4,99 €
Sie glaubt an die Liebe. Er an die Wissenschaft. (K)ein Match? Grumpy vs Sunshine Romance: für alle Leser:innen von Elena Armas »The Roomate Experience« »Wie kann etwas falsch sein, das sich so richtig anfühlt? Ich würde ihm gerne zeigen, dass er sich irrt. Dass wir keine Angst vor diesen Gefühlen haben müssen.« Als Vale und Lynn sich begegnen, ist es Liebe auf den ersten Blick. Nur, dass einer von ihnen nicht daran glaubt: Vale, der gerade seine Masterarbeit darüber schreibt, warum man in der Liebe besser zweimal hinschauen sollte. Die Zimmerin Lynn lebt dagegen nach dem Motto: ›Du hast ein Herz, um es zu verlieren‹. Mutig schlägt sie vor, Vales Forschung zu testen und ihre intensiven Gefühle wissenschaftlich zu untermauern. Doch ist das Experiment mit ungewissem Ausgang wirklich eine gute Idee?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »At first glimpse« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Redaktion: Larissa Bendl
Dieses Werk wurde vermittelt durch die litmedia.agency, Germany
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.de
Covermotiv: Shutterstock (Guenter Albers, Lauritta); Freepik (KamranAydinov)
Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Cover & Impressum
Widmung
Playlist
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
Epilog
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Y. und M. Weil ihr mir gezeigt habt, dass wahre Liebe bedingungslos ist.
Shirt & Handtuch_demo – Mayberg
Bye Bye – CRO
AUSMACHT – EMILIO
Jede Nacht – MAJAN
Bist du wach – Soba & The Cratez
Ich liebe … – badchieff, Edo Saiya & CRO feat. MAJAN
Kurzschluss – TIMUR
Running Up That Hill – Will Young (Dermot O’Leary Saturday Sessions)
Play with Fire – Nico Santos
Höhenangst – Schmyt
Guilty Pleasure – KLAN
Glimpse of Us – Joji
Indigo – Bruckner
NICHT DEIN TYP – KAYEF
Love Changes (Everything) – Climie Fisher
Unique – JEREMIAS
Nirvana – ENNIO
Winter – Montez
Vale
»Zehn, neun, acht, sieben, sechs …«, tönt es lautstark aus unserem Wohnzimmer, obwohl Lenny, der Star des Abends, mit Jess, Pete und mir auf dem Balkon steht.
»Fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL«, stimmen wir lachend mit ein, und Jess ist die Erste, die Lenny um den Hals fällt und ihm zum Geburtstag gratuliert.
Nachdem wir ihn reihum beglückwünscht haben, gehen wir zurück ins Wohnzimmer, wo Lenny jubelnd von den anderen begrüßt wird. Sein Blick geht zu seiner Freundin Emily, die lächelnd neben weiteren seiner Freunde steht und ihm schließlich auf halbem Weg entgegenkommt. Als sie sich küssen, sehe ich weg, während Pete und Lennys Mitbewohner Tom sie grölend anfeuern.
Dass Lenny sich zu einer öffentlichen Liebesbekundung hinreißen lässt, überrascht mich. Wenn man Petes Berichten der letzten Monate Glauben schenken mag, ist er niemand, der etwas von Beziehungen hält, und legt sich nur ungern fest. Seine beste Freundin Jess, mit der er bis vor Kurzem noch ein Freundschaft-Plus-Ding am Laufen hatte, hat sich oft genug bei Pete über ihn ausgeheult, so viel weiß ich. Und trotzdem würde mir niemand von ihnen zustimmen, wenn ich ihnen erklärte, dass das Konzept der Liebesbeziehung zu große Schwächen hat, um sich dauerhaft darauf einzulassen.
Ich schüttle den Gedanken ab, als plötzlich Nicky vor mir auftaucht. Ihre Lippen sind wie immer in einem tiefen Bordeaux geschminkt, und mit ihren langen Wimpern klimpert sie mir kokett zu, bevor sie mich in eine Umarmung schließt.
»Hey, Vale.«
»Oh, hi. Ich hatte gar nicht mit dir gerechnet.«
»Ach, das hat sich spontan ergeben, ich habe Jessy und Pete gestern in der Cafébar getroffen.« Sie lächelt mich an, während ihre Hand noch immer an meinem Arm ruht. »Und dann dachte ich, es wäre eine schöne Gelegenheit, dich mal wiederzusehen.«
Ich erwidere ihr Lächeln, obwohl mir sofort klar wird, dass ich besser früher als später für klare Verhältnisse sorge. Ja, wir hatten vor dem Sommer ein paarmal was am Laufen. Und ja, mit Nicky ist es toll. Sie ist hübsch, witzig und war mir von Anfang an sympathisch. Aber sie hat mir auch sehr offen signalisiert, dass sie sich mehr wünschen würde.
»Freut mich auch«, sage ich leicht verspätet. »Alles klar bei dir?«
»Ja, alles gut. Du, bei mir liegt noch dieses grüne Shirt von dir. Hast du nicht Lust, mal auf einen Kaffee vorbeizukommen? Am Samstag vielleicht?« Trotz ihrer offensiven Frage sieht sie beinahe schüchtern zu mir auf, und in mir lodert sofort das schlechte Gewissen.
»Nicky, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist …« Meine Stimme ist so leise, dass niemand unser Gespräch mitverfolgen kann, trotzdem ist es mir unangenehm.
»Komm schon, was ist bei einem Kaffee denn dabei? Wir müssen ja nicht gleich heiraten.« Sie lacht laut auf, zu laut, und in ihren hellbraunen Augen erkenne ich eine Verletzlichkeit, die mir deutlich macht, dass ich richtig entschieden habe, als ich die Treffen mit ihr beendet habe.
Ich schlucke. »Es hat sich nichts geändert, Nicky. Ich bin nicht für mehr bereit, und es hätte keinen Sinn, dich etwas anderes glauben zu lassen. Du kannst das T-Shirt behalten.«
Schmerz huscht über ihre Gesichtszüge, während das Lächeln, das sie die letzten Minuten aufrechterhalten hat, in sich zusammenfällt. Sie löst die Hand von meinem Arm und reckt das Kinn, dann dreht sie sich mit einem letzten Blick wortlos um und lässt mich stehen.
Ich atme mit einem Seufzen aus, gehe an die Küchentheke und lasse mir von Luca ein Bier geben.
»Ich würde sagen, die Überraschungsparty war ein Erfolg.« Er hält mir seine Flasche entgegen und wir stoßen an.
»Sieht so aus.«
»Sag mal, war das gerade Nicky?« Fragend sieht er mich an.
»Jap. Sie hat noch ein Shirt von mir, sagt sie.«
»Und das will sie dir zurückgeben?«
»Klang eher so, als wolle sie was anderes zurück …«
Luca schnaubt. »Du hast es echt gut, Mann. Ich wünschte, es würde sich mal jemand so um mich bemühen.«
Ich schüttle den Kopf. »Sie wusste von Anfang an, dass ich mich auf keine Beziehung einlasse. Das ist nichts Persönliches, Nicky ist toll, aber ich meine es ernst.«
Ich nehme einen Schluck von meinem Bier, und für einen Moment hängen wir beide unseren Gedanken nach. Nicky ist verschwunden, keine Ahnung, ob sie nur auf den Balkon raus oder nach unserem Gespräch gegangen ist.
»Glaubst du, Pete kriegt jetzt endlich mal den Arsch hoch?«, reißt Luca mich aus meiner Überlegung und nickt an mir vorbei.
Ich drehe mich um. Jess lehnt lässig an der Wand neben dem Bücherregal, und Pete scheint sie mit irgendeiner Geschichte zu unterhalten, denn sie hängt lächelnd an seinen Lippen.
»Fragst du mich, ob er sie um ein Date bittet, oder ob er es tun sollte?«
Luca winkt ab und grinst. »Du hast recht, warum frage ich überhaupt? Deine Antwort ist natürlich: Finger weg oder ihr seid dem Untergang geweiht.«
Ich boxe ihm gegen den Oberarm und werfe einen erneuten Blick auf Jess, die sich lachend an Petes Schulter festhält. Seine Wangen sind gerötet, und das liegt vermutlich nicht nur an seinen starken Drinks.
»Du übertreibst. Ich sage nur …«
»Hey, Leute!« Lenny taucht vor uns auf und legt einen Arm um Luca. »Danke noch mal für die Party. Wir verabschieden uns, Emily und ich haben morgen noch etwas geplant.« Er grinst verschmitzt, und Luca sieht ihn überrascht an.
»Alles klar«, sagt er dennoch und umarmt Lenny kurz.
»Danke, Mann«, wendet Lenny sich mir zu und reicht mir die Hand.
Nach einer kurzen Verabschiedungsrunde sind die beiden weg, und Luca schüttelt den Kopf. »Wer hätte das gedacht? Hat er überhaupt was getrunken?«
Ich zucke die Achseln. »Keine Ahnung.«
Bevor ich noch etwas sagen kann, geht Jess an uns vorbei und verschwindet in Petes Zimmer. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und scanne den Raum nach Pete ab, der mit zwei Gläsern in der Hand auf uns zukommt.
»Was steht ihr zwei hier so rum?«, fragt er uns unschuldig.
»Ach, wir haben uns nur gerade gefragt, was Jess wohl in deinem Zimmer macht«, antworte ich grinsend.
Sein Kopf zuckt zu mir, während er Alkohol in die beiden Gläser gießt. »Ich will kein Wort von dir hören«, sagt er warnend und richtet seinen Zeigefinger auf mich.
Luca lacht laut auf, und ich verdrehe die Augen.
»Ich meine es ernst. Keine Ratschläge, keine Warnungen. Das mit Jess verkacke ich ganz allein.«
Ich presse immer noch schmunzelnd die Lippen zusammen und sehe Pete nach, der mit den beiden Gläsern ebenfalls in sein Zimmer verschwindet.
Vale
Tobi begrüßt uns mit einem Handschlag, und sein Lächeln ist eine Mischung aus begeistert und verzweifelt.
»Gut, dass ihr da seid, Vale«, sagt er und dreht sich gleichzeitig wieder um. »Kiran, lass Alessia los, wenn sie das sagt!«
Ich tausche einen Blick mit Pete, der lacht und sich im Raum umsieht. Der sonst eher übersichtliche Aufenthaltsraum des Jugendzentrums ist voller Teenies, die in ihrer Ungeduld offensichtlich auf blöde Ideen kommen.
»Hey, beruhigt euch, es geht ja gleich los.« Tobi schnappt sich Kiran, der trotz seiner Aufforderung immer noch an einem Mädchen zu kleben scheint.
Ich hole mir hinter der Theke einen Ball und baue mich neben Pete auf. »Hallo zusammen, ich bin Vale. Manche von euch kennen vielleicht noch meinen Mitbewohner Pete.« Ich deute mit dem Daumen auf ihn, und er neigt den Kopf, sodass sein Dutt leicht hin und her wippt. »Wir sind zwei begnadete Fußballer, und solange wir warten, fordere ich euch zu einer Challenge heraus.«
»Ich geh ins Tor«, ertönt es plötzlich hinter mir, und Malik streckt schweratmend seinen Kopf zwischen uns hervor.
»Gut, ihr habt Malik gehört! Wer mir nicht glaubt, sollte mit rauskommen, dann beweisen wir es euch.« Ich grinse und sehe direkt die Herausforderung in ein paar Gesichtern aufblitzen.
»Sorry, Leute, ich habe die Bahn verpasst. Alles klar bei euch?«, fragt Malik leise.
Ich nicke, und Pete nimmt ihm seinen Rucksack ab, dann gehen wir gemeinsam nach draußen.
Schnell laufe ich mit dem Ball auf den Vorplatz des Jugendzentrums, wo gerade vier junge Erwachsene eine Musikbox an zwei Lautsprecher anschließen, vermutlich die Tanzgruppe.
Ich jongliere mit dem Ball, bis ein paar der Kids sich aufgestellt haben. Malik positioniert sich im Tor, während Pete und ich versuchen, den Ball nicht an die acht Jungs und Mädels zu verlieren, die uns auf den Vorplatz gefolgt sind.
Nach ein paar Minuten scheint die Tanzgruppe langsam mit ihrem Aufbau fertig zu sein, und ich werde auf eine junge Frau aufmerksam, die ihre schwarzen Locken mit einem bunten Haarband zusammenfasst. Dann beugt sie sich nach rechts und links und schließlich nach vorn, vermutlich um sich aufzuwärmen.
Mein Starren wird abrupt beendet, als mir der Ball mit voller Wucht gegen die Schläfe knallt, sodass mir die Cap halb vom Kopf rutscht. Ich muss einen Ausfallschritt machen, um nicht zu fallen, und presse die Hand an die pochende Stelle.
»Vale!«
Ich höre unterdrücktes Gelächter. Beinahe muss ich über mich selbst lachen, richte die Cap und schüttle den Kopf.
»Sorry, Mann, du warst total frei, ich dachte, du hast den.« Pete kommt zu mir rübergejoggt und haut mir auf die Schulter.
»Alles gut, Bro.«
Wir spielen weiter, und als wir gerade mit sechs zu vier Toren vorne liegen, kommt Tobi mit dem Rest der Bande nach draußen. Zum Abschluss klatschen wir uns alle ab. Während die Kids sich vor der Tanzgruppe aufstellen, gehe ich mit Malik nach drinnen, um die Snacks für später vorzubereiten.
»Es gab nur noch drei Packungen mit den vegetarischen Piccolinis, ich hoffe, das reicht«, grummelt Malik, als er die Gefriertruhe öffnet.
»Wir steuern einfach bei der Ausgabe, dass die muslimischen und vegetarischen Kids zuerst essen.«
Malik nickt und schaltet den Ofen an, damit er ausreichend lang vorheizen kann.
»Hab dich ’ne Weile nicht gesehen, wie läuft’s mit deiner Masterarbeit?« Er lehnt sich gegen die Theke und sieht fragend zu mir rüber.
»Kann nicht klagen.«
»Dann hast du das Phänomen der Liebe also endlich entzaubert und wir können uns in der Zukunft von schrecklichem Liebeskummer freimachen?« Er seufzt, und ich lache auf.
»Oje. Ärger im Paradies?«
Malik winkt ab und verdreht die Augen. Er führt eine furchtbare On-off-Geschichte mit Frieda, aber kommt einfach nicht von ihr los.
»Der erste Schritt wäre, sich von dem Konstrukt der romantischen Liebe freizumachen. Ich kann dir Eva Illouz ans Herz legen, die Frau rechnet mal so richtig ab.«
»O Gott, Vale, du weißt, ich bin viel zu romantisch, um mir diese Illusion zerstören zu lassen. Ist das nicht komplett frustrierend, allein vor seinem Schreibtisch zu sitzen und wütend in den PC zu tippen, warum die große Liebe nur Schall und Rauch ist?«
Als ich lospruste, verschränkt Malik skeptisch die Arme vor der Brust. »Ich tippe nicht wütend, Malik. Ich bin überzeugt von den wissenschaftlichen Erkenntnissen und …«
»Schon gut, Junge. Mich überzeugst du trotzdem nicht.« Er schüttelt schmunzelnd den Kopf und beginnt, ein paar Teller aus dem Schrank zu räumen. Ich helfe ihm mit den Vorbereitungen, und als wir fertig sind, gehe ich zurück auf den Vorplatz, um zu sehen, wie weit der Workshop ist. Dort trete ich neben Tobi, der sich hinter den Jugendlichen platziert hat.
»Die Kids durften schon mal ein paar Schritte ausprobieren, jetzt zeigt die Gruppe, was sie für die nächsten Wochen geplant haben«, bringt er mich aufs Laufende. Gerade haben sich die Frau mit den schwarzen Locken und ein schlanker Typ im Muskelshirt vorn aufgestellt und fangen an, sich zu einem Song zu bewegen, der mir bekannt vorkommt. Die Kids hören ihn ständig im Jugendzentrum. Wenn mich nicht alles täuscht, hat der Sänger früher in der Serie Bibi & Tina mitgespielt … und jetzt singt er von Liebe und wird zum TikTok-Star.
Schmunzelnd sehe ich zu Tobi, der mit offenem Mund die Szene beobachtet, die sich vor unseren Augen abspielt. Ich folge seinem Blick, und einen Moment gerät mein Atem ins Stocken. Ich ziehe die Cap vom Kopf in dem Moment, in dem die Tänzerin meinen Blick auffängt. Ihr strahlendes Lächeln lässt jede ihrer Bewegungen unendlich leicht aussehen, dabei muss genau das Gegenteil der Fall sein. Ich erkenne ihre Muskeln, wenn sie sich bewegt, die von Kraft und Stärke zeugen. Auf die Entfernung wirken ihre Augen beinahe schwarz, und obwohl unser Blickkontakt durch ihre schnellen Bewegungen mehrfach unterbrochen wird, ist er dennoch intensiv. Innerhalb weniger Sekunden habe ich eine Gänsehaut am ganzen Körper, und meine Kehle ist auf einen Schlag wie ausgetrocknet.
Meine Reaktion auf sie ist völlig übertrieben, das ist mir sofort klar, also versuche ich, mich auf die Fakten zu konzentrieren. Ich schätze, sie ist etwas jünger als ich, vielleicht Anfang zwanzig. Außerdem ist sie einen ganzen Kopf kleiner als ihr Tanzpartner, der eine beinahe schlaksige, aber dennoch athletische Figur hat. Doch auch er kann mich nicht von ihrer Ausstrahlung ablenken, sodass es mir erst gelingt, den Blick abzuwenden, als sie zum Ende des Tanzes mit dem Rücken zu den Zuschauern stehen bleibt.
»Das war Wahnsinn, oder?!« Um uns herum jubeln und applaudieren die Jugendlichen begeistert, und nach kurzem Zögern stimme ich in den Beifall ein.
Als der Tänzer sich bedankt und den Workshop für beendet erklärt, strömen die Kids zurück ins Jugendzentrum, wo Malik schon mit den Minipizzen wartet. Schnell folge ich ihnen nach drinnen, um ihn und Pete bei der Ausgabe zu unterstützen. Dabei geht mir jedoch der Blickkontakt mit der Tänzerin nicht aus dem Kopf.
Als sie plötzlich mit den anderen dreien vor mir am Fenster zwischen Küche und Aufenthaltsraum steht, verschlägt es mir für einen Augenblick die Sprache.
Sie lächelt mich an und wirft dann einen Blick auf die Auswahl.
»Vegetarisch oder mit Salami?«, frage ich mit Verzögerung.
Sie deutet mit dem Finger auf die vegetarische Option, also gebe ich ihr die letzten zwei Stücke auf einen Teller und reiche ihn ihr. Als auch die anderen versorgt sind, setzen sie sich auf eins der Sofas und werden schnell von ein paar Kids belagert, die sie mit Fragen löchern.
»Du solltest sie ansprechen, sie schaut immer wieder zu dir«, sagt Malik und beißt herzhaft in ein Stück Pizza. Sein Blick ruht auf der Tänzerin, und ich muss mich zusammenreißen, ihm nicht zu folgen.
»Nein«, antworte ich und nehme mir stattdessen ebenfalls ein Stück.
»Du solltest definitiv«, mischt sich Pete ein. »Wann hast du das letzte Mal so auf eine Frau reagiert? Diesen Ausdruck«, er fuchtelt mit einer Hand vor meinem Gesicht herum, »den habe ich an dir noch nie gesehen.«
Jetzt drehe ich den Kopf doch und begegne tatsächlich ihrem Blick, aber einer der Tänzer spricht sie an, und sie wendet sich ihm zu. Sie ist wunderschön. Das sonnengelbe Top hebt sich von ihrer Haut ab, die einige Nuancen dunkler ist als meine eigene, und selbst im Sitzen strahlt sie eine Anmut aus, die mich völlig in ihren Bann zieht.
Ich schüttle den Gedanken ab und wende mich Pete zu. »Ja, ich gebe zu, dass ich sie attraktiv finde. Sehr.« Ich erlaube mir einen weiteren Blick, nur eine Millisekunde, und sie erwidert ihn und lächelt ein winziges Lächeln. »Aber ich bin nicht auf der Suche nach einem One-Night-Stand.«
»Alter, Vale. Vielleicht ist sie die Frau deines Lebens! Willst du dieses Risiko wirklich eingehen?« Malik sieht mich fassungslos an.
Ich seufze, und Pete schmunzelt, weil er nur zu gut weiß, was jetzt kommt. »Ich verlasse mich bei der Partnerwahl nicht auf meine Hormone. Ich habe jahrelang dabei zugesehen, was die vermeintliche Liebe auf den ersten Blick mit Paaren anstellt. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung, sorry.«
Pete zuckt die Achseln. »Da beißt du auf Granit, Malik. Er zerlegt die großen Gefühle schon in den ersten drei Kapiteln.«
»Reine Biologie. Mit den richtigen Hormonen knistert es zwischen jedem. Und der Rest ist Sozialpsychologie«, antworte ich milde lächelnd.
Malik schüttelt den Kopf. »Deine Forschung in allen Ehren, aber das erschüttert meine Weltanschauung. Du willst mir sagen, dass du jeden x-beliebigen Menschen verliebt machen kannst, indem du ein paar Hormone triggerst?«
»Du hast es erfasst. ›Jeden x-beliebigen‹ würde ich vielleicht einschränken, schließlich müsste die Person sich schon darauf einlassen, aber ansonsten … Der wesentliche Punkt ist, dass sie sich zwar verlieben, aber genauso schnell wieder entlieben. Und wer will das schon?« Ich bin in meinem Element.
»Scheiße, Vale. Du bist der unromantischste Typ, der mir je untergekommen ist.« Malik schüttelt den Kopf, und Pete macht sich breit grinsend eine Dose Fanta auf.
Ich hebe die Schultern. »Tut mir leid, aber ich kann ja nichts dafür, dass sich bei dem Thema niemand auf die Fakten berufen will.« Ich stütze mich an der Theke ab. »Schau dir Aron an, das ist so ein amerikanischer Psychologe. Er hat 36 Fragen entwickelt, um Liebe künstlich zu erzeugen. Das funktioniert nicht, weil die Fragen so gut sind, sondern weil er damit Hormone triggert. Spätestens nach einem Jahr sind sie alle verpufft und dann?«
»Ich geb’s auf. Aber verdammt, Vale.« Er sieht rüber zu den Tänzern, die mit Tobis Unterstützung die Musikanlage angeschmissen haben. »Das ist mir echt zu frustrierend. Ich gehe mal ein paar Kids bespaßen.« Er schnappt sich die Packung Skip-Bo und trommelt einige der Jugendlichen zusammen, die sich freudig um ihn tummeln.
»Kann ich dich allein lassen?«, fragt Pete und wirft einen Blick aufs Handy. »Ich bin noch mit Jess verabredet.«
Ich lächle, weil mir sein Verbot in den Sinn kommt, es zu wagen, irgendeine Beziehungsprognose abzugeben, dabei würde ich das nie tun. Abgesehen davon kenne ich Jess kaum, ich weiß nur, dass sie mit Pete studiert und die beiden einen gemeinsamen Freundeskreis haben, mit dem ich außer Pete und Luca keine Überschneidungspunkte habe.
»Klar, viel Spaß euch!«, sage ich und bleibe schließlich allein an der Theke zurück. Auf das Teil sind wir alle riesig stolz, da wir es in den Sommerferien im Rahmen eines Ferienprogramms mit den Kids gebaut haben. Mit der kleinen Fernbedienung aktiviere ich die LED-Leuchten unter der Theke und lasse den Blick durch den Raum schweifen. Nach und nach werden die ersten Kids von ihren Eltern abgeholt oder verabschieden sich. Spätestens um 21 Uhr müssen alle weg sein, dann wird der Laden geschlossen.
Zwei Mädels bestellen sich eine Limo, und während ich die Getränke herausgebe, fällt mein Blick erneut auf die Tänzerin. Ich weiß nicht einmal, wie sie heißt. Klar, ich könnte Tobi oder irgendjemand anderen fragen. Aber ich will es nicht wissen. Oder vielmehr … will ich es nicht wissen wollen.
Sie lacht und wirft dabei den Kopf zurück, sodass ein paar der widerspenstigen Locken aus dem Tuch in ihr Gesicht rutschen. Ich frage mich, wie es sich anfühlen würde, ihr genau diese frechen Strähnen zurückzustreichen. Sie um meinen Finger zu wickeln und …
Scheiße, was soll das plötzlich? Jeden verdammten Tag der letzten drei Monate habe ich mich damit auseinandergesetzt, was es, wissenschaftlich gesehen, bedeutet, wenn man diese plötzliche Anziehung zu einem anderen Menschen spürt – und mich für völlig ungefährdet gehalten. Und da ist sie, verdreht mir den Kopf mit ihrem Lächeln und den dunklen Locken und kommt mir vor wie die schönste Frau der Welt. Ich kann sie nicht ansprechen. Da gibt es kein Ziel, kein Ergebnis, zu dem es führen könnte. Aber Pete hat recht, diese Frau erweckt mein Interesse auf eine Art, wie ich es bei Nicky oder anderen nie gespürt habe. Und das ist nichts, worauf ich mich einlassen will. Vielleicht würde ein One-Night-Stand doch helfen, dieses Gedankenchaos ein bisschen zu ordnen.
Um mich herum verabschieden sich nach und nach die Kids, als die Tanzgruppe erneut meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, weil sich die vier von ihren Plätzen erheben. Mir ist klar, dass sie sich zum Gehen aufmachen. Die letzte Chance, sie anzusprechen, ist definitiv jetzt. Jetzt. JETZT. Aber ich kann mich nicht vom Fleck rühren. Ich kann nicht …
Und dann kommt plötzlich dieses Lied. Zum letzten Mal gehört habe ich es sicher vor mehreren Jahren, doch der Text ist so eingängig, dass ich sofort weiß, was jetzt folgt. Ich sehe ihren Blick zum Lautsprecher zucken, der in der Ecke des Raumes an der Decke befestigt ist.
Er wechselt grad das Lied und plötzlich stand da diese Frau
Und er dachte sich, wow
Sie dreht sich um und erwischt mich beim verzweifelten Versuch, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr Cro mir aus der Seele singt. Nur dass es mir nicht an Mut mangelt, sondern an Überzeugung. Anders gesagt, bin ich überzeugt, dass es besser ist, sie nicht anzusprechen, aber verdammt …
Während sie sich von ein paar Kids verabschiedet, die auf den Sofas rumlungern, und Tobi die Hand schüttelt, geht mein Blick zu Malik. Er grinst mich an, und ich weiß genau, was er gerade denkt.
Bye-bye, bye-bye meine Liebe des Lebens …
Der Typ, der nicht an die große Liebe glaubt, lässt sie einfach durch die Tür gehen.
Ich drehe mich zurück zur Theke und zucke zusammen, weil sie auf einmal genau vor mir steht.
… setzt sich extra zu ihm hin und denkt sich bitte, bitte, bitte, bitte komm.
»Sprich mich an«, spricht sie den Text mit und lächelt mich so atemberaubend schön an, dass ich das Gefühl habe, mein Herz springt mir gleich aus der Brust.
»Hi«, sage ich überfordert, womit ich ihr ein Lachen entlocke.
»War das wirklich so schwierig?« Sie streckt ihre schmale Hand über die Theke, und ich ergreife sie. »Ich bin Lynn.«
»Vale.«
Ihre Mimik ist herzlich, und ihre dunklen Augen funkeln. »Und du arbeitest hier, Vale?«
O mein Gott, wie sie meinen Namen ausspricht. Ich will, dass sie das noch mal macht. Dass sie ihn mir ins Ohr flüstert.
»Vale?«
Fuck, ja. Oh, sie sieht irritiert aus. »Sorry. Ja, ich arbeite hier. Also nebenher. Ich studiere eigentlich. Genau genommen schreibe ich an meiner Masterarbeit.« Wow, was für ein Redeschwall. Schnell presse ich die Lippen aufeinander, aber sie hat ihre Mundwinkel gehoben, und dabei zeichnen sich so kleine Grübchen in ihren Wangen ab. Sie ist definitiv das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe.
»Und du?«, frage ich hastig zurück.
Sie macht eine unbestimmte Geste mit der Hand. »Ich bin Zimmerin.«
»Du bist was?« Einen Moment lang verschlägt es mir die Sprache, doch sie scheint solche Reaktionen schon gewohnt, denn sie spannt unbeeindruckt ihren Bizeps an.
»Der hier kommt nicht vom Tanzen.«
»Nein, du …« Ich starre auf ihren gebräunten Arm, bis sie ihn senkt und mich herausfordernd anblickt. »Beeindruckend, das ist … echt cool! Ich habe … keine Ahnung von Handwerk.« Gott, es ist peinlich. Ich bringe keinen geraden Satz heraus. »Und das Tanzen?«, frage ich, um sie dazu zu bringen, das Reden zu übernehmen.
»Ich mache das als Hobby, meine Mum unterrichtet an der HfMT, so bin ich da irgendwie reingeraten.«
»Das ist toll. Ich meine, du machst das wirklich gut, nicht dass ich was davon verstehen würde, aber du weißt schon …« Nein, Vale, halt einfach die Klappe. Am liebsten würde ich mir selbst gegen die Stirn hauen, aber Lynn sieht völlig gelassen aus.
»Ach was, das war gar nichts. Ich finde es super, dass es diesen Workshop gibt. Ich liebe es, Jugendlichen meine Begeisterung fürs Tanzen weiterzugeben.«
»Lynn?«
Sie dreht sich zu dem jungen Mann um, der mit ihr getanzt hat, und lächelt ihn an. »Fede, lass mich dich vorstellen. Vale, das ist Federico, wir tanzen zusammen. Vale arbeitet hier«, fügt sie erklärend hinzu.
Federico nickt mir freundlich zu. »Wir brechen auf, bist du so weit?«
»Moment noch«, sagt sie und wirft mir einen scheuen Blick zu. Ich will, dass sie bleibt. Und sie will das auch. Scheiße.
»Wir sind schon mal draußen.« Die drei winken zum Abschied und gehen durch die Tür.
Lynn lächelt mich an, und ich weiß, sie wartet darauf, dass ich sie frage. Sie hat den ersten Schritt gemacht, indem sie auf mich zukam, aber jetzt liegt es an mir.
»Du könntest bleiben …«, schlage ich vor, doch es klingt nicht überzeugt.
Das scheint sie auch so zu sehen, denn sie legt den Kopf schief und sieht mich herausfordernd an. »Warum?«
Die Cap, an die ich aus einer Verlegenheitsgeste heraus fassen will, habe ich irgendwo abgelegt, deshalb fahre ich mir nur durch die Haare, obwohl sie so kurz sind, dass das kaum einen Effekt hat.
Okay, Scheiß drauf. »Ich mache das normalerweise nie, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es ansonsten bereuen würde, also … bitte, bleib noch. In dreißig Minuten schließen wir hier, dann könnten wir was trinken gehen. In der Nähe gibt es eine kleine Bar.«
Jetzt lächelt sie wieder, und augenblicklich durchströmt mich Erleichterung, denn ich erkenne in ihren Augen, dass sie nicht Nein sagen wird. Einen Moment sehen wir uns einfach nur an, und es fühlt sich an, als wäre niemand außer uns im Raum.
Dann räuspert sie sich. »Ich mache das normalerweise auch nicht, Vale, aber ich bleibe gerne noch.«
Die nächste halbe Stunde zieht sich wie Kaugummi. Lynn hat sich zwar zu mir an die Theke gesetzt, und ich habe ihr eine Coke ausgegeben, aber da sich nach und nach auch die letzten verabschieden, haben wir keine Gelegenheit, uns zu unterhalten. Also fühle ich nur ihre Blicke auf meiner Haut prickeln, während ich meine Hände in dem heißen Spülwasser versenke und die letzten Gläser spüle. Schließlich sind nur noch Malik, Lynn und ich übrig.
»Bleibt ihr noch? Machst du den Laden dann dicht?« Malik hat die Unterarme auf die Theke gestützt, und eine selbst gedrehte Zigarette klemmt in seinem Mundwinkel.
»Ja, kannst abhauen.« Ich werfe Lynn, die mich beobachtet, einen kurzen Blick zu.
Malik grinst, tippt sich zur Verabschiedung an die Stirn und schnappt seinen Rucksack. »Schönen Abend euch noch. Bis Mittwoch, Vale.«
»Ja, bis dann.«
Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und damit ist es still. Mein Blick flackert wieder zu Lynn. In meinem Kopf ploppen Fantasien davon auf, wie ich sie von dem Hocker in meine Arme ziehe, gegen die alte Tapete des Juze presse, auf der ich mich als Vierzehnjähriger mit Edding verewigt habe, und sie küsse, bis wir beide außer Atem sind. O Gott, was mache ich nur?
»Wie lange arbeitest du schon hier, Vale?« Sie sieht mich mit ihren großen Augen neugierig an.
Ich atme einmal tief durch, nehme mir ebenfalls eine Coke aus dem Kühlschrank und setze mich neben sie auf einen Hocker. »Seit ungefähr sieben Jahren, seit ich zu alt war, um als Besucher herzukommen«, sage ich und lache erleichtert. Sicheres Terrain. »Als ich achtzehn war, habe ich ab und zu bei Ausflügen und so als Betreuer ausgeholfen. Während dem Bachelorstudium in Psychologie habe ich freitagabends hier gejobbt, um etwas Geld zu verdienen.« Ich nehme einen Schluck von meinem Getränk, während Lynns Blick weiter aufmerksam auf mir liegt. Sie hat etwas an sich, dass mir das Gefühl vermittelt, ihr meine Seele offenbaren zu können. Vielleicht doch nicht so sicher.
»Seit dem Masterstudium bin ich meistens mittwochs und freitags hier und zusätzlich bei irgendwelchen Events oder Aktivitäten«, rede ich schnell weiter.
Sie nickt. »Tobias hat erzählt, dass er das Jugendzentrum schon seit acht Jahren leitet. Und die anderen beiden?«
»Malik arbeitet mit Tobias hauptamtlich hier, er ist vor ungefähr fünf Jahren dazugekommen. Pete, der Typ mit dem Dutt, und ich haben hier unsere Jugend verbracht, er hilft nur ab und zu aus, wenn Aktionen anstehen. Wir wohnen zusammen.«
»Das ist cool! Dann kommst du aus Köln?«
Ich nicke, auch wenn ich lieber nicht darüber nachdenken will. Für mich ist eine neue Zeitrechnung angebrochen, als ich mit achtzehn zu Hause raus bin, und ich versuche, es nach Möglichkeit zu vermeiden, mich zu sehr mit dem Davor zu beschäftigen. Viel mehr interessiert mich die Frau mir gegenüber. Ich will alles wissen, und gleichzeitig wäge ich immer noch ab, auf meine Fragen zu verzichten und sie einfach zu küssen. Ihre vollen Lippen sind dunkel und glänzen leicht.
»Und du? Wolltest du schon immer Zimmerin werden?«, frage ich und reiße den Blick von ihrem Mund los.
Lynn
Seine Lippen sehen trocken aus, und am liebsten würde ich meine darauflegen und meinen Lippenbalsam mit ihm teilen. Ihn spüren, schmecken, inhalieren …
»Und du? Wolltest du schon immer Zimmerin werden?«, reißt er mich aus meinem Tagtraum.
Schnell sehe ich ihm in die Augen. Sie sind grün mit ein paar braunen Sprenkeln, als hätte sich die Natur bei der Farbgebung nicht so richtig entscheiden können. Faszinierend.
»Seit mein Papa mich einmal mit auf die Baustelle genommen hat.« Ich lache bei der Erinnerung, wie Papas Kollegen auf mich reagiert haben. »Damals war ich noch die Prinzessin … jetzt arbeite ich hart dafür, dass ich genau so nicht mehr gesehen werde.«
Vale sieht beeindruckt aus. »Und das Tanzen?«, will er wissen.
»Mama sagt immer, dass ich zuerst tanzen konnte, bevor ich gelaufen bin.« Ich lache wieder, und Vale stimmt mit ein. »Du solltest mitmachen bei dem Workshop. Tanzen befreit die Seele, es macht einfach glücklich.«
Vale sieht mich so skeptisch an, als hätte ich vorgeschlagen, nackt auf dem Dach zu tanzen.
»Was?« Grinsend stehe ich auf und greife nach seiner Hand. Ohne zu zögern, schlingt er seine Finger um meine, sodass ich beinahe vergesse, was ich vorhatte. Seine Hand fühlt sich so perfekt in meiner an.
»Ich zeige dir, was die Kids die nächsten Wochen lernen werden. Du musst schließlich wissen, was in deinem Jugendzentrum vor sich geht.«
Er zieht die schwarzen Augenbrauen zusammen und folgt mir. »Das ist nicht mein Jugendzentrum«, protestiert er schwach.
Um die Musik wieder anzuwerfen, muss ich seine Hand loslassen, was ich widerwillig tue. Ich wähle auf meinem Handy den Song von Emilio aus, den wir ausgesucht haben, weil die meisten Kids ihn von TikTok kennen. Und wenn’s dir nichts ausmacht, verlieb ich mich jetzt.
Könnte ein Song passender sein? Vale steht mit überfordertem Gesichtsausdruck in der Mitte des Raums, erwidert aber mein Lächeln, als ich ihn ansehe. Die Choreo ist darauf ausgelegt, dass die Kids den Song allein oder zusammen mit Freunden tanzen können. Ich lasse die Hüfte kreisen, und Vales Blick folgt mir. Erst als ich zu tanzen beginne, wird mir bewusst, was ich hier gerade mache, und mein Herzschlag verdoppelt sich augenblicklich. Für einen Rückzieher ist es zu spät, also lasse ich mich fallen, wie ich es immer tue, und versuche, Vales intensiven Blick auszublenden. Stattdessen bewege ich mich auf ihn zu und drehe mich langsam um ihn.
Er verfolgt meine Bewegung mit den Augen, bis er den Kopf nicht weiter drehen kann und ich in seinem Rücken bin. Ich stehe so dicht hinter ihm, dass ich sein herbes Deo rieche, und trotz der lauten Musik erfüllt mich plötzlich eine Ruhe, die mich mutig macht. Als ich nach seiner Hand greife, schließt er die Finger erneut sofort um meine. Ich wirble mit schnellen Schritten um ihn herum, bis ich neben ihm zum Stehen komme. Aus der Choreo bin ich längst raus und improvisiere einfach. Vale neigt den Kopf sanft zu mir, als ich ihm mein Gesicht zuwende. In seinen Augen wütet ein Sturm aus Gefühlen. Anziehung. Ablehnung. Verlangen. Widerwillen. In sie hineinzublicken, fühlt sich an, als wäre ich in eine tosende Strömung geraten.
Mit dem nächsten Schlag drehe ich mich eng um die eigene Achse nach außen und riskiere, Vale mitzureißen, weil ich ihn nicht vorgewarnt habe. Doch er überrascht mich, indem er mir genau zum richtigen Zeitpunkt einen Impuls gibt und mich zurückdreht. Ich habe diese Drehung schon in Hunderten Ausführungen mit Federico oder auch mit Aaron gemacht, aber irgendetwas ist dieses Mal anders. Und deshalb komme ich nicht elegant einen Schritt vor Vale zum Stehen, sondern pralle etwas unsanft gegen seine Brust. Atemlos sehe ich zu ihm auf, geradewegs in seine gesprenkelten Augen. In den Sturm, der sich vielleicht etwas gelegt hat.
»Ganz schön stürmisch, kleine Tänzerin«, sagt er und klingt genauso außer Atem, wie ich es bin, doch sein Mundwinkel zuckt.
Ich weiß nicht, ob der Impuls von mir ausgeht oder er zuerst mich näher an sich zieht, aber ohne ein weiteres Wort schließe ich die letzte winzige Lücke, und er legt seine Hände unter meinen Po, um mich auf seine Hüfte zu setzen. Instinktiv schlinge ich die Beine um ihn, lege die Arme um seinen Nacken und presse meinen Mund auf seinen.
Seine Lippen sind rau und kitzeln meine, aber das spielt keine Rolle, denn nur wenige Sekunden später fährt er mit der Zunge sanft meine Oberlippe entlang und beschert mir eine Gänsehaut. Unsere Zungen spielen miteinander, und seine Küsse fühlen sich so vertraut an, dass ich darüber beinahe meine Nervosität vergesse.
»O Gott, Lynn«, stöhnt er leise an meinen Lippen, und ich schlinge die Beine noch etwas fester um seine Hüften.
»Entschuldige«, sage ich, küsse ihn aber wieder, und es tut mir kein bisschen leid.
Vale macht ein paar Schritte zurück und setzt sich auf das braune Ledersofa, auf dem ich die meiste Zeit des Abends mit den anderen verbracht habe. Jetzt zieht er mich eng auf seinen Schoß, und ich schließe die Augen und lasse mich fallen. Nach ein paar Minuten wage ich es, meine Hände unter sein weites Shirt zu schieben, und spüre, wie sich seine Muskeln unter der unerwarteten Berührung für einen Moment verhärten. Dann legt er eine Hand in meinen Nacken und zieht an der Kordel, die mein gelbes Lieblingstop zusammenhält.
»Das wollte ich schon den ganzen Abend machen«, raunt er und küsst meinen Hals. Seine Worte fahren direkt in meine Mitte und hinterlassen dort ein aufgeregtes Kribbeln. Ich habe seine Blicke nicht missinterpretiert. Und deshalb fühlt es sich einfach richtig an, ihm das Shirt über den Kopf zu ziehen und über seine kurzen schwarzen Haare zu streichen.
»Vale?«
»Hm?« Er hebt den Kopf und blinzelt.
»Danke, dass du gefragt hast.«
Er fährt mit der Hand über seinen Kopf, und für einen Moment bin ich von seinem schön geformten Oberarm abgelenkt.
»Danke, dass du mir keine Wahl gelassen hast«, sagt er rau. In seinen Augen flackert irgendeine Emotion auf, die ich nicht so schnell erfassen kann.
»Soll das heißen, du wolltest mich nicht ansprechen?«, frage ich leise und gleite mit den Fingerspitzen über seine nackte Brust bis zum Ansatz seiner Bauchmuskeln, die von einem dunklen Flaum überzogen sind.
Er erschauert, und statt einer Antwort lässt er die Finger unter den Rand meines Tops gleiten. Ich hebe langsam die Arme, und er hilft mir, es loszuwerden. Dann legt er seine Hand in meinen Rücken und zieht mich näher, bis seine Lippen mein Dekolleté streifen.
»O doch, das wollte ich den ganzen verdammten Abend.« Durch den dünnen Stoff meines BHs streift er meine Brustwarze, und ich unterdrücke ein wohliges Seufzen. Er scheint noch etwas sagen zu wollen, aber überlegt es sich anders und schiebt mit der Hand den BH zur Seite, dann spüre ich seine Lippen auf meiner Haut und vergesse alles andere.
Seine Erektion pulsiert gegen meine dünne Stoffhose, und ich lasse mich noch tiefer in seinen Schoß sinken, was Vale ein heiseres Stöhnen entlockt.
Ich weiß nicht, wie lange wir auf dieser Couch sitzen und uns küssen, weil ich jegliches Zeitgefühl verloren habe.
Als ich Vales Gürtel öffnen will, legt er seine Hand auf meine. »Du hast nicht zufällig ein Kondom?«, fragt er und zieht die Unterlippe zwischen die Zähne.
Verdammt, natürlich habe ich keins dabei. Mit meinem Handy, dem Haustürschlüssel und einer Haarspange, in die ich meinen Ausweis und zwanzig Euro geklemmt habe, ist meine winzige Handtasche bereits überfüllt.
Er interpretiert meinen Gesichtsausdruck richtig und flucht. »Wir hatten erst vor Kurzem so eine Aufklärungsveranstaltung im Jugendzentrum …« Er richtet sich unter mir etwas auf und fährt sich durch die Haare, als wolle er sie ordnen.
Ich rutsche von seinem Schoß und ziehe den BH ein Stück hoch, während er aufsteht und in Richtung Theke läuft.
»Und es gab keine Werbegeschenke in Form von Kondomen?«, frage ich empört. »Da muss Safer Sex doch Thema gewesen sein.«
»Doch, klar, die gab es. Aber die sind immer sofort weg, die kleinen Scheißer stürzen sich wie blöd auf die Dinger.« Er lacht leise, während er sich oberkörperfrei über die Theke beugt. »Die sind auch schon wieder nachbestellt. Ich hatte mein erstes Mal auch mit so einem dämlichen Werbekondom von Tobi.«
Ich stehe auf und gehe zu ihm an die Theke. Er hebt einen kleinen Karton in die Luft und dreht ihn um. »Verdammt …«, sagt er, und die leichte Verzweiflung in seiner Stimme macht mich richtig an. Er will mich, und ich will ihn.
Vale lehnt sich zu mir, legt seine Hände an meine Wangen und küsst mich. So leidenschaftlich, als verfluche er den leeren Karton, Tobi und überhaupt das Universum dafür, dass es so etwas wie Geschlechtskrankheiten gibt. Und falls er es nicht tut, ich verfluche es. Ich will mehr, mehr spüren, mehr Vale.
»Okay, lass uns irgendwo hinfahren!«
Er sieht mich verdutzt an, dann versteht er. »Tankstelle?«, stößt er aus.
»Gute Idee«, stimme ich zu.
»Dann los.«
In wenigen Sekunden haben wir uns wieder angezogen. Vale holt den Schlüsselbund aus seiner Tasche, schnappt meine Hand und zieht mich hinter sich her. Während er abschließt, sehe ich mich auf dem Vorplatz um.
»Wie bist du hier?«, frage ich ihn.
Er dreht sich zu mir um. »Mit der Bahn, und du?«
»Mit Fede. Wie weit ist es von hier?«
»Wir nehmen einfach die Scooter.« Vale grinst mich an und deutet auf ein paar E-Scooter, die ungeordnet neben dem Gebäude stehen.
»Was? Nein, Vale, ich habe keine Ahnung, wie man so ein Teil fährt«, protestiere ich, während er schon auf die Roller zuläuft.
»Ach was, komm! Das ist total easy.« Er wartet, bis ich bei ihm bin, und zieht mich einen Moment an sich. Ich erwidere seinen Kuss, und sofort lodert das Verlangen wieder in mir auf.
»Wie schnell fahren die?«, frage ich, als wir beide nach Luft schnappen.
»25 km/h, aber wir können ja auch langsam fahren.« Er zuckt die Achseln und holt sein Handy aus der Tasche. Dann scannt er den Barcode vom Lenker.
»Warte, warte, warte.« Ich sehe mich unsicher auf dem Platz um. Vielleicht ist es lächerlich, aber ich habe wirklich Bedenken, mich auf so ein wackeliges Teil zu stellen, und das ausgerechnet jetzt, im Dunkeln, in einer Gegend, in der ich mich nicht auskenne.
»Hier, probier es mal aus.« Er schiebt den Roller ein Stück von den anderen weg, und ich trete näher an ihn heran. »Siehst du, hier mit dem kleinen Hebel gibst du Gas. Du musst sachte drücken, die reagieren ziemlich empfindlich.«
O Gott, ich weiß nicht. Vorsichtig stelle ich mich mit einem Fuß auf den Roller.
»Gut, jetzt musst du anschieben und dann Gas geben.« Er hat seine Hand sanft an meine Seite gelegt, und ich wünschte, er könnte sie dort liegen lassen.
Zögerlich schiebe ich das unhandliche Gerät auf dem unebenen Boden an und drücke den Hebel ein Stück nach vorn. Der Roller macht einen Satz, und Vale fängt mich auf, bevor ich einen Abgang machen kann.
Er lacht. »Ich habe gesagt, sachte. Solltest du als Tänzerin nicht ein Naturtalent in solchen Dingen sein?« Fragend sieht er mich an.
Ich schneide eine Grimasse und überlasse ihm den Roller. »Wenn ich auf meinen eigenen Füßen stehe, ist Gleichgewicht kein Problem, du Schlaumeier.«
»Versuchst du es jetzt noch mal?«, fordert er mich heraus.
Ich warte, bis Vale selbst auf den Roller steigt und mich zu sich winkt. »Komm, stell dich vor mich.«
»Bist du sicher?«
»Klar, das habe ich schon hundertmal gemacht.«
Ich weiß nicht, ob ich das vertrauenserweckend finde, aber trotzdem steige ich vor ihn und halte mich am Lenker fest. Und als ich seine Brust eng an meinem Rücken spüre, atme ich zweimal tief durch.
»Bereit?«
Seine leise Stimme an meinem Ohr prickelt in meinem Nacken, und ich nicke.
