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ATYCHIPHOBIA (dt. Atychiphobie) ist die "Angst vor Unfällen". Tychos steht für "Unfall", Phobos für die "Furcht". In der Praxis wird der Begriff für die Angst vor dem Scheitern, vor Fehlern, Kritik oder Ablehnung verwendet. Die Angst davor, eigene oder (vermeintliche) fremde Erwartungen nicht zu erfüllen. Dahinter steckt die Sorge vor der Ungewissheit und die Gewissheit der eigenen Fehlbarkeit. Begleitend zur Theaterperformance "ATYCHIPHOBIA - The Importance of Failure in modern Society" haben Sandy Tomsits und Oliver Gruber-Lavin Gespräche zum Thema Scheitern geführt. Gesprächspartner waren: Ceciliy Corti (ehem. Leiterin der VinziRast), Hannes Androsch (ehem. Vizekanzler & Unternehmer), Michael Herzog (Anlagenbauer), Sabine Scholl (Schriftstellerin), Günther "Gunkl" Paal (Kabarettist), Gabriel Halat (Unfallchirurg), Konrad P. Liessmann (Philosoph), Frau M. (Insassin einer JVA), Sedea Killinger (Vollzugsleiterin einer JVA) Wolfgang Kimmel (Pfarrer in Wien) und Veronika Steinböck (Künstlerische Leiterin des Kosmos Theater in Wien). Die mit großer Offenheit geführten Gespräche geben einen Einblick in unseren persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit diesem Phänomen.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie
(Erich Kästner)
Vorwort der Herausgeber
Cecily Corti
Hannes Androsch
Michael Herzog
Sabine Scholl
Günther „Gunkl“ Paal
Gabriel Halat
Konrad Paul Liessmann
Frau M.
Seada Killinger
Wolfgang Kimmel
Veronika Steinböck
Stückentwicklung
Die Gruppe „Alte Meister“
Die GesprächspartnerInnen
Die HerausgeberInnen
Über das Projekt, die Gruppe und die Begegnungen mit den InterviewpartnerInnen
Im generationenübergreifenden Projekt „Atychiphobia- The Importance of Failure in modern Society“ ist Scheitern, oder die Angst davor, etwas oder jemandem nicht zu genügen, oder abgelehnt zu werden, zu einem Transformationsprozess für alle Beteiligten geworden. Scheitern wird unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt die, die ,,nie“ scheitern, weil sie am Punkt des Scheiterns sofort nach neuen Lösungsmöglichkeiten suchen, oder einen Haken schlagen, um nicht in eine missliche Lage zu kommen. Und die, die existentiell scheitern, weil sie am Weg nicht achtsam mit ihren Ressourcen umgingen, oder böse Überraschungen erleben, die meist von hierarchischen Systemen ausgehen und nicht wirklich abschätzbar waren. Über das Scheitern miteinander zu sprechen, es nicht zu tabuisieren, ist notwendig, wenn wir die ganzheitliche Entwicklung von Menschen jetzt und in Zukunft verstehen wollen.
Die Tanz-Theater-Gruppe aus fünf jungen Erwachsenen und vier SeniorInnen der Seniorentheatergruppe Alte Meister Wien hat sich in zufälliger Auswahl zusammengefunden und über ein Semester gemeinsam gearbeitet. Mit Methoden der Theaterpädagogik versuchten Sandy Tomsits und Adriana Zangl ein Gesellschaftsbild zu zeichnen, in denen Denkmuster, Vorurteile über die jeweilig andere Generation und allgemeinmenschliche Ängste in bewegten Bildern - (fast) ohne Worte - ihren Ausdruck fanden. Körpersprache stand hier im Vordergrund. Beobachtungen von individuellen Verhaltensweisen im öffentlichen Raum und globale Themen wie Umweltverschmutzung und Vereinsamung in Städten flossen in die Dramaturgie des Stückes ein.
Eine zusätzliche Bereicherung war das Buchprojekt, das dem Stück nachträglich Worte verleiht. - Die Idee: Menschen, Persönlichkeiten der Öffentlichkeit aus unterschiedlichsten Berufsgruppen, sowie Privatpersonen und ihren Schicksalen hier Raum zu geben, um ihre Wahrnehmungen, Lebensgeschichten und ihren Blickwinkel auf das Thema ,,Scheitern“ widerzuspiegeln. Nebeneinander, miteinander, ohne Wertung.
Dem geschätzten Leser sei hier ein interessanter Einblick in den Ist-Zustand gewährt. Allen Interviewten sei ein herzlicher Dank ausgesprochen für die tiefen Einblicke in ihre Gedanken- und Lebenswelt.
(Ehemalige Leiterin der VinziRast in Wien)
Sie sagten im Vorgespräch: Ein Neunjähriger und ein Obdachloser, die reflektieren das ,,Scheitern“ nicht wirklich. Wie haben Sie das konkret gemeint?
Ich hab’s in Frage gestellt. Ich würde das nicht beurteilen.
Was sind Ihre Erfahrungen, oder Wahrnehmungen im Umgang mit Obdachlosen?
In der Notschlafstelle, wo ich mich aufgehalten habe, oft vier Mal pro Woche, hatte ich nicht wirklich die Gelegenheit für lange Gespräche, aber wo das der Fall war, war in der Schreibwerkstatt, die die Renate Welsh-Rabady regelmäßig ein Mal pro Monat seit 2007 macht, diese Einrichtung ist ein großes Geschenk gewesen, von Anfang an, weil da die Teilnehmer, Menschen, die obdachlos waren, nicht gewohnt sind, zuzuhören, vor allem aber auch, sich selber sprechen zu hören und Gedanken zu formulieren und wahr zu nehmen, dass die anderen still sind: Diesen Aspekt finde ich kostbar. - Das Scheitern im Speziellen - kann ich mich nicht erinnern, dass das jemals thematisiert wurde. Es ist nur ein Faktum, dass Entwürfe fürs Leben sich nicht realisiert haben. Wer ist Schuld daran? Das Leben, die Umstände, der Verlust einer wichtigen Bezugsperson?
Inwieweit kann man dann von einem Bewusstsein sprechen, am eigenen Scheitern Anteil zu haben?
Es gibt schon ein Bewusstsein darüber, dass sie selber auch Anteil haben und der Alkohol, immer wieder der Alkohol. Aber was es bedeutet, diese Geborgenheit zu erleben, zu einer Gemeinschaft zu gehören, das ist das eigentlich Entscheidende. Für viele von ihnen ist das eine erste Erfahrung. Auch Sicherheit ist eine wichtige Erfahrung, und damit ist ein Rahmen gesetzt, dass das Scheitern nicht im Vordergrund steht. Der VinziRast geht es nicht darum, diese Menschen vom Alkohol wegzubringen, oder aus der Obdachlosigkeit, sondern ihnen einen Raum anzubieten, wo sie nicht beurteilt werden, in dem man sie sein lässt wie sie sind. Bedingungslose Akzeptanz.
Was bedeutet Ihnen die VinziRast persönlich?
Das ist für mich ein Ort der Übung für viele Aspekte, der für mich immer wichtiger geworden ist, für persönliche Aspekte des Lebens, des Reifens und des Wachsens. Im Zusammensein mit Obdachlosen hat das für mich eine besondere Bedeutung bekommen, denn das sind ja - von außen gesehen - die Menschen, die gescheitert sind und die immer mit Urteilen und Vorurteilen belegt werden - und mit Erwartung. Für mich galten da drei Regeln: Keine Erwartung, kein Urteil, kein Vorurteil. Denn diese drei ,,Regeln“ spielen ja in jedem Menschenleben eine wichtige Rolle. Ich glaube, dass das die Atmosphäre in der VinziRast geschaffen hat, dass wir relativ wenig Aggression und Gewalt hatten.
Sie nennen die Menschen, die in die Notschlafstelle kommen, ,,Gäste“. - Was könnten wir von den ,,Gästen“ der VinziRast lernen, wenn wir uns mehr mit ihnen auseinandersetzen würden?
Na ja auf einer bestimmten Ebene der Umgang mit dem Scheitern. Das betrifft nicht nur Obdachlose, das habe ich auch immer wieder im Kennenlernen der Geschichten von Überlebenden der Konzentrationslager erfahren, wie eigentlich stark dieser Überlebenswille ist, wie sehr Gemeinschaft eine tragende Rolle spielt.
Sie bewegen sich in verschiedenen gesellschaftlichen Räumen und Rollenbildern. Wenn Sie dann in die VinziRast gekommen sind, fielen da nicht ganz viele Rollen plötzlich ab?
Ich habe ganz stark das Gefühl gehabt, ich begegne der Wirklichkeit. Das war einer der Gründe, warum ich gerne hingegangen bin: Der Schein, die Fassade, spielen dort in der Regel keine Rolle. Natürlich wollen einige auch etwas aufrecht erhalten, aber das fällt ganz schnell wieder in sich zusammen.
Welche Wirkung hat dieser Umstand auf Sie als Mensch?
Ehrlicher zu sein. Noch mehr die eigene Wahrheit ernst zu nehmen und die Sehnsucht danach. Durch die Konfrontation mit den Menschen habe ich ganz stark das Gefühl gehabt auch dem wirklichen Leben näher zu kommen. Ich fühle mich auch viel freier im Umgang mit den Menschen, wenn ich dort bin. Allein das Wahrnehmen, das Anschauen, das Lächeln - ja - das ist eine große Barriere, die da gefallen ist, das macht für die Betroffenen viel aus, aber auch für mich, weil es den Raum der Freiheit erweitert. Ich will mich auch von dem Druck, etwas geben zu müssen, befreien, und trotzdem ganz in die Begegnung gehen. Einen Menschen, der auf der Straße sitzt, im Moment der Begegnung wahrzunehmen, das ist etwas, das vielen abhanden gekommen ist.
Mit den prekären Einkommensverhältnissen heute ist die Grenze, etwas verlieren zu können, oder in die Obdachlosigkeit zu rutschen, dünner geworden. Da genügt eine Scheidung, ein kleiner Unfall, etwas, das uns plötzlich aus der Bahn werfen kann.
Ich glaube, dass heute die Bewertung von außen einen solchen Wichtigkeitsaspekt bekommen hat. Wir haben jetzt einen Zustand in der Welt, der den Menschen Angst macht. Nicht das Erfolg haben, Beherrschen, Siegen und Gewinnen sind entscheidend, sondern das Zuhören, Antworten finden, Zulassen und Raum schaffen ....ja, es sieht nicht danach aus im Moment... und trotzdem: ich habe das Gefühl, dass es mehr und mehr Menschen werden, die erkennen, dass das wichtig wäre. Ein radikales Umdenken ist notwendig. Natürlich ist das Ego ein riesiges Hindernis dabei.
Wovor haben Sie Angst?
Dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht entspreche... und: Ich möchte bis ans Ende meines Lebens Akteur, Spieler meines Lebens bleiben, und nicht Opfer werden. Ganz oft erlebe ich es an mir selbst, dass man anders reagiert, als man es eigentlich möchte. Diese Diskrepanz zwischen dem, was die Sehnsucht ist und dem, was sich dann zeigt, dass dieser Spalt geringer wird. - Das ist, was ich in der VinziRast erlebt habe: Viele Dinge gelingen, weil man sie auch zulässt. Es geht nicht um Erfolg. Das Wort kommt übrigens in der Bibel nicht vor. Trotzdem - unsere Kirche hat da ihre eigenen Kriterien aufgestellt...na ja...im Zuge der Entwicklung der VinziRast-Einrichtungen hat man uns nach dem Ziel gefragt. Wir hatten kein Ziel, wir wollten Bedingungen schaffen, in denen Menschen Erfahrungen machen können und was sie dann mit diesen machen, ist spannend und offen zu lassen. Vom ersten Tag an, haben sich schon Menschen gemeldet, Studenten, die eine Doktorarbeit schreiben wollten darüber...nein, lasst uns Zeit, man kann nicht jeden Zwischenfall protokollieren, es braucht Zeit!
Es ist ungewöhnlich, dass Studierende mit ehemals Obdachlosen Wohnungen teilen, wie funktioniert das?
Ich sag immer, das ,,funktioniert“ nicht, nur Maschinen funktionieren, aber ja: Das geht oft auch nicht gut und führt zu enormen Konflikten. Das war eine Gratwanderung, ein Haus zu leiten und gleichzeitig soweit offen zu lassen, dass die Menschen das Gefühl haben, sie bestimmen mit. Es gelingt vieles, aber man muss einen langen Atem haben. Man muss das Scheitern zulassen. Anders kommt man nicht auf den Grund.
Was ist ,,auf dem Grund“?
Ein fester Boden und damit eine gewisse Sicherheit. Ich konfrontiere mich mit mir selbst, ich gebe das Scheitern zu. Ich kann mich an die große Krise in meinem Leben erinnern, wo ich das Gefühl hatte, ich bin im freien Fall, ich bin in einer Liftkabine und sie saust Richtung Boden und wenn sie nur endlich ankommt, wenn sie mich nur zerreißt...im Grunde war es das tiefe Wissen, dass es für mich darum geht, an diese wirkliche Lebendigkeit ranzukommen und dass damit alles wegfallen muss, was angelernt ist: Gesellschaft, Religion, Erziehung, Bildung, alles was man sein muss und wie man Erfolg hat. - Das grundsätzliche Scheitern ist dann etwas, dass dann alles das zerbröselt, ich hab‘s so erlebt. Diese Lähmung, oder Unbeweglichkeit nicht ein und aus zu wissen und das auszuhalten, zu wissen: Erst im Nachhinein werde ich wissen warum und es wird sich wieder ein Raum geöffnet haben. Ja, das hat mit Lebendigkeit zu tun.
Ist ,,Schwäche“ etwas Negatives?
Im Zusammenhang mit einer tiefen Erfahrung des Scheiterns ist Schwäche vorübergehend und nicht existentiell. Das ist sehr persönlich: ich muss mir Schwäche zugestehen, weil ich vielen Menschen gegenüber ,,stark“ erscheine und das erdrückend sein kann. Also auch dominant. Und da sage ich mir: Wie kann ich das verhindern? Mit: Schwäche zeigen. In Verzweiflungsmomenten, wenn mir Tränen kommen, das ist doch ,,Schwäche“. Oder die Not, dass man Unterstützung sucht, Zuwendung braucht. - Natürlich bin ich andererseits nicht zugänglich für so Streicheleinheiten.
Was Sie als Schwäche bezeichnen, ist vielleicht einfach auch ,,menschlich“?
Ganz sicher. Das ist meine Sehnsucht nach Authentizität. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Bedeutung hat und die Lebensspanne dafür da ist, drauf zu kommen, was ist meine Aufgabe hier? Was ist meine Gabe? Natürlich kann ich mir in diesem Prozess Schwächen zugestehen. Das ist aber auch fast wieder eine Stärke...Ist es nicht auch eine Schwäche, dass man andere verletzt? Wie furchtbar das ist, wenn ich denke, wie viele Verletzungen ich anderen zugefügt habe. Auch in meinem Alltag. Und der Wunsch: Ich will nicht mehr verletzen, um dann zu erleben, wie tief Menschen doch verletzt von mir sind. Ja, das ist auch ein Scheitern. Ich glaube, dass Scheitern eine Form von Tod ist.
Gehört das in der Entwicklung der Persönlichkeit nicht einfach dazu, dass man diese ,,Tode stirbt“?
Unbedingt. Dass man sie stirbt, dass man sie zulässt und erst dann an die Essenz kommt. Meine Erfahrung ist, dass ich dadurch dem Leben näher komme. Ich glaube, dass viele Menschen das Scheitern verhindern wollen, dass das ihre größte Angst ist. Ist ja auch verständlich, wer will denn sterben? Meine Erfahrung ist, dass ich da dem Leben näher komme, wenn ich den Tod real erlebt habe. Nicht nur den von Menschen, die einem nahe stehen. Ich habe den Tod ja durch meine Krebsoperation physisch erlebt, herbeigesehnt, weil die Schmerzen so unerträglich waren und ich all dem so ausgesetzt war und andererseits war es eine Art seelischpsychischer Tod: Das Scheitern der eigenen Vorstellungen, wie mein Leben sich abspielen sollte, und was mir wichtig war bis dahin und dann das Gefühl zu haben, das ist gescheitert, das ist es nicht.
Haben erfolgreiche Menschen Angst nicht mehr erfolgreich zu sein?
Ich glaube, dass es niemanden gibt, der scheinbar sichtbaren Erfolg hat, und der nicht auch gleichzeitig die Erfahrung von Angst und von Scheitern erlebt hat. Wenn ich an den Androsch denke, der hat ja Scheitern erlebt, ich weiß nicht wie er das erlebt hat, aber er hat es nach außen in einen großen Erfolg verwandelt. Wie er das gemeistert hat, weiß ich nicht.
Woran scheitert unsere Gesellschaft?
Wer sagt, dass die Gesellschaft scheitert? Ich bin überzeugt, dass, wenn wir bessere Beziehungen zueinander hätten, wir eine bessere Gesellschaft hätten. Dass eine andre
