Auentod - Maxim Leo - E-Book

Auentod E-Book

Maxim Leo

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Beschreibung

»Es gilt einen neuen Kommissar zu begrüßen in der Riege der Lieblings-Krimi-Ermittler.« SPIEGEL ONLINE Voss ermittelt in geschichtsträchtiger Region zwischen Polen und Deutschland – und auf den Spuren der Frau, die er zu lieben glaubt. Die Sommerhitze flimmert über den Roggenfeldern, Graureiher staken durch das flache Wasser der Oderauen – und Kommissar Voss macht Urlaub in Polen. Mit Maja, der Pflegerin seiner Mutter. Doch während Voss sich noch an den Gedanken gewöhnen muss, dass sie jetzt vermutlich wirklich ein Paar sind, ist Maja plötzlich verschwunden. Kurze Zeit später stürzt im brandenburgischen Bad Freienwalde ein Software-Entwickler vom Baugerüst seiner Villa und stirbt. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich als ein Fall, der alle Gewissheiten in Frage stellt, sogar die Liebe. Auf der Suche nach der Frau, die er zu kennen glaubte, wird Maja für Voss immer mehr zu einer Fremden. Ist sie in kriminelle Machenschaften verwickelt? Ist sie überhaupt, wer sie zu sein vorgibt? Und warum führen ihre Spuren ausgerechnet zu dem Toten in Bad Freienwalde? Ein rasanter und packender Krimi, in dem es um die Geschichte und die verwunschene Landschaft des Oderbruchs geht, in dem ein zwielichtiger Straßen-Cowboy auftaucht, der sich als ein echter Freund erweist, und in dem sich die Frage stellt, warum man die wichtigen Dinge im Leben immer erst dann begreift, wenn es fast schon zu spät ist.

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Seitenzahl: 429

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Maxim Leo

Auentod

Der zweite Fall für Kommissar Voss

Kurzübersicht

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Inhaltsverzeichnis

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SONNTAG

Ein stechender Schmerz fährt Daniel Voss in die Seite, er bleibt keuchend stehen, Schweiß fließt ihm in die Augen. Er stützt sich mit den Händen auf den Knien ab, sieht seine dünnen, blassen Beine und die neonfarbenen Joggingschuhe mit den roten Blitzen an den Seiten, die ihm wie ein absurdes Versprechen erscheinen. Was für eine dämliche Idee, dieser Morgenlauf, denkt Voss. Normalerweise würde er um diese Zeit friedlich schlafen. Was macht er hier eigentlich? Die Schuhe hat ihm Maja vor ein paar Wochen zum Geburtstag geschenkt. Sie meinte, es wäre nicht schlecht für einen Mann in seinem Alter, ein wenig Sport zu treiben. Aha, sie beginnt mich zu verändern, dachte Voss. Die Joggingschuhe standen dann in seinem Schrank, wo sie jetzt wohl immer noch stehen würden, wenn Maja sie nicht einfach eingepackt hätte.

 

Es ist ihre erste gemeinsame Reise. Wobei Voss lieber von einem Ausflug spricht, das klingt weniger bedeutend, findet er. Eine Schulfreundin aus Polen hat Maja zu ihrer Hochzeit eingeladen. »Ich kann da nicht alleine hinfahren«, sagte Maja. »Nur alte Jungfern gehen alleine zu einer Hochzeit.« Es war ein seltsames Gefühl, als sie gestern in Sternekorp ins Auto stiegen und losfuhren. Wie ein richtiges Paar.

 

Offiziell ist es nämlich so, dass Maja, eine gelernte Krankenschwester aus Polen, die Pflegerin seiner Mutter ist. Sie wohnen beide seit mehr als einem Jahr im elterlichen Haus, Maja in einer Stube unter dem Dach, Voss in seinem alten Kinderzimmer. In mancher Nacht kommt Maja zu ihm, in mancher Nacht geht er zu ihr. Aber sobald der Tag anbricht und die Mutter ihre Befehle durch das Haus ruft, ist er wieder der Sohn und sie die Pflegerin. Seit ein paar Monaten geht das jetzt so, und wenn Voss ehrlich ist, dann findet er diese Situation erst mal gar nicht schlecht: Er hat eine Beziehung, ohne eine Beziehung zu haben. Er wohnt mit einer Frau zusammen, ohne mit ihr zusammenzuwohnen. Er mag diese Frau, sehr sogar, und sie ist so rücksichtsvoll, ihn nicht unter Druck zu setzen. Es ist alles erstaunlich ungeklärt – und erstaunlich schön.

 

Bevor die Sache mit Maja begann, wollte er so schnell wie möglich fort aus dem Haus der Eltern in Sternekorp. Es sollte eine Übergangslösung sein, nur für den Anfang, als er gerade in Bad Freienwalde bei der Mordkommission begonnen hatte. Doch dann kam ihm ein Fall dazwischen und dann noch einer und schon bald wollte er gar nicht mehr weg. Bei den meisten Paaren gilt der Schritt des Zusammenwohnens als ultimatives Bekenntnis der Liebe. Bei ihnen ist es umgekehrt, da besteht das Bekenntnis darin, auch außerhalb des Hauses zusammen zu sein. Deshalb fand Voss diesen Ausflug nach Polen anfangs zwar ganz schön, aber eben auch gefährlich. Schon die Art, wie ihm seine Mutter beim Abschied verschwörerisch zuzwinkerte, machte ihm klar, wie bedroht ihr charmantes Doppelleben war. Die Mutter behauptete auf einmal sogar, gar keine tägliche Pflege mehr zu benötigen. »Lasst euch Zeit, Kinder, ich komm’ schon klar«, rief sie ihnen hinterher.

 

Sein Puls wird ruhiger, er setzt sich am Rande des Feldwegs ins Gras, die Morgensonne wärmt angenehm. Voss blickt sich um, auf der Weide vor ihm stehen Kühe, die entspannt vor sich hin fressen. Er hört sie schmatzen und mit den Kiefern mahlen, eine Kuh hält beim Fressen die Augen geschlossen und sieht dabei genießerisch aus. In nicht allzu großer Ferne ist der Bauernhof zu sehen, auf dem sie letzte Nacht die Hochzeit gefeiert haben. Voss ist höchstens einen Kilometer gelaufen und schon völlig fertig, was allerdings auch daran liegt, dass er ein Atemproblem hat. Er weiß nicht, ob man beim Joggen durch die Nase oder durch den Mund einatmet, das war schon früher im Sportunterricht so. Wenn er Herrn Höstermann, den Sportlehrer, fragte, wie er denn nun einatmen solle, dann rief dieser: »Durch den Arsch, Voss!« Na ja, deshalb hat er jetzt dieses blöde Seitenstechen.

 

Und einen Brummschädel! Keine Ahnung, wie viel sie gestern Abend getrunken haben. Voss war das erste Mal auf einer polnischen Hochzeit, er wusste nicht, dass in den großen Wasserflaschen, die auf den Tischen in der Scheune standen, selbst gebrannter Wodka war. Sie haben den Wodka getrunken, Speck gegessen und getanzt. Noch bevor das Festessen losging, wirbelte die komplette Hochzeitsgesellschaft über den gestampften Lehmboden. Auch Voss tanzte ausgelassen. Maja nannte ihn »meinen deutschen Derwisch«, weil er schon bald ziemlich einen in der Krone hatte und seine Beine in die Luft warf, wie er das mal in einem russischen Märchenfilm gesehen hatte.

 

Voss steht auf, läuft gemächlich den Feldweg Richtung Bauernhof zurück, der Himmel ist blau und klar, von den Wiesen steigt feuchte Wärme auf, es wird ein heißer Tag, das kann man jetzt schon spüren. Wenn er nicht wüsste, dass er hier in Polen ist, würde er es wohl nicht merken. Alles sieht aus wie in Sternekorp. Die geschwungenen Felder und Wiesen, die Höfe aus rotem Backstein, die Storchennester auf den Telegrafenmasten, die verschilften Seen, die Feldsteinhaufen in den Senken. Etwa zwanzig Kilometer sind sie hier von der Oder entfernt, ähnlich weit wie Sternekorp vom anderen Oderufer wegliegt. Aber trotz der Nähe der Orte und der Ähnlichkeit der Landschaft kommt sich Voss gerade sehr weit weg vor. Angenehm weit weg, fast wie in einem anderen Leben. Vielleicht werden sie nachher baden gehen. Und die nächsten Tage hat er sich ebenfalls freigenommen. Er ist froh, dass er diesen Ausflug gewagt hat, er ist froh, gleich bei Maja zu sein, die wahrscheinlich noch im Bett liegt, weil sie zwar anderen das morgendliche Joggen empfiehlt, aber selbst gerne länger schläft.

 

Auf dem gepflasterten Hof hinter der Scheune ist noch alles ruhig, zwei verkaterte Hochzeitsgäste sitzen in der Sonne, trinken Kaffee. Voss nickt ihnen zu, läuft an dem alten Ziehbrunnen vorbei zum Gästehaus hinüber, das mal ein Stall gewesen sein muss. Eine Außentreppe führt an runden Luken entlang, durch die wahrscheinlich früher das Futter in den Stall geworfen wurde und die jetzt verglast sind und wie Bullaugen aussehen. Durch eines der Bullaugen kann Voss in Majas Zimmer schauen. Sie haben zwei nebeneinanderliegende Zimmer genommen, Maja hat das so organisiert, vielleicht um ihn nicht zu überfordern. Oder um selbst den Fragen der anderen zu entgehen. Geschlafen haben sie bei Maja, die schon aufgestanden zu sein scheint, das Bett ist leer. Voss geht in sein Zimmer, duscht, zieht ein weißes T-Shirt und eine Jeans an. Er hat auch eine kurze Hose mitgenommen, aber er mag seine dürren, weißen Beine nicht zeigen, vor allem nicht hier, wo alle mindestens zehn Jahre jünger sind als er. Das ist der Nachteil, wenn man mit einer jüngeren Frau zusammen ist, denkt er. Mit Maja allein spürt er den Unterschied gar nicht so sehr, aber wenn andere dabei sind, fühlt er sich wie ein Opa. Er betrachtet sich in dem kleinen Spiegel im Bad, sieht die roten Flecken auf seiner Stirn, die wulstigen Augenlider, die von tiefen Falten umrandet sind. Je länger man ein Körperteil betrachtet, desto schlimmer sieht es aus, denkt Voss.

 

Maja antwortet nicht, als er an ihre Tür klopft. Vielleicht ist sie schon zum Frühstück gegangen. Er steigt die Außentreppe hinunter, er hört einen Motor aufheulen, er hört Schreie. Eine junge Frau kommt in den Hof gerannt, Voss kennt sie von gestern Abend, sie ist eine der beiden Trauzeugen, die um Mitternacht ein Lied für das Brautpaar gesungen haben. Die Frau ruft etwas, sie sieht zu Voss hoch, fuchtelt mit den Armen. Dann scheint ihr einzufallen, dass er ja gar kein Polnisch spricht. »Männer … Maja … weg«, schreit sie. Er spürt, wie sein Magen sich vor Schreck zusammenkrampft, er nimmt die letzten Treppenstufen mit einem einzigen Sprung, rennt durch die Hofdurchfahrt zum Parkplatz. Dort ist nichts zu sehen, nichts zu hören. Die Frau ist ihm gefolgt, sie zeigt in Richtung der schmalen Asphaltpiste, die vom Parkplatz zum Dorf führt. »Männer, Auto!«, ruft sie. Voss tastet die Hosentaschen nach seinem Autoschlüssel ab, ihm fällt ein, dass er die Hose gewechselt hat, er rennt in sein Zimmer, findet den Schlüssel, rennt zum Parkplatz zurück. Er startet den Wagen, die Frau springt auf den Beifahrersitz, sie fahren los. Nach ein paar Minuten kommen sie an eine Kreuzung. Wenn Voss sich richtig erinnert, geht es links zum Dorf und rechts zur Landstraße. Er fährt rechts, sieht nach einer Weile in der Ferne die Alleebäume in einer langen Reihe stehen. Er erkennt einen Lastwagen, der nach Osten fährt, ansonsten ist die Landstraße leer. »Weiß Auto«, sagt die Frau. Voss fährt bis zur Landstraße vor, die Frau redet ununterbrochen, aber er versteht kaum etwas. Nur so viel, dass offenbar zwei Männer Maja in ein weißes Auto gezogen haben und weggefahren sind.

 

Als sie an der Landstraße ankommen, fährt ein grüner Traktor vorüber, sonst ist nichts zu sehen. Voss weiß, dass es sinnlos ist, weiterzufahren. Er fährt trotzdem weiter, mit hoher Geschwindigkeit Richtung Osten, die Straße glänzt in der Sonne, irgendwann hält Voss am Straßenrand an. »Wir müssen die Polizei verständigen«, sagt er, sein Hals ist trocken, seine Hände zittern.

Im Polizeipräsidium von Chojna, der nächstgelegenen kleinen Stadt an der Landstraße, die nach Osten führt, öffnet ein schmächtiger, verschlafener Mann in zerknitterter Uniform die Tür. Der Beamte ist offensichtlich nicht begeistert davon, an diesem frühen Sonntagvormittag gestört zu werden. Voss versteht nichts von dem, was die junge Frau an seiner Seite und der Polizist miteinander reden, aber es ist klar, dass der Mann seine Ruhe haben will. »Morgen wiederkommen«, sagt die Frau. Voss hält dem Beamten seinen Polizeiausweis vor die Nase. Der blinzelt, ist auf einmal wach. Voss und die Frau, deren Name Eva ist, warten in einem Dienstzimmer, in dem ein Aquarium steht, das von trägen, rotbäuchigen Fischen bewohnt wird. Voss versucht, möglichst viele Informationen von Eva zu bekommen, er versteht nicht alles, was sie sagt. Nur so viel, dass Eva auf dem Weg zu ihrem Auto war, als sie Maja sah, die am Parkplatz stand, im Gespräch mit zwei Männern. Der eine Mann saß am Steuer eines weißen Kastenwagens, der andere stand neben dem Auto. Als sie Eva sahen, zog der eine Mann die Schiebetür des Kastenwagens auf, stieß Maja hinein, sie wehrte sich mit Händen und Füßen, aber der Mann war stärker. Der Wagen startete und verschwand. Eva konnte weder das Autokennzeichen erkennen, noch hat sie die Gesichter der Männer genau genug gesehen. Sie hörte Majas Schreie, das Aufheulen des Motors, das war es. Voss kann sich keinen Reim auf das Ganze machen. Kannte Maja die Männer? Er hat mehrmals versucht, sie anzurufen. Ihr Handy ist ausgeschaltet.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit betritt Hauptkommissarin Agnieszka Zajak das Polizeipräsidium von Chojna. Sie ist Mitte vierzig, hat dunkle, kurze Haare, trägt eine Motorradlederjacke und schwere Biker-Boots mit kupferfarbenen Metallschnallen. Sie streift Voss mit einem flüchtigen Blick, holt eine verknotete Plastiktüte aus der Tasche und streut ein helles Pulver in das Aquarium. Die rotbäuchigen Fische lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, ziehen weiter gelangweilt ihre Bahnen und schnappen von Zeit zu Zeit wie zufällig nach einem Futterkrümel. Die Hauptkommissarin setzt sich hinter ihren Schreibtisch, sieht Voss mit braunen, reservierten Augen an und sagt:

»Na dann erzählen Sie mal.«

Voss erzählt, was er weiß, er spricht langsam und deutlich.

»Sie können ganz normal reden, Herr Kollege, mein Vater ist Deutscher, ich beherrsche die Sprache.«

Voss ist überrascht, sie spricht wirklich fast ohne Akzent. Danach befragt sie Eva, die Augenzeugin, die ziemlich lange redet. Voss denkt, dass sie ihm vielleicht etwas verschwiegen hat.

»Weiß sie noch mehr, als ich gesagt habe?«, fragt er.

»Lassen Sie mich die Fragen stellen, Herr Kollege, sonst vergeuden wir unnötig Zeit. Wann sind Sie an dem Bauernhof angekommen, auf dem die Hochzeit stattfand?«

Voss muss kurz schlucken, entscheidet sich dann aber dafür, einfach nur die Fragen zu beantworten, auch wenn das für ihn ungewohnt ist.

»Gestern Nachmittag, gegen fünfzehn Uhr.«

»Wo sind Sie langgefahren?«

»Bei Hohenwutzen über die Grenze, dann die Landstraße bis Cedynia.«

»Ihre Freundin …«

»Sie ist nicht wirklich meine Freundin.«

Voss sagt diesen Satz mit einer Entschiedenheit, die ihn selbst überrascht. Die Kommissarin scheint das zu bemerken.

»Ach so, was ist sie dann?«

»Das ist ein bisschen kompliziert. Sie ist Krankenschwester und pflegt meine Mutter, wir wohnen in der Nähe von Bad Freienwalde.«

»Was ist denn daran kompliziert?« Die Kommissarin blickt ihn herausfordernd an.

Voss wendet den Blick ab, er überlegt, was er sagen soll.

»Es ist so, dass Maja und ich uns etwas besser kennen, als wenn wir jetzt nur sozusagen im selben Haus wohnen würden.«

Ein ungeduldiger Zug legt sich um den Mund der Kommissarin. »Herr Kollege, je deutlicher Sie mit mir reden, desto besser kann ich begreifen, desto schneller kommen wir voran.«

»Ich weiß«, sagt Voss. Er spürt, wie ihm das Blut in den Kopf steigt. »Es ist nur so, dass es gar nicht so einfach ist.«

»Aha«, sagt die Kommissarin, ein winziges Lächeln huscht über ihr Gesicht. »Fuhr Ihre … Bekannte des Öfteren nach Polen, besuchte sie vielleicht ihre Familie?«

»Nein. Maja ist jetzt schon über ein Jahr bei uns in Sternekorp, und sie war nicht ein einziges Mal weg.«

»Wo wohnt ihre Familie?«

»Ich glaube in Poznan. Das hat sie jedenfalls mal erwähnt.«

»Okay, dann schauen wir im Melderegister nach, ihren vollständigen Namen kennen Sie ja wohl?«

Voss atmet tief ein, dunkle Schleier tanzen in seinem Kopf. Er hat Majas Namen nur ein einziges Mal gelesen, auf dem Arbeitsvertrag, den sie unterschrieben hat. Der Familienname war lang und kompliziert. Wenn er sich richtig erinnert, war auch ihr Vorname lang und kompliziert. Sie hatte gesagt, sie werde von allen Maja genannt. Seitdem hat er nie wieder über ihren Namen nachgedacht. Die Kommissarin sieht ihm seine Verwirrung offenbar an.

»Nur damit ich das richtig verstehe, Herr Kollege«, sagt sie. »Bei Ihnen wohnt seit über einem Jahr eine Frau, die sich um Ihre Mutter kümmert und um die Sie sich offensichtlich auch ein wenig kümmern. Und Sie wissen nicht, woher sie kommt, und kennen ebenso wenig ihre familiären Verhältnisse? Sie kennen noch nicht mal ihren Namen?«

Voss nickt. »Ich weiß, das klingt alles etwas seltsam, aber wir sind, glaube ich, in dieser Zeit wie eine kleine Familie geworden. Es war so normal, so selbstverständlich. Wir wussten, wer wir sind.« Er spricht, ohne nachzudenken, die Worte purzeln aus ihm heraus. Er unterbricht sich, um nicht noch mehr Dinge preiszugeben, die nur Maja und ihn etwas angehen. Es stimmt, er hat ziemlich wenig über Maja und sich nachgedacht, aber nicht aus Desinteresse, nein, das war es ganz sicher nicht. Es ist wohl eher so, dass er sich zum ersten Mal wirklich auf eine Frau eingelassen hat. Sie haben sich treiben lassen, ohne ständig alles infrage zu stellen. Das ist für ihn, den großen Grübler, viel erstaunlicher, als wenn er sich ihren komplizierten Nachnamen gemerkt hätte.

Die Kommissarin schüttelt den Kopf. »Ich weiß ja nicht, in was für einer Familie Sie aufgewachsen sind, aber in meiner Familie wissen wir schon so ein paar grundsätzliche Sachen voneinander.« Sie steht auf, läuft im Büro auf und ab, versucht offensichtlich, ihren Ärger loszuwerden. Sie betrachtet die rotbäuchigen Fische, die stoisch ihre Kreise ziehen, das scheint sie etwas zu beruhigen, sie dreht sich wieder zu Voss um. »Gut, lassen wir das und fangen ganz von vorne an: Wann sind Sie in Deutschland losgefahren?«

»Gegen elf Uhr.«

»Normalerweise braucht man von Bad Freienwalde bis nach Cedynia nicht mehr als eine Stunde. Sie sind erst um fünfzehn Uhr angekommen, was haben Sie die ganze Zeit gemacht?«

 

Tja, was haben sie gemacht? Voss überlegt, sieht erneut das Bild vor sich, als sie in Sternekorp ins Auto stiegen. Es lag etwas in Majas Blick, eine Mischung aus Freude und Beklommenheit. Es war klar, dass dieser Ausflug wichtig für sie war, dass sie ihm etwas von sich zeigen wollte. Wobei, wenn Voss ehrlich ist, dann war ihm das gestern bei der Abreise noch nicht so klar. Maja hatte einen Picknickkorb vorbereitet. Neben ihren polnischen Wunderbuletten gab es geschnittene Paprikaschoten, Tomaten, gekochte Eier, Weißbrot, eine halbe Flasche Rotwein, kalten Schweinebraten, eingelegte Gewürzgurken und Kartoffelsalat. Sie hatte auch zwei weiße Porzellanteller, Servietten, Besteck und Gläser dabei. Er fragte, was der Aufwand solle, ob die Hochzeit in Sibirien stattfinde. Aber sie sagte, ein gutes Picknick sei das Wichtigste bei einem Ausflug. Egal, wie lange man unterwegs sei.

 

Sie nahmen die Straße, die sich hinter Bad Freienwalde in die Höhe windet, um hernach in langen Serpentinen ins Odertal abzufallen. In Hohenwutzen fuhren sie über die grüne Stahlbrücke nach Polen. »Jetzt bist du bei mir zu Hause«, sagte Maja. Voss sah die breite, mächtige Oder, die unter der Brücke gemächlich einen Bogen zog. Das kräftige Gras der Oderauen säumte den Fluss und gab ihm etwas Verspieltes. Das Wasser hatte die Uferkanten ausgespült, es gab kleine Strände und Inseln, auf denen Störche standen. Dieser Fluss wirkte so frei und ungebändigt, ganz anders als die meisten großen Wasserstraßen, die begradigt und ernst ihren Zweck erfüllen.

 

Auf der polnischen Oderseite sah er eine Fabrikruine, um die herum sich Verkaufshallen und kleine Stände angesiedelt hatten. »Alles billig«, stand auf einem großen Schild. Maja wollte gar nicht anhalten, aber Voss war neugierig auf den Polenmarkt, von dem er in Sternekorp schon gehört hatte. Sie parkten neben einer Tankstelle, in der das Benzin zwanzig Cent weniger kostete als in Deutschland. Voss sah blondierte Verkäuferinnen, die lauthals rosafarbene Gummistiefel oder Tigerblusen mit Strassmustern anpriesen. Er sah dicke Brandenburger mit hochnäsigen Gesichtern die Ware inspizieren und die längsten Bratwürste der Welt vertilgen. Schlagermusik dröhnte aus Lautsprechern, und Männer mit Kunstlederjacken boten raubkopierte Filme in deutscher Sprache an. Voss verstand jetzt, warum Maja hier gar nicht erst hatte anhalten wollen, dieser Ort war deprimierend. Vor allem die eigenen Leute waren ihm peinlich, wie sie hier herumstolzierten, die anderen von oben herab behandelten, es genossen, mal selbst die Reichen zu sein. Voss kaufte ein Kilo Tomaten bei einer alten Bäuerin, die etwas entfernt an der Straße stand, er gab ihr fünf Euro Trinkgeld. Maja sagte: »Na ja, nun hast du es gesehen.«

 

Sie stiegen ins Auto und fuhren davon, aber dem Polenmarkt entkamen sie so schnell nicht. Bis ins nächste Dorf reichten die Stände und Hütten, dort wurden sie abgelöst von Läden und Supermärkten. »Hier gibt es alles, was den Deutschen wichtig ist«, sagte Maja. Voss sah Metallzäune, Autoreifen, Hundefutter, Gartenzwerge, Autoschonbezüge. Sie kamen an Dutzenden Friseurgeschäften und Kaminholzlieferanten vorbei, am Ende des Dorfes standen beidseits der Straße Häuser mit roten Leuchtgirlanden, die sich »Villa Rossa« oder »Villa Amor« nannten. Dann kam gar nichts mehr, keine Stände und keine Deutschen, das Grenzland war zu Ende und das richtige Polen begann.

 

Voss hört ein Hüsteln, das ihn aus seinen Gedanken reißt. »Herr Kollege, ich würde gerne möglichst zügig das Protokoll aufnehmen, ich denke, das müsste auch in Ihrem Sinne sein«, sagt die Kommissarin.

»Natürlich, entschuldigen Sie bitte«, sagt Voss. »Wir haben uns Zeit gelassen, sind ein bisschen rumgefahren, haben öfter angehalten, ich war noch nie in dieser Gegend hier.«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Ist Ihnen vielleicht jemand gefolgt? Haben Sie etwas Ungewöhnliches beobachtet?«

Voss hat Mühe, sich zu konzentrieren, er spürt eine seltsame Lethargie, das passiert ihm manchmal, wenn ihn etwas aufwühlt oder verletzt. Seine Gedanken schweifen dann ab, schleichen sich davon. Gerade muss er daran denken, wie oft er selbst schon anderen solche Fragen gestellt hat, meist ohne große Hoffnung, dass sich ein Zeuge wirklich an etwas Ungewöhnliches erinnert. Die meisten Menschen, das ist seine Erfahrung, bekommen recht wenig von dem mit, was um sie herum passiert. Sie leben in ihren Gedanken, in ihren Gewohnheiten, sie hören das, was sie immer hören, und sehen auch nur das, was sie immer sehen. Er hat vor Jahren einen Mann vernommen, der seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet war und dessen Frau eines Abends an einem Herzschlag neben ihm auf dem Sofa starb. Der Mann konnte sich nicht daran erinnern, wann seine Frau an diesem Abend zum letzten Mal gesprochen hatte. Ob sie überhaupt gesprochen hatte, ob sie irgendwann rausgegangen war. Mit den Smartphones ist alles noch schlimmer geworden, weil jetzt auch die jungen Leute nichts mehr sehen, sie starren nur auf ihre Bildschirme. Erst neulich hat Voss einen Artikel darüber gelesen, in der Zeitschrift »Kriminalistik« stand, dass wegen der neuen Telefone die Zahl der brauchbaren Augenzeugen deutlich gesunken sei.

 

»Herr Kollege Voss, geht es Ihnen nicht gut?« Die Kommissarin sieht ihn halb verärgert, halb besorgt an.

»Doch, alles in Ordnung, was soll mit mir sein? Also mir ist nichts aufgefallen, ich kann mich nicht erinnern, jemanden Verdächtiges gesehen zu haben. Wir haben gepicknickt, an der Oder, wir haben Steine zum anderen Ufer geworfen, nach Deutschland, aber die Steine flogen nicht weit genug …« Voss stockt, er blickt um sich. »Ist diese junge Frau nicht mehr da? Eva heißt sie, glaube ich?«

Die Kommissarin steht von ihrem Schreibtisch auf und kommt auf ihn zu. »Ich glaube, Sie stehen unter Schock, Herr Voss, Sie sind ganz blass … Eva wird Sie ins Hotel begleiten, dort sollten Sie sich ein wenig ausruhen. Ich werde hier alles in die Wege leiten.« Sie gibt ihm eine Karte mit ihrer Handynummer.

Als der Motor ausgeht, wacht Voss auf. Der Wagen steht auf dem Parkplatz vor dem Bauernhof. Voss blinzelt, am Steuer sitzt Eva, die ihn aufmerksam betrachtet. »Wird gut alles«, sagt sie. Er reißt die Tür auf, atmet die warme Luft ein. Es ist wirklich ein heißer Tag geworden, durch die Hofeinfahrt hallen Stimmen, er hört Kinder schreien und Frauen lachen. Die Hochzeitsfeier geht einfach weiter, als wäre nichts passiert.

 

Voss läuft über den Hof, steigt am Gästehaus die Außentreppe hoch. Er spürt die Blicke der Hochzeitsgäste, die Gespräche im Hof werden leiser, gehen in aufgeregtes Murmeln über. Er dreht sich kurz zum Geländer, macht eine Armbewegung, die besagen soll, dass alles okay ist, und eilt zu Majas Tür. Es ist, als wäre es ewig her, dass er hier verschwitzt mit seinen neuen Joggingschuhen stand.

 

Die Tür ist nicht abgeschlossen, er weiß, dass er eigentlich auf die polnischen Kollegen warten müsste, bevor er das Zimmer durchsucht, aber er will nicht warten. Er lässt die Tür ins Schloss fallen und horcht in die Stille. Die beiden Bettdecken liegen zerwühlt auf der Matratze, Voss hat links geschlafen, Maja rechts. Auf dem Nachttisch steht ein halb ausgetrunkenes Glas Wasser, außerdem liegt dort ihre silberne Schlafmaske. Voss versucht sich daran zu erinnern, wie das Zimmer aussah, als er es leise verließ, um seinen bescheuerten Morgenlauf zu machen. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert. Majas ockerfarbene Reisetasche liegt auf der Erde, in der Tasche findet er ein Paar Jeans, Unterwäsche, Büstenhalter, Socken, zwei T-Shirts, einen leichten und einen dicken Pullover und den neuen Badeanzug, den sie sich vor der Abfahrt in Bad Freienwalde gekauft hat. Der Badeanzug ist hellblau und hat dunkelblaue Streifen. In einer Innentasche findet Voss ein Foto von sich. Das Bild hat Maja im Garten in Sternekorp aufgenommen, kurz nachdem sie zum ersten Mal Tomatensetzlinge ins Gewächshaus umgepflanzt hatten. Er sieht verschwitzt aus, versucht zu lächeln, was nur halbwegs gelingt und seinen schmalen Mund ein wenig schief erscheinen lässt. Seine Augen blicken ruhig und konzentriert. Er stellt sich zum hundertsten Mal die Frage, was diese Frau an ihm findet.

 

In ihrer Handtasche, die auf dem Tisch am Fenster liegt, sind ihr Portemonnaie, zwei Lippenstifte, ein Päckchen Taschentücher, zwei einzeln verpackte Kondome und eine halbe Tafel Milka-Schokolade. Ihr Telefon ist nicht da. Im Portemonnaie steckt ihr polnischer Personalausweis, sie heißt mit vollem Namen Marianka Wisniewska. Geboren wurde sie am 21. März 1985 in Lukowice. Der Ausweis wurde in Cedynia ausgestellt. Voss überlegt, der Name sagt ihm etwas. Ja, richtig, das ist die erste Kleinstadt, durch die sie hinter der Grenze gefahren sind. Stammt Maja also hier aus der Gegend? Er hat sie irgendwann gefragt, wo sie herkomme, aber sie hat ausweichend geantwortet. »Außerdem, wenn du mich heute fragst, Daniel, dann würde ich sagen, ich komme aus Sternekorp«, hat sie dann noch gesagt und ihn mit ihren schmalen, grünen Augen prüfend angeschaut.

 

Er schickt eine SMS mit Majas Ausweisdaten an die Kommissarin, dann durchsucht er weiter das Portemonnaie. In einem kleinen Fach hinter Majas EC-Karte steckt das Schwarz-Weiß-Passbild eines älteren Mannes. Ist das ihr Vater? Er hat ein schmales Gesicht und kleine, harte Augen, die verächtlich oder womöglich auch nur unsicher in die Kamera blicken. Voss kann keinerlei Ähnlichkeiten zwischen Maja und diesem Mann entdecken. Oder das ist ihr zweiter Liebhaber, denkt er, weil sie nun mal auf ältere Männer steht.

 

Voss geht ins Bad, macht das Licht an, inspiziert die gläserne Duschkabine. An der transparenten Gummidichtung, die an der Unterkante der Glastür sitzt, sind Wassertropfen zu sehen. Sie hat also geduscht, bevor sie hinausging. Ein Frotteehandtuch, das neben der Tür auf der Erde liegt, ist feucht, und auch ihre Zahnbürste sieht frisch benutzt aus. Majas Schminkzeug hingegen findet er nicht, ihm fällt ein, dass sie sich gestern Abend bei ihm im Zimmer geschminkt hat, weil das Licht an ihrem Badspiegel nicht funktionierte. Seltsamerweise funktioniert das Licht jetzt. Voss überlegt, wie wahrscheinlich es ist, dass Maja ungeschminkt das Zimmer verlässt, um zum Beispiel zum Frühstück zu gehen. Sehr unwahrscheinlich, zumal wenn sie beim Frühstück von so vielen Leuten umgeben ist. In Sternekorp schminkt sie sich sogar, bevor sie in den Garten geht. Das heißt, normalerweise hätte sie nach dem Duschen versucht, in sein Zimmer zu kommen, um ihre Schminksachen zu holen, was sie offensichtlich nicht getan hat. Bei solchen Gedanken merkt Voss, dass sie sich noch nicht besonders gut kennen.

 

Immerhin wäre es auch möglich, dass Maja schon aufgestanden war und geduscht hatte, als er noch den Feldweg hinuntergetrabt ist. Dann wäre sie nicht im Bad gewesen, als er zurückkam, sondern irgendwo draußen, ungeschminkt, weil sein Zimmer abgeschlossen war. Vielleicht ist sie zum Telefonieren rausgegangen? Er erinnert sich, dass sie gestern Abend versucht hat, von ihrem Zimmer aus eine Freundin anzurufen, aber kein Netz bekam. Als Voss das Licht am Badspiegel wieder ausmachen will, springt der Schalter aus der Plastikfassung. Er versucht, den Schalter wieder hineinzudrücken, aber es gelingt nicht, stattdessen löst sich der Badspiegel von dem Holzrahmen, an dem er befestigt ist. Voss tastet in den Hohlraum, um nach der Schraube zu suchen, die sich offenbar gelöst hat. Seine Finger stoßen an etwas Schweres, das in ein Tuch eingewickelt zu sein scheint. Er holt das Bündel hinter dem Spiegel hervor, schlägt das Tuch auf und hält eine SIG Sauer P 228 in der Hand. Er kennt diese Waffe gut, es ist die Standard-Dienstpistole für alle Polizeivollzugsbeamten des Landes Brandenburg. Die Waffe ist geladen und gesichert, ein zweites Magazin liegt dabei.

Es klopft an der Tür, Voss wickelt schnell die Waffe zurück in das Tuch, legt sie in den Hohlraum und schiebt den Spiegel wieder auf den Holzrahmen. Er öffnet die Tür, vor ihm steht Natalja, die Braut. Er hätte sie beinahe nicht erkannt, weil sie anders als gestern keine verlängerten Wimpern, weniger Make-up und keinen weißen Schleier trägt. Neben Natalja steht ein älterer Mann, der sich als ihr Onkel Wadi vorstellt.

»Ich spreche Deutsch, deshalb hat Natalja mich mitgebracht«, sagt Onkel Wadi in einem weichen, leicht klagenden Ton, den Voss so ähnlich schon von Maja kennt. »Wir wollten wissen, was passiert ist.«

»Das würde ich auch gerne wissen«, sagt Voss. Er erzählt den beiden von den spärlichen Erkenntnissen, die er bislang hat. »Es wäre eine große Hilfe, wenn Sie unter den Hochzeitsgästen herumfragen könnten, wem etwas aufgefallen ist und wer Maja womöglich an diesem Morgen gesehen hat. Wahrscheinlich wird später noch die Polizei kommen und Befragungen anstellen.«

Onkel Wadi übersetzt Natalja, was Voss gesagt hat. Sie antwortet und Onkel Wadi übersetzt zurück: »Wir haben natürlich alle gefragt, eine Frau hat ein weißes Auto vom Fenster aus gesehen, aber leider keine Verkehrsnummer …«

»Kein Nummernschild«, sagt Voss.

»Ja, genau. Sonst hat keiner Maja seit gestern Abend gesehen, aber es kennt sie auch fast niemand, weil sie ja schon so lange weg ist.«

»Sie hat hier in der Gegend gewohnt und ist dann weggezogen?«

»Sie hat eine Arbeit gefunden, irgendwo weit weg, und ist immer nur selten hergekommen. Dann, vor mehr als einem Jahr, war sie ganz verschwunden, wir wussten gar nicht, wohin. Vor zwei Monaten hat Natalja bei Facebook eine Nachricht von ihr gefunden. So konnte Natalja sie zur Hochzeit einladen.«

»Natalja«, sagt Voss, »kannst du mir ein bisschen was über Maja erzählen? Woher sie kommt, wo ihr zusammen zur Schule gegangen seid, wer ihre Eltern sind, was sie sonst noch für Familie hat?«

Onkel Wadi übersetzt, und Natalja schaut Voss staunend an. »Du willst Maja heiraten, aber du kennst sie nicht besonders gut.«

Jetzt ist Voss verblüfft. »Heiraten? Wer spricht denn von Heiraten?«

Es dauert eine Weile, bis Onkel Wadi den ganzen Schwall übersetzen kann, der nun aus Natalja herausbricht. Es sieht so aus, als habe Maja ihrer alten Schulfreundin über Wochen via Facebook ein detailliertes Bild ihrer Beziehung mit Voss gezeichnet. Nur dass dieses Bild die Realität auf groteske Weise verkehrt. Natalja zufolge hat Maja davon erzählt, dass sie zusammen mit ihrem Liebsten ein romantisches Feldsteinhaus in einem Dorf bezogen habe, in das sie später auch die Schwiegermutter geholt hätten, die krank sei und intensiver Hilfe bedürfe. Weil Voss ein Familienmensch sei und beruflich äußerst eingespannt, habe er Maja, seine Verlobte, gebeten, sich um die Schwiegermutter zu kümmern, zumindest so lange, bis das erste Kind da sei. Bis dahin sollte natürlich auch geheiratet werden, weil Maja ungern schwanger vor den Altar treten würde. Die beiden Freundinnen hatten sich sogar schon über ein passendes Kleid, den Tischschmuck und das Design der Hochzeitseinladungen ausgetauscht. Deshalb, sagt Natalja, hätte sich Maja so auf ihre Hochzeit gefreut, sie habe sehen wollen, was sie davon für ihr eigenes Fest übernehmen könne. Und sicherlich, fügt Natalja noch an, sei es auch für Voss interessant zu sehen, wie polnische Frauen heiraten, damit er nicht ähnliche Fehler mache wie bei der Verlobung, wo er ja ein Paar gelbe Gummistiefel aus Naturkautschuk für ein angemessenes Geschenk gehalten habe.

 

Voss versucht, nicht allzu verdattert zu wirken und einigermaßen Haltung zu bewahren. Er will nicht, dass Maja als Lügnerin vor ihrer Freundin dasteht, dann nimmt er es schon lieber in Kauf, selbst der Depp zu sein. Er fragt sich nur, wie es kommt, dass Maja solche Geschichten erzählt? Sind das ihre Träume, die sie ihm nicht anvertrauen wollte? Oder schämt sie sich, als Altenpflegerin in einem brandenburgischen Dorf zu arbeiten und eine mehr oder weniger versteckte Beziehung mit einem vierzehn Jahre älteren Polizisten zu führen, der in einem Kinderzimmer wohnt? Außerdem muss er die ganze Zeit an die Waffe denken, die hinter dem Badspiegel liegt, es fällt ihm nicht leicht, sich überhaupt auf das Gespräch zu konzentrieren.

 

»Es stimmt, wir hatten wenig Zeit, uns kennenzulernen«, sagt Voss schließlich. »Zwischen meinem Beruf und meiner kranken Mutter ist das alles nicht so einfach. Aber jetzt würde ich gerne ein paar Sachen über Maja erfahren, weil ich sie ja wiederfinden muss.« Natalja und Onkel Wadi sehen ihn mitleidig an, Voss hat auf einmal einen Kloß im Hals. Diese ganze Geschichte macht ihn fertig. Und schließlich ist er ja auch ein Depp, wenn er Maja erst kennenlernt, nachdem sie verschwunden ist.

 

Voss setzt sich aufs Bett, Natalja und Onkel Wadi nehmen auf den beiden Stühlen Platz, die am Fenster stehen. Und Natalja beginnt zu erzählen, von ihrer einst besten Freundin Maja, die wie sie selbst in dem Dorf Lukowice, zehn Kilometer entfernt von hier, wohnte. Wobei der schmeichelhafte Titel der besten Freundin die reinste Wahrheit war und zugleich eine kleine Lüge, was allein daran lag, dass im ganzen Dorf nur zehn Häuser standen und sie die beiden einzigen Mädchen ihres Alters waren. Natalja sagt, sie hätten sich wenig gestritten, und wenn es doch Streit gab, waren sie schon bald wieder versöhnt. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, einander nicht zu mögen. Selbst die Leute im Dorf nahmen sie irgendwann nur noch zusammen wahr, sie hießen »die Mädels«. Als sie fünf waren, hüteten sie die Gänse, mit sieben halfen sie beim Heumachen und beim Ernten, mit zwölf fuhren sie auf den Markt und verkauften Gemüse. Sie gingen in Cedynia zur Schule, wo natürlich auch andere Kinder waren, aber sobald die Schule vorbei war, mussten sie schnell nach Hause, weil dort die richtige Arbeit auf sie wartete. Zur Erntezeit wurden sie erst gar nicht zur Schule geschickt, sodass sie, bis sie sechzehn wurden, mehr oder weniger aufeinander angewiesen waren.

»Das war nicht schlecht, Sie dürfen das nicht falsch verstehen, wir waren gerne zusammen, aber es war eben so, wie es war«, sagt Natalja, und Onkel Wadi, der immer besser in seine Rolle findet, übersetzt.

Voss nickt, fragt nach Majas Eltern. Natalja erzählt von Majas Mutter, die Krankenschwester gewesen sei und sowohl den Menschen als auch den Tieren in Lukowice und in den anderen Dörfern geholfen habe. Eigentlich arbeitete sie im Krankenhaus in Chojna, aber wie fast alle Leute in der Gegend schuftete sie auch nach Feierabend weiter. Majas Vater war Hufschmied, ein lustiger Mann mit schwarzen Locken, der leider etwas viel trank. Als Maja sechzehn war, starb ihre Mutter, wahrscheinlich an einer Blutvergiftung, die ihre Kollegen im Krankenhaus übersehen hatten. Nach dem Tod seiner Frau war der Vater nicht mehr so lustig und trank noch mehr. Maja musste sich um den Haushalt und auch um ihren zwei Jahre jüngeren Bruder Marek kümmern. Zu dieser Zeit durfte Natalja manchmal am Wochenende in die Disco nach Cedynia, Maja aber musste zu Hause bleiben, weil ihr Vater Angst hatte, ihr könnte etwas passieren. Natalja lernte ihren ersten Freund kennen und begann eine Ausbildung als Verkäuferin in einem Einkaufszentrum in Gryfino. Maja wollte eigentlich Krankenschwester werden, wie ihre Mutter, aber die Fachhochschule war zu weit weg, der Vater sagte, er brauche sie zu Hause. Also blieb sie im Dorf und machte eine Lehre bei einem Rinderzüchter, dessen Betrieb nicht weit entfernt war.

»Da haben wir uns verloren«, übersetzt Onkel Wadi, und Natalja nickt dazu.

»Das heißt, sie ist gar keine Krankenschwester geworden?«, fragt Voss.

»Es ging nicht, manchmal ist Leben stärker als Mensch.«

Das ist, findet Voss, einer der weisesten Sätze, die er seit Langem gehört hat, auch wenn er die Weisheit gerade nicht so recht genießen kann, weil er sich fragt, was er wohl noch so alles über diese Frau erfahren wird, die er zumindest ein wenig zu kennen glaubte. Er fragt sich auch, woher die Männer, die Maja in das Auto zerrten, überhaupt wussten, dass sie hier ist.

»Natalja, wer von den Hochzeitsgästen kannte Maja noch von früher?«

Sie überlegt, scheint im Geist die Leute durchzugehen, schüttelt immer wieder den Kopf. »Eigentlich nur Oleg, der war bei uns auf der Schule«, übersetzt Onkel Wadi.

»Ist dieser Oleg noch da?«

»Er ist gestern Abend ziemlich früh nach Hause gefahren, er sagte, er hätte sich den Magen verdorben. Aber vorhin kam er wieder, er sitzt wahrscheinlich gerade im Hof.«

 

Voss’ Handy klingelt, er geht ein wenig zur Seite und nimmt den Anruf an, es ist Neumann, sein Assistent aus Bad Freienwalde.

»Hallo Chef, tut mir leid, dass ich Sie störe, ich weiß ja, dass Sie im Urlaub sind und dass man da nicht …«

»Was gibt’s, Neumann?«

»Wir haben einen Toten, Georg Kramer, 42 Jahre alt, aus Bad Freienwalde, er wurde unter dem Baugerüst der Villa gefunden, die er für sich und seine Familie sanieren lässt.«

»Irgendwelche Anzeichen für Fremdeinwirkung?«

»Nein, bisher nicht, wir gehen von einem Unfall aus.«

»Was macht der Mann beruflich?«

»Informatiker, arbeitet bei Avanta in einem Rechenzentrum in Strausberg. Ich meine, ich glaube auch nicht … ich wollte Sie nur informieren, Sie wissen ja, das ist im Alarmprotokoll so vorgesehen, vor allem in der neuen Fassung vom …«

»Neumann, wenn Sie weiter nichts haben, würde ich diesen Vorfall als an mich gemeldet betrachten und Ihnen einen schönen Sonntag wünschen.«

»Selbstverständlich, Chef …«

 

Als Voss zusammen mit den beiden das Zimmer verlässt und über die Außentreppe in den Hof hinabsteigt, deutet Natalja auf einen durchtrainierten Mann mit kurzen, blonden Haaren, der gerade am Büfett steht und einen Teller mit Wurstsalat und hartgekochten Eiern volllädt. »Das ist Oleg.« Der hat einen ganz schönen Appetit für jemanden, der gerade noch einen verdorbenen Magen hatte, denkt Voss. Er greift sich auch einen Teller, stellt sich neben den Mann, tut sich etwas Weißbrot und Konfitüre auf. Voss zeigt auf Olegs Magen, fragt »wieder gut?«. Der Mann sieht Voss irritiert an, zum Glück ist Onkel Wadi in der Nähe, der übersetzt und ein flüssiges Gespräch ermöglicht. Oleg wirkt so, als erinnerte er sich erst jetzt an seine nächtlichen Bauchbeschwerden, er sagt, es sei wieder alles in Ordnung.

»Sie kennen Maja, habe ich gehört?«

Onkel Wadi übersetzt die Frage und Oleg antwortet, er habe Maja schon lange nicht gesehen und kaum wiedererkannt. Er wirkt nervös, seine Augen huschen hin und her.

»Habt ihr miteinander gesprochen?«

»Nein, sie war ja den ganzen Abend mit Ihnen beschäftigt.«

»Haben Sie davon gehört, was heute Morgen passiert ist?«

Oleg kratzt sich am Unterarm, sein Halsansatz rötet sich.

»Ich kam erst hierher, als schon alles vorbei war«, übersetzt Onkel Wadi.

»Woher kennen Sie die Männer, die Maja mitgenommen haben?«

»Ich habe die beiden noch nie gesehen!«

»Wie wollen Sie das wissen, wenn Sie doch erst hierherkamen, als alles vorbei war?«

Der Mann wirkt verdattert. »Das wollte ich doch sagen, dass ich sie nicht gesehen habe, weil ich ja nicht da war.«

»Und woher wissen Sie, dass es zwei Männer waren?«

»Keine Ahnung!«

Voss sieht Oleg in die Augen, der weicht seinem Blick aus.

»Was haben Sie getan, als Sie von hier weggegangen sind?«

»Ich bin nach Hause gefahren und ins Bett gegangen.«

»Kann das jemand bezeugen?«

»Ich wohne bei meiner Mutter, aber die hat schon geschlafen.«

»Sie lügen nicht besonders gut, Oleg, erzählen Sie jetzt sofort, was wirklich passiert ist, ansonsten lasse ich Sie von den polnischen Kollegen aufs Revier vorladen.«

Oleg ruft etwas, er wird immer lauter, es klingt nach einer Beschimpfung, aber Onkel Wadi übersetzt nicht. »Es ist nicht nett, was dieser Mann gerade von sich gibt«, sagt Onkel Wadi schließlich, »er meint, Sie hätten hier gar nichts zu sagen, weil Sie ein deutscher Polizist sind und kein polnischer.«

»Da hat er recht«, sagt Voss, »aber Sie können ihm versichern, dass ich mich trotzdem um ihn kümmern werde, falls ich herausbekomme, dass er etwas mit der Sache zu tun hat.«

 

Die Straße nach Lukowice führt durch geschwungene Roggenfelder, vorbei an ausgedehnten Pferdekoppeln und Kuhweiden. In einer Senke liegt umgeben von Schlehenbüschen ein kleiner See, in dem Kinder planschen. Vielleicht wollte Maja hierher mit ihm zum Baden fahren, denkt Voss. Die Hitze flimmert über dem Asphalt, der warme Fahrtwind rauscht in den Ohren und überlagert Onkel Wadis unablässigen Redefluss. Der schmale Alte, der Zigaretten ohne Filter raucht und trotz der Hitze ein dunkles Wolljackett und eine karierte Schiebermütze trägt, hat darauf bestanden, ihn als Übersetzer zu begleiten, weil Voss ja sonst mit niemandem reden könne. Vor allem aber ist Onkel Wadi offensichtlich erfreut, selbst reden zu können, auf Deutsch zumal, das minütlich besser wird.

»Ich habe selten die Möglichkeit, zu sprechen, es ist alles noch da, aber die Wörter sind wie verlorene Steine von einem alten Haus, das lange leer stand. Es war auch verboten, Deutsch zu sprechen.«

Am liebsten hätte Voss jetzt seine Ruhe, seine Gedanken kreisen weiter um die Waffe, die er noch schnell in seiner Reisetasche versteckt hat, bevor er mit Onkel Wadi losgefahren ist. Hat Maja die SIG Sauer aus dem Präsidium gestohlen? Seine eigene Waffe ist es jedenfalls nicht, so viel ist sicher. Letzte Woche erst hatte er ein Schießtraining, dabei fiel ihm auf, dass die untere Schraube am Pistolengriff locker war, außerdem hat seine Waffe einen Kratzer am Lauf.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«, fragt Onkel Wadi.

»Natürlich, Entschuldigung, warum war es denn verboten, Deutsch zu sprechen?«, fragt Voss und beschließt, sich von Onkel Wadi ein wenig von seinen unruhigen Gedanken ablenken zu lassen.

»Ach, ihr jungen Leute, wisst gar nichts mehr«, lacht der Alte. »Früher nannten wir die Gegend hier die Neumark. Es war immer deutsches Land, aber dann kamen nach dem Krieg die Russen, und alle Deutschen mussten weg. Die Neumark sollte nicht nur polnisch werden, sie sollte schon immer polnisch gewesen sein. Sie haben alles zerstört, Denkmäler, Bücher, Kirchen, Friedhöfe, es durften keine Spuren bleiben vom Leben davor.«

»Und wie haben Sie die Sprache gelernt?«

»Mit der Muttermilch, wie man sagt. Meine Eltern und ich waren versteckt und durften später bleiben, wenn wir bereit seien, Polen zu werden. Aber mein Vater war Lehrer und hat mir heimlich Unterricht gegeben. Bis ich acht Jahre alt war, haben wir zu Hause nur Deutsch gesprochen.«

Es ist wirklich erstaunlich, denkt Voss, wie wenig er über die hiesige Geschichte weiß. Polen lag immer so nahe und war doch so weit weg. Nur ein einziges Mal war er dort, das muss in der vierten Klasse gewesen sein, er war gerade Thälmann-Pionier geworden, als seine Schule in Sternekorp eine Partnerschaft mit einer polnischen Schule begann. Er weiß nicht mehr, wohin sie damals gefahren sind, er kann sich nur noch daran erinnern, dass sein Vater sehr aufgeregt war und ihn eigentlich gar nicht fahren lassen wollte. Niemand in Sternekorp fuhr damals nach Polen. Es war so, als hätte die Oder gar kein zweites Ufer, als wäre die Welt am Wasser zu Ende. Erst viel später erfuhr Voss, dass sein Vater als Kind auf der anderen Oderseite gelebt hatte und seitdem nie wieder dorthin zurückgekehrt war. Voss weiß nicht, wo genau die Familie des Vaters herkam, ob es Verwandte gibt, die den Krieg überlebt haben. Diese ganze Geschichte war immer wie ein dunkler, trauriger Fleck, etwas, das möglichst schnell vergessen werden musste. Im Grunde, denkt Voss, ist er daran gewöhnt, die Menschen nicht zu kennen, die ihm nahestehen.

»Wie viele Leute gibt es hier heute noch, die sich an die alte Zeit erinnern?«

Onkel Wadi zieht die Schultern hoch. »Nur alte Menschen wie ich. Aber es ist auch ein Glück, dass junge Leute die alten Geschichten vergessen, war nur traurig, mehr nicht.«

 

Sie nähern sich Lukowice, Voss sieht den eckigen, weißen Kirchturm mit dem roten Schindeldach, der sich stolz in den blauen Himmel reckt. Die Straße, die zum Dorf führt, ist auf beiden Seiten von Birken gesäumt, die im warmen Wind schwanken. Birken, findet Voss, haben immer etwas Schwermütiges, obwohl sie mit ihrer hellen Borke so licht daherkommen. Als Voss noch klein war, hat der Pfarrer von Sternekorp in einer Weihnachtsmesse erzählt, dass auf Gräbern, die nicht gepflegt werden, Birkentriebe wachsen. Es ging wohl darum, die Sternekorper zu einer besseren Grabpflege zu ermuntern. Voss aber hat sich vorgestellt, wie die Birken mit ihren feinen Wurzeln das Blut der Toten aufsaugen und deshalb so gut auf Friedhöfen gedeihen. Es kann sein, dass ihm dieses Missverständnis die Birken für immer verleidet hat.

Sein Handy vibriert in der Hosentasche, das Display zeigt die Nummer von zu Hause. Voss nimmt an. »Hallo Mutter.«

»Daniel, du wolltest mich heute anrufen!«

»Aber heute ist doch noch nicht vorbei, ich hätte dich …«

»Papperlapapp, du hast es vergessen, aber ist nicht schlimm, nun sag’ mir doch nur schnell, wie es euch geht.«

»Ist alles in Ordnung, wir fahren gerade durch einen Kiefernwald zum Baden.«

»Du sollst doch nicht beim Fahren telefonieren!«

»Maja fährt, ist alles gut, Mutter.« Onkel Wadi grinst.

»Na dann erzähl’, hattet ihr eine schöne Feier?«

»Wir haben getanzt und getrunken, es war sehr lustig«, sagt Voss. Er spürt, wie eine bittere, kalte Welle in ihm aufsteigt. »Und wie kommst du klar, Mutter, kümmert sich Frau Schlegel ordentlich um dich?«

»Ja, es ist alles viel einfacher, als ich dachte, ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich komme klar. Wisst ihr denn schon, wann ihr wiederkommt?«

»Im Moment ist alles noch ein bisschen offen, Maja will mir ein paar Orte zeigen, an denen sie aufgewachsen ist.«

»Hast du denn schon ihre Familie kennengelernt?«

»Ihren Vater … netter Mann.«

»Na dann grüße Maja von mir, ich bin froh, Daniel, dass du so ein nettes Mädchen kennengelernt hast.«

»Ja, Mutter, ich muss jetzt …«

»Und vergiss’ nicht, mir ein Lammfell mitzubringen, das kriegst du in Polen ganz billig, und es wärmt die Füße, wenn man es unter das Laken legt.«

»Gut, Mutter, ich mach jetzt Schluss …« Voss legt auf.

 

Onkel Wadi grinst immer noch. »Es gibt doch niemanden, den ein Mann in seinem Leben öfter anlügt als seine Mutter, oder?« Voss schweigt, sie fahren ins Dorf hinein, die Asphaltstraße geht in Kopfsteinpflaster über. Onkel Wadi sagt, er kenne Lukowice, die Leute hier seien eine Art für sich. Voss fragt nicht nach, was damit gemeint ist, er parkt das Auto neben einem überwucherten Fußballplatz, dann gehen sie den Dorfanger hinunter. Manchen Häusern, an denen sie vorbeikommen, ist nicht anzusehen, ob sie bewohnt sind oder leer stehen. Brennnesseln wachsen an den Fassaden, Fensterläden hängen schief in den Angeln, Dachziegel werden nur noch vom Moos zusammengehalten. »Wie verlorene Steine«, das hat Onkel Wadi vorhin gesagt, als er über seine Deutschkenntnisse sprach, aber es beschreibt auch ganz gut dieses Dorf, aus dem das Leben irgendwann entwichen sein muss, denkt Voss. Menschen sind nicht zu sehen, weder auf der Straße noch in den verwilderten Gärten oder hinter den morschen Zäunen. Es wirkt so, als wäre hier vor Jahren ein Alarm ausgerufen worden und die Leute hätten vergessen, nach Hause zurückzukehren.

Hinter einem schmiedeeisernen Tor bellt ein Schäferhund; als er wieder verstummt, ist nur noch das metallische Quietschen eines Wetterhahns zu hören, der auf dem First des Hauses wacht, in dem einmal der Dorfladen gewesen sein muss. Die ganze Zeit hat Voss das Gefühl, beobachtet zu werden, er dreht sich mehrmals um, aber weit und breit ist niemand zu sehen.

»Sie sitzen drin und sehen uns zu«, sagt Onkel Wadi, der stehen geblieben ist und geduldig einen seiner übel stinkenden Zigarettenstumpen neu anzufachen versucht. »Ich habe gesagt, dass es seltsame Leute sind.«

»Sind Sie sicher, dass hier überhaupt noch jemand wohnt?«, fragt Voss.

»Ganz sicher, aber wenn Fremde da sind, gehen sie nicht raus. Sie sind alt, sie fürchten sich.«

»Wovor?«

»Vor allem.«

»Aber Sie, Onkel Wadi, sind auch nicht mehr der Jüngste, und Sie scheinen keine Angst zu haben.«

»Meine Neugier war immer größer als meine Furcht, außerdem bin ich mit einem deutschen Kommissar unterwegs, was soll mir passieren?«

Voss sieht sich um, er versucht sich vorzustellen, wie es hier war, als Maja noch im Dorf lebte, aber er hat große Mühe, diesen leblosen Ort mit der lebhaften Maja in Verbindung zu bringen. In welchem Haus sie wohl gewohnt hat? Als sie vor mehr als einem Jahr nach Sternekorp kam, hat er sich gefragt, ob einer jungen Frau wie ihr so ein Dorf überhaupt zuzumuten sei, ob sie nicht mehr Unterhaltung und Ablenkung brauche. Aber verglichen mit diesem Nest hier ist Sternekorp ja so eine Art Weltstadt. Plötzlich kommen Geräusche aus der Richtung, in der sie das Auto geparkt haben. Es hört sich so an, als schieße jemand mit einem Ball gegen eine Wand. Voss geht den Geräuschen nach und kommt an einen Platz, der mannshoch von Büschen und Gräsern überwuchert ist. Vor einer Garagentür ist eine Betonfläche, auf der ein Junge mit einem roten Plastikball spielt. Er schießt an die Garagentür, lässt den Ball einmal auftippen und schießt erneut. Voss geht auf den Jungen zu, der vielleicht zehn Jahre alt ist. Der sieht ihn mit großen Augen an, scheint aber keine Angst zu haben. Voss winkt ihm zu, fragt, ob er den Papa von Maja kenne. In dem Moment taucht Onkel Wadi auf. Er ruft etwas, mit barscher Stimme, der Junge antwortet und zeigt auf das erste Haus, das am Dorfanger steht.

 

Es ist ein altes, krummes Fachwerkhaus, das mit den Jahren Beulen und Risse bekommen hat und trotzdem nicht hässlich geworden ist. Der Regen hat die Lehmfächer ausgespült und die Holzbalken angefressen, der Wind hat die verwitterte Giebelwand nach innen gedrückt, die Fenster und Türen haben sich verschoben. Aber das Haus steht weiter trotzig da und wirkt so, als wollte es sich noch lange nicht ergeben. Voss klopft an die Tür, wartet, aber nichts passiert. Es gibt keine Klingel, Voss versucht, durch ein schmales Fenster in das Haus zu schauen, er beugt sich vor – und schreckt zurück. Hinter dem Fenster steht ein Mann und betrachtet ihn mit müden Augen. Als Voss sich vom ersten Schreck erholt hat, zeigt er auf die Tür. Aber der Mann bewegt sich nicht, stiert weiter gelangweilt nach draußen.

 

Voss überlegt, er zieht sein Portemonnaie aus der Hosentasche, holt ein Foto hervor und hält es an die Fensterscheibe. Die Augen des Mannes kommen in Bewegung, er wirkt überrascht, löst sich vom Fenster. Kurz darauf rumpelt ein schwerer Schlüssel in der Haustür, und der Mann tritt ins Freie. Er ist von imposanter, stolzer Gestalt, trägt dunkelblaue Arbeitskleidung und bleibt stumm vor Voss stehen.

»Guten Tag, mein Name ist Daniel Voss, sind Sie der Vater von Maja?«

Onkel Wadi übersetzt, der Mann verzieht das Gesicht und blickt ins Leere, als er mit erstaunlich hoher Stimme Antwort gibt. Onkel Wadi übersetzt zurück: »Was wollen Sie von mir?«

»Maja ist verschwunden, sie wurde heute Morgen offensichtlich von zwei Männern entführt.«

»Maja ist schon lange verschwunden. Schon so lange, dass ich mich kaum erinnern kann an sie.«

»Wir machen uns große Sorgen.«

Zum ersten Mal sieht ihm der Mann direkt in die Augen. »Was haben Sie mit ihr zu tun?«

Voss zögert, er denkt daran, wie absurd es ist, Majas Vater auf diese Weise kennenzulernen. Am liebsten würde er diesem stolzen Hufschmied sagen, was für eine wunderbare Tochter er hat, wie klug, aufmerksam und mutig sie ist. Wie sie ihm, Voss, das Leben rettete, als er beinahe in einem Schlammloch versunken wäre. Er könnte dem Vater erzählen, dass er noch nie so viel mit einer Frau geredet und gelacht hat. Dass er sich von ihr verstanden, ernst genommen und erstaunlich selten überfordert fühlt. Er könnte ihm allerdings auch erzählen, dass er sich jetzt gerade komplett überfordert fühlt, weil seine Tochter lügt wie gedruckt und aus irgendwelchen Gründen eine Waffe besitzt.

»Sie arbeitet im Hause meiner Eltern in der Nähe von Bad Freienwalde, in Deutschland, sie pflegt meine kranke Mutter«, sagt Voss schließlich.

Der Mann schüttelt entsetzt den Kopf, als er Onkel Wadi zuhört. »Mein lieber Gott, dass es so weit kommen musste, statt ihrer Familie eine Stütze zu sein, ist sie bei fremden Leuten.«

»Wussten Sie gar nichts davon?«

»Ich weiß nichts, sie ist eine verheiratete Frau, das ist nicht mehr meine Sache. Ihr Mann muss wissen, was sie tut.«

»Sie ist verheiratet?« Voss spürt eine tiefe Enttäuschung, ja Hilflosigkeit in sich aufsteigen. Er kann nicht weitersprechen. Der Vater schaut ihn wütend an.

»Das war das Verderben, dieser Mann hat geflüstert, sie kann machen, was sie will.«

Auf einmal fühlt Voss sich mit dem Vater auf seltsame Weise verbunden. »Wer ist dieser Mann?«

»Er hat mit ihr zusammen gearbeitet in der Rinderproduktion in Orzechow, er heißt Mirco.«

»Kennen Sie seinen Familiennamen?«

Der Vater schüttelt den Kopf.

»Maja hat also eine Ausbildung bei einem Rinderzüchter gemacht?«

»Ja, aber das hat sie nicht interessiert, sie war sich zu fein für die Arbeit, ist nach ein paar Jahren rausgeflogen, hier im Haus wollte sie auch nicht sein, wollte das Glück finden.« Onkel Wadi übersetzt so geschickt, dass Voss das Gefühl hat, er würde selbst schon Polnisch sprechen.

»Was meinen Sie damit?«