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Astra hat ihre Superheldinnen-Ausbildung abgeschlossen und ist nun ein waschechtes Mitglied der Chicago Sentinels. Dennoch läuft es mies: Sie leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung und ihre Beliebtheit in der Öffentlichkeit ist auf einem Tiefpunkt. Gerade als sie glaubt, die Dinge wieder in den Griff zu bekommen, zeigt eine Serie von Ereignissen, darunter ein Banküberfall und ein entsetzlicher Mord, dass einer der unangenehmeren Teile der vom Teatime-Anarchisten prophezeiten Zukunft nicht so veraltet ist wie gedacht: Falls sie es nicht schafft, einen Mordfall aufzuklären, bevor er geschehen ist, muss Blackstone sterben.
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Seitenzahl: 429
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Autor: Marion G. Harmon
Deutsch von: Daniel Mayer
Lektorat: Kathrin Dodenhoeft und Aimée M. Ziegler-Kraska
Korrektorat: Giulia Pellegrino
Umschlagillustration: Viktoria Gavrilenko
Satz: Ralf Berszuck
© Marion G. Harmon 2012
© der deutschen Übersetzung Feder & Schwert 2018
E-Book-Ausgabe 2018
ISBN 978-3-86762-298-1
ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-86762-297-4
Originaltitel:
Villains Inc.
Kampf gegen die Zukunft ist ein Produkt der Feder & Schwert GmbH unter Lizenz von Marion G. Harmon 2017. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Marion G. Harmon.
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig. Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.
Auch hinter diesem Buch stehen viele bereitwillige Komplizen meiner Schriftstellerkarriere, allen voran mein Bruder und Hauptlektor und meine Schwestern, die nur zu gerne als Alpha- und Beta-Leserinnen fungieren und mir sagen, wenn etwas einfach nicht funktioniert.
Vor dem Ereignis befanden sich Massenvernichtungswaffen, egal ob nuklear, chemisch oder biologisch, außerhalb der Reichweite von Terrororganisationen. Von Individuen begangene Terrorangriffe konnten selbst mit Sprengstoff nur gegen weiche Ziele durchgeführt werden.
Das Ereignis hat alles verändert. Jetzt können Superterroristen jederzeit überall zuschlagen und selbst konventionelle militärische Streitkräfte attackieren oder abwehren. Schlimmer noch ist, dass Erwachte des Verne-Typs oft in der Lage sind, noch exotischere Waffen des Terrors zu erschaffen. Manche von ihnen sind extrem motiviert, genau das zu tun, insbesondere wenn sie Ökoterroristen sind und die Welt retten wollen. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Godzillaseuche.
—Sir Arthur Moore, Krieg im Zeitalter der Helden
»Mist!«, schimpfte ich, als der Godzilla über die Hafenmauer kam.
Neben mir schauten die Bees mit weit aufgerissenen Augen zu, wie er sich empor zog. Seewasser floss von seinen Flanken.
Megan kicherte. »Mist? Ist das wirklich das Beste, was du drauf hast?«
Das, zusammen mit der kreischenden Menge, riss Julie und Annabeth aus ihrer Erstarrung. Es war ein schöner Frühlingstag und ich hatte keine Verpflichtungen gehabt, deshalb hatten die drei Bees mich zum Navy Pier geschleift, um Chicagos erstes warmes Wochenende zu genießen. Die Dinge wurden langsam besser, aber nach den letzten schrecklichen vier Monaten waren sie noch immer im »Hope darf nicht Trübsal blasen«-Modus.
Alsowaren wir jetzt natürlich dran.
Die Kreatur bewegte sich halb schwimmend, halb watend in den Hafen und Richtung Pier, wobei sie die Schiffe zum Wanken brachte. Die Bees sammelten sich um mich, während der Rest der Wochenendausflügler sich in einen flüchtenden Mob verwandelte.
Nachrichtenberichte über die anderen Angriffe hatten mich nicht wirklich darauf vorbereitet, wie groß das Ding war. Ich wühlte in meiner Tasche nach meinem In-Ohr-Funkgerät und konnte die Augen nicht von ihm abwenden.
»Hope?«, fragte Shelly, als ich das Funkgerät ins Ohr geschoben hatte.
»Ich bin am Pier!«, antwortete ich und griff nach Annabeth, als ein unhöflicher Mann und sein Date sie aus dem Weg schubsten.
»Du bist vor Ort? Wir haben es seit eben gerade auf den Kameras. Wie schnell nähert es sich?«
Meine allerbeste Freundin und Unterstützung in der Zentrale, Shelly, klang ruhiger, als ich war.
»Nicht schnell, aber …« Hinter mir erstarb die Musik im Park. Ich schaute zurück und sah, dass das Riesenrad mit schwingenden Gondeln zum Halten kam. Mein Funkgerät knisterte und knackte, ging aber Gott sei Dank nicht ebenfalls aus. »Der elektromagnetische Impuls von dem Viech zeigt Wirkung, genau wie bei denen, die in Tokio und New York aufgetaucht sind!«
»Kannst du dich irgendwo umziehen?«, mischte sich Lei Zi ein, mit einer Stimme so kühl wie Eis. Ich schaute mich um.
»Wir sind vor dem Grand Ballroom, und ich hab mein Astra-Kostüm nicht unter meinen Shorts. Ich bin nicht Clark Kent!«
»Rush bringt dir deine Ausrüstung. Finde einen unbeobachteten Ort.«
Ich gab ihre Nachricht weiter und Julie deutete auf einen verlassenen Kiosk.
»Da!«, rief sie, und ich drängte mich durch die Menschenmenge in die Richtung, während die Bees dicht bei mir blieben. Wir erreichten den Kiosk und ich fing an, mich auszuziehen. Ich mochte Rush nicht, aber ich vertraute ihm. Die Bees bildeten einen menschlichen Vorhang um mich, um mich vor den Blicken aller zu schützen, die um den Kiosk herumkommen mochten. Rush tauchte als verschwommene rote Schliere auf. Er stieß mir ein schwarzes Bündel in die Hände.
»Muss die Gebäude überprüfen, sichergehen dass niemand mehr drin ist!«, sagte er. Er hielt lange genug inne, um Julie zuzuzwinkern, bevor er verschwand.
Ich trat meine Schuhe beiseite, zog meine Sommershorts und mein Top aus, und war wieder einmal dankbar, nicht auf den Elastan- und Kunstleder-Ganzkörperanzug umgestiegen zu sein, den Andrew für mich entworfen hatte. Auch ganz in Schwarz ließ mich mein klassisches hochgeschlossenes, langärmeliges Kostüm mit winzigem Rock aussehen wie eine Eiskunstläuferin im Cape, aber es war leicht anzuziehen.
Mit Ausnahme der Halbmaske und der daran befestigten Perücke. Als ich mich umdrehte, zog Julie die Maske gerade und sammelte dann meine abgelegten Sachen auf. Ein ohrenbetäubend lautes Brüllen erfüllte die Luft und der Pier erzitterte. »Zeit, schreiend wegzulaufen«, sagte sie. Annabeth umarmte mich schnell. »Versohl ihm den Arsch«, witzelte Megan, und sie rannten davon, der flüchtenden Menge entlang des Piers hinterher.
Ich schaute zu, wie sie davonstürmten und hob ab.
»Shelly?«, fragte ich. »Hast du ein Auge auf sie?«
»Ich habe bereits ihre Handys markiert. Wenn sie stehen bleiben, dann merke ich es. Das Team ist auf dem Weg.«
Das war das Beste, was sie tun konnte. Ich schob meine Sorgen beiseite und wandte mich der aktuellen Krise zu.
»Wir sind an einem Binnensee!«, schrie ich, um trotz des Brüllens des Monsters verständlich zu sein, während ich an Höhe gewann. »Tokio und New York kann ich ja verstehen – aber wie ist ein Godzilla hierher gekommen?«
»Die Zukunftsakten des Teatime-Anarchisten sagen, dass Godzillas als Eier von 2003 bis 2015 überall in der Hemisphäre abgeworfen wurden, wo es tiefes Wasser gibt. Sobald sie schlüpfen, bleiben sie außer Sicht, bis sie ihre vollen 100 Meter Länge erreicht und selbst Eier gelegt haben. Dann bewegen sie sich auf die nächste Quelle von Temperatur- oder Verschmutzungsspitzen in der Umgebung zu. Er wird wahrscheinlich vom Abfluss des Chicago River und der Wärmebelastung des Atomkraftwerks angezogen.«
»Glaubst du?« Die Autos auf der Straße bewegten sich nicht, als ich nach unten schaute. Ihre Motoren waren vom EM-Impuls deaktiviert worden.
»Jedes zweite Cape in der Stadt ist auf dem Weg zu dir. Die Polizei kommt mit ihrer EMP-sicheren Einheit, aber sie wird Zeit brauchen, um sich zu sammeln und den Pier zu erreichen.«
»Sie hätten in ein bisschen Lufttransport investieren sollen!« Ich flog eine Schleife und näherte mich auf niedriger Höhe, um seiner in Berichten erwähnten Hauptwaffe aus dem Weg zu gehen: einem Strahl superheißen Wasserstoffplasmas.
»Ach du Scheiße«, flüsterte Shelly.
Das Monster wuchtete sich auf das Lakeview Terrace-Gebäude am Ende des Piers. Es sah aus, als hätte jemand den Zauberern in Hollywood aufgetragen, eine »Donnerechse« zu erschaffen, und sie hätten einen T-Rex und einen Alligator kombiniert und das Ergebnis auf unmögliche Größe aufgeblasen. Mit seinen Schuppen in verschiedenen Grüntönen sah es wirklich unglaublich aus. Wenn man nicht auf die Zähne schaute. Die großen, großen Zähne.
Ich schüttelte meine Angst ab. Ich hatte keine Zeit, mir Sorgen zu machen, zermalmt zu werden – wenn er auf mir herumkaute, würde er hinterher dringend einen Zahnarzt brauchen. Sein Plasmaangriff war das Problem; ich konnte einen Treffer von einem Panzergeschoss einstecken, aber der Atem des Godzillas konnte Stahl schmelzen. Glücklicherweise wussten wir aus den schlechten Erfahrungen von anderen, dass das Ding sich zuerst die großen Dinge vornahm; alles was kleiner als ein Bus war, würde vermutlich nicht seine Aufmerksamkeit und seinen Zorn auf sich ziehen. Es sei denn natürlich, das Kleine griff an.
Als ich mich fallen ließ, öffnete die Kreatur ihr Maul und traf den Grand Ballroom mit einem Feuerstrahl, der einem Laser nahekam. Das Gebäude explodierte und hinterließ nur noch ein brennendes Wrack. Ich spürte die Hitzewelle über mich fegen.
Mein Funkgerät surrte und knackte, als ich näher kam, um nach Nachzüglern zu suchen.
»Astra, bist du schon in Kontakt?«, rief Lei Zi durch die Interferenz.
»Ich bin da«, sagte ich mit zum Glück ruhiger Stimme. »Und es ist hässlich.«
Sie lachte trocken. »Deine erste Priorität ist es, Zivilisten herauszuholen. Soll er den Pier bis zur Wasserlinie herunterbrennen, wenn er will. Such’ nach Leuten, die nicht alleine wegkommen.«
»Bin dran, Boss.« Jetzt wo Atlas nicht mehr da war, hatte Blackstone Lei Zi als unsere neue Einsatzleiterin rekrutiert. Sie war Ex-Soldatin und ein guter Ersatz für Atlas, aber ich brauchte ihre Erinnerung nicht. »Rush?«, rief ich. »Wie ist die Lage?«
»DerGrandBallroomistsauber«, antwortete er. Er redete so schnell, dass seine Worte wie Maschinengewehrfeuer ineinander übergingen. »SiehattensichfüreineAbendveranstaltungvorbereitet. BingeradeanderFestivalHalldran.«
Seine superschnelle Evakuierung erlaubte es mir, mich um den Außenbereich zu kümmern, und ich zwang mich, den Godzilla nicht anzuschauen. Stattdessen blickte ich nach unten und überprüfte die Boote am Pier: Tourenboote, schwimmende Restaurants und einige größere Schiffe mit eingeholten Segeln – die meisten voll von Wochenendausflüglern, die entkommen wollten. Das sah nicht gut …
Ich sah den ersten Spritzer, als jemand ins Wasser fiel, und andere folgten. Sie wurden von der panischen Menge, die von den Booten entkommen wollte, einfach durch die Seile des Stegs gedrückt. Ich entdeckte den kleinen Jungen im Wasser, fischte ihn heraus und überreichte ihn seiner hysterisch dankbaren Mutter. Dann ließ ich mich wieder nach unten fallen, um weitere Schwimmer zu retten, die im eisigen Wasser des Chicagoer Hafens um sich schlugen, und rettete alle bis auf einen – einen athletischen Typen, der mich fortwinkte und sich selbst in Richtung Ufer aufmachte.
Über mir traf der Rest der fliegenden Capes der Stadt ein.
Gott sei Dank.
Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen wandte sich der Godzilla in Richtung Festival Hall. Einige Strahlen seines flammenden Atems setzten sie schnell in Brand. Ich zögerte.
»Rush, alles klar?«
»Istjetztleer. EinpaarVerletztedenenichaufdemWeghelfenmusste, aberwirsindvondemMonsterweggekommen.«
Er hatte Recht; der Großteil der Menschenmenge hatte den Pier verlassen und flüchtete durch die Parks. Aber hinter uns waren die Straßen voller leerer Autos; außerhalb unserer Sicht war die Stadt voll von Leuten, die in stecken gebliebenen Aufzügen gefangen waren, versuchten, aus ihren Hochhaus-Wohnungen nach draußen auf die Straße zu gelangen, und Krankenhäusern voller Leute, die definitiv nirgendwo hingehen konnten. Die meisten Chicagoer konnten entkommen, aber nicht alle.
Wir konnten das Monster nicht vom Navy Pier weglassen. Ich wünschte, Atlas wäre hier.
»Wir kommen jetzt an«, informierte uns Lei Zi. Ich konnte sie bereits sehen und seufzte erleichtert. Lei Zi war eine Elektrokinetin der Klasse A und ließ sich selbst, Quin, Seven und Galatea mit elektrostatischer Levitation herbeifliegen. Riptides fliegende Wasserhose war direkt hinter ihnen. Ich ließ mich herabfallen, um sie zu treffen, und konnte nicht anders als lachen, als Lei Zi den verbeulten Truck landete, den sie beschlagnahmt hatte, und alle herauspurzelten. Irgendwo vermisste eine Reinigungsmannschaft ihren fahrbaren Untersatz.
Lei Zi sah mich grinsen und ignorierte es.
»Zentrale sagt, wir haben achtzehn Flieger vor Ort«, sagte sie. »Es kommen noch etwa fünfzig Helden von der Krisenhilfe und Intervention mit guten Unterstützungskräften. Nur ein halbes Dutzend oder so ist annähernd in der Gewichtsklasse dieser Kreatur. Der Rest kann nur bei der Evakuierung helfen.«
Ich hörte das Brüllen des Godzillas, als dieser auf die brennende Halle einschlug. Ich konnte nur zustimmen. Quin und Galatea zogen sich zurück, um den flüchtenden Zivilisten zu helfen. Beide konnten normale Gegner ausschalten, sogar Straßenschurken, ohne zu blinzeln; für den Godzilla wären sie nur ein wenig knusprig.
Seven, der die Hände in die Taschen gesteckt hatte, schaute zu, wie das Monster vorrückte. Ich blickte zu ihm hoch. Seine Anwesenheit machte mich etwas glücklicher, und ich versuchte, mich so gelassen wie möglich zu verhalten. Irgendwie würden wir klar kommen.
Ich versuchte zu lächeln. »Erinnerst du dich noch, dass du sagtest, dass die Leute uns lieber mögen würden, wenn es außerirdische Invasoren, Riesenmonster oder üble Viecher aus anderen Dimensionen mit einer Vorliebe für den Geschmack von Menschenfleisch geben würde, gegen die wir kämpfen könnten?«
»Ich nehme es zurück«, sagte er und ließ sein strahlendes Lächeln aufblitzen, die Augen auf das Monster gerichtet. Mit seinem schicken Hut und Sakko und seinem blonden, blauäugigen Filmstarlook sah er aus, als wäre er bereit, mit einem neuen Rat Pack um die Häuser zu ziehen.
Lei Zi ignorierte uns und studierte die Kreatur.
Riptide landete spritzend neben uns und verwandelte sich von Wasser in Fleisch und Blut. »Zumindest wird man auf deinem dunklen Outfit den Ruß nicht sehen, Chica«, sagte er zu mir. »Das ist ein hässlicher Scheißer.«
Der Godzilla watete durch die flammende Ruine der Halle und suhlte sich in der Hitze. Seine fleckig grüne Haut glänzte, die scheibenförmigen Kämme, die von seinem Scheitel bis zum Schwanz verliefen, leuchteten, und Strahlen seines Plasmaatems brannten mit laserstarker Intensität. Pyrokinetische Angriffe würden ganz eindeutig nutzlos sein. Ich blickte zu Lei Zi. Elektrische Angriffe hatten gegen die isolierende Haut des Monsters in New York auch nicht viel angerichtet.
Seven zuckte gelassen mit den Schultern. »Da es sonst niemand sagen will, mache ich es. Das ist doch alles total irre. Wer bitte macht Godzilla-Kopien?«
»Irgendein Pajero, der glaubt, dass das Big One ein guter Anfang war.« Riptide grinste höhnisch und spuckte.
Ich konnte mich nicht entscheiden, ob seine aggressive Verachtung besser war als Sevens beiläufige Scherze. Er hatte sich nicht groß verändert, seit er von L.A. nach Chicago gekommen war.
Sein langer Ledermantel mit dem Symbol für das Sternzeichen Fische in silbernen Nieten war schon fast eine Schurkenaufmachung, und er rasierte sich noch immer den Schädel.
»Was ist der Plan, Boss?«, fragte er Lei Zi.
Sie wandte sich uns zu.
»Sie haben acht Capes in New York verloren, ehe sie seine Plasmaangriffe einschätzen konnten. Ehe wir also seine Aufmerksamkeit auf uns ziehen, brauchen wir erst einmal Deckung.« Sie nickte ihm zu. »Ich will so viel Hafenwasser auf diesem Feuer, dass das Ding nichts mehr sehen kann. Jetzt.«
Er grinste und hob die Hände, Handflächen nach oben. Eine Wasserhose stieg aus dem Pier und krachte in die brennenden Gebäude, und der Godzilla verschwand in einer explosiven Wolke aus Rauch und Dampf. Sein Brüllen änderte sich im Tonfall und seine Plasmastrahlen feuerten wahllos herum. Der Pier erzitterte, als er auf seiner brennenden Bühne umhertanzte.
Lei Zi nickte zufrieden. »Du bist dran, Astra. So heiß wie das Ding ist, ist sein Kopf wahrscheinlich wie ein Leuchtfeuer für deine Infrarotsicht. Flieg hoch und lass etwas drauf fallen.«
Ich salutierte nachlässig und hob den Reinigungstruck an. Wir würden sie später entschädigen. Ich flog direkt nach oben; Lei Zi hatte mich vor Wochen auf dem Übungsgelände auf dem Land gezielte Abwürfe üben lassen, als die Berichte aus Tokio und New York eingetroffen waren.
»Sie hat den anderen KHI-Capes gesagt, dass sie sich für den Augenblick im Hintergrund halten sollen«, sagte Shelly. Wunderbar; ich hatte den ersten Wurf, für die Ehre der Sentinels.
Einige hundert Meter in der Luft schaute ich nach unten in die aufsteigende Dampfwolke. Sie hatte recht gehabt – auch wenn er von Rauch und Dampf verborgen war, leuchtete sein Kopf im Infrarotspektrum wie eine Glühbirne. Ich zögerte; die Schwerkraft konnte härter werfen als ich, aber ich zielte noch nicht besonders gut.
»Lei Zi«, sagte ich. »Ich lasse ihn jetzt runter.« Und ließ die Schwerkraft übernehmen.
»Negat …«, begann sie, unterbrach sich aber.
Ich fiel mit dem dem Untergang geweihten Truck. Der Pier sprang uns entgegen, wurde größer, und ich justierte unsere Flugbahn, als ich auf die aufsteigende Dampfwolke traf. Fast … jetzt!
Ich nahm eine letzte Anpassung vor und trennte mich von meinem improvisierten kinetischen Geschoss, indem ich mich mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, zur Seite warf, um meinen Aufschlagswinkel weniger tödlich zu machen.
Ich hatte zu lange gewartet; während Shelly noch ein begeistertes »Ja!« ausstieß, knallte ich auf die Wasseroberfläche der Bucht und prallte ab wie ein Stein. Im Vorbeifliegen zerbrach ich den Mast einer kleinen Jacht. Ich tauchte auf, spuckte Wasser, schob mir das Cape aus dem Gesicht und überprüfte, ob meine Maske, Perücke und In-Ohr-Funkgerät noch saßen, ehe ich zurückflog.
Die wilden Plasmastrahlen brannten heller, und der Godzilla hörte nicht mehr auf zu brüllen. Er hatte jetzt vielleicht Kopfschmerzen, aber er war sauer und rückte immer noch vor. Er war jetzt fast am Parkhaus beim Vergnügungspark. Kacke.
Lei Zi nickte, als ich triefend wieder am Ende des Piers landete. »Guter Versuch. Jetzt …«
»An alle Sentinels!«, rief Shelly. »Da ist jemand auf dem Riesenrad!«
Mir wurde flau als ich nach oben schaute. Wir sahen ihn alle: Zwei Drittel des Wegs nach oben auf dem Riesenrad stand ein Idiot in einer der Gondeln und filmte den tobenden Godzilla. In diesem Moment zog sich das Monster aus der brennenden Ruine und richtete sich trotzig brüllend auf dem Parkhaus auf.
»Oh Scheiße«, sagte Seven.
Das Monster warf den Kopf zurück und brüllte eine Herausforderung. Es war nicht mehr blind und wollte kämpfen, und jeder, der durch sein Blickfeld flog, war Toast. Jetzt geriet der Idiot auf dem Riesenrad in Panik. Wie er es geschafft hatte, dort oben zu bleiben, wo die anderen Flieger jeden im Park evakuiert hatten, konnte ich nicht sagen.
Lei Zi wandte sich uns zu. »Riptide, Wasserhose gegen seinen Kopf! Astra, Seven, ihr holt den Idioten! Los!«
Wir machten uns an die Arbeit. Riptide zog eine trichterförmige Welle aus dem Hafen und schlug die Bestie damit. Sie explodierte nicht zu Dampf, aber eine Wasserhose ins Auge würde so ziemlich alles ablenken, und das Monster schnappte nach dem aufsteigenden Dampf, während ich Seven packte und in den Himmel in Richtung des Rads sprang.
»Bewegung!« rief Shelly. »Es hat euch im Blick!«
Wir krachten in die baumelnde Gondel und warfen ihren Passagier fast raus. Seven klammerte sich wie eine Klette an meinen Rücken, als ich nach innen griff und den Teenager packte, der sich gerade vom Boden der Gondel aufrappelte. Superheißes Plasma kochte die Luft hinter mir, als ich uns alle Richtung Wasser schleuderte. Ein Bersten und ein frustriertes Brüllen sagten mir, dass das Rad Geschichte war, als ich wahrscheinlich zum zehnten Mal an diesem Morgen ins Wasser tauchte. Unter Wasser wechselte ich die Richtung, und wir tauchten unter dem Pier auf.
»Soviel zu meinem Sakko«, sagte Seven, als ich uns auf die Plattform wuchtete.
Ich schlug die Hand vor meinen kichernden Mund und schluckte die von der Erleichterung angefachte Hysterie herunter. Dank Riptides Ablenkung und Sevens übernatürlichem Glück waren wir durchgekommen.
Der Junge schüttelte seine Kamera. »Wenn ihr meine Aufnahmen zerstört habt, verklage ich euch.«
Seven schubste ihn ins Wasser.
Wir setzten ihn am Streeter Drive ab und kehrten zu unserer improvisierten vorgeschobenen Basis an der Ecke des Children’s Museum zurück.
Der Godzilla hockte noch immer auf dem Parkhaus und feuerte Plasmastrahlen ab. Die Fahrgeschäfte und Imbissstände brannten nicht, sie explodierten. Ich seufzte.
Ich hatte den Vergnügungspark geliebt, besonders das Riesenrad.
Seven ließ den Arm fallen und trat von mir weg, als wir landeten.
»Alles sicher, Boss«, sagte er.
Lei Zi schüttelte den Kopf. »Zumindest hat uns der Idiot eine Möglichkeit gegeben, das Ding auszuschalten. Vermutlich dein ›Glück‹.«
Er starrte ausdruckslos. Ich bin mir sicher, ich tat dasselbe.
»Schaut euch das Riesenrad an.«
Die Plasmastrahlen des Godzillas hatten es durchgeschnitten, die Speichen wie Fäden zerrissen, die Gondeln in Schlacke verwandelt, das ganze Ding aus dem Rahmen gerissen.
Der zerborstene Rahmen, zwei zusammenpassende Masten, schwankten trunken, da sie nicht mehr an der Nabe befestigt waren, die sie gehalten hatten.
»Ich sehe nicht … oh.« Der linke Mast hatte eine gezackte Spitze, was das Ding zu einer mehr als dreißig Meter langen Lanze machte. Oh nein.
»Ja«, sagte sie. »Wenn wir das Ding vom Pier lassen, wird das hier eine komplette Katastrophe. Der Trick ist, seine Haut zu durchstoßen. Mach das, ich kümmere mich um den Rest. Schaffst du das?« Die Luft um uns wurde klebrig durch die ansteigende elektrische Spannung. Lei Zis Name bedeutete Mutter der Stürme, und ich konnte spüren, dass sie ihre Blitze sammelte.
Seven und Riptide schauten zweifelnd, aber ich atmete tief durch und nickte.
»Ich schaffe das. Haltet das Ding nur von mir fern.«
»Machen wir.«
Auf ihr Signal hin zog Riptide noch mehr Wasser aus dem Hafen. Ich sprang in die Luft, um mich sofort in Richtung des Parks abfallen zu lassen.
Ich landete am Fuß des zerstörten Riesenrads, machte mich bereit, und stieß mich dann ab, sodass der bereits unter Belastung stehende Mast mit einer Explosion brechender Bolzen vom Fuß abriss. Mein Herz hämmerte, als ich das Fauchen und Zischen der Megawatt über mir hörte, als Lei Zi Riptides Gischt um das Gesicht des Godzillas elektrifizierte, um ihn von dem Lärm abzulenken, den ich machte.
»Los, los, los!«, skandierte Shelly in mein Ohr.
Der Mast wog Tonnen, und ich mühte mich ab, um mein Gleichgewicht zu halten, als ich aufstieg und abdrehte, um auf Entfernung zu gehen. Kein Plasmastrahl brannte mich aus dem Himmel, doch ich wünschte verzweifelt, ich würde noch immer Seven mit mir tragen; mit ihm als Passagier würde das Ding eher über seine eigenen Füße fallen als uns treffen, wenn es auf uns feuerte.
Riptides Angriff ließ es nach Luft schnappen. Es feuerte wild, doch seine Aufmerksamkeit war nicht auf mich gerichtet, als ich näher kam und abtauchte. Ich wurde so schnell, wie ich konnte, flog niedrig, und zielte mit meinem riesigen, plumpen Speer unter den Brustkorb an den Knochenkämmen vorbei.
Es sah mich kommen und öffnete seine Kiefer, aber ich war schon da, und der Aufschlag riss mir meine Mastlanze aus den Händen. Das getroffene Monster stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus. Sein gepanzerter Schwanz wischte mich aus der Luft, als es herumwirbelte. Ich schlug auf dem Dach des Parkhauses auf, während das herabgesackte Bauwerk unter dem gewaltigen Gewicht schließlich nachgab, das es zu tragen hatte.
Dann schlug der Blitz mit einem Donnerschlag ein, als würde die Welt enden, als Lei Zi alles entfesselte, was sie gesammelt und zurückgehalten hatte. Sie ließ ihn den stählernen Stachel entlang fahren, den ich in die Kreatur getrieben hatte, und die Entladung spülte über mich hinweg. Ich war taub und benommen und spürte kaum, wie die Bestie auf mich fiel, und hörte doch weiteres Bersten, als wir durch jedes Stockwerk des Parkhauses krachten.
»Astra! Astra! Verdammt, Hope, rede mit mir!«
Shelly. Richtig. Ich konnte nichts sehen. Ich war begraben. Immerhin, der grüne Riese war tot. Ich lag unter dem noch immer zuckenden Ding, konnte aber weder Herzschlag noch Atem hören. Sein Arsch war versohlt.
Armer Zilla.
Nachdem ich geholfen hatte, die Präsidentin der Vereinigten Staaten zu retten, war ich eine Woche lang Amerikas Liebling. Dann verbreitete sich die Geschichte über meinen Shoppingtrip am Hollywood Boulevard bei Forever 21 und Victoria’s Secret und meinen dreitägigen Ausflug mit Atlas. Die Boulevardblätter hatten schon immer behauptet, dass ich unter der Maske minderjährig sei. Zusammen mit Atlas’ Ruf, ein Playboy zu sein, machte mich das zu Amerikas Skandal – schlimmstenfalls ein Flittchen, bestenfalls ein warnendes Beispiel. Mal Shankman nutzte den Skandal, um Atlas’ Ruf zu schädigen, und das Beben von Kalifornien, um alle »falschen Götzenbilder« anzugreifen. Chicagos rassistischer Hassprediger hatte am Anfang seiner Karriere Weiße und Juden angegriffen, doch nach dem Big One waren wir an der Reihe.
—Astra, Stationen eines Lebens
Das Blut des Godzillas hatte mein Kostüm ruiniert. Nicht, dass ich nicht genug Exemplare in der Kuppel hatte. Nachdem ich mich ausgegraben hatte, verbrachten wir den Rest des Tages damit, Verwundete medizinisch zu versorgen, den Verkehr wieder zum Laufen zu bringen – was bei all den liegengebliebenen Autos schwieriger war, als es klang – und unterstützten sonst wo wir konnten die anderen KHI-Capes und das Chicago Police Department dabei, die Stadt wieder in ihren Normalzustand zu versetzen.
Der Navy Pier war nicht komplett verloren. Riptide löschte die Feuer, ehe Dad als Iron Jack zusammen mit der Crew auftauchte, und er sagte, dass der Pier nicht strukturell beschädigt worden sei. Von den drei Godzilla-Angriffen bisher – New York, Tokio (natürlich) und jetzt wir – hatte unserer mit Abstand den geringsten Schaden verursacht. Da wir der dritte gewesen waren, hatten wir von den Fehlern der anderen gelernt, deshalb war niemand gestorben, doch es gab viele Verletzte, von denen die meisten niedergetrampelt worden waren.
Glücklicherweise war der Rest des Wochenendes Routine. Am Montagmorgen jedoch kam ich in der Kuppel an und hatte kaum Zeit, mich umzuziehen, ehe Shelly mich wieder raus schickte. »Dieser süße Detective Fisher hat gerade angerufen«, flüsterte sie mir per Funkgerät ins Ohr. »Er will, dass du zur First Chicago kommst, ein Überfall.«
Die First Bank of Chicago ist ein großer Marmortempel des Geldes direkt an der Michigan Avenue. Detective Fisher begrüßte mich, als ich auf den Stufen landete, und schob mich an den Reportern, die bereits vor Ort waren, vorbei ins Gebäude. Ich war nicht der Meinung, dass er so süß war; er hatte ein schmales Gesicht, einen langen Kiefer, dicke Augenbrauen und die Art von Mund, bei dem jedes Lächeln sarkastisch aussah. Bei jeder Gelegenheit hing eine Zigarette von seinen Lippen. Manchmal dachte ich, dass er von einer Castingagentur als der perfekte Detektiv erschaffen worden war.
»Morgen, Astra«, sagte er und schaute mit seinen 1,90 m auf mich herab, während er seine Zigarette austrat. »Wie lange wollen Sie noch Schwarz tragen?« Alle waren größer als ich, aber Fisher ragte über mir auf.
»Schwarz ist das neue Schwarz. Die Dinger werden Sie umbringen.«
»Nein, mich nicht. Ich werde für immer leben, Schätzchen.«
Ich mochte Fisher. Ihm war der Medienskandal um meine Person egal, und er redete nicht um den heißen Brei herum. Nachdem Atlas gestorben war, hatte es sich nicht richtig angefühlt, sein Blau und Weiß zu tragen. Schwarz war dramatisch, und wie der eingenähte Wonderbra und die Perücke, die meinen kurzen platinblonden Bob länger machte, ließ es mich älter aussehen. Ich brauchte alle Hilfe, die ich bekommen konnte, denn ohne die Tricks meiner Garderobe sah ich aus wie eine unterentwickelte Elfe. Im Nachhinein war die Farbe jedoch keine gute Wahl gewesen; die Skandalschreiber sahen sie als Farbe der Trauer, als Zeichen meiner »verlorenen Liebe«. Wenn es nur so wäre.
Aber Fisher kümmerte sich nur um die Arbeit.
»Was haben wir heute Morgen?«, fragte ich und schaute mich um.
Der öffentliche Bereich der First Bank war riesig, mit einer hohen Kuppeldecke, einer Reihe von Kabinen für die Bankkassierer hinter kunstvoll verzierter Messingarbeit an der westlichen Wand und einem Bereich mit Schreibtischen, der von einem Eichengeländer vom Rest des Hauptgeschosses abgetrennt war. Alles an der Bank schrie, dass sie schon immer hier gewesen war, und dass man ihr Geld anvertrauen konnte.
»Jemand hat kurz vor Öffnungszeit den Banktresor ausgeräumt«, sagte Fisher. »Erst sah es so aus, als sei einer der Angestellten verantwortlich. Vertrauenswürdiger Bankangestellter hackt das Alarmsystem, geht in den Tresorraum, sprengt ein Bankschließfach mit einer perfekt geformten Sprengladung in die Luft, schnappt sich den Inhalt und verlässt die Lobby, um im Trubel des Morgens unterzutauchen.«
»Und wir beide sind warum genau hier?«
Fisher war der ranghöchste Kriminalbeamte der CPD Detective Division, die für Verbrechen mit der Beteiligung Erwachter zuständig war, und jetzt wo Atlas weg war, war ich die Sentinel, die Blackstone meistens ausschickte, wenn es um entsprechende Tatorte ging. Nicht, dass ich eine aktive Rolle bei den Polizeiermittlungen übernahm; es ging nur darum, Flagge zu zeigen, und hoffentlich trug es dazu bei, etwas gegen die schlechte Presse zu tun, unter der ich litt, seit der Skandal begonnen hatte und ich den Fehler gemacht hatte, mich öffentlich gegen den Domestic Security Act auszusprechen.
»Ich zeige es Ihnen.« Er führte mich an den anderen Detectives und Streifenpolizisten vorbei, die Zeugenaussagen aufnahmen, dorthin, wo er ein Computerpad auf einem der großen Eichenschreibtische hatte liegen lassen. Er tippte es ein paar Mal an und rief eine Videodatei auf.
»Schauen Sie sich das an.« Er drehte es zu mir.
Das Video hatte die Zeitsignatur von heute Morgen und zeigte den Tresor, mit gutem Blick auf den schmalen Stahltisch, wo Bankkunden ihre Ablagekästen abstellen konnten. Ein junger Angestellter betrat den Tresor ohne Eile, fast beiläufig, und klebte eine silberne Scheibe an ein mittelgroßes Schließfach. Ein Blitz, und der Mann schwang die Tür auf, um den Ablagekasten daraus zu entfernen. Er legte ihn auf dem Tisch ab und nahm den Inhalt heraus, eine dicke Aktentasche, die er aufklappte. Er schien zufrieden mit dem zu sein, was er sah, schloss die Tasche, klemmte sie unter den Arm, legte einen kleinen Gegenstand auf den Tisch und machte sich daran, zu gehen.
Fisher hielt das Bild an. »Was sehen Sie?«
Ich schaute genauer hin und pfiff.
»Er ist eine sie.« Das Haar war bis zu den Ohren gegangen, als er eingetreten war. In dieser Aufnahme war es mehr als schulterlang.
»Ganz genau«, sagte er. »Die anderen Angestellten identifizieren den Mann, der hineingegangen ist, als Ralph Moffat. Sie haben keine Ahnung, wer wieder hinausgegangen ist.«
»Einfach gegangen?«
»Gegangen. Sie hat es perfekt abgestimmt. Alle Wachen waren außer Sicht, als sie die Bank verließ. Die Aufnahmen aus dem Korridor zeigen, dass sie eine Pistole gezogen hatte, aber sie hat nicht angehalten und sie nicht einmal auf jemanden gerichtet. Selbst die Tresorwachen waren beim Schichtwechsel am anderen Ende des Korridors, und da der Alarm nicht losging …«
»Haben Sie den echten Mr Moffat gefunden?«
Er nickte zustimmend. »Eine Streife fand ihn vor ungefähr zehn Minuten bei sich zuhause. Unter Drogen gesetzt.«
»Sind Sie sicher, dass er nicht nach Hause gegangen ist und sich selbst unter Drogen gesetzt hat?«
»Nein, aber wir testen ihn, und sein Apartment hat ein gutes Sicherheitssystem. Das Team fordert gerade die Videoaufzeichnungen an, aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie feststellen werden, dass Mr Moffat ein hieb- und stichfestes Alibi hat. Möchten Sie raten, was wir sonst finden werden?«
Ich dachte einen Moment darüber nach. Ich war dankbar, dass Detective Fisher mich ernst nahm, oder zumindest höflich genug war, so zu tun. Ich denke, das hatte etwas damit zu tun, dass ich am Tatort, an dem wir uns kennengelernt hatten, nicht meinem Mittagessen noch einmal Hallo gesagt hatte. Ich hatte auch damals keinen Blödsinn von mir gegeben, und er schien zu dem Schluss gekommen zu sein, dass ich nicht dumm war.
»Sein Date von gestern Nacht?« Ich schaute mir das Bild auf dem Monitor an. »Wahrscheinlich sie, aber ich glaube nicht, dass das helfen wird.«
Er grinste schief. »Warum nicht?«
»Sie haben gesagt, dass sie sehr koordiniert verschwunden ist. Also vermute ich, dass sie uns ihr anderes Gesicht zeigen wollte, vermutlich, weil auch das nicht ihr echtes ist.«
»Sehr gut«, sagte er. »Ihr Talent ist in der Kuppel wirklich vergeudet.«
»Das Police Department braucht keine kugelsicheren Cheerleader. Warum hat sie uns gezeigt, was in der Tasche war?«
»Entschuldigung?«
Jetzt wurde ich rot. Hatte ich meine erste dumme Frage gestellt?
»Es klingt, als hätte sie alles bis auf die Sekunde geplant«, sagte ich. »Und es sieht so aus, als hätte sie gewusst, wonach sie sucht. Warum vergeudete sie also Zeit damit, die Tasche zu öffnen, während die Uhr tickt? Wäre sie leer gewesen, hätte sich der Plan doch nicht geändert, oder?«
Fisher öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er beugte sich vor und spielte das Video noch einmal ab. Er hielt es beim Bild der offenen Aktentasche an.
»Jesus. Tut mir leid, Mädchen. Sie hat sogar den Ablagekasten so abgestellt, dass die Kamera ihn perfekt aufnehmen konnte.«
»Sie hat die Seiten im Inneren auch nicht angefasst«, sagte ich. »Wenn sie sie wirklich hätte überprüfen wollen, hätte sie zumindest durchgeblättert, oder?« Ich führte eine Pantomime eines schnellen Durchblätterns mit dem Daumen durch. »Was war überhaupt dort drin?«
Er fuhr sich mit der Hand durch das bereits zerzauste Haar. »Wir wissen es noch nicht. Das Schließfach gehört einem Mr Tony Ross, und wir versuchen immer noch, ihn zu kontaktieren. Phelps!«
Der jüngere Detective schaute von seinem Gespräch auf.
»Boss?«
»Können Sie Jenny bitten, die Datei vom Tresor zu vergrößern? Ich muss wissen, was in der Aktentasche ist. Und nennen Sie mich nicht Boss.«
»Bin dran, Boss.« Phelps verzog das Gesicht in meine Richtung, drehte sich weg und zog sein Handy hervor. Wie so viele war auch er kein Fan.
»Sonst noch etwas, das ich verpasst habe?«, fragte Fisher.
»Nein«, sagte ich und ignorierte Phelps. »Was hat sie auf dem Tisch gelassen?«
»Jetzt wird es interessant.« Er öffnete eine weitere Datei. Es war das Bild einer Visitenkarte. Kein Name, keine Kontaktinformationen, nur ein rotes Symbol auf weißer Pappe. Der Kopf eines Tieres? Es sah …
»Ist das ein Fuchs?«
Er zuckte mit den Schultern. »Könnte sein, ich weiß es nicht. Jenny sucht nach einer Entsprechung in der Datenbank. Ich berichte ihr von Ihrer Vermutung. Könnte hilfreich sein. Sind Sie soweit?«
Ich nickte. Der offizielle Grund dafür, dass ich da war, und nicht ein Sentinel mit mehr Erfahrung, waren meine Supersinne. Mein Durchbruch hatte mir das volle Atlas-Superkräftepaket verliehen: ich konnte fliegen, Busse stemmen, Artillerie-Treffer überstehen und hatte verstärkte und erweiterte Sinne. Meine Sichtweite war teleskopisch, und konnte schon fast mikroskopisch werden.
Detective Cramer wartete im Korridor vor dem Tresor mit dem Forensikteam und überreichte mir einen Stapel Haftmarker, während ich eine Fußbedeckung über meine Stiefel zog. Er war netter als Phelps. Während die beiden in der Tür standen, hob ich einige Zentimeter vom Boden ab und ließ mich in den Tresor schweben.
»Semtex«, sagte ich, und Fisher nickte. Der beißende Geruch (zumindest für mich) der Sprengladung haftete noch immer im gut belüfteten Tresor. Ich überprüfte den Boden vor mir und platzierte dabei einige Marker. »Haar, kurz. Straßendreck.« Ich flog durch den Raum und platzierte weitere Marker über Sprengstoffkrümeln und Teilen des Schlosses. Die Karte lag noch immer auf dem Tisch, und ich beugte mich vor. Ich war noch nicht gut genug, um ohne Unterstützung Fingerabdrücke zu finden, aber …
Ich schnüffelte und schaute auf. »Chanel Nummer Fünf.« Fisher machte eine weitere Notiz, während ich noch einmal durch den Raum kreiste. Ich fand garantiert nichts, was das Team verfehlt hatte, aber es schien sie nicht zu stören, und es war gute PR. Die Öffentlichkeit sah gerne Erwachte an Tatorten, die mit anderen Erwachten zu tun hatten. Atlas hatte das jahrelang gemacht, und als Blackstone mir die Arbeit übertrug, hatten Fisher und seine Leute für mich einen Crashkurs im Gucken und Schnüffeln zur Spurenfindung an Tatorten abgehalten. Meine Ausbildung war alles andere als abgeschlossen (noch etwas, für das ich lernen musste), aber ich traute mir mittlerweile Einiges zu.
Ich kam heraus, das Team trat ein und bewegte sich ebenso vorsichtig.
Fünf Minuten später war ich auf dem Weg. Ich nickte der wartenden Presse höflich zu, als ich abhob, ignorierte die Fragen, mit denen sie mich überschütteten (die meisten hatten nichts mit dem Raub zu tun) und fragte mich, ob ich jemals herausfinden würde, worum es hier ging. Wie sich herausstellte, würde ich mir später wünschen, ich hätte es nicht getan.
Der US-Senat verabschiedete heute den Domestic Security Act mit nur neun Stimmen Vorsprung.
Präsidentin Touches Clouds machte von ihrem Vetorecht Gebrauch, sodass der Gesetzesentwurf im Kongress keine Chance haben wird, wenn seine Befürworter nicht weitere acht Stimmen aufbringen können. Bei einer Verabschiedung des Gesetzes entstünde für alle Erwachten die Pflicht, sich beim Department of Superhuman Affairs zu registrieren. Zudem würden in Zukunft alle von Erwachten begangenen Verbrechen unter die Zuständigkeit der Bundesgerichte fallen. Der Gesetzesentwurf, der unter dem Eindruck der katastrophalen Opferzahlen des Erdbebens von Kalifornien entstand, welches bewusst von einem geistig instabilen Terrakineten ausgelöst wurde, ist bei großen Teilen der amerikanischen Bevölkerung sehr beliebt. Viele Superhelden haben sich lautstark dagegen ausgesprochen, darunter Astra von den Chicago Sentinels. Kritiker des Gesetzesentwurfs vertreten die Ansicht, dass er Kräfte von den Anstrengungen abziehen würde, das Land vor einem weiteren Angriff des Rings zu sichern, der transnationalen Superterrorgruppe, die die Präsidentin nach dem Beben in Kalifornien an der Whittier Base attackierte.
—The Chicago Times
Das Sommersemester an der Universität von Chicago bedeutete für mich: drei Kurse und ein Praktikum. Im Gegensatz zu den meisten Superhelden hatte ich eine wirkliche Geheimidentität, das heißt, ich konnte meine Maske abnehmen und in der ganz normalen Hope Corrigan verschwinden. Keine Notfälle, keine Kameras oder Reporter, Glückseligkeit. Als ich am Mittwochabend aus dem Kurs kam, schaute ich bei den Bees im Palevsky-Wohnheim vorbei. Julie und Megan waren nicht da, aber Annabeth machte auf.
»Hope, hi! Weitermachen, Mädels!«
Ich lachte und bugsierte die Kiste, die ich bei mir trug, an den anderen Mädchen vorbei, die im Gemeinschaftsraum kleine Geschenke bastelten. Sie schloss die Tür hinter uns und ließ sich auf ihr Bett fallen. Wie immer sah ihr Zimmer aus, als sei ein Kleiderschrank explodiert, und sie hatte den Wandschmuck schon wieder vollständig verändert, sodass nur The Dane übriggeblieben war – das riesige Poster von Dane Dorweiler (ihrem überraschend beständigen Freund, dem ehemaligen Kapitän unserer Highschool-Fußballmannschaft und jetzt aufstrebendem Star der UoC). Es war ein gutes Bild: Dane verharrte mitten im Schuss, und sein Gegner zeigte einen Ausdruck des Leides, weil er ihm den Ball abnahm. Das Poster war ein Geschenk von mir und den anderen Bees gewesen.
»Also, schauen wir mal!« Sie streckte die Hände aus.
»Ganz schön gierig, oder?«, neckte ich sie, aber gab ihr die Schachtel. Sie riss den Deckel ab und keuchte.
»Sie sind wunderschön!« Sie nahm das oberste Blatt heraus. Zweihundert Einladungen, das Papier pergamentartig mit erhabenem Druck, geschützt von einer dünnen Laminierung. Die Bees hatten sich im letzten Herbst Phi Mu angeschlossen und halfen bereits dabei, Veranstaltungen der Studentinnenverbindung zu organisieren. Die Einladungen waren für das Frühlingsfest bestimmt und sollten an zweihundert Highschool-Oberstufenschülerinnen geschickt werden, die akademisch Besten der Besten, die bereits vom College aufgenommen worden waren. Dahinter stand die Absicht, dass die meisten neuen Mitglieder der Studentinnenverbindung schon vor der Pledge Week im nächsten Herbst feststehen sollten. Mir hatten sie das Design der Einladungen anvertraut.
»Die Stiftung hat den Druck bezahlt«, sagte ich und lachte wieder, als sie aufsprang und mich umarmte. Annabeth ging mit ihren Gefühlen so großzügig um wie mit allem anderen auch, und überschüttete alle um sie herum freigiebig damit.
»Sie sind perfekt!« Sie schaute sich das Exemplar an, dass sie noch in der Hand hielt, und ihre Augen wurden etwas feucht.
»Hey«, sagte ich. »So gut sind sie auch wieder nicht.«
»Doch, sind sie.« Sie schniefte. »Ich wünschte mir nur, du könntest dich uns auch anschließen.«
»Ich verbringe zu viel Zeit in der Maske.«
Sie musste kichern und lächelte. Unser Plan war es eigentlich gewesen, alle zusammen im Palevsky-Wohnheim zu leben und uns die Uni untertan zu machen, oder zumindest die Studentinnenverbindung, aber mein Durchbruch letzten Herbst hatte all meine Pläne verändert.
Bis ich sicher mit meiner Superstärke umgehen konnte, hatte ich untertauchen müssen, und damit den Uni-Beginn verpasst. Jetzt lebte ich abseits des Campus, damit niemand merken würden, wie oft ich plötzlich verschwinden musste. Ich schaute über ihre Schulter auf The Dane.
Sogar Danes Pläne veränderten sich; er hatte bereits ein Angebot bekommen, Profi zu werden, und wenn er einen Vertrag unterzeichnete und Chicago verließ, dann wäre es das für ihn und Annabeth. Sie liebte ihn so wie sie atmete, jeden Augenblick und ohne nachzudenken, aber wenn er für sie wie Atemluft war, würde sie niemals den Atem so lange anhalten können.
Ich machte mir Sorgen darüber, was dann passieren würde.
»Und lass das«, sagte ich. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Wir twittern und schreiben uns und lesen uns auf Facebook, mindestens dreimal die Woche gibt es ein gemeinsames Kamikaze-Mittagessen, und Brennan, Bauman und Brock werden für immer auf jeder Gästeliste der Stiftung stehen.«
Ich schob sie in Richtung Tür. »Und du gehst besser wieder nach draußen, bevor du die halbe Arbeit selbst noch mal machen musst. Du bist so anspruchsvoll.«
»Detailverliebt.« Sie schniefte noch einmal, aber mit einem echten Lächeln.
»Und wir könnten deine Hilfe brauchen …«
Mein Handy spielte plötzlich die Wilhelm-Tell-Ouvertüre, und sie seufzte. »Schau besser nach, was sie wollen.«
Ich klappte es auf und blickte auf den Bildschirm. 911-Gelb. Das bedeutete »Notfall, aber mach’ dich nicht fertig, um herzukommen«. Orange stand für »Komm sofort her!«, und Rot, was ich noch nie gesehen hatte, bedeutete »Zieh dich gar nicht erst um«.
Ich klappte es zu, ebenfalls mit einem Seufzen. »Notfall. Wettrennen nach draußen?«
Sie lief zuerst los, aber ich gewann.
Ich parkte im Parkhaus auf der Wabash und Jackson, um durch die »Hintertür« in die Kuppel zu gelangen. Aktuell war ich mit Ausnahme von Artemis die einzige Sentinel, die eine Geheimidentität hatte, doch die Architekten der Kuppel hatten diesen Fall eingeplant und mehrere geheime Hintertüren eingebaut. Persönlich dachte ich, dass sie einfach ihrem inneren Kind freien Lauf gelassen und sich ausgetobt hatten – wir hatten ohne Witz eine Telefonzelle als Eingang. Ich trat aus dem seitlichen Aufzug und begegnete Blackstone und Chakra, die Arm in Arm durch die Lobby gingen, Blackstone wie üblich im Frack, Chakra in einem wunderschönen Sari aus Satin. Abendessen und ein Opernbesuch, vermutete ich.
Die Krise des vergangenen Jahres hatte ihn und Chakra noch enger zusammengeschweißt, und sie gaben sich nicht einmal mehr Mühe dabei, ihre Beziehung zu verstecken. Ich war dankbar gewesen; es hatte die Aufmerksamkeit der Medien ein wenig von meiner »minderjährigen Affäre« abgelenkt.
Jetzt blickte mich die tantrische Zauberin an und las vermutlich meine Chakren. Sie lächelte.
»Guten Abend, meine Liebe«, sagte Blackstone. »Was bringt dich heute Abend in die Kuppel?«
»Ein gelbes 911. Was ist los?«
Er sah verwirrt aus. »Bob?«
Bob blickte von seinem Bildschirm auf. »Code CPD1; Mord mit Beteiligung Erwachter.«
Blackstone verzog das Gesicht. »Wie lange her?«
»Fünfzehn Minuten. Details?«
»Durch die Zentrale, bitte.« Er wandte sich mir zu und tippte mit seinem Gehstock auf seinen Schuh. »Es tut mir leid, meine Liebe. Wir tauschen deine Tage, und in Zukunft schicken wir Galatea, wenn du frei hast. Vulcan hat ihre forensischen Analyseroutinen fast soweit.«
Ich verdrehte die Augen. »Oh ja, sie hätte eine so beruhigende Ausstrahlung. Es ist okay, Boss, wirklich.«
Chakra hob eine mit Henna verzierte Hand vors Gesicht, um ihr Lachen zu verbergen.
Galatea war ein gynoider Roboter, ein weiblicher Android, das Werk unseres neuen verrückten Wissenschaftlers vom Verne-Typ. Vulcan hatte sie aus dem »Zeug« hergestellt, polymorphen Molekülen, die seine Spezialität waren, und er war ein wahrer Künstler.
Sie bewegte sich wie ein menschliches Wesen, sah auf Entfernung sogar wie eines aus, nur menschlichen Ausdruck schaffte sie nicht.
»Wenn du dir sicher bist«, sagte Blackstone. »Dann weitermachen.« Er salutierte scherzhaft und ich flitzte davon. Fünf Minuten später hatte ich mich umgezogen und war in Richtung Westen in der Luft unterwegs.
»Shell?«, fragte ich, als ich über die Michigan Avenue flog. »Ich will unsere neurale Verbindung am Tatort nicht benutzen.«
»Warum nicht?« Sie hatte mir die Adresse geschickt, diesmal ohne Kommentar über den süßen Detective Fisher.
»Weil das wirklich übel werden könnte.«
Den Quantengeist meiner besten Freundin Shelly hatte mir der Teatime-Anarchist vor seinem eigenen Selbstmord/Mord zukommen lassen. Er war in meine Vergangenheit gereist, hatte eine Quantenkopie von Shelly erstellt, kurz bevor sie sich auf der Jagd nach Superkräften umgebracht hatte, und hatte sie in das Betriebssystem seines Supercomputers gestöpselt.
Unsere bioneurale Verbindung erlaubte es Shelly, die Welt durch meine Sinne zu erleben, und sogar sichtbar vor mir zu erscheinen und mit mir zu reden, indem sie direkt meine Gehör- und Sehnerven stimulierte. Ja, ich hörte Stimmen in meinem Kopf. Sie sagten mir, ich solle Skittles essen.
Blackstone hatte arrangiert, dass Shelly meine direkte Verbindungsperson zur Zentrale wurde (der Umstand, dass unsere neurale Verbindung nicht von außen gestört werden konnte und dass Shell multitasken konnte wie der schnellste Supercomputer, hatte den Ausschlag gegeben). Aber Supergenie-Computerhirn hin oder her, sie war gestorben als wir beide fünfzehn gewesen waren, und emotional war sie immer noch auf diesem Stand. Auf keinen Fall würde ich ein Mädchen, das noch keine nicht jugendfreien Filme sehen durfte, den Tatort eines Mordes sehen lassen. Besonders eines Mordes, den ein Erwachter begangen hatte.
»Ist ja nicht so, als ob ich noch keine Leichen gesehen hätte«, protestierte sie.
»Ich weiß, aber du musst das nicht sehen. Ich will es nicht. Also keine Verbindung. Nur den Ohrstöpsel.«
»Aber …«
»Nein.«
Schweigen.
»Shelly?«
»Okay …«, seufzte sie. Sie musste es akzeptieren. Der Anarchist hatte das in ihre Privatsphäre-Protokolle eingebaut. Aber obwohl ich ihr typisches demonstratives Schmollen hören konnte, bemerkte ich auch, dass sie in Wirklichkeit nicht zu enttäuscht war. Wie ich hatte auch sie schon Dinge gesehen, nach denen sie sich lieber das Gehirn ausgewaschen hätte.
Die Adresse des Anrufs führte uns zu einem der Luxus-Wohntürme an der Ecke Ohio und Dearborn Street. Detective Fisher hatte einfach einen der uniformierten Polizisten, Officer Wyatt, auf einem Balkon im 15. Stock abgestellt, wo ich ihn sehen konnte, als ich näher kam. Ich landete, warf einen Blick hinein und pfiff leise.
Es sah aus, als wäre jemand durch die Wohnung gegangen und hätte jedes Möbelstück in einen Häcksler gepackt. Stücke und Fetzen von Rahmen und Möbeln bedeckten den Boden. Eine Hartholzkiste, ungefähr so groß wie eine Weinkiste, stand in der Mitte des Chaos. Fisher stand in der abgetrennten Küche und redete mit Phelps. Auch wenn ich glücklicherweise keine Beweise für etwas sehen konnte, das über extremen Vandalismus hinausging, konnte ich den kupferigen Gestank von Blut riechen. Viel davon. Vielleicht im Schlafzimmer?
»Detective?«
Er brach seine Diskussion mit Phelps ab und winkte mir zu. Er bewegte sich vorsichtig durch die Unordnung und reichte mir die Fußbedeckungen, in die ich hineinschlüpfte. Ich gewöhnte mich viel zu sehr an die Dinger.
Eine nicht angezündete Zigarette baumelte aus seinem Mund. Er sah aus, als würde er sich unbehaglich fühlen, und ich begriff, dass er das gleiche Problem damit hatte, mir den Tatort zu zeigen, wie ich bei Shelly. Vielleicht würde er sich an solchen Tatorten wirklich wohler mit Galatea fühlen.
»Womit haben wir es zu tun?«, fragte ich leise.
»Ralph Moffats Wohnung.«
»Ralph, der Bankangestellte?«
Er nickte. »Sie hatten recht, die Frau in der Aufzeichnung aus dem Tresor war sein Date. Er hat es bestätigt, als wir ihn befragt haben. Er hatte sie niemals zuvor gesehen, hat sie auf einen Kaffee mit nach Hause genommen, und ist erst wieder aufgewacht, als wir am nächsten Morgen an seiner Tür geklopft haben. Sie hat ihn unter Drogen gesetzt.«
»Warum also …«
»Das verbesserte Bildmaterial aus dem Tresor zeigte uns den Inhalt der Aktentasche. Inhaberschuldverschreibungen. Japanische Anleihen, hunderttausend Dollar Nennwert.«
»Oh.« Ich hatte das Bedürfnis, mich zu setzen. Es war eine dicke Aktentasche gewesen. Wenn man von mindestens hundert Seiten ausging … »Wie viel, glauben Sie, war es?«
»Jenny geht davon aus, vorausgesetzt alle Anleihen haben den gleichen Wert, dass es fast zehn Millionen Dollar sind. Das ist ein großes Wenn, aber so oder so reden wir von einem Millionenbetrag.«
»Schon Glück dabei gehabt, den Besitzer des Schließfachs zu finden?«
»Noch nicht. Mr Ross’ Büro ist geschlossen, solange er ›im Urlaub‹ ist.«
Phelps hustete hinter uns, und Fisher verzog das Gesicht.
»Die Tatortfotografen haben jeden Zentimeter der Wohnung aufgenommen, aber ich wollte, dass Sie hier einmal durchgehen bevor wir anfangen, Sachen zu bewegen.«
»Wo soll ich starten?«
»Fangen Sie hier an. Sie können die anderen Zimmer später anschauen. Und lassen Sie die Kiste in Frieden.«
Ich nickte und stieg hoch genug in die Luft, um sicherzustellen, dass meine Füße immer einige Zentimeter über dem Chaos blieben. In der Luft zu gehen war leicht, wenn ich es nicht auf Geschwindigkeit anlegte.
Das lange Wohnzimmer nahm vermutlich die Hälfte der Wohnung ein. Ein riesiger Plasmafernseher an einer Wand zeigte mir, wo der Unterhaltungsbereich gewesen war, und entlang der Innenwand waren Leuchten an der Decke angebracht, die eine Reihe von Gemälden anstrahlten (der Stil war hauptsächlich impressionistisch, aber farbenfroh; Mr Moffat hatte einen guten Geschmack). Eine Bar trennte die Küche vom Essbereich am anderen Ende.
Ich konzentrierte mich auf die Haufen von Splittern und Bruchstücken und runzelte die Stirn. Ich schaute mir die Wände noch einmal an. Anschließend landete ich und hockte mich hin, wobei ich mein kurzes Cape zur Seite hielt, um mir das näher anzuschauen, was eine Couch gewesen sein musste.
Fisher zog die nicht angezündete Zigarette aus dem Mund. »Was sehen Sie?«
»Ich bin mir nicht sicher. Ich …« Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Phelps schnaubte, doch diesmal ignorierte Fisher ihn.
»Können Sie mir sagen, was Sie stört?«
Ich schaute mir die Wände noch einmal an. »Ich weiß nicht … Zunächst einmal: Das war eine schwere Couch. Gutes Leder, dicke Polsterung, schwere Sprungfedern und Holz. Jemand hat sie zerfetzt wie ein Taschentuch.« Ich versuchte, den Gedanken zu greifen.
»Sprechen Sie weiter«, ermutigte Fisher mich.
»Wer auch immer hierfür verantwortlich ist, war stark. Er musste viel Kraft einsetzen. Aber es gibt keine Spuren am Fernseher oder an den Wänden, und man würde meinen, dass Stücke der Couch, die in alle Richtungen fliegen, zumindest die Tapete beschädigen würden. Besonders die Metallteile.«
»Und?«
Ich bewegte mich ein Stück zurück. »Die Stücke der Couch liegen alle dort, wo die Couch stand. Und hier stand der Couchtisch? All die Glasstücke liegen genau da, wo er stand. Es sieht so aus, als hätte es zwei weitere Stühle gegeben, einen Beistelltisch, vielleicht ein paar große Lampen? All ihre Stücke liegen genau da, wo sie sein sollten, nirgendwo verteilt.«
Die unbeschädigten Wände schienen plötzlich unheimlich, als ich versuchte, mir auszumalen, wie das vonstatten gegangen war.
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas zustande kommt. Und warum. Es ist so ordentlich, so methodisch. Nichts ist explodiert. Es gab keine Streuung. Alles wurde an der Stelle zerfetzt, wo es stand, und bei dem Prozess eingedämmt.« Ich hatte eine albtraumhafte Vorstellung von einer Art fliegendem Häcksler. »Wo ist Mr Moffat?«
»Wir glauben, in der Kiste. Astra?«
Ich bemerkte, dass ich zu hyperventilieren begonnen hatte. Ich verschränkte die Arme und atmete langsam.
»Nein. Er müsste …«
Fisher nickte. »In so viele Stücke zerteilt sein wie die Möbel. Es ist tatsächlich noch schlimmer. Er ist Suppe. Es gibt kein Knochenstück, das größer als ein Zahnstocher ist.«
Ich war in meinem Leben noch nie ohnmächtig geworden, hatte aber das Gefühl, gleich könnte es soweit sein. Ich starrte die böse Kiste an, und mein Gesicht wurde eisig.
»Wie wissen wir dann, dass er es ist?«
»Tun wir nicht. Wir müssen auf die DNA-Analyse warten, und das wird ein paar Tage dauern. Aber die Sicherheitskameras zeigen, wie er hineingeht und nicht wieder herauskommt.«
»Aber haben die Kameras aufgezeichnet, was nach ihm hinein gekommen ist?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Und wenn er wirklich abgehauen ist, dann verlieren wir ein paar Tage.«
Ich schluckte. »Ich denke, dabei kann ich helfen.«
»Ach kommen Sie schon!«, protestierte Phelps. »So gut ist Ihre Nase nicht!«
Fisher verzog das Gesicht. »Halt den Mund, Phelps.«
»Nein … einfach nein!« Beim Gedanken daran, die Kiste zu öffnen und am Inhalt zu schnüffeln, wurde mir wieder ganz komisch. Ich schaute nach draußen. Es war dunkel geworden. »Aber ich kenne jemanden, der Ihnen sagen kann, was, oder wer, da drin ist.«
