belieferte ihr Vater die wohlhabenden Haushalte im West Country mit erlesenen Teesorten. Er hatte Geld, genug, um Diener in seinem beträchtlich großen Haus in der Hawkins Lane zu beschäftigen. Er war kein Kleinbauer, der um fünf Uhr in der Früh aufstehen musste, um das Vieh zu füttern. Er war ein Mann von Bedeutung und Einfluss. Ich hätte versuchen sollen – obwohl ich wusste, dass es vergebens gewesen wäre –, seine Bekanntschaft zu machen. Aber vieles von dem, was in der weiteren Folge geschah – sehr vieles –, wäre vermeidbar gewesen, wenn ich es wenigstens versucht hätte.

Aber das tat ich nicht.

Du musst verstehen – ich war jung. Und es war kein Wunder, dass Männer wie Tom Cobleigh mich hassten, denn ich war hochmütig. Trotz meiner gesellschaftlichen Position meinte ich, es sei unter meiner Würde, mich einem Teehändler anzubiedern.

Wenn man eine Frau liebt – was ich tue, ich schäme mich nicht, dies zuzugeben –, findet man in ihr immer etwas Schönes, einerlei, ob sie nun das ist, was man gemeinhin als eine klassische Schönheit bezeichnet. Dessen war ich mir vollends bewusst. Bei Caroline allerdings hatte ich das Pech, mich in eine Frau zu verlieben, deren äußere Schönheit ihrer inneren vollkommen gleichkam, und natürlich musste ihre Zauberhaftigkeit auch die Aufmerksamkeit anderer erregen. Als Nächstes fand ich also heraus, dass sie Matthew Hague ins Auge gefallen war, dem Sohn von Sir Aubrey Hague, Bristols größtem Landbesitzer und außerdem einer der führenden Köpfe der Ostindien-Kompanie.

Meinen Informationen zufolge war der junge Matthew in unserem Alter und so aufgeblasen und arrogant, wie man es nur sein konnte. Er gab sich gern als gerissener Geschäftsmann, wie sein Vater einer war, obgleich es klar war, dass er in dieser Hinsicht nichts von den Fähigkeiten seines Vaters besaß. Darüber hinaus hielt er sich für eine Art Philosophen und diktierte seine Gedanken oft Schreibern, die ihn begleiteten, wo er auch hinging – Feder, Tinte und Papier stets bereit, um jederzeit und überall festzuhalten, was Hague in den Sinn kam, wie etwa „Ein Witz ist ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, das Gelächter, die Wellen, die er schlägt“.

Vielleicht waren seine Äußerungen ja tiefschürfend. Ich wusste nur, dass ich ihm nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Im Gegenteil. Ich wäre mit eingefallen in den allgemeinen Hohn und das Gelächter, die jede Erwähnung seines Namens zu begleiten schienen – wäre da nicht der Umstand gewesen, dass er Interesse an Caroline zeigte. Vielleicht hätte mir nicht einmal das große Sorge bereitet, hätte es nicht noch zwei weitere Faktoren gegeben. Zum einen nämlich, dass Carolines Vater Emmett Scott seine Tochter offenbar mit dem jungen Hague verlobt hatte, und zum anderen die Tatsache, dass der junge Hague, möglicherweise aufgrund seines herablassenden Gehabes, seiner Neigung, selbst in einfachsten geschäftlichen Dingen gravierende Fehler zu begehen, und seines Talents, Menschen aufzuziehen, einen Aufpasser hatte, einen Mann namens Wilson, der ein unkultivierter, aber sehr großer Rohling war, dem man nachsagte, ein harter Bursche zu sein.

„Das Leben ist keine Schlacht, denn Schlachten werden geführt, um sie zu gewinnen oder zu verlieren. Das Leben will erlebt werden“, hatte man Matthew Hague seinem mageren Schreiber diktieren hören.

Nun, Matthew Hague hatte herzlich wenige Schlachten zu führen. Erstens, weil er der Sohn von Sir Aubrey Hague war, und zweitens, weil er einen kräftigen Aufpasser hatte, der ihm überallhin folgte.

Wie auch immer, ich machte es mir zur Aufgabe, in Erfahrung zu bringen, wo Caroline sich eines sonnigen Nachmittags aufhalten würde. Wie? Nun, zu diesem Zweck musste ich, wie man so sagt, einen Gefallen einfordern. Du erinnerst dich an Rose, die Dienstmagd, der ich half, einem Schicksal zu entgehen, das schlimmer als der Tod gewesen wäre? Nun, daran erinnerte ich sie eines Tages, als ich ihr von der Hawkins Lane aus zum Markt folgte. Als sie dort, einen Korb in der Armbeuge, an den Ständen vorbeiging, wo die Händler ihre Waren lautstark anpriesen, stellte ich mich vor.

Natürlich erkannte sie mich nicht.

„Ich bin sicher, dass ich keine Ahnung habe, wer Ihr seid, Sir“, sagte sie, und ihr etwas erschrockener Blick huschte in alle Richtungen, als könnten ihre Arbeitgeber aus den Durchlässen zwischen den Buden hervorspringen.

„Nun, ich hingegen weiß genau, wer Ihr seid, Rose“, erklärte ich. „Denn ich war es, der vorige Woche Euretwegen vor dem Auld Shillelagh gehörig Prügel bezog. Mögt Ihr auch noch so betrunken gewesen sein, so hoffe ich doch, dass Ihr Euch an die Anwesenheit eines guten Samariters erinnert.“

Sie nickte zögerlich. Und ja, es geziemt sich vielleicht nicht für einen Gentleman, die unglücklichen Umstände einer jungen Dame auf solch gewinnsüchtige Weise zu benutzen, um sie zu … nun, ich würde es nicht erpressen nennen. Sagen wir lieber, um sie gesprächig zu machen. Ich war eben verliebt, und in Anbetracht der Tatsache, dass es um meine Schreibkunst nicht zum Allerbesten stand, hatte ich beschlossen, dass es für den Anfang am klügsten wäre, Caroline von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, um ihr Herz zu gewinnen.

Du weißt schon – mit Charme die Vögel vom Baum locken. Das klappte bei Händlern, und es hatte gelegentlich auch bei jungen Damen, die ich in den Tavernen traf, funktioniert. Warum also nicht auch bei jemandem aus gutem Hause?

Von Rose erfuhr ich, dass Caroline dienstagnachmittags gern an den Docks spazieren ging, um frische Luft zu schnappen. Aber, sagte sie mit einem raschen Blick nach links und rechts, ich solle mich vor Mr Hague in Acht nehmen. Vor ihm und vor seinem Diener Wilson. Mr Hague sei scharf auf Caroline, sagte Rose, und er halte seine schützende Hand über sie.

So unternahm ich also am nächsten Morgen eine Fahrt in die Stadt, verkaufte meine Waren so schnell wie möglich und machte mich dann auf den Weg hinunter in den Hafen. Dort roch die Luft nach Meersalz, Dung und kochendem Pech und war erfüllt vom Geschrei der Möwen und den Rufen jener, deren Arbeitsplatz die Docks waren: Die Mannschaften verständigten sich lautstark miteinander, während sie Schiffe, deren Masten in der sanften Brise schaukelten, be- und entluden.

Ich verstand sehr wohl, warum es Caroline hier gefiel. Das ganze Leben spielte sich im Hafen ab. Von Männern mit Körben voller frisch gepflückter Äpfel oder Fasane, die sie an Schnüren um den Hals trugen, bis hin zu den Händlern, die ihre Körbe nur auf dem Kai abstellten und nach den Deckarbeitern riefen, sowie den Frauen, die Stoff und Zunder verkauften oder zwischen den Beinen der Seeleute umherrannten und den Händlern auswichen, fast so anonym wie die Hunde, die um die Hafenmauern strichen und an den Haufen aus Abfällen und verwesendem Essen schnüffelten, die tags zuvor dort zusammengekehrt worden waren.

Und unter ihnen befand sich auch Caroline, eine Schleife am Bonnet und einen Sonnenschirm über der Schulter, während Rose respektvoll ein paar Schritte hinter ihr ging. Sie war von Kopf bis Fuß eine Dame. Dennoch fiel mir auf – ich wahrte zunächst einmal Abstand, um den richtigen Augenblick abzupassen –, dass sie nicht von oben herab auf das Treiben ringsum schaute, wie sie es leicht hätte tun können. Der Reiz, den dieser Ort auf sie ausübte, entsprang nicht etwa bloßer Schaulust. Ihrem Verhalten konnte ich entnehmen, dass sie es, genau wie ich, einfach genoss, das Leben in all seinen Formen zu beobachten. Ich fragte mich, ob auch sie, genau wie ich, je aufs Meer hinausschaute, das so herrlich glitzerte, auf dem die Schiffsmasten sich sanft wiegten und über das Möwen zum Anfang der Welt flogen, und dabei überlegte, welche Geschichten die Horizonte wohl zu erzählen hatten.

Ich bin ein romantischer Mensch, das stimmt, aber ein romantischer Narr bin ich nicht, und es hatte Augenblicke gegeben seit jenem Tag vor der Taverne, in denen ich mich gefragt hatte, ob ich mir meine wachsende Zuneigung für Caroline nicht nur, teilweise zumindest, einbildete. Schließlich hatte sie mich gerettet. Aber nun, da ich durch den Hafen spazierte, verliebte ich mich von Neuem in sie.

Ob ich Caroline in meiner Schafzüchterkleidung ansprechen wollte? Natürlich nicht. So hatte ich mich vorsorglich umgezogen. Statt meiner schmutzigen Stiefel trug ich nun Schuhe mit silbernen Schnallen, dazu saubere weiße Strümpfe und eine dunkle Kniebundhose, ein frisch gereinigtes Wams über dem Hemd und einen dazu passenden Dreispitzhut anstelle meines altehrwürdigen braunen. Ich sah ganz aus wie ein Gentleman, wenn ich das so sagen darf: Ich war jung, gut aussehend und voller Selbstvertrauen, der Sohn eines angesehenen Händlers aus der Gegend. Ein Kenway. Der Name hatte jedenfalls etwas (trotz meiner Versuche, ihm zu schaden), und ich hatte außerdem einen jungen Schlingel namens Albert bei mir, den ich bestochen hatte, etwas für mich zu erledigen. Man braucht nicht viel Grips, um darauf zu kommen, worum es ging: Er sollte mir helfen, die schöne Caroline zu beeindrucken. Ich wurde mir mit einem Blumenmädchen handelseinig, und schon hatte ich die Mittel, ebendies zu tun.

„Du kennst also den Plan“, sagte ich zu Albert, der unter seiner Hutkrempe hervor aus Augen zu mir aufsah, die so viel älter wirkten, als er es an Jahren war, und mit einer gelangweilten Miene, die deutlich machte, dass er das alles schon gehört hatte.

„Gut, mein Kamerad, du übergibst diesen Blumenstrauß der schönen Dame dort drüben. Daraufhin wird sie stehen bleiben und sagen: ‚Ach, mein junger Freund, aus welchem Grund schenkt Ihr mir die Blumen?‘ Und dann zeigst du dorthin.“ Ich wies auf die Stelle, wo ich stehen würde, stolz wie ein Pfau. Caroline würde mich entweder wiedererkennen oder ihrem geheimnisvollen Wohltäter wenigstens danken wollen. Dazu würde sie Albert auftragen, mich zu ihr zu bitten.

„Und was springt für mich dabei raus?“, fragte Albert.

„Was für dich dabei herausspringt? Wie wär’s damit, dich glücklich zu schätzen, dass ich dir keine Ohrfeige gebe?“

Er verzog die Lippen. „Wie wär’s, wenn Ihr mit Anlauf von der Hafenmauer springt?“

„Na gut“, gab ich nach. Ich wusste, wann ich geschlagen war. „Du bekommst einen halben Penny.“

„Einen halben Penny? Ist das Euer bestes Angebot?“

„Ja, mein Lieber, das ist verdammt noch mal mein bestes Angebot, und es hat sich auch noch nie jemand leichter einen halben Penny verdient, als damit, den Hafen zu durchqueren und einer schönen Frau einen Blumenstrauß zu schenken.“

„Hat sie einen Verehrer bei sich?“ Albert verrenkte sich den Hals, um nachzuschauen.

Und natürlich sollte sich bald herausstellen, warum Albert wissen wollte, ob Caroline einen Begleiter hatte. In diesem Moment sah ich in seinem Interesse jedoch nichts weiter als Neugier. Geplauder. Müßige Konversation. Deshalb sagte ich, nein, sie habe keinen Verehrer, und dann gab ich ihm den Blumenstrauß und seinen halben Penny und schickte ihn los.

Erst als ich sah, wie er etwas betrachtete, das er in der anderen Hand hielt, erkannte ich, welchen Fehler ich begangen hatte.

Es war eine winzige Klinge. Und seine Augen fixierten ihren Arm, über dem an einem Riemen ihre Handtasche hing.

Oh Gott! Ein Taschendieb. Der junge Albert war ein Taschendieb.

„Du kleiner Mistkerl“, knurrte ich und setzte ihm augenblicklich nach.

Inzwischen hatte er die halbe Strecke zurückgelegt, aber weil er klein war, konnte er schneller durch die Menge schlüpfen. Ich sah Caroline, die nichts von der nahenden Gefahr ahnte – jener Gefahr, in die ich sie unbeabsichtigt gebracht hatte.

Dann entdeckte ich drei Männer, die sich ebenfalls auf Caroline zubewegten. Drei Männer, die ich erkannte: Matthew Hague, sein magerer Schreiber und sein Aufpasser Wilson. Innerlich krümmte ich mich. Und das tat ich umso mehr, als ich sah, wie Wilsons Blick von Caroline zu Albert und wieder zurückglitt. Er war gut, das sah man. Binnen eines Herzschlags hatte er realisiert, was sich da anbahnte.

Ich blieb stehen. Eine Sekunde lang war ich völlig perplex, wusste nicht, was ich als Nächstes tun sollte.

„Oi“, rief Wilson. Der raue Laut durchschnitt das endlose Gequäke, Geschnatter und Geschrei, das den ganzen Tag lang im Hafen herrschte.

„Oi, du da!“ Und damit stürmte er los. Aber Albert hatte Caroline schon erreicht. Mit einer fast unmöglich schnellen und fließenden Bewegung durchtrennte er den Riemen von Carolines Handtasche, und schon fiel die seidene Tasche genau in Alberts andere Hand.

Den Diebstahl bemerkte Caroline nicht, aber die riesenhafte Gestalt Wilsons, die auf sie zujagte, war nicht zu übersehen, und so schrie sie vor Überraschung auf, als er auch schon an ihr vorbeisprang und Albert an den Schultern packte.

„Dieser junge Tunichtgut hat etwas, das Euch gehört, Miss“, dröhnte Wilson und schüttelte Albert so kräftig durch, dass die Seidentasche zu Boden fiel.

Caroline sah erst die Tasche und dann Albert an.

„Ist das wahr?“, fragte sie, obwohl sie den Beweis vor Augen hatte, der zu ihren Füßen in einem Häufchen Pferdemist lag.

„Hebt sie auf, hebt sie auf“, sagte Hague zu seinem dürren Begleiter. Er war gerade hinzugekommen und fing schon an, sich so aufzuführen, als wäre er es gewesen, der den Jungen mit dem Messer gefasst hatte, und nicht etwa sein sechseinhalb Fuß großer Aufpasser.

„Erteilt dem jungen Strolch eine Lektion, Wilson!“ Hague wedelte mit der Hand, als wollte er einen besonders üblen Furz vertreiben.

„Mit Vergnügen, Sir.“

Es lagen immer noch mehrere Fuß zwischen mir und ihnen. Albert wurde zwar festgehalten, aber sein Blick, eben noch voller Entsetzen auf Wilson gerichtet, wanderte jetzt zu der Stelle, wo ich in der Menge stand, und als unsere Augen sich trafen, starrte er mich flehend an.

Ich knirschte mit den Zähnen. Dieser kleine Mistkerl! Er war im Begriff gewesen, all meine Pläne zunichtezumachen, und jetzt ersuchte er mich um Hilfe. So eine Frechheit!

Aber da hieb ihm Wilson, der ihn immer noch mit einer Hand am Kragen gepackt hielt, die Faust in den Bauch, und das war’s für mich. In mir entzündete sich die gleiche Wut über eine begangene Ungerechtigkeit wie in der Taverne, und noch in derselben Sekunde drängte ich mich durch die Menge, um Albert beizustehen.

„Hey!“, rief ich. Wilson fuhr in meine Richtung herum, und obgleich er größer war als ich – und viel hässlicher noch dazu –, war ich doch gerade Zeuge geworden, wie er ein Kind geschlagen hatte, und mein Blut war in Wallung. Es war keine besonders vornehme Art, einen Kampf zu führen, aber ich wusste aus Erfahrung – als einer, der sowohl ausgeteilt als auch eingesteckt hatte –, dass es keinen Weg gab, einen Gegner schneller und sauberer zu Boden zu schicken, also tat ich es. Ich stieß mit dem Knie zu. Ich stieß ihm das Knie in die Weichteile, um genau zu sein. So schnell und so fest, dass Wilson sich binnen einer Sekunde von einem knurrenden Riesen, der bereit war, meinem Angriff zu begegnen, in ein winselndes Häuflein Elend verwandelte, das die Hände in den Schritt gepresst auf dem Boden landete.

Ohne auf Matthew Hagues erbostes Gezeter zu achten, packte ich Albert. „Entschuldige dich bei der Dame!“, befahl ich ihm und hielt ihm den Finger drohend vors Gesicht.

„Tut mir leid, Miss“, sagte Albert gehorsam.

„Und jetzt hau ab“, sagte ich und zeigte ins Hafengewühl. Das brauchte ich ihm nicht zweimal zu sagen. Im Nu war er verschwunden, was noch lautere Proteste Matthew Hagues zur Folge hatte. Aber ich dankte Gott, dass Albert fort war und mich nicht mehr verpfeifen konnte.

Ich hatte Albert vor einer üblen Tracht Prügel gerettet, aber mein Sieg war kurzlebig, und mir blieb keine Gelegenheit, ihn zu genießen. Wilson war schon wieder auf den Beinen, und obwohl ihm seine Kronjuwelen höllisch wehtun mussten, verspürte er in diesem Moment nichts außer Wut. Und er war schnell. Bevor ich Zeit fand zu reagieren, hatte er mich gepackt und hielt mich fest. Ich versuchte, mich zu befreien, senkte eine Schulter und trieb ihm meine Faust ins Sonnengeflecht, aber mir fehlte der Schwung, und er setzte seinen Körper ein, um mich zu blocken. Sowohl vor Genugtuung als auch vor Anstrengung grunzend schleifte er mich durch den Hafen. Die Menschen wichen vor ihm zurück. In einem fairen Kampf hätte ich eine Chance gehabt, aber er nutzte seine Kraft und seine von Zorn getriebene Schnelligkeit zu seinem Vorteil, und im nächsten Augenblick strampelten meine Füße im Leeren, als er mich kurzerhand vom Kai schleuderte.

Nun, ich hatte ja schon immer von der hohen See geträumt, und unter dem Gelächter ringsum, das mir in den Ohren widerhallte, schwamm ich zur nächsten Strickleiter und kletterte sie hinauf. Caroline, Rose, Hague und seine beiden Begleiter waren bereits gegangen. Ich sah eine Hand, die sich mir entgegenstreckte.

„Hier, Kamerad, lass mich dir helfen“, sagte eine Stimme. Ich schaute dankbar auf und wollte die Hand meines Samariters schon ergreifen, als ich das grinsende Gesicht Tom Cobleighs sah, der auf mich herabblickte.

„Tja, was man nicht alles zu sehen kriegt, wenn man mit seiner Muskete unterwegs ist“, sagte er, und ich konnte nichts tun, um zu verhindern, dass er mir seine Faust ins Gesicht hieb und mich von der Leiter und wieder ins Wasser stürzen ließ.

6

Tom Cobleigh war verschwunden, aber Wilson musste kehrtgemacht haben. Wahrscheinlich hatte er sich davon überzeugt, dass Hague und Caroline in Sicherheit waren. Dann war er eilends in den Hafen zurückgekommen, wo er mich auf einer Treppe sitzen und meine Wunden lecken sah. Er trat vor mich, und ich schaute zu ihm auf. Mir wurde mulmig.

„Wenn Ihr zurückgekommen seid, um es noch mal zu versuchen“, sagte ich, „dann werde ich es Euch diesmal nicht ganz so einfach machen.“

„Daran zweifle ich nicht“, erwiderte er, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. „Aber ich bin nicht hier, um Euch erneut ins Meer zu werfen, Kenway.“

Daraufhin maß ich ihn mit scharfem Blick.

„Ganz recht, Junge, ich habe meine Spione. Und meine Spione haben mir berichtet, dass ein junger Herr namens Edward Kenway Fragen über Caroline Scott gestellt hat. Derselbe junge Herr namens Edward Kenway war vorige Woche vor dem Auld Shillelagh an der Straße nach Hatherton in eine Schlägerei verwickelt. Am selben Tag war auch Miss Scott auf der Straße nach Hatherton unterwegs, weil ihre Dienstmagd abgängig war, und Ihr hattet nach Eurer Auseinandersetzung Gelegenheit, mit Miss Scott zu sprechen.“

Er kam mir so nahe, dass ich den schalen Kaffeegeruch in seinem Atem wahrnehmen konnte. Das war ein Beweis, wenn es überhaupt eines Beweises bedurfte, dass er nicht im Mindesten eingeschüchtert war – weder von mir noch von meinem furchterregenden Ruf.

„Liege ich damit bisher richtig, Master Kenway?“

„Könnte sein.“

Er nickte. „Das dachte ich mir. Wie alt seid Ihr, Junge? Siebzehn? Etwa im selben Alter wie Miss Scott. Ich glaube, dass Ihr ein Faible für sie habt. Richtig?“

„Könnte sein.“

„Ja, das glaube ich. Nun, ich werde es Euch nur einmal sagen, ein einziges Mal. Miss Scott ist Mister Hague versprochen. Diese Verbindung hat den Segen der Eltern …“ Er zerrte mich auf die Füße und presste mir die Arme seitlich an den Körper. Ich war zu nass, zu verdreckt und zu erschöpft, um Widerstand zu leisten, und wusste ohnehin, was auf mich zukam.

„Also, wenn ich Euch noch einmal in ihrer Nähe oder bei weiteren dummen Versuchen erwische, ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, dann wartet mehr als nur ein Bad im Meer auf Euch. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Ich nickte. „Und was ist mit dem Knie, das Ihr mir gleich in die Eier stoßen werdet?“

Er lächelte grimmig. „Ach das? Das ist rein persönlich.“

Er hielt Wort, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich wieder aufstehen und zu meinem Karren zurückkehren konnte. Es war nicht nur mein Gemächt, das verletzt war – auch mein Stolz hatte Schaden genommen.

7

In dieser Nacht lag ich im Bett und verfluchte mein Pech. Ich hatte meine Chancen bei Caroline vertan. Sie war für mich verloren. Und das alles nur wegen dieses gierigen Bengels Albert, ganz zu schweigen von Hague und seiner Begleitung. Einmal mehr hatte ich durch die Hand von Tom Cobleigh Leid erfahren. Vater hatte mich fragend angesehen, als ich nach Hause gekommen war – ein bisschen später als sonst und, obwohl ich Kleidung zum Wechseln dabeigehabt hatte, obendrein auch noch schmutziger.

„Du hast dich doch nicht wieder in den Tavernen herumgetrieben?“, fragte er düster. „Wenn mir zu Ohren kommt, dass du unseren guten Namen erneut in den Dreck gezogen hast, werde ich, so wahr mir Gott helfe …“

„Nein, Vater, es war nichts dergleichen.“

Er irrte sich. Ich war auf dem Nachhauseweg nicht in der Taverne eingekehrt. Ich hatte mir eingeredet, die Begegnung mit Caroline habe eine Wirkung auf mich gehabt. Eine buchstäblich ernüchternde Wirkung.

Jetzt war ich mir dessen allerdings nicht mehr so sicher. Ich fing an, mich zu fragen, ob meine Zukunft vielleicht dort lag, im Bierschaum, in der Gegenwart schmutzig grinsender leichter Frauen, die kaum Zähne und noch weniger moralische Bedenken hatten. Und wenn ich den dreißigsten Sommer Wolle nach Bristol karrte und dort auf dem Markt verkaufte, würde ich mich vielleicht damit abgefunden und meine Hoffnung, eines Tages die Welt zu sehen, vergessen haben.

Doch dann geschahen zwei Dinge, die alles änderten. Zuerst kam da dieser Herr, der eines sonnigen Nachmittags im George & Dragon neben mir am Tresen Platz nahm. Ein schneidig gekleideter Gentleman mit auffälligen Manschetten und buntem Binder, der seinen Hut abnahm, ihn auf die Theke legte und auf mein Bier zeigte.

„Darf ich Euch noch eines bestellen, Sir?“, fragte er mich.

Das klang schon anders als „Sohn“, „Bursche“ oder „Junge“. All diese Bezeichnungen musste ich mir täglich, wenn nicht sogar stündlich anhören.

„Wem habe ich dafür zu danken? Und was verlangt er im Gegenzug von mir?“, entgegnete ich argwöhnisch.

„Vielleicht nur eine Gelegenheit zum Reden, mein Freund.“ Der Mann strahlte mich an und reichte mir die Hand. „Mein Name ist Dylan Wallace. Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Mister … Kenway, nicht wahr?“

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage sah ich mich jemandem gegenüber, der meinen Namen kannte, obgleich ich keine Ahnung hatte woher.