Wächter der Anderswelt - S. R. Taxwood - E-Book
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S. R. Taxwood

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Beschreibung

Hörst du den Ruf der Anderswelt? Und bist du bereit, ihm zu folgen? Ivera möchte ihre Vergangenheit hinter sich lassen, um als Bibliothekarin in den schottischen Highlands ein neues Leben zu beginnen. Im Zug begegnet ihr Ashton. Sie kennt ihn aus ihren Träumen. Was sie noch nicht weiß: Er sieht sie ebenfalls in seinen Nächten, und es bleibt nicht bei nur diesem Aufeinandertreffen. Was bedeutet es, dass sie beide von der Anderswelt träumen, die vom Schwarzen Schatten bedroht wird? Sind Ashtons Gefühle für sie echt oder vermischen sich die Realität und ihre Träume? Und was wäre, wenn beide Welten und die Bedrohung real sind?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Table of Contents

Titelseite

Über das Buch

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Danke

Über die Autorin

Impressum

 

Hörst du den Ruf der Anderswelt? Und bist du bereit, ihm zu folgen?

 

Ivera möchte ihre Vergangenheit hinter sich lassen, um als Bibliothekarin in den schottischen Highlands ein neues Leben zu beginnen. Im Zug begegnet ihr Ashton. Sie kennt ihn aus ihren Träumen. Was sie noch nicht weiß: Er sieht sie ebenfalls in seinen Nächten, und es bleibt nicht bei nur diesem Aufeinandertreffen.

Was bedeutet es, dass sie beide von der Anderswelt träumen, die vom Schwarzen Schatten bedroht wird? Sind Ashtons Gefühle für sie echt oder vermischen sich die Realität und ihre Träume? Und was wäre, wenn beide Welten und die Bedrohung real sind?

 

 

 

Entfernung kann zwar Freunde trennen,

aber niemals wahre Freundschaft!

Kapitel 1

 

Liebes Tagebuch,

Die Landschaft vor meinem Abteilfenster ändert sich stetig. Edinburgh liegt hinter mir. Vor mir liegen Moore, Felsen, Seen und eine unbekannte Zukunft. Es ist ein wichtiger, nötiger Schritt. Der Himmel ist verhangen. Es ist draußen viel zu dunkel für die Tageszeit. Wie oft war es schwarz um mich, obwohl es erst früher Abend war?

 

Ich war elf oder zwölf, als ich zum ersten Mal in meinem Kleiderschrank saß. Es war ein massiver Keilholzschrank, in den kaum Geräusche drangen, wenn die Türen fest verschlossen waren. Den Boden hatte ich mit Kuscheldecken gepolstert. Auf diesen saß ich. Eine fest um mich gewickelt. So fühlte ich mich geborgen. Es war warm. Und es war finster. Und der dicke Stoff um meinen Kopf dämpfte noch stärker die Geräusche. So fiel es am leichtesten, davon zu träumen, dass mein Vater nicht wieder betrunken von der Arbeit heimkam und keinen Streit mit meiner Mutter anfing. Er legte nie Hand an und trotzdem hat es immer wieder weh getan – tief in einem drin und es heilte viel, viel langsamer als ein blauer Fleck.

 

In meiner Erinnerung saß ich geschützt in meinem Schrank, wo nie nachgesehen wurde. Ich träumte davon, dass ich von einem Prinzen gerettet würde. Es war einer dieser kindischen Träume, den so viele Mädchen haben. Solche, in denen sie eine fantastische Welt in den Märchenbüchern gefunden haben, wo alles gut wird und Aschenputtel, Schneewittchen und Dornröschen nur warten müssen, bis der Königssohn mit seinem stolzen Pferd kommt, um sie mitzunehmen.

Doch alle Mädchen werden älter und erkennen, dass es in der realen Welt keine Märchen und keine Happyends gibt.

Im Schrank, eingehüllt in eine dicke Decke, mit elf oder zwölf, da gaben mir die Träume Hoffnung. Ich fand darin Trost. Wenn ich lange genug hinter den Eichenholztüren geblieben war, kehrte Ruhe davor ein, weil mein Vater irgendwann ins Schlafzimmer ging, um in seine Traumwelt zu flüchten.

Ich habe gekämpft und kämpfe noch heute. Ich musste einen eigenen Weg finden. Auch wurde ich zu groß, um in meinem Schrank auf den Königssohn zu warten – erkannte, dass der Prinz nicht kommen würde und nur ich etwas ändern konnte. Meine Eltern würden nichts an dieser Situation ändern, aber ich konnte es: Ich entschied, auf ein eigenes Ziel hinzuarbeiten.

 

Jede gute und sehr gute Note half mir, größere und kleinere Steine aus dem Weg zu räumen. Jede schulische Arbeitsgemeinschaft bedeutete weniger Zeit zu Hause und zusätzliche Möglichkeiten für meine Zukunft.

Ein Teilziel war erreicht, als ich das Angebot bekam, als Buchhändlerin zu arbeiten und alles zu lernen, was ich dafür brauchte.

Mrs Urquhart werde ich ewig für diese Chance dank­bar sein. Ich verdiente nicht nur Geld, das in dieser Welt so bitternötig ist, sondern ich konnte mein Lebens-Fundament verfestigen, wachsen lassen. Wie viele Gespräche hatte sie mit mir gehabt, schob meine Sicht gerade, ermutigte mich, den Blick zu heben, stolz auf mich zu sein.

 

Der Tod meiner Eltern – viele hatten es früher oder später so oder so ähnlich kommen sehen. Auf dem Weg von irgendeiner Feier, auf der alle dem Alkohol gut zugesprochen hatten, so auch wie immer mein Vater, verlor er die Kontrolle über seinen Wagen. Er kam von der Fahrbahn ab und fuhr fast ungebremst gegen einen Baum. Weder er, noch meine Mutter auf dem Beifahrersitz, überlebten. Es tat mir trotzdem weh.

Obwohl gleichzeitig Ruhe war. Kein Verstecken, keine Tränen, keine Wunden mehr. Nicht von meiner Familie. Aber ich musste weiterkämpfen, die Ziele fest fokussieren und nie aufhören, auf diese hinzuarbeiten.

Und nun endlich kann ich den Lohn dieser Arbeit entgegennehmen. Der erste richtige Job nach der Lehrzeit – weit weg von meiner Heimat, weg von all diesen Menschen, die mir mit Vorurteilen begegneten, weg von dem mir vorausgesagten Werdegang. Endlich der verdiente Neuanfang.

 

Ich wischte mir eine Träne weg. Als wollte der Himmel mir ein Zeichen senden, brach die Wolkendecke auf. Sofort radierte der Sonnenschein die Tristesse der Landschaft weg. Ich setzte die Mine wieder an. Bis zu meiner Ankunft, wollte ich diesen Punkt auf meiner To-do-Liste abhaken.

Dieses nagelneue Buch ist ein Symbol für meinen Neustart: leere Seiten. Die alten Tagebücher habe ich verbrannt. Dieser Akt war eine Befreiung gewesen. Ich werde die Blankoseiten, ebenso wie mein Leben, mit den besten Erinnerungen füllen.

Die Vergangenheit liegt hinter mir. Alle schlechten Erfahrungen haben mich geprägt, aber ich will sie nicht als Ballast mit mir tragen, sondern als unabänderbar akzeptieren. Das wird allerdings schwer möglich, wenn ich das Vergangene nur verdrängen würde. Aber beim Verbrennen meiner alten Bücher, dem Abschließen der Tür meines Elternhauses, dem ersten Schritt in den Zug – ja, ich habe gespürt, wie mir tatsächlich eine Last genommen wurde. Endlich kann ich befreit durchatmen.

 

Im Fenster spiegelte sich mein Porträt. Ich lächelte der anderen Ivera zu, die es hoffnungsvoll erwiderte.

»Ich bin bereit!«, flüsterte ich leise und schrieb dieses nieder.

 

 

Kapitel 2

Ein Sturm tobte und Blitze zuckten. Shade lag in ihrer Kammer und konnte kein Auge zutun. Nicht nur das Unwetter hinderte sie am Schlafen, sondern etwas lag schon den ganzen Tag in der Luft.

Eine Unruhe begleitete die Bewohner, die sie nicht mit Händen oder Worten fassen konnten. Nach außen hin wirkte es wie immer. Alle gingen ihrer Arbeit nach. Und doch schien jeder angespannt zu sein. Die Anweisungen wurden ein wenig zu laut geschrien, die Gänse für die Küche zu grob gerupft, die Laufgänge hektischer als sonst erledigt.

Oder meinte sie das nur? War es einzig das heranziehende Gewitter gewesen, das sie gespürt hatte? Hatte sie ihre Beobachtungen durch ihre eigene Unruhe falsch gedeutet? Doch eines war keine Täuschung: Das Königreich steckte in einer Krise.

»Das gemeine Volk spürt so etwas immer zuerst«, hatte ihr Vater beim Abendessen gesagt. Ihre Mutter hatte den Kopf gesenkt und geschwiegen. Auch hier konnte Shade diese unangenehme Stimmung spüren, wie einen Vorboten von etwas Gewaltigem. Ihr Vater hatte natürlich Recht. Man musste nur die Augen öffnen: Die Nahrung wurde knapper. Der Sommer war erneut viel zu trocken gewesen. Berichte von Plünderern und Wegelagerern nahmen stetig zu. Zudem gab es Gerüchte, dass die alten Grenzen brüchig wurden. Der König schickte immer mehr Männer aus, um einzugreifen, deren Arbeitskraft fehlte deswegen aber auf dem Feld und im Wald.

 

Ihr Vater war oberster Offizier der Leibgarde der Königsfamilie und hatte Shade vor mehr als zwei Jahren als Kammerdienerin der Prinzessin bei Hofe untergebracht. Sie verstand sich sehr gut mit Prinzessin Leondra und war bald ihre engste Vertraute geworden. Das Wissen, dass Shades Vater persönlich zu beider Schutz beitrug, erleichterte Leondra ungemein, sich auch in diesen Zeiten sicher zu fühlen. Es half Shade ebenso, ruhiger schlafen zu können.

Nur heute Nacht fand sie keinen Schlaf. Es wurde geflüstert, dass Aufständler sich versammelt hätten und das Schloss überfallen wollten.

»Es braut sich nicht nur am Himmel etwas zusammen, so lange, wie es schon so drückend ist. Wenn ein großes Gewitter toben würde«, sagte ihr Vater vor wenigen Tagen, »dann wäre das der beste Zeitpunkt für einen Angriff. Aber keine Sorge. Ich bin mit meinen Männern in höchster Alarmbereitschaft.«

Diese Nacht war sehr unruhig. Der Wind peitschte den Regen vor sich her. Die Bäume wurden gerüttelt, als wären sie nur dünnes Gestrüpp. Jedes Geräusch schreckte Shade hoch. »Hätte mein Vater mich doch nur verheiratet, bevor ich hierherkam, dann wäre ich jetzt in einem sicheren Häuschen weit weg vom Schloss«, murmelte sie.

Shade war bereits zwanzig Jahre alt. Selbst ihre beiden jüngeren Schwestern waren schon Ehefrauen. Für sie hingegen war kein Mann gut genug gewesen, um sie überhaupt zu einem Spaziergang einladen zu dürfen.

»Du bist was Besonderes und nicht als Frau und Mutter im Moment geeignet. Du sollst nicht in dein Unglück rennen. Dafür habe ich Sorge zu tragen«, pflegte ihr Vater stets zu sagen, wenn sie neidisch den anderen Mädchen zugesehen hatte, wie sie umworben wurden oder sie wieder einer Hochzeit einer ihrer Freundinnen beiwohnen durfte.

»Ich sorge dafür, dass du bei Hofe Arbeit erhältst und vielleicht dort einen anständigen Mann findest.« Der erste Teil war ein Versprechen gewesen. Der zweite war einzig zur Beruhigung gedacht. Dessen war sie sich mittlerweile sicher. Denn auch hier am Hof fand sich kein Anwärter, der ihrem Vater gut genug als potentieller Schwiegersohn war. Nicht einmal Toarit.

 

»Toarit«, flüsterte sie seinen Namen, als sie an ihn dachte. Immer wieder hatte sie ihn beobachtet, wenn ihr Vater mit seinem Lieblingsschüler auf der Wiese hinter den Obstgärten trainierte. Nur zu gerne brachte Shade den beiden das Mittagessen. Nach und nach war sie immer früher gekommen, um noch etwas zusehen zu können.

Es war beeindruckend, wenn die beiden miteinander im Schwertkampf scheinbar mit ihren Waffen verschmolzen. Beide waren größer als der Durchschnitt der Männer am Hof oder in den umliegenden Dörfern. Durch die Arbeit und das Training waren ihre Muskeln definiert und traten deutlich im Kampf hervor. Beide hatten denselben Gesichtsausdruck beim Kampf: konzentriert, unnachgiebig und einen geradezu stechenden Blick. Doch blickten auch diese beiden Augenpaare nur wenig später, getrennt von den Schwertern, beim Essen sanft auf sie.

Toarit hatte besondere Augen, um seine Pupillen hatte er je einen braunen Farbkranz, während der Rest blau strahlte. Shade konnte in ihnen versinken. Manchmal erschien es ihr, als würde sich das Braun um die Pupille drehen. Es war hypnotisierend und ließ ihr Herz schneller schlagen.

Shade blieb immer einen Moment, teilte das Essen aus, gab jedem sein Wasser und hörte zu, wie ihr Vater den Übungskampf Revue passieren ließ.

Zuerst war ihr Toarit nur sehr nett vorgekommen, dann hatte sie ihm in die Augen geschaut, sich in ihnen verloren, das Farbenspiel fasziniert beobachtend. Das darauffolgende Gefühl konnte sie auch Stunden danach nicht von sich schütteln.

Nicht nur ihre Verweildauer beim Essenbringen verlängerte sich immer ein wenig. Sie versuchte zusätzlich, ihn wie zufällig im Hof zu treffen. Wenn es gelang, lächelte sie schüchtern, denn jeder Blick in seine besonderen Augen ließ dieses warme Gefühl in ihr wieder auflodern. Dann, einige Wochen später, als sie nach dem Training Toarit Brot und Käse reichte, hielt er kurz ihre Hand, als ihr Vater in seiner Tasche etwas suchte. Er drückte sie sanft und lächelte auf eine Weise, die ihr den Atem nahm.

»Später … in der letzten Baumreihe … beim Brunnen«, formten fast tonlos seine Lippen. Doch es war ihr, als ob sie seine Stimme laut und deutlich in ihrem Kopf hören würde. Sie nickte und zog schnell die Hand weg, weil ihr Vater sich bewegte.

»Shade, du bist immer noch da? Nun geh endlich zurück und erledige deine anderen Pflichten«, brummte ihr Vater und blickte streng zu ihr.

Hatte er etwas gesehen? Sie hoffte es nicht. Und wenn doch? Mit weichen Knien stand sie auf, murmelte eine unverständliche Entschuldigung und lief zurück zum Schloss. Sie wollte so schnell wie möglich ihre Arbeiten erledigen.

Später, dachte sie. Wann genau ist später?

Ihr Vater würde das Treffen unterbinden, sollte er etwas von der Verabredung mitbekommen haben. Zudem schickte es sich nicht, heimlich mit einem Mann Kontakt zu haben. Aber konnte sie denn nicht hingehen? Was, wenn er nicht kam oder wieder ging, bevor sie dort erscheinen konnte?

Ihre Gedanken lenkten sie so sehr ab, dass sie sich beim Flicken eines Rockes in den Finger stach. Sie nahm den Daumen in den Mund, saugte an der kleinen Wunde und blickte auf ihre Flickarbeit hinunter und den Korb daneben. Shade hatte nur noch dies zu erledigen, aber es waren nicht gerade wenige Stücke.

»Jammern erledigt nicht die Arbeit«, seufzte sie und nähte weiter.

Kaum lag das letzte Hemd aus dem Korb lochfrei auf der Truhe in der Kammer, war sie schon auf dem Weg in den Obstgarten. Dabei zwang sie sich, nicht zu rennen, obwohl alles in ihr danach schrie. Mit einem nervösen Magenflattern blickte sie sich ständig um, als ob sie erwartete, dass ihr Vater auftauchen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Es schien sie auch niemand zu bemerken. Jeder ging seiner Arbeit nach. Als sie ins Freie trat, blieb sie kurz stehen, atmete erleichtert ein und bereute es sofort. Der Schweinestall stank erbärmlich und der Wind hatte ihr mitten im Luftholen eine Brise davon zugeweht.

Sie ging nun doch etwas zügiger weiter, bog nach links ab, huschte unter dem Torbogen durch in den Obstgarten, der mit einer eigenen Mauer umgrenzt war. An der Nordmauer war eine schwere Holztür, die auf Wiesen und Felder der umliegenden Dörfer führte. Sie musste aber zur Westmauer, wo es in der letzten Baumreihe auch einen Brunnen zur Bewässerung des Gartens gab.

Ihr Herz klopfte stark und sie wusste nicht wohin mit ihren Händen. Sie wollte zumindest nach außen hin ruhig erscheinen. Nur noch dreißig oder fünfunddreißig Schritte trennten sie vom Brunnen.

Er wird nicht da sein, dachte sie, so lange, wie ich gebraucht habe, um alles zu erledigen.

Und tatsächlich, als sie den geheißenen Ort sah, war er verlassen. Shade ging hin, schaute sich um und setzte sich dann in das Gras. Sie wurde sehr traurig, worüber sie sich selbst wunderte. Was hatte sie denn erwartet?

Sie spürte, dass ihr danach verlangte, zu weinen. Wie konnte ihr Verstand nur derart auf einen Mann fixiert sein, der bisher kein wirkliches Interesse bekundet hatte?

Vielleicht würde er das auch gar nicht tun. Sie erstarrte bei diesem plötzlichen Gedanken. Womöglich möchte er meinen Vater nicht verärgern, weil ihm dessen Tochter nachläuft, drängte sich ihr auf. Immerhin suchte sie seine Nähe und das musste ihm aufgefallen sein. Wahrscheinlich wollte er sie aber auch nicht kompromittieren. Deshalb das heimliche Treffen, um sie zu tadeln.

Shade stand auf. Ihr Blick fiel auf das Gras am Boden. Ein Marienkäferchen krabbelte an einem Halm hoch, der sich zunehmend Richtung Grund bog. Sie hatte sich falsche Hoffnungen gemacht, entschied sie mit einem Stich in ihrer Brust. Toarit war beliebt. Er konnte jüngere Mädchen als sie zur Frau bekommen, wenn er wollte. Jeder Vater würde sich über seine Absichten bezüglich seiner Tochter freuen. Jeder? Ihrer auch?

»Egal«, entschied sie laut und ignorierte, dass ihr Herz das Gegenteil sagte. Also ging Shade in Richtung des breiteren Mittelpfades, der kreuzförmig alle Reihen des Obstgartens miteinander verband. Dann spürte sie etwas, das sie anhalten ließ. So als stände jemand hinter ihr. Shade drehte sich um. Verwundert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Keiner war hier. Nur sie. Doch das Gefühl nicht allein zu sein, wuchs. Als sie sich Richtung Schlosstor wandte, um weiterzugehen, hielt sie überrascht inne. Toarit kam ihr entgegen. Sie winkte ihm, bereute es aber fast augenblicklich. Wenn er sie tadeln würde, dann war das eine überaus dämliche Geste.

»Wie schön«, begrüße er sie. »Ich dachte schon, ich wäre zu spät. Euer Vater ließ mich noch die Stallungen mit ausmisten. Verzeiht.«

Shade lächelte. Er nahm sie wortlos bei der Hand und führte sie zum Brunnen zurück. Der Stallgeruch an ihm war überdeutlich, doch es war ihr egal.

»Ich hatte schon die Befürchtung, Ihr hättet zu lange warten müssen«, erwiderte sie, verdrängte ihre negativen Gedanken, die sie nur einen Moment vorher noch gehabt hatte und setzte sich ins Gras.

Toarit nahm dort Platz, wo sie noch vor wenigen Augenblicken gesessen hatte. »Ich hätte gewartet.«

Sie musste lächeln, so sehr freuten sie seine Worte. Er klang nicht sachlich oder kühl, nicht so, als ob er bald zum Rügen kommen wollte.

»Darf ich fragen, warum Ihr Euch mit mir hier treffen wolltet?« Ihre Stimme klang dünn und unsicher, noch immer hatte sie ihre Bedenken, selbst wenn seine Art und Weise zu reden und sie zu berühren beruhigte.

»Das müsst Ihr wirklich fragen?« Toarit nahm ihre Hand. Sacht strich er mit dem Daumen über ihren Handrücken. Ein Kribbeln wanderte von der Berührung in ihren Bauch. »Ich muss mit Euch reden – ohne Euren Vater. Ihr müsst mir sagen, warum wir uns in jüngster Zeit so häufig begegnen.« Er machte eine Pause und musterte sie.

Shade wurde rot. »Ich … es tut mir leid … ich wollte Euch nicht nachstellen.«

»Oh ...« Dann lachte er auf und fuhr sich durchs glatte, dunkelbraune Haar, »so habe ich das nicht gemeint. Verzeiht mir, ich bin etwas unerfahren in solchen Dingen. Ich hätte es anders formulieren sollen.«

Seine sichtbare Verlegenheit lockerte Shades Steifheit. »Nun, formuliert die Frage neu«, antwortete sie keck und traute sich, ihm dabei zuzuzwinkern.

Ein Schmunzeln war seine erste Reaktion darauf. Dann lachte er wieder, doch diesmal lauter und tiefer, einen Moment länger.

»Das gefällt mir. Nun, dann …« Er räusperte sich und setzte zu der Frage an: »Könnt Ihr mir erklären, warum Ihr mir nicht aus dem Kopf geht?«

Sie hielt einen Moment die Luft an. Hatte er sie das wirklich soeben gefragt? Empfand er tatsächlich so wie sie?

»Diese Formulierung war nicht viel besser«, entschuldigte er sich. Dabei drückte er ihre Hand, seine Augen suchten die ihren.

»O doch. Nur kann ich sie unmöglich beantworten. Die erste Frage war einfacher.«

Sie erwiderte seinen Blick lange.

»Dann beantwortet erst diese und wir suchen zusammen anschließend die Antwort zur zweiten Frage«, schlug er vor.

Shade nickte. Kurz zögerte sie. Soll ich so ehrlich sein? Was, wenn er das nur hören will, um seine Argumente zu stärken, dass ich es zu unterbinden habe? Sie spürte seine Hand um ihre. Nein, er empfindet das Gleiche, entschied sie. »Ich darf in fast jeden Teil des Schlosses«, begann sie etwas stockend. »Die meisten kennen mich durch meinen Vater und so war es ein Leichtes für mich, herauszufinden, wo Ihr zu tun hattet.«

»Und so habt Ihr Eure Tätigkeiten so gewählt, dass sich unsere Wege kreuzen mussten«, mutmaßte er.

Shade nickte. Sie senkte ihren Blick. Als sie ihre Hand darauf zurückziehen wollte, hielt er sie fest.

»Ich kann meine Tätigkeiten nicht ganz so frei wählen und verschieben. Daher danke ich Euch dafür, dass ich durch Euer Geschick täglich in die Gelegenheit komme, Euch sehen zu dürfen und nicht nur bei den zwei Mal Sondertraining in der Woche mit Eurem Vater.« Seine Worte überraschten sie so sehr, dass sie ihn nur sprachlos anblickte. »Wie ich bereits sagte: Ihr geht mir nicht aus dem Sinn.«

»Ihr mir ebenfalls nicht«, flüsterte Shade.

Toarit freute sich sichtlich über ihr Geständnis. Sein Lächeln ließ auch seine Augen strahlen. Vorsichtig rückte er näher zu ihr. »Verzeih mir, aber ich kann nicht anders«, sagte er ebenso leise.

Noch bevor sie ihn fragen konnte, was er damit meinte und wieso er diese vertraute Anrede gewählt hatte, war er schon auf den Knien. Er beugte sich zu ihr. Seine rechte Hand wanderte in ihren Nacken, um sie sanft zu sich zu ziehen. Dann spürte sie seine warmen Lippen auf ihren. Nur kurz verspannte sie sich, bevor sie ihm entgegen rückte, seinen Mund küsste und ihren einladend öffnete.

 

 

Kapitel 3

Huch, was war das?

Ein Geräusch ließ mich hochschrecken. Ich war wieder einmal eingeschlafen. Wo war der Zug mittlerweile? Ich versuchte mich, durch das Fenster des fahrenden Zuges zu orientieren.

»Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht wecken.«

Erneut zuckte ich zusammen, denn ich hatte die ganze Zeit allein in dem Viererabteil gesessen. Vor mir saß jetzt allerdings ein Mann, der mir freundlich zulächelte. Er trug seine Haare kurz, aber noch lang genug, um sie strubbelig zu stylen, was ihm sehr gut stand. Markantes Kinn, aufmerksamer Blick, gepflegte, starke Hände mit langen Fingern.

Ivera, nun reiß dich zusammen, ermahnte ich mich. »Schon gut. Ich wollte eigentlich gar nicht schlafen. Das Abteil gehört mir außerdem nicht.«

Himmel, war mir das gerade peinlich. So eine doofe Antwort. Noch schlimmer, dass ich ihn anstarrte.

Er lehnte sich zurück, legte ein Bein über das andere und blickte zu mir. Einerseits sah er mich freundlich an, andererseits dabei so intensiv, als wollte er meine Gedanken lesen. »Sie fahren bis Glasgow?«, erkundigte er sich im Smalltalkton.

»Ab da dann weiter.« Mehr Infos brauchte ein Fremder nicht. »Wie weit ist es noch bis Glasgow?«

Mein Gegenüber hob seinen Arm, um auf seine Uhr zu schauen. »Zirka zwölf Minuten.«

»Dankeschön.« Die Zeitangabe nahm mir etwas von dieser Orientierungslosigkeit. Eigentlich hätte ich auch auf mein Handy schauen können, aber irgendwie wollte ich das Gespräch am Laufen halten. Ich mochte seine dunkle Stimme. »Sie reisen geschäftlich?«, fragte ich daher weiter.

»Privat. Ich hatte mir ein paar Tage Edinburgh bei einem Freund gegönnt. Doch Montag beginnt wieder der Arbeitsalltag. Und Sie?«

»Irgendwie beides. Ich fange eine neue Stelle an und ziehe dorthin.«

Sein Blick wanderte zu dem Koffer unter meinem Sitz und dem Rucksack über mir in der Ablage. »Andere nutzen ein Umzugsunternehmen und fahren mit dem Auto. Das ist auch der schnellere Weg.«

»Es ist ein Neuanfang. Ich habe mich vom Ballast befreit und da ich nicht auf der Flucht bin, gönne ich mir eine Zugreise, bei der ich auch mal die Augen zumachen kann. Machen Sie das mal beim Autofahren.« Warum nur musste ich immer so viel plappern, wenn ich nervös war? Dafür gab es hier und jetzt gar keinen Grund. Andererseits machte mir jede Meile, die ich meiner Zukunft näher kam, weitere Wirbel im Bauch.

»Ich bin Ashton Reed. Ihre neue Bekanntschaft.« Er beugte sich zu mir und streckte die Hand aus.

»Ivera Murray.« Ich spürte seinen festen, warmen Händedruck.

Das Licht fiel seitlich auf sein Gesicht und plötzlich strahlten seine Augen etwas mehr auf. Verzaubert sah ich in blaue Augen mit einem braunen Farbkranz um die Pupillen. So etwas hatte ich doch schon mal gesehen? Konnte das sein? Wie hypnotisiert hielt ich seine Hand fest, damit er sich nicht wieder hinsetzen konnte und ich diese Anomalie bewundern konnte. Dann fiel es mir ein. Ich hatte im Traum in diese Augen geblickt. Bruchstücke kamen zurück. Ein Ort mit Obstbäumen, einem Brunnen, diese Augen, … Als sich seine Hand nach einem Augenblick, der länger als üblich gedauert hatte, von meiner löste, holte er mich in die Gegenwart zurück.

»Zentrale Iris-Heterochromie.«

»Wie bitte?« Ich hörte zwar, was er zu mir sagte, verstand es aber nicht.

»So nennt man das, was Sie gerade bemerkt haben: Zentrale Iris-Heterochromie. Eine scheinbar sehr interessante Laune der Natur«, erklärte mein Gegenüber.

»Ich wollte nicht starren. Es tut mir so leid. Es ist nur …« Boden tu dich auf und verschluck mich. Bitte!

Er lachte, allerdings nicht mich dabei aus. Das würde anders klingen.

»Schon okay. Es kommt immer mal wieder vor, dass die Blicke länger darauf bleiben. Man sieht das ja auch nicht so oft. Wie ist es mit Ihnen? Auch irgendwo eine Besonderheit versteckt?« Seine Augen scannten mich kurz, bevor er mir zuzwinkerte.

Die Durchsage, dass wir bald in Glasgow ankommen, rettete mich vor der Antwort. Entschuldigend deutete ich ein Achselzucken an. Dann sammelte ich ein bisschen Mut.

»Jetzt werden Sie es wahrscheinlich nie erfahren.« Es gab nichts Besonderes an mir. Aber auch das würde er nie erfahren. Doch dieses winzige Flirten tat gut. Ich hatte nun die Chance, das graue Mäuslein, das ich bisher war, hinter mir zu lassen. Ich schnappte meinen Rucksack und den Koffer.

»Wirklich schade, Ivera Murray. Aber man begegnet sich immer zweimal im Leben.« Er stand wie ein Gentleman auf. Der Zug fuhr in eine Kurve, der Rucksack rutschte von meiner Schulter, da ich nur einen Riemen verwendete, und dadurch verlor ich einen winzigen Moment das Gleichgewicht. Sofort griff dieser interessante Mann mit den besonderen Augen zu. Er hielt mich mit beiden Händen an den Armen fest. Noch einmal zog mich seine Augenanomalie magisch an. Ich atmete sein herbes Aftershave tief ein. In diesem Augenblick wünschte ich mir, dass er Recht hatte.

»Danke. Alles Gute«, murmelte ich dennoch verlegen. Ich hatte fast den Eindruck, als müsste ich mich losreißen. Obwohl ich längst wieder mein Gleichgewicht gefunden hatte, hielt er mich fest, den Blick auf mir. Ich machte einen Schritt weg von ihm. Nur widerwillig, so schien es mir, ließ er mich los. Er öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch ich eilte in Richtung Ausgang und ließ ihn im Abteil zurück. Für mich hieß es nicht nur, Ballast zurücklassen, sondern auch keinen neuen aufladen. Was auch immer zwischen uns gerade gefunkt hatte. Ich würde Ashton Reed nie wiedersehen, warum also Emotionen und kindische Hoffnungen aufkommen lassen? Ich kannte mich. Es war besser zu gehen.

 

 

 

Kapitel 4

 

Shade schreckte aus einem Traum auf. Was war das für ein Geräusch gewesen? Klang das wie Gebrüll?

Sie setzte sich auf. Ihre langen dunklen, leicht gelockten Haare fielen ihr über die Schulter und zum Teil auch ins Gesicht. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Ein Blitz zuckte und sie zog die dünne Decke höher. Nein, es war außer dem Wind nichts zu vernehmen. Sie lehnte sich langsam zurück.

Da! Das war ganz sicher irgendetwas. Nur was? Durch das Unwetter waren die Geräusche undeutlich und verzerrt. Shade setzte sich kerzengerade auf. Ihr Blick wanderte durch das Schwarz ihrer Kammer. Regen setzte draußen ein.

Sie dachte angestrengt nach. Was sollte sie tun? Ihre Gedanken rasten. Vielleicht täuschte sie sich und alles lag in tiefem Schlaf. Das Unwetter und ihre Angst konnten ihr falsche Geräusche vorgaukeln. Doch was, wenn dem nicht so war? Was, wenn gerade ein Kampf begonnen hatte?

Das Unwetter wäre, laut ihrem Vater, der „beste Zeitpunkt für einen Angriff.“ Die Stimme ihres Vaters hatte sie früher immer beruhigt, selbst wenn sie jene nur in Gedanken hörte, doch heute nicht. Heute spürte sie eine Unruhe, die nicht mehr von ihr ablassen wollte.

Shade drehte sich zur Seite und schob ihre Beine über den Bettenrand, die augenblicklich von einer Gänsehaut überzogen wurden. Durch das Unwetter war es merklich abgekühlt. Sie fror.

»Kein Wunder«, kamen ihr wieder Vaters Worte in den Sinn, »nicht ein bisschen Speck war an dir, der dich wärmen könnte.«

Unentschlossen saß sie einen Moment regungslos so da und rieb sich die Oberarme. »Es könnte alles sein«, murmelte sie.

Ein Poltern ließ sie aufstehen. Hastig zog sie sich an. Ihr neues braunes Wollkleid kratzte sie ein wenig durch das Unterkleid, doch sie achtete kaum darauf. Langsam ging sie auf Zehenspitzen zur Kammertür und legte ihr Ohr an. Vergeblich versuchte sie, Geräusche von draußen wahrzunehmen. Die Intensität des Sturmes hatte zugenommen, was das Hören stark beeinträchtigte. Der Regen prasselte, als ob Steine vom Himmel fielen. Der Wind heulte und immer wieder donnerte und blitzte es. Dazu klopfte ihr Herz so laut, dass sie kaum etwas anderes wahrnehmen konnte.

Shade seufzte leise. Mit ihrer feuchten, zittrigen Hand fasste sie den Türgriff. Ein weiterer heller Blitz ließ sie abermals zusammenzucken.

Sie atmete noch einmal tief durch und öffnete die Tür einen Spalt. Dann lugte sie nach rechts auf den Gang. Es war nichts zu sehen. Die Feuer flackerten ruhig in den Wandhalterungen. Ein Blick nach links in Richtung des Zimmers der Prinzessin würde sie sicherlich beruhigen und sie konnte sich wieder hinlegen.

Erschrocken hielt Shade inne, als sie keine Wachleute auf ihren Posten sah. Das hatte es noch nie gegeben. Ihre Unruhe wuchs zu einer kleinen Panik. Sie öffnete die Tür ein wenig mehr und schlüpfte in den Gang. Nachdem sie die Tür hinter sich leise geschlossen hatte, konnte sie besser in das Schlossinnere lauschen. Der Lärm des Sturmes war nun gedämpft.

Ein Geräusch ließ sie zucken. Es klang, als wäre Metall auf Metall getroffen. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich in die Richtung, aus der sie das verdächtige Klirren gehört hatte. Noch entfernt konnte sie schwach aufgeregte Stimmen hören. Shade fröstelte.

»Leondra«, flüsterte sie. Vorsichtig näherte sie sich der Kammertür ihrer Prinzessin. Sie blieb stehen. Erneut lauschte sie. Die Geräusche nahmen deutlich an Intensität zu.

»Mist!«, fluchte sie. Ihre Augen weiteten sich, als ihr schreckliche Szenen durch den Kopf gingen. Ihre Panik wuchs weiter an.

Ruhig, ermahnte sie sich selbst und schluckte schwer. Noch nie hatte sie eine Revolte gesehen, aber schon viele schreckliche Geschichten davon gehört – und mittendrin, da war sie sicher, ihr Vater und Toarit.

Shade klopfte, wie es sich gehörte, an die Tür.

»Keine Zeit.« Ohne auf eine Antwort auf ihr Klopfen zu warten, ging sie hinein. Es war dunkel und ihre Augen mussten sich erst einmal daran gewöhnen, da der Flur mit Fackeln ausgeleuchtet war. Leondra saß in ihrem Bett. Sie schaute Shade verängstigt an. Ihre Lippen waren fest aufeinandergepresst. Die Decke hatte sie so hoch wie möglich gezogen.

»Ihr müsst Euch anziehen, Königliche Hoheit«, flüsterte Shade und suchte nach Kleidung für die Prinzessin. Diese regte sich nicht.

»Kommt, ich helfe Euch«, bot Shade an, obwohl genau das zu ihren Pflichten gehörte. Sie kam mit den Sachen ans Bett.

»Irgendetwas passiert. Irgendetwas ganz Schlimmes!« Noch immer bewegte sie sich nicht. Stattdessen krallte sie sich fester in ihre Decke. Ihre Kammerzofe nickte ihr zu.

»Wir werden, bis wir genaues wissen, erst einmal einen sicheren Zufluchtsort finden. Vielleicht täuschen wir uns beide«, sagte Shade in einem derart ruhigen Ton, der sie selbst verwunderte.

Die Prinzessin nickte. Langsam stieg sie aus dem Bett. Sie zitterte nicht nur vor Kälte, während Shade ihr beim Ankleiden behilflich war.

»Wird schon alles gut«, murmelte diese. »Mein Vater passt schon auf uns auf.«

Sie nickte der Prinzessin zu, als diese angekleidet war und ging zur Tür, um nach draußen zu lauschen.

»Kommt!« Shade streckte Leondra ihre Hand hin, die die Angesprochene rasch ergriff. Was immer vor sich ging, es wurde selbst durch die geschlossene Tür deutlicher zu hören. Es war Zeit, zu verschwinden.

Shade öffnete die Tür und Gebrüll hallte den Gang entlang. Nun war sie sich auch sicher, weitere Geräusche richtig zuzuordnen. Metall auf Metall klirrte. Schreie waren dumpf zwischen den Donnerschlägen zu vernehmen.

Sie zögerte, um sich mit geschlossenen Augen kurz zu konzentrieren. Kamen die Geräusche mehr von rechts oder links? Links!

Shade drückte die Hand ihrer Prinzessin. »Wir müssen nach rechts«. Die beiden jungen Frauen hasteten den Gang entlang. Sie liefen um die nächste Ecke, als sie in drei Männer hineinstolperten. Sie schauten beide erschrocken, dann erleichtert.

»Wachleute«, erkannte Shade erfreut.

»Ihr müsst sofort weg von hier. Das ganze Schloss ist umkämpft. Die ersten Gruppen konnten schon eindringen«, schrie der jüngste der drei, dem die Angst im Gesicht stand.

»O nein«, jammerte Leondra.

»Wir haben den Auftrag, die Prinzessin sofort zu einem sicheren Ort zu bringen«, erklärte der Bärtige der Gruppe knapp.

Sie nickten beide als Antwort darauf. Ein Schrei nicht weit hinter ihnen ließ sie zusammenzucken. Ein Befehl wurde gebellt. Es klang viel näher als bisher.

Shade wirbelte herum. War das nicht die Stimme ihres Vaters gewesen? Sie schaute entsetzt zu den Wachmännern. »Mein Vater!«, rief sie panisch.

»Wir haben keine Zeit!« Der Jüngste packte sie am Arm, während die anderen Prinzessin Leondra in ihre Mitte nahmen. Dann erklang erneut ein Schrei.

»Nein, ich muss zu ihm!«, schrie Shade und zerrte sich los.

»Shade, nicht! Du musst bei mir bleiben!«, rief die Prinzessin. Doch ihre Kammerzofe stolperte los.

»Wir werden Euch aus der Gefahrenzone bringen!«, hörte Shade einen der Wachleute zur Prinzessin sagen. Ihr war das gleich. Sie konnte nicht dagegen ankämpfen und eilte den Gang entlang. Sie erreichte ihre Kammertür und blieb stehen, um sich dem Lärm langsamer zu nähern.

»An mir kommt ihr nicht vorbei.« Das war die Stimme ihres Vaters. Sie hörte sie mehr in ihrem Kopf als in Wirklichkeit. In ihren Gedanken sah sie ihn beim Training mit Toarit. Sie kannte beide im Kampfmodus. Doch das hier war ernst. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

Schritt für Schritt ging sie vorwärts. Dann konnte sie auch schon auf die Szene schauen, deren Lärm sie aufgeschreckt hatte. Auf der Treppe zum unteren Stockwerk kämpften Wachleute, ihr Vater voran, gegen eine Horde wilder Kerle, die verbissen versuchten, Zugang zum Gang zu bekommen. Es wurde mit Schwertern gehauen, Fäuste flogen und Flüssigkeiten spritzten.

Mit schreckgeweiteten Augen blieb Shade stehen. Sie drückte sich an die kalte Wand. Es stießen von unten immer mehr Rebellen dazu, aber nirgends schienen weitere Soldaten im Anmarsch zu sein. Ein großer, dreckiger Kerl mit einer blutenden Wunde unter seinem rechten Auge kämpfte mit vollem Einsatz gegen ihren Vater, der sich kräftig zur Wehr setzte. Der Rebell holte aus und eine Axt sauste auf ihn nieder.

»Vater!«, versuchte sie, zu rufen, doch kein Wort drang aus ihrer Kehle.

Ihr Vater setzte einen Schritt zurück und wich einem tödlichen Treffer aus, jedoch schnitt sich die Scheide in seine rechte Schulter. Shade wollte wegsehen, konnte ihren Blick aber nicht abwenden. Links neben ihrem Vater ging einer seiner Männer blutüberströmt von einem Schwert getroffen zu Boden. Die Meute konnte immer mehr an Stufen gewinnen, trampelte einfach über die Gefallenen drüber und die Soldaten wurden immer weniger.

Suchend überflogen ihre Augen die Kämpfenden. Da erblickte sie auch Toarit. Er schien unverletzt. Er kämpfte nicht weit von ihrem Vater entfernt. Doch schien er erschöpft. Seine Schläge waren nicht halb so kraftvoll, wie sie es gewohnt war und trafen nicht immer das Ziel.

~Du musst hier weg!~ Ihre eigene Stimme schrillte laut in ihrem Kopf. Shade wollte diesem Gedanken auch folgen, doch die Glieder gehorchten ihr nicht. Sie schaute zu dem Kampfgeschehen. Das Grauen packte sie immer mehr. Ihr Atem ging schwerer. Warum nur war sie hierhergekommen und nicht mit den Wachmännern gegangen?

Mit Gebrüll rückten weitere Aufständler von unten an. Die Verteidigung schien aussichtslos. Der nächste Mann der Wache wurde erschlagen. Ein Schrei entfuhr Shades Lippen.

Toarit wich zurück. Er drehte den Kopf in ihre Richtung, als sie vor Entsetzen aufgeschrien hatte. »Verschwinde von hier!«, brüllte er ihr entgegen und konnte gerade noch einen Hieb seines Gegners abwehren.

Erschrocken ging sie einen Schritt zurück.

»Shade?«, hörte sie ihren Vater. Er drehte leicht seinen Kopf, ihre Blicke trafen sich. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sah sie, wie eine Axt wie aus dem Nichts aus einem Schatten über ihm auftauchte und niedersauste. Ein Gegner hatte die Unachtsamkeit genutzt, um ihn schwer zu treffen.

»Nein!« Shade hielt sich die Hände vors Gesicht, sah aber vor ihrem geistigen Auge trotzdem noch das vorquellende Blut und den wütenden, dann erstaunten Gesichtsausdruck ihres Vaters. Ihr Erscheinen war verantwortlich für die Unachtsamkeit. Ihr Vater fiel wegen ihr.

»Shade!« Toarits Stimme holte sie aus ihrer Starre.

Sie ließ ihre Hände sinken. Ohne auf ihren Vater zu achten, war der Pulk weiter vorgedrungen. Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Wo er zuvor gestanden hatte, kämpften nur noch wenige Wachen gegen eine vielfach größere Menge Aufständler.

»Verdammt! Verschwinde, Shade!« Es wurde immer unübersichtlicher. »Weg mit dir!«, drang es aus dem Pulk.

Sie drückte sich noch immer an die Mauer und schaute erschrocken zu dem Geschehen, als die ersten Rebellen die letzten Treppenstufen überwanden. Sie starrte auf die Näherkommenden. Schreckliche Fratzen waren in ihren Mienen abgezeichnet. Wut, Hass, Mordlust …

Shades Überlebensinstinkt setzte ein. Sie stieß sich von der Mauer weg und rannte los. Auch aus den anderen Gängen hörte sie nun laute Geräusche, die näher zu kommen schienen.

»Sie sind schon überall«, stöhnte sie. Shade versuchte zu überlegen, wo sie hinkonnte. Der Weg hinter ihr war abgeschnitten. Folgten ihr nicht sogar ein paar Rebellen? Sie wollte sich auf keinen Fall umdrehen, doch wie weit würde sie kommen?

»Roschees Fenster«, murmelte sie und hechtete zu einer Tür vor ihr. Hier schlief die Erzieherin der Prinzessin. Diese war seit wenigen Tagen bei ihrer erkrankten Schwester, um deren Familie zu versorgen. Sie war in Sicherheit, ging es Shade kurz durch den Sinn. Vor ihrem Fenster war das Heulager des königlichen Stalles. Wenn sie Glück hatte, konnte sie sich zum Dach hinabhangeln.

Von beiden Seiten kamen Schritte näher. Shade stieß die Tür auf und knallte sie hinter sich ins Schloss. Im Fenster spiegelte sich ihr Bild. Ihre Haare waren zerzaust, ihr Blick wild und hektisch. Ein Blitz erhellte die Nacht und ihr Spiegelbild verschwand für einen Moment. Draußen tobte der Sturm. Vor der Tür hörte sie Stimmen. Sie atmete ein letztes Mal tief durch und öffnete das Fenster. Es war dunkel, jedoch nicht schwarz. Feuer brannten ringsum in Gebäuden. Der Regen vermochte sie nicht zu löschen. Nun konnte sie auch Schreie von den umliegenden Hütten hören. Chaos beherrschte die Nacht. Shade sah eine kleine Gruppe in der Nähe kämpfen, bei denen sie keine optischen Unterschiede ausmachen konnte. Wer kämpfte auf welcher Seite?

Sie blickte schließlich nach unten und sah, dass es gut fünf Meter bis zum Dach waren und selbst dann war sie noch nicht in Sicherheit. Wenn sie sich beim Aufkommen nicht die Beine brach, musste sie auch von dort unten weg. Überall sah sie Schatten huschen. Freund und Feind waren in der Dunkelheit nicht zu trennen.

Hinter ihr knarrte die Tür.

»Bist du da drin, Schätzchen?«, fragte eine unangenehme, dunkle Stimme.

»Lass uns ein wenig freundlich zu dir sein«, sagte eine andere.

Shade schaute entsetzt zur Tür. Dann holte sie tief Luft. Sie schwang ein Bein über die Fensterbrüstung. Der Wind packte ihr Kleid und zerrte an ihm. Sie spürte, wie der Stoff durchweicht wurde. Nun das zweite Bein. Sie fand nur wenig Halt in den grob gehauenen Quaderblöcken der Mauer. Ihre Haare flatterten im Wind und der Regen prasselte auf sie.

Die Tür wurde aufgestoßen und vier Männer drängten sich in die Kammer. Shade hielt sich mit den Händen am Fensterrand fest. Die Kerle blickten sich im Zimmer um. Der erste sah zu ihr. Sie erwiderte angstvoll seinen harten Blick.

»Na, du wirst doch nicht davonfliegen, Täubchen …« Er ging auf sie zu, seine Kameraden folgten ihm. Er grinste und streckte seine schwieligen Hände nach ihr aus.

Ohne weiter zu zögern, ließ sie los. Ihr Körper prallte hart auf dem Dach des Heustalles auf. Benommen blieb sie liegen, während der Regen auf sie niederprasselte und rings um sie herum Menschen getötet wurden.

 

 

Shade öffnete langsam die Augen. Es war noch immer dunkel, doch der Regen hatte aufgehört. Ihr ganzer Körper schmerzte. Regungslos blieb sie liegen, um sich halbwegs zu orientieren. Allmählich kehrten auch die Erinnerungen zurück.

»Vater ... Toarit ...«, murmelte sie und versuchte, den Kopf zu heben. Ein heller Schmerz bohrte sich durch ihren Schädel. Sie schloss die Augen und wartete, bis dieser nachließ.

Shade setzte sich auf. Vorsichtig bewegte sie ihre Gliedmaßen. Es schien nichts gebrochen, da sie jede Bewegung ausführen konnte. Jedoch fühlte sie an mehr als nur einer Stelle dabei Schmerzen. Sie schaute sich um. Über ihr quoll dunkler Rauch aus verschiedenen Zimmern. Das Stockwerk, in dem auch ihre Kammer war, schien in Brand gesteckt worden zu sein. Shade konnte die Tränen nicht zurückhalten. Sie sah den letzten Moment mit ihrem Vater wieder vor ihrem geistigen Auge.

»Es ist meine Schuld. Er war wegen mir unachtsam«, schluchzte sie.

»Los, wir müssen hier weg. Alles wird niedergebrannt. Das Königreich ist verloren!« Stimmen an der Scheune drangen zu ihr. Sie krabbelte auf allen vieren zum Dachvorsprung und lugte nach unten. Sie erkannte ein paar Männer und Frauen. Eine trug ein Baby auf dem Arm.

»Wir können uns im Wald verstecken.« Eine Frau zupfte nervös am Ärmel ihres Nachbarn.

»Nein, wir werden lange Zeit nicht hierher zurückkehren. Dunkle Mächte haben das Land an sich gerissen.«

»Dunkle Mächte?«, murmelte Shade.

»Jeder, der halbwegs bei Verstand ist, schaut, dass er hier wegkommt. Deswegen genug geredet. Wir sind schon viel zu lange hier.«

Shade streckte sich noch ein wenig mehr vor. Dabei sah sie, wie ein Mann Pferde aus den Stallungen führte. Diese waren kaum zu halten. Ein Mann half der ersten Frau beim Aufsitzen, während ein weiterer das Pferd hielt.

»Ich muss mit«, sagte Shade zu sich und krabbelte zur Seite des Gebäudes. Ihre völlig durchnässte Kleidung ließ sie nur schwer vorankommen. Sie steuerte die Stelle an, unter der die Heuhaufen aufgeschichtet waren. Schmerzen durchstrahlten ihren Leib. Brocken der Schlossmauer fielen mittlerweile herunter. Es wurde Zeit, vom Dach zu kommen.

Die Pferde wieherten.

Shades Finger berührten schon die Dachkante. Sie zog sich hin. Tropfen rannen ihr von den Haaren ins Gesicht. Sie schaute auf das nasse Heu, welches keinen richtigen Haufen mehr darstellte, sondern zum Großteil zertrampelt auf dem matschigen Boden verteilt war. Shade stöhnte, während sie sich auf den Bauch legte, um dann ihre Beine über die Kante hängenzulassen.

»Auf geht’s!« Ein Mann trieb zur Eile an.

»Wartet!«, wollte Shade rufen, doch es kam nur leise und abgewürgt aus ihrem Mund. Sie sammelte ihre letzte Kraft, dann ließ sie sich mit ihrem ganzen Körper über das Dach hängen. »Wartet!«, krächzte Shade erneut. Ihre Finger wollten nicht loslassen.

Das Wiehern des Pferdes holte sie aus ihrer kurzzeitigen Erstarrung. Sie ließ los und landete auf ihrem Hintern und Schlamm spritzte weg. Sogleich stand sie auf, ignorierte die Schmerzen und stolperte los.

»Wartet!«, rief sie nun laut. Sie bog um die Ecke des Stalles. Der Regen wurde stärker. Haarsträhnen klebten ihr im Gesicht. Ihr Kopf sank ihr enttäuscht auf die Brust, als sie sah, dass die Gruppe schon weg war.

»Verdammt!«, schimpfte Shade. Sie hob den Kopf wieder. Es waren nur noch wenige Menschen zu sehen und diejenigen, die sie erblickte, waren auf der Flucht. Einige mit Bündeln, andere mit Kindern. Häuser brannten, Frauen schrien. Doch wurde es zunehmend ruhiger. Nur der Sturm tobte nach wie vor.

Shade ging um das Schloss herum. Jeder, der auf seiner Flucht ihren Weg kreuzte, wurde von ihr gefragt, ob sie die Prinzessin, ihre Mutter, Toarit oder andere Wachleute gesehen hätten.

»Die Königsfamilie ist schon lange fort.« - »Die feige Mannschaft ist tot oder geflohen.« - »Alle im Schloss wurden getötet.« Keine Antwort gab Anlass zur Hoffnung.

Shade stand schließlich vor dem großen Eingang. Steine, Holz und Tote versperrten den Weg ins Schloss. Sie blieb davor stehen. Erschöpfung breitete sich in ihr aus. Die Hoffnungslosigkeit schnürte ihr die Luft ab. Shade japste, dann brachen ihre inneren Dämme. Sie sank in die Knie und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Der Regen goss wieder in Strömen. Ihre Kleidung klebte schwer an ihr. Kälte gesellte sich zu ihrer Erschöpfung. Es war Shade gleich. Ihre Familie war im Schloss, in einem der hinteren Gebäude gewesen, die in Flammen standen. Ihr Vater war tot und Toarit konnte diesen Angriff nicht überlebt haben.

Pferdegetrampel näherte sich. Shade schaffte es kaum, hinzuschauen. Ihr Kopf erschien ihr viel schwerer als sonst. Sie blinzelte gegen das Nass. Durch die Tränen sah sie einen Reiter in einer dunklen Rüstung. Regen hinderte zusätzlich ihre Sicht. Im Galopp kam er auf sie zu. Shade stand auf. Doch ihre Beine verweigerten den Dienst. Sie musste von der Gasse.

Soll er doch drum herum reiten, dachte sie müde.

Der Reiter streckte kurz vor ihr einen Arm nach ihr aus.

~Lauf!~, riet ihre innere Stimme, doch ihre Muskeln weigerten sich, zu arbeiten.

Der Fremde packte sie und schleifte sie einige Meter mit, bis er sie wie einen Sack auf sein Pferd vor sich gewuchtet hatte. Ihre Schmerzen brannten mit neuer Intensität. Ihre letzte Kraft entwich ihr und sie sank in Ohnmacht.

 

 

Kapitel 5

 

Es war, als fiele ich von der Decke auf das Bett. Mein ganzer Körper zuckte beim Aufwachen zusammen. Blitze grellten vor dem Fenster auf und der Sturm ließ die Bäume am Waldrand erscheinen, als wollten sie sich entwurzeln, um mit ihren Astarmen nach mir zu greifen.

Ich rieb meinen verkrampften Nacken, weil ich unbequem beim Lesen eingeschlafen war. Das fremde Zimmer und die neue Situation hatten ein ruhiges Einschlafen verhindert. Eine gute Geschichte hatte ich schon immer heißer Milch mit Honig vorgezogen. Gut, dass ein Regal neben dem Schlafzimmer mit einigen Taschenbüchern bestückt war. Ich legte das Buch auf den Nachttisch. Die Lampe darauf hatte ich wohl im Halbschlaf irgendwann gelöscht.

Ein erneuter Blitz ließ mich zusammenzucken. Schnell knipste ich das Licht wieder an und ging zum Fenster, um die dicken Vorhänge zuzuziehen, um einen Teil des unangenehmen Wetters auszusperren. Ich hörte, wie Regentropfen erst vereinzelt, dann zunehmend auf das Dach trafen.

Ein seltsamer Traum, dachte ich, als Erinnerungsfetzen wieder aufkamen. Ich setzte mich auf das Bett und versuchte, die Bilder in einen Zusammenhang zu bekommen. Unwetter, Kämpfe, ein Reiter, … Es hatte sich so real angefühlt. Doch mit jeder Minute, die ich wacher wurde, verblasste alles mehr und mehr.

Während ich meinen zerzausten Zopf öffnete, blickte ich auf das Buch. Mit den Fingern entwirrte ich die Haare, um es beim Bürsten einfacher zu haben. Naturlocken waren ein Graus. Meine Wahl war auf einen historischen Krimi gefallen. Kein Wunder, wenn mein Unterbewusstsein aus dem Gewitter, der Begegnung mit diesem Ashton Reed und der Handlung des Buches im Traum so eine Story gebildet hatte.

Das Bild von erschrockenen Augen mit je einem braunen Farbkranz um die Pupille und einer blauen Iris ließen mich traurig werden. Die wenigen Fetzen wühlten mich eigenartigerweise für einen Traum viel zu sehr auf. Meine Zugbekanntschaft hatte ich offensichtlich nicht so einfach, wie gewollt, mit der Flucht aus dem Abteil abschütteln können. Der Fremde hatte es bis in meine Träume geschafft. Und auch dort musste ich ihn hinter mir lassen. War mein aktuelles Leben nicht eine Art Revolution? Ich selbst hatte hart dafür gekämpft, um bis hierher zu kommen. War es das, was ich in diesem Traum verarbeitete?

Ich musste gähnen. Sollte ich mich jetzt noch einmal ins Bad schleppen? Das Bett sah so verlockend aus! Ich hob die Bettdecke hoch und kroch darunter.

»Dann putze ich die Zähne morgen früh doppelt so lange«, murmelte ich, bevor mir endgültig die Augen zufielen. Das Letzte, das ich wahrnahm, war, dass sich das Donnergrollen zu entfernen schien.

 

 

Kapitel 6

 

 

Der Hunger weckte sie, wie auch der Duft gebratenen Fleisches. Shade öffnete die Augen. Sie stützte sich auf die Unterarme und hob ihren Oberkörper. »Autsch«, entfuhr es ihr, als alle Schmerzen in ihrem Körper fast gleichzeitig in ihr Hirn schossen. Sie blinzelte noch ein, zwei Mal, bis es erträglicher war und schaute sich dann um. Sie lag unter einem Baum im Schatten. Der Boden, bedeckt mit dicken Moospolstern, war weich. Die Luft war frisch und vom Regen gereinigt. Shade atmete tief durch. Ein Vogel zwitscherte im Baum über ihr. Ein Pferd schnaubte.

Die Schrecken der vergangenen Nacht schienen ein schrecklicher Alptraum zu sein – unwahr, irreal. Sie schloss die Augen. Erinnerungen flammten in ihr auf. Es war ein anderer Schmerz, der ihr Herz traf, als mit den Bildern ihr Verstand darauf beharrte, dass alles real gewesen war. Sie kämpfte mit den Tränen.

Sortiere dich, befahl Shade sich selbst in Gedanken. Wo bist du? Sie setzte sich vollends auf. Als sie ihre Augen wieder geöffnet hatte, schluckte sie demonstrativ den Schmerz herunter. Sie befand sich mitten im Wald am Rande einer Lichtung. Erneute Orientierungslosigkeit erfasste sie und wollte sich zu Panik steigern. Der Geruch, der sie geweckt hatte, wehte ihr wieder in die Nase. Sie rutschte zur Seite des Baumes, um einen besseren Blick auf die Lichtung zu haben. Dort war ein kleines Lagerfeuer, über dem ein Hasenbraten grillte. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen und ihr Magen knurrte.

»Wieder unter den Lebenden?«, sprach eine dunkle Stimme hinter ihr. Aus dem Wald trat der dunkle Reiter hervor.

Shade erinnerte sich. Er hatte sie aufgesammelt, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Tageslicht wirkte er weniger furchterregend. Er war groß, breit gebaut und von kräftiger, muskulöser Statur. Seine dunkelblonden, ungewaschenen Haare waren kinnlang. Er hatte ein markantes Gesicht mit kantigem Kinn und eine Narbe durch die linke Augenbraue, die sich bis zum Jochbein zog. Seine stechenden grau-blauen Augen musterten sie. Er trug eine alte, abgewetzte Schutzausrüstung. Ein Schwert steckte im Schaft an seiner Seite.

Nicht länger auf eine Antwort wartend, ging er zum Feuer, kniete sich hin und drehte den Hasen.

Shade nickte stumm und beobachtete ihn. Warum hatte er sie mitgenommen? Wollte er sie retten? Oder hatte er etwas ganz anderes mit ihr im Sinn? Kurz musste sie an die Rebellen denken, die in Roschees Zimmer gestürmt waren.

»Ich tue Euch nichts. Kommt her und esst etwas.«

Sie folgte seiner Anweisung, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen. Bereit, jederzeit zu fliehen, setzte sie sich ihm gegenüber ans Feuer. Dort begann sie zu frösteln. Ihre Kleidung war noch feucht, aber nicht mehr ganz so nass. Der Stoff klebte trotzdem stellenweise an ihr.

Eine Bewegung ließ sie erstarren. Er holte ein Messer hervor. Erst als er damit den Hasen zerteilte, entspannte sie sich wieder ein wenig.

»Wer seid Ihr?«, fragte sie zaghaft und leise.

Er schaute sie an. »Ich bin ein Söldner«, gab er knapp zur Antwort und reichte ihr ein Stück Fleisch. Shade nahm es und nickte dankbar. Trotzdem aß sie noch nichts, sondern blickte ihn fragend an.

»Was?«, fragte er grimmig und biss in eine Keule.

»Was ist gestern passiert? Wo ist die königliche Familie? Wer hat von der Garde überlebt? Warum?« Viele Fragen wollten gestellt werden, aber ein dicker Angstkloß war beim Sprechen in ihrem Hals gewachsen, bis das letzte Wort nur noch gekrächzt herauskam.

Der Söldner setzte sich ebenfalls und schaute sie an. »Tot.« Mehr sagte er nicht.

Shade schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Was tot?«

»Der Schwarze Schatten ist über Euer Reich gekommen. Er brachte Leid, Elend und schließlich Revolution und Tod. Alle Bewohner des Schlosses sind tot. Keiner hat überlebt. Sie sind nun Asche.« Wieder nahm er einen großen Bissen und wirkte dabei völlig anteilnahmslos.

Shade ließ ihr Fleisch ins Gras fallen. »Ich lebe doch auch noch. Andere könnten es auch geschafft haben. Viele Menschen sind geflohen!« Sie blickte ihm fest mit ihren dunklen braunen Augen in die seinen.

Der Reiter schüttelte den Kopf. »Der Plan hat sicherlich keine Überlebenden des Schlosses vorgesehen. Vielleicht ein paar Bauern. Ihr seid ein Versehen.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die fettigen Lippen. »Der Schwarze Schatten kommt, intrigiert, wiegelt auf und setzt dann zur Vernichtung an. Dazu gehört es, dass kein König oder ihm Getreuer überlebt. Das gab es in keinem Reich. Und wird es auch nie geben.« Seine Stimme war ein Grollen geworden. Sein Blick ging durch Shade hindurch.

»Und wenn es mehr Versehen wie mich gibt?« In Gedanken sah sie ihre Eltern, den König, seine Tochter und das brennende Schloss über ihrem Kopf. Toarit. Sie wollte hoffen, dass es irgendwer überlebt hatte.

»Ihr wärt auch Asche, wenn ich nicht gekommen wäre«, erklärte der Fremde und holte sich ein weiteres Stück vom Braten.

»Warum?«, murmelte sie und ihre Augen fingen an, in Tränen zu schwimmen.

Ihr Gegenüber schnaubte. »Ich weiß es nicht. Ich sah Euch und griff zu. Purer Instinkt. Seid einfach froh zu leben. Nun esst!« Demonstrativ drehte er ihr den Rücken zu, scheinbar, um das Gespräch für beendet zu erklären.

Sie nahm ihr Fleisch und ging zur Stelle zurück, bei der sie erwacht war. Dort setzte sie sich unter den Baum. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie appetitlos aß. Wer oder was war der Schwarze Schatten? Warum vernichtete er Königreiche? Warum war sie noch am Leben? Was hatte der Fremde mit ihr vor? Immer wieder wanderte Shades Blick zu dem Söldner, der ohne Pause den Rest des Hasen aß. Nachdenklich nahm sie Bissen um Bissen zu sich. Die Reste warf sie hinter sich.

Nachdem er gegessen hatte, kam er zu ihr. »Ich habe noch eine Mission zu erfüllen. Ab hier müsst Ihr alleine zurechtkommen.« Er wandte sich ab.

»Aber ...«, setzte Shade an. Doch er ging, ohne sich noch einmal umzublicken, in den Wald. Shade sah ihm nach. Er würde wiederkommen, da war sie sich sicher. Sein Pferd war angebunden und stand nur wenig von ihr entfernt. Wenn er zurück war, würden sie miteinander reden. Sie würde darauf bestehen. Er konnte sie doch nicht einfach entführen und mitten im Nirgendwo aussetzen.

In ihrer feuchten Kleidung fror sie zunehmend, daher ging sie zum Feuer zurück, legte ein paar Ästchen hinein und rückte dicht heran, um trocken zu werden. Ihr Blick blieb in den Flammen hängen. Das Prasseln und Flackern erinnerten sie an die vergangene Nacht. Tränen kämpften sich hoch. Der Druck auf ihrer Brust wurde größer. Sie wollte nicht weinen und dem Söldner noch mehr Gründe geben, sie nicht mitzunehmen. So sehr sie auch dagegen ankämpfte, sie hatte keine Chance.

 

 

Ein leichter Wind wehte und brachte den Geruch von Moos, Erde und Unterholz mit sich. Die Sonne ging ihren Lauf. Stundenlang saß Shade allein am Feuer. Sie stand nur auf, um ab und an Holz zu suchen, um die Flammen zu füttern. Dabei ließ sie ihre Gedanken schweifen, die ständig zur vergangenen Nacht zurückkehrten. Nicht nur einmal saß sie da und weinte bitterlich. Würde sie je wieder ein bekanntes Gesicht sehen? Shade schloss die Augen, dachte an jeden der ihr lieben Menschen, den sie verloren hatte, und verabschiedete sich still. Am Ende nahm sie auch Abschied von ihrem alten Leben. Egal, was die Zukunft bringen würde, es wäre eine andere, die jetzt noch dunkel vor ihr lag. Ihre innere Stimme sagte, dass sie in ihre Heimat nicht wieder zurückkehren würde.

Hinter ihr krachte es. Sie drehte sich um. Einige Stunden waren schon vergangen, seit der Söldner verschwunden war. Shade spähte ins Unterholz, aus dem kurze Zeit später tatsächlich der große Kerl hervortrat. Er trug zwei ausgenommene Hasen und gefüllte Beutel bei sich, die er am Waldrand ablegte.

»Ihr seid immer noch hier?«, fragte er ebenso monoton und emotionslos, wie seine Miene war.

»Wo sollte ich hin, Sir?«, war ihre Antwort.

Der Söldner nickte und setzte sich schweigend ans Feuer. Er stocherte mit einem dünnen Ast in der Glut. Sie betrachtete ihn kurze Zeit und räusperte sich. Er schaute auf. Seine grau-blauen Augen funkelten rot auf im Schein der Flammen.

»Mein Name ist Shade«, stellte sie sich mit einem winzigen Lächeln vor.

»Lady Shade ... Soso. Ihr könnt mich Rouwen nennen.« Dann schwieg er wieder.

Sie blickte ihn an und seufzte leise. »Ihr seid ein harter Bursche, Rouwen«, setzte sie erneut an.

Seine Antwort war ein Zucken der Mundwinkel. Konnte das ein angedeutetes Lächeln sein? Auf jeden Fall ermutigte die Reaktion Shade.

»Was werden wir nun tun? Wir können nicht ewig hier sitzen.« Shade stocherte mittlerweile auch mit einem Ästchen in der Glut. Die Spitze glühte schon.

»Wir?« Erstaunt hob der Söldner die Augenbrauen.

»Ihr habt mich da rausgeholt und nun war es das? Das glaube ich nicht. Warum sonst sitzt Ihr noch hier?«, fragte sie und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

»Ich musste jagen und meine Säcke füllen. Heute ist es zu spät, um aufzubrechen. Auf jeden Fall kann ich Euch nicht mitnehmen. Das sagte ich bereits.«

Sie schob die Unterlippe ein wenig vor. Ihr Vater konnte ihr dann nie einen Wunsch abschlagen. Der Gedanke an ihn betrübte sie.

»Es geht nicht. Ich bin ein Söldner. Von einem Auftrag zum nächsten. Ich werde Euch etwas Proviant geben. Mein Pferd brauche ich selbst.« Er schaute sie mit ernster Miene an.

»Euer letztes Wort, Rouwen?«

Er nickte und warf sein Holz in die Glut. »Morgen trennen sich unsere Wege. Seid glücklich, Ihr lebt noch.«

Shade schnaubte verächtlich, dann senkte sie ihren Blick zu ihren Füßen. Ein weiteres Gespräch würde nichts nützen. Das spürte sie. Daher erhob sie sich, blickte so böse, wie es ihr gelang, zum sie ignorierenden Söldner und ging zu dem Baum zurück, unter dem sie aufgewacht war. Es dämmerte nur leicht. Sie gähnte. Obwohl sie stundenlang am Feuer gesessen hatte, und eigentlich hätte Kraft tanken können, lag die Erschöpfung wie ein schwerer Mantel über ihr. Doch ihre Gedanken rannten unentwegt. Shade hatte erneut Kopfschmerzen bekommen, zudem spürte sie ihre Glieder unangenehm. Sie legte sich in das Moos, das Feuer hinter ihr und die ungewisse Zukunft vor ihr. Sie versuchte, sich Pläne für den morgigen Tag zu machen, jedoch schien ihr kein klares Bild entstehen zu wollen. Jedes Mal, wenn sie an den nächsten Tag dachte, pochte es schmerzhaft hinter ihrer Stirn. Es war genug für den Moment. Sie schlief erschöpft ein und sank in einen Schlaf voller Alpträume.

 

 

Sie war wieder zu Hause im Schloss. Der Sturm draußen schien weit entfernt. Shade hörte im Gang die Wachleute leise miteinander reden. Trotzdem schaffte sie es nicht, einzuschlafen.

Es klopfte an ihrer Tür. Wer mochte das sein? Es war mitten in der Nacht und außer den Wachen hatte keiner mehr Zutritt. Womöglich war es Prinzessin Leondra. Nach dem zweiten Klopfen bat sie um Eintritt des Gastes.

Ein Mann, wie sie an den kurzen Haaren erkennen konnte, steckte den Kopf herein.

Sie entzündete eine Kerze und erkannte Toarit. Erstaunt blickte sie ihn an, ihr Mund stand vor Überraschung undamenhaft ein wenig offen. Er grinste frech, in seinen Augen tanzten seine Pupillenkränze. Da er lächelte, bildeten sich Grübchen in seinen Wangen, die Shade so sehr liebte.

»Du kannst doch nicht mitten in der Nacht in meine Kammer kommen!«, schimpfte Shade leise gespielt verärgert, lächelte dann aber auch.

»Die Sehnsucht trieb mich zu dir, Shade. Dein Vater liegt betrunken in seiner Kammer, da wir einen Geburtstag gefeiert haben. Die Wachen draußen sind sehr gute Freunde von mir. Sie denken, ich richte dir etwas von deinem Vater aus. Hab‘ also bitte keine Sorge.« Toarit kam zu ihr und setzte sich auf den Bettrand. Er nahm ihre Hand.

»Wenn er es erfährt, kannst du in Zukunft Kerkerdienst leisten«, warnte Shade nicht zum ersten Mal, so wie er nicht zum ersten Mal sich zu ihr geschlichen hatte. Doch es gelang ihr nicht, ein ernstes Gesicht dazu zu machen.

»Das wäre jeden einzelnen kurzen Augenblick mit dir wert«, sprach er und beugte sich zu ihr, um sie zu küssen. Sie öffnete einladend ihre Lippen.

Die Tür flog laut auf.

---ENDE DER LESEPROBE---