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Können Geist und Körper sich trennen? Hannah will nur schnell ihren Bruder von einer Party abholen, doch die Fahrt endet mit einem großen Crash. Statt im Krankenhaus, erwacht sie auf dem Parkplatz. Nur ein attraktiver Typ in Pyjama und Socken kann sie sehen: Liam, der ihr ab sofort zur Seite steht. Während ihr Körper im Koma liegt, entdeckt sie nachts mit Liam die Möglichkeiten des Astralwanderns. Sie besuchen ihre Lieblingsorte in Schottland, spazieren durch das verschneite Paris und kommen sich dabei immer näher. Doch die Realität schwebt wie ein Damoklesschwert über ihnen: Hannah kann jederzeit aufwachen und sie wissen nicht, ob sie sich dann noch an ihre gemeinsame Zeit erinnern kann. Wie wird sie reagieren, wenn sie hinter sein Geheimnis kommt? Denn nachts ist Liam ein anderer, doch wie soll er ihr das sagen, ohne sie zu verlieren?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Titelseite
Über das Buch
Widmung
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Liam
Hannah
Ein halbes Jahr später
Danke
Die Autorin
Impressum
S. R. Taxwood
Können Geist und Körper sich trennen?
Hannah will nur schnell ihren Bruder von einer Party abholen, doch die Fahrt endet mit einem großen Crash. Statt im Krankenhaus, erwacht sie auf dem Parkplatz. Nur ein attraktiver Typ in Pyjama und Socken kann sie sehen: Liam, der ihr ab sofort zur Seite steht. Während ihr Körper im Koma liegt, entdeckt sie nachts mit Liam die Möglichkeiten des Astralwanderns. Sie besuchen ihre Lieblingsorte in Schottland, spazieren durch das verschneite Paris und kommen sich dabei immer näher. Doch die Realität schwebt wie ein Damoklesschwert über ihnen: Hannah kann jederzeit aufwachen und sie wissen nicht, ob sie sich dann noch an ihre gemeinsame Zeit erinnern kann. Wie wird sie reagieren, wenn sie hinter sein Geheimnis kommt? Denn nachts ist Liam ein anderer, doch wie soll er ihr das sagen, ohne sie zu verlieren?
Das Wunderbarste an den Wundern ist,
dass sie manchmal wirklich geschehen.
Gilbert Keith Chesterton
Es war herrlich! Das blaue Gras kitzelte mich an den nackten Beinen, die Sonne schien warm auf mich herab und funkelnde Schmetterlinge in allen Regenbogenfarben flatterten um mich herum. Ich spürte pures Glück.
An meiner Seite sprang meine geliebte Sheltiehündin Bonnie. Alles war perfekt. Ich rannte los, dicht gefolgt von Bonnie. Sie blickte zu mir und öffnete ihr Maul: »Sing me a song of a less that is gone.«
Überrascht blieb ich stehen. Kein Bellen drang aus ihrer Kehle. Nein, sie sang: »Say, could that less be I?«
Ich wollte noch nicht geweckt werden. Ich blinzelte, fast konnte ich diese Zauberwelt noch sehen, doch mein Smartphone spielte neben mir „The Skye Boat Song“ und meldete somit einen Anruf. Die Uhr zeigte an, dass es kurz vor drei war.
Das Lied verstummte, bevor ich erkennen konnte, wer der Anrufer war. Es war einfach viel zu früh und meine Augen weigerten sich, bereits zu arbeiten. Alles in mir schrie nach Schlaf.
»Idiot!«, murmelte ich. Morgen würde ich mich um denjenigen kümmern, der mich mitten in der Nacht von meinem Schlaf abhielt. Doch jetzt wollte ich mich nur wieder in meine Bettdecke kuscheln. Ich stöhnte genervt, als der Song erneut begann.
»Echt jetzt?« Ich schloss die Augen, nahm aber den Anruf an.
»Wehe, es ist nichts Wichtiges«, grummelte ich zur Begrüßung.
»Hannah, Lieblingsschwesta! Du bischt meine letzte Hoffnung!« Ben, mein großer Bruder, sprach laut, schwerfällig und sehr undeutlich.
Ich stöhnte erneut laut auf, bevor ich ihm antwortete: »Hast du Idiot schon mal auf die Uhr gesehen?«
Im Hintergrund hörte ich laute Musik und Stimmengewirr.
»Bitteee. Es ist `n Notfall«, beteuerte mein Bruder.
Ich musste mich sehr auf seine Worte konzentrieren.
»Chris hat `ne Braut abg‘schleppt und is mit ihr weggefahren.« Das „ihr“ klang mehr wie ein „iah“.
Ich legte einen Arm über mein Gesicht. Warum nur musste er sich neuerdings ständig in solche Situationen bringen?
»Ben, Scheiße. Und nun?«
»Isch komme von hia nich weg. Du muss misch holen.«
Ich setzte mich auf und war schlagartig hellwach.
»Hast du sie noch alle? Ich habe noch keinen Führerschein. Und ich bin bestimmt nicht der Depp, der unseren Vater wegen dir weckt und seine Laune abbekommt!«
Ich hörte, dass mein Bruder lief. Die Musik wurde leiser, eine Tür schlug zu.
»Hannah, auf ga keinen Fall dafst du unsare Eltern wecken! Bitte! Isch `abe zu viel getrunkn und auch was geraucht.«
Du dämlicher Arsch, dachte ich frustriert und schüttelte dabei den Kopf.
»Du hast do schon Fahrstundn gehabt. Um diese Uhazeit fällt das niemandm auf. Bitte …«, faselte er weiter.
»Ben, das geht nicht. Ich weiß gar nicht, was du dort zu suchen hast.«
»Weiß. Is voll dumm. Aber du läscht misch nisch im Stich. Bitte.«
Ich schwieg und strich mir durch mein langes, kastanienfarbenes Haar, entwirrte dabei mit den Fingern ein paar Knötchen, die sich dank meiner Naturwellen immer gerne bildeten. Das nervte mich gerade weit weniger als mein bescheuerter Bruder.
»Bitte«, schniefte dieser laut ins Telefon.
Ich seufzte schwer. Einerseits wusste ich, dass es falsch war, andererseits wollte ich ihm helfen. Eigentlich hatten wir ein inniges Verhältnis. Zumal er gerade eine ziemlich schwierige Phase mit unseren Eltern hatte. Sein Job als Mechatroniker lief nicht gut und unser Vater hatte angedroht, ihn rauszuwerfen, als Motivation, wenn er nicht allmählich erwachsen werden würde. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Und doch hatte auch unsere Bruder-Schwester-Beziehung in den letzten Monaten Risse bekommen. Irgendetwas hatte ihn verändert, doch was, das blieb sein Geheimnis.
Doch nun musste ich mal wieder entscheiden, ob und wie ich ihm aus der Patsche helfe.
Der Gedanke daran, alleine zu fahren, ließ die Schmetterlinge aus meinem Traum in meiner Magengegend flattern.
»Du wartest auf dem großen Parkplatz. Wenn du dort nicht stehst, drehe ich sofort um und fahre wieder heim.«
Mein Bruder ließ einen kurzen Jubellaut erklingen. Ich hingegen schüttelte den Kopf, fragend, warum ich mich schon wieder von ihm zu so was überreden ließ.
»Du bisch die allaallabeste Schwesta!«
»Und du der größte Idiot der Familie.«
Schon beendete ich das Gespräch, um mich rasch anzuziehen. Kaum hatte ich die Bettdecke angehoben, kam Bonnie angetapst.
»Süße, du musst hier brav auf mich warten. Es ist noch keine Zeit zum Aufstehen.«
Ich kraulte meiner Zobelmerle-Schönheit den Kopf und stand dann auf. Obwohl es im Zimmer warm war, zitterten meine Hände beim Anziehen.
»Das ist die Aufregung«, flüsterte ich leise.
Ich schickte Bonnie nur mit Handzeichen vorm Rausschleichen noch einmal auf ihr Hundebett, um dann auf Zehenspitzen das Zimmer zu verlassen. In meinem Bauch spürte ich dabei ein freudiges Kribbeln. Eigentlich war ich immer die Brave. Ich lehnte mich nie offen gegen unsere Eltern auf und folgte den Regeln und Anweisungen. Mein Bruder war da ganz anders. Aber das war vielleicht auch einer der Gründe, warum er mich immer wieder zu solchem Unsinn überreden konnte. Als wir noch Kinder waren, hatte er oft die Schuld auf sich genommen und den Ärger eingestrichen, wenn mir mal doch etwas Blödes passiert war oder eine seiner Ideen aufflogen, zu denen er mich hatte überreden können. Ein wenig Revoluzzer steckte schon von klein auf in ihm. Doch wir hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt und sein Verhalten war nie so extrem wie seit dem letzten Jahr gewesen.
Ich versuchte, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren. Gedanken um Ben konnte ich mir später machen. Nach dieser Aktion war ein ehrliches Gespräch das Mindeste, was er mir schuldete.
Leise schlich ich zur Garderobe im Flur mit der Schuhbank darunter. Ich schlüpfte in meine warme Winterjacke und in die gefütterten Stiefel. Mit zitternden Fingern griff ich nach den Autoschlüsseln meiner Mutter, die in der dafür vorgesehenen Schale lagen. Natürlich ging das nicht geräuschlos und ich hielt die Luft an. Es klang so schrecklich laut in dieser nächtlichen Stille, dass ich meinte, das ganze Haus zu wecken.
Eine gefühlte Ewigkeit verging. Nichts geschah. Ich atmete aus, merkte dabei erst, dass ich den Atem angehalten hatte. Mit den Autoschlüsseln unserer Mutter und meinem Haustürschlüssel schlüpfte ich aus der Tür raus. Das Auto meiner Mutter war kleiner als das meines Vaters und parkte schon auf der Straße. Aus der Garage hätte ich mich noch nicht getraut zu manövrieren, zumal das Garagentor mit Sicherheit auch sehr viel Krach beim Öffnen gemacht hätte.
Mein Fahrlehrer hatte mich schon mehrfach gelobt, dass ich eine sichere, umsichtige Fahrerin wäre. Daher fühlte ich mich hinter dem Steuer wohl. In einer knappen Dreiviertelstunde würde der Wagen wieder auf seinem Platz stehen und ich im Bett liegen.
Die Rechnung würde nicht ganz aufgehen, musste ich mir dann auf der Straße eingestehen. Erst einmal war Eiskratzen angesagt.
»Mist«, fluchte ich. Die letzten Tage und Nächte war es für schottische Verhältnisse extrem kalt gewesen. Doch als ich die Fahrertür öffnete, um den Eiskratzer zu holen, entdeckte ich im Fach der Wagentür ein blaues Enteiserspray. Dank diesem blauen Wundermittel dauerte es nicht so lange, wie ich befürchtet hatte.
»Ans Gebläse denken ... Sitz einstellen … Rückspiegel einstellen ...« Schritt für Schritt sagte ich mir alles vor, was zu tun war. Dieser Check-up beruhigte mich immer ungemein.
»Außerdem machen das Piloten ja auch«, hatte ich meinem Fahrlehrer schon erklärt, als er mir schmunzelnd zuhörte und den Kopf dabei schüttelte, weil ich es immer wieder machte.
Als ich fertig mit meiner To-do-Liste war, Sitz, Spiegel und Nerven so waren, wie sie sein sollten, war ich bereit, loszufahren. Ich startete den Wagen und gab vorsichtig Gas.
»Wehe, du wartest nicht auf dem Parkplatz!«, sprach ich laut. Mein Atem war als weißes Wölkchen vor mir zu sehen.
Es war wenig los auf der Straße, so dass ich etwas mehr Gas gab.
Ich genoss es sehr, ohne Beobachter zu fahren. Etwas mutiger drehte ich die Lautstärke des Radios lauter und sang mit. So fühlt sich Freiheit an, dachte ich zufrieden.
Ich setzte den Blinker und bog bereits in die Straße, an deren Ende das Einkaufszentrum lag, wo ich Ben abholen wollte.
Ich wünschte mir, das Auto würde schneller warm werden. Meine Finger wurden kalt und der Schaltknüppel fühlte sich wie ein Eisklotz an. Immerhin waren die Straßen frei. Hätte es geschneit, hätte ich die Rettungsaktion mit Sicherheit abgebrochen. Bei rutschigen Straßen fühlte ich mich noch nicht sicher.
Gerade setzte ich den Blinker und fuhr in die Einfahrt, als ein großer, schwarzer Hund wie aus dem Nichts links aus dem Gebüsch schoss. Ich sah den riesigen schwarzen Schatten, bevor ich wahrnahm, dass es ein Hund war.
»Was …?«, rief ich erschrocken aus. Zu mehr kam ich nicht. Ich musste reagieren, um das Tier nicht zu überfahren. Ich riss den Lenker nach rechts, dann nach links und musste doch eine glatte Stelle erwischt haben, denn ich hatte das Gefühl, dass das Auto mir nicht mehr gehorchte. Ich wollte bremsen, doch statt anzuhalten, schoss ich noch schneller nach vorne. Ich umklammerte das Lenkrad und schrie. Die Mauer vor mir wurde größer und größer.
»Hannah! Verdammt, nein!«, war das Letzte, was ich noch hörte. Ben?
Ich wollte meinen Kopf in die Richtung drehen, aus der die Stimme kam, aber er tat so schrecklich weh. Dann wurde alles schwarz.
Laute Geräusche, Stimmengewirr, Lichter – was war hier los? Es dauerte einen Moment, um mich zu sammeln. Wo war ich? Ich versuchte, mich zu orientieren, als die Erkenntnis mich wie ein Blitzschlag traf: Ich hatte einen Autounfall!
Ich setzte mich ruckartig auf. Entsetzt blickte ich auf die Szenerie vor mir. Jemand hatte mich scheinbar etwas abseits abgelegt. Vor mir sah ich Rettungswagen, Feuerwehr, Polizei und Schaulustige. Die blinkenden Lichter tauchten die Nacht in eine bunte, surreale Welt.
Der Blick auf das demolierte Auto war mir durch das Feuerwehrauto verwehrt. Schlimm konnte es nicht sein, sonst hätte es mich übler erwischt.
Vorsichtig bewegte ich den Kopf, meine Arme und Beine. Nein, mir tat nichts weh. Ich hob die Hände hoch und betrachtete sie von beiden Seiten. Kein Blut, keine Kratzer, alles sah gut aus.
Ich ließ meine Blicke wandern, als ich endlich ein vertrautes Gesicht sah. Mein Bruder schüttelte ständig den Kopf, während er mit zwei Polizeibeamten sprach. Ich beobachtete die Szene. Sicherlich war ich als Nächstes dran. Den Führerschein konnte ich abhaken. Nach dieser Nummer würde ich wohl nicht zur Prüfung zugelassen werden. Freiheit adieu. Bedauern machte sich in mir breit.
Bens Gesicht sah wie eine Grimasse aus. Die grellen Lichter zeichneten scharfe Schatten. Immer wieder fuhr er sich durch seine kurzen, dunklen Haare, die in alle Richtungen abstanden. Er hatte bestimmt genauso viel Schiss wie ich. Unsere Eltern würden ausrasten. Mir wurde schlecht, wenn ich nur daran dachte.
Die Polizisten schienen das Gespräch zu beenden, denn Ben nickte knapp und ging ein paar Schritte auf mich zu. Er holte sein Handy raus. Ich stand schnell auf. Zufrieden bemerkte ich, dass mir dabei nicht schwindelig wurde, was ich durchaus erwartet hätte.
»Ben. Es tut mir so leid«, rief ich und rannte zu ihm.
Er ignorierte mich. Selbst, als ich vor ihm stand, sah er mich nicht direkt an. Das durfte ja wohl nicht wahr sein.
»Mom, es ist was Schreckliches passiert. Könnt ihr bitte zum Einkaufszentrum kommen?« Seine Stimme zitterte, doch der Unfall hatte ihn offensichtlich ausgenüchtert. Vom Lallen keine Spur mehr.
Ich schluckte hart.
»Sag ihr bitte, dass es mir leidtut«, flehte ich meinen älteren Bruder an.
Ben drehte sich von mir weg.
»Nein, mir geht es gut, aber Hannah …«
Er schluchzte laut und beendete den Satz nicht.
Dieser Mistkerl! So konnte er das aber nicht darstellen.
»Hey!«, rief ich daher aufgebracht. So nicht! Ich ging um ihn herum, so dass er mich ansehen musste. Er sah demonstrativ auf seine Fußspitzen, als ob dort eine Lösung für unsere Probleme stehen würde.
»Ben, bitte. Gib mir das Handy!«, forderte ich und streckte die Hand aus. Das klärte ich dann doch lieber selbst. Er ballte die freie Hand zu einer Faust, starrte weiterhin auf seine Schuhe und ignorierte mich weiter.
»Ja, ich warte … Bis gleich.«
Entrüstet stemmte ich meine Fäuste in die Seiten. Das war der Dank für alles?
»Ben, was soll das? Du fieser Arsch! Das ist total mies. Ich bin nicht allein auf die Idee gekommen, eine Spritztour zu machen«, schimpfte ich los.
Wieder ignorierte er mich. Ich holte Schwung, um ihm auf den Oberkörper zu boxen. Doch er drehte sich weg, wich dabei meinem Schlag aus und ging wortlos zurück zu den Polizisten.
»Du bist so ein Riesenarsch!«, schrie ich. Mann, war ich sauer. Das war das allerletzte Mal, dass ich ihm geholfen hatte.
Gerade wollte ich ihm folgen, als ein Rufen hinter mir meine Aufmerksamkeit erregte.
»Hey, du! Warte mal. Hörst du mich?«
Ich drehte mich um. War ich gemeint? Überrascht schaute ich zu einem Kerl, etwas älter als ich, der hinter mir an den Hecken der Parkplatzumrandung stand und nichts außer einem Pyjama trug.
Echt jetzt?
Er winkte mir zu. Um auf Nummer sicherzugehen, dass auch ich gemeint war, schaute ich mich kurz um. Doch sonst schien niemand auf ihn zu reagieren.
Da hatte es aber jemand eilig gehabt, als Gaffer zu meinem Unfall zu kommen.
Pech, Kumpel, von mir bekommst du keine News. Ich drehte mich von ihm weg, um zu meinem bescheuerten Bruder zu gehen und auf die Ankunft unserer Eltern zu warten. Ewig konnte er nicht so tun, als ob es mich nicht gäbe. Außerdem wollte bestimmt die Polizei auch noch ein paar Fragen geklärt haben.
»Hey, bleib doch mal stehen.«
Erschrocken stoppte ich, um nicht in den Pyjamakerl zu laufen. Wie um alles in der Welt hatte der es so schnell vor mich geschafft?
»Was soll das? Ich muss zu dem Chaos und meinem „tollen“ Bruder, um einiges zu klären.«
Der Typ vor mir klatschte in die Hände. Hilfe, ein Wahnsinniger!
»Hammer, du siehst und hörst mich.«
Logisch, dachte ich, wer in so einem Outfit öffentlich rumläuft, der kann nur völlig gestört sein. Sein Verhalten bestätigte das.
»Als ob ich dich in diesem Outfit und deiner Schreierei übersehen oder überhören könnte«, zischte ich ihn an.
Er grinste. Statt mir aus dem Weg zu gehen, schien er gerade höchstzufrieden damit zu sein, wie ein Irrer vor mir zu stehen.
»Darf ich?« Ich blickte ihm genervt entgegen und wartete darauf, dass er mir aus dem Weg gehen würde. Was stimmte mit dem Typen nur nicht? Eigentlich sah er ganz gut aus. Kurze blonde Haare, die verstrubbelt waren, ein Kinngrübchen, blaue Augen, muskulöser Oberkörper und einen Kopf größer als ich. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, mit einem anderen Outfit hätte ich ihn sogar als äußerst attraktiv bezeichnet. Aber es war keine andere Zeit, sondern meine Eltern waren unterwegs, nachdem ich das Auto meiner Mutter geklaut hatte. Mein Bruder ignorierte mich und dieser Typ fing an, mich mehr, als zu nerven. Er wirkte schwer gestört. Das lag zuletzt auch an seinem sinnlosen Geplapper. Und natürlich am blau-grau-gestreiften Pyjama und den Socken. Er trug tatsächlich keine Schuhe.
Ich umrundete ihn kopfschüttelnd, da er keine Anstalten machte, mich vorbeizulassen.
»Hast du dich nicht gewundert, warum mit dir noch keiner gesprochen hat?«, rief er mir nach.
»Liegt am Chaos, Pyjamaboy!«, rief ich zurück, ohne mich umzudrehen, nicht zuletzt, um ihn loszuwerden. Meine Betitelung für ihn musste ihm doch sehr deutlich machen, was ich von ihm hielt.
Mal sehen, wie mein Bruder mich weiter ignorieren will, wenn ich ihm eine reinhaue, dachte ich wütend. Der Kerl brachte mich gerade zur Weißglut. Da konnte ich mich wirklich nicht um einen bekloppten Gaffer kümmern.
Keiner hielt mich auf. Keiner sprach mich an. Sollte man mich nicht allmählich auch befragen, was geschehen war? Sicherlich musste ich einiges an der Aussage von Ben richtigstellen.
Je länger ich ignoriert wurde, desto mehr brodelte es in mir. Statt auf direktem Weg zu meinem unmöglichen Bruder zu gehen, ging ich trotzdem neugierig um das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr herum. Gegenüber des Feuerwehrwagens wurden die Türen des Rettungswagens geschlossen.
Ich schlug erschrocken die Hände vor den Mund. Nun konnte ich das ganze Ausmaß meiner Rettungstour sehen. Das Auto von Mom war komplett eingedrückt. Glassplitter hatten den Boden übersät und funkelten in den Lichtern der Fahrzeuge. Überall darauf lag medizinisches Material herum. Ein Feuerwehrmann verräumte ein riesiges Gerät, das aussah wie eine überdimensionale Zange. Das Dach des Wagens war scheinbar damit entfernt worden.
Wie hatte ich das so unbeschadet überstanden? Ich musste zu Ben, ich musste mit den Polizisten sprechen, ich … ich konnte mich keinen Millimeter wegbewegen oder von dem Chaos vor mir wegschauen.
»Sieht übel aus, nicht wahr?«, kommentierte der Gaffer neben mir. Wann war der denn neben mich getreten? Und was, verdammt, wollte er nur von mir?
Freundchen, du hast Glück, dass ich gerade mehr Zorn auf Ben verspüre.
Statt zu sprechen, stierte ich ihn wütend an. Immerhin hatte er mich aus der Erstarrung geholt. Aber jetzt musste ich schnell zu meinem Bruder, bevor ich meinem bekloppten Nebenmann eine reinschlug. Ben musste mir ganz dringend erklären, was hier gerade passierte.
»Ich glaube, du bist noch nicht tot.«
Was laberte der Pyjamatyp da?
»Ich habe noch nie Tote gesehen, wenn ich unterwegs war«, redete er, unbeeindruckt von meinem bösen Blick, weiter.
»Tot?«, flüsterte ich. Von jetzt auf gleich wurde mir sehr schlecht. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf schien diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zu ziehen.
»Bist du etwa …?«, fragte ich heiser, ohne Chance, ihn weiter wütend anstarren zu können. Angst kroch mir den Nacken hoch.
Er schüttelte den Kopf.
»Nein, ich nicht. Wie wäre es, wenn wir uns ein netteres Plätzchen suchen und ich erkläre dir alles? Na ja, zumindest den Teil, den ich erläutern kann.«
Der Rettungswagen gab Gas und fuhr mit Blaulicht davon. Ich schaute ihm nach. Er bog nach rechts ab und direkt dahinter bremste ein Auto quietschend ab.
»Dad!«, erkannte ich. Er konnte alles wieder gut machen. Das war sein Job, den er schon mein ganzes Leben hervorragend ausführte.
Ohne dem Pyjamakerl nur einen weiteren Blick zuzuwerfen, rannte ich los. Dabei schrie und winkte ich: »Dad! Ben! Wartet!«
Vor mir rannte Ben hin und riss die Rücksitztür auf.
»Fahr hinterher!«, brüllte mein Bruder. Er sprang rein und mein Vater gab wieder Gas.
»Hey! Wartet doch!« Ich rannte schreiend weiter. »Wartet! Ich bin noch hier!«, schrie ich. Doch kaum war ich am Bordstein angekommen, konnte ich nur noch die Rücklichter erkennen, die sich in rasanter Geschwindigkeit entfernten.
»Wartet!«, schrie ich noch einmal. Ich trat auf die Straße und konnte es nicht fassen, dass mich meine Familie zurückgelassen hatte.
»Na komm. Lass uns reden.«
Ich drehte mich mit Schwung um. Vor mir stand schon wieder dieser Irre.
»Was, verdammt, willst du von mir? Siehst du nicht, dass ich gerade ganz andere Probleme habe?«, fuhr ich ihn an.
»Ob du es glaubst oder nicht, ich möchte dir helfen«, antwortete er unbeeindruckt.
»Siehst du diesen Schrotthaufen da hinten? Da saß ich drin. Meine Familie ist stinksauer, wie du siehst. Ich habe absolut keine Ahnung, wie du mir helfen könntest? Oder kannst du zaubern und die Uhr zurückdrehen?«
»Glaubst du wirklich, dass du diesen Unfall völlig unbeschadet überstanden hast und nicht einer der Polizisten dich dazu befragen möchte?«
Statt meinen Zorn anzuschüren, trafen mich seine Worte wie eine eiskalte Dusche. Ich wusste nichts zu antworten.
»Und glaube mir, mich hätten sie auch schon längst zu sich geholt.« Grinsend deutete er an sich herunter.
Wo er recht hatte …
»Ich weiß, ist nicht einfach. Aber gib dir einen Ruck und vertrau mir. Du verlierst nichts.«
Er drehte sich weg, blickte noch einmal zu mir und deutete mir mit einer Kopfbewegung an, ihm zu folgen.
Etwas zerrte kurz an meinem Innersten. Das hier war alles surreal. Alles war falsch. Ich schaute auf meine zitternden Hände. Dann suchte ich Blickkontakt zu anderen Menschen. Irgendwer musste mich doch auch sehen.
Die Polizisten schienen sich im Aufbruch zu befinden. Einer verabschiedete sich von einem Feuerwehrmann, der andere sprach mit dem Mann vom Abschleppdienst und gab diesem die Hand. Nicht einer sah zu mir oder schien mich zu suchen.
Verdammt, was war hier nur los? Ich fühlte mich nicht tot, aber auch nicht richtig lebendig. Irgendetwas war anders. Träumte ich? Nein, träumen war anders. Das hier war viel zu real für einen Alptraum, oder? Ich neigte nicht zu schlechten Träumen. Ich war eher diejenige, die sich, wenn ich mich erinnerte, in wunderbaren Fantasiewelten spazieren ging. Doch, entschied ich dann, ich muss träumen und ganz, ganz schnell aufwachen.
Ein Feuerwehrmann ging an mir vorbei, um sich eine Zigarette anzustecken. Ich drückte den Rücken durch.
»Wer sich unscheinbar verhält, wird auch übersehen«, war der Leitspruch meines Vaters.
Ich atmete tief durch und trat so selbstbewusst wie möglich zu dem Feuerwehrmann.
»Entschuldigen Sie.« Zögerlich streckte ich die Hand aus, um ihn zu berühren. Doch ich griff gefühlt ins Leere. Statt Stoff oder etwas Hartes zu tasten, glitt meine Hand durch den Arm des Mannes hindurch.
Ein verzweifelter Laut drang unkontrolliert aus meiner Kehle. Was war hier nur los? Unweit von mir wartete der Einzige, der mir ein paar Antworten geben wollte. Mit gesenktem Kopf folgte ich ihm.
Ich hatte unentschlossen vor Kens Haus gestanden. Immer wieder waren gut gelaunte Gäste reingegangen. Andere kamen zum Rauchen raus oder um frische Luft zu schnappen.
Warum tu ich mir das schon wieder an?, fragte ich mich zum wiederholten Male in dieser Nacht. Auf eine Party zu gehen, bedeutete nur extremer Frust am nächsten Tag.
Wie Sisyphos seinen Stein zum Gipfel rollte, besuchte ich mein altes Leben. Wir beide erreichen nicht den Gipfel – er mit seinem Stein, ich mit meiner Realität.
Denn keiner sieht mich. Keiner spricht mit mir. Heutzutage redete auch keiner mehr über mich.
Doch dann nahm die Nacht einen völlig anderen Verlauf: Ein Kerl in meinem Alter ging an mir vorbei. Ich kannte ihn flüchtig von früher, oder? Irgendetwas wollte sich in meinen Gedanken nach oben graben, doch ich konnte es nicht fassen. Ich blickte ihm nach und versuchte, ihn einzuordnen, als es auf dem angrenzenden Parkplatz vom Einkaufszentrum krachte. Der Typ gab Gas und schrie. Einige der Raucher folgten ihm, einer war so geistesgegenwärtig, mit seinem Handy einen Notruf abzusetzen.
Ein Wagen war mit Vollgas in die Mauer hinter der Einfahrt gekracht, hinter der sich der Lieferbereich befand. Während alle hektisch zum Unfall eilten, blieb ich wie angewurzelt stehen.
Mitten auf dem Parkplatz flimmerte die Luft. Erst kaum wahrnehmbar. Ein Typ rannte mitten durch. Außer mir schien das niemand zu sehen. Und dann nahm das Flimmern Form an. Erst undeutlich und dann lag sie da. Ich ging zu ihr. Sie war bewusstlos. Real und doch nicht für alle um uns herum sichtbar.
Unglaublich! Genau wie ich!
Ich betrachtete sie. Ihre braunen, gelockten Haare lagen über einem hübschen Gesicht. Kein Make-up, soweit ich erkennen konnte. Dann war sie sicherlich nicht auf dem Weg zur Party gewesen. Sie trug eine dicke Winterjacke, die etwas länger war. Doch ihre schlanken Beine verrieten, dass sie nicht zur molligen Fraktion gehörte.
Ich hätte gern mehr von ihrem Gesicht gesehen. Doch das musste warten, bis sie zu sich kommen würde.
Erst nachdem Polizei, Feuerwehr und Rettungswagen den Parkplatz in bunte Lichter tauchten, wachte sie ganz langsam auf. Um sie nicht zu verschrecken, ging ich einige Meter hinter sie.
Als sie sich fragend umsah, blickte ich in ein sehr ansprechendes Gesicht. Braune Augen, eine süße Nase und volle Lippen. Wären wir uns früher begegnet, ich hätte alles darangesetzt, diese küssen zu dürfen.
Doch wir waren im Hier und Jetzt.
Ob sie mich auch sehen konnte? Wir waren in dieser Astralwelt mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen.
Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
»Hey, du! Warte mal. Hörst du mich?«, rief ich und winkte ihr zu, als sie sich umdrehte.
Yes!
Nun lief sie hinter mir her. Wir mussten erst einmal hier weg. Ständig auf den Haufen Schrott zu schauen, war bestimmt furchtbar für sie. Wobei sie schon bewiesen hatte, dass sie das alles nicht so schnell umwerfen würde.
Ich hatte damit gerechnet, dass sie heulen würde oder im schlimmsten Fall schreien. Doch dieses zarte Persönchen ging mutig zum Unfallort, ohne einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Und mir gegenüber war sie ziemlich dreist gewesen. Ich musste zugeben, dass sie mir imponierte.
In der Nähe der Party sollten wir aber trotzdem nicht bleiben. Der Unfall war jetzt natürlich das Highlight. Am schlimmsten waren die Spekulationen. Lautstark wurde auf der Straße schon darüber gesprochen. Wer nicht rechtzeitig dazu gekommen war, bekam schaurige Details berichtet. Noch zwei Stunden und etliche Shots mehr und von der Wahrheit würde nur noch ein Funken übrigbleiben.
Ich kannte das zur Genüge. Ich war früher nicht besser gewesen. Wissentlich hatte ich auch das eine oder andere hinzugefügt, damit mir die Mädels an den Lippen hingen und meine Kumpels mir begeistert auf die Schulter klopften. Was war ich nur für ein Arsch gewesen.
Genug mit dem Selbstmitleid, schimpfte ich mich in Gedanken. Wie oft hatte ich in den vergangenen Wochen gejammert, nie richtig für andere da gewesen zu sein. Hier war die Chance, zu beweisen, dass ich nicht mehr Liam, der Egoist war.
Also weg hier.
Ich hatte auch schon einen Ort im Sinn, wo wir ungestört sein würden. Wobei das um diese Uhrzeit fast überall sein würde. Doch ich wollte nicht zu weit gehen. Sicherlich hatte sie viele Fragen und der Rest der Nacht nur noch wenige Stunden, um diese so gut es ging zu beantworten.
Zielstrebig verließ er den Parkplatz. Ich beeilte mich, um zu ihm aufzuschließen. Mit uns gingen einige Partygäste zum Haus zurück, in dem mein Bruder noch vor kurzer Zeit selbst gefeiert und getrunken hatte. Diese Gaffer waren mir bisher gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich, da sie sich am Rande rumgetrieben hatten, um dabei zu rauchen und zu trinken. Ein echter Unfall war wohl besser als jede Reality Show. Ich sah ihre Augen leuchten beim Miteinanderreden. Sie lachten, spekulierten und hatten ihr Highlight des Tages.
Super, dachte ich ironisch. Endlich mal sprechen ältere Jungs über mich. So allerdings hatte ich mir das nicht gewünscht. Ich wollte wütend sein, doch die Angst hatte sich an meinen Nacken festgekrallt und ließ keine anderen Gefühle zu.
Immer wieder drehte ich mich zurück zum Parkplatz um.
Bin ich tot? Nein, das kann nicht sein. Was sollte es denn sonst sein? Der Typ vor mir sagt, dass es was anderes ist.
Ich schüttelte mich, als ob ich damit die zwei Gedanken, die wie in den schlechten Comics als Engelchen und Teufelchen auf den Schultern sitzen und den Kopf dazwischen in den Wahnsinn treiben, abschütteln könnte.
Ich musste an Tempo zulegen, um zu Mister Pyjama aufzuschließen.
Keiner nahm Notiz von uns. Auch auf den seltsamen Menschen vor ihr, in seinem Schlafanzug und den Socken, reagierte nicht einer. Dieser ging um die jungen Erwachsenen auf dem Bürgersteig herum. Sie unterhielten sich über den „krassen Unfall“, bei dem der Fahrer bestimmt „drauf gegangen“ war.
Mir stiegen die Tränen in die Augen.
»Hört auf, so über mich zu reden!«, fuhr ich drei Typen an, die gerade wild darüber spekulierten, welche Körperteile des Fahrers wohl abgerissen worden sind. Statt zu antworten, lachten diese über ihre schlechten Scherze.
Übelkeit stieg in mir hoch.
Wäre ich jetzt allein, würde ich mit Sicherheit heulend zusammenbrechen. Doch diese Blöße wollte ich mir nicht geben, denn mindestens eine Person würde das sehen. Ich konzentrierte mich, dieser zu folgen, was mich definitiv davon abhielt, mich einfach auf den Boden zu setzen.
Ich bremste scharf ab, als ein Kerl mit Bierflasche in der Hand aus dem Haus kam und wir miteinander kollidierten. Es hätte einen Zusammenprall gegeben, wäre ich nicht, was auch immer ich gerade war. Mir stockte der Atem, als er einfach durch mich durchging. Spürte ich da einen leichten Hauch? Ich blickte fragend an mir herunter, tastete mich ab. Mmmh, nein, da war absolut nichts. Unfassbar.
»Einfach durch mich durch«, murmelte ich.
Ein Blick nach vorne zeigte, dass der Fremde weitergegangen war. Schnell ging ich weiter, um ihn in dem Partygewusel nicht aus den Augen zu verlieren. Der Pyjamakerl überquerte kurze Zeit später die Straße und ging zu einem Coffeeshop, der geschlossen war. Kurz vergewisserte er sich, dass ich noch hinter ihm war.
Ich rollte demonstrativ mit den Augen. Was dachte er, wo ich denn sein sollte? In meiner gegenwärtigen Situation war ich ja mehr oder weniger abhängig von ihm.
Er schien das entweder nicht zu sehen oder ignorierte es. Denn er nickte mir aufmunternd mit einem freundlichen Lächeln zu und schritt dann durch die verschlossene Tür.
Mit einer ausgestreckten Hand – nur für alle Fälle – folgte ich ihm. Doch auch das Holz und das Glas hielten mich nicht auf. Mit einem großen Schritt stand ich im Innenraum. Ich spürte dabei genauso wenig wie bei dem „Zusammenstoß“ mit dem Kerl und dem Bier.
Ich schaute mich nach ihm um. Der seltsame Typ saß entspannt auf der Couch am Fensterplatz. Es war ein gemütlicher Coffeeshop. Warum kannte ich ihn nicht? Vielleicht, weil es zu viele davon in Edinburgh gab und diese Ecke eher zum schnellen Einkaufen von Lebensmitteln war. Wenn ich Mom dabei unterstützte, tranken wir im Einkaufsmarkt schnell einen Kaffee oder Tee.
Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Es gab Sitzecken mit bunten Sofas, Sesseln, aber auch Plätze mit buntlasierten Holzstühlen. Die Einrichtung war buntgewürfelt, aber mit Geschmack eingerichtet. Alles harmonierte. Nur dieser Kerl mit dem Pyjama und den gestrickten Socken passte hier so gar nicht her.
Vorsichtig setzte ich mich ihm gegenüber auf einen Sessel. Wenn ich durch Menschen durchgreifen konnte, wer sagte mir, dass ich nicht durch Möbel fallen könnte.
Doch irgendwie klappt das. Alles merkwürdig.
Ich wäre dann jetzt bereit zum Aufwachen, flehte ich in Gedanken.
»Ich heiße Liam.« Er reichte mir die Hand und lächelte. »Hätte mich gleich vorstellen sollen, aber in solche Situationen kommt man nicht alle Tage, nicht wahr?«
Zaghaft fasste ich nach ihm. Ich konnte die Hand nicht richtig greifen, spürte jedoch ein Kribbeln in meiner Handfläche, so als ob ich über ein statisch aufgeladenes Katzenfell streicheln würde.
»Hannah«, erwiderte ich knapp. »Was bist du? Warum kannst du mich sehen? Was ist da geschehen? Was ist mit mir geschehen? Und warum falle ich nicht durch den Sessel, kann aber durch die Tür ...?«, sprudelte es dann aus mir heraus, als wäre der Bann, der meine Worte gehalten hatte, gebrochen.
Liam hob wieder grinsend die Hände.
»Puh, eines nach dem anderen«, unterbrach er meinen Frageschwall. »Vorneweg – hätte ich gewusst, dass wir uns treffen, wäre ich in Jeans ins Bett. Ich bin kein Verrückter, der im Pyjama im Alltag on Tour geht.«
Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust.
»Mein Tipp: Du hättest dich erst einmal umziehen können, statt direkt loszurennen«, blaffte ich ihn an.
Er strich sich nachdenklich über das Kinn.
»Es ist schwer, zu erklären, darum sage ich es geradeheraus. Mein Körper liegt immer noch in meinem Bett.«
»Ich verstehe rein gar nichts.« Null Komma null, fügte ich verzweifelt in Gedanken hinzu. Noch mehr Ungereimtheiten und ich würde davon Kopfschmerzen bekommen.
Er nickte verständnisvoll.
»Hast du schon mal etwas von Astralwanderung gehört?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich kann meinen materiellen Körper verlassen und mich frei bewegen, Plätze aufsuchen, an denen ich bereits war. Manchmal streife ich durch die Gegend. Heute wollte ich mal auf der Party vorbeischauen. Ich stand noch draußen, als es plötzlich auf dem Parkplatz laut krachte und das Chaos losbrach. Während sie ihre Party an den Rand des Parkplatzes verlegt haben, um alles zu sehen, bin ich auch näher. Ein Vorteil, wenn einen niemand sieht – es hält mich auch keiner auf. Als ich auf dem Parkplatz ankam, sah ich dich und du hast geflimmert. Ich habe gespürt, dass du in der Astralwelt bist.«
Ich lachte bitter auf.
»Du willst mir also gerade erzählen, dass du bei dir zuhause im Bett liegst und schläfst, während wir uns hier unterhalten. Für wie blöd hältst du mich?«
Liam grinste mich frech an. »Na ja, ich dachte, in deiner Situation könntest du das Ganze etwas weniger irrsinnig halten.«
Ich verschluckte mich fast. Er hatte Recht. Wie konnte ich ihn anzweifeln, nachdem ich das selbst alles gerade erlebte?
»Entschuldige. Aber verdammt, was ist mit mir?« Ich hob meinen rechten Zeigefinger und schnippte dann. »Moment, ich hab’s! Na logisch! Das hier ist alles nur ein irrsinniger Alptraum. Entweder ich liege immer noch im Bett und träume den ganzen Scheiß oder ich habe ordentlich eins auf den Kopf bekommen. Ich könnte noch im Auto im Airbag liegen.«
Hoffnung machte sich in mir breit. Das klang doch gut. Viel vernünftiger als die komischen Astralgeschichten von Liam.
»Hannah, ich wünschte, es wäre alles nur ein böser Traum. Aber das, was jetzt gerade geschieht, ist die Realität.«
Ich funkelte ihn wütend an. Du nimmst mir jetzt nicht meine Hoffnung!
»Das hier alles ist Schwachsinn! Schau dich doch mal an!«, fuhr ich ihn an.
Er lehnte sich zurück.
»Und was genau willst du unternehmen, um diesen Schwachsinn, wie du es nennst, zu beenden?«
Ich schaute mich um, als ob irgendwo im Raum eine Lösung für dieses Problem zu finden sei. Ich wollte über den Holztisch streichen, doch ich spürte nichts. Keine Maserung war unter meinen Fingerspitzen zu spüren. Auch den Tisch als harten Gegenstand nahm ich so nicht wahr. Ich schaute auf meine Hände, die auf dem Tisch lagen. Ich übte etwas mehr Druck aus. Ah, doch. Irgendwie spürte ich irgendetwas. Es war, als wäre ein Puffer zwischen der Oberfläche und meiner Hand. Ich stieß etwas fester und tauchte mit den Fingern durch die Tischplatte durch. Ich erschrak und zog sofort meine Finger zurück.
Nachdem er mich still beobachtet hatte, stand Liam auf. Er ging zu mir, um sich dann vor mich zu knien und mir in die Augen zu blicken. Er hatte helle, lebendige blaue Augen.
Meine braunen hingegen brannten. Ich spürte die Tränen aufsteigen und blinzelte.
»Wir können gleich herausfinden, was mit dir ist. Möchtest du das?«
Ich legte den Kopf schief.
»Wie meinst du das?«, fragte ich zögerlich.
»Ich gehe davon aus, dass du schon einmal im Eingangsbereich des Royal Infirmary warst. Das ist nämlich das nächste Krankenhaus von hier.«
Langsam nickte ich.
»Gut, dann machst du Folgendes: Du schließt die Augen. Dann stellst du dir den Eingangsbereich so genau vor, wie es dir möglich ist.
