Something only we know - Julia Schuck - E-Book
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Julia Schuck

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Beschreibung

Ein Uniprojekt. Eine Sozialarbeitsstudentin und ein Jurastudent, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein wissenschaftliches Liebesexperiment. Und plötzlich ist alles anders. »Du willst niemanden beeindrucken, du bist einfach, wie du bist und aus irgendeinem Grund vermittelt es mir das Gefühl, dass ich auch sein kann, wie ich gerade bin.« Lenny findet SIE langweilig. Emily hält IHN für überheblich. Und jetzt sollen der Jurastudent und die Sozialarbeitsstudentin auch noch im Uniprojekt zusammenarbeiten. Doch dann räumen die beiden mittels eines Frage-Antwort-Spiels mit den gegenseitigen Vorurteilen auf, versäumen aber, dass es sich dabei um ein wissenschaftliches Liebesexperiment handelt. Zwischen ihnen entsteht eine unerwartete Anziehung und das, obwohl sich ihre Erwartungen an Freundschaft und Liebe grundlegend unterscheiden. Kann das gutgehen? »Ein toller, flott zu lesender Schreibstil und Protagonisten, die ich schnell ins Herz geschlossen hatte, machten das Buch zu einem Lesevergnügen. Ein wunderschönes Setting mit tollen Kölsch-Vibes.«  ((Leserstimme auf Netgalley)) »Eine süße und romantische Geschichte, in der Emily und Lenny sich langsam näher kommen. Was für ein schönes Buch.«  ((Leserstimme auf Netgalley))

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Larissa Bendl

Dieses Werk wurde vermittelt durch die litmedia.agency, Germany

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.de

Covermotiv: Guenter Albers, Lauritta / Shutterstock; KamranAydinov / Freepik

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Für Papa, weil ich bei allem, was ich tue, weiß, dass du stolz auf mich bist.

Per mamma, perché so, mi copri sempre le spalle.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Playlist

1

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3

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6

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Epilog

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Playlist

Cornershop – Brimful of Asha

James TW – Different

Maroon 5 – Lost

Cornershop – Brimful of Asha

Marshmello & Anne-Marie – FRIENDS

Montez – Wenn ich du wäre

Provinz – Zimmer

Joel Adams – Coffee

Alexa Feser – Leben

Maroon 5 – Maps

LEA – Immer wenn wir uns sehn

A7S – Nirvana

Sido & B-Tight – Hol doch die Polizei

Josh. – Eskalation

George Nozuka – Talk to Me

Maroon 5 – Daylight

Montez – Auf & Ab

Rea Garvey – Is It Love?

Jason Mraz – Have It All

The Script – Superheroes

Tom Walker – Leave a Light On

Jason Mraz – More Than Friends

KLAN feat. Mia. – Nie gesagt

Harry Styles – Falling

Imagine Dragons – Demons

Olly Murs – Moves

Bausa – Mary

Bastille – Worlds Gone Mad

JP Saxe & Julia Michaels (Marian Hill Remix) – If the World Was Ending

Lina Maly – Schön genug

BANNERS – Someone to You

Eagle-Eye Cherry – Save Tonight

Keane – Somewhere Only We Know

Josh. – Reden

Maroon 5 – Won’t Go Home Without You

James TW – You & Me

1

Lenny

Ich schiebe die Fotos schnell in den Briefumschlag zurück, als Jess sich neben mich auf den Sitz fallen lässt, bin aber zu langsam.

»Was hast du da?«, fragt sie und schnappt ihn mir aus der Hand.

»Auch schön, dich zu sehen, Jessica.« Ich versuche gar nicht erst, ihr den Umschlag wieder abzunehmen, und verdrehe nur stumm die Augen, als sie ein liebreizendes »Ohhh« von sich gibt.

»Ist das Cassandra, dein Au-pair-Kind?«

»Du brauchst nicht gleich so rumschreien«, antworte ich mit gesenkter Stimme und werfe einen kurzen Blick über die Schulter. Die Reihen hinter uns füllen sich langsam mit Studierenden. »Außerdem ist sie meine Cousine.«

»Jaja, weiß ich doch. O Mann, sie ist so süß. Wie alt ist sie jetzt?«

»So ungefähr acht?«, antworte ich. Genau genommen, wird sie in zwei Wochen acht. Das Päckchen mit ihrem Geburtstagsgeschenk muss ich unbedingt zur Post bringen, keine Ahnung, wie lange das bis London unterwegs ist.

»Jetzt gib das wieder her.« Ich schnappe ihr den Umschlag aus der Hand, bevor sie noch den Brief von meiner Tante in die Finger kriegt.

»Ah, da ist ja die Staufenberg.« Jess zieht ihr Handy aus der Tasche.

Unsere Professorin lässt ihren Blick über die Reihen schweifen und nickt kurz, als sie mich in der Bank ausmacht. Dann tritt sie hinter das Pult und die Gespräche verstummen. Schnell stecke ich den Umschlag in meinen Rucksack und lehne mich im Sitz zurück.

»Ich heiße Sie im Namen des Kollegiums herzlich willkommen zur Auftaktveranstaltung. Mit Familien stärken starten wir in Köln heute ein einmaliges Kooperationsprojekt, das nicht nur die Zusammenarbeit der rechtswissenschaftlichen Fakultät unserer Universität mit der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule verbindet.«

Sie deutet auf die sechs Personen, die in der ersten Reihe Platz genommen haben, und lächelt. »Ich bin sehr stolz, dass wir Praxispartner aus dem Jugendamt und dem Familiengericht sowie Verfahrensbeistände für unser Projekt gewinnen konnten. Mit der Förderung durch die Landesregierung haben wir die Möglichkeit, dieses Modellprojekt für den Kinderschutz auf die Beine zu stellen.« Sie wartet den aufbrandenden Applaus ab, bevor sie weiterspricht. »Viele unterschiedliche Professionen arbeiten zum Wohl von Kindern und Jugendlichen zusammen, das geht nicht ohne Reibungspunkte. Hier setzt unser Projekt an. Wir machen es uns zur Aufgabe, die unterschiedlichen Akteure zusammenzubringen mit dem Ziel einer gelingenden Kooperation, die den Kinderschutz sicherstellen soll.«

Die harte Lehne drückt in meinen Rücken und ich lasse mich noch etwas tiefer in den Sitz sinken. In den Vorlesungssaal passen um die sechshundert Studierende. Ungefähr die Hälfte der Plätze ist belegt. Wenn die Studierenden der TH genauso genötigt wurden, wie es bei uns der Fall war, ist nur ein Bruchteil freiwillig hier.

Jess neben mir tippt auf ihrem Handy rum.

»So eine Zeitverschwendung«, murre ich. Professorin Staufenberg stellt gerade die Praxispartner persönlich vor und bedankt sich für deren Kooperationsbereitschaft.

»Olive oder Aubergine?« Jess dreht ihr Handy in meine Richtung.

Ich werfe einen Blick auf ihr Display, auf dem sie mit dem Finger zwischen einem grünen und einem lila Kleid hin und her wischt.

»Wenn du Essen bestellen willst, bist du auf der falschen Seite.«

Sie blickt auf und sieht mich missbilligend an. »Lenny.«

Aubergine oder Olive? Ernsthaft?

»Sieht beides scheiße aus.«

Ich lasse den Blick über die Studierenden vor uns schweifen, damit es so aussieht, als wäre ich aufmerksam.

»Du bist so ein Arsch«, fährt Jess mich an.

Die Brünette zwei Reihen vor uns dreht sich um, aber ich beachte sie nicht.

»Selbst schuld, wenn du nach meiner Meinung fragst«, gebe ich spöttisch zurück.

»Ja, warum tue ich das eigentlich?«, murmelt sie und lässt das Handy in ihrer Tasche verschwinden.

»Mann, wie lang geht der Scheiß hier überhaupt noch?« Ich stöhne auf und merke zu spät, dass es inzwischen sehr ruhig im Saal geworden ist.

Viel zu viele Augenpaare sind auf mich gerichtet und dazu gehören auch die der Brünetten zwei Reihen vor uns. Sie durchbohrt mich praktisch mit ihrem Blick und hätte sie nicht so braune Rehaugen, könnte es vielleicht sogar einschüchternd sein.

»Haben Sie etwas beizutragen, Herr Hayne?« Professorin Staufenberg hat mich genau im Visier und ihr Blick ist leider nicht mehr so freundlich wie zu Beginn der Veranstaltung.

»Verzeihung, Professorin.« Ich presse die Lippen zusammen und richte mich etwas im Sitz auf. Ich bin mir sicher, dass sie meine Worte unmöglich verstanden haben kann, trotzdem ist es mir unangenehm, dass sie mich ermahnt hat. Bei jedem anderen wäre es mir egal, aber bei ihr bin ich auf der Hut, da sie sich etwas zu gut mit meiner Mutter versteht, die vor Jahren ebenfalls an der Universität unterrichtet hat.

Zum Glück wendet sich die Staufenberg wieder ihren Gästen zu, nur der Blick der Brünetten liegt nach wie vor auf mir. Ganz sicher eine von den Sozis. Ich starre grimmig zurück, bis sie nachgibt und den Blick senkt.

»Hat die Sozi-Tussi dich gerade mit ihrem Blick getötet oder ausgezogen?«, will Jess wissen.

»Wenn das eine Anmache sein sollte, muss sie noch üben.« Ich halte den Blick weiter nach vorn gerichtet, da ich mir keine zweite Ermahnung einholen will.

Jess lacht leise. »Gehen wir nachher zu dir?«

»Klar, von mir aus.«

»Und du hast den Schlüssel für heute Nacht?«, hakt sie nach.

Ich nicke und entspanne mich etwas. Endlich mal wieder Party, ganz nach meinem Geschmack.

 

»Geile Idee, hier ’ne Party zu schmeißen.« Pete haut mir auf die Schulter und gesellt sich dann zu Jess, die mit ihren Freundinnen auf ein paar zusammengeschobenen Tischen tanzt. Als sie Pete entdeckt, winkt sie ihn wild näher und balanciert mit ihren High Heels bis an die Kante. Er streckt die Hand aus, doch anstatt sie zu nehmen, lässt sie sich kreischend in seine Arme fallen, und er fängt sie gerade so auf. Kopfschüttelnd stellt er sie auf den Boden zurück, und ich lache, als sie mich über die Entfernung unschuldig anblinzelt.

In der letzten Stunde hat sich der Raum, den wir als Partylocation ausgewählt haben, schon geleert, aber das hat unserer Stimmung keinen Abbruch getan.

»Hier.« Das Mädchen mit den dunklen Locken und den scheinbar endlosen Wimpern reicht mir einen frischen Drink. Alina, Aileen, keine Ahnung. Irgendjemand hat sie mitgebracht und seit einiger Zeit tänzeln wir umeinander.

»Danke.« Ich lächle sie an und nehme einen Schluck. Dann stelle ich das Glas ab und werfe einen Blick zu Jess. Sie hat sich auf einen Transportwagen gesetzt, der eigentlich in die Bib gehört, und animiert Pete, sie damit über die Tanzfläche zu fahren.

»Lass uns woanders hingehen«, schlage ich der Dunkelhaarigen vor.

Sie nickt und greift nach meiner Hand. Gemeinsam laufen wir den Gang entlang, und während die Musik leiser wird, merke ich, wie betrunken ich bin.

Weil ich eine kurze Pause brauche, bleibe ich stehen, und sie lehnt sich abwartend gegen die Wand. »Komm her«, sagt sie und ihre dunkle Stimme klingt in dem ruhigen Flur irgendwie intensiv. Ich mache einen Schritt auf sie zu und lege meine Hand in ihren Nacken. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst mich, zuerst vorsichtig, doch als ich sie näher an mich ziehe, lässt sie die Zurückhaltung fallen.

Ich drücke sie gegen die Wand und für einen Moment erfüllt sie alle meine Sinne. Ich höre nichts, außer ihrem Seufzen, als meine Zunge über ihre Lippe gleitet, schmecke den fruchtigen Drink, den sie uns gemischt hat, und rieche ihr blumiges Parfüm, das trotz unserer Nähe unaufdringlich ist.

Als plötzlich lautes Lachen die Stille durchschneidet, ziehe ich sie ein Stück weiter, bis wir an einer Tür zu einem der kleinen Vorlesungsräume angekommen sind. Ich fummle den Schlüssel aus meiner Tasche, aber bekomme ihn auch nach zwei Anläufen nicht ins Schloss.

Sie kichert. »Lass mich mal.«

Ich reiche ihn ihr, und als sie die Tür öffnet, schiebe ich sie vor mir in den dunklen Raum. Hier wird uns so schnell niemand stören. Noch bevor ich die Tür hinter uns zugezogen habe, liegen ihre Lippen wieder auf meinen. Ich schließe die Augen, aber schlage sie sofort wieder auf, weil sich auf einmal alles dreht. Eine Welle der Übelkeit überkommt mich und ich löse mich abrupt wieder von ihr.

Sie öffnet ebenfalls die Augen und streicht sich die dunklen Locken hinters Ohr. »Was ist los?« Fragend sieht sie mich an, aber ich kann nicht antworten, weil mein Magen plötzlich rebelliert, und wenn ich jetzt nicht sofort den Rückzug antrete … Gott. Alles dreht sich noch stärker.

Ich mache vorsichtig zwei Schritte und werde sicherer. Als ich von dem Zimmer zurück auf den Gang trete, versuche ich, mich zu orientieren.

»Lenny!«

Zum Glück, Jess.

Sie springt von dem Wagen, auf dem Pete neben ihr die leeren Alkoholflaschen aus dem Partyraum transportiert, und kommt auf mich zugelaufen. Bei mir angekommen packt sie mich am Oberarm. »Alles okay?«

Ich schüttle den Kopf und bereue es sofort, weil die Übelkeit zurückkommt. Ich halte mir schnell die Hand vor den Mund. »Bring mich raus«, presse ich hervor.

Hinter ihr tritt das Mädel mit den dunklen Locken aus dem Raum und erfasst die Situation mit einem Blick. Sie und Jess haken mich bei sich unter und ich höre noch, wie Pete irgendetwas zu Jess sagt, dann ziehen sie mich mit.

Als wir aus dem Nebeneingang treten, löse ich mich von ihnen. Jess will mir nachlaufen, aber ich halte sie zurück.

»Geh weg«, sage ich schroff und sie zögert kurz, dann geht sie in Richtung Bistro davon, wo die anderen bereits auf der Wiese chillen. Ich torkele in die entgegengesetzte Richtung zu den Parkplätzen, aber schaffe es gerade bis zur Weggabelung, dann entleert sich mein überwiegend flüssiger Mageninhalt im Gebüsch.

»Leonard Hayne!«

Die Stimme in meinem Rücken überschlägt sich beinahe vor Empörung, und mir ist sofort klar, dass ich in meinem aktuellen Zustand keine Chance habe, zu entkommen. Also richte ich mich auf, drehe mich langsam um und starre in die bitterbösen Augen von Frau Staufenberg. Meine Professorin.

2

Emily

»Füllst du bitte noch die Kaffeebohnen auf, Emily?«, ruft Aaron mir aus der Spülküche zu.

Ich lasse die Bohnen in den Einsatz rieseln und grinse ihn liebreizend an, als er an die Theke tritt.

»Sorry, ich vergesse manchmal, dass du schon bestens eingelernt bist.« Er tritt neben mich und fängt an, das Frühstücksangebot ins Glasbuffet einzuräumen.

»Ich arbeite seit sechs Monaten mit dir«, erinnere ich ihn und er zuckt die Schultern.

»Na ja, du weißt nicht, wie lange andere brauchen, bis die Handgriffe sitzen.«

Ich lache. Ich erinnere mich gut, wie er sich abends in der WG immer über die Neulinge beschwert hat, bevor ich selbst den Job in der Cafébar angenommen habe.

»Ich wurde eben vom besten Mitarbeiter eingelernt«, gebe ich zwinkernd zurück.

»Du willst dich doch nur einschleimen, damit du nicht die Tische wischen musst. Los, an die Arbeit.« Er schiebt den Eimer mit Spülwasser über die Theke.

Ich strecke ihm die Zunge raus, schnappe mir das Putzzeug und trete auf die Terrasse. Schon jetzt, um kurz nach halb acht, ist es angenehm warm, sodass ich die Bluse bis zu den Ellenbogen hochschiebe.

Gerade als ich den ersten Tisch gewischt habe, steuert eine kleine Gruppe junger Leute die Cafébar an. Ich richte mich auf und will ihnen schon zurufen, dass wir noch geschlossen haben, als ich sehe, dass die beiden Jungs, die ich schon von Weitem gesehen habe, einen dritten Jungen zwischen sich mitziehen. Er scheint kaum allein laufen zu können.

Nichts gegen eine gute Party, aber ich konnte es noch nie leiden, wenn man sich bis zum Realitätsverlust abschießt. Ich behalte lieber die Kontrolle.

Eines der Mädels, die mit ihnen unterwegs sind, sieht jetzt zu mir rüber und zieht dann am Rand der Terrasse einen Stuhl vom Tisch. Sie lassen den blonden Kerl darauf fallen und sein Kopf sackt leicht nach vorne. Na super.

Während die Gruppe sich dort breitmacht, stehe ich etwas unschlüssig am anderen Ende der Terrasse und wische alibimäßig ein paarmal über den Tisch vor mir. Eigentlich habe ich keine Lust auf Studierende, die sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben und hier ihren Mief hinterlassen, andererseits machen wir ohnehin erst in zwanzig Minuten auf.

Ich nehme den Eimer und gehe zu ihnen an den Tisch. Eine Wolke Alkohol empfängt mich und ich rümpfe leicht die Nase. Der Blondschopf hat seine Stirn auf dem Tisch abgelegt, was nicht bequem sein kann mit der schwarzen Sonnenbrille, die er auf der Nase hat.

Die Gruppe habe ich im Café schon öfter gesehen, sie kommen gerne her, um zu lernen. Soweit ich weiß, studieren sie Jura.

»Guten Morgen zusammen. Wir öffnen erst um acht.«

»Ja, sorry. Wir brauchen ’ne Pause.« Eines der Mädels deutet auf den Kerl neben sich und wirft sich die langen Haare über die Schulter.

»Gab es in der Nähe keine Parkbank?« Ich lasse den Lappen in den Eimer fallen.

»Hättest du vielleicht etwas Leitungswasser für ihn?«, fragt sie mich unbeirrt.

Ich nicke und will mich schon abwenden, als einer der Jungs mich aufhält. Er hat eine kratzige Stimme und seine braunen Haare sind am Hinterkopf zu einem Minidutt geknotet.

»Und Kaffee wäre Wahnsinn«, sagt er beinahe flehend.

Ich sehe ihn einen Moment durchdringend an. »Ich schaue, was ich machen kann«, antworte ich dann und laufe los.

In meinem Rücken kichert eins der Mädels, aber ich drehe mich nicht mehr um.

Aaron sieht mich fragend an, als ich drinnen Tassen auf einem Tablett vorbereite und ein großes Glas am Wasserhahn fülle.

»Was ist da los?« Er blickt durch die Scheibe auf die kleine Gruppe, die sich zum Glück ruhig verhält und keinen Stress macht.

»Die haben sich die Nacht um die Ohren geschlagen und einer ist ziemlich raus.«

»Das mit dem Wasser ist nicht unbedingt eine gute Idee. Manche fangen davon erst recht an zu … Du weißt schon.« Er macht ein Würgegeräusch und verdreht die Augen.

Ich lache und nehme das Glas. »Das traut er sich besser nicht auf unserer Terrasse.«

Während Aaron sich daranmacht, die Kaffees zuzubereiten, gehe ich zurück nach draußen.

»Wenn er hier hinkotzt, wischt er es selbst wieder auf, ich hoffe, das ist euch klar.«

Der junge Mann mit Dutt nimmt mir das Glas ab. »Keine Sorge, das hat er schon hinter sich.«

Alle lachen.

Keine Ahnung, warum sie das so witzig finden.

Ich will mich gerade abwenden, als der Typ das Glas mit Schwung umdreht und über dem Blonden auskippt.

»Pete!«, kreischt das Mädchen mit den langen Haaren und springt auf.

Der Blonde reißt den Kopf hoch. »Bist du völlig bescheuert?«, lallt er. »Ich schlafe.«

»Raff dich jetzt mal, Lenny«, sagt Pete unbeeindruckt und Lenny schiebt sich die klatschnassen Strähnen aus dem Gesicht.

Die Sonnenbrille sitzt etwas schief auf seiner Nase und die schwarze Lederjacke, die er über einem Hemd trägt, ist ein harter Kontrast zu den hellblonden Haaren.

Ich stehe immer noch am Tisch, obwohl ich hier nichts mehr zu tun habe, als der Blonde sich in den Sitz zurückfallen lässt, und mir zum ersten Mal das Gesicht zuwendet. Trotz der durchzechten Nacht sieht er verdammt gut aus. Sein angespannter Kiefer betont die Wangenknochen, und ich merke, dass er mich durch die Sonnenbrille beobachtet. Da sie fast voll verspiegelt ist, erkenne ich seine Augen zwar nicht, aber das ist auch nicht nötig.

Ich weiß genau, wie diese Augen aussehen, weil sie mich erst zwei Tage zuvor voller Arroganz gemustert haben, als ich mich bei der Auftaktveranstaltung des Kooperationsprojekts zu ihm umgedreht habe.

Die Juristen, die sich zu fein für Familienrecht sind. Ich wusste doch, dass sie mir bekannt vorkommen. Klar, dass ausgerechnet sie hier auftauchen.

»Gibt’s hier auch Kaffee? Ich könnte was Starkes vertragen«, meldet er sich zu Wort und seine Aussprache ist nach wie vor extrem undeutlich. Sein laszives Lächeln ignoriere ich.

»Braucht er noch ’ne Ladung?«, frage ich und deute auf das Glas in Petes Hand.

Er lacht schallend und reicht es mir zurück. »Nein danke, ich glaube, das reicht.«

»Kaffee kommt gleich«, sage ich etwas milder in die Runde und mache mich daran, die restlichen Tische abzuwischen.

 

Am Dienstagnachmittag fahre ich mit der Stadtbahn zum ersten Treffen des Kooperationsprojekts. Meine Dozentin Frau Lübke, bei der ich einen Kurs in Pressearbeit belege, hat sich gefreut, dass ich mich freiwillig dafür gemeldet habe. Schon ihre Ankündigung in der Vorlesung klang vielversprechend und nach der Auftaktveranstaltung war ich sofort Feuer und Flamme für das Projekt. Das Thema Kinderschutz wurde in der Gesellschaft bisher viel zu wenig beachtet – dass jetzt das Land ein solches Projekt bezuschusst, ist für mich ein Zeichen, dass es langsam in der Politik ankommt.

Wir treffen uns in einem Raum an der Technischen Hochschule und ich bin froh, ein paar bekannte Gesichter zu sehen.

»Guten Tag, schön, dass Sie da sind. Wie Sie wissen, sind wir drei Gruppen mit je sechs Studierenden. Wir dachten, dass es sich in der kleineren Runde besser arbeiten lässt.«

Ich lasse den Blick über die Gesichter schweifen und sehe bei den meisten dasselbe Interesse, das auch ich verspüre.

»Ich würde vorschlagen, dass wir mit einer Vorstellungsrunde beginnen. Mein Name ist Professorin Marion Staufenberg, ich unterrichte seit vielen Jahren an der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Köln. Gemeinsam mit der Kollegin Lübke bin ich von Professorinnenseite für das Projekt verantwortlich.«

Nachdem sich alle vorgestellt haben, informiert Frau Lübke uns, dass wir in Zweierteams arbeiten werden. Anscheinend bin ich die Einzige, die nicht bereits einen Partner hat. Unbehaglich sehe ich mich um.

»Frau Kehl«, wendet sich Frau Lübke an mich. »Professorin Staufenberg konnte heute noch jemanden aus den Rechtswissenschaften gewinnen. Herr Hayne wird ab nächster Woche zu uns stoßen. Sie können dann mit ihm zusammenarbeiten.«

Ich nicke und bin erleichtert. Schlimmer, als irgendeinem Unbekannten zugeteilt zu werden, wäre nur, allein übrig zu bleiben. Auch wenn ein Mädchen, das sich als Kati vorgestellt hat, einen überraschten Blick mit ihrem Sitznachbarn Simon tauscht. Anscheinend kennen sie meinen Arbeitspartner schon.

Wir besprechen den bisherigen Stand des Projekts und die weitere Planung. Erst kürzlich ist die Instagram-Seite online gegangen, aktuell versucht man noch, Follower zu gewinnen.

»Machen Sie gerne Werbung in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, je mehr Menschen wir erreichen, desto besser«, bittet Frau Lübke.

Als es um den nächsten Termin geht, stelle ich fest, dass er sich mit einem Arzttermin überschneidet, den ich schon vor Wochen ausgemacht habe, doch Professorin Staufenberg scheint es gelassen zu sehen, dass ich schon beim zweiten Treffen fehlen werde.

»Das ist kein Problem, wichtig ist, dass die Teams beim ersten Treffen mit den Praxispartnern vollständig sind. Sie könnten für Herrn Hayne Ihre Kontaktdaten hinterlegen, dann können Sie sich nach dem nächsten Treffen austauschen, wenn Sie möchten.«

Rasch schreibe ich Namen und Handynummer auf einen Zettel und gebe ihn Frau Lübke.

 

Zu Hause in der WG berichte ich meiner Mitbewohnerin Linda begeistert von dem Projekt. Da sie weder mit sozialer Arbeit noch mit Jura etwas zu tun hat, ist sie nicht wirklich in der Materie, hört mir aber interessiert zu.

»Du bist echt engagiert, Emily. Ich frage mich, wie du das alles unter einen Hut bekommst. Ich bin schon mit dem Studium völlig ausgelastet und dann arbeitest du auch noch nebenher.«

Ich lache. »So schlimm ist es auch wieder nicht. Du weißt ja, dass mir das Thema am Herzen liegt. Außerdem ist mein Studium nicht so anspruchsvoll wie deins.«

Mathe und Russisch auf Lehramt wäre für mich eine völlig unvorstellbare Kombination. Was die Sprache angeht, hat sie allerdings Vorteile, da ihre Großeltern mütterlicherseits schon von klein auf mit ihr Russisch gesprochen haben.

»Ich bin so froh, wenn das endlich geschafft ist und ich mit dem Ref anfangen kann«, stöhnt sie.

»Glaube ich dir. Bei dem Projekt haben sie gesagt, ich arbeite mit einem Herrn Hayne zusammen, Jura. Sagt dir das was?«

Linda kennt viele Studierende aus der rechtswissenschaftlichen Fakultät, schließlich war sie bis vor einem halben Jahr mit einem Jurastudenten zusammen.

»Hayne? Das ist Lenny, den kennst du auch. Der blonde Angebertyp, der immer bei euch im Café rumhängt.«

Das darf doch nicht wahr sein. Vielleicht verwechselt sie da etwas? »Bist du sicher?«

Sie zieht eine Grimasse. »Fürchte schon. Ich kenne ihn nicht wirklich gut, aber ich würde sagen, er ist schon einer, der von sich selbst überzeugt ist.«

Vor meinem inneren Auge blitzt das Bild des blonden Kerls mit der schwarzen Sonnenbrille auf. Sein Lächeln.

»Lass dich davon nicht runterziehen. Wenn er bei dem Projekt mitmacht, kann er so übel nicht sein, oder?«

 

Als die anderen von ihren Vorlesungen nach Hause kommen, beginnen wir zu kochen. Caro hat sich ein Brett geschnappt und sich mir gegenübergesetzt. Einträchtig schnippeln wir das Gemüse.

David zieht unseren Putzplan von der Pinnwand. »Das Teil brauchen wir eigentlich nicht mehr, oder?«

Ich nicke. »Klappt auch so.«

Wir fünf kommen super miteinander aus und ich bin überhaupt nicht scharf darauf, das letzte freie Zimmer in der WG mit einer sechsten Person zu belegen. Seit Linda und ich vor anderthalb Jahren eingezogen sind, haben wir uns alle angefreundet und verbringen regelmäßig gemeinsame Koch- oder Spieleabende in der WG. Da ich in Köln vorher niemanden kannte, bin ich froh, dass wir uns so gut verstehen.

Aaron öffnet eine Flasche Wein und schenkt unsere Gläser voll. »Emily, ich habe ganz vergessen, dir was zu erzählen. Du hast am Samstag Eindruck gemacht.«

»Ach ja? Bei wem?« Linda sieht neugierig zwischen uns hin und her.

»Da waren so ein paar Studierende, die sich die Nacht um die Ohren geschlagen haben. Einer von denen kam später an die Theke und hat sich mehrmals für den Kaffee bedankt.«

Das war sicher nicht Lenny.

»Er meinte, es habe seinem Kumpel mal ganz gutgetan, dass ihm ein Mädchen Kontra gegeben hat.«

Ich fürchte, mein Lächeln misslingt mir. Wenn Lenny das nicht genauso sieht, kann ich die Zusammenarbeit gleich unter gescheitert verbuchen.

Wir lassen den Abend gemeinsam ausklingen und als ich abends im Bett liege, nehme ich mir vor, mir das Projekt nicht verderben zu lassen. Ich werde das Ganze einfach auf mich zukommen lassen.

3

Lenny

»Dieses Miststück.«

Entnervt lasse ich den Verschluss meines Biers aufspringen und mich wieder zurück aufs Sofa fallen.

Anthony zappt zwischen den Sendern hin und her, die Halbzeitanalysen gehen ihm auf die Nerven. »Meine Güte, krieg dich mal wieder ein. Ist ja nicht so, als müsstest du den Rest deines Lebens Familienrecht machen. Ich kapier das eh nicht. Was für ein Projekt ist das noch mal?«

»Er darf mit den Sozis von der technischen Hochschule ein Kooperationsprojekt zum Kinderschutz aufbauen.« Tom, der auf einem Stuhl neben dem Sofa sitzt, lacht laut auf. »Mit Öffentlichkeitsarbeit und allem. Ich hau mich echt weg, das ist zu geil.«

Ich verdrehe die Augen. Mit Tom zusammenzuwohnen, ist unkompliziert, aber er kann einem manchmal echt auf die Nerven gehen.

»Diese Party war nicht nur meine Idee, aber ich war zu dumm, rechtzeitig abzuhauen.«

Tony blickt gelangweilt von der Werbung auf, die gerade über den Bildschirm flimmert. »Weih mich ein, ich verstehe nur Bahnhof.«

»Du erinnerst dich, dass ich dir erzählt habe, dass wir abends in die Uni sind. Ich hatte den Schlüssel wegen eines Projekts. Jessy und ich haben ein paar Leuten geschrieben und haben uns um elf dort getroffen. Die Party ist etwas eskaliert.«

Tom schüttelt sich schon wieder vor Lachen. »Um es zu verkürzen: Lenny hat Professorin Staufenberg vor die Füße gekotzt und sie hat ihn dazu verdonnert, bei dem Sozialprojekt einzusteigen, weil denen noch freiwillige Juristen fehlen.«

»Eigentlich hatte sich die Party schon aufgelöst, wir waren praktisch schon weg, und dann kommt mir die Alte direkt vor die Nase gelaufen. Ich kotze gerade in dieses Blumenbeet neben der Seitentür und plötzlich steht sie hinter mir. Sie hat natürlich sofort gecheckt, was abging. Was will die auch um 6 Uhr morgens an der Uni? Es war Samstag.« Kopfschüttelnd lehne ich mich auf dem Sofa zurück und nehme einen Schluck Bier.

»Schalt mal zurück, das Spiel geht weiter«, wirft Tom ein.

Anthony wechselt den Sender und sieht mich an. »Der Anwaltssohn kotzt seiner Professorin vor die Füße. Ich finde, du hast es mit deinem Sozialprojekt noch ganz gut getroffen.« Er wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu, das in diesem Moment angepfiffen wird.

»Auf diese ganzen Sozi-Tanten habe ich echt keinen Bock.« Es nervt mich, dass wir auch noch den Fußballabend damit verbringen, über dieses Projekt zu sprechen.

»Und wie kommen die darauf, Studierende einzubinden?«, fragt Tony.

»Wir sollten eigentlich nur bei der Auftaktveranstaltung anwesend sein, um einen guten Eindruck zu machen, und wer Interesse hat, konnte sich freiwillig melden. Die haben diese Kooperation echt groß aufgezogen«, erklärt Tom. »Da gibt’s sogar Kohle vom Land. Die Bezirksjugendämter und das Familiengericht haben sich zusammengetan. Wahrscheinlich sollen die Studierenden dem Jugendamt ein bisschen Arbeit abnehmen.«

»Ja, Mann, und dem Familiengericht gleich noch dazu. Die sollen lieber ihren Job machen und mich damit in Ruhe lassen. Ich studiere doch nicht sechs Jahre, um mich am Ende mit streitenden Eltern rumschlagen zu müssen. Also echt.«

Wir prosten uns mit den Bierflaschen zu und richten unsere Konzentration wieder aufs Spiel.

 

Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich einen schalen Geschmack im Mund und stelle mich erst mal unter die Dusche. Mit dem Handtuch um die Hüften öffne ich anschließend das Fenster, damit der beschlagene Spiegel klar wird.

Es ist höchste Zeit, mal wieder zum Friseur zu gehen. Jessy hat mich schon letzten Freitag beim Vorglühen damit aufgezogen, dass mir die Haare ständig ins Gesicht fallen. Eventuell schaffe ich es, heute in der Stadt kurz bei Maylins vorbeizufahren. Ich werfe einen weiteren prüfenden Blick in den Spiegel. Der Ansatz meines Sixpacks ist gut zu erkennen, das Training zahlt sich wenigstens aus.

Während ich das dunkelblaue Poloshirt überziehe und in meine Chino steige, sehe ich, dass Jess zwei Nachrichten geschickt hat.

Bist du Freitagabend am Start? 9:20

Vorglühen bei mir? 9:22

 

Ach ja, die Juristenparty im alten Industrieschuppen. Die Partys dort sind legendär und deshalb nicht nur bei Juristen beliebt, aber bei dem Gedanken an letzten Freitag hält sich meine Lust zu feiern in Grenzen. Immerhin sind es noch drei Tage.

Bin dabei. Solange Prof Staufenberg sich nicht blicken lässt … 10:02

 

Ach, komm. Davon lässt du dir doch nicht die Laune verderben, Len 😉 10:03

 

Ja, klar, du hast leicht reden. Du bist ja schön davongekommen. 10:03

Wann geht’s los bei dir? 10:03

 

21 Uhr, sei pünktlich, Baby 10:05

 

🙄 10:05

 

Jessy kennt mich inzwischen lange genug, um zu wissen, dass ich selten unter einer halben Stunde Verspätung eintreffe. Tom hat sich angewöhnt, mir immer eine frühere Uhrzeit anzugeben, damit ich zumindest einigermaßen pünktlich bin. Er lästert schon, dass ich sogar zu meiner eigenen Gerichtsverhandlung zu spät kommen würde.

In der Küche brate ich mir schnell zwei Eier und scrolle, während ich esse, durch meinen Instagramfeed. In der Story haben schon einige Leute geteilt, dass sie bei der Party am Start sind. Sehr gut, Party mit den Jungs ist mir immer eine gern gesehene Abwechslung neben dem ganzen Lernen. Und mit Jessy wird der Abend eine gute Ablenkung von meinem Zwangsprojekt.

Heute muss ich aber erst mal einiges an Aufgaben für unsere Strafrechtübung vorbereiten. O shit, entweder geht meine Armbanduhr falsch, oder ich bin mal wieder zu spät. In zehn Minuten bin ich mit meiner Lerngruppe in der Cafébar verabredet.

Die Cafébar hat sich zu unserem Stammplatz etabliert. Abgesehen davon, dass immer viel los ist, kann man sich mit seinen Lernmaterialien ausbreiten und der Kaffee ist top. Außerdem ist es nicht schlimm, dass ich es meistens nicht schaffe zu frühstücken, denn es gibt täglich frische Sandwiches und unverschämt leckere Karamell-Brownies.

Tom ist schon seit neun mit seiner Lerngruppe da und hat mir vorhin getextet, dass ich sein Ladekabel mitbringen soll. Also hole ich das Kabel aus seinem Zimmer, verstaue es mit meinen Unterlagen und meinem Mac in meiner Tasche und verlasse das Haus.

Es ist erst halb elf, aber draußen herrscht reger Betrieb. Kein Wunder, die Sonne knallt bereits vom Himmel und die Stadt ist voller Touristen.

Sieben Minuten zu spät treffe ich im Café ein – für meine Verhältnisse praktisch überpünktlich – und halte Ausschau nach meiner Gruppe. Die Cafébar ist wie immer gut gefüllt, vor allem die Terrassenplätze vor dem Gebäude sind bis auf den letzten Stuhl von Studierenden besetzt.

Ich entdecke Tom und während ich mir den Weg zu seinem Tisch bahne, hebt Simon den Arm, damit ich auf die Gruppe aufmerksam werde. Ich zeige an, dass ich gleich da bin, und lege Tom das Kabel auf den Tisch.

»Danke, Mann, du rettest mir den Arsch. Noch zehn Prozent und ich brauch echt noch, bis ich hier fertig bin. Wie sieht’s bei dir aus?«

Ich zucke mit den Schultern. »Strafrecht. Mal sehen, was so ansteht, habe noch nicht reingeschaut.«

Wir nicken uns kurz zu und ich laufe an der langen Theke vorbei zu meiner Gruppe. Bei ihnen angekommen, lasse ich meine Tasche auf den freien Stuhl fallen und grüße in die Runde.

»Ich hol mir erst mal ’nen Kaffee, braucht sonst jemand was?«

Allgemeines Kopfschütteln, alle haben sich bereits versorgt. Simon ist in eine Diskussion über eine der Aufgabenstellungen vertieft.

Als ich mich umdrehe, laufe ich beinahe in eine der Kellnerinnen und kann mich im letzten Moment stoppen. Sie scheint etwas von ihrem Job zu verstehen, denn die leeren Tassen und Gläser auf ihrem Tablett wackeln nicht einmal, als sie eine schwungvolle Ausweichbewegung macht. Ich hebe entschuldigend die Arme und blicke auf. Das Barista-Mädchen von Samstag, na klasse.

»Langsam solltest du wieder nüchtern sein, oder?«, fragt sie kühl und streicht sich mit der freien Hand eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich bei der plötzlichen Bewegung aus ihrem Zopf gelöst hat.

War ja klar, dass sie einen blöden Kommentar abgeben muss. Da mein Erinnerungsvermögen mich, was Samstagmorgen betrifft, etwas im Stich lässt, halte ich sicherheitshalber die Klappe. Abgesehen davon, fällt mir auf die Schnelle auch keine schlagfertige Erwiderung ein. Also verziehe ich nur spöttisch das Gesicht. Soll sie sich doch um ihren eigenen Kram kümmern, sie ist nur die Barista.

Kurz sieht es so aus, als würde sie noch etwas sagen wollen, doch dann wendet sie den Blick wieder ab und geht einfach weiter, zurück hinter die Theke. Ich mache mich ebenfalls auf den Weg und bestelle bei ihrer Kollegin meinen Kaffee.

Wieder am Platz sieht Simon von seinen Unterlagen auf. Leider scheint er inzwischen mitbekommen zu haben, dass ich mich ›freiwillig‹ für das Sozialprojekt gemeldet habe.

»Ich bilde ein Team mit einer der Juristinnen und Kati wird mit einem Fünftsemester von der TH arbeiten. Die beiden sind total motiviert. Richtig cool, dass du auch dabei bist.«

Ich unterdrücke ein Stöhnen und nicke. Mein Lächeln muss leicht gequält aussehen, doch Simon achtet gar nicht darauf. Soweit ich weiß, studiert Kati im vierten Semester Soziale Arbeit; sie ist ganz süß und schon seit Ewigkeiten mit Simon zusammen. Die zwei sind so was wie das Traumpaar des Projekts, sie versinnbildlichen quasi die Kooperation. Ich schüttle den Gedanken ab.

»Keine Sorge, Lenny ist als ehemaliger Babysitter prädestiniert für so ein Projekt«, schaltet sich Pete ein und lehnt sich grinsend in seinem Stuhl zurück.

»Babysitter?« Simon sieht mich fragend an und ich werfe Pete einen wütenden Blick zu.

»Er war vor dem Studium Au-pair«, lässt Pete raus, bevor ich was sagen kann.

Simon reißt überrascht die Augen auf und Cara neben ihm grinst mich an.

»So süß«, sagt sie.

»Bla, bla, das interessiert keinen«, zische ich warnend, und zum Glück sind alle so schlau, es auf sich beruhen zu lassen.

Als ich mich nach meinem Kaffee umsehe, nickt Simon in Richtung des Barista-Mädchens, das gerade am anderen Ende des Cafés einen Tisch abräumt. »Kennt ihr euch schon?«, fragt er.

Pete lacht und reagiert, bevor ich nachhaken kann. »Sie hat ihm mal beim Duschen zugeschaut.«

Simons Mund klappt auf, doch statt etwas zu sagen, blickt er nur ungläubig zwischen Pete und mir hin und her.

»Du laberst so eine Scheiße.« Ich funkle Pete an und schüttle den Kopf in Richtung Simon. »Der Idiot hat mir ein Wasserglas über den Kopf gekippt und sie war dabei. Nicht mal im Ansatz das, was du denkst.«

Simon sieht immer noch reichlich verwirrt aus, aber die Unterhaltung wird zum Glück unterbrochen, als sich das Barista-Mädchen mit einem nachdrücklichen »Achtung« ankündigt und den dampfenden Kaffee neben meinen Unterlagen abstellt. Ich begegne ihrem Blick und für einen Moment entsteht ein unbehagliches Schweigen.

»Danke.« Ein bisschen spät vielleicht. Ich schenke ihr ein halbgares Lächeln.

Sie nickt, dann strafft sie die Schultern und geht wieder zurück in Richtung Theke.

Cara, die uns schweigend beobachtet hat, sieht mich fragend an. »Was war das denn?« Sie klappt ihr Buch schwungvoll zu und nimmt dann einen Schluck aus ihrem Cappuccino.

Ich zucke nur die Schultern und wende mich Simon zu. »Also ich wäre bereit für Strafrecht, wie sieht’s aus?«

Simon murmelt zustimmend und schlägt einen der dicken Wälzer auf, die er aus der Bibliothek mitgebracht hat.

4

Lenny

Das Handy in meiner Tasche vibriert, als wir am Freitagabend draußen vor dem Industrieschuppen stehen und rauchen.

Wo bixst duu? <3 1:32

 

War nur kurz draußen, du? 1:36

 

Komm zur Baar Honeey 1:37

 

Ich verdrehe die Augen und drücke meine Kippe an dem Mülleimer aus. Tom tut es mir gleich und nickt in Richtung meines Displays.

»Jess mal wieder voll?«

»Sieht fast so aus … Ich werde mal nach ihr sehen.«

»O ja, tu das, Tiger.« Tom lacht auf und verzieht anzüglich das Gesicht.

Ich winke ab und schüttle, ebenfalls schmunzelnd, den Kopf.

Im Industrieschuppen ist die Luft stickig. Ich dränge mich vorbei an tanzenden Menschen und muss dabei das ein oder andere Mal aus dem Weg springen. Die Party ist in vollem Gange.

An der Bar angekommen, halte ich Ausschau nach Jessy. Weil ich sie auf dieser Seite nicht entdecke, schiebe ich mich weiter zwischen den dicht gedrängten Leuten durch. Im Vorbeigehen rempelt mich ein Typ an, der noch größer ist als ich, was etwas heißen will. Wir heben beide entschuldigend die Hand. Als ich mich umdrehe, steht vor mir plötzlich das Barista-Mädchen. Ich erkenne sie sofort wieder, den abschätzigen Blick, ihre hellbraunen Haare; dieses Mal sind sie offen und fallen ihr über die unbedeckten Schultern.

»Hi«, rufe ich, um die Musik zu übertönen und weil mir nichts Besseres einfällt.

»Hey.« Sie deutet mit ihrem Finger auf die Bar in meinem Rücken. In der anderen Hand balanciert sie zwei Gläser. »Lässt du mich durch?«

Ich grinse. Ich stehe ihr mal wieder im Weg, aber ich bin nicht der Einzige. Vor der Bar drängen sich die Leute und die Barista ist mindestens einen Kopf kleiner als ich.

Ich beuge mich etwas zu ihr runter, damit sie mich besser versteht. »Lass mich das machen, ich komme leichter an die Bar.« Kann ja nicht schaden, den schlechten Eindruck abzuschwächen, den ich sicher bei ihr hinterlassen habe.

Doch sie lacht und ruft zurück: »Danke, ich komme schon klar.«

Schneller, als ich schauen kann, hat sie sich an mir vorbeigedrängt und winkt dem Barkeeper. Ich schüttle den Kopf über sie und muss wider Willen lachen. Dann halt nicht.

Da fällt Jessy in mein Blickfeld, ebenso wie ein Typ, der sich über sie gebeugt hat und seinen Arm an der Theke abstützt. Ich lasse sie nicht aus den Augen, während ich mir langsam den Weg durch die vielen Studierenden suche, die darauf warten, ihre Getränkebestellung loszuwerden.

Nicht, dass es mich interessieren würde, wenn Jessy mit einem Typen flirtet; wir führen nicht diese Art von Beziehung. Ich will sie nur im Auge behalten. In ihrem Zustand wäre es nicht das erste Mal, dass sie eine Entscheidung trifft, die sie am nächsten Tag bereut. Seit das mit uns läuft, hat sie immerhin nicht mehr ständig irgendeinen neuen Typen am Start.

Sie blickt etwas hilfesuchend um sich, und ich winke ihr zu, während ich mich die letzten Meter zu ihr durchdränge.

»Da bist du ja, ich habe dich schon vermisst.« Ich umfasse ihren Arm, was den Typen dazu bringt, seine Hand von der Theke zu nehmen und sie freizugeben.

»Lenny«, ruft sie, halb erfreut, halb erleichtert, und ich sehe an ihrem Blick, dass der letzte Drink definitiv einer zu viel war. Sie wirft sich mir an den Hals und der Typ, der sich eben noch Hoffnungen gemacht hat, grunzt etwas Unverständliches. Ihn scheint zu stören, dass ich ihm eine einfache Nummer versaut habe.

Ich drehe Jessy von ihm weg. »Ist nicht, los, such dir ein anderes Mädchen.«

Der Typ zieht zwar ab, jedoch nicht, ohne ein paar Flüche loszulassen, die ich aufgrund der Musik nicht genau verstehe, aber das ist vielleicht besser so. Jessy klebt mir immer noch am Hals und ich schiebe sie ein Stück zurück, um ihr ins Gesicht zu sehen.

»Ist alles okay?«

»Ahh, ja. Ich bin nur … etwas betrunken.«

Ich nicke und halte ihren Blick fest. »Willst du gehen? Soll ich dich heimbringen?«

»Baby, nimmst du mich mit zu dir nach Hause?«, flötet sie und setzt dabei einen Blick auf, dem man nur schwer widerstehen kann.

Sie ist nur so drauf, wenn sie getrunken hat. Na gut, das ist sehr häufig der Fall. Ich bin nicht gerade der selbstlose Held, der sich freiwillig anbietet, betrunkene junge Frauen sicher nach Hause zu begleiten, aber es ist immerhin Jessy.

»Meinst du nicht, du schläfst heute lieber bei dir?«

Es wäre nicht das erste Mal, dass Jessy bei mir übernachtet, schon gar nicht, dass wir uns dabei näherkommen. Aber heute scheint sie mir nicht mehr in der Verfassung zu sein.

»Lenny …« Ich spüre ihren Atem dicht an meinem Ohr, gleichzeitig schiebt sie ihren Körper wieder näher an meinen.

»Also komm«, sage ich und nehme ihre Hand. Mit der anderen ziehe ich mein Handy aus der Tasche und texte Tom, dass wir gehen.

Viel Spaß, schreib, wenn ich heimkommen kann 😏 2:12

 

Heute geht nichts mehr, bro 😉 2:12

 

Ich verstaue das Handy wieder in der Tasche und schiebe Jessy vor mir her durch die tanzende Menge. Als wir aus der Tür treten, ist Tom nicht mehr da, dafür stehen ein paar andere um den Aschenbecher herum und sind gerade dabei, ein Selfie zu machen.

Vom Industrieschuppen aus führt der Weg zu einem angrenzenden Park. Auch hierhin haben sich Feierwütige zurückgezogen, neben einigen Paaren, die auf der Suche nach einem ungestörten Ort für Zweisamkeit sind.

Ich glaube, die frische Luft tut Jessy gut. Als wir an der Stadtbahnhaltestelle ankommen, lässt sie sich auf den Sitz im Wartehäuschen fallen und streckt die Arme nach mir aus. Ich lasse mich von ihr heranziehen und sie grinst mich an.

»Geht’s wieder?«, frage ich.

»Alles bestens.« Sie wirft ihre langen Haare zurück und lacht.

»Du solltest besser aufpassen, wenn du so viel trinkst.«

Sie lehnt sich gegen die Wand in ihrem Rücken und deutet auf mich. »Wieso? Du bist doch da und passt auf.«

Ich verdrehe die Augen. »Ja, Jess … wie auch immer.« Ich nehme ihre Hände in meine und wuchte sie hoch, weil das Rattern der Bahn in unserem Rücken die Einfahrt ankündigt. »Los geht’s, wird Zeit, dass du ins Bett kommst.«

»Du bist ein Spielverderber«, jammert sie, aber lässt sich von mir widerstandslos in die Bahn schieben.

 

Als ich am nächsten Morgen aufwache und auf den Wecker blinzle, ist es gerade mal kurz nach acht. Durch die Rollladenschlitze fällt Licht ins Zimmer und ich richte mich langsam auf. Ich versuche, Jessys Kopf möglichst so von mir herunterzuschieben, dass sie dabei nicht aufwacht, und habe Glück. Im Sitzen lasse ich meine Schulter vorsichtig kreisen und unterdrücke ein Stöhnen; mein Oberarm fühlt sich taub an. Jess hat sich zur Seite gedreht und streckt die Arme von sich.

Sie sieht friedlich aus, und einen kurzen Moment stelle ich mir vor, sie wäre meine Freundin. Bei dem Gedanken fällt mir Tom ein, der mich sicher wieder einmal befragen wird, ob wir jetzt endlich ein Paar sind. Nicht, dass er irgendwie der romantische Typ wäre, aber er ist der Meinung, wenn man eine Frau wie Jessy abbekommt, sollte man sich das nicht nehmen lassen.

Ich betrachte ihr Gesicht von der Seite, ihre sinnlich geschwungenen Lippen, die Augen mit den dunkeln Wimpern, an denen noch Mascarareste von gestern kleben. Aber abgesehen davon, dass ich aktuell absolut keine feste Freundin brauchen kann, sehe ich in ihr einfach nur Jessy. Die zugegeben äußerst attraktive Jessy, die für mich dennoch nicht mehr ist als eine gute Freundin, mit der man sehr viel Spaß haben kann.

Auch wenn es eine Weile her ist, dass wir darüber gesprochen haben, bin ich davon überzeugt, dass sich das auch für sie nicht geändert hat. Sie gibt ganz gerne mit mir an, das habe ich an der ein oder anderen Stelle schon mitbekommen. Dass sie es insgeheim auf eine ernsthafte Beziehung abgesehen hat, kann ich mir bei ihr nicht vorstellen.

Ich setze vorsichtig die Füße auf den Boden und schnappe mir auf dem Weg zur Tür die Hose, die ich gestern achtlos fallen gelassen habe, nachdem ich Jess ins Bett verfrachtet hatte. Ich schlüpfe rein und laufe zuerst in die Küche. Dort schalte ich die Kaffeemaschine ein und gehe solange ins Bad.

Vom Wäscheständer im Flur nehme ich mir ein frisches T-Shirt und werfe es über, dann setze ich mich mit der Kaffeetasse an die Küchentheke. Tom wird sicher nicht vor 12 Uhr aus seinem Zimmer kommen und auch bei Jess kann es dauern, bis sie aufwacht. Ich bin grundsätzlich kein Langschläfer, aber habe das Gefühl, dass ich umso eher morgens früh wach werde, wenn ich abends aus war.

Auf meinem Handy entdecke ich zwei verpasste Anrufe, beide von meiner Mum. Ich drücke die Benachrichtigung weg. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich befürchte, dass sie von meinem Auftritt letzten Freitag gehört haben könnte, nachdem sie von ihrer Zeit an der Uni die halbe Fachschaft kennt. Ich unterdrücke einen Fluch. Eine Standpauke meiner Mutter ist das Letzte, auf das ich jetzt Bock habe.

Weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll, setze ich mich an meine Lernsachen. Als ich irgendwann keine Lust mehr habe, öffne ich Instagram und suche die Seite des Projektes Familien stärken. Es gibt noch nicht viele Postings, das erste ist eine allgemeine Info über die Kooperation und die Planungen. Das Projekt hat zum Ziel, die Kooperation im Kinderschutz zu verbessern und effizient zu gestalten, um Schutz und Hilfe für das Kind und seine Familie zu gewährleisten. Klingt ambitioniert. Ich scrolle weiter und lese, dass eine wissenschaftliche Gruppe das Projekt begleitet, um die Ergebnisse der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Eins muss man ihnen lassen, die nehmen das echt ernst.

Ich seufze. Ich habe eigentlich keinen Nerv dafür, meine studienfreie Zeit mit so was zu verbringen. Ich weiß nicht, was ich von der Social-Media-Präsenz von öffentlichen Einrichtungen halten soll. Erreicht man auf Instagram die richtige Zielgruppe?

Plötzlich öffnet sich die Tür in meinem Rücken und Jessy steht im Rahmen. Ihre langen Haare sind zerzaust und sie hält sich eine Hand vors Gesicht, um ihre Augen vor dem hellen Licht der Fensterfront abzuschirmen.

»Morgen«, sage ich und schließe schnell die Seite auf meinem Handy.

Jessy tritt hinter mich und legt mir ihre Arme über die Schultern. »Morgen. Aw, danke, dass du mich mitgenommen hast. War höchste Zeit.« Sie gähnt.

»Erinnerst du dich überhaupt noch an gestern Abend?« Ich schiebe ihren Arm von meiner Schulter und drehe mich um.

»Hallo, klar? Bis wir hier waren, war ich nahezu wieder nüchtern«, sagt sie mit gespielt empörter Stimme.

»O ja«, stimme ich ihr sarkastisch zu. »Deshalb musste ich dich praktisch ins Zimmer tragen und du bist innerhalb von zwei Sekunden eingeschlafen.«

Sie streckt mir die Zunge raus und läuft zur Küchenzeile.

»Willst du was frühstücken?« Ich schwenke meine Kaffeetasse.

»Nein«, antwortet sie, holt sich aber eine Tasse aus dem Schrank und schenkt sich den restlichen Kaffee aus der Kanne ein.

»Gut, ich befürchte, ich hätte auch nichts anbieten können.«

Sie lacht und verdreht die Augen. »Bin auch nichts anderes gewohnt bei dir.«

»Ich will dich ja nicht zu sehr verwöhnen.«

Ich ziehe ihr einen Stuhl ran und sie setzt sich zu mir.

»Richtig, Groupies bleiben nicht zum Frühstück«, kommentiert sie lachend und zitiert damit einen Film, den ich in einem meiner schwachen Momente mit ihr angeschaut habe.

Nachdem sie sich eine halbe Stunde später verabschiedet, raffe ich mich wieder auf und verbringe den Rest des Wochenendes mit Strafrecht.

5

Lenny

Am Montagmorgen machen Tom und ich einen kurzen Stopp in der Cafébar und trinken einen Espresso im Stehen. Bevor wir zur Uni aufbrechen, erreicht mich eine E-Mail von Professorin Staufenberg. Sie schreibt, dass die Mitglieder des Sozialprojekts sich morgen Nachmittag um 16.30 Uhr treffen. Langsam habe ich keine Lust mehr, mir davon die Laune verderben zu lassen, trotzdem zieht mich die Nachricht direkt runter.

Als wir mittags in der Mensa sitzen, öffne ich Instagram und sehe als Erstes den neusten Post der Projektgruppe. Darunter ist eine Diskussion über Sorgerechtsentzug entbrannt. Einige der Kommentatoren fordern strengere Umsetzungen des Entzugs. Die Stimmung ist hier definitiv zugunsten der Mütter ausgerichtet, die ihren Ex-Partnern das Sorgerecht entziehen wollen.

Ein Kommentar von EM_xx sticht mir ins Auge: Das Elternrecht ist eins der höchsten Rechte in diesem Staat, und das hat Gründe. Einem Vater pauschal das Sorgerecht zu entziehen, nur weil es gerade praktisch ist oder einige Dinge vereinfacht, kann nicht im Sinne des Kindes sein. Zum Perspektivwechsel ist wohl keiner meiner Vorredner hier fähig 😑.

Die wütenden Worte lassen mich auf persönliche Betroffenheit schließen und ich klicke auf das Profil.

Dieses Konto ist privat, teilt Instagram mir mit.

Auf dem kleinen Profilbild ist ein Oberkörper von hinten zu sehen, mit hellbraunen Haaren, die zu einem unordentlichen Knoten hochgebunden sind. Die Frau trägt ein tief geschnittenes T-Shirt, das den Blick auf ein Tattoo zwischen den Schulterblättern zulässt. Da man die Ansicht nicht vergrößern kann, kann ich nicht viel daraus schließen.

Ich scrolle noch durch ein paar Kommentare, denn völlig blank will ich auch nicht beim Projekt auftauchen. Tatsächlich scheint diese EM_xx eine der wenigen zu sein, die sich hinter die Väter stellt, was ihr einige bitterböse Bemerkungen von anderen Nutzern einbringt.

»Lenny, hallo?« Tom wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht rum.

»Sorry, was?«

Verwirrt schaue ich zwischen ihm und Jessy hin und her.

»Was ist denn so spannend auf deinem Handy?«, fragt Jessy und streckt neugierig ihren Kopf zu mir rüber.

Ich mache mit meiner Hand eine abwehrende Bewegung in ihre Richtung.