Astras Bewährungsprobe - Marion G. Harmon - E-Book

Astras Bewährungsprobe E-Book

Marion G. Harmon

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Beschreibung

Was ist die Belohnung für meisterhaft erledigte Arbeit? – Mehr Arbeit. Nachdem die Sentinels auch die zweite Inkarnation der Superschurken-Organisation Villains Inc. in die Flucht schlagen konnten, laufen die Dinge in der Großmetropole Chicagos relativ entspannt. Astra aka Hope Corrigan kann ein wenig durchatmen, mit ihren Freunden abhängen und wieder Uni-Kurse besuchen (ihre Dozenten hatten bereits angefangen sie für ein Gerücht zu halten). Doch sie erhält immer mehr Training und Verantwortung aufgehalst, und als sich die Ereignisse zu überschlagen beginnen, gerät ihr Balanceakt zwischen Superheldenkarriere, Studentenleben und ihren Bemühungen, ihre Familie und Freunde zu schützen, gehörig ins Wanken. Schlimmer noch: ein neuer Superbösewicht treibt sein Unwesen in der Stadt und die "Capes" von Chicago werden es nur mit vereinten Kräften schaffen können, die Bedrohung des Green Man zu besiegen – falls er überhaupt besiegt werden kann. Als eine neue Gruppe von Superbösewichten beginnt, Anti-Superhelden-Gruppen ins Visier zu nehmen, wird deutlich, dass auch die Sentinels nicht ohne Hilfe auskommen werden. Denn eines ist sicher: Es wird ein grauer Tag für Chicago werden.

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Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Widmung
Danksagung
Episode 1
Kapitel 1: Astra
Kapitel 2: Megaton
Kapitel 3: Astra
Kapitel 4: Astra
Kapitel 5: Astra
Kapitel 6: Grendel
Kapitel 7: Astra
Kapitel 8: Megaton
Kapitel 9: Astra
Kapitel 10: Astra
Kapitel 11: Astra
Episode 2
Kapitel 12: Megaton
Kapitel 13: Megaton
Kapitel 14: Astra
Kapitel 15: Astra
Kapitel 16: Megaton
Kapitel 17: Astra
Kapitel 18: Grendel
Episode 3
Kapitel 19: Grendel
Kapitel 20: Megaton
Kapitel 21: Astra
Kapitel 22: Grendel
Kapitel 23: Megaton
Kapitel 24: Astra
Kapitel 25: Astra
Kapitel 26: Astra
Episode 4
Kapitel 27: Astra
Kapitel 28: Grendel
Kapitel 29: Astra
Kapitel 30: Astra
Kapitel 31: Grendel
Kapitel 32: Megaton
Kapitel 33: Megaton
Kapitel 34: Astra
Kapitel 35: Astra
Epilog
Dramatis Personae
Glossar
Über den Autor

Impressum

Autor: Marion G. Harmon

Deutsch von: Daniel Mayer

Lektorat: Beeke Janson

Korrektorat: Giulia Pellegrino

Umschlagillustration: Viktoria Gavrilenko

Satz: Kathrin Dodenhoeft

© Marion G. Harmon 2013

© der deutschen Übersetzung Feder & Schwert 2018

E-Book-Ausgabe 2018

ISBN 978-3-86762-300-1

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-86762-299-8

Originaltitel:

Young Sentinels

Astras Bewährungsprobe ist ein Produkt der Feder & Schwert GmbH unter Lizenz von Marion G. Harmon 2017. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Marion G. Harmon.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

Widmung

Für Stan Lee, L. Frank Baum und alle Erzähler moderner Mythen.

Danksagung

Es werden zu viele, um sie zu zählen, unter ihnen mittlerweile auch einige Fans, die nur zu gern auf Lektorats- und sogar Kontinuitätsfehler hinweisen (eines Tages werde ich online gehen und ein Wearing the Cape-Wiki vorfinden). Ich danke euch.

 

 

 

Kapitel 1: Astra

Nachdem wir Villains Inc. ausgeschaltet hatten, hatten wir fast so etwas wie eine ruhige Phase, oder zumindest eine Chance, in einen langsameren Rhythmus überzugehen. Ich vermisste Jacky, aber die neuen Mitglieder passten prima ins Team, auch wenn ich mir fast sicher war, dass Watchman versuchte, mich umzubringen. Es herrschte zwar nicht gerade Frieden in unserer großartigen Metropole, doch wenigstens erlebten wir keine Superschurkenkämpfe mehr, bei denen Zivilisten niedergemetzelt und Gebäude zerstört wurden. Außer dem Omega-Einsatz – und die Öffentlichkeit erfuhr nie, wie kurz wir da vor der Sprengung der ganzen Party gestanden hatten – störte nichts unsere entspannte Zeit.

Aber Charlie würde bald den Foxtrott tanzen, und wir hatten nicht genug Tanzpartner.

—Astra, Stationen eines Lebens

Wir hatten einfach Glück, dass ich gerade auf Morgenpatrouille war und nicht im Seminarraum saß, als die Potawatomi-Wälder beschlossen, den Chicago Executive Airport zu zerstören.

»Shelly? Siehst du das?«

Meine Patrouillenroute hatte mich über den Grüngürtel geführt, der sich durch die Vorstädte und Gemeinden von Nordchicago erstreckte. Aus meiner Höhe sah die grüne Welle, die vom winzigen Potawatomi Lake her aufwallte, wie ein wogender Teppich aus Blättern aus – auf Bodenhöhe musste sich die Front schwankender Bäume schneller bewegen als die panischen Jogger, die am frühen Morgen auf den Laufwegen des Stadtwalds unterwegs waren, rennen konnten. Und sie rannten.

»Da ist aber krass was im Busch!«, flüsterte mir Shelly ins Ohr. Jetzt, da sie Galatea war, konnte sie nicht mehr unsere alte Neuralverbindung nutzen, um mit meinen Augen zu sehen, aber sie blieb meine Flügelfrau in der Zentrale und hatte vollen Zugriff auf die Mikrokamera, die sie mir in die Maske gebaut hatten. Ich hätte ihr einen freundlichen Schlag auf den Hinterkopf versetzt, wenn sie bei mir gewesen wäre, aber ihr Witz beschrieb die Szene unter mir ziemlich gut.

»Hol’ Unterstützung, Shell!«, rief ich. »Ich geh runter!«

Ich ließ mich fallen und vertraute darauf, dass sie den Rest des Teams informierte, oder sogar die ganze Krisenhilfe- und Interventionsmannschaft. Hilfe konnte gar nicht früh genug kommen. Als ich sah, wie die Jogger auf den Wegen vor den Bäumen flohen, die plötzlich peitschten, als hätte sie ein Hurrikan im Griff, fragte ich mich, ob alle Helden in der Stadt ausreichen würden.

Es wehte kein Windhauch, und die Bäume wuchsen.

»Die Ausbreitung endet am Des Plaines River«, berichtete Shelly, als ich hart auf dem Laufweg aufkam und sofort wieder hoch sprang, um einen Eichenast zu zerschmettern, der sich gerade anschickte, nach einer Gruppe stolpernder Jogger zu schlagen.

»Bleibt auf dem Weg! Über den Fluss!«, rief ich ihnen zu.

»Danke!«, keuchte einer der Männer. Er und ein Kumpel zogen eine humpelnde Fitness-Omi im pinken Turnanzug gemeinsam auf die Schultern, und sie alle rannten Richtung Kurve und Brücke. Ich schoss wieder über die Bäume empor und hörte die panischen Schreie auf den Pfaden um mich herum. Ich wollte fluchen. Ich war nur eine Person! Ich sah, wie meine Jogger den breiteren Weg erreichten und verließ sie, um mich wieder fallen zu lassen und einen Jogger mittleren Alters unter einer Baumwurzel hervorzuziehen, die so aussah, als hätte sie sich auf ihn geworfen. Ich hob ihn auf die Schultern, als der Wald um uns herum ächzte.

»Jede Hilfe wäre nett, Shell!«, rief ich schrill.

»Hochgeschwindigkeitsevakuierung beginnt, keine Panik!Rush, Crash, Sprints und Sifu sind dran!« Weiter hinten auf dem Weg löste sich ein Jogger plötzlich in Luft auf. Endlich!

Lei Zi schaltete sich ein. »Astra, ich will dich wieder in der Luft sehen. Bleib verfügbar für jede Unterstützung, die unsere Speedster bei der Extraktion brauchen können. Verstanden?«

»Hoch gehen, Evakuierung unterstützen, wo es sein muss, verstanden.«

Da Sprints von den South Side Guardians und Sifu unseren Jungs zu Hilfe kamen, hatte die Zentrale die vier schnellsten Speedster der Stadt im Einsatz. Ich setzte meinen verstörten, aber unverletzten Jogger auf der anderen Seite des Flusses ab und stieg wieder in die Luft – hoch genug, dass ich die vordere Kante der peitschenden grünen Flut sehen konnte. Als ob ich die mit meinem kleinen Hammer aufhalten könnte. Ajax’ Hammer. Was hätte er wohl jetzt gesagt? Benutz’ einen größeren Hammer? Es gab keinen Hammer, der groß genug war!

»AstrabrauchehiereinbisschenHilfe!« Crashs zusammenlaufender Hilferuf erreichte mich über die Zentrale, und Shelly legte mir sofort einen roten Rahmen um seine Position auf mein neues Kontaktlinsen-Display. Ich ließ mich wieder fallen, brach durch die wogenden Äste und fand den schmalen Pfad darunter. Crash hatte Probleme, eine weitere verschlungene Wurzel von den Beinen eines gefangenen Wanderers zu ziehen. Um uns herum schrumpfte der Pfad, und plötzlich stand ich inmitten eines Kindheitsflashbacks von Abenteuer im Spielzeugland und dessen Wald ohne Wiederkehr.

»Los!« Ich riss die bloße Wurzel aus dem Boden, mit mehr Gewalt, als nötig war. Ich hatte über Monate Angst vor den alten, knorrigen Bäumen in unserer Straße gehabt, nachdem ich diesen Film gesehen hatte. Crash zog den Wanderer hoch und verschwand als roter Schemen, und ich sprang hoch und durch das dichter werdende Dach der Zweige. Als ich wieder im offenen Himmel war, drehte ich mich langsam um meine eigene Achse und versuchte das, was ich sah, einzuordnen.

Die Bäume wanderten nicht, sie wuchsen. Sie säten sich aus, schossen aus dem Boden, und die sich rasant ausbreitende Waldfront ließ es so aussehen, als würden sie marschieren. Aber das Wachstum fand nicht in einem sauberen Kreis statt – es hatte am Potawatomi Lake begonnen und bewegte sich nach Süden, füllte den ganzen Grüngürtel zwischen dem Des Plaines River und dem Tri-State Tollway aus. Warum …

Das scharfe Krachen einer berstenden Fahrbahn riss mich aus meinen Gedanken. Der Südrand hatte die Dundee Road erreicht, eine vierspurige Straße, die durch den breiten Grüngürtel führte und die Orte Wheeling und Northbrook verband.

Sich wölbende Wurzeln brachen den Asphalt auf, während explosionsartig neue Schösslinge emporwuchsen und die morgendlichen Pendler festsetzten.

»Ich evakuiere die Dundee Road! Kommt hier rüber! Sofort!« Ich unterdrückte meine wachsende Panik und schoss hinab, um einen Minivan mit einer kreischenden Fahrgemeinschaft darin zu packen und sie sanft auf der anderen Seite des Flusses abzusetzen. Danach flog ich wieder zurück. Wie viele Leute konnten wir retten, ehe das wuchernde Grün begann, sie zu zerquetschen?

»Watchman und Variforce auf ihrem Posten!«, ertönte Lei Zis Stimme wieder, als Watchman mit Variforce im Schlepptau aus dem Himmel über mir herunterstieß.

»Fahrzeugevakuierung fortsetzen!«

Watchman schloss sich mir an, um Autos aufzuheben und durch die Luft zu transportieren, während Variforce seine goldene Aura aus variabel justierbaren Kraftfeldern in wirbelnde Klingen verwandelte, mit denen er emporschießende junge Bäume abhackte, ehe sie dicker werden und gefangene Autos zermalmen konnten.

»Am schlimmsten ist es an den Rändern!«, rief Watchman. Da er von oben gekommen war, hatte er einen weiträumigeren Blick auf die Situation gehabt, und er hatte recht: Als die Front südlich der Dundee vorbeifegte, ließ das hektische, verdrehte Wachstum des zurückbleibenden Waldes nach. Watchman zerschmetterte einen Baum, der versuchte, sich über einem Sportcabrio zu verankern, und zog den verängstigten Fahrer heraus. Ich hob einen Lieferwagen hoch, brachte ihn aus der Gefahrenzone und kehrte sofort zurück, um nach mehr Notrufen zu lauschen.

»Die nächste Straße südlich der Dundee – die Willow Road – ist ziemlich weit weg«, informierte uns Shelly. »Aber das Northbrook Hilton liegt auf der falschen Seite des Flusses, und südlich davon sind weitere Geschäfte.Die Northside Guardians unterstützen dort die Evakuierung, andere Teams sind auf dem Weg, und hier kommen wir, um den Tag zu retten!«

Der Sentinels-Schweber tauchte aus der Morgensonne herab. Shelly-Galatea fuhr draußen auf dem Dach mit. Variforce räumte eine Landezone frei und Lei Zi, The Harlequin, Riptide und Seven stiegen aus. Rush tauchte als verschwommener roter Schatten auf.

»Damm Nummer 1 ist immer noch wegen der Überflutung im Süden außer Betrieb«, berichtete er Lei Zi. »Also ist die Dam Woods Road frei, und es gibt kaum Zivilisten in den Wäldern südlich der Dundee. Wir bekommen das unter Kontrolle, Boss.«

Galatea landete neben mir. Ihr neuester Körper aus silbernem und blauem Chrom war fast vollständig mit Waffen und Magazinen bedeckt, aber sie hatte viel bei seiner Gestaltung mitgewirkt. Unter all den Waffen sah er sogar noch mehr wie ihre alten Robotica-Skizzen aus als das erste Modell. Sie beugte sich so nahe zu mir, wie es ihre an den Schultern montierten Raketenwerfer zuließen.

»Wow … genau wie bei Abenteuer im Spielzeugland, was?«

Ich prustete los, ehe ich mich zusammenreißen und den Lacher in ein Niesen verwandeln konnte, das keinen meiner früheren Lehrer überzeugt hätte. Coach Gorski hätte mich aufgefordert, den Witz mit dem Team zu teilen und mich dann Runden ums Feld laufen lassen.

Lei Zi betrachtete die verrückte Szenerie so ausdruckslos, als würde sie einen Verkehrsunfall in Augenschein nehmen, der aufgelöst werden musste. Ganz so als stünden wir nicht inmitten eines wandelnden Waldes. Ich versuchte das Knirschen der Wurzeln zu ignorieren, das Ächzen des Holzes, das Krachen von Ast gegen Ast, als die Bäume um Platz kämpften. Und ihren seltsamen Geruch – aufgeworfene Erde und Harz.

Schließlich nickte Lei Zi. »In Ordnung. Wir gehen nach Süden, folgen dem Rand und sorgen dafür, dass niemand in der gefährlichen Zone bleibt. Watchman, räum weiter die Dundee Road, dann schließ zu uns auf. Astra, du bist mit den Speedstern Backup. Der Rest von uns folgt der Front. Alle verstanden?«

Es wurde salutiert, genickt, »Alles klar, Boss« gesagt und auf andere Weise bestätigt, und wir machten uns an die Arbeit. Ich flog durch die gruseligen Bäume und reagierte auf Notrufe von der Zentrale, aber wie Rush gesagt hatte, waren nicht mehr viele Leute übrig, die gerettet werden mussten. Ich half einem älteren Ehepaar – sie war zwischen zwei neuen Eichen stecken geblieben und er wollte sie nicht zurücklassen, also brachte ich sie beide weg –, und dann war da noch der Vogelbeobachter, der angefangen hatte, Fotos zu machen, statt um sein Leben zu rennen. Er war von einem flüchtenden Weißwedelhirsch, der schlauer war als er, umgerannt worden und hatte eine Gehirnerschütterung erlitten.

Alle wurden an den festgelegten Evakuierungsstationen auf der anderen Seite des Flusses abgesetzt, und Galateas Drohnenvideo zeigte, dass die Wachstumsrate kurz vor der Willow Road abnahm. Vielleicht …

»Der Wald ist gerade über den Fluss gesprungen!«, trällerte Shelly-Galatea.

»Er ist auf dem Weg zum Chicago Executive Airport!«

Und das war einfach falsch. Klar, die Dundee Road hatte ihn nicht aufgehalten, kaum ausgebremst, aber dass ein Wald, auch wenn er so schnell wie ein Lauffeuer wuchs, einfach rechts abbog?

Ein Flughafen – ein Ort, an dem alles mit hoher Geschwindigkeit abläuft und an dem viel brennbarer Treibstoff herumliegt, ein Ort, der praktisch dafür prädestiniert ist, dass schlimme Dinge passieren – ist für Notfälle ausgerüstet und kann alle auf dem Gelände im Handumdrehen wissen lassen, dass sie in Deckung gehen sollen. Sirenen begannen zu kreischen, als sich der Wald in einer Kakophonie aus geborstenem Asphalt und splitterndem Glas über die Straße und über den Parkplatz am Hauptterminalgebäude vorarbeitete. Explosiv hervorbrechende Bäume warfen Autos zur Seite und krachten in die aus Glas bestehenden Seiten der Gebäude, und die Schreie im Inneren sagten uns, dass nicht alle es rechtzeitig mitbekommen hatten.

Auch wenn wir weiter weg waren, als der Alarm ertönte, erreichten Watchman und ich den Flughafen vor allen anderen außer den Speedstern.

Watchman warf die Bäume einfach um oder riss sie aus der losen Erde und dem zersprengten Asphalt, während ich meinen kurzstieligen Hammer mit beiden Händen schwang und Bäume zerschmetterte, wenn sie versuchten, dicker zu werden und sich in die Gebäude zu graben.

»Sie reißen das Terminal in Stücke!«, rief ich.

Er riss einen weiteren Baum aus dem Boden. »Rushs Team ist dran! Wir müssen sie nur ausbremsen!«

Donner ließ die Luft erzittern, als Lei Zi eintraf und loslegte: Blitze spalteten Bäume von der Krone bis zu den Wurzeln, wobei Stücke der Bäume und kochendes Harz bei jedem Einschlag herum­flogen. Riptide landete mit einem Platschen und verwandelte sich in Sekundenschnelle von einem fliegenden Sprühregen in einen zornigen Mann.

Bäume wurden an der Basis abgeschnitten und fielen um, als er Wasser aus der Luft rief und es mit so hohem Druck und Geschwindigkeit abfeuerte, dass eine Wassersäge entstand, die durch Stein schneiden konnte. Variforce traf ein und unterstützte uns mit seinen wirbelnden Kraftfeldklingen, deren Schneiden nur Mikrometer dick waren. Rauchspuren am Himmel wurden zu Sprengkratern, als Galatea ihre Raketen in die Bäume an beiden Enden abfeuerte, als sie versuchten, unsere Zone der Zerstörung zu umgehen und zu den Gebäuden im Norden und Süden zu gelangen.

»Hauptgebäudeleer!«, berichtete Rush über den allgemeinen Kanal. Seine Stimme klang erschöpft.

Lei Zis Befehle folgten laut und schnell.

»Lassen wir ihm das Gebäude! Hochgeschwindigkeitsevakuierung für die Nachbarn! Arbeitet von den Seiten her, lasst dem Wald das freie Feld!« Guter Plan – hinter dem Terminal kam eine weite, offene Fläche, viele Morgen Landebahn und geparkte private und kleine kommerzielle Flugzeuge, in die wir das Wachstum lenken konnten. Aber wie lange würden wir das durchhalten?

Nur noch zwanzig Minuten, wie sich herausstellte, sogar mit der Hilfe eines weiteren Dutzends harter Typen aus den Guardian-Teams. Der neue Ausläufer des Waldes schaffte es mehr als zur Hälfte über das Flugfeld, wobei er hunderte von Millionen Dollar privater und kommerzieller Flugzeuge unter sich zermalmte, und dann ging ihm einfach die Kraft aus. Das Wachstum ließ nach, die Bäume erbebten, die greifenden Äste streckten sich in den Himmel, und es gab nichts mehr, was wir bekämpfen konnten, nur eine dichte Wildnis urtümlicher Bäume, wo eben noch ein Flugfeld gewesen war.

Was gut war, denn meine Arme brannten von den Handgelenken bis zu den Schultern, und ich keuchte, um Luft zu bekommen. Ich konnte meine Hände kaum spüren, und ich musste sie zwingen, Ajax’ Hammer loszulassen. Alle glauben, dass man nicht müde wird, nur weil man übermenschliche Stärke hat. Das könnte mir so gefallen.

Alles war von Stücken aus Eiche, Hickory und anderen Baum­arten bedeckt, die es besser hätten wissen sollen, als sich mit uns anzulegen. Mein Haar war ganz klebrig vor Ahornsirup, und die winzigen Holzsplitter, die unter meine Maske geraten waren, juckten auf meinem Gesicht.

»War … war es das?«, keuchte ich.

»Der Grüngürtel steht still«, bestätigte Shelly. »Der Südrand hat aufgehört zu wachsen, als der Wald die Kurve gemacht hat.«

»Beeilung, Leute.« Lei Zi landete. Das Schimmern der Luft rund um ihr elektrostatisches Feld war kaum sichtbar. »Sie evakuieren die Nachbarschaft, und das DSA schickt ein Umweltteam. Wir wissen nicht, wer das losgetreten hat, und bis wir wissen, dass es nicht wieder anfangen wird, bleiben wir auf unserem Posten.«

Seven reichte mir eine Wasserflasche. Er sah unverschämt frisch aus. Er und The Harlequin waren diesmal beim Schweber geblieben, um Galatea mit Munition zu versorgen oder eine schnelle Evakuierung durchführen zu können.

»Danke.« Ich versuchte, die Schmetterlinge im Bauch zu ignorieren, die er seit unserem »Kuss« in der Nacht des Omega-Einsatzes bei mir hervorrief. Ich atmete tief durch, meine Hand zitterte, und dann hielt ich inne. »Hörst du das?«

»Was?«

Meine Super-Duper-Sinne würden mich überwältigen, wenn ich uninteressante Geräusche nicht ausblenden könnte, und Seven war eine Ablenkung, aber ich konnte Explosionen in meiner Reichweite immer hören. Ich schaute nach Westen, als sich der weit entfernte Knall in ein Brüllen verwandelte, und deutete.

Seven kniff die Augen zusammen. »Ist das, was ich glaube, das es ist?«

»Jepp.« Ich konnte Details sehen, die er nicht sehen konnte, und der Junge, der auf einer leuchtenden Säule explosiver Entladungen in den Himmel stieg, trug eine rote Schulmannschaftsjacke.

»Durchbruch?«

»Wahrscheinlich.«

»Weiß er, was er tut?«

Ich seufzte und reichte ihm die Flasche. »Wahrscheinlich nicht. Er brüllt. Sag Lei Zi, dass ich mich darum kümmere.«

Kapitel 2: Megaton

Jeder will ein Superheld sein, weil niemand weiß, was für ein Scheißjob das eigentlich ist.

—Malcolm Scott, auch bekannt als Megaton

»Mal! Alter! Schau dir das an!« Tony stieß mich zum dritten Mal hart in die Seite. Seine Augen klebten an seinem Epad.

»Malcolm Scott!«, rief Mr Winfield, während er seine Liste abarbeitete.

Ich ignorierte Tony und hob die Hand. »Hier.« Winfield hob nicht mal die Augen, um mich anzusehen. Er hatte vor Jahren aufgehört zu schauen, was es leicht machte, seinen Kurs zu schwänzen. Du brauchtest nur einen »Freund«, der auf deinen Namen reagierte, und er musste noch nicht mal die Stimme verstellen. In der zehnten Klasse war ich in seinem Kurs bis zu drei Jungs pro Tag gewesen; bis ich ins Ringkampfteam kam und die Art von Freunden nicht mehr nötig hatte.

»Tina Halls! Rachel Kerry!«

Selbst hier draußen, mitten auf dem Fußballfeld an unserer zugewiesenen »Klassen-Sammelstelle«, bei unserer mindestens dritten Notfall-Evakuierungsübung seit Schulbeginn, benahm sich Winfield, als würde er mit körperlosen Stimmen sprechen. Wenigstens überprüften hier die Notfall-Beauftragten – in diesem Herbst Doug Lee und Tiffany Bright, die armen Schweine – die gleichen Listen. Tiffany umklammerte mit eisernem Griff eines der beiden Klassen-­Notfalltelefone, auf denen sie uns anrufen würden, um uns zu sagen, wohin wir gehen sollten oder ob die Übung vorbei war. Ich hätte ihr gerne gesagt, sie solle sich entspannen.

»Bradley Card!«

Ich stieß die Fäuste tiefer in die Taschen. Die Jacke einer Schulmannschaft war für zwei Dinge gut: Man blieb außerhalb der Reichweite der Schulhofschläger und sie hielt einen warm. Und der Herbst kam früh dieses Jahr. Auf dem Feld war die Luft heute noch kalt und ich fragte mich, wie lange sie uns wohl hier frieren lassen wollten, bis sie entschieden, dass die Übung vorüber war.

»Tiffany Bright!«

Alter, sie steht direkt neben dir.

»Mal, schaust du dir das jetzt verdammt noch mal an?« Tony schob mir das Epad ins Gesicht. Er tanzte fast. »Keine! Übung!« Ich zog meine Hände aus den Taschen und bekam das Pad zu fassen, ehe er es fallen ließ. Es wäre bei einer Landung im Gras nicht kaputt gegangen, aber Trottel, der er war, wäre er wahrscheinlich draufgetreten.

Er hatte Powernet offen. Das war keine Überraschung. Er war kein Supernerd, aber auch nur deshalb, weil sie die schlimmste Art von Nerd waren, und er keine Lust hatte, jeden zweiten Schultag verprügelt oder drangsaliert zu werden. Das Pad streamte ein Video, das Aufnahmen eines Nachrichtenhelikopters zeigte.

Die Sentinels und alle Guardian-Teams aus dem Umland von Chicago kämpften gegen einen Haufen Bäume.

HeiligeScheiße.

In der Informationsleiste am unteren Bildrand liefen Statistiken und Infos über die Teams, und das meiste drehte sich darum, dass Riptide offenbar eine Stufe aufgestiegen war – er hatte zuvor noch nie die Fähigkeit demonstriert, mit seinen Wasserstrahlen zu schneiden.

»Alter, das ist am städtischen Flughafen! Kein Wunder, dass sie uns hier draußen stehen lassen!« Tony nahm das Pad zurück und hielt es so, dass ich es auch sehen konnte. Wir schauten zu, wie mutierte Bäume eine Reihe miteinander verbundener Gebäude zerstörte, die laut Informationsleiste der Terminal des Chicago Executive Airport waren, wo die Reichen ihre Jets abstellten. Die Capes bearbeiteten die Ränder, als würden sie versuchen, eine Hecke zu trimmen, die schneller wuchs, als man sie schneiden konnte. Sie sprengten die Bäume, zerschmetterten sie, zerschnitten sie, und die Infoleiste kam immer wieder auf Riptides neue Angriffstechnik zurück. Bäume fressen den Flughafen, und das ist ihnen am wichtigsten?

»Das ist wirklich ein knallharter Typ«, sagte Tony bewundernd. Er hatte jetzt mehr als nur meine Aufmerksamkeit, und wir wurden der Mittelpunkt einer Menge, als die halbe Klasse versuchte, mitzugucken oder fragte, was wir schauten. Sowas passierte hier draußen in den Vororten einfach nicht. Ich roch Lavendel, drehte mich um und konnte Tiffany gerade noch packen, bevor sie ins Gras fiel.

»Tut mir leid!«, sagte sie, als sei es ihre Schuld, dass ich sie angerempelt hatte. Sie richtete sich auf und lächelte mich an, als ich ihren Arm losließ.

»Was ist los?«

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich nicht wusste, was ich mit meinen Händen tun sollte. »Es ist keine Übung.«

»Oh, nein!« Sie ließ ihr Klemmbrett fallen, wirbelte herum und blickte nach oben, als würde sie erwarten, dass die Capes jeden Moment direkt auf dem Fußballfeld landen würden.

Ich bückte mich, hob das Klemmbrett vom feuchten Gras und befestigte das Notfalltelefon wieder, das sie daran fixiert hatte. Zur Sicherheit hielt ich alles weiter fest, denn einige der Jungs lachten. Sie wurde rot. Tiff war dünn und ungeschickt. Sie war das Mädchen, das sich nach dem Abschluss vermutlich in ein Supermodel verwandeln würde, aber Jungs sind Arschlöcher, und im Augenblick war es wahrscheinlich kein Spaß, sie zu sein.

»Ich muss das zum Flaggenmast bringen«, erklärte sie und ignorierte die Jungs. »Jetzt, wo alle gezählt sind.«

»Gehen wir.« Ich ging los, und sie hüpfte, um aufzuschließen.

»Du musst nicht … Danke. Wegen eben.«

Ich zuckte mit den Schultern und ging weiter. »Kein Problem.«

»Glaubst du, sie werden die Schule evakuieren?«

Als wir um die Ecke des Gebäudes kamen, sahen wir, wie Schulbusse in die halbkreisförmige Auffahrt einbogen, die den vorderen Parkplatz und die Wiese mit dem Flaggenmast vom Haupteingang trennte.

»Ich denke, das ist ein starkes Vielleicht.« Wir überquerten die Straße zwischen zwei Bussen, die bereits aufgereiht und mit laufendem Motor dastanden und darauf warteten, Schüler einzuladen und loszufahren. Wir gingen zu der Gruppe von Schülern und Erwachsenen, die schon um den Flaggenmast standen.

Vizedirektor Blevins stand in der Mitte der Gruppe, schaute auf sein eigenes Klemmbrett und sprach in sein Telefon. Er nickte und sagte etwas, als ein voller Bus losfuhr. Das Motorengeräusch machte es unmöglich, ihn zu verstehen, aber nach all den Übungen war er wahrscheinlich total begeistert, es endlich mal wirklich durchziehen zu können. Tiffany stellte sich aufrechter hin und griff nach dem Klemmbrett.

»Danke, Mal. Ich … Warte! Das Telefon!«

Scheiße. Es war irgendwo abgefallen. Ich schaute nach hinten und sah es auf der Auffahrt liegen. Einer der Busse, an denen wir vorbeigekommen waren, war vorgefahren, aber der andere stand einfach da, und natürlich lag das Telefon direkt vor ihm auf der Straße.

»Ich hole es!« Ich schoss zurück über die Auffahrt.

»Nein, warte!«, rief Tiffany, aber ich duckte mich und schnappte es mir. Ich drehte mich um, hörte wie der Motor ansprang, und der anfahrende Bus warf mich auf den Boden.

Scheiße. Als mein Kopf auf der Auffahrt aufschlug, wurde mir einen Moment schwarz vor Augen, aber dann spürte ich das Kratzen des Asphalts, als sich der Kotflügel des Busses in meiner Jacke verfing.

Ich blinzelte, als der rollende Bus meinen Körper verdrehte und konnte sehen, wie das rechte Rad auf meine Beine zufuhr. Ich wusste, dass er mich überrollen würde. Panisch trat ich um mich, aber der Reifen erwischte meinen Schuh und verdrehte mir den Fuß. Mein Schrei wurde schriller als der von Tiffany, als ich die reißenden Schmerzen spürte, heftiger als jeder Ringergriff. Heißer Druck breitete sich unter meiner Haut aus und loderte auf, als ich mich wegdrückte.

Die erschütternde Explosion hämmerte mir in den Ohren, sodass ich das Kreischen des zerreißenden Metalls kaum hören und durch die blendende Entladung auch nichts sehen konnte. Ich blinzelte, blinzelte wieder, rieb mir verzweifelt die Augen und versuchte, durch das Klingeln hindurch etwas zu hören. Was war …

Der Bus, oder das, was von ihm übrig war, lag sechs Meter von mir entfernt verdreht auf der Seite. Die ganze Windschutzscheibe war eingedrückt und von Rissen überzogen. Sie war, mit der gesamten Front des Busses, weit ins Innere gedrückt worden. Blut bedeckte das spinnwebartige Glas und tropfte auf die Auffahrt. Tiffany hörte nicht auf zu schreien.

Die Menge um Blevins fügte ihre eigenen Geräusche hinzu, die in meinen klingelnden Ohren dumpf klangen, und in meinem Magen spürte ich die viel zu vertraute übelkeiterregende Panik. Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine wollten nicht funktionieren. Blevins rief etwas, deutete, und zwei der Campuscops setzten sich in meine Richtung in Bewegung. Sie zogen die Waffen, für die wir sie immer verspottet hatten – als würden sie je auf Kinder schießen. Ich kroch nutzlos rückwärts, als Hitze und Druck mir wieder durch den Körper fuhren. Ich explodierte erneut, und explodierte immer weiter.

»Aaaaaaaaaaaah!«

Ich schoss steil nach oben und die Beschleunigung presste mich zusammen wie in einer Achterbahn. Hersey High verschwand unter meinen Füßen, und in meinen Ohren ploppte es laut, als die Gebäude schrumpften und die Wolken näherkamen.

»Aaaaaah, aufhören!«

Es hörte auf. Der brennende Schub aus meinen Knochen verschwand, und mit ihm die brüllende Flammensäule, die mich nach oben trug. Jetzt entschied mein Magen, dass wir fielen. Nein, sagte der tief in mir begrabene Wissenschaftsnerd. Wir bremsen nur auf dem Weg zum Gipfelpunkt. Fallen werden wir erst in ein paar Sekunden.

Toll. Ich hatte mein ganzes Adrenalin verbrannt, und mein Gehirn hatte entschieden, dass sechzig Sekunden ununterbrochene Panik genug waren und ich nun ruhig und sarkastisch sterben würde. Ich hätte netter zu Tiff sein sollen …

»Bist du fertig?« Ein winziges, blondes, klebriges Wirrwarr, das ohne jede Mühe ein hantelförmiges Stück Metall schwang, das wahrscheinlich mehr wog als ich, hing in der Luft neben mir.

»Ich kann dich nämlich mitnehmen.«

Kapitel 3: Astra

Das Leben ist ungerecht. Ich weiß das. Ich wurde vielleicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren, aber ich habe eine tote große Schwester, an die ich mich nicht erinnern kann, weil ich zu jung war, Krebs in der Kindheit, an den ich mich allzu gut erinnere – die siebte Klasse war kein Spaß – und ich habe meine beste Freundin an tödliche Dummheit verloren … Aber mein Erwachen war eine gute Sache. Ich konnte dadurch Menschen retten. Ich habe coole, hilfreiche Superkräfte bekommen. Die Öffentlichkeit liebte mich, zumindest im Großen und Ganzen. Viele Erwachte haben nicht so viel Glück.

—Astra, Stationen eines Lebens

»Es passiert öfter, als du glaubst.«

Blackstone sah alt aus … nun ja, älter. Dank eiserner Disziplin und Chakras Unterstützung (eine Kombination aus Gymnastik und tantrischer Magie, fragt lieber nicht) konnte der weißhaarige Magier und ehemalige Marine einen Marathon laufen und sich in einem Mixed-Martial-Arts-Wettkampf behaupten, aber sein Alter wurde sichtbar, wenn er müde war. Oder traurig. Wie in der Nacht in der Kapelle, als er mich festhielt, als ich weinte wie ein kleines Kind.

Ich hatte Malcolm Scott im Spital abgesetzt, wo er die Dr.-Beth-Behandlung durchlaufen würde. Nur einen Blick auf seinen Kopf und Fuß und eine Ganzkörperuntersuchung, seine Superkräfte würde unser Teamarzt ein anderes Mal unter die Lupe nehmen. Jetzt saßen Blackstone, Chakra und ich in Blackstones Büro und schauten Dr. Beth und Mal bei den Tests zu. Die ersten Nachrichtenberichte über den Unfallschauplatz – der zerstörte Bus und ein Ring aus Rettungsfahrzeugen – füllten einen zweiten Bildschirm und zeigten auch kurze Aufnahmen von Watchman und Seven, die Lei Zi zur Schule geschickt hatte. Hersey High. Der Rest des Einsatzteams war noch draußen auf dem Flughafen.

Auf Dr. Beths Tisch hatte der Junge seine dreckige, zerrissene Teamjacke ausgezogen. Durchschnittliches Aussehen, braunes Haar, braune Augen. Er war ziemlich groß, übergewichtig auf eine fitte Art, ordentliche Muskeln unter einer Schicht Fett. Ich vermutete, er war ein Linebacker oder Ringer.

Chakra blickte mit gerunzelter Stirn vom Bildschirm auf. »Was passiert öfter?«

»Tödliches Erwachen.« Blackstone lehnte sich zurück, schloss die Augen und rieb sich den Nasenrücken. »Viele Erwachte entstehen durch ein Trauma, das andere Leute verursacht haben, und die Reaktion ist oft extrem. Schau dir Safire an – eine eigentlich ganz nette Stripperin, die die Handelsschule besuchte, bis ihr gewalttätiger Freund sie fast zu Tode geprügelt hätte und sie ihr Erwachen als Atlas-Typ der B-Klasse hatte. Sie hat ihn mit einem Schlag umgebracht, ehe sie wusste, wozu sie imstande war.«

»Jamal …«, sagte ich, ehe ich mich selbst aufhalten konnte. Ich hatte meine schmutzige Maske und Perücke abgenommen und mein Gesicht gewaschen, aber ich hatte mich nicht umgezogen, ehe ich mich ihnen leise angeschlossen hatte.

Er nickte. »Crash, ja. Glücklicherweise haben du und Rush verhindert, dass er den jungen Gangstern, die ihn angegriffen haben, etwas unverzeihlich Dauerhaftes angetan hat.«

Chakra schaute zu, wie Dr. Beth unser neues Problem genauestens untersuchte.

»Armer Junge«, sagte sie und wiederholte, was meine eigene unglückliche innere Stimme sagte. »Was passiert jetzt mit ihm?«

»Rechtlich? Nichts. Manchmal ist es schwer zu beweisen, ob ein Erwachen mit Todesfolge Absicht war oder nicht, aber in diesem Fall war der Tod des Busfahrers eindeutig ein Unfall.« Er seufzte. »Aber psychisch?

Oh, ja. Das würde den Kopf des Jungen in vielerlei Hinsicht durcheinanderbringen. Mein Gesichtsausdruck musste mich verraten haben. Der stets aufmerksame Blackstone sah mich an. Er hatte ein leichtes Funkeln in den Augen.

»Könntest du das übernehmen, meine Liebe? Die Eltern des jungen Mr Scott sind auf dem Weg, aber Dr. Beth wird bald mit seiner Untersuchung fertig sein, und wir wollen den Jungen nicht zu lange allein lassen. Wir wissen nicht, ob er sich wieder aufregt und anfängt, Löcher in die Kuppel zu sprengen. Und Chakra und ich sind eher … zerbrechlich.«

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren und schloss ihn wieder, als Blackstones Argument bei mir ankam. Wie schnell würden die Superkräfte des Jungen anspringen? Würde eine normale Person, die ihn aufregte, ab jetzt als schmierige Paste an der Wand enden? Dr. Beth war wahnsinnig, sich auch nur im gleichen Raum mit dem Jungen aufzuhalten, ohne zu wissen, was die nächste Explosion auslösen könnte.

Meine Güte, reg dich ab, er hat ja sonst noch niemanden gesprengt. Shelly war zwar nicht mehr in meinem Kopf, aber ich konnte immer noch ihre sarkastischen Bemerkungen hören.

Ich nickte und wünschte mir, Seven wäre hier. »Okay. Wie lange habe ich?«

Blackstone konzentrierte sich auf den Bildschirm, wo Dr. Beth den Jungen gerade sein Hemd ausziehen ließ. »Ich würde sagen, du hast vielleicht zehn Minuten, bis der gute Doktor fertig ist.«

Und Dr. Beths freundlicher Smalltalk konnte jeden beruhigen, sodass ich genug Zeit hatte, mich umzuziehen. Ich rannte los.

»Willst du alles über ihn wissen?«, flüsterte mir Shelly ins Ohr, als ich die Tür hinter mir schloss. Ich antwortete erst, als ich sicher im Aufzug war.

»Sag mir, dass du nicht die Akten der Schule gehackt hast!«

»Hey, es ist für eine gute Sache.«

»Nein, ist es nicht. Es ist Neugier, und wir wissen es ohnehin bald auf die legale Art. Wir haben doch darüber gesprochen!« Oh Mann, und wie wir das hatten, aber sie hörte mir nicht zu, und es würde nicht lange dauern bis …

Ich wollte mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, aber selbst die Aufzüge der Kuppel konnten zerbrechlich sein. Im Nachhinein war man immer schlauer; man hatte Zeit, über die Entscheidungen nachzudenken, die man getroffen hatte, vielleicht mehr Informationen, als man damals hatte, und genug Zeit für schreckliche Erkenntnisse.

In der Nacht des Omega-Einsatzes hatte ich Shell gebeten, ein militärisches System zu hacken, um eine Rakete umzulenken, und jetzt wusste das US-Militär, dass jemand durch ihre wichtigsten Systeme tanzen und mit ihrer Hardware spielen konnte. Und das machte sie zu einer Bedrohung für die nationale Sicherheit. Um die Sache noch schlimmer zu machen, war sie keine Person, nicht rechtlich gesehen. Wenn sie sich weiter in solche Gefahr brachte, wenn sie den Hack auf sie zurückverfolgen würden …

Obwohl die ACLU drei Fälle von mit Verne-Wissenschaft aufgerüsteten Tieren und einem einzigartigen Auto gehabt hatten, die aktuell durch die Instanzen gingen, hatte Shell keine Rechte.

In manchen Nächten wachte ich schweißbedeckt aus Albträumen auf, in denen sie gekommen waren, um sie mitzunehmen, und es gab nichts, was ich tun konnte, außer endgültig zum Superschurken zu werden. Es war meine Schuld, und ich musste es reparieren.

Aber ein Problem nach dem anderen.

»Später, Shell. Jetzt muss ich den Jungen piksen und schauen, ob er explodiert.«

Megaton

Der Doktor gab mir einen Lolli und ein Epad mit einer Wegbeschreibung und schob mich aus der Tür. Und das war echt bizarr, dass sie mich einfach ganz allein in der Zentrale der Sentinels rumlaufen ließen. Ich folgte der Karte und versuchte, nicht zu viel nachzudenken. Meine Eltern würden bald hier sein, und Mom würde durchdrehen. Keine Ahnung, was Dad tun würde – er hasste die Ringkampf-Sache, da sie mich davon ablenkte, zu lernen, damit ich etwas aus mir machen würde. Ich wusste nicht, was er darüber denken würde … Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Haare und zuckte zusammen, als ich die fette Beule berührte. Der Doktor hatte mir versprochen, dass es keine Gehirnerschütterung war.

Ich prüfte die Knöchelschiene, die der Doktor mir verpasst hatte, und humpelte wieder am Lakonischen Bob in der Lobby vorbei. Er hatte vier Worte gesagt, als Astra uns vorgestellt hatte, zwei davon waren mein Name gewesen, und hatte auch jetzt nichts hinzuzufügen.

Ich bog um eine Ecke, ging durch eine Tür und stand in einem Filmset.

Okay, es war kein Filmset, aber ich hatte The Sentinels I, II, III, IV und V gesehen. Sie hatten mich zum Versammlungsraum geschickt. Riesiger Eichentisch, check. Das »S« der Sentinels über ihrem Motto – »Wir sind bereit« in Latein – check. Riesige Bildschirme, an der Decke montierte Projektoren, check. Der Egoschrein voller Bilder und Zeitungsausschnitte an der Wand war neu oder zumindest nicht in den Filmen. Als ich genauer hinschaute, konnte ich sogar das schwarz umrandete Cover der Beerdigungssonderausgabe des Time Magazines sehen. Okayyy …

»Morbide, oder?«

Ich drehte mich um und wäre fast gefallen, als mein Knöchel protestierte und Hitze und Druck durch meinen Körper schossen. Mir wurde schwindlig. Die winzige Blondine, die hinter mir stand, lächelte.

»Du hast nichts in die Luft gesprengt. Das ist gut.«

Sie trug eine dunkelblaue Cargohose und ein enges, weißes Sportshirt mit Astras Sternsymbol in funkelndem Silber. Platinblonde Haare, die zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden waren, rahmten ein frisch gewaschenes Gesicht ein. Mir wurde so kalt, als wäre ich in Eiswasser gefallen.

»Bist du irre? Ich hätte …«

»Explodieren können? Ich weiß.« Sie hüpfte auf den Konferenztisch und ließ die Beine baumeln. »Deswegen bin ich hier. Ich bin robuster als ein Bus. Wie geht es der Beule?«

»Du bist robuster … warte … du bist Astra?« Ihr Lächeln wurde breiter, während ich versuchte, das Ganze in meinem Kopf zu sortieren. Ich hatte den Schmierblättern nicht geglaubt, aber sie konnte noch nicht volljährig sein, geschweige denn eine echte Superheldin. Tiffany hatte obenrum mehr zu bieten als sie, und … Klar, starr auf ihre Brust, du Vollidiot. So macht man einen großartigen ersten Eindruck.

Tatsächlich fing sie jetzt an zu lachen, und mein Gesicht brannte.

»Meine Oberweite steckt vor allem in meinem Kostüm«, sagte sie mit einem entspannten Schulterzucken. »Von Superheldinnen wird ein bestimmtes Aussehen erwartet … Und wow, kommt mir dieses Gespräch bekannt vor.« Häh? Sie lächelte über etwas und schüttelte den Kopf. »Wenn es dich interessiert, ich bin letzten Frühling neunzehn geworden und somit definitiv keine minderjährige Lolita.«

Mein Gesicht wurde noch heißer. »Scheiße … Ich meine, tut mir Leid …«

Sie sah tatsächlich mitfühlend aus, nicht angeekelt, als hätte sie Hundescheiße an meinem Schuh gerochen oder so, und das machte es noch schlimmer. Sie war kein Supermodel, aber sie war niedlich und selbstbewusst, und die Art Mädchen, die mich letztes Jahr keines zweiten Blickes gewürdigt hätte.

Als ich keine weiteren Dummheiten von mir gab, winkte sie ab. »Anderes Thema, darf ich dich Mal nennen?« Ihr entspanntes Lächeln verschwand und sie sah älter aus. Die Neckerei war vorbei. »Wir müssen reden. Über deinen Unfall.«

Fünf Minuten später wollte ich mich umbringen.

Sie hatte mich zu einem Stuhl bugsiert und sich neben mir niedergelassen, ihre Füße in den Turnschuhen unter ihren Körper gezogen. Dann hatte sie mit mir Schritt für Schritt die Ereignisse durchgesprochen, die dazu geführt hatten, dass ich schreiend in den Himmel geschossen war. Der zerschmetterte Bus. Das Blut.

»Der Fahrer, ist er …«

»Tot.« Sie schaute mich genau an. Ihre Augen waren feucht, aber ruhig. »Er hatte wahrscheinlich nicht mal Zeit, um zu begreifen, was passiert ist.«

Der heiße Druck war wieder da und schwoll unter meiner Haut an. Ich konnte nicht atmen. »Ich glaube, ich glaube, ich muss kotzen.« Anstatt zurückzuweichen, rutschte sie vor und legte mir eine Hand aufs Knie.

»Nichts, gar nichts, was ich sage, wird helfen«, sagte sie ernst. »Aber dein Erwachen hat dich gerettet, dich beschützt, und du wolltest ihm nicht wehtun. Es ist, wie es ist, es ist schrecklich, es passiert manchmal, und es ist überhaupt nicht deine Schuld.«

»Natürlich ist es das!« Ich fühlte mich, als würde ich in Flammen stehen.

Ihr Griff wurde fester, wie ein weicher Schraubstock. »Nein, ist es nicht. Aber es ist eine Schuld. Du schuldest ein Leben, also rettest du ein Leben. Das wird es nicht gut machen, aber wir alle haben Schulden, die wir nicht begleichen können.«

»Wen retten?«

»Fang mit dir selbst an und dann mach weiter.« Sie ließ los, lehnte sich zurück, aber hielt den Blick auf mich gerichtet. »Wirst du jetzt …« Sie deutete mit den Fingern eine Explosion an.

Ich begriff, was sie getan hatte, und hätte fast wirklich gekotzt. »Du hast versucht …«

»Zwei Mal«, stimmte sie zu. »Ich wollte mich auch an dich anschleichen. Wusstest du, dass deine Körpertemperatur beide Male hoch gegangen ist?« Ihr Lächeln kam zurück, aber es war vorsichtig. »Ich bin mir also ziemlich sicher, dass man sicher neben dir stehen kann, zumindest solange du hier bist. Und wir werden dir helfen, herauszufinden, was heute passiert ist, damit es nicht wieder passiert. Versprochen.«

Kapitel 4: Astra

Abgeordneter Mallory Shankman sprach sich heute für das heiß diskutierte Gesetz zur öffentlichen Sicherheit aus, das die Registrierung gefährlicher Erwachter erforderlich machen und in dessen Zuge eine öffentliche Datenbank mit allen Namen und Adressen bekannter Erwachter eingerichtet werden würde. Der Abgeordnete äußerte die Ansicht, dass das gerade verabschiedete Schulsicherheitsgesetz kaum mehr als ein »symbolisches Heftpflaster« sei. Abgeordneter Shankmans Reaktion auf den tragischen, von einem Erwachten verursachten Todesfall heute Morgen war ein Aufruf zu größeren Anstrengungen, um »diese instabilen Erwachten zu finden, ehe sie noch mehr Unschuldige töten«.

—Chicago News

Dass niemand im Wald gestorben war, war ein absolutes Wunder. Nachdem ich Mal an Willis übergeben hatte (die Lunch-Kreationen des Majordomus der Kuppel waren besser als Therapie), ging ich eine Kerze in der Kapelle anzünden, und dankte der weißen Jadestatue von Guanyin, der Maria der Heiden, während ich wartete, dass der Rest des Teams nach Hause kam.

Es hatte geholfen, dass ich die Situation glücklicherweise so früh entdeckt hatte, doch auch das nasse, kühle Morgenwetter, bei dem nur wenige Leute im Grüngürtel unterwegs gewesen waren. Chicago hatte jetzt vier Minuteman-Typen der A-Klasse, die sekundenschnell evakuieren konnten, und die Wachstumswelle, die am See begonnen hatte, war erst über den Fluss gesprungen, nachdem wir die meisten mächtigen Erwachten von Chicago bereits zusammengezogen hatten. Mals Busfahrer war der einzige Todesfall, der mit der Sache verbunden war, und ich zündete auch für ihn eine Kerze an, und eine für Mal.

Das FBI und das Department of Superhuman Affairs zogen mit Erlaubnis des Bürgermeisters ein Einsatzteam heran, um den Schauplatz noch vor dem Mittag zu untersuchen. Sobald sie ermittelt hatten, dass nichts mehr von dem übrig war, was das explosive, zielgerichtete Wachstum ausgelöst hatte, kam der Rest des Teams heim. Blackstone gab ihnen Zeit zu duschen und ein frisches Kostüm anzuziehen, ehe er uns alle in den Versammlungsraum holte, um uns die schlechten Nachrichten zu überbringen.

»Die Menschheit zerstört sich selbst mit Gasen und Abfällen. Sie vermehrt sich, um jede auch nur ansatzweise bewohnbare ökologische Nische zu füllen und zerstört die Vielfalt des Lebens in der ganzen Welt. Sie zerstört das Gleichgewicht uralter Ökosysteme. Sie ist eine Seuche für die Welt. Der Menschheit wurde eine Mahnung zugestellt. Sie wird entweder freiwillig ihr Haus aufräumen und ihre Zahl verringern, oder sie wird als Drohung für das Fortbestehen des Lebens auf diesem Planeten aus dem Weg geräumt …«

Blackstone hielt das Viewtube-Video an und ließ das Symbol des Green Man auf dem Bildschirm stehen. Das grinsende Gesicht aus verschlungenen Blättern war das einzige Bild, das das Video gezeigt hatte. Er blickte sich am Tisch um. Wir waren ein deutlich besser aussehendes Grüppchen als noch vor einer Stunde, und wir füllten die Plätze am Tisch in unserer mittlerweile komplett vorhersehbaren Sitzordnung.

Es war ganz unmerklich passiert, so wie sich Cliquen an der Schule bilden und etablieren, und jetzt sagte die Art, wie wir saßen, eigentlich alles über das Team aus. Seven, Riptide und Rush hingen zusammen rum, wenn sie außer Dienst waren. Chakra und Blackstone waren natürlich ein Paar, aber da Blackstone so viel forschte, waren Chakra und The Harlequin der Mädelsclub. Lei Zi hatte nicht viele soziale Kontakte, Vulcan kam selten aus der Grube, Watchman und Variforce trainierten so obsessiv wie ich, und Variforce hatte eine Familie (das hatte Riptide auch, aber er hatte eine Nanny für den kleinen Carlos). Ich war jünger als die Seven-Riptide-Rush- oder Chakra-Harlequin-Cliquen und hatte ein ziviles Leben, das ich erhalten wollte, also stand ich etwas außerhalb der sozialen Kreise, und normalerweise saßen Shelly und Jamal neben mir.

»Diese Videodatei ist vor zwei Stunden online gestellt worden«, sagte Blackstone. »Das DSA geht mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass dieser ›Green Man‹ tatsächlich die Person ist, die für die Ereignisse heute Morgen verantwortlich ist.«

»Er scheint nicht gerade originell sein zu wollen«, bemerkte Watchman.

Der andere Atlas-Typ saß aufrecht. Sein neuer Jumpsuit in Armeegrün war perfekt gebügelt und das schwarze Uniformbarett saß makellos auf seinem Kopf.

»Korrekt«, stimmte Blackstone zu. »Er hat sein Manifest fast wortwörtlich aus Deep Greens offizieller Verkündung übernommen.« Überall am Tisch ertönte ein Stöhnen.

Riptide verzog verächtlich das Gesicht. »Diese Pajeros, die glauben, dass die Welt ohne uns ein besserer Ort wäre?«

»In der Tat. Deep Green steht ganz oben auf der FBI-Liste der Inlandsterrorgruppen. Unter anderem verlangen sie die Aufgabe von Industrialismus und Urbanisierung und die Verringerung der Menschheit auf nicht mehr als einhundert Millionen Seelen. Bislang haben sie ihre Überzeugungen nur durch extremen Vandalismus zum Ausdruck gebracht – durch Zerstörung der Infrastruktur von Baufirmen, Energiekonzernen, Gebäuden, Ausrüstung. Millionen von Dollar Sachschaden, aber bisher keine Verletzten.«

»Bisher.« Watchman hob nicht die Stimme, doch als ich ihn anblickte, konnte ich sehen, dass er die Fäuste auf dem Tisch geballt hatte. »Wenn der Green Man zu ihnen gehört, dann waren sie heute nicht gerade vorsichtig.« Watchman war nicht in größerer Gefahr gewesen als ich, aber so etwas wie heute Morgen war ein besonderer Albtraum für Erwachte wie uns. So schnell, zäh und stark wir auch waren, waren wir keine entscheidende Hilfe gewesen, und wenn wir allein gekämpft hätten, hätte uns die Katastrophe einfach überrollt.

Blackstone nickte und stimmte zu. »Das DSA-Team hat den Wald vorerst für sicher erklärt, und die Stadtzentrale hat alle Drohnen am Himmel, um den Rest des Grüngürtels und die städtischen Parks zu überwachen. Alle Krisen- und Interventionscapes mit passenden Kräften sind weiter in Alarmbereitschaft, und für den Augenblick können wir nichts weiter tun. Reden wir nun also über das große Problem.«

Der Bildschirm zeigte nun eine Luftansicht der neuen Waldlandschaft. Sie breitete sich über Straßen und Felder aus, eine wilde, grüne Wucherung, die über die ordentlichen Linien der Metropole geworfen worden war.

»Es gab schon vorher Florakineten, Pflanzenbeherrscher, aber niemals in dieser Größenordnung. Der stärkste bisher war Vitaceae, ein italienischer Superheld. Er kann einen Morgen dicht bewachsenes Land auf einmal kontrollieren. Das hier«, Blackstone deutete auf den Bildschirm, »geht weit über A-Klasse hinaus. So wie der Terrakinet, der letzten Januar das Big One ausgelöst hat, jenseits der A-Klasse war.«

Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen Eiszapfen in den Hals gestopft, der jetzt in meinem Bauch wuchs. Und den Gesichtern am Tisch nach zu urteilen, war ich nicht die Einzige, der es so ging.

»Hatte die DSA-Ermittlung nicht ergeben, dass Temblors Superkräfte von seiner Psychose verstärkt worden waren?«, fragte The Harlequin.

»Richtig, und sie haben die neue Machtstufe Ultra-Klasse genannt und gefolgert, dass es sich um ein einmaliges Ereignis gehandelt habe. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Beide Ereignisse waren Terrorakte. Beide gehen weit über das hinaus, was man für möglich hielt. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir es mit etwas ganz Neuem zu tun haben, mit Erwachten, deren Psychosen oder Fanatismus ihre Superkräfte in nie dagewesene Ausmaße steigern. Wir wissen noch nichts über die Geschichte des Green Man, aber ich werde mir Temblors Geschichte näher anschauen; vielleicht ist der DSA-Ermittlung etwas entgangen.«

Er schaute mich an, als er das sagte. Oder Shelly. Wir wussten beide, was es bedeutete: Wir drei wussten, dass Temblor vom Dark Anarchist benutzt worden war, dem Zeitreisenden, der irgendwie die exponentielle Steigerung der Superkräfte des psychotischen Schurken ausgelöst hatte.

»Ich gehe vom schlimmsten Fall aus«, schloss er ab. »Wenn jemand dort draußen eine zuverlässige Möglichkeit gefunden hat, die Superkräfte von Erwachten zu verstärken, müssen wir es wissen. Wir könnten es mit deutlich mehr zu tun bekommen als mit explosiv wachsendem Wald, also seid bereit. Astra, würdest du bitte noch bleiben?«

Ich erwartete, dass auch Lei Zi und Quin bleiben würden, vielleicht um über meine für morgen angesetzte Aussage vor Gericht zu sprechen, aber sie gingen mit den anderen. Shelly schaute mich fragend an, und Chakra lächelte mir im Vorbeigehen ermutigend zu. Der Eiszapfen in meinem Magen wurde dicker. Was war los?

Nicht Shelly, bitte nicht Shelly.

Blackstone seufzte und stand auf. Er sah wirklich nicht gut aus. Selbst mit Chakras Unterstützung verlangte ihm das alles offenbar mehr Kraft ab, als er hatte. Normalerweise bewegte er sich, als stünde er auf einer kleinen, intimen Bühne, aber jetzt spielten seine Finger ziellos mit seinem Epad.

»Hope.« Ein weiterer Ausrutscher – er nannte mich immer Astra, wenn ich die Maske trug. »Wir werden ein Kadettenteam aufbauen, und ich will, dass du es leitest.«

Nicht Shelly, und nichts, von dem ich jemals geträumt hätte. »Aber … warum?«

Er lächelte mich an.

»Warum, wo ich mich immer dagegen gewehrt habe, Minderjährige einzusetzen, auch wenn es legal ist?«

Ich nickte. Verschiedene Staaten hatten unterschiedliche Gesetze. In Illinois konnten KHI-Teams Minderjährige mit 16 Jahren und älter einsetzen, wenn sie Superkräfte hatten, die für Notfälle geeignet waren und man sie nicht direkt in »Kampfsituationen« schickte. Dennoch hatte Blackstone Crash nur vorläufig ins Team geholt; er trainierte mit Sifu, war Rushs Sidekick und nicht Teil des regulären Einsatzteams. Shelly war … ein besonderer Fall, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er sie nur ins Team geholt hatte, um sie im Auge zu behalten.

Er seufzte wieder. »Der Green Man steht nicht im Großen Buch der ungewissen Prophezeiungen.«

Oh. Das erklärte das private Gespräch. Blackstone gehörte nun zu einer Geheimgesellschaft mit nur drei Mitgliedern.

Shelly und ich hatten begonnen, die riesige Datenbank zukünftiger Historie, die der Teatime-Anarchist mir hinterlassen hatte, das Große Buch der ungewissen Prophezeiungen zu nennen, und wir hatten wirklich keine Ahnung gehabt, was wir damit tun sollten. Was für ein Mensch gibt so etwas in die Hände einer Achtzehnjährigen? Auch dann, wenn er viele potenzielle zukünftige Hopes gesehen hatte und total beeindruckt war – was ich nicht wusste, weil er alle direkten historischen Bezüge auf mich und meine potenziellen Leben geblockt hatte.

Nach unserem Kampf mit Villains Inc. hatte ich Shell gebeten, das Ding zu sortieren und zu klassifizieren. Sie ignorierte alles, was hätte passieren können, aber jetzt definitiv nicht mehr passieren würde, weil das Big One eingetreten war, und sammelte alle Ereignisse zusammen, die noch immer passieren könnten. Anschließend hatten wir das ganze Ding Blackstone weitergegeben – der prompt ausgeflippt war, weil jemand die möglichen Richtungen der Zukunft der Menschheit einer Achtzehnjährigen anvertraut hatte.

Nun, ja.

Als er sah, dass ich verstand, worauf er hinauswollte, nickte Blackstone.

»In den möglichen Zukünften, die der Teatime-Anarchist uns hinterlassen hat, erscheinen Erwachte der Ultra-Klasse erst deutlich später – und ihre Existenz gehört zu den Faktoren, die die Gesellschaft der Zukunft fast zum Zusammenbruch bringt. Temblor war offensichtlich vom Zwilling des Anarchisten eingefügt worden.«

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und brachte graue Locken in Unordnung. »Wir können viel Zeit damit verbringen, über die veränderten Ketten von Ursache und Wirkung zu diskutieren, die zum beschleunigten Erscheinen von Bedrohungen wie Godzillas und dem Green Man führen. Was wir nicht ignorieren können, ist, dass eine schlimme Situation schlimmer wird, und in gewisser Hinsicht sind wir die Opfer unseres eigenen Erfolgs.«

Jetzt stutzte ich. »Das verstehe ich nicht.«

»Heute ist ein perfektes Beispiel. Der Green Man hatte hier sein Debüt. Nicht in New York. Nicht in L.A. Atlas und die Sentinels haben die Vorlage für die Superhelden und Superhelden-Teams seit dem Ereignis erschaffen, und seitdem ist Chicago der Ort, an den Erwachte kommen, um sich einen Namen zu machen. Deshalb haben wir so viele KHI-Teams. Kulturell sind wir das Superheldenzentrum der Welt, der Fokus aller Superhelden-Fans. Aber die Guardian-Teams sind vor allem Straßenhelden, meine Liebe. Heute haben die zusätzlichen Mitglieder der anderen KHI-Teams unsere Masse nur verdoppelt, und wenn ein neuer Superschurke eine große Ansage machen will, dann kommt er hierher. Letztes Jahr waren wir der einzige Süßwasserhafen, der einen Godzilla abbekommen hat. Der Green Man hat aus demselben Grund hier angefangen. Und auch wenn die Zukunftsakten kein sicherer Leitfaden sind, setzt sich in allen möglichen Trends die Verbreitung der Ultra-Klasse fort, wenn sie erst einmal begonnen hat.«

Er schaute weg. »Und in diesen Zukünften hatten wir noch Atlas.«

Ich schluckte an dem Kloß in meinem Hals vorbei und nickte. Es war für mich immer noch nicht leicht, die Zukunftsakten der Sentinels aus der Zeit vor dem Big One zu lesen, so nützlich sie sein mochten; ich konnte die, die mich betrafen, nicht lesen, und in den meisten älteren starb Atlas – John – auf brutale Weise. Manchmal früher, manchmal später, aber immer brutal.

»Also … also brauchen wir ein größeres Team. Mehr schwere Jungs.«

»In der Tat. So wie den jungen Mr Scott, wenn er seine Kraft kontrollieren kann. Aber wir können uns nicht einfach vergrößern. Die Leute identifizieren sich mit einem kleineren Team, und wenn wir einfach nur mehr dicke Knarren aufstocken, sehen wir langsam aus wie eine Armee.«

Das verstand ich. Ich hatte zu viel Zeit mit Mom und jetzt Quin verbracht, um es nicht zu kapieren. Es ging um die Optik, um die öffentliche Wahrnehmung.

Blackstone tippte auf den Tisch. »Du und Shelly und Jamal haben geholfen, diesen Eindruck abzuschwächen, und das ist eine gute Sache. Die Hillwood-Akademie versucht schon seit vielen Jahren, uns davon zu überzeugen, an ihrem Praktikantenprogramm teilzunehmen. Ungefähr ein Drittel ihrer Abgänger trägt irgendwann ein Cape, und ihr Programm erlaubt es ausgewählten Schülern im letzten Schuljahr, ihre Ausbildung zu beenden, während sie Teil eines protegierenden Teams sind. Wir können unsere neuen Mitglieder im Abschlussjahr aufnehmen und sie behalten, bis sie einundzwanzig sind, und neue Mitglieder aufnehmen, sobald sie volljährig sind. Wenn sie sich bei uns gut anstellen, können sie einen Job bei jedem KHI-Team im Land finden.«

»Und ich?« Das Eis in meinem Bauch war verschwunden. Mutierte Schmetterlinge hatten seinen Platz eingenommen. Ich bin erst neunzehn! Die Medien halten mich noch immer für minderjährig! Ich bin die junge Assistentin!

Er schenkte mir ein warmes Lächeln. »Shelly und Jamal wären natürlich im Juniorteam, und du hast dich letztes Frühjahr hervorragend bei unserem Kampf gegen Villains Inc. geschlagen. Es würde sehr seltsam aussehen, wenn du es nicht anführen würdest, meinst du nicht?«

»Aber …« Ich schloss meinen Mund. Unter der schreienden Panik versuchte meine innere Stimme meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Hillwood.

Ich hatte viele schlaflose Stunden damit verbracht, die Zukunftsakten nach einer Lösung für Shellys gefährliche Situation zu durchsuchen. In allen vorherigen möglichen Historien war rechtlicher Schutz für künstliche Persönlichkeiten noch Jahre entfernt, und Legal Eagle sah ebenfalls nichts am Horizont. Aber es könnte eine übernatürliche Lösung geben, und eine davon war gerade in Hillwood. Vielleicht. Wenn sich das nicht geändert hatte.

Blackstone hatte keine Ahnung, aber er eröffnete mir eine Gelegenheit, die so großartig aussah, dass ich kaum wagte, sie anzuschauen, damit sie nicht plötzlich verschwand.

»Ich will selbst auswählen«, platzte es aus mir heraus. Mir war ganz schwindlig vor Angst und Hoffnung.

»In Ordnung. Sonst noch etwas, meine Liebe?«

Alles. Ich wollte schreiend weglaufen.

Stattdessen atmete ich tief durch.

»Nein. Nein, ich mache es.«

»Hervorragend. Ich glaube, dass wir noch drei weitere Leute aufnehmen können, damit hättest du ein Team mit sieben Mitgliedern.« Er reichte mir ein Epad. »Reden wir einen Moment darüber, wie man ein Gleichgewicht im Team und eine Balance der Superkräfte herstellt.«

Shelly sprang auf meinem Bett herum, streckte die Hand nach mir aus und pikste mich.

»Gib’ es zu Hope, du hattest Schiss.«

Sie war auf ihrem Weg nach irgendwo anders in mein Zimmer gekommen und hatte mich lesend angetroffen. Blackstone hielt es für unwahrscheinlich, aber soweit wir wussten, konnte der Green Man jederzeit auftauchen, und wir mussten alle einsatzbereit bleiben, da die Sentinels in der Reihenfolge der Ersthelfer ganz vorne standen. Ich trug wieder alles außer meiner Maske, Perücke, dem Cape und dem Brustharnisch, den ich in einer Sekunde anlegen konnte.

Shelly musste sich von dem Montagegestell in der Startbucht in ihre blaue und weiße »Kampf-Galatea«-Ausrüstung und Bewaffnung nieten lassen, also kleidete sie sich zivil.

Ich schlug ihre Hand weg und widerstand der Versuchung, das Epad zu verstecken. Sie hätte es ohnehin nur gehackt, wenn sie glaubte, dass es etwas gäbe, was sie nicht sehen sollte. Ich seufzte. »Nein.«

»Wirklich? Nach diesem dummen Film hat dich der Baum vor deinem Fenster wochenlang zum Heulen gebracht.«

Ich hob das Pad höher und ignorierte ihr Grinsen. »Er hat bei Wind am Fenster gekratzt. Ich war sieben Jahre alt, Shell. Ich hatte Angst vor vielen Dingen.«

»Ärzte, Bäume, Frösche …«

»Hey, sie springen einen an!« Irgendwann hatte Dad den Ast gekürzt, aber bis dahin hatte ich bei den Eltern geschlafen, wenn Shelly nicht bei mir übernachten konnte. Mom und Dad hatten es nie verstanden. Ich hatte Angst und weinte, und dann machte sich Shell über mich lustig, bis ich darüber weinte, dass ich Angst hatte. »Mom erwartet dich Freitag zum Abendessen.«

Sie nickte abwesend, rollte sich herum, so dass sie auf dem Bauch lag, und begann an Deckenflusen zu zupfen. »Also …«

Ich schaltete das Pad aus, legte es aufs Regal und streckte mich. Meine Augen brannten, weil ich mich stundenlang durch die Akten der Hillwood-Akademie gearbeitet und meine Argumente vorbereitet hatte. Dabei hatte ich mir alle Mühe gegeben, weder an den Gerichtstermin morgen noch über Seven nachzudenken (ich war nicht besessen von ihm, nein, wirklich nicht), und war froh, Shelly zu sehen, weil ich mich schuldig fühlte.

Sie war noch immer Shell, meine beste Freundin, aber wir waren nicht mehr wie zusammengewachsene Geschwister. Ich war nicht mehr das Mädchen, das ihr überall hin folgte. Wenn ich nicht trainierte oder lernte oder auf Patrouille war, war ich in der Uni oder versuchte all die Verfahrensbeschreibungen, Handbücher und Einsatzhistorien zu verinnerlichen, die Blackstone mir auf den Schreibtisch legte (in letzter Zeit in größer und größer werdenden Haufen), und sie hing gerne mit Crash rum. Sie versuchte, sich nicht in die Zeit zu drängen, die ich mit den Bees verbrachte, fragte noch nicht mal nach ihnen, und ging nur noch mit mir nach draußen, wenn ich nach Hause ging.

Wir waren wieder ein Team, auf andere Weise, aber ich konnte sie noch immer durchschauen. Ich konnte ihr nichts von Hillwood und meinen Plänen erzählen, noch nicht, aber ich hatte ohnehin mit diesem Gespräch gerechnet.

»Mal ist auch nicht im Buch, oder?«

Shell rollte sich wieder herum und strampelte mit den nackten Füßen. Nur ihre zu glatte Haut deutete darauf hin, dass ihr Körper in Vulcans Labor fabriziert worden war.

»Nein, ist er nicht.« Was Sinn ergab und Blackstones Beobachtungen entsprach. Es war statistisch unwahrscheinlich, dass viele der Erwachten nach dem 1. Januar aus der alten Zukunft, der ohne das Big One, jetzt noch erscheinen würden. Stattdessen würden wir mehr und mehr neue und andere Superhelden und Superschurken bekommen, die der Teatime-Anarchist niemals gesehen und von denen er niemals gelesen hatte. Wie der Green Man. Eine Veränderung führte zu einer anderen, wie fallende Dominosteine; ändere ein winziges Detail, und die Veränderungen breiten sich ziemlich schnell aus.

So wie ich niemals Astra geworden wäre, wenn der böse Zwilling des Teatime-Anarchisten nicht meine Zukunft geändert hätte, indem er eine Autobahnüberführung auf mich warf.

So wie ich in Washington beim Kampf gegen den Ring gestorben wäre, hätte der Teatime-Anarchist nicht Atlas überzeugt, mich ins Team aufzunehmen und mich in Chicago zu behalten. So wie der Ring später Washington angegriffen hätte, anstatt uns früher in Los Angeles zu überfallen – wegen der Gelegenheit, die entstand, als der Dark Anarchist das Big One auslöste und die Zukunft entgleisen ließ.

So wie Atlas nicht statt mir gestorben wäre.

»Hope?« Shelly lehnte den Kopf zurück und schaute mich genau an. »Du hast diesen Blick.«

»Tut mir leid.« Ich rieb mir die Augen mit den Fäusten. »Ich bin okay, ehrlich. Es ist nur …« Ich suchte nach einer Ablenkung, die sie akzeptieren würde, fand sie und bemerkte, dass mein Gesicht warm wurde. Zu wissen, dass sie es bemerkte, ließ mich nur noch stärker erröten.

»Glaubst du es ist okay, wenn ich wieder … wenn ich wieder jemanden … mag?«

Ich wusste, dass ich es hätte besser wissen sollen, als ihr derartige Munition zu geben, als ihre Augen aufleuchteten. Sie sahen kein bisschen künstlich aus.

»Uhhhhhhhh! OhmeinGottwer?« Sie würde jetzt niemals aufhören.

»Seven«, flüsterte ich. »Er hat mich in der Nacht des Omega-Einsatzes geküsst, aber es war nicht …« Es war nicht, um mir Glück zu wünschen, oder wie er mich letztes Jahr spielerisch auf der Metrocon geküsst hatte. Es war anders gewesen, als wäre er sich nicht sicher, ob ich zurückkommen würde und mich nur für den Fall küssen wollte.

Wollte ich, dass es anders war? Ich hatte die Mission abgeschlossen, war mit den Bees Pizza essen gegangen, und Seven hatte nichts dazu gesagt. Kein Wort, und das war einfach falsch. Wer macht sowas? Und ich traute mich nicht zu fragen, aber der Kuss wurde größer und größer in meinem Kopf, und die aktuelle Sicherheitslage bedeutete, dass Blackstone uns die ganze Zeit zusammen rausschickte. Meine Träume wurden wieder interessant, und seine wilden blonden Haare und sein Grübchen am Kinn wurden viel zu faszinierend. Nein, nicht besessen.

Ich ließ mich gegen das Kopfteil sinken, und Shelly rollte sich auf die Knie, damit sie mich besser anschauen konnte. Ich schloss die Augen, aber sie hatte genug gesehen.

»Oh, mein Gott«, hauchte sie. Warum auch immer sie sonst gekommen war, war nun vergessen. »Ich hatte mich schon gefragt … Du warst früher normalerweise mindestens einmal im Jahr verknallt, und es war fast so lange her. Aber es ist auch bislang noch nie einer davon gestorben.«

Ich stöhnte und griff mir ein Kissen, um mich zu verstecken. »Sag das nicht. Was mach ich jetzt?«

»Küss ihn zurück!«