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Assessments im ergotherapeutischen Prozess Um den ergotherapeutischen Prozess klienten- und betätigungszentriert zu gestalten, benötigen Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten aussagekräftige Assessments, mit deren Hilfe sie zum Beispiel Informationen über Betätigungsprofil, -anliegen und -performance ihrer Klientinnen und Klienten ermitteln können. Die Phase der (Re-)Evaluation erfordert, Assessments gezielt auszuwählen und zu implementieren. Ebenso gilt es, gewonnene Daten korrekt zu interpretieren und für den weiteren Behandlungsverlauf zu nutzen. Wie aber lassen sich geeignete Assessments auswählen? Welche Informationen liefern diese tatsächlich für den ergotherapeutischen Prozess? Die Herausgeberinnen und Autor_innen beleuchten mit ihrer Expertise wichtige Hintergründe und Trends rund um Assessments, beschreiben mögliche Vorgehensweisen in einzelnen Fachbereichen und ergänzen Tipps und Empfehlungen zur Auswahl und Implementierung. Mit diesem Fachbuch regen die Herausgeberinnen und Autor_innen an, das Vorgehen in der (Re-)Evaluation zu reflektieren, vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse weiterzuentwickeln sowie den Diskurs in der Ergotherapie aktiv mitzugestalten. Eine Übersicht über relevante Erhebungsinstrumente - um aktuelle Informationen ergänzt - rundet das Buch ab. Sie kann nach erfolgter Registrierung von der Hogrefe Website heruntergeladen werden.
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Seitenzahl: 779
Veröffentlichungsjahr: 2022
Helen Strebel
Claudia Merklein de Freitas
Florence Kranz
(Hrsg.)
Assessments in der Ergotherapie
Die Re-(Evaluation) klienten- und betätigungszentriert gestalten
Unter Mitarbeit von
Jutta Berding
Tabea Böttger
Johanna Höynck
Nicole Kaldewei
Elke Kraus
Lydia Krumbein
Rebecca Lang
Brigitte Loder-Fink
Myrthe Mali
Monika Mayer
Christina Moises
Erna Schönthaler
Christina Schulze
David Wild
Cornelie Zillhardt
Assessments in der Ergotherapie
Helen Strebel, Claudia Merklein de Freitas, Florence Kranz (Hrsg.)
Programmbereich Gesundheitsberufe
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Gesundheitsberufe
Sophie Karoline Brandt, Bern; Jutta Berding, Osnabrück; Heidi Höppner, Berlin; Heike Kubat, Feldbach; Christiane Mentrup, Zürich; Sascha Sommer, Bochum; Birgit Stubner, Regensburg; Ursula Walkenhorst, Osnabrück; Claudia Winkelmann, Berlin
Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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Hogrefe AG
Lektorat Gesundheitsberufe
z. Hd. Barbara Müller
Länggass-Strasse 76
3012 Bern
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Tel. +41 31 300 45 00
www.hogrefe.ch
Lektorat: Barbara Müller
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: fizkes, Getty Images
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Format: EPUB
1. Auflage 2022
© 2022 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96084-5)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76084-1)
ISBN 978-3-456-86084-8
https://doi.org/10.1024/86084-000
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Vorwort
Einleitung oder: Welche Intention steckt hinter diesem Buch?
1 Vielfalt erkennen, Möglichkeiten nutzen
1.1 Die Bandbreite von AssessmentsHelen Strebel
1.1.1 Wesentliche Begrifflichkeiten verstehen
1.1.2 Unterschiedliche Assessmentformen
1.1.3 Phasen des Erhebungsprozesses
1.2 Assessments im ergotherapeutischen ProzessClaudia Merklein de Freitas & Cornelie Zillhardt
1.2.1 Evaluation als Herausforderung für die ergotherapeutische Profession
1.2.2 Befunderhebung gestern, heute und zukünftig
1.2.3 Vorbereitung des Evaluations-Prozesses
1.2.4 Good Practice Beispiele
1.2.5 Der Evaluations-Prozess im Rahmen der Modelle
1.2.6 Gemeinsamkeiten in Evaluation und Outcome
2 Wichtige Aspekte und Trends rund um Assessments verstehen
2.1 Hintergründe von AssessmentsErna Schönthaler
2.1.1 Assessments auswählen, erlernen und durchführen
2.1.2 Assessments und evidenzbasierte Praxis
2.1.3 Begriffsklärung: standardisiert, normiert und kriterienreferenziert
2.1.4 Wissenswertes rund um Gütekriterien
2.1.5 Formen der Reliabilität
2.1.6 Formen der Validität
2.1.7 Responsivität/Änderungssensitivität
2.1.8 Verschiedene Werte normierter Assessments
2.2 Assessments im kulturellen KontextBrigitte Loder-Fink
2.2.1 Hintergründe zur Kultur und Diversität
2.2.2 Kulturelle Einflüsse bei der Anwendung von Assessments
2.2.3 Übertragbarkeit und interkulturelle Anpassung von Assessments
2.2.4 Entwicklungspotenzial und Fazit
2.3 Digitalisierte AssessmentsElke Kraus
2.3.1 Digitalisierung im Gesundheitswesen
2.3.2 m-Health Anwendungen: Apps
2.3.3 Digitalisierung zur Unterstützung der Befunderhebung und ergotherapeutischen Diagnostik
2.4 Gesprächsführung in qualitativen AssessmentsNicole Kaldewei & Christina Moises
2.4.1 Unterstützung klienten- und betätigungszentrierter (Re-)Evaluation
2.4.2 Gesprächsführungstechniken
3 Assessments in verschiedenen Arbeitsfeldern anwenden
3.1 Evaluation aus der Perspektive der pädiatrischen ErgotherapieChristina Schulze & Myrthe Mali
3.1.1 Funktionsorientierung oder Betätigungszentrierung?
3.1.2 Teilhabe im Fokus: Assessments zur Partizipation
3.1.3 Betätigung im Fokus: Betätigungszentrierte Evaluation
3.1.4 Betätigungsbereiche im Fokus: ADL, Schule, Spiel
3.2 Assessmenteinsatz in der Kinder- und JugendpsychiatrieDavid Wild
3.2.1 Herausforderungen der (Re-)Evaluation
3.2.2 Diagnosebestätigende Befunderhebung
3.2.3 Behandlungsgerichtete Diagnostik im ergotherapeutischen Evaluations-Prozess
3.3 Den Einsatz von Assessments in der psychiatrischen Ergotherapie klientenzentriert gestaltenNicole Kaldewei & Christina Moises
3.3.1 Potenziale, Grenzen und Herausforderungen
3.3.2 Kommunikation und Gesprächsführung
3.3.3 Die hoffnungslose Frau Kara
3.3.4 Der misstrauische Herr Lau
3.3.5 Die impulsive Frau Art
3.4 Betätigungszentrierte Assessments in der ArbeitsrehabilitationRebecca Lang
3.4.1 Verortung ergotherapeutischer Assessments
3.4.2 Entscheidungsfindung im Assessment-Dschungel
3.4.3 Anwendung des Model of Human Occupation Screening Tool (MOHOST)
3.4.4 Anwendung des Assessment of Work Performance (AWP)
3.4.5 Anwendung des HiPro-Assessment
3.4.6 Anwendung des Mini-ICF-APP
3.4.7 Fazit
3.5 Assessments im neurologischen Kontext Tabea Böttger & Johanna Höynck
3.5.1 Besondere Herausforderungen
3.5.2 Einsatz von Assessments im Evaluations-Prozess
3.5.3 Schritt für Schritt durch den Evaluations-Prozess
3.6 Assessments in der orthopädischen ErgotherapieLydia Krumbein
3.6.1 Besonderheiten der (Re-)Evaluation
3.6.2 Assessmentprozess im Fachbereich Orthopädie
3.6.3 Assessmentprozess im Fachbereich Rheumatologie
3.7 Assessments mit Fokus auf Gesundheitsförderung
3.7.1 Messung von Lebensqualität in der ErgotherapieFlorence Kranz und Monika Mayer
3.7.2 Betätigungsbalance im Fokus ergotherapeutischer EvaluationJutta Berding
4 Assessments einführen und überblicken
4.1 Assessmentprozess: Implementierung von Assessments in die praktische ArbeitDavid Wild
4.1.1 Schritt 1: Warum soll gemessen werden?
4.1.2 Schritt 2: Was soll gemessen werden?
4.1.3 Schritt 3: Womit soll gemessen werden?
4.1.4 Schritt 4:Wo sucht man ein Assessment?
4.1.5 Schritt 5: Klinimetrische Qualität des Assessments
4.1.6 Schritt 6: Praktische Handhabbarkeit des Assessments
4.1.7 Schritt 7: Wie wählt man ein Assessment aus?
4.1.8 Schritt 8: Ausführung und Interpretation
4.1.9 Schritt 9: Wie nutzt man die Ergebnisse?
4.1.10 Schritt 10: Implementierung in die alltägliche Praxis
4.2 Checkliste zur Anwendung von Assessments in der Praxis
4.3 Die digitalen Assessmentlisten – eine kurze Einführung zum Gebrauch
Glossar
Abkürzungsverzeichnis Assessments
Herausgeberinnen
Mitautor*innen
Hinweise zur Medienbibliothek
Sachwortverzeichnis
Als Ergotherapeut*innen sind wir alle bestrebt, unseren Klient*innen die bestmöglichen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Damit möchten wir sie in die Lage versetzen, sich auf die Betätigungen einzulassen, die sie ausüben möchten, müssen oder die von ihnen erwartet werden; die Betätigungen, die ihrem Leben Sinn und Zweck schenken. Dies können wir nur bewirken, wenn wir mit einem guten, soliden Verständnis der Bedürfnisse und der Potenziale unserer Klient*innen beginnen, was wir mit dem Einsatz von Assessments erreichen! Das Wichtigste, was wir als Ergotherapeut*innen machen können, ist eine gründliche Evaluation: sie ist das erste und letzte, was wir mit unseren Klient*innen tun sollten. Die so gewonnenen Informationen helfen uns dabei, eine zugeschnittene Intervention zu entwickeln und unseren Kient*innen optimal zu dienen: eine Intervention, die ihren Bedürfnissen entspricht und mit deren Hilfe sich ihre Ziele erreichen lassen. Während meiner gesamten Laufbahn war dies das Mantra für meine eigene Arbeit. Es hat mir sowohl bei meiner klinischen als auch bei meiner wissenschaftlichen Arbeit sehr geholfen – es war der Anstoß für die Entwicklung des Canadian Occupational Performance Measure (COPM), des Canadian Practice Process Framework (CPPF) und des Cognitive Orientation to daily Occupational Performance (CO-OP) Approach.
Dieses neue Buch von Helen Strebel, Claudia Merklein de Freitas und Florence Kranz soll Ergotherapeut*innen in die Lage versetzen, dieses „Mantra“ einer zeitgemäßen (Re-) Evaluation lebendig werden zu lassen. Das Buch „Assessments in der Ergotherapie“ bietet der/dem Leser*in eine Fülle von Informationen über den Einsatz und den Nutzen von Assessments. Gestützt auf das Fachwissen ihrer vielen ausgezeichneten Co-Autor*innen haben Helen, Claudia und Florence ein hervorragendes Handbuch zu diesem Thema konzipiert. Gemeinsam mit ihren Co-Autor*innen bieten sie eine sachkundige, intelligente Diskussion, die viele wichtige Aspekte rund um das Thema Assessments anspricht. So werden unter anderem die Grundlagen einer guten Messung, die psychometrischen Kriterien, die Relevanz von Assessments in der Ergotherapie und ihrer Anwendung auf bestimmte Klient*innengruppen, angesprochen.
Wesentlich dabei ist, dass Helen, Claudia und Florence in ihrem Buch einen Zugang zu Assessments wählen, der den Eckpfeilern der modernen Ergotherapie entspricht: Klienten- und Betätigungszentrierung. Dies sind die Schlüsselkomponenten einer optimalen Therapie. Sie dienen dazu, unsere Herangehensweise an unsere Klient*innen bzw. den Schwerpunkt unserer Arbeit zu definieren. Zusammen dienen diese Prinzipien dazu, eine ergotherapeutische Praxis zu schaffen, die es unseren Klient*innen wirklich gestattet, sich in den für sie sinnvollen und zweckmäßigen Betätigungen in der realen Welt zu erleben. Und die es uns ermöglicht, unsere Klien*innen bei der Ausführung von Betätigungen ihres täglichen Lebens zu unterstützen! Idealerweise sollten diese Prinzipien allen unseren Asssessments und Interventionen zugrunde liegen. Leider tun sie das nicht! Es gibt viele, in der Ergotherapie ge|10|nutzte Assessments und Interventionen, die weder klienten- noch betätigungszentriert sind, einige sind das eine, aber nicht das andere, wenige sind beides. Dieses Buch konzentriert sich auf eine klienten- und betätigungszentrierte (Re-)Evaluation. Damit bietet es Ergotherapeut*innen einen ausgezeichneten Leitfaden, um geeignete Assessments auszuwählen und eine klienten- und betätigungszentrierte Praxis zu etablieren. Was für ein großartiger Einstieg! Denn Veränderungen in der Therapie lassen sich nur erreichen und belegen, wenn gute, valide Messinstrumente genutzt werden!
Ich gratuliere Helen, Claudia, Florence und ihren Co-Autor*innen zur Veröffentlichung dieses wichtigen Werks. Es ist eine wertvolle Bereicherung der ergotherapeutischen Literatur und sollte in der Werkzeugkiste einer/s jeden Therapeut*in sein! Ich weiß, dass sowohl die deutschsprachige Ergotherapie-Welt, aber vor allem die Klient*innen, von dieser Publikation profitieren werden.
Mit freundlichen Grüßen,
Helene Polatajko
H. J. Polatajko, PhD, OT Reg. (Ont.), OT(C), FCAOT, FCAHS Occupationologist
Professor Emeritus, Department of Occupational Science and Occupational Therapy, Rehabilitation Sciences Institute, University of Toronto Neuroscience Program Co-President | ICAN (formerly CO-OP Academy) | #icancoop | www.icancoop.org
Natürlich lässt sich ergotherapeutisches Arbeiten nicht auf die Anwendung verschiedener Assessments reduzieren! Wie wir wissen, sind viele Komponenten von Bedeutung, um den ergotherapeutischen Behandlungsprozess bestmöglich zu gestalten. Warum also sollte ein ganzes Buch zum Thema Assessments für die Profession von Interesse und Bedeutung sein? Im Prinzip beantwortet uns Helene Polatajko diese Fragestellung bereits im Vorwort, wenn sie schreibt: „Das Wichtigste, was wir als Ergotherapeut*innen machen können, ist eine gründliche Evaluation: sie ist das erste und letzte, was wir mit unseren Klient*innen tun sollten. Die so gewonnenen Informationen helfen uns dabei, eine zugeschnittene Intervention zu entwickeln und unseren Kient*innen optimal zu dienen“.
Wie bedeutsam der Einsatz von Assessments in der klinischen Praxis und Forschung ist, hat unsere Berufsgruppe bereits seit langem erkannt (Kjeken, 2012; Mulligan, 2014; Vroman & Stewart, 2014). Das spiegelt sich auch in vielen aktuellen deutschen Fach- und Lehrbüchern sowie ergotherapeutischen Leitlinien wider, in denen die (Re-)Evaluation und mögliche Assessments mittlerweile einen großen Stellenwert erhalten (u. a. Kohlhuber et al., 2019; Le Granse et al., 2019; Brown, 2017). In diesem Zusammenhang lassen sich mehrere zentrale Intentionen unterscheiden, mit denen wir als Ergotherapeut*innen Messinstrumente einsetzen: Den aktuellen Status einer bestimmten Person ermitteln und ggf. mit einer Bezugsgruppe vergleichen, Betätigungsschwierigkeiten besser verstehen, Veränderungen feststellen und/oder zukünftige Entwicklungen vorhersagen (vgl. Kjeken, 2012; Miller Polgar, 2003). Dieses Buch vermittelt einen Überblick über relevante Assessmentinstrumente und beleuchtet deren Einsatzmöglichkeiten und Grenzen aus verschiedenen Perspektiven. Dabei konzentrieren sich die Darstellungen in erster Linie auf ergotherapeutische und ergotherapierelevante Assessments, die eine klienten- sowie betätigungszentrierte (Re-)Evaluation ermöglichen. Dies soll uns alle darin bestärken, im Sinne des zeitgemäßen Paradigmas zu arbeiten und Klient*innen optimal in ihren individuellen Teilhabe- und Betätigungsanliegen zu unterstützen.
Sowohl die Entscheidung für oder gegen den Einsatz eines Assessments als auch die Wahl eines bestimmten Instruments prägen deutlich den professionellen Blickwinkel, aus dem heraus wir unsere Klient*innen betrachten und das therapeutische Vorgehen entwickeln (Taylor, 2017). Setzen wir eher Assessments ein, die auf Körperfunktionen fokussieren? Dann bilden diese häufig auch den Schwerpunkt der anschließenden Intervention. Oder konzentrieren wir uns auf Assessments, die Informationen zur Betätigungsausführung erheben? Dann wird unser therapeutisches Denken und Handeln eher in diese Richtung geleitet.
Mittlerweile haben wir als Ergotherapeut*innen die Möglichkeit, aus einer großen, zum Teil erschlagenden Bandbreite von Assessments auszuwählen. Dies kann eine Überforderung darstellen, sodass manch eine*r im un|12|günstigsten Fall altbekannte Erhebungsinstrumente beibehält oder die Arbeit ganz ohne den Einsatz von Assessments gestaltet. Ein gelungener therapeutischer Prozess besteht nicht darin, möglichst viele Assessments einzusetzen, sondern gezielt passgenaue Instrumente zu verwenden. Also Assessments einzusetzen, die dazu beitragen, die Teilhabe- und Betätigungsanliegen bzw. -schwierigkeiten der Klient*innen zu verstehen und die therapeutische Intervention am Ende zielgerichtet zu evaluieren. Auf dieser Basis lassen sich auch Therapieerfolge abbilden – und zwar mit Blick auf einzelne Personen und/oder Klient*innengruppen (Miller Polgar, 2003). Schaffen wir es als Ergotherapeut*innen, die Assessmentauswahl gezielt und begründet darzustellen sowie auf dieser Basis Outcomes zu generieren, tragen wir zur weiteren Professionalisierung unserer Berufsgruppe bei.
Dieses Buch möchte Sie als Leser*in neugierig machen sowie Mut und Freude anregen, sich mit verschiedenen Erhebungsinstrumenten auseinanderzusetzen, ggf. neue Aspekte der ergotherapeutischen Evaluation zu entdecken und die Klienten- und Betätigungszentrierung verstärkt in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit zu rücken.
Allerdings soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass es keinesfalls eindeutig ist, was genau eine betätigungszentrierte Evaluation eigentlich bedeutet. Dies hängt einerseits vom Begriffsverständnis der Betätigungszentrierung ab und andererseits vom vorhandenen Betätigungsbegriff, der je nach Modell, Rahmenwerk oder Kulturkreis variieren sowie enger oder weiter gefasst sein kann (vgl. Kapitel 1.2; 2.2 & 3.7.1).
Dies weist auf ein grundlegendes Dilemma hin, das im wissenschaftlichen Kontext alltäglich erscheint, den Theorie-Praxis-Transfer bei überwiegend praktisch arbeitenden Kolleg*innen aber erschwert. Denn die (ergotherapeutische) Terminologie ist häufig heterogen, zum Teil sogar widersprüchlich. So nutzen ergotherapeutische Modelle mitunter verschiedene Begrifflichkeiten für das gleiche Phänomen. Oder sie variieren in ihrer Interpretation der genutzten Terminologien, wie z. B. bei der Partizipation (AOTA, 2018; Larsson-Lund & Lyman, 2017). Damit Sie als Leser*in dennoch den Überblick behalten, haben wir gemeinsam mit den Autor*innen zwei Lösungsstrategien für diese Problematik gewählt: So werden die genutzten Begrifflichkeiten bzw. zugrundeliegenden Modelle oder Rahmenwerke konkret in den Kapiteln benannt bzw. beschrieben. Alternativ oder ergänzend dazu informiert das beigefügte Glossar über Begriffsdefinitionen, die im Buch einheitliche Verwendung finden. Letzteres betrifft etwa den Ausdruck „betätigungszentriert“, der nach dem hier genutzten Begriffsverständnis sowohl die Betätigungsbasierung als auch die Betätigungsfokussierung umfasst (Fisher, 2014). Demnach steht die individuell bedeutsame Betätigung jeweils im Mittelpunkt der Evaluation und des therapeutischen Geschehens (Wilcock, 2006). Betätigungsbasierte Assessments ermitteln die benötigten Informationen dabei anhand von Betätigungs-Beobachtungen, wie dies etwa das AMPS oder ACIS vorsehen (Fisher & Jones, 2013). Betätigungsfokussierte Assessments gewinnen die Daten hingegen durch die Befragung von Klient*innen, was im Rahmen von Interviewverfahren (z. B. OPHI-II) oder Selbsteinschätzungsbögen (z. B. OSA) geschehen kann (Fisher 2014). Die hier genutzte Klassifizierung geht auf Anne Fisher (2014) zurück. Im deutschsprachigen Kontext wird synonym zur Betätigungszentrierung häufig das Wort Betätigungsorientierung verwendet (Gritsch, 2017). Der Begriff der Betätigungszentrierung erscheint uns allerdings zielgenauer, da er die Betätigung im therapeutischen Prozess zentral stellt, wohingegen eine „Orientierung“ an der Betätigung mehr interpretativen Spielraum lässt.
Um eine gemeinsame Verstehens-Basis zu schaffen, greifen die beiden ersten Abschnitte zunächst einführende Hintergrundinformationen und Trends rund um Assessments auf. Zu Beginn (Kapitel 1.1) gilt es vor allem, den Begriff Assessment zu spezifizieren, das vorliegende Begriffsverständnis zu verdeutlichen und Unterscheidungsmerkmale herauszuarbeiten. Die große Bandbreite an Assessments fordert von uns Ergotherapeut*innen genau abzuwägen, welche Instrumente sich im ergotherapeutischen Prozess des jeweiligen Einzelfalls eignen, um die Evaluation an einem zeitgemäßen ergotherapeutischen Verständnis auszurichten. Je nach zugrundliegendem Modell oder Rahmenwerk kann das empfohlene therapeutische Vorgehen im Rahmen der (Re-)Evaluation dabei variieren. Kapitel 1.2 zeigt auf, welchen Herausforderungen wir als Berufsgruppe in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegenüberstehen und wie wir diesen begegnen können.
Als Ergotherapeut*innen sollten wir die unterschiedlichen Assessmentformen differenzieren und gezielt in einen Top-Down Prozess integrieren können. Damit aber nicht genug! Ebenso sollten wir dazu in der Lage sein, Assessments kritisch zu hinterfragen, zu analysieren und die Ergebnisse entsprechend zu interpretieren. Hierfür ist es notwendig, wichtige wissenschaftliche und terminologische Hintergründe von Assessments zu kennen. Dazu zählen etwa auch Gütekriterien, wie die Validität, die in Kapitel 2.1 anschaulich praxisnah erläutert werden.
In der deutschsprachigen Ergotherapie eingesetzte Assessments stammen häufig aus dem internationalen und insbesondere angloamerikanischen Raum. Das gilt es, kritisch zu reflektieren. Denn Assessments müssen eine entsprechende Anpassung erfahren, bevor sie zweifelsfrei in einem anderen Kulturkreis eingesetzt werden können. Auf der anderen Seite nutzen wir als Ergotherapeut*innen unsere vorrangig im westlichen Kulturkreis entwickelten Modelle und Instrumente auch bei Klient*innen mit anderen kulturellen Hintergründen. Dies kann sich als problematisch erweisen, wenn die soziokulturell geprägte Lebenswirklichkeit dieser Klient*innen den zugrunde liegenden Annahmen oder Wertvorstellungen nicht entspricht (Iwama, 2006; Malkawi et al., 2020). Zum Beispiel, weil sie den gewählten Fokus auf ADL- oder Freizeit-Tätigkeiten als nicht relevant bzw. sogar schambesetzt erleben oder weil sie Betätigungen vorrangig als soziale Praktiken verstehen (Malkawi et al., 2020; Martín et al., 2015). Hier sind wir in der Zusammenarbeit mit unseren Klient*innen (Mikroebene), im Kontext der Einrichtung (Mesoebene) und als Profession (Makroebene) gefordert, ein diversitäts- und kultursensibles Vorgehen zu etablieren. Dabei impliziert die Forderung von Martín et al. (2015) nach einer global nutzbaren ergotherapeutischen Kultur auch die Entwicklung kulturübergreifender Assessments. Kapitel 2.2 nimmt sich dieser Thematik besonders an und möchte Sie als Leser*in dazu einladen, sich kritisch mit den kulturellen Dimensionen der ergotherapeutische Evaluation und vorhandener Assessments auseinanderzusetzen.
Die Technologie gilt als eine Säule der niederländischen Ergotherapie (Le Granse et al., 2019). Auch wir in Deutschland erleben, gerade durch die Herausforderungen im Umgang mit der Covid-19-Pandemie, dass der technische Fortschritt an Fahrt aufnimmt. Den daraus resultierenden Chancen sollten wir uns als Ergotherapeut*innen auch mit Blick auf die (Re-)Evaluation nicht verschließen. Kapitel 2.3 gibt erste Einblicke in aktuelle und zukünftige Möglichkeiten digitalisierter Assessments.
Ob digitalisiert oder nicht: Die Durchführung von qualitativen Assessments bildet einen wichtigen Bestandteil des Erhebungsprozesses. Denn entsprechende Instrumente -wie etwa Interviewverfahren- ermöglichen es, die |14|subjektive Perspektive und Narrative der jeweiligen Klient*innen einzubeziehen und so zu einem tieferen Verständnis ihrer Betätigungsanliegen und -herausforderungen zu finden. Dies zeigt sich auch an der häufigen Nennung des COPM. Dieses teilstandardisierte Interviewverfahren kann neben quantitativen Daten zur Performanz und Wichtigkeit von Betätigungen auch vielfältige qualitative Daten zur Tages- und Alltagsgestaltung der jeweiligen Klient*innen ermitteln. Jedoch birgt die richtige Durchführung solcher Verfahren große Herausforderungen! Denn ihre Handhabung ist oftmals nicht so kleinschrittig vorgegeben wie bei (rein) quantitativen Messinstrumenten. Kapitel 2.4 möchte alle Therapeut*innen im Einsatz qualitativer Assessments unterstützen, indem es hilfreiche Tipps zur Gesprächsführung vermittelt. Hoffentlich finden immer mehr Kolleg*innen Freude daran, qualitative Assessments einzusetzen und deren Durchführung kritisch zu reflektieren!
Neurologie, Pädiatrie, Arbeitstherapie, Orthopädie oder Psychiatrie – die verschiedenen Fachbereiche und deren Zielgruppen stellen unterschiedliche Anforderungen an die (Re-)Evaluation und den Einsatz von Assessments. Daher stellt sich die Frage, wie wir als Ergotherapeut*innen hier konkret vorgehen können und welchen Herausforderungen wir dabei begegnen. Praxisnahe Anregungen und Empfehlungen hierzu finden sich in den Kapiteln unter Abschnitt 3.
Um genutzte Begrifflichkeiten besser einordnen zu können, beziehen sich die Kapitel – wie oben bereits erwähnt – in ihrer Darstellung des (Re-)Evaluationsprozesses auf die Terminologie bestimmter Modelle und Rahmenwerke. Dabei strukturieren sich die Beschreibungen überwiegend nach demAOTA Framework, dem OTPF (2018), vereinzelt auch nach dem Prozessmodell von Fisher & Marterella (2019), dem OTIPM. Dieses Prinzip hat zur Folge, dass weitere Aspekte, Prozesse und mögliche Assessments ausgeklammert werden. Trotzdem erscheint uns dieses Vorgehen erforderlich, um Sachverhalte schlüssig und anschaulich darzustellen - wohl wissend, dass z. B. der pädiatrische oder neurologische Arbeitsbereich weitere Assessments bietet, die an dieser Stelle zu kurz kommen. Die Darstellungen konzentrieren sich überwiegend auf Instrumente, die unserem Herausgeber- und Autor*innenteam vor dem Hintergrund eines modernen ergotherapeutischen Selbstverständnisses, unserer eigenen Erfahrungen und aktueller Evidenz als empfehlenswert erscheinen.
Neben ergotherapeutischen Assessments spielen in verschiedenen Fachbereichen natürlich auch Instrumente eine Rolle, deren Einsatz auf der Basis von gesetzlichen Rahmenbedingungen oder vonseiten der Kosten- bzw. Leistungsträger gefordert wird. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Rehabilitation und Behindertenhilfe, in denen sich – im Zuge des Bundesteilhabegesetzes und auf Forderung der Leistungsträger – der Einsatz ICF-orientierter Befundinstrumente etabliert hat (vgl. Kapitel 3.4) (BAR, 2019, 2021). Die entsprechende Bedarfsermittlung lässt sich sinnvoll mit der (Re-)Evaluation im ergotherapeutischen Prozess verbinden und durch den Einsatz ergotherapeutischer Assessments ergänzen, wie Kapitel 3.3 für den Fachbereich Psychiatrie exemplarisch verdeutlicht. Dabei zeigen verschiedene Forschungsarbeiten, dass wesentliche ergotherapeutische Konstrukte und Assessments mit den Gesundheitskomponenten der ICF korrespondieren (Larsson-Lund & Nyman, 2017; Kjeken, 2012; Lemmens et al., 2012). Somit bezeichnet Birthe Hucke (2020) die ICF auch „als Glücksfall für die Ergotherapie“, sodass der DVE diese als Strukturgrundlage für seine Assessment-Datenbank nutzt.
Genutzte Prozessmodelle wie das OTIPM vereinfachen den Evaluationsprozess. Mit Blick auf Transkulturalität und Diversität klam|15|mern sie aber mitunter relevante Aspekte aus. So stellt das OTIPM etwa das Doing – also die konkrete Betätigungsperformanz – in den Fokus, was bei einigen Klient*innengruppen und Kulturkreisen zu kurz greifen kann. Dies betrifft insbesondere Klient*innen, die aus nicht-westlichen Kulturkreisen kommen oder chronische bzw. demenzielle Erkrankungen haben (Iwama, 2006; Pizzi & Richards, 2017; Hammell, 2014).
Bei solchen Klient*innengruppen kann es sich als hilfreich erweisen, den Fokus über die konkrete Handlungsperformance hinaus auf Aspekte wie Teilhabe, Wohlbefinden und Lebensqualität zu erweitern (Pizzi & Richards, 2017) sowie die Occupational Balance gezielt in den Blick zu nehmen. Während die Teilhabeperspektive sich im gesamten Buch widerspiegelt, stellen die Kapitel unter Abschnitt 3.7 die Lebensqualität und Betätigungs- bzw. Lebensbalance noch einmal separat in den Fokus der ergotherapeutischen Re-Evaluation.
Beide Konstrukte unterstützen den Trend der Ergotherapie, über den klinisch-kurativen Kontext hinaus vermehrt auch Angebote in den Bereichen der Primärprävention, Gesundheitsförderung und/oder im Gemeinwesen zu entwickeln.
Dabei korrespondiert ein ganzheitliches und multidimensionales Verständnis von Lebensqualität mit einem erweiterten Betätigungsbegriff, wie ihn etwa das Occupational Perspektive of Health (OPH) – Rahmenwerk aufgreift (Hitch & Pépin, 2020; Wilcock, 2006, Hitch et al., 2014). Somit kann die Evaluation von Lebensqualität in unterschiedlichen Kontexten und Settings dazu beitragen, dass Menschen mit diversen soziokulturellen Prägungen ihr Leben in verschiedenen Lebensbereichen als wertvoll erfahren, eine positive Interaktion mit ihrer Umwelt erleben und sich durch bedeutsame Teilhabe- und Betätigungserfahrungen verwirklichen und weiterentwickeln können.
Daneben hat sich die Betätigungs- und Lebensbalance als wichtiges Konstrukt in unserer Profession etabliert, das in verschiedenen Settings Anwendung findet. Denn die Ausgewogenheit des eigenen Lebensstils kann die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Zufriedenheit einer Person wesentlichen beeinflussen, was etwa auch das kanadische Do-Life-Well-Framework verdeutlicht (Moll et al., 2018).
Damit Sie sich als Leser*in einen breiten Überblick über mögliche Assessments für die verschiedenen Klient*innengruppen verschaffen können, verweist das Buch auf unterschiedliche Datenbanken. Zudem beschreibt Kapitel 4.1 anhand eines strukturierten und offenen Vorgehens, wie sich Assessments im praktischen Berufsalltag implementieren lassen. Eine Übersicht über relevante Erhebungsinstrumente rundet das Buch ab und steht den Leser*innen in der zugehörigen digitalen Medienbibliothek zur Verfügung. Weder diese Darstellung noch die exemplarisch beschriebenen Vorgehensweisen in den einzelnen Fachbereichen bzw. Arbeitsfeldern der Ergotherapie erheben den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie sind vielmehr als Anregung und Ermutigung zu verstehen, die genannten Instrumente auszuprobieren. Bezogen auf die jeweiligen Fachbereiche sollten Sie als Leser*in ergänzend die aktuellen Empfehlungen in wissenschaftlichen sowie ergotherapeutischen Leitlinien berücksichtigen!
Grundsätzlich nutzt unsere Autor*innengruppe in diesem Buch ausgewählte Fallbeispiele, um die theoretischen Ausführungen zu untermauern und den Theorie-Praxis-Transfer anzuregen. Hierbei finden unterschiedliche Reasoning-Formen Anwendung – teils explizit genannt, teils implizit vermittelt. Auch bei der Beschreibung des Reasonings zeigt sich eine heterogene Nutzung unterschiedlicher Literatur, die das große Spektrum ergotherapeutischen Vorgehens verdeutlicht. Einige Kapitel konzentrieren sich vor allem auf die ermittel|16|ten Ergebnisse der Assessments und lassen mögliche therapeutische Ansatzpunkte relativ offen. Hier geht es also besonders um die Frage, welche Informationen das jeweilige Instrument liefern kann. Allerdings sind Sie als Leser*in herzlich dazu eingeladen, weitere Reasoning-Prozesse zu durchlaufen und selbst zu überlegen, welche Interventionsmöglichkeiten sich hieraus ergeben können.
Wir als Herausgeberinnen und unser Autor*innenteam hoffen, mit den präsentierten Inhalten hilfreiche Anregungen für die Gestaltung der (Re-)Evaluation im therapeutischen Prozess zu vermitteln. Zudem bedanken wir uns von Herzen bei den zahlreichen Probeleser*innen, die mit ihrer konstruktiven Rückmeldung zu den einzelnen Kapitel den Entstehungsprozess des vorliegenden Buches mitgestaltet haben.
Abschließend wünschen wir nun allen Leser*innen viel Freude bei der Lektüre und möchten Sie dazu ermutigen, neue Erfahrungen zu sammeln und zu reflektieren sowie den Diskurs rund um den Einsatz von Assessments in der Ergotherapie aktiv mitzugestalten!
Helen Strebel, Claudia Merklein de Freitas & Florence Kranz
Hinweise zum Buch: Um den Lesefluss nicht zu stark einzuschränken, sind die genannten Assessments in den Kapiteln in der Regel als Abkürzung aufgeführt. Unbekanntere Assessments werden bei erstmaliger Nennung jedoch ausgeschrieben. Ein Abkürzungsverzeichnis findet sich im Anhang des Buches. Ausführlichere Informationen zu den Assessments finden Sie in der zum Buch gehörigen Medienbibliothek.
AOTA – American Occupational Therapy Association. (2018). Das Framework der AOTA. Gegenstandsbereich, Prozesse und Kontexte. Bern: Hogrefe Verlag.
BAR. (2019). Reha-Prozess. Gemeinsame Empfehlung. Zugriff am 26.09.2021 unter https://www.bar-frankfurt.de/fileadmin/dateiliste/_publikationen/reha_vereinbarungen/pdfs/GEReha-Prozess.BF01.pdf
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Helen Strebel
Von Interviewverfahren über Selbsteinschätzungsbögen bis hin zu beobachtungsbasierten Messinstrumenten – uns Ergotherapeut*innen stehen mittlerweile eine große Vielzahl und Vielfalt an Assessments zur Verfügung (George, 2012). Daher gilt es, aus dem breiten Spektrum an Möglichkeiten gezielt auszuwählen und kritisch zu beurteilen, welche Assessments sich in einer bestimmten Situation am besten eignen. Und das mit Blick auf die Person (Klient*in und Therapeut*in), das Betätigungsanliegen und die jeweilige Umwelt. Für diese Beurteilung benötigen Ergotherapeut*innen zum einen ein Verständnis der Terminologie, auch um sich innerhalb der Berufsgruppe effektiv über den Einsatz von Assessments auszutauschen. Zum anderen ist es erforderlich, sich mit dem zeitgemäßen Einsatz von Assessments im ergotherapeutischen Prozess auseinanderzusetzen (Laver-Fawcett, 2015). Ergotherapeut*innen fällen Urteile, die das Leben ihrer Klient*innen beeinflussen. Daher haben sie eine ethische Verantwortung, sich mit den Stärken und Grenzen derjenigen Assessments auseinanderzusetzen, die sie im Rahmen des Bewertungsprozesses verwenden (Classen & Velozo, 2019). Das vorliegende Kapitel startet mit definitorischen Erläuterungen zu den Begrifflichkeiten „Assessment“ und „Evaluation“. Anschließend stellt es verschiedene Unterscheidungsmerkmale vor, mit deren Hilfe sich das große Spektrum an Assessments verdeutlichen lässt. Dabei veranschaulichen konkrete Beispiele, wann der Einsatz welcher Assessments sinnvoll erscheint. Abschließend zeigt die Autorin auf, wie Assessments zur Qualitätssicherung in der Ergotherapie beitragen können.
Der Begriff Assessment ist breit gefasst und lässt sich synonym als Erhebungs- bzw. Messinstrument bezeichnen. Auch als Befund- oder Statuserhebung beschrieben, unterstützt das Assessment den Prozess der systematischen Datensammlung (Harth & Pinkepank, 2007).
Grundsätzlich bezeichnet der Begriff Assessment in der Ergotherapie ein spezifisches Tool, Instrument oder eine systematische Interaktion, wie z. B. eine Beobachtung oder ein Interviewprotokoll. Diese Tools dienen als Teil der Evaluation dazu, das Betätigungsprofil von Klient*innen zu erstellen und deren Teilhabe- oder Betätigungsanliegen sowie -probleme zu ermitteln. In diesem Zusammenhang analysieren Ergotherapeut*innen Aktivitätsanforderungen, Performanzfertigkeiten, Performanzmuster klientenbezogener Faktoren sowie Kontext- und Umweltfaktoren. Dabei möchten sie verstehen, welchen Einfluss die beschriebenen Aspekte auf die Betätigungsperformanz der Klient*innen nehmen. Assessments, die von grundlegend bis komplex variieren, sind |20|Bestandteil dieses Evaluations-Prozesses (Hinojosa & Kramer, 2014).
Assessments stellen also einen relevanten Teilbereich des Evaluations-Prozesses dar und erheben ein breites Spektrum an Merkmalen im ergotherapeutischen Kontext. Dabei verfolgen sie das Ziel, deren Einflüsse auf die Betätigungsausführung der Klient*innen zu erkennen.
Der Begriff der Evaluation bezeichnet einen Prozess, der das Sammeln und Interpretieren von Daten, die für die Interventionsplanung benötigt werden, in den Vordergrund stellt (Ottenbacher & Christiansen, 1997). Im OTPF (AOTA, 2018) wird der erste Teil des therapeutischen Prozesses als Evaluations-Prozess benannt. Dies verdeutlicht, dass die Erhebung zu Beginn des Therapieprozesses einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Allerdings begrenzt sie sich nicht hierauf. Vielmehr erstreckt sich die Evaluation über die Interventionsphase hinaus bis hinein in die Outcomephase. In dieser letzten Phase des ergotherapeutischen Prozesses ermitteln Ergotherapeut*innen, was ihre Klient*innen durch die Interventionen erreichen konnten. Da sich diese abschließende therapeutische Phase wahlweise mit „Outcome“ oder „(Re-)Evaluation“ bezeichnen lässt, werden diese beiden Begriffe im vorliegenden Buch synonym verwendet.
In der ersten Phase verfolgt die Evaluation das Ziel, Daten zum Zweck der Erhebung und anschließenden Interventionsplanung zu sammeln. Unter Intervention versteht man eine therapeutische Aktivität, die eine Veränderung herbeiführen möchte. Am häufigsten soll durch diese Aktivitäten erreicht werden, dass die Person einen gesundheitlichen Vorteil daraus zieht (Øvretveit, 2002). Øvretveit nennt verschiedene Zielgruppen der Intervention: Ein Individuum, eine Population (Gruppe von Klient*innen) oder ein Betreuungssystem. (Re-)Evaluationen erfolgen in der deutschen Ergotherapie momentan überwiegend auf Ebene der individuellen Behandlung. Hierzu werden Assessments in der Ergotherapie aus verschiedenen Gründen eingesetzt. Sie können aus einer intrinsischen Motivation heraus Anwendung finden, also aus dem Bedürfnis des*der Therapeut*in, die Betätigungsanliegen des*der Klient*in zu verstehen. Oder der Einsatz von Assessments wird extrinsisch geleitet, d. h. aufgrund von Forderungen von Seiten der Kostenträger. Dabei lassen sich Assessments zu mehreren Zwecken einsetzen: zum einen, um das Verhalten einer Person zu beschreiben und mit einer ähnlichen Gruppe zu vergleichen. Zum nächsten, um Betätigungsschwierigkeiten zu verstehen und Prognosen zu entwickeln sowie des Weiteren, um Ergebnisse der therapeutischen Intervention bezogen auf individuelle Klient*innen oder auf Klient*innengruppen darzustellen (Miller Polgar, 2003). Die Nutzung von Assessments in z. B. ergotherapeutischen Forschungsprojekten – etwa im Rahmen von (Re-)Evaluationen auf Populationsebene oder struktureller Ebene – steckt in Deutschland u. a. aufgrund der eingeschränkten Akademisierung noch in den Kinderschuhen.
In Deutschland beschränkt sich der Einsatz von Assessments daher hauptsächlich auf die Mikroebene – also auf die direkte Interaktion mit Klient*innen. Darüber hinaus mangelt es – auch mit Blick auf die genutzte Terminologie – an einem professionsbezogenen Konsens.
Die Vielzahl der Instrumente, die Ergotherapeut*innen zur Verfügung steht, weisen ein breites Spektrum auf. Dies betrifft u. a. unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte, Variationen in der Durchführung oder eine Heterogenität bezüglich der Aussagekraft. Es gibt ergotherapeutische Assessments, die aus der Disziplin heraus entwickelt wurden, wie z. B. das AMPS (Fisher & Jones, 2013). Ergothera|21|peut*innen nutzen aber auch Assessments, die anderen Fachdisziplinen entstammen, wie z. B. den M-ABC-2 (Petermann, 2015). Die folgende Darstellung geht auf diese Unterscheidung nicht näher ein. Stattdessen konzentriert sie sich auf grundsätzliche inhaltliche Differenzierungen, um einen Gesamtüberblick über die Vielzahl und Vielfalt an Assessmentformen zu vermitteln. Daneben existieren weitere Möglichkeiten und Begrifflichkeiten, nach denen sich Assessments voneinander unterscheiden und abgrenzen lassen. Deshalb ist die folgende Differenzierung als kleine Einführung in die Thematik zu verstehen.
Assessments lassen sich allgemein dahingehend unterscheiden, ob sie mit qualitativen oder quantitativen Informationen arbeiten (Tabelle 1-1).
Tabelle 1-1: Qualitative versus quantitative Erhebung
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Art der gewonnen Daten
Quantitative Erhebung
Qualitative Erhebung
DASH
OPHI-II
Quantitative Verfahren messen den Gegenstandsbereich anhand numerischer Werte, wie dies z. B. bei der Messung der Konzentrationsfähigkeit durch Konzentrationstests oder bei der Messung der Handkraft mithilfe eines Dynamometers der Fall ist. Den so erzielten Werten liegt häufig eine Normierung zugrunde. Somit lässt sich anhand des quantitativen Werts eine Aussage darüber treffen, ob das gemessene Merkmal durchschnittlich, über- oder unterdurchschnittlich ausgeprägt ist (Rentzsch & Schütz, 2009). Beispielsweise werden im Fachbereich Orthopädie als vorbereitende Methode nicht selten Körperstruktur/-funktion behandelt (vgl. Kap. 3.6), deren Parameter sich gut quantifizieren lassen. Quantitative Assessments müssen sich aber nicht zwangsläufig auf die Ebene der Körperfunktionen und -strukturen beziehen. Sie können ebenso Informationen rund um die Betätigungsperformanz ermitteln, wie dies etwa das MOHOST (Parkinson et al., 2006) oder das ACIS (Forsyth et al., 2011) tun. Oftmals basieren solche Instrumente auf objektiven Beobachtungen. Es gibt aber auch quantitative Assessments, mit deren Hilfe Klient*innen bestimmte Merkmale aus ihrer Perspektive bewerten können. Hierzu gehört etwa der DASH (Germann et al., 2003). Dieses Assessment ermöglicht es Klient*innen, anhand einer fünfstufigen Bewertungsskala das Ausmaß ihrer Beschwerden und Fähigkeiten, bestimmte Tätigkeiten auszuführen, einzuschätzen. Die ermittelten quantitativen Daten bieten die Möglichkeit, durch einen erneuten Einsatz des jeweiligen Assessments, die in der Therapie erreichten Veränderungen im Outcome abzubilden.
Qualitative Assessments hingegen beschreiben den Gegenstandsbereich und geben dadurch Informationen über die charakteristische Eigenschaft einer Sache oder einer Person (Rentzsch & Schütz, 2009). In der Ergotherapie ermitteln sie dabei häufig qualitative Informationen über die subjektive Perspektive, die Narrative und das Erleben der Klient*innen mit Blick auf ihr Betätigungsleben bzw. ihre Betätigungsperformanz. Als typische Beispiele hierfür können Interviewverfahren, wie die OCAIRS (Forsyth et al., 2005), das OPHI-II (Kielhofner et al., 2008) oder das WRI (Braveman et al., 2005) genannt werden. Qualitative Assessments wie diese gelten ebenso als (teil-)|22|standardisiert (vgl. Kap. 1.1.6). Dabei variieren sie in Umfang und Dauer, so dass ihre Auswahl auch vom jeweiligen Setting und den zeitlichen Ressourcen abhängt. Manche Instrumente, wie das OPHI-II, erweisen sich als besonders flexibel im Einsatz und können z. B. über mehrere Therapieeinheiten hinweg durchgeführt werden (Kielhofner et al., 2008). So können Ergotherapeut*innen anhand eines thematischen Interviews Informationen über die Betätigungsidentität, -kompetenz und das -verhalten erheben (Hemmingsson et al., 2017). Neben der Ermittlung von qualitativen Daten nutzen einige dieser Assessments zudem die Möglichkeit, die Ergebnisse zu quantifizieren und damit vergleichbar zu machen.
Der Einsatz qualitativer Assessments ist für Therapeut*innen häufig herausfordernder, da sie nicht immer – wie quantitative Assessments – einen fest strukturierten Ablauf vorgeben. Hilfreich ist hier eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema der Gesprächsführung, die eine wesentliche Grundlage für die gelungene Durchführung eines qualitativen Assessments darstellt. Das Kapitel 2.4 bietet hier erste Anregungen.
Der zentrale Fokus der Ergotherapie liegt in der Einbindung der Klient*innen (Person) in für sie bedeutungsvollen und zweckgerichteten Betätigungen. „Wenn der Fokus unser praktischen Arbeit Betätigung sein soll, müssen wir dafür sorgen, dass nicht nur das Ergebnis (Ziel), sondern auch der Fokus unserer Evaluation, Intervention und Dokumentation die Betätigung ist“ (Fisher, 2014, S. 23). Daher erscheint es gerade zu Beginn der Evaluationsphase sinnvoll, qualitative Informationen darüber zu gewinnen, wie Klient*innen ihre Betätigungsausführung bzw. ihr Betätigungsleben erfahren und welche Narrative sie hierfür nutzen. Zumindest unter der Voraussetzung, dass die jeweiligen Klient*innen emotional und kognitiv dazu in der Lage sind, ein entsprechendes Gespräch zu führen (vgl. Kap. 2.4 und Kap. 3.3). Im weiteren Evaluations-Prozess können diese qualitativen Informationen – falls erforderlich – gezielt mit Informationen aus quantitativen Assessments ergänzt werden, um das Betätigungsproblem zu verstehen. Zum Beispiel, indem die*der Ergotherapeut*in zunächst mit dem OPHI-II (Kielhofner et al., 2008) umfassende qualitative Informationen zur Betätigungsanamnese eine/s Klient*in ermittelt, bevor sie/er mit Hilfe des AMPS (Fisher & Jones, 2013) oder des ACIS (Forsyth et al., 2011) die Performanzfertigkeiten in bedeutungsvollen Betätigungssituationen bewertet. So lassen sich auch ggf. im Vorfeld aufgestellte Arbeitshypothesen in Bezug auf die Betätigungseinschränkung bestätigen oder verwerfen.
Ergotherapeut*innen können im Zuge der Evaluation also verschiedenste Informationen rund um das Betätigungsleben und die Betätigungsperformanz ihrer Klient*innen sammeln. Dabei müssen sie festlegen, welche konkreten Daten tatsächlich benötigt werden, um das Betätigungsproblem zu verstehen. Dies betrifft auch die Entscheidung, auf welcher Ebene das Assessment Informationen generieren soll. Eine geeignete Orientierungs- und Strukturierungsgrundlage hierfür bietet das OTPF, da es den Gegenstandsbereich und die zentralen Konzepte der ergotherapeutischen Praxis systematisch beschreibt (AOTA, 2018). Die in Tabelle 1-2 stehenden Elemente haben Einfluss auf die Betätigungsidentität, Gesundheit, das Wohlbefinden sowie die Teilhabe eines Menschen.
Soll die Betätigung und ihre Ausführung im Mittelpunkt der Erhebung stehen, so eignen sich alle Assessments, die den Fokus auf Betätigungsbereiche wie u. a. die Aktivitäten des täglichen Lebens, Freizeit oder Spiel legen. Dabei ermöglicht das Ausführen von Betätigungen, die Menschen als zweckdienlich und/oder bedeutungsvoll wahrnehmen, auch deren Partizipation (AOTA, 2018), die wiederum zum Wohlbefinden und zur Gesundheit eines Menschen beiträgt (WHO, 2011). Doch was wird un|23|ter dem Begriff der Partizipation verstanden, der in der deutschsprachigen Ergotherapie häufig synonym mit dem Begriff der Teilhabe, verwendet wird? Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass Partizipation umfassender ist, da diese eine aktive Mitgestaltung und Entscheidungsmacht von Individuen in unserer Gesellschaft beschreibt und somit Mitbestimmung in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten impliziert. (Nieß, 2016) Gleichberechtigte Teilhabe lässt sich als Teilbereich der Partizipation verstehen, da diese die rechtliche Grundlage für die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben darstellt (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, n.d.). Wollen wir also Partizipation fördern, so können wir an der Ausführung von Betätigung bei einer Person ansetzen z. B. mit Hilfe des Foto-Interviews (Onderwijscentrum Leiijpark, 2019). Hier wählt das Kind aus einer Auswahl altersentsprechende alltägliche Betätigungen diejenigen aus, die es erlernen oder verbessern möchte. Daraus lassen sich anschließend betätigungszentriert Zielstellungen ableiten. Jedoch sollte die Erhebung nicht nur auf die Person fokussieren, sondern auch Umweltaspekte mit einfließen lassen, da wir nur so effektiv die Partizipation einer Personen-(gruppe) unterstützen.
Tabelle 1-2: Unterschied bezüglich des Messfokus
Unterscheidungsmöglichkeit
Aspekte des Gegenstandsbereichs OTPF
Exemplarische Assessments
Messfokus auf Ebene der …
Betätigung
Klientenfaktoren
Performanzfertigkeiten
Performanzmuster
Kontext & Umwelt
Fotointerview
FEW-3
AMPS
Rollencheckliste
WRI
Da Person, Umwelt und Betätigung in stetiger Wechselwirkung zueinanderstehen, sollten Ergotherapeut*innen das Betätigungsproblem während des Erhebungsprozesses holistisch erfassen. Dabei gilt es auch den Einfluss des Kontextes und der Umwelt mit ihren kulturellen, virtuellen oder sozialen Aspekten auf die Betätigungsperformanz zu betrachten. Der Fokus liegt somit auf der Interaktion zwischen Person-Umwelt und Betätigung-Umwelt. (Cooper et al., 2005) Deshalb greifen viele ergotherapeutische Assessments, die auf der Basis des MOHO (Kielhofner, 2008; Taylor, 2017) entwickelt wurden, den Umweltaspekt bereits auf, wie z. B. das WRI (Braveman et al., 2005). Das halbstrukturierte Interviewverfahren ermittelt aus Perspektive der Klient*innen relevante Informationen zu psychosozialen Faktoren der Arbeitssituation. Diese umfassen neben volitions- und habituationsbezogenen Aspekten auch wahrgenommene Umweltbedingungen. Möchten Ergotherapeut*innen vor allem ermitteln, wie Klient*innen ihre psychosoziale und physische Arbeitsumgebung erleben und wo ggf. Anpassungen erforderlich sind, können sie auf die MOHO-basierte WEIS (Moore-Corner et al., 1998) zurückgreifen, die jedoch leider auf Deutsch aktuell nicht mehr zu beziehen ist.
Sollen Performanzfertigkeiten evaluiert werden, so stellt u. a. das AMPS (Fisher & Jones, 2013) ein probates Assessment dar. Performanzfertigkeiten umfassen dabei motorische, prozessbezogene und soziale Interaktionsfertigkeiten, die in Bezug zur Betätigungsausführung stehen. Informationen zu Aspekten der Performanzmuster, die sich aus den Gewohnheiten, Routinen, Rollen und Ritualen zusammensetzen, lassen sich zum Beispiel mit Hilfe der Rollencheckliste (Kielhofner et al., 2012) ermitteln. Aber auch umfassender angelegte Interviewverfahren, wie das OPHI-II (Kielhofner et al., 2008), erheben Daten zu Gewohnheiten, Routinen und Rollen, welche die Performanzmuster der Klient*innen prägen.
|24|Unter die Klientenfaktoren fallen u. a. die Körperfunktionen. Hier gibt es viele Instrumente, die diese messen, wie den FEW-3, der die visuellen Wahrnehmungsfertigkeiten von Kindern zwischen 4;0 bis 10;11 Jahren erfasst (Büttner et al., 2021).
Grundsätzlich sollte der ergotherapeutische Fokus während des gesamten Therapieverlaufes betätigungszentriert sein (Fisher & Marterella, 2019). Dies bedeutet, dass die individuell bedeutsame Betätigung im Mittelpunkt des Handelns steht (Wilcock, 2006). Ergotherapeut*innen gehen davon aus, dass Gesundheit und Wohlbefinden durch Betätigung positiv beeinflusst werden (Townsend & Polatajko, 2013). Mit Blick auf den Evaluations-Prozess und die Wahl der Messinstrumente besitzt das Erheben der Betätigungsausführung daher eine hohe Priorität. Betätigungszentriert leitet als übergeordneter Begriff die Gedanken der*des Therapeut*in. Die zur Verfügung stehenden Assessments mit dem Fokus auf Betätigung lassen sich dann als entweder betätigungsbasiert oder betätigungsfokussiert bezeichnen (Fisher, 2014) (Tabelle 1-3).
Tabelle 1-3: Unterschiedliche Datengewinnung
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Art der Datengewinnung
Betätigungsbasiert (bb) oder
Betätigungsfokussiert (bf) durch:
Beobachtungsinstrumente
Selbsteinschätzung
Interviews
Kombinationsformen
AMPS (bb); VQ (bb)
Rollencheckliste (bf)
OSA (bf); OCAIRS (bf)
Betätigungsbasierte Assessments gewinnen Daten, indem Ergotherapeut*innen ihre Klient*innen während der Durchführung einer Betätigung beobachten, wie z. B. beim AMPS (Fisher & Jones, 2013). Dabei beobachten sie die Betätigungsperformanz im natürlichen Umfeld der jeweiligen Klient*innen, wie z. B. beim Decken des Esszimmertisches. Assessments, die als betätigungsfokussiert gelten, beziehen sich bei der Datengewinnung auf die Befragung von Klient*innen in Bezug auf die Betätigungsausführung, etwa durch Interviews oder Selbsteinschätzungen (Fisher, 2014). Ein Beispiel hierfür stellt die Rollencheckliste (Kielhofner et al., 2012) dar. Bei dieser gibt die befragte Person an, welche Rolle sie wann eingenommen hat bzw. wieder einnehmen möchte und wie wertvoll diese für sie ist. Daneben überlegen Ergotherapeut*innen, welche Methode sie nutzen möchten, um die Daten zu generieren. Im Rahmen des MOHO (Kielhofner, 2008; Taylor, 2017) lassen sich Assessments in Beobachtungsinstrumente, Selbsteinschätzungsbögen, Interviews und Kombinationsformen unterteilen (de las Heras de Pablo et al., 2017).
Beobachtungsinstrumente sind somit immer betätigungsbasiert (Fisher, 2014), wenn sich die Beobachtung auf Betätigungsniveau abspielt. Dies betrifft z. B. auch den VQ (de las Heras Geist et al., 2007), der volitionale Aspekte bzw. Betätigungsvorlieben der*des Klient*in in verschiedenen Betätigungssituationen ermittelt. Gerade bei Klient*innen, die z. B. verbale Einschränkungen haben, bietet sich der Einsatz solcher Beobachtungsinstrumente an. Sind die Klient*innen jedoch dazu in der Lage, sich mitzuteilen, können Selbstbewertungsinstrumente dazu beitragen, ihre subjektive Perspektive mit Blick auf individuelle An|25|liegen und Ziele zu erfassen (Kramer et al., 2017) (vgl. Kap. 3.3). Ein potenzielles Assessment stellt hier das OSA (Baron et al., 2006) dar, bei dem die Klient*innen persönliche Erfahrungen mit verschiedenen Bewertungskategorien abgleichen (Kramer et al., 2017). Selbstbewertungsinstrumente, wie auch Interviews sind dann betätigungsfokussiert (Fisher, 2014), wenn sich das Gespräch auf das Betätigungsverhalten der Klient*innen bezieht. Interviews können unterschiedliche Formate haben und Ziele verfolgen (Hemmingsson et al., 2017), wie z. B. das OCAIRS (Forsyth et al., 2005). Das für Jugendliche und Erwachsene konzipierte Assessment erfasst in einem ca. 30-minütigen Gespräch Informationen zu Betätigungspartizipation sowie -bedingungen der*des Klient*in (Hemmingsson et al., 2017) und ist auch als betätigungsfokussiert zu klassifizieren. Kombinationsformen sind eine Mischung aus den beschriebenen Methoden und bieten das Potenzial, durch unterschiedliche Zugänge Daten zu generieren, um Arbeitshypothesen über die Ursache vorliegender Betätigungsanliegen zu bilden.
Zudem lassen sich Assessments als deskriptiv, evaluativ oder prädiktiv klassifizieren. Allerdings gibt es auch hier Instrumente, die sowohl der einen als auch der anderen Gruppe zugeordnet werden können (Classen & Velozo, 2019; Laver-Fawcett, 2014) (Tabelle 1-4).
Tabelle 1-4: Unterschiede im Hinblick auf Ziel der Datengewinnung
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Ziel der Datengewinnung
Deskriptive/beschreibende Assessments
Evaluative/Outcome-Assessments
Prädiktive/prognostische Assessments
MMST
COPM
UFOV
Deskriptive oder beschreibende Assessments werden in der täglichen therapeutischen Arbeit am häufigsten eingesetzt. Sie werden definiert als „ein Assessment, das Informationen liefert, die den aktuellen Funktionsstatus, die Probleme, Bedürfnisse und/oder Umstände von Personen beschreiben“ (Laver-Fawcett & Innes, 2007, S. 96). Der Fokus richtet sich hier auf die Beschreibung von Einschränkungen und Stärken einer Person, in einem spezifischen Moment (Erhebungszeitpunkt). Liefert ein solches Instrument nur quantitative Daten, sind diese Beschreibungen oftmals wenig aussagekräftig. So kann durch den MMST (Kessler et al., 2000) die kognitive Leistungsfähigkeit einer Person in fünf Teilbereichen beschrieben werden. Jedoch benötigt die*der Therapeut*in weitergehende Informationen, um z. B. zu verstehen, in welchen Situationen die*der Klient*in Schwierigkeiten zeigt. Daher muss die*der Therapeut*in möglicherweise mehr als ein deskriptives Assessment nutzen, um alle Fragen zu beantworten. Und so entscheiden zu können, ob und welche Art von Intervention erforderlich ist (Classen & Velozo, 2019; Laver-Fawcett & Innes, 2007). Deskriptive Assessments sollten über eine adäquate Inhalts-, Konstrukt- und Augenschein-Validität verfügen. Werden Klient*innen von mehr als einer Person therapeutisch begleitet, so ist auch eine angemessene Inter-Rater-Reliabilität von Bedeutung. (Laver-Fawcett, 2014). Zur weiteren Vertiefung folgt am Ende des Kapitels eine entsprechende Literaturempfehlung. Zudem ermöglicht die Durchführung deskriptiver |26|Assessments qualitative Nebenbeobachtungen, die Einfluss auf die Behandlungsplanung haben können. Dazu gehören laut Fisher und Jones (2013):
die körperliche Anstrengung, die Klient*innen benötigt, um die Anforderungen des Assessments zu bewältigen. Diese wird z. B. durch Ermüdung deutlich.
die Effizienz, mit der Klient*innen die Anforderungen des Assessments bewältigt. Diese lässt sich z. B. an zeitlichen Aspekten oder dem geschickten Umgang mit Gegenständen ableiten.
Evaluative oder Outcome-Assessments verwenden Kriterien oder Elemente, um ein Merkmal oder Attribut von Personen im Laufe der Zeit zu messen. Sie ermitteln das Ergebnis der Betätigungsausführung, Performanzfertigkeiten oder Körperfunktion und vergleichen es am Ende der Behandlung, in der Re-Evaluation, mit den Daten der Ersterhebung (Bullock, 2014; Classen & Velozo, 2019; Dunn, 2005).
Outcomes, d. h. diejenigen Merkmale, an denen die Veränderung gemessen wird, lassen sich sowohl objektiv als auch subjektiv erheben. Objektiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Bewertung anhand festgelegter Kriterien durch dritte erfolgt. Subjektiv heißt, dass die*der Klient*in bzw. eine Bezugsperson die Einschätzung vornimmt. Beides trägt dazu bei, die Wirksamkeit ergotherapeutischer Interventionen zu überprüfen oder darzustellen – und das entweder im direkten Klient*innenkontakt oder mit Klient*innengruppen. Ein Beispiel für ein Outcome-Assessment, welches die Performanz auf subjektiver Ebene erfasst, ist das COPM (Law et al., 2017). Dieses Assessment ermittelt u. a. konkrete Werte dazu, wie Klient*innen ihre Ausführung und Zufriedenheit mit Blick auf ausgewählte Betätigungen bewerten. Anhand eines errechneten Durchschnittswertes lassen sich Unterschiede zwischen der Erst- und Zweiterhebung verdeutlichen und somit erzielte Veränderungen abbilden.
Es ist also von großer Bedeutung, welche Outcome-Assessments Ergotherapeut*innen zu Beginn des ergotherapeutischen Prozesses auswählen. Denn damit entscheiden sie auch, welche möglichen Veränderungen sich zum Abschluss der Therapie abbilden lassen (AOTA, 2018). Therapeut*innen sollten bei der Wahl eines Outcome-Assessments besonders darauf achten, dass dieses sensitiv auf die Veränderungen reagiert, die gemessen werden sollen. Zudem sollte das ausgewählte Instrument eine gute Test-Retest- und Interrater-Reliabilität aufweisen (Laver-Fawcett, 2015; Laver-Fawcett & Innes, 2015) (vgl. Kap. 2.1).
Prädiktive oder prognostische Assessments werden dann herangezogen, wenn Therapeut*innen eine Aussage über zukünftige Fähigkeiten oder den Zustand der jeweiligen Klient*innen treffen möchten. Zum Beispiel zu der Frage, inwiefern die*der Klient*in zukünftig am Arbeitsmarkt partizipieren kann (Laver-Fawcett & Innes, 2015). Bisher gibt es nur wenige prädiktive Assessments. Eines ist der Useful Field of View Test (UFOV) (Wood & Owsley, 2014). Dieses Instrument misst Fähigkeiten, die der Fahrtüchtigkeit zugrunde liegen. Auf dieser Grundlage können Aussagen darüber getroffen werden, ob ältere Menschen in Zukunft wieder in der Lage sein werden, am Straßenverkehr teilzunehmen (Classen & Velozo, 2019). Entscheidend ist, dass ein prognostisches Assessment prädiktiv valide ist. Unter prädiktiver Validität versteht man die Genauigkeit, mit der eine Messung ein zukünftiges Ereignis voraussagt (Laver-Fawcett & Innes, 2015). (vgl. Kap. 2.1)
Bei Assessments lässt sich des Weiteren eine Unterscheidung zwischen übergeordneten (generischen) und(indikations-)spezifischen Instrumenten treffen (iqpr, 2004). Diese Unterteilung beeinflusst die Herangehensweise |27|dahingehend, dass generische Assessments einen umfassenden Eindruck ermöglichen, während spezifische Assessments einen gezielten Teilbereich untersuchen (Tabelle 1-5).
Tabelle 1-5: Generische versus spezifische Assessments
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Umfang der Datenerhebung
Generische Assessments
spezifische Assessments
MOHOST
FIQ-D
So liefern (indikations-)spezifische Assessments tiefergehende Informationen in Bezug auf eine spezielle Klient*innengruppe. Hierzu gehört etwa der Fibromyalgia Impact Questionnaire-Deutsche Version (FIQ-D) (Offenbaecher et al., 2000), der den Einfluss der Fibromyalgie auf verschiedene Dimensionen wie Alltagsaktivitäten, Müdigkeit oder Schmerz ermittelt. Generische Assessments wie z. B. das MOHOST (Parkinson et al., 2006) werden eingesetzt, wenn Therapeut*innen einen grundsätzlichen Überblick über Aspekte der Betätigungsausführung von Jugendlichen, Erwachsenen oder älteren Menschen gewinnen möchten (Parkinson et al., 2017) (vgl. Kap. 3.3).
Ähnlich wie bei der allgemeinen Unterscheidung von Assessments in qualitative oder quantitative Datengenerierung, lassen sich Erhebungsinstrumente auch in standardisiert und nicht-standardisiert unterteilen (Tabelle 1-6). Hierbei ist von Bedeutung, dass der häufig vermutete Zusammenhang, qualitative Assessments seien immer nicht-standardisiert, falsch ist. Ebenso sind nicht alle quantitativen Assessments zwangsläufig standardisiert (vgl. Kap. 2.1).
Tabelle 1-6: Standardisierte versus nicht-standardisierte Assessments
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Art der Entwicklung
Nicht-standardisierte Assessments
Standardisierte Assessments
Erhebungsbögen
ET 6-6-R
Informelle bzw. nicht-standardisierte Assessments wie z. B. selbst entwickelte Erhebungs- oder Beobachtungsbögen, waren lange Zeit die überwiegend genutzten Evaluationsmethoden in der Ergotherapie. Obwohl wertvoll, sind die Items sowie die Handhabung und Interpretation dieser Bögen allgemein nicht klar definiert.
Die Analyse und Interpretation der mit diesen Methoden gewonnenen Daten ist in der Regel individuell oder zumindest stark abhängig vom theoretischen Verständnis und der klinischen Erfahrung der jeweiligen Therapeut*innen (Ottenbacher & Christiansen, 1997). Hinojosa et al. (2005) haben folgende kritische Fragen entwickelt, die den Erhebungsprozess mit einem nicht-standardisierten Assessment unterstützen sollen:
Orientiert sich das Assessment an theoretischen Grundlagen und/oder Praxismodellen?
Bietet das Assessment Informationen für mein Reasoning?
Ist das Assessment klientenzentriert?
Ist das Assessment ein Mittel zum Zweck und dient keinem Selbstzweck?
|28|Unterstützt das Assessment eine gute therapeutische Beziehung?
Bezieht das Assessment die Diversität von Klient*innen mit ein?
Zudem sollten nicht-standardisierte Assessments nie die alleinigen Erhebungsinstrumente im therapeutischen Prozess darstellen. Zwar können sie wichtige Informationen liefern. Für eine evidenzbasierte Praxis ist es jedoch entscheidend, dass Ergotherapeut*innen valide und reliable standardisierte Assessments routinemäßig in den Prozess integrieren (Laver-Fawcett, 2015).
Bei standardisierten Assessments ist die Durchführung, Bewertung und Interpretation so genau beschrieben, dass jeder Nutzer möglichst einheitlich vorgeht (Laver-Fawcett, 2015). Ein standardisiertes Assessment kann, muss aber nicht, normiert sein. Falls es normiert ist, so liegen dem Assessment Daten von einer möglichst repräsentativen Gruppe zugrunde. Anhand dieser Normwerte lassen sich die Daten der jeweiligen Klient*innen interpretieren und mit der Normstichprobe abgleichen (Schönthaler, 2016). Diese Assessments haben in der Regel eine umfangreiche Entwicklung durchlaufen. So kann z. B. mit dem ET 6-6-R (Petermann & Macha, 2015) der Entwicklungsstand eines Kindes in verschiedenen Bereichen im Vergleich zur Normstichprobe aufgezeigt werden.
Bei standardisierten Assessments – ob normiert oder nicht – stellen die Entwickler*innen in den meisten Fällen ein Benutzerhandbuch zur Verfügung. Dieses beschreibt in der Regel den Entwicklungsprozess, die Anweisungen für die Durchführung, das Bewertungsverfahren, die Regeln für die Interpretation, die Normen für die Bewertung und die psychometrischen Eigenschaften des Instruments (Classen & Velozo, 2019). Sind standardisierte Assessments normiert, so werden sie als Testverfahren bezeichnet. Hierunter wird das Sammeln von Informationen über die Fertigkeiten des Individuums unter kontrollierten Bedingungen, verstanden (Law & Baum, 2005). Obwohl die Standardisierung die hohe Qualität eines Instruments nicht gewährleistet, verbessert sie die Fähigkeit, Ergebnisse zu kommunizieren und diese zwischen verschiedenen Untersucher*innen, Settings und Klient*innen zu vergleichen (Ottenbacher & Christiansen, 1997). Setzen Ergotherapeut*innen solche Assessments ein, sollten sie sich vorab mit dem Handbuch vertraut machen und überlegen, ob das Instrument tatsächlich für die jeweiligen Klient*innen von Nutzen ist. Um die Genauigkeit der Ergebnisse zu gewährleisten, steht nicht die Normierung, sondern eine ausreichende Reliabilität und Validität des verwendeten Assessments im Vordergrund (Bullock, 2014). Eine Kombination aus standardisierten und nicht-standardisierten Assessments stellt die Gruppe der teilstandardisierten Assessments dar. Ein im ergotherapeutischen Kontext häufig verwendetes teilstandardisiertes Assessment ist das COPM (Law et al., 2017).
Nähere Ausführungen zu Fragen rund um die Standardisierung, Normierung und Gütekriterien von Assessments finden interessierte Leser*innen im Kapitel 2.1.
Die Unterscheidung in formative und summative Evaluation macht deutlich, dass Evaluation ein Prozess ist, der Interventionen an unterschiedlichen Stellen und anhand verschiedener Zugänge überprüft (Tabelle 1-7).
Bei der formativen Evaluation handelt es sich eher um eine entwicklungsorientierte Evaluation, bei der Ergotherapeut*innen meist qualitative Assessments einsetzen (Øvretveit, 2012). Sie kann zu verschiedenen Zeitpunkten während des Interventions-Prozesses in Form von Feedbacks für Klient*innen stattfinden, die auf eigenen Beobachtungen oder Eindrücken basieren. Ziel ist es, den Prozess durch formative Evaluation anzupassen, um die anvisierten Ziele zu erreichen (Hinojosa & Kramer, 2014). |29|Summative Evaluation hingegen geht mit dem Einsatz von Outcome-Assessments einher. Hier werden die Auswirkungen und die Effektivität einer Intervention überprüft (Øvretveit, 2012). Dies findet auf Grundlage der in der Evaluationsphase eingesetzten Assessments in der Outcomephase des OTPF (AOTA, 2020) statt.
Tabelle 1-7: Formative versus summative Evaluation
Unterscheidungsmöglichkeit
Exemplarische Assessments
Zeitpunkt der Datenerhebung
Formative Evaluation
Summative Evaluation
Feedback
Outcome-Assessments
Grundsätzlich können und sollten Ergotherapeut*innen Daten im Erhebungsprozess je nach Notwendigkeit durch unterschiedliche Erhebungsmethoden gewinnen. Dabei können sie Informationen durch Beobachtungen, Interviews, Frage- und Selbsteinschätzungsbögen sowie Tests generieren (Harth & Pinkepank, 2007). Häufig kombinieren Instrumente verschiedene Unterscheidungsmerkmale miteinander. So gibt es z. B. Assessments, die quantitatives und qualitatives Vorgehen vereinen oder solche, die sowohl die Perspektive der Klient*innen, der Angehörigen und der Therapeut*innen erheben. (Baum & Law, 2005) Ein potenzielles Assessment, das verschiedene Zugänge vereint, ist das OT PAL (Townsend et al., 2001). Ergotherapeut*innen können dieses Instrument bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren einsetzen. Es umfasst neben der therapeutischen Perspektive durch Beobachtung auch jeweils ein kurzes Interview mit der/dem Schüler*in, den Eltern sowie der/dem Lehrer*in (Parkinson et al., 2017).
Welche Assessments Ergotherapeut*innen im ergotherapeutischen Prozess wann auswählen, hängt auch von ihrer gedanklichen Struktur ab, die sie durch die Evaluations-, Interventions- und Outcomephase leitet. Wählt die*der Therapeut*in einen Bottom-up-Ansatz (Fisher, 2014; Fisher & Marterella, 2019), so greift sie*er z. B. im pädiatrischen Bereich für die summative Evaluation auf den M-ABC 2 (Petermann, 2015) zurück. An den Ergebnissen können Therapeut*innen ableiten, ob sich durch die ergotherapeutische Intervention die Grob- und Feinmotorik des Kindes verbessert hat. Eine Verbesserung der motorischen Körperfunktion hat jedoch nur eine begrenzte Auswirkung auf die Betätigungsperformanz, wie verschiedene Studien nachweisen (Fisher, 2014 S. 1). Daher gilt es im Weiteren aufzuzeigen, wie Ergotherapeut*innen Assessments in einem Top-down gesteuerten therapeutischen Prozess einsetzen können (Fisher, 2014; Fisher & Marterella, 2019).
Wählt Ergotherapeut*innen denTop-down-Ansatz (Fisher, 2014; Fisher & Marterella, 2019) lenkt diese Entscheidung das therapeutische Handeln von Beginn an. Dabei versucht sie*er, den Top-down-Erhebungsprozess möglichst evidenzbasiert und klientenzentriert zu gestalten. Das Erheben der unmittelbaren Betätigungsausführung innerhalb des natürlichen Kontextes steht dabei in der Regel im Mittelpunkt der Evaluation. Hierfür müssen Ergotherapeut*innen Assessments auswählen, die am besten zu den jeweiligen Klient*innen und der gegebenen Situation passen (Baum & Law, 2005). Zudem sollten sie dazu in der Lage sein, dass Assessment richtig anzuwenden. Auf Grundlage des im OTPF beschriebenen therapeutischen Prozesses (AOTA, 2018) wird dieses Vorgehen anhand der verschiedenen Assessmentformen kurz skizziert.
Hier wählen Therapeut*innen Assessments aus, die sie darin unterstützen, das Anliegen der jeweiligen Klient*innen zu verstehen, mögliche Zielstellungen zu identifizieren sowie die therapeutische Intervention effektiv zu planen. Um einen Top-down-Ansatz (Fisher, 2014; Fisher & Marterella, 2019) zu gewährleisten, bieten die in Abbildung 1-1 dargestellten Schritte (Fisher & Marterella, 2019) eine hilfreiche Struktur.
Abbildung 1-1: Top-down-Ansatz in der Evaluationsphase (eigene Darstellung in Anlehnung an Fisher & Matarella, 2019)
Während dieser fünf Schritte sammeln Ergotherapeut*innen verschiedene Informationen aus unterschiedlichen Quellen (Bullock, 2014). Häufig starten sie die Datensammlung über formative Assessments, um Informationen zum Betätigungsprofil ihrer Klient*innen zu erhalten, die sie anschließend durch summative Erhebungen präzisieren (Hinojosa & Kramer, 2014). Es ist somit zuerst notwendig, ein möglichst „breites“ Messinstrument zu wählen (generische Assessments). Einerseits geschieht dies, um die Alltagsschwierigkeiten aus ihrer Perspektive (subjektive Einschätzung der Betätigungsausführung) kennenzulernen (meist qualitative Assessments). Hierfür eignen sich solche Interviews oder Methoden am besten, welche Klient*innen animieren, über ihre Betätigungsausführungen zu sprechen (Dunn, 2005) und somit occupation-focused sind (Fisher, 2014). Andererseits benötigen Ergotherapeut*innen Beobachtungssituationen, um objektive, sichtbare Komponenten der Betätigungsausführung zu erheben (McColl & Pollock, 2005) und betätigungsbasierte Informationen zu generieren (Fisher, 2014). Hier argumentieren Therapeut*innen häufig, dass nicht ausreichend zeitliche Ressourcen für dieses Vorgehen zur Verfügung stehen (Nielsen & Wæhrens, 2015). Jedoch gibt es Studien, die darauf verweisen, dass eine niedrige Korrelation zwischen den Ergebnissen aus der subjektiven Einschätzung durch Klient*innen sowie der Beobachtung durch Therapeut*innen vorliegt, sodass der Einsatz beider Assessmentformen notwendig erscheint (Fisher & Marterella, 2019). Ein vielseitiges Vorgehen empfiehlt sich auch bei sehr jungen oder kognitiv bzw. verbal stark eingeschränkten Klient*in|31|nen. Bei jungen Kindern weicht die kindliche Einschätzung häufig von jener der Eltern oder weiterer Bezugspersonen ab. Eltern können nur beschreiben, was sie selbst sehen und darüber denken, wie ihr Kind fühlt oder wie sie selbst in dieser Situation empfunden hätten (Laver-Fawcett, 2007).
Damit sich Veränderungen durch die therapeutische Intervention feststellen lassen, ist es zudem relevant – wie oben bereits erwähnt – Outcome-Assessments auf Betätigungsebene zu wählen.
Damit Ergotherapeut*innen erzielte Veränderungen und Fortschritte feststellen und ggf. erforderliche Anpassungen vornehmen können, sollten sie auch während des Interventions-Prozesses regelmäßig Assessments einsetzen (Bullock, 2014). Das OTPF (AOTA, 2018) beschreibt hierfür den Schritt der Interventionsüberprüfung, bei dem „[…] die fortlaufende Bewertung des Interventionsplans, dessen Effektivität und Fortschritt auf das Ergebnis hin […] im Mittelpunkt steht“ (AOTA, 2018, S. 65). Im Canadian Practice Process Framework (CPPF) (Townsend & Polatajko, 2013) bezieht sich der Aktionspunkt „monitor and modify“ auf den Aspekt der fortwährenden Überprüfung des Interventions-Prozesses. Hier finden besonders formative Assessments Anwendung, da diese in Form von z. B. Beobachtungen oder Gesprächen dazu beitragen, in kurzen Abständen einen Abgleich mit den Zielen zu erlangen (Davis et al., 2013; Hinojosa & Kramer, 2014).
Die wiederholte Datenerhebung (Re-Evaluation) findet am Ende der therapeutischen Interventionsphase statt. Mit ihrer Hilfe können Ergotherapeut*innen feststellen, welche Ziele erreicht wurden und welche Schwierigkeiten oder Einschränkungen noch vorhanden sind. Ebenso lassen sich auf dieser Grundlage Entscheidungen für eine Weiterführung, Anpassung oder Beendigung der Therapie treffen (Bullock, 2014). Um die Ergebnisse interpretieren zu können, setzen Ergotherapeut*innen hier idealerweise summative Outcome-Assessments ein, die sie bereits in der Evaluationsphase genutzt haben (Hinojosa & Kramer, 2014). Denn ein Vergleich kann nur dann stattfinden, wenn zu Beginn und am Ende des therapeutischen Prozesses das gleiche Instrument genutzt wird. Die Relevanz des Einsatzes von Assessments in der Outcomephase wird häufig unterschätzt und ist gerade in Deutschland unterrepräsentiert (
