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Wohl jeder Segler träumt davon, einmal bei einer Langfahrt wie einer Atlantiküberquerung auf einer Segelyacht dabei zu sein. Dabei lauern neben fantastischen Erfahrungen und Kosten auch noch ein paar Fallstricke, die mit dem richtigen Wissen vermeidbar wären. Alexander Hesse hat seinen Traum wahr gemacht und sich in dieses Abenteuer gestürzt, als sich plötzlich die Möglichkeit auftat. Er hat sich zwar mit der Crew fast ein Jahr lang auf den Törn vorbereitet, aber dennoch wurden ein paar Dinge übersehen, Kleinigkeiten teilweise, die das ganze Unternehmen unnötig riskant machten. In diesem Buch berichtet er von der Vorbereitung, der Atlantiküberquerung von Las Palmas (Gran Canaria) nach St. Martin (Karibik) an sich, den Pannen und Katastrophen, die teilweise nur mit viel Glück unbeschadet überstanden wurden, und analysiert im Anhang die Fehler. Daraus ergibt sich ein Ratgeber, der bei der Planung und Durchführung derartiger Segeltörns hilft und dem Leser unnötige Erfahrungen und Kosten erspart. Der Anhang enthält neben der Fehleranalyse auch einen Kostenüberblick, handfeste Ratschläge für Ausrüstung, Vorbereitung und eine Checkliste, für potenzielle Fehlerquellen und Risiken. Zitat vom Autor: »Ich hätte mir dieses Buch bereits vor meiner ersten Atlantiküberquerung gewünscht.«
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Seitenzahl: 562
Veröffentlichungsjahr: 2022
Alexander Hesse Atlantiküberquerung
Alexander Hesse
Atlantiküberquerung
Ein Reisebericht mit Fehleranalyse und praxisnahen Ratschlägen für die Ost-West-Passage
Copyright: © 2022 Alexander Hesse
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926 Ahrensburg
Softcover
978-3-347-80343-5
Hardcover
978-3-347-80349-7
E-Book
978-3-347-80353-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieses Buch ist meinen fünf Mitseglern gewidmet sowie allen, die uns auf unserer abenteuerlichen Reise unterstützt haben.
»Am Ende des Lebens bereuen wir nicht die Dinge, die wir getan haben, sondern die Dinge, die wir nicht getan haben.«
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Kapitel 1: Die Yacht
Kapitel 2: Die Besatzung
Kapitel 3: Die Törnplanung
Kapitel 4: Die Aufgaben
Arbeitspaket 1 (Organisation): Wolfgang
Arbeitspaket 2 (medizinische Versorgung): Doc
Arbeitspaket 3 (Verpflegung): Roland
Arbeitspaket 4 (Dokumentation): Holger
Arbeitspaket 5 (Transport): Thomas
Arbeitspaket 6 (Kommunikation): Alex
Kapitel 5: Bekleidung und Ausrüstung
Kapitel 6: Zeit der Vorbereitung
Kapitel 7: Anreise nach Las Palmas
Kapitel 8: Vorbereitungen zum Ablegen
Kapitel 9: Gale Warning
Kapitel 10: Aufbruch in die Karibik
Kapitel 11: Seekrankheit und Crewausfall
Kapitel 12: Zusammentreffen mit Squall
Kapitel 13: Kontakt mit dem Passatwind
Kapitel 14: Routenänderung auf die Kapverden
Kapitel 15: Probleme mit dem Getriebe
Kapitel 16: Vorbereitungen zum Landgang
Kapitel 17: Zwischenstopp auf den Kapverden
Kapitel 18: Kurs in Richtung Karibik
Kapitel 19: Passieren einer Gewitterzone
Kapitel 20: Der Bootsmannstuhl
Kapitel 21: Stimmen im Wind
Kapitel 22: Der Tank wird leer gefahren
Kapitel 23: Passatbesegelung
Kapitel 24: Wasser im Schiff
Kapitel 25: Umbuchen der Flüge
Kapitel 26: Bergfest ohne Feier
Kapitel 27: Stromausfall
Kapitel 28: Bord-WC defekt
Kapitel 29: Absolute Windstille
Kapitel 30: Mayday
Kapitel 31: Warten auf Hilfe
Kapitel 32: Hilfeleistung auf See
Kapitel 33: Reparaturversuche
Kapitel 34: Kurs auf St. Martin
Kapitel 35: Land in Sicht
Kapitel 36: Rückgabe der Yacht
Kapitel 37: Umzug ins Hotel
Kapitel 38: Inseltour auf St. Martin
Kapitel 39: Abschiedsessen
Kapitel 40: Rückreise nach Deutschland
Kapitel 41: Nachbereitung
Die ersten Wochen
Die nächsten Monate
Die nächsten Jahre
Kapitel 42: Gesamtkosten
Kapitel 43: Bewertung
Der Verlauf der Reise
Die Yacht
Die Besatzung
Die Törnplanung
Die Aufgaben
Bekleidung und Ausrüstung
Kapitel 44: Schlusswort
Über den Autor
Glossar
Vorwort
Meine Begeisterung für das Segeln ist während eines Sommerurlaubs an der Adria entstanden. Vom Strand aus verfolgte ich sehnsüchtig die vorbeiziehenden weißen Segelyachten am Horizont. Einer meiner Bekannten meinte zu mir, dass die meisten der Yachten Charterschiffe auf Wochenbasis seien. Um eines dieser Schiffe zu mieten – oder wie es im Sprachgebrauch richtig heißt, zu chartern –, brauchte ich lediglich einen Führerschein und ein paar interessierte Mitsegler. Die Kosten, geteilt durch die Anzahl der Mitsegler, waren erschwinglich und mit denen eines Hotelurlaubs vergleichbar – nur mit dem deutlichen Unterschied, dass die Reise auf einer Segelyacht weitaus mehr Spaß und Abwechslung als in einem Hotel versprach.
Zu dem Zeitpunkt war ich 28 Jahre alt, hatte ein paar Jahre zuvor mein Studium abgeschlossen, war gerade ins Berufsleben gestartet und auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Für mich war in dem Moment klar: Eines Tages wollte ich selbst am Steuer einer Segelyacht stehen.
Ein halbes Jahr später habe ich an einen einwöchigen Segeltörn als Mitsegler in der kroatischen Adria teilgenommen. Ich wollte sehen, ob mir das Segeln lag. Diese Woche hat mich sofort überzeugt und wenig später machte ich mich mit großer Motivation daran, die entsprechenden Führerscheine zu erwerben: zuerst den Sportbootführerschein See (SBF-See) und Binnen (SBF-Binnen), ein paar Jahre später folgte der Sportküstenschifferschein (SKS). Regelmäßig habe ich an verschiedenen Praxis-, Skipper- und Manövertrainings auf der Ostsee und im Mittelmeer teilgenommen, dabei habe ich neben einer Menge neuer Fachbegriffe auch eine Vielzahl von interessanten Menschen kennenlernen dürfen, die sich ebenfalls für das Segeln begeisterten.
Meine seglerische Erfahrung erstreckte sich bis dahin auf Segeltörns mit einer Dauer von maximal zwei Wochen. In mir wuchs der Wunsch, immer weitere Etappen zurückzulegen und auf Langfahrt zu gehen. Eine Atlantiküberquerung mit einer Segelyacht war eines meiner nächsten Ziele. Im Internet bin ich auf Angebote von gewerblichen Anbietern gestoßen, die Plätze für eine Atlantiküberquerung anbieten. Die vier Wochen zusammenhängender Urlaub und die Unsicherheit, mit wem ich in diesem langen Zeitraum zusammen an Bord sein würde, haben mich zunächst abgehalten. Wenn ich so eine Reise unternehmen würde, dann wollte ich die Crew vorher kennenlernen und keine unangenehmen Überraschungen auf See erleben.
Ein paar weitere Jahre gingen dahin, dann erhielt ich völlig überraschend aus meinem Bekanntenkreis das Angebot, an einer Atlantiküberquerung teilzunehmen. Das Angebot schien perfekt: Ich kannte den Schiffsführer und wusste, dass er jahrelange Erfahrung als Skipper und Ausbilder mitbrachte, Crew und Schiff standen bereits fest. Nach kurzer Überlegung sagte ich zu.
In diesem Buch werde ich von meiner Atlantiküberquerung auf einer Segelyacht im Jahre 2014 berichten. Ich werde erzählen, wie ich zu dem Angebot gekommen bin, was für ein Schiff wir hatten und wie sich die Crew zusammensetze. Es wird beschrieben, wie wir uns auf die Reise vorbereitet haben und welche Aufgaben jeder von uns übernahm. Jedem Tag auf See werde ich ein eigenes Kapitel widmen, in dem ich die besonderen Erlebnisse noch einmal schildere.
An dieser Stelle soll eines vorweggenommen werden: Unsere Reise ist trotz monatelanger und intensiver Vorbereitung anders verlaufen, als geplant: Das Wetter passte nicht zu den Vorhersagen, die Route musste ungeplant werden, wir hatten zu wenig Kraftstoff an Bord und am Ende gingen unsere Lebensmittel- und Wasservorräte zur Neige. Als ob die Situation nicht schon angespannt genug gewesen wäre, kamen laufend unvorhergesehene technische Defekte hinzu. Am Ende wurden wir zum Seenotfall und waren auf fremde Hilfe angewiesen. Die Euphorie zu Beginn der Reise ist zunehmend Enttäuschung gewichen. Zu den technischen Rückschlägen gesellten sich bald auch Konflikte zwischen den Teilnehmern. Am Ende der Reise wurde mein Wunsch, endlich heil und sicher wieder an Land zu kommen, immer größer.
Noch Jahre später habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, ob unsere Atlantiküberquerung durch eine bessere Vorbereitung und andere Entscheidungen an Bord nicht erfolgreicher hätte ablaufen können. Dem Segeln bin ich nach dieser Überfahrt treu geblieben, habe mich stetig weiter qualifiziert und neue Erfahrungen gesammelt. Wenn ich mir heute die Einträge aus unserem Logbuch durchlese, komme ich zu dem Schluss, dass ich viele Entscheidungen von damals heute anders treffen würde.
Das Ziel dieses Buches ist es, meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse weiterzugeben, damit die Fehler, die uns bei der Vorbereitung und während der Atlantiküberquerung passiert sind, von anderen Seglern nicht wiederholt werden. Ich hätte mir dieses Buch bereits vor meiner ersten Atlantiküberquerung gewünscht. Unsere Überfahrt wäre für alle Teilnehmer sicherer und erfolgreicher verlaufen.
Das Buch richtet sich an Skipper, Co-Skipper und Mitsegler, die mit einer Atlantiküberquerung einen außergewöhnlichen Segeltörn wagen wollen. Es ist aber auch für Menschen geschrieben, die noch keine Berührungspunkte mit dem Segeln haben und sich einen besonderen Lebenstraum erfüllen möchten.
Bevor es nun richtig losgeht, will ich an dieser Stelle noch zwei Dinge erwähnen. Erstens: Im Segeln gibt es eine endlose Anzahl an Fachbegriffen. Um niemanden unterwegs zu verlieren, habe ich die wichtigsten Begriffe im Anhang in einem Glossar erläutert. Zweitens: Bei diesem Buch handelt es sich um einen authentischen Bericht. Die beschriebenen Situationen und Ereignisse haben sich tatsächlich so ereignet und hinter den Protagonisten stehen real existierende Personen. Damit deren Privatsphäre gewahrt bleibt, habe ich die Namen und Wohnorte geändert. Ebenso habe ich andere Schiffsnamen, Rufzeichen und MMSI-Nummern verwendet. Damit soll dem Motto entsprochen werden: Was auf See passiert, bleibt auf See.
Einleitung
An einem Sonntagnachmittag im Februar 2014 liege ich entspannt auf meinem Sofa. Durch das große Fenster in der Dachschräge über mir blicke ich in den blauen Himmel, schließe meine Augen und versuche, etwas abzuschalten. Morgen beginnt für mich eine neue anstrengende Woche. Der Job im Büro ist neu, die Kollegen und das Aufgabengebiet ebenso.
Das Vibrieren meines Smartphones holt mich aus meinen Gedanken. Die im Display angezeigte Nummer ist fremd. Vermutlich hat sich jemand verwählt. Mit einem kurzen »Hallo« melde ich mich.
Eine männliche, freudig klingende Stimme meldet sich: »Hallo Alexander, hier ist Wolfgang. Kennst du mich noch?«
Ich habe keine Ahnung, wer der Anrufer ist, und überlege. Aus meiner Verwandtschaft ist es keiner. Vielleicht ein Kollege? Das muss aber schon lange her sein. »Hallo, ich komme gerade nicht drauf«, gebe ich zu.
»Wir waren vor ein paar Jahren gemeinsam in Kroatien segeln. Ich war Skipper und du einer meiner Mitsegler.«
Langsam dämmert es mir: »Hey, ja, na klar, jetzt erinnere ich mich. Hallo Wolfgang, das ist ja schon ewig her«, sage ich erfreut. Vor mir tauchen die Bilder meines ersten Segeltörns auf. Wir hatten eine schicke, moderne Segelyacht, mit der wir eine Woche lang an der kroatischen Adriaküste entlanggesegelt sind. Jeden Abend lagen wir in einer anderen Marina oder ankerten in einer Bucht. Der Urlaub war unvergesslich. In dieser Woche muss ich mich mit dem Segelvirus infiziert haben. Zu gern würde ich das Erlebnis wiederholen. Der Segeltörn mit Wolfgang liegt schon viele Jahre zurück, dennoch fühlt es sich für mich an, als wäre es erst im letzten Sommer gewesen.
Er erzählt mir, dass er noch immer Mitsegeltörns für zahlende Gäste anbietet, zusätzlich auch Schwerwettertörns für angehende Skipper, die es etwas extremer mögen. Ich erzähle ihm von meinen regelmäßigen Törns auf der Ostsee und im Mittelmeer und dass ich im letzten Jahr den Sportküstenschifferschein absolviert habe.
Wolfgang hört interessiert zu und kommt dann zur Sache: »Sehr schön. Ich glaube, ich habe da etwas für dich. Ein Bekannter hat mich gefragt, ob ich seine Yacht in die Karibik überführen kann. Starthafen ist Las Palmas auf den Kanarischen Inseln. Zielhafen soll Philippsburg auf St. Martin in der Karibik sein. Zeitraum der Überführung ist am Ende des Jahres. Also eine richtige Transat. Er hat mich gefragt, ob ich das für ihn als Skipper übernehmen kann. Die Frage ist nun: Hast du Lust, mit dabei zu sein?«
Mein Herz schlägt schneller. Ich spüre, wie ich meinem Ziel einer Atlantiküberquerung näherkomme. Obendrein mit Wolfgang, einem erfahrenen Segler, den ich bereits kenne. »Das Angebot klingt interessant. Eine Atlantiküberquerung hat mich schon immer interessiert.«
»Das freut mich zu hören«, meint Wolfgang, »denn ich brauche noch einen Co-Skipper, also einen Stellvertreter für mich als Schiffsführer. Jemanden der richtig Ahnung vom Segeln hat und auf den ich mich voll und ganz verlassen kann. Auf unserem letzten Törn in Kroatien waren wir ein super Team. Wäre das was für dich?«
Die Anfrage kommt für mich überraschend. Am liebsten würde ich sofort zusagen. Meine Gedanken überschlagen sich und viele Fragen türmen sich in mir auf. Bisher bin ich immer in Küstennähe und in Sichtweite zum sicheren Festland gesegelt. – Bei diesem Törn wäre das anders. Wochenlang hätten wir kein Land in Sicht. Ich spüre den Respekt vor dem Atlantik.
»Dann setzen wir in diesem Jahr bestimmt mit der ARC über?«, frage ich schließlich.
»Nein«, meint Wolfgang, »wir fahren alleine und ohne ARC. Ich brauche kein betreutes Segeln. Wir haben alle Segelerfahrung und wollen unterwegs auch etwas dazulernen. Die ARC startet außerdem bereits vor uns.« Er lacht kurz »Aber vielleicht holen wir unterwegs noch ein paar Teilnehmer ein.«
»Hast du denn Erfahrung mit so einem Törn und bist du schon einmal über den Atlantik gesegelt?«
»Nein«, antwortet Wolfgang, »darum will ich das Projekt jetzt endlich mal in Angriff nehmen. Mich reizt der Gedanke schon länger und ich will diesen Schritt jetzt gehen.«
»Was für ein Schiff hast du in Aussicht?«
»Es handelt sich um eine topgepflegte und gewartete 40-Fuß-Eigneryacht, gebaut 2005, mit allen erdenklichen Extras. Die Yacht habe ich mir vor ein paar Tagen persönlich in Kroatien angeschaut. Alle Reparaturen wurden regelmäßig durchgeführt und vom Eigner wurde für die Atlantiküberquerung sogar noch eine neue Rettungsinsel gekauft.« Wolfgang nennt den Hersteller vom Schiff, der ist mir allerdings unbekannt. »Das ist eine polnische Yacht«, erklärt er. »Auf das Schiff kommt es aber gar nicht an, schließlich ist jedes Schiff nur so gut wie seine Mannschaft.«
Die Mannschaft ist ein gutes Stichwort und für mich ein wichtiges Thema. Mich interessiert, mit wem ich Zeit an Bord verbringen soll. Vielleicht kann ich von den anderen noch etwas dazulernen. Vielleicht ergeben sich während der Reise interessante Kontakte oder sogar lebenslange Freundschaften? »Was ist mit der Crew? Wer ist noch mit an Bord? Ist der Eigner auch dabei?«
»Also insgesamt sind wir zu sechst, alles Männer zwischen Anfang 40 und Mitte 60. Die Teilnehmer sind mir alle persönlich bekannt. Von Holger und Roland weiß ich, dass die beiden regelmäßig Chartern und Segelerfahrung mitbringen. Roland ist leidenschaftlicher Koch und hat sich freiwillig als Smutje meldet. Den Thomas habe ich auf einem meiner Mitsegeltörns kennengelernt. Den kannst du stundenlang ans Steuer stellen, ohne dass ihm das etwas ausmacht. Gerd ist mein Nachbar und ich kenne ihn schon seit Jahren. Er wird unser Schiffsarzt. Er ist der Einzige, der noch nicht so viel Segelerfahrung hat, aber das nötige Wissen bringe ich ihm ganz schnell bei.« Wolfgang lacht. »Das Wichtigste ist aber, dass alle gut drauf sind, Humor haben und Spaß verstehen. Der Eigner wird nicht mit dabei sein. Er hatte anfangs überlegt mitzukommen, aber es passt zeitlich bei ihm nicht.«
Dass der Eigner nicht mit an Bord ist, sehe ich als Vor-, aber auch als Nachteil. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sehr anstrengend sein kann, wenn der Eigner mit an Bord ist und aus seiner Sicht nicht sorgfältig genug mit dem Schiff umgegangen wird. Nachteile sehe ich bei Problemen, da meist nur der Eigner mit dem Schiff so richtig vertraut ist. Meine Gedanken drehen sich weiter und um das Wetter: »Wie sieht es mit schweren Stürmen und hohem Wellengang auf so einer Atlantiküberquerung aus?«, frage ich, »hält die Yacht den Stürmen und Wetterextremen stand?«
»Also da mach dir mal keine Sorgen«, meint Wolfgang, »wir segeln auf der Barfußroute und außerhalb der Hurricane-Saison. Zeitpunkt ist Ende November. Das ist die sicherste Zeit für unser Vorhaben. Das Meer hat sich abgekühlt und mit schweren Stürmen ist nicht mehr zu rechnen. Stattdessen wird ein konstanter und gleichmäßiger Passatwind von zehn bis fünfzehn Knoten wehen. Die Wellenhöhe kann bis zu sechs Meter betragen, aber aufgrund der Wellenlänge von mehreren Hundert Metern spürst du kaum Seegang. Die Überfahrt wird völlig entspannt ablaufen. Und was die Sicherheit der Yacht angeht, brauchst du dir auch keine Gedanken zu machen. Die Yacht ist Klasse A zertifiziert und hochseetauglich. Es kann also nichts passieren.« Lachend fügt er hinzu. »Außerdem verträgt jedes Schiff mehr als die Mannschaft.« Die Worte von Wolfgang klingen beruhigend. Ich verstehe in dem Moment zwar nicht genau, was die letzte Redewendung – das Schiff verträgt mehr als die Mannschaft – bedeutet, werde mich aber zu einem späteren Zeitpunkt noch gut daran zurückerinnern.
»Eine Sache wäre da noch. Auf so einer Reise muss natürlich jeder ein paar Aufgaben übernehmen. Bei dir habe ich an das Thema Kommunikation gedacht. Wir müssen auf See kommunizieren und mit anderen Schiffen in Kontakt treten können. Also welche Reiseroute wir fahren und wie das Wetter wird. Wetter ist auch ein ganz wichtiges Thema. Wir müssen auf See Wetterberichte abrufen können. Ab und zu wollen wir auch unseren lieben Daheimgebliebenen ein Lebenszeichen senden. Sitzen wir gerade entspannt an Deck oder haben mal wieder einen dicken Fisch an der Angel gehabt. Wäre das nicht ein spannendes Thema für dich, in das du dich einarbeiten kannst?«
Das Thema Kommunikation liegt mir und interessiert mich. Bisher stand für den Abruf von Wetterberichten immer das WLAN in den Marinas zur Verfügung. Auf hoher See ist das nicht mehr der Fall. Welche Möglichkeiten uns dann zur Verfügung stehen, kann ich noch nicht abschätzen. Vermutlich werden wir auf satellitengestützte Verfahren zurückgreifen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, mich damit über einen langen Zeitraum intensiv zu beschäftigen. »Kommunikation ist ein interessantes Thema und die Aufgabe kann ich gern übernehmen.«
»Es gibt da noch eine andere Sache«, meint Wolfgang. »Ich brauche an Bord einen zweiten Mann, der auch einen Funkschein hat. Wenn ich zum Beispiel oben am Steuer stehe, muss jemand unter Deck das Funkgerät bedienen können. Am besten jemand mit dem großen LRC-Funkschein. Derzeit bin ich von der Crew als Einziger im Besitz eines Funkscheins. Wie sieht es bei dir aus? Hast du einen? Idealerweise den großen LRC?«
Mich wundert, dass von den anderen Teilnehmern niemand einen Funkschein hat. Meinte Wolfgang nicht eben noch, dass einige der Teilnehmer regelmäßig chartern und Segelerfahrung mitbringen? Ich denke nicht weiter darüber nach. Das Thema habe ich bisher immer vor mir hergeschoben. Auf meinen Mitsegel- und Praxistörns brauchte ich keinen. Es reichte aus, dass der Schiffsführer im Besitz des Funkscheins war. Die Aussicht auf die Teilnahme an diesem Atlantiktörn ändert natürlich einiges und damit habe ich die notwendige Motivation. »Der Funkschein steht bei mir schon länger auf der Liste und die Ausbildung kann ich bis zum Törnbeginn absolvieren.«
»Super«, meint Wolfgang begeistert, »damit würde eine große Last von mir abfallen. Sonst käme das auch noch auf mich zu. Der ganze Aufwand soll aber auch entsprechend entlohnt werden. Wenn wir unsere Atlantiküberquerung erfolgreich absolvieren, dann winkt für uns vielleicht sogar ein Auftritt vor Publikum auf der nächsten Bootsmesse. Wir können dann von unseren Abenteuern berichten und vielleicht werden wir sogar noch berühmt.« Wolfgang lacht und ergänzt: »Selbstverständlich biete ich dir als mein Co-Skipper für den Messebesuch einen Schlafplatz bei mir an.«
Der Auftritt interessiert mich nicht. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass ich auf einer Messe vor anderen erfahrenen Seglern als gefragter Experte auftreten soll. Wenn es sein muss, nehme ich aber daran teil. Für mich stehen die Erlebnisse und Erfahrungen der Atlantiküberquerung im Vordergrund. »Welche Kosten werden auf uns zukommen?«, frage ich.
»Also die Kosten für die Atlantiküberquerung werden sehr niedrig ausfallen«, meint Wolfgang. »Der Eigner will für die Nutzung der Yacht eine geringe Gebühr in Höhe von sechshundert Euro pro Person haben. Die Gebühr ist wenig gegenüber den Kosten, die kommerzielle Anbieter für eine Atlantiküberquerung verlangen. Dazu kommen noch die Kosten für die Bordkasse. Da wir unterwegs keine weiteren Marinas anlaufen und jeden Tag selbst kochen, werden die Kosten der Bordkasse auch sehr gering sein. Ich schätze irgendwas zwischen dreihundert und fünfhundert Euro. Die größten Kosten entstehen durch die Flüge. Ich kenne aber ein Reisebüro, das sich auf die Vermittlung von Flügen für Yachtcrews spezialisiert hat. Dort hole ich ein Angebot für uns als Crew ein. Die Kosten werden aber günstiger sein, als wenn jeder für sich selbst bucht. Aus dem Bauch heraus würde ich noch mal mit tausend Euro pro Person rechnen.« Wolfgang fügt noch hinzu: »Die Kosten auf der Reise sollen so gering wie möglich sein und alle unnötigen Ausgaben vermieden werden.«
Die Kosten fallen in der Tat gering aus. Nach meinen eigenen Recherchen verlangen kommerzielle Anbieter für den Platz an Bord einer Atlantiküberquerung pro Person einige Tausend Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Bordkasse sowie den Hin- und Rückflug. Mir wird der Vorteil eines persönlichen Segelnetzwerkes für interessante und außergewöhnliche Törns abseits der kommerziellen Angebote bewusst. Mich interessiert noch der genaue Zeitraum: »Wann genau werden wir starten und wie viele Tage werden wir unterwegs sein?«
»Nun, die Anreise ist am 26. November in Las Palmas geplant. Wir brauchen ein paar Tage Zeit, um die Yacht zu übernehmen, die Einkäufe zu erledigen und alles noch einmal durchzuchecken. Am 28. November will ich in Las Palmas die Leinen loswerfen und in Richtung Karibik starten. Für die Überfahrt plane ich drei Wochen ein. Dazu kommt noch ein Zeitpuffer, um die Yacht in Philippsburg vernünftig an den Eigner zurück zu übergeben. Am 22. Dezember fliegen wir dann zurück nach Deutschland. Das Beste kommt aber noch: Falls wir schneller sind, können wir die Zeit dazu nutzen, um noch etwas durch die Karibik zu segeln, am Strand zu liegen und Planters Punch zu trinken. Wir werden bis Weihnachten wieder zu Hause sein und können dann einiges erzählen.« Wolfgang lacht. »Wie sieht es aus? Bist du dabei?«
Das Angebot kommt mir sehr gelegen. Gedanklich gehe ich meine persönlichen Hindernisgründe durch: Ich habe in meinem Leben keine besonderen Verpflichtungen, keine Familie, keine Kinder oder Angehörige, für die ich sorgen muss. In den letzten Monaten habe ich einiges an Geld beiseitegelegt. Meine Freundin kennt meine Leidenschaft und wird diese Entscheidung akzeptieren. Gedanken mache ich mir um das Thema Urlaub. Ich überschlage den Zeitraum. Insgesamt sind sechs Wochen erforderlich. Meine neue Stelle habe ich zum Jahresanfang angetreten. Offiziell bin ich in der Probezeit. Nach knapp einem Monat müsste ich bei meinem Arbeitgeber die Genehmigung für sechs Wochen zusammenhängenden Urlaub beantragen. Dass dieses Thema nicht gut ankommt, weiß ich jetzt schon. Egal, ich muss es einfach riskieren. »Ich habe große Lust, bei dem Törn mit dabei zu sein«, antworte ich, »vorher muss ich mit meinem Arbeitgeber noch klären, ob mir der lange Urlaubszeitraum genehmigt wird. Bis wann brauchst du denn meine Rückmeldung?«
»Es reicht aus, wenn du mir deine Entscheidung bis zum Ende der Woche mitteilst.«
»Gut«, sage ich. »Ich melde mich bei dir. Dann kann ich dir verbindlich mitteilen, ob ich dabei bin.«
»Alles klar, dann verbleiben wir so. Ich warte auf deine Rückmeldung und würde mich riesig freuen, wenn es bei dir klappt.« Wolfgang legt auf.
Ich speichere die Nummer in meinem Telefon und hoffe, diese in nächster Zeit noch öfter zu brauchen.
Ein Gedanke kommt mir in den Sinn: Im vergangenen Jahr hat mir auf einem meiner Praxistörns ein Segellehrer von seiner ersten und einzigen Atlantiküberquerung als Mitsegler erzählt. Der Plan sah vor, den Atlantik mit einer Segelyacht und einer kleinen Crew von Ost nach West zu überqueren. Unterwegs ist der Diesel ausgegangen und der Schiffsführer hat über Funk fremde Hilfe anfordern müssen. Von einem hilfeleistenden Frachtschiff wurde ein Kanister mit Kraftstoff sowie ein Korb mit Lebensmitteln heruntergelassen. Nach dem Tanken wurde festgestellt, dass sich in dem Kanister kein Diesel, sondern Schweröl befand. Die gesamte Tankanlage musste daraufhin auf See gereinigt und Hilfe von einem weiteren Schiff angefordert werden. Das Fazit meines Segellehrers klang ernüchternd: »Ein Atlantiktörn ist total langweilig und monoton, weil du die ganze Zeit nur geradeaus segelst. Außerdem lernst du nichts dazu. Auf dem Atlantik gibt es keine Yachthäfen oder Buchten, wo du Anlege- oder Ankermanöver üben kannst. Auch hast du keine Gezeiten oder Strömungen, die zu berücksichtigen sind.« Ergänzend fügte er mit sarkastischem Unterton hinzu: »Es findet sich eine Truppe von ahnungslosen Tölpeln zusammen, die auf der Suche nach etwas Abenteuer und Abwechslung ein kleines, meist älteres Boot chartern, die Zeit, Strapazen und Risiken auf sich nehmen und den Besitzer von dem Boot am Ende sogar noch bezahlen. Ich würde eine Reise über den Atlantik auf diese Art niemandem mehr empfehlen.«
Ich übergehe den Gedanken. Bei uns wird die Überfahrt anders ablaufen. Morgen werde ich das Thema Urlaub bei meinem Arbeitgeber ansprechen. Etwas unsicher werde ich bei dem Gedanken, dass ich meinen gesamten Jahresurlaub für die Atlantiküberquerung nehmen muss.
Am nächsten Morgen fahre ich ins Büro. Im Kopf habe ich mir eine Argumentation zurechtgelegt. Ich werde mit offenen Karten spielen und direkt nach dem langen Urlaub fragen.
Nach der morgendlichen Teambesprechung ist es so weit. Ich gehe zu meinem Chef ins Büro und erzähle ihm, welch einmalige Gelegenheit sich mir bietet.
Mein Chef befindet sich in den letzten Jahren seiner beruflichen Karriere und steht kurz vor der Rente. Durch seine runden Brillengläser schaut er mich eine Weile schweigend an. »Am Jahresende kommt erfahrungsgemäß viel Arbeitslast auf uns zu. Wer soll das für Sie übernehmen?«
Ich habe geahnt, dass diese Frage auftauchen wird, und antworte: »Mit meinem Teamkollegen habe ich schon mal über den Zeitraum gesprochen. Er hat zugestimmt mich zu vertreten, wenn ich ihn dafür während seines Sommerurlaubs vertreten kann.«
»Es ist dennoch sehr ungewöhnlich, nach so kurzer Zeit nach so einem langen Urlaub zu fragen, finden sie nicht? Haben Sie denn genügend Tage in diesem Jahr?«
»Ja, habe ich. Meinen Jahresurlaub habe ich noch nicht angerührt und mein Urlaub reicht aus, um den Zeitraum vollständig abzudecken.«
»Nun gut«, meint er. »Ihnen ist dann sicherlich auch klar, dass Ihnen in diesem Jahr kein weiterer Urlaub mehr zusteht. Bis November sind es noch knapp zehn Monate. Das ist eine lange Zeit. Wie wollen Sie sich denn in diesem Jahr erholen? Der Erholungsurlaub dient schließlich dazu, dass Sie Ihre Arbeitskraft regenerieren.«
»Bei meinem letzten Arbeitgeber habe ich am Ende des Jahres einen mehrwöchigen Urlaub gemacht«, antworte ich, »und habe mich dabei gut erholt. Mir wird die Zeit bis November nicht schwerfallen.«
»Und was wollen Sie machen, wenn Sie zwischendurch mal dringend einen Tag frei brauchen und Ihr Urlaub aufgebraucht ist? Es kann immer etwas Unvorhergesehenes sein.«
»Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht«, antworte ich. »Falls ich einen Tag frei brauche, dann werde ich dafür Überstunden nehmen. Ich gehe davon aus, dass in diesem Jahr einige Stunden zusammenkommen werden.«
Mein Chef blickt mich erneut schweigend an. »Na gut«, sagt er, »ich merke, wie wichtig Ihnen diese Reise ist und sehe, dass Sie sich Gedanken gemacht haben. Ich will Sie auch nicht an Ihrem Vorhaben hindern. Dann stellen Sie mal Ihren Antrag und ich werde diesen genehmigen. Falls unser Abteilungsleiter Rückfragen haben sollte, komme ich noch einmal auf Sie zu.«
Beim Verlassen des Büros fällt mir ein großer Stein vom Herzen. Das Gespräch war erfolgreich und ich spüre eine befreiende Erleichterung. Bevor es sich mein Chef noch anders überlegen kann, stelle ich meinen Urlaubsantrag über den Workflow.
»Ich bin dabei!«, verkünde ich ein paar Tage später freudig gegenüber Wolfgang am Telefon. »Mein Urlaub wurde diese Woche genehmigt und ich sage hiermit verbindlich zu. Wie sehen die nächsten Schritte aus?«
»Das sind ja richtig gute Nachrichten!«, meint Wolfgang. »Dann können wir jetzt in die konkreten Vorbereitungen einsteigen. Also, in den nächsten Wochen plane ich ein gemeinsames Crewtreffen, wo wir alle einmal zusammenkommen. Jeder soll sich vorher gesehen und gesprochen haben. Dort werde ich auch ein paar Aufgaben verteilen und die geplante Route vorstellen. Den genauen Ort und Zeitpunkt teile ich dir noch per E-Mail mit.«
»Wunderbar«, antworte ich, »dann fange ich schon mal gedanklich mit meinen Vorbereitungen für das Arbeitspaket Kommunikation an. Ich habe auch noch ein paar weitere Ideen für uns.«
»Mach das«, meint Wolfgang, »es gibt für uns eine ganze Menge zu tun. Wir fangen aber frühzeitig an. Uns bleiben noch mehrere Monate Zeit.« Er macht eine kurze Pause. »Ich freue mich aber erst mal riesig, dass du mit dabei bist. Das wird garantiert ein super Ding!«
Mit der Yacht Yvette soll die Atlantiküberquerung durchgeführt werden.
Kapitel 1
Die Yacht
Ein paar Tage später landet eine E-Mail in meinem Posteingang. Der Absender ist Wolfgang. In der Betreffzeile steht: Erste Bilder von unserer Yacht. Erwartungsvoll öffne ich das PDF-Dokument im Anhang. Auf der ersten Seite taucht unter der Überschrift Yvette das Foto einer Segelyacht in einem Hafenbecken auf. Die Yacht wirkt bereits älter, ist keine schicke und moderne Yacht, wie bei dem ersten Mitsegeltörn mit Wolfgang. Ich bin enttäuscht. Der erste Eindruck kann aber auch trügen, sage ich mir und scrolle weiter nach unten. Bei der Yacht handelt es sich um einen Einmaster. Großsegel und Vorsegel sind eingerollt und in weinroten Persennings verstaut. Der Rumpf ist in einem auffallend weinroten Farbton lackiert. Das Material ist Glasfaser verstärkter Kunststoff, kurz: GFK. Auf dem Oberdeck leuchtet heller Kunststoff. Auf dem Vorschiff unter dem Baum ist eine weiße Box befestigt: die Rettungsinsel. In der Mitte des Schiffes ist das Cockpit mit einem hellen Tisch zu erkennen. In der Mitte vom Cockpit befindet sich der Steuerstand mit einem einzelnen Steuerrad. Am Heckkorb ist auf der Backbordseite ein orangefarbener Rettungsring und auf der Steuerbordseite ein kleiner Außenbordmotor für ein Schlauchboot befestigt. Über dem orangefarbenen Rettungsring weht die kroatische Flagge.
Auf der nächsten Seite sind Aufnahmen vom Inneren der Yacht zu sehen. Der Innenraum ist mit hellen braunen Holzvertäfelungen verkleidet, der Boden mit lackierten Holzdielen. Auf der linken Seite ist eine Sitzecke zu sehen. Daneben steht eine einzelne Sitzbank. Sitzecke und Sitzbank sind mit blauem Polster bezogen. An der Wand über der Sitzecke hängt ein großer schwarzer Flachbildfernseher. Unter Deck herrscht rustikale Wohnzimmeratmosphäre. Auf der rechten Seite befindet sich eine Pantryküche mit Spüle, Kühlfach und einem Gasherd.
Die nächsten Fotos zeigen Aufnahmen vom Kartentisch und den darüber in einer Holzwand eingebauten verschiedenen Geräten, Instrumenten und Anzeigen. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die verbauten Geräte. Ich erkenne ein UKW Funkgerät. Daneben ist eine schwarze Schalttafel mit kleinen Schaltern und den weißen Umrissen einer Yacht eingebaut. Weiterhin sehe ich eine verstellbare Leseleuchte, eine Anzeige für den Tank und das große Display eines Kartenplotters. Da ist ein großes, klaffendes, viereckiges Loch in der braunen Holzwand neben dem Kartenplotter, dahinter sind Kabel erkennbar. Offenbar war dort mal etwas verbaut. Unter dem Kartenplotter befindet sich das Bedienfeld von einem UKW-Radio. Seitlich an der Holzwand und vor dem Kartentisch ist die Anzeige eines Radargeräts befestigt.
Ich scrolle weiter. Es folgen Bilder der Bugkabine sowie der beiden Achterkabinen. Jede der drei Kabinen hat zwei Kojen. Die Matratzen in den Kojen sind mit orangefarbenen Spannbettlaken bespannt, darauf liegen Kopfkissen und Bettdecken mit grauer Bettwäsche. Der Himmel der Kabinen ist beige gehalten. Jede der Kabinen hat einen schmalen Einbauschrank aus dunkelbraun lackiertem Holz. Weitere Fotos zeigen zwei Nasszellen mit Waschbecken, Dusche und Bord-WC. Eine der beiden wirkt größer und geräumiger. Das nächste Foto zeigt Lichtmaschine, Anlasser und Schwungscheibe, die mit einem dunklen Keilriemen verbunden sind. Auf den nächsten Fotos sind zwei Solarzellen zu sehen, die am Heck der Yacht über dem Steuerstand montiert sind. Es folgen Fotos von vier großen schwarzen Batterien.
Auf der letzten Seite befinden sich noch ein paar Angaben zur Yacht. Die Länge ist mit 40 Fuß, also knapp 12 Metern angegeben. Baujahr 2005, die Yacht ist also schon älter. An Zubehör werden Autopilot, zwei Vorsegel mit Rollfock, ein Großsegel, Rettungsring, Rettungswesten, eine Rettungsinsel sowie ein Dinghy mit Benzinmotor aufgeführt.
Die Yacht wirkt klein. Für die Überfahrt mit sechs Teilnehmern hätte ich ein größeres Schiff erwartet. Die technische Ausrüstung sieht für mich normal aus. Abgesehen von dem Radargerät ist keine besondere technische Ausrüstung an Bord. Auf den Fotos wird deutlich, dass die Yacht nicht mehr das neueste Modell ist. Für einen Moment kommen mir Zweifel, ob meine Zusage für eine Atlantiküberquerung mit diesem Schiff richtig gewesen ist.
Kapitel 2
Die Besatzung
Sonntag, der 2. März. Knapp zwei Wochen liegt Wolfgangs Anruf zurück. Mein Blick wechselt zwischen meiner Uhr und meinem Smartphone. Vor mir liegt ein Steckbrief mit einer Kurzvorstellung zu meiner Person. Unter einem Foto, auf dem ich am Steuerrad einer Segelyacht zu sehen bin, sind ein paar Angaben zu mir und meinen bisherigen Segelerfahrungen aufgelistet.
Es ist so weit. Mein Smartphone fängt an zu vibrieren. Im Display taucht der Name Wolfgang auf. Ich drücke auf Freisprechen. Im Hintergrund sind Stimmen, Getuschel und Gelächter zu hören.
»Hallo Wolfgang«, melde ich mich.
»Hey Alexander«, meldet sich seine kräftige, ruhige Stimme. »Hier sind Wolfgang und der Rest der abenteuerlustigen Crew. Sagt mal unserem Crewmitglied Hallo.«
Im Hintergrund kann ich verschiedene männliche Stimmen »Hallo« und »Hey« rufen hören.
»So, Alexander, ich hoffe, es geht dir gut und du bist immer noch bereit und entschlossen, dich mit uns in das große Abenteuer zu stürzen. Wir sitzen hier zu fünft in einem Gasthof gesellig beisammen und die Stimmung bei uns ist ausgezeichnet. Bei mir sitzen Gerd, Roland, Holger und Thomas. Wirklich schade, dass du bei unserem heutigen Crewtreffen nicht dabei sein kannst. Ich kann aber gut verstehen, dass du dir die weite Strecke, noch dazu an einem Sonntag, in den Süden der Republik nicht antun willst. Wir stellen uns am besten noch einmal kurz vor. Ich fange bei mir an …«
Wolfgang erzählt, dass er 52 Jahre alt ist und im Nebenberuf als Skipper in der kroatischen Adria arbeitet. Bei der Atlantiküberquerung wird er die Organisation und die Funktion als Schiffsführer übernehmen.
Als Nächstes stellt sich eine raue Stimme mit dem Namen Gerd vor, der 65 Jahre alt ist, an der Uniklinik arbeitet und einen Doktortitel trägt. Gerd wird an Bord die medizinische Versorgung und die Funktion als Arzt übernehmen. Gerd wird daher gleich auf den Spitznamen Doc getauft. Ergänzend fügt er noch hinzu, dass er sich auf der Reise das Rauchen abgewöhnen will.
Die nächste Stimme klingt ruhig und besonnen und stellt sich als Roland vor. Roland ist 45 Jahre alt und bezeichnet sich selbst als leidenschaftlichen Hobbykoch. An Bord wird er die Verpflegung und die Funktion als Koch übernehmen.
Eine aufgeweckte Stimme meldet sich mit Namen Holger, der ebenfalls 45 Jahre alt ist und an Bord die Dokumentation der Reise und die Funktion als Fotograf sowie Videofilmer übernehmen wird. Holger gibt an, sich ebenfalls an Bord das Rauchen abgewöhnen zu wollen.
Die letzte Stimme gehört zu Thomas, der 42 Jahre alt ist, sich um den Transport von Spezial- und Zusatzgepäck auf dem Luftweg kümmern und an Bord die anfallenden Aufgaben als Handwerker und Steuermann übernehmen wird.
»Wenn du magst, kannst du dich jetzt mal kurz vorstellen«, meint Wolfgang.
»Schön euch zu hören«, fange ich an. »Wie Wolfgang bereits erwähnt hat, ist es mir heute aus zeitlichen Gründen nicht möglich, persönlich vor Ort zu sein. Damit ihr aber schon mal ein Bild von mir vor Augen habt, habe ich einen Steckbrief vorbereitet, der euch jetzt vorliegen sollte. Ich bin 34 Jahre alt und …«
Wolfgang unterbricht mich: »Sorry, Alexander, aber mir fällt gerade auf, dass ich deinen Steckbrief im Büro ausgedruckt aber auf meinem Schreibtisch liegen gelassen habe. Alzheimer lässt grüßen. Tut mir leid. Fahr doch einfach weiter fort.«
Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich an dem Crewtreffen nicht persönlich teilgenommen habe. Auf diese Weise und per Telefon kann ich mir weder von der Crew noch die Crew sich von mir ein realistisches Bild machen. »Kein Problem«, antworte ich, »dann werde ich einfach improvisieren.«
Ich erzähle, dass ich aus Berlin komme, Elektrotechnik studiert habe und als Ingenieur im IT-Bereich eines größeren Unternehmens arbeite. Ich erwähne, dass ich vor sechs Jahren mit dem Segeln angefangen habe und mittlerweile im Besitz des Sportküstenschifferscheins bin.
Als ich mit meiner Vorstellung fertig bin, ergänzt Wolfgang: »Alexander wird aufgrund seines technischen Hintergrundes das Aufgabenpaket Kommunikation übernehmen. Mit seiner Vorerfahrung im Bereich Segeln wird er außerdem an Bord die Rolle als mein Stellvertreter übernehmen.« Wolfgang macht eine kurze Pause, »Alexander hat noch weitere gute Ideen und Vorschläge für unsere Reise. Ich würde dich bitten, diese einfach mal vorzustellen.«
Das hatte ich mit Wolfgang bereits im Vorfeld ausgemacht und fange an: »Meine erste Idee sieht vor, dass wir eine eigene Webseite für die Atlantiküberquerung erstellen. Auf der Seite können wir unseren Familien, Freunden und Bekannten die Möglichkeit bieten, mithilfe von Blogs die Reise von zu Hause aus mitzuverfolgen. Um die Erstellung der Webseite kann ich mich kümmern. Ich brauche nur ein paar Steckbriefe von euch, auf denen ihr euch kurz vorstellt, zusammen mit einem Foto. Um die Blogs zu veröffentlichen, benötige ich jemanden, den wir unterwegs anrufen und der das von Land aus für uns erledigen kann. Weitere Kosten oder Aufwände würden für euch nicht entstehen. Was haltet ihr von der Idee?«
Aus dem Telefon höre ich leise Stimmen und Getuschel. Nach einem kurzen Moment meldet sich Wolfgang: »Wir finden deine Idee super und wir würden es sehr begrüßen, wenn du dich darum kümmern könntest. Gerd meint, sein Sohn hat Zeit und er kann das sicherlich für uns übernehmen.«
»Gut, dann komme ich zu meiner zweiten Idee. Es ist technisch möglich, unsere Position fortlaufend an unsere Webseite zu übertragen. Die Besucher unserer Webseite können dann auf einer digitalen Karte sehen, wo wir uns aktuell befinden. Dafür ist allerdings die Anmietung eines Satelliten-GPS-Trackers erforderlich. Weiterer Vorteil ist, dass in einem Notfall per Knopfdruck Hilfe angefordert werden kann. Wir hätten somit ein weiteres Sicherheitsfeature mit an Bord. Die Kosten für die Anmietung würden insgesamt hundertvierzig Euro betragen. Die Anmietung kann ich übernehmen. Seid ihr bereit, diese Kosten gemeinsam über die Bordkasse zu tragen?«
Wieder höre ich leise Stimmen aus dem Telefon. Ich kann die Reaktion in den Gesichtern nicht sehen und daher nicht feststellen, ob ich die Funktionsweise des Gerätes anschaulich genug rübergebracht habe.
Wolfgang sagt schließlich: »Die Sicherheit an Bord ist uns sehr wichtig, daher unterstützen wir deinen Vorschlag und stimmen einer Finanzierung aus der Bordkasse zu.«
»Dann komme ich zu meiner dritten und letzten Idee. Was haltet ihr davon, wenn wir uns für die Atlantiküberquerung eigene Crew-Shirts drucken lassen? Ich stelle mir türkisfarbene Poloshirts vor. Auf der Brustseite soll der Name des Teilnehmers und darüber ein bestickter Patch mit unserem eigenen Logo aufgenäht werden. Auf der Rückseite soll ein stilisiertes Bild von der Yacht mit der geplanten Route auf der Erdkugel aufgedruckt sein. Darunter soll dann die Adresse unserer Webseite stehen. Das Design kann ich entwerfen. Für den in Aussicht gestellten Messebesuch kann ich mir weiße elegante Hemden mit Stehkragen in einem ähnlichen Design vorstellen. Die Kosten für zwei Crew-Shirts und ein Hemd werden insgesamt zweihundert Euro betragen.« Scherzhaft füge ich hinzu: »Mit den Shirts und Hemden würden wir wie professionelle Segler aussehen.«
Wolfgang sagt: »Die Kosten für drei Oberteile sind sehr hoch, aber wir würden mit einheitlichen Shirts nicht nur sehr professionell aussehen, sondern auch nach außen demonstrieren, dass wir zusammengehören und ein Team sind. Genau diesen Spirit brauchen wir an Bord. Die Crew hat soeben einstimmig nickend zugestimmt und deine Idee mit den Crew-Shirts wird akzeptiert. Vielen Dank für deine tollen Vorschläge und deine Bereitschaft, diese zusätzliche Arbeit auf dich zu nehmen. Ich bin mir sicher, dass unsere Atlantiküberquerung ganz besonders werden wird und wir vielleicht damit noch in die Geschichte eingehen werden.« Wolfgang lacht kurz und fährt dann fort: »An dieser Stelle muss ich noch ein paar ernste Themen ansprechen, die jeder von euch unbedingt beherzigen muss. So eine Atlantiküberquerung ist nicht ungefährlich. Zu den drei meist gefürchteten Gefahren an Bord zählen erstens Feuer im Schiff, zweitens die Kollision der Yacht mit einem schlafenden Wal und drittens die Kollision mit einem schwimmenden Gegenstand, zum Beispiel einem Container, der bei Sturm von einem Frachtschiff gefallen, mit Wasser vollgelaufen ist und knapp unterhalb der Wasseroberfläche schwimmt. Die Wahrscheinlichkeit für so ein Erlebnis ist sehr gering, ich will es hier aber erwähnen, damit jeder weiß, worauf er sich einlässt. Ein anderes wichtiges Thema ist Gesundheit. Jeder hat sich vor Törnantritt einem medizinischen Gesundheitscheck zu unterziehen. Zahnprobleme müssen vorher behoben werden. Wenn ihr Medikamente einnehmt, so müsst ihr diese in ausreichender Stückzahl mitführen. Auf dem Atlantik kommen kein Rettungswagen und auch kein Rettungshubschrauber. Wir sind völlig auf uns allein gestellt. Das Worst-Case-Szenario eines Toten an Bord bedeutet für uns, dass wir die Pflicht haben, den Leichnam mitzuführen und ihn im nächsten Hafen an die zuständigen Behörden zu übergeben. Ich weiß, das klingt sehr makaber, ansprechen und ins Bewusstsein rufen muss ich es trotzdem.«
Auf der anderen Seite der Leitung herrscht für einen Moment Stille.
Wolfgang ergreift kurz darauf wieder das Wort: »Die Punkte der heutigen Besprechung werde ich in einem Protokoll zusammenfassen und euch per E-Mail schicken. Jeder kann darin nachlesen, was heute besprochen und entschieden worden ist. Alexander, hast du noch Punkte, die du in unserer Runde loswerden willst?« »Nein«, antworte ich.
»Gut«, meint Wolfgang, »dann hören wir uns bald wieder.«
Das Telefonat ist beendet. Mich freut, dass alle meine Vorschläge einstimmig von der Crew angenommen wurden. Gleichzeitig wird mir in dem Moment auch bewusst, dass ab sofort viel Arbeit auf mich zu kommt.
Kursdreieck, Handbuch und Zirkel auf der Seekarte Imray 100 für die Atlantikpassage.
Kapitel 3
Die Törnplanung
Ein paar Tage später wird das Besprechungsprotokoll von Wolfgang als künftigem Schiffsführer per E-Mail an die Teilnehmer versandt. Darin ist die geplante Route beschrieben. Für die Törnplanung wird die Seekarte Imray 100 für die Atlantikpassage verwendet.
Die Atlantiküberquerung soll am 28. November um 07: 00 Uhr vom Starthafen Las Palmas (Gran Canaria) an der Position 28°07‘N 015°25‘W starten. Nach dem Ablegen soll Kurs in Richtung 240 Grad und auf den Kanarischen Strom gehalten werden. Laut Seekarte ist die Strömung mit 0,5–1,0 Knoten in südwestlicher Richtung angegeben und der Kurs soll bis zur Position 20°00’N 026°50°W gefahren werden. Auf dieser Position befindet sich der Einlenkpunkt der südlichen Route in Richtung Karibik. Die Kapverden liegen von der Position ungefähr 200 nautische Meilen in südöstlicher Richtung.
Von dem Einlenkpunkt der südlichen Karibikroute soll auf Südwestkurs gegangen werden, bis der Nordostpassatwind nördlich des Äquators erreicht wird. Der Passatwind wird mit 10–15 Knoten Windgeschwindigkeit in nordöstlicher Richtung erwartet. Weitere Unterstützung soll der Nordäquatorialstrom zwischen den Kapverden und der Karibik auf Höhe des 16. Breitengrades liefern. Dieser Strom ist laut Seekarte mit einer Strömung von 0,5– 1,5 Knoten in westlicher Richtung angegeben. Unmittelbar vor der Karibik und auf Höhe des 45. Längengrades soll Kurs auf St. Martin gehalten werden. Spätestens am 22. Dezember um 12: 00 Uhr soll der Zielhafen Philippsburg (St. Martin) an der Position 18°01’N 063°02‘W angelaufen werden.
Die Distanz der Atlantiküberquerung beträgt ca. 2.900 nautische Meilen. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit wird mit 5,0 Knoten angenommen. Daraus ergeben sich ein Etmal von 120 nautischen Meilen und eine Reisedauer von ca. 24 Tagen.
Kapitel 4
Die Aufgaben
In dem Besprechungsprotokoll wurden vom Schiffsführer für jeden Teilnehmer die zu erledigenden Aufgaben in Form von sechs individuellen Arbeitspaketen zusammengefasst. Jeder Teilnehmer weiß somit genau, was von ihm bis zum Beginn der Reise vorzubereiten ist.
Arbeitspaket 1 (Organisation): Wolfgang
• Auswahl von Yacht und Besatzung
• Festlegung von Aufgabenpaketen
• Aufgabenverteilung an die Besatzung
• Einholen von Informationen über Reise
• Festlegung von Ansprechpartnern
• Reservierung der Hin- und Rückflüge
• Abschluss notwendiger Versicherungen
• Organisation des Flughafentransfers
• Törnplanung vom Start- zum Zielhafen
• Berechnung Dieselverbrauch
• Festlegen von Notfall- und Sicherheitsmaßnahmen
• Erstellung und Verteilung einer Packliste
• Festlegen eines Wachplans
• Führen des Logbuchs
• Verteilen von Informationen an die Besatzung
Wolfgang übernimmt das Aufgabenpaket Organisation. Als Schiffsführer besichtigt er im Vorfeld die zu überführende Yacht und stimmt mit dem Eigner das Prozedere zur Übernahme und Rückgabe ab. Er stellt die Besatzung zusammen und identifiziert die zu erledigenden Aufgaben. Die Aufgaben fasst er in Aufgabenpaketen zusammen und verteilt diese an die Besatzung. Den Stand der Aufgabenerfüllung fragt er regelmäßig bei der Besatzung ab.
Er bereitet sich auf die Reise vor, indem er Fachliteratur und das Internet recherchiert sowie sich mit erfahrenen Seglern austauscht. Er legt Ansprechpartner an Land fest, die uns mit ihrem Fachwissen unterstützen. Er informiert sich ebenfalls über rechtliche Grundsätze, die zum Beispiel die Ausreise (Ausklarieren) von Gran Canaria sowie die Einreise (Einklarieren) in St. Martin betreffen und gibt diese an die Besatzung weiter. Er lässt sich von einem Reisebüro ein Angebot für die Hin- und Rückflüge erstellen und lässt den Teilnehmern die Rechnung zukommen. Er schließt die notwendigen Versicherungen (Skipperhaftpflichtversicherung, Reiserücktrittsversicherung) für den Törn ab. Er organisiert den Transfer der Besatzung zwischen Flughafen und Marina. Er führt die Törnplanung vom Starthafen zum Zielhafen unter Berücksichtigung der zu erwartenden Wetterverhältnisse, Gezeiten, Strömungen und Winde durch.
Er geht von einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 5,0 Knoten aus. Bei der Törnplanung legt er auch eine Alternativroute (Kapverden) fest. Für die Reiseroute kalkuliert er die ungefähre Anzahl an Motorstunden und berechnet daraus die mitzuführende Dieselmenge.
Als Schiffsführer legt er die Maßnahmen zur Sicherheit an Bord und für das Verhalten in Notfällen fest. Er erstellt eine Packliste mit Vorschlägen für die Mitnahme von Ausrüstung und Bekleidung und verteilt diese an die Besatzung. Dabei weist er die Crew auf die begrenzten Verstaumöglichkeiten an Bord hin. Er erstellt einen Wachplan für die Tag- und Nachtfahrten und teilt Wachen und Wachführer an Bord ein.
Als Schiffsführer hat er die Pflicht, ein Logbuch vorzubereiten und an Bord zu führen. In der Vorbereitungsphase steht er laufend in engem Kontakt zur Crew und zum Eigner der Yacht.
Arbeitspaket 2 (medizinische Versorgung): Doc
• Übernahme der medizinischen Versorgung
• Führen des Arztkoffers
• Führen der Bordapotheke
• Abstimmung mit einem Arzt an Land
• Küchenhilfe (Co-Koch): Unterstützung des Kochs in der Küche
• Unterhaltung: Mitnahme von Musik
• Veröffentlichung von Blogs: Erstellung von Blogs auf der Webseite (Sohn v. Doc)
Doc wird das Aufgabenpaket medizinische Versorgung aufgrund seines beruflichen Hintergrundes übertragen. Im Falle von Unwohlsein, bei Unfällen oder Verletzungen der Besatzung kommt er in seiner Funktion als Arzt zum Einsatz. Während der Reise führt er einen Arztkoffer mit Verbänden und Instrumenten für die Behandlung von Unfällen an Bord sowie die Bordapotheke in Form eines Koffers mit den wichtigsten Medikamenten. Vor der Reise nimmt er rechtzeitig Kontakt zu einem weiteren Arzt an Land auf, für funkärztliche Beratungen und Instruktionen auf See (Medico- Gespräch) über Funk bzw. Satellitentelefon.
Daneben unterstützt er den Koch als Küchenhilfe (Co-Koch) bei vorbereitenden Aufgaben (Schälen und Putzen von Gemüse und Obst, Eindecken und Abräumen des Tisches, Servieren von Snacks, Dokumentation und Überwachung der Lebensmittelverbräuche und Trinkwasser).
Unterwegs steht kein Fernsehen und Radio nur eingeschränkt zur Verfügung. Für die Unterhaltung an Bord stellt er geeignete Musiktitel auf einem digitalen Datenträger zusammen und stellt sicher, dass die Titel über die Musikanlage der Yacht später wiedergegeben werden können. Weiterhin kümmert er sich um Karten- und Brettspiele für die Zeit an Bord.
Der Sohn von Doc, Christian, hat sich bereit erklärt, unsere Blogbeiträge während der Reise telefonisch entgegenzunehmen und anschließend auf unserer Webseite zu veröffentlichen.
Arbeitspaket 3 (Verpflegung): Roland
• Kochen
• Erstellung eines Verpflegungsplanes
• Kalkulation der Lebensmittel
• Erstellung der Einkaufsliste
• Einkauf und Proviantierung
• Kalkulation Trinkwasserbedarf
• Kauf von Trinkwasser
• Kalkulation Gasverbrauch
• Kauf von Gaskartuschen
• Mitführen der Angelausrüstung
• Abfallmanagement: Entsorgung gem. MARPOL- Übereinkommen
Roland hat das Aufgabenpaket Verpflegung an Bord und die Funktion als Koch übernommen. Er erstellt für die Überfahrt der Besatzung einen Verpflegungsplan, der drei Mahlzeiten am Tag vorsieht: morgens Frühstück, mittags Snacks und abends warme Gerichte. Hierfür sammelt er Rezepte, die sich an Bord auf zwei Kochfeldern und in einem Backofen schnell und einfach zubereiten lassen. Damit möglichst wenig Lebensmittel mitgeführt werden müssen, sollen die Zutaten der Gerichte mit anderen Gerichten kombinierbar sein. Ebenfalls müssen die Zutaten lange haltbar sein, da zur Kühlung von Lebensmitteln nur ein kleines Kühlfach zur Verfügung steht. Eine Möglichkeit zur Tiefkühlung besteht nicht. Die Gerichte testet er zu Hause mit seiner Familie. Anhand des Verpflegungsplanes kalkuliert er die benötigten Lebensmittel und erstellt daraus eine Einkaufsliste. Vor Ort führt er zusammen mit der Besatzung den Einkauf im Supermarkt durch. Er ist zuständig für das Verstauen und die Beladung der Einkäufe an Bord (Bunkern). Beim Verstauen der Lebensmittel hat er die Haltbarkeitsdauern und die individuellen Lageranforderungen zu berücksichtigen. Er muss sich informieren, welche Obst- und Gemüsesorten zusammen gelagert werden dürfen und wo der Reifeprozess beschleunigt und die Haltbarkeitsdauer verkürzt wird.
Er berechnet den gesamten Trinkwasserbedarf für die Überfahrt der Besatzung einschließlich einer Notreserve. Dabei kalkuliert er mit zwei Litern pro Tag und pro Person für das Kochen, Trinken und Zähneputzen. Das Trinkwasser soll in Kunststoffkanistern vor Ort im Supermarkt gekauft werden.
Er berechnet den Gasverbrauch für das Kochen und Backen an Bord. Er kalkuliert, dass eine Gaskartusche für zwei Wochen reicht. Eine Gaskartusche wird bereits an Bord sein. Eine zusätzliche Gaskartusche soll vor Ort in der Marina gekauft werden.
Roland trägt mit seiner Planung und Kalkulation ein hohes Maß an Verantwortung. Wenn er falschliegt, dann steht während der Reise zu wenig an Lebensmitteln, Trinkwasser oder Gas zum Kochen zur Verfügung.
Für die Ergänzung des Verpflegungsplanes wird sich Roland um den Fischfang an Bord kümmern. Dafür nimmt er seine Angelausrüstung bestehend aus Angel, reißfester Sehne und ausreichend unterschiedlichen Ködern mit.
Abschließend wird sich Roland um das Abfallmanagement an Bord kümmern. Er wird sich informieren, welche Abfälle gem. MARPOL-Übereinkommen ins Meer geworfen werden dürfen und welche an Bord verbleiben müssen.
Arbeitspaket 4 (Dokumentation): Holger
• Foto- und Videoaufnahmen
• Mitführen von Foto- und Filmausrüstung
• Erstellung eines Videofilmes
• Führen der Bordkasse
Holger übernimmt das Aufgabenpaket Dokumentation. Er wird die Atlantiküberquerung von Beginn an bis zum Ende der Reise mit Foto- und Videoaufnahmen dokumentieren. Hierfür nimmt er seine Filmausrüstung mit: eine neue Kamera für hochlösende Fotos bei schönem Wetter und eine ältere Kamera für Schnappschüsse. Damit Filmaufnahmen auch bei heftigen Regenfällen und unter Wasser möglich sind, wählt er eine kompakte, mobile Kamera in einem wasserdichten Gehäuse. Nach der Atlantiküberquerung soll er mit den zahlreichen Bildern und Videoaufnahmen einen Film erstellen und diesen auf DVD an die Teilnehmer verteilen.
Für das Bestreiten von gemeinsamen Ausgaben der Besatzung wird an Bord eine Bordkasse eingerichtet. Zu den gemeinsamen Ausgaben zählen z. B. Hafengebühren, Diesel und Verpflegung.
Er wird am ersten Tag die Bordkasse eröffnen und je nach Finanzlage während des Törns nachkassieren.
Arbeitspaket 5 (Transport): Thomas
• Organisation vom Transport des Spezial- und Zusatzgepäcks
• Werkzeug mitnehmen
• Reparaturen an Bord durchführen
• Aufgabe als Steuermann übernehmen
Das Aufgabenpaket Transport übernimmt Thomas. Beruflich ist er zeitlich stark eingespannt und viel unterwegs, daher wird er in der Vorbereitungsphase nur einen kleinen Teil der Aufgabenlast tragen. Er wird sich um die Informationen kümmern, wie das Spezialgepäck (Angelausrüstung, Arztkoffer, Medikamentenkoffer und Werkzeug) sowie weiteres Zusatzgepäck aus Deutschland mit dem Flugzeug zum Starthafen und vom Zielhafen zurück nach Deutschland transportiert werden können bzw. welche Kosten dabei entstehen. Sein Einsatz wird während der Überfahrt gefordert sein, wenn sein handwerkliches Können für Reparaturen an Bord nötig ist. Hierfür hat er geeignetes Werkzeug mitzunehmen. Weiterhin wird er häufiger als Steuermann eingesetzt werden.
Arbeitspaket 6 (Kommunikation): Alex
• Webseite: Domain kaufen
• Webseite einrichten
• Blogfünktion einrichten
• Bilder und Videos (nach der Reise) veröffentlichen
• Satelliten-GPS-Tracker anmieten
• Positionsübermittlung in die Webseite integrieren
• Satellitentelefon anmieten
• Ausbildung LRC / allgemeines Funkbetriebszeugnis absolvieren
• Wetterbericht: Weltempfänger kaufen
• Empfang von Wetterberichten per Wetterfax testen
• Crew-Shirts: Design erstellen
• Shirts und Hemden kaufen
• Crew-Shirts und Crew-Hemden drucken lassen
Das Aufgabenpaket Kommunikation übernehme ich. Für die Webseite kaufe ich eine einprägsame Domain und erstelle die Seite in WordPress. Das von mir verwendete WordPress-Theme ermöglicht die Veröffentlichung von Blogs.
Auf der Webseite können sich die Besucher zu Beginn der Reise über die Steckbriefe der Besatzung und den Stand der Vorbereitungen informieren. Während der Reise sollen auf der Seite regelmäßig Blogs veröffentlicht und unsere Position auf einer digitalen Karte mitverfolgt werden. Nach der Reise sollen auf der Seite die Bilder und Videos veröffentlicht werden.
Damit unsere Position auf der Webseite mitverfolgt werden kann, miete ich bei einem kommerziellen Anbieter einen Satelliten-GPS-Tracker (Live-Tracker). Das Gerät hat die Größe einer Zigarettenschachtel; die Kosten für 6 Wochen belaufen sich auf 140 €. Bei der Anmietung ist eine Kaution von 200 € zu zahlen.
Die Einbettung in die Website erfolgt über ein vordefiniertes Skript. Die zuverlässige Anzeige der Positionsermittlung auf der digitalen Karte kann ich vorab erfolgreich an meinem Wohnort testen. Für die Befestigung des Live-Trackers an Bord wähle ich einen transparenten und wasserdicht verschließbaren Kunststoffsack.
Auf hoher See steht kein Mobilfunknetz zur Verfügung, für Telefonate wird daher ein Satellitentelefon benötigt. Für den Zeitraum der Reise miete ich bei einem Outdoorausrüster ein Satellitentelefon (Iridium) mit Sprachtarif für 250 € zuzüglich anfallender Telefongebühren. Diese betragen 0,80 €/Minute (Iridium zu Iridium) bzw. 1,20 €/Minute (Iridium zu Festnetz oder Mobilfunknetz). Bei der Anmietung fällt eine Kaution von 1.000 € an. Nach der Rücksendung des Gerätes soll die Kaution mit den angefallenen Telefongebühren verrechnet und der restliche Betrag erstattet werden.
Das Satellitentelefon kommt ein paar Tage vor Reisebeginn in einem robusten schwarzen Koffer aus Kunststoff zusammen mit Ladegerät und Schutztasche. Es weist deutliche Gebrauchsspuren auf, wirkt abgenutzt und der Schutzkoffer sieht aus, als wären damit schon ein paar Gipfel erklommen worden. Unter normalen Umständen würde ich das Gerät an den Outdoorausrüster zurückschicken, für einen Umtausch bleibt aber zu wenig Zeit.
Ich prüfe die wichtigsten Funktionen. Mit dem Telefon kann ich mich selbst anrufen und der Anruf der Nummer von meinem Festnetztelefon funktioniert auch. Ich gebe mich zufrieden und packe das Satellitentelefon zurück in den Kunststoffkoffer.
Für den Funkschein (LRC) buche ich an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden einen intensiven Prüfungsvorbereitungskurs. Mein Ausbilder ist ein pensionierter Seemann, der viele Jahre als Funker auf einem Frachtschiff gefahren ist. Als ich ihm von unserem Vorhaben erzähle, mit einer 40-Fuß-Segelyacht und sechs Teilnehmern den Atlantik auf der Barfußroute zu überqueren, fragt er mich, ob ich mir das auch gut überlegt habe. Er gibt mir den warnenden Hinweis, dass der Atlantische Ozean zu jeder Jahreszeit unberechenbar sei und Hilfeleistung auf See nicht garantiert ist.
Laut internationalem Seerecht ist jedes Schiff bei einem Seenotfall zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Hilfeleistung kann aber abgelehnt werden, wenn sich das andere Schiff dadurch selbst in Gefahr begeben würde. Der verantwortliche Schiffsführer kann die Hilfeleistung ablehnen, wenn er z. B. mit einer Segelyacht und einer unerfahrenen Besatzung auf einem Ausbildungstörn unterwegs ist. Ebenso kann ein Berufsschiffer die Hilfeleistung ablehnen, wenn er mit seinen eng kalkulierten Kraftstoffreserven und dem zu fahrenden Umweg nicht mehr seinen Zielhafen erreichen kann und dadurch selbst zum Seenotfall wird. Es gibt verschiedene Gründe, warum Seenothilfe von anderen Schiffen leicht abgelehnt werden kann.
Die Erzählungen meines Ausbilders machen mich nachdenklich, lassen mich von meinem Vorhaben aber nicht abbringen. Für den Prüfungsvorbereitungskurs, Lehrbücher und abschließende Prüfung fallen insgesamt Kosten in Höhe von 400 € an.
Für den Empfang von Wetterberichten auf hoher See stehen mir zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Eine ist der Abruf von Wetterberichten mittels GRIB-Daten. Für den Empfang dieser Daten ist ein kostenpflichtiger zusätzlicher Datentarif für das Satellitentelefon erforderlich. Die Kosten für ein Megabyte liegen bei ca. 15 € und die Übertragungsgeschwindigkeit beträgt maximal 2,4 Kilobyte pro Sekunde.
Eine andere Möglichkeit ist der Empfang von Wetterberichten über Funk vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Die Wetterberichte werden in Form von Wetterkarten (Wetterfax) und Seewetterberichten (Fernschreiben) kostenlos und mehrmals täglich über Lang- und Kurzwelle zu festgelegten Sendezeiten ausgesendet. Weitere Angaben liefern die Webseite www.dwd.de und das Handbuch Funkdienst für die Klein- und Sportschifffahrt. Die Aussendung erfolgt im Rahmen des internationalen SOLAS-Abkommens und dient zur Sicherheit der Seefahrt.
Die klare Vorgabe bei der Törnvorbereitung lautete, »Alle unnötigen Ausgaben sollen bei der Reise vermieden werden.«. Ich entscheide mich für den kostenlosen Abruf von Wetterberichten über Lang- und Kurzwelle vom DWD.
Für den Empfang der Wetterberichte kaufe ich einen Weltempfänger (200 €), der SSB (Singe Side Band) unterstützt. Am Weltempfänger wird der Audioausgang mit einem 3,5-Millimeter-Audiokabel mit dem Mikrofoneingang eines Laptops verbunden. Auf dem Laptop ist eine Decodiersoftware (z. B. JVComm32) installiert, mit der die Audiosignale in grafische Wetterkarten umgewandelt werden sollen. Trotz zahlreicher Versuche gelingt es mir in meiner Wohnung nicht, die Wetterkarten als Wetterfax in guter Qualität abzurufen. Sie sind sehr stark verrauscht und liefern für die Wetterprognose keine verwertbaren Informationen. Als Ursache vermute ich zu viele elektromagnetische Störquellen in meiner urbanen Umgebung. Mir fehlt zudem die Möglichkeit, die 10 Meter lange Wurfantenne vollständig zum Einsatz zu bringen. Ich beschließe, die Versuche abzubrechen und diese an Bord mit weniger Störquellen fortzusetzen. An Bord habe ich außerdem die Möglichkeit, die 10-Meter-Wurfantenne des Weltempfängers in den Mast zu ziehen und so deutlich bessere Signale zu empfangen.
Meine letzte Aufgabe ist das Erstellen der Crew-Shirts beziehungsweise Crew-Hemden. Für jeden Teilnehmer werden zwei Shirts sowie ein weißes Hemd bestellt. Die türkisfarbenen Crew-Shirts und die weißen, taillierten Hemden mit Stehkragen bestelle ich bei zwei unterschiedlichen Anbietern. Für beides wähle ich ein identisches Design: Auf der Vorderseite ist ein gestickter Patch und darunter der aufgestickte Name des Trägers. Auf der Rückseite ist die Weltkugel mit einem Bild der Yacht und darunter die Adresse unserer Webseite aufgedruckt. Das Design erstelle ich in einem pixelbasierten Grafikprogramm.
Zusammen mit meinen Dateien und den Oberteilen fahre ich zu einer Textildruckerei, die auch Stickereien von Patches anbietet. Als ich dem Inhaber meine Entwürfe zeige, erklärt er mir, dass er zwei Probleme habe: Einerseits braucht er für den Druck vektorbasierte anstelle pixelbasierter Bilddateien und andererseits bedeuten die von mir bereits besorgten Oberteile für ihn weniger Gewinn. Wir können uns darauf einigen, dass der Inhaber die Umwandlung der Bilder übernimmt und kein weiterer Preisaufschlag notwendig wird. Für den Druck und das Besticken von zwei Crew-Shirts sowie einem Crew-Hemd fallen pro Person Kosten in Höhe von 195 € an. Die Kosten sind im Voraus zu bezahlen. Ich lasse mir daher von jedem Teilnehmer das Geld im Vorfeld überweisen.
Zwei Wochen später kann ich die bedruckten und bestickten Textilien in der Druckerei abholen und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Kapitel 5
Bekleidung und Ausrüstung
Vom Schiffsführer wird per E-Mail die Packliste an die Teilnehmer übermittelt, in der die wichtigsten Bekleidungs- und Ausrüstungsutensilien aufgeführt sind. Darin steht auch der eindringliche Hinweis, dass von jedem Teilnehmer nur ein Seesack an Gepäck mitzuführen ist. Der Platz an Bord ist begrenzt und der zur Verfügung stehende Stauraum wird für die Proviantierung von Lebensmitteln benötigt.
Für den Transport meines Gepäcks nutze ich einen Seesack, der sich zusammenfalten und einfach an Bord verstauen lässt. Um meine Bekleidung und Ausrüstung auch über weitere Strecken bequem und rückenschonend transportieren zu können, entscheide ich mir für einen Seesack mit Rollen.
Am Tage rechne ich mit Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad. Die Intensität der Sonne und die UV-Belastung sind an Bord einer Segelyacht auf See weitaus höher als an Land. Grund ist die Reflexion der UV-Strahlung an der Wasseroberfläche und an den hellen Segeln. Meinen Körper muss ich somit vor Hitze und Sonnenbrand schützen.
Meine Haut schütze ich durch Eincremen mit Sonnencreme. Um meinen Kopf zu schützen, werde ich ein Segel-Cap aus hellem Stoff tragen. Damit ich das Segel-Cap bei starken Windverhältnissen nicht verliere, verwende ich eine Cliphalterung zur Befestigung an Kragen oder Kapuze.
Für den Schutz meiner Augen vor zu viel UV-Strahlung werde ich eine Sonnenbrille speziell für Segler mit hohem UV-Schutz und polarisierenden Gläsern tragen. Damit die Brille auch bei Sturm sicher am Kopf sitzt und bei einer unbeabsichtigten Bewegung (z. B. beim Beugen über den Seezaun) nicht ins Wasser fällt, wird diese ein Brillenband haben.
An Bekleidung wähle ich sommerliche, luftige T-Shirts und Shorts aus Stoff und in hellen Farben. An Schuhwerk werde ich Segelschuhe aus Leder und mit heller Sohle tragen. Mit steigenden Temperaturen werde ich auf Flipflops umsteigen oder mich nur noch barfuß an Bord bewegen.
In der Nacht gehe ich von einem Absinken der Temperaturen auf 15–20 Grad aus. An Bord wird es kalt und nass werden. Auch wenn die Überfahrt als entspannter Segeltörn auf der Barfußroute angekündigt wird, rechne ich vereinzelt mit Stürmen und Regenfällen. Meinen Körper muss ich vor Auskühlung, Wind und Nässe schützen.
Dafür nehme ich eine Wollmütze mit sowie einen zweiteiligen Segelanzug, der aus Segeljacke mit Kapuze und Latzhose besteht. Unter dem Segelanzug werde ich Pullover und Unterhose anziehen. An Schuhwerk für Sturm und bei Regen sind Seestiefel empfohlen. Der Kauf von professionellen Seestiefeln für mehrere Hundert Euro erscheint mir auf der Barfußroute übertrieben. Stattdessen werde ich Neoprenschuhe verwenden, die ich mir vor einigen Jahren zugelegt aber noch nie getragen habe. Damit meine Füße in den Neoprenschuhen warm bleiben, werde ich dicke Skisocken tragen.
Für die Arbeit an Schoten und Fallen nehme ich Segelhandschuhe aus Leder mit. Da die Temperaturen nicht bis auf den Gefrierpunkt abfallen werden, werde ich normale Segelhandschuhe mit gekürzten Fingern tragen.
Damit festsitzende Knoten gelöst und Fallen gekappt werden können, nehme ich ein Segelmesser mit Schäkelöffner mit.
Um in der Nacht und bei Dunkelheit sehen zu können, brauche ich eine Stirnleuchte. Ich wähle ein einfaches Modell mit weißem Licht.
Da die mitzunehmende Menge an Gepäck pro Person auf einen Seesack begrenzt ist, muss die Wäsche unterwegs mit der Hand gewaschen werden. Für die Wäsche werde ich herkömmliches Shampoo oder Duschgel verwenden.
Die tägliche Körperpflege wird jeden Tag im Meer stattfinden. Für das Abtrocknen benötige ich schnell trocknende Handtücher. Ein Handtuch für die Benutzung und ein zweites Handtuch, das gewaschen bzw. getrocknet werden kann.
Jeder von uns muss in Abhängigkeit von seinem übernommenen Aufgabenpaket zusätzlich noch weiteres Gepäck mitführen. Der Schiffsführer muss Handbücher, Seekarten, Navigationsbesteck und das Logbuch mitnehmen. Um bei einem Ausfall der Navigationsinstrumente weiterhin navigieren zu können, nimmt er Hand-Kompass und Hand-GPS mit wiederaufladbaren Batterien und ein Ladegerät mit.
Doc hat als Arzt den Arztkoffer und die Bordapotheke mitzuführen. Roland muss als Koch den Verpflegungsplan, die gesammelten Rezepte, die Einkaufsliste, ausreichend Feuerzeuge für den Gasherd sowie die Angelausrüstung mitnehmen.
Holger muss seine Foto- und Filmausrüstung im Gepäck haben.
Thomas braucht neben seinem Gepäck noch Platz für Werkzeug.
Ich muss den Satelliten-GPS-Tracker, den Koffer mit dem Satellitentelefon, den Weltempfänger, meinen Laptop sowie die gedruckten Crew-Shirts und Crew-Hemden in meinem Gepäck transportieren.
Die folgende Packliste zeigt die Bekleidung und Ausrüstung, die ich für meine Atlantiküberquerung mitgenommen habe:
• 1 x Segel-Cap mit Cliphalterung
• 1 x Wollmütze
• 1 x Segelanzug zweiteilig (Jacke und Latzhose)
• 2 x Unterhose (lang)
• 2 x Pullover
• 4 x T-Shirts (hell, kurze Ärmel)
• 3 x kurze Hosen
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