Auf deinem Mond ein Feigenbaum - Felix Söring - E-Book

Auf deinem Mond ein Feigenbaum E-Book

Felix Söring

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Beschreibung

Jan und Carmela führen eine deutsch-italienische Bilderbuchehe. Ihr größtes Glück ist ihre zehnjährige Tochter Matilda. Alles scheint perfekt, bis Carmela unheilbar an Krebs erkrankt und stirbt. Für Vater und Tochter bricht eine Welt zusammen. So sehr sie sich auch bemühen, sie finden nicht in ihr normales Leben zurück. Monate vergehen. Dann bekommen sie Post aus der Toskana. Von Carmela. Der Beginn einer alles verändernden Abenteuerreise.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jan und Carmela führen eine deutsch-italienische Bilderbuchehe. Ihr größtes Glück ist ihre zehnjährige Tochter Matilda. Alles scheint perfekt, bis Carmela unheilbar an Krebs erkrankt. Nach monatelangen Qualen und Klinikaufenthalten erliegt sie schließlich ihrer Krankheit. Für Vater und Tochter bricht eine Welt zusammen. Die Trauer um die geliebte Ehefrau und Mutter ist grenzenlos. So sehr sie sich auch bemühen, sie finden nicht in ihr normales Leben zurück. Während Jan fast völlig verstummt und die meiste Zeit antriebslos im Bett verbringt, wird seine Tochter von Albträumen und Schuldgefühlen gequält. Sich selbst überlassen sucht sie vergeblich nach Halt bei ihrem in sich gekehrten und elegischen Vater. Monate vergehen. Dann bekommen sie Post aus der Toskana. Von Carmela ...

Felix Söring wurde 1967 in Hamburg geboren. Er studierte Betriebswirtschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaften. Bis 2005 war er für verschiedene Großunternehmen als Führungskraft tätig. Nebenbei betrieb er jahrelang ein Tonstudio in Hamburg, in welchem zahlreiche Musikproduktionen entstanden. Als freier Musikjournalist schrieb Söring zwischen 2001 und 2004 unter anderem für die Hamburger Morgenpost. Seit 2006 ist er Berufsschullehrer für Kaufleute im Einzelhandel und widmet sich verstärkt seiner schriftstellerischen Leidenschaft. 2001 erschien sein Kinderroman »Wammeltin Wammel - Abenteuer eines Bergmonsters«, 2014 der autobiographische Romanbericht »Penne auf Herz!«. Felix Söring lebt in Hamburg und ist Vater eines erwachsenen Sohnes.

»Das einzig Wichtige im Leben

sind die Spuren von Liebe,

die wir hinterlassen,

wenn wir gehen.«

Albert Schweitzer

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Die Sonne war gerade hinter den Hügeln verschwunden, als ein leichter Windstoß durch das halb geöffnete Fenster des Zimmers 804 der Poloclinico Umberto fuhr. Der sich zwischen den Vorhängen auftuende Spalt warf etwas abendliches Dämmerlicht in den noch bis eben abgedunkelten Raum. Für einen Moment verdrängte die wohltuende Zugluft den sterilen Geruch von Desinfektionsmitteln und ließ das vielfältige Bouquet an hochsommerlichen Düften erahnen, welches in diesen Tagen die Gassen und Plätze der Ewigen Stadt füllte. Dieses überwältigende Aroma, wenn die Bäume des Monte Gianicolo oder die übermoosten Dächer von Trastevere nach einem langen heißen Tag nachschwitzten und die belebende Würze der Magnolien an der Villa Borghese mit der Sinnlichkeit kostbarer Zypressen wetteiferten.

Jan Rosen musste für einen kurzen Moment eingeschlafen sein. Erschrocken über die eigene Undiszipliniertheit fuhr er hoch. Sein benommener Blick wanderte über den kleinen Nachttisch mit den aufmunternden Grußpostkarten und selbstgemalten Kinderbildern zu seiner Frau. Beruhigt stellte er fest, dass sich ihre Bettdecke gleichmäßig hob und senkte.

Fast schien es, als würde das einfallende Licht des Abendhimmels ihrem blassen Gesicht ein wenig Farbe verleihen. Wie wunderschön sie noch immer war. Selbst jetzt hatte ihr Gesicht nichts an Würde und Ausstrahlung verloren. Nichts, was auch nur im Entferntesten darauf hinwies, in welch kritischem Zustand sie sich befand.

Zwei Wochen wachte er nun schon an Carmelas Bett. Seitdem die Ärzte ihre tägliche Morphiumdosis noch einmal erhöht hatten, schlief sie fast ununterbrochen. Wenigstens schien sie keine Schmerzen mehr zu haben. Nur noch selten wachte sie auf. Dann suchten ihre Augen unruhig durch den Raum nach dem vertrauten Gesicht ihres Mannes. Wenn er ihren Blick erwiderte, lächelte sie zufrieden und es dauerte nicht lang, bis sie wieder in Morpheus' Armen ruhte. Diese Momente waren von solcher Intensität, dass es dem 42-jährigen Deutschen schwerfiel, nicht die Beherrschung zu verlieren. Schließlich hatte er sich geschworen, stark für sie sein. Häufig stieß er dabei jedoch an seine Grenzen. Dann schämte er sich. Vor allem wenn ihre Mimik ihm zu verstehen gab, einmal mehr entlarvt worden zu sein.

Auch zum Sprechen war sie inzwischen zu schwach. Manchmal versuchte sie es, aber wirklich verständliche Laute brachte sie nicht heraus, erst recht keinen vollständigen Satz. Es war ihr anzumerken, dass es sie quälte, sich ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen zu können. Dann legte er zärtlich einen Finger auf ihren Mund oder gab ihr einen tröstenden Kuss. Er achtete sehr darauf, dass sie mit ihren Kräften haushaltete und sich nicht überforderte.

Vorsichtig tupfte er mit dem feuchten Waschlappen über ihre trockenen Lippen. Dabei streifte eine Brise ihres warmen Atems zärtlich über seinen Handrücken. Ein schönes Gefühl, als würde sie ihn berühren wollen, ihm zeigen, dass es sie noch gab.

Jan genoss es, sich ihr endlich auch wieder körperlich nähern zu können, jetzt da die meisten der medizinischen Geräte abgebaut waren. Wochenlang hatten sie sich wie eine Festung um Carmelas Bett getürmt und ein Durchkommen zu ihr praktisch unmöglich gemacht. Als es ihr noch etwas besser ging, mutmaßte sie einmal scherzhaft, dass sich genau unter ihrem Bett die eurasischen Erdplatten ineinander schoben und es sich bei den vielen Geräten um hochtechnische Seismographen handelte, die das ausgemachte Epizentrum eines bevorstehenden Erdbebens unter die Lupe nahmen. Jetzt, da davon auszugehen war, dass Rom vermutlich auch noch die nächsten 2000 Jahre unbeschadet existieren würde, blieb allein ein verschüchterter, einsamer Tropf zurück. Anstatt der bis vor kurzem verabreichten Giftkeulen, beförderte dieser jedoch ausschließlich hochprozentiges Mohnblütenkonzentrat in ihre Adern. Es ging ohnehin nur noch darum, ihre Schmerzen zu lindern, auch wenn das bedeutete, dass sie kaum noch aus ihrem Dämmerzustand erwachte. »Palliativmedizin«, wie es die Ärzte in ihrer Fachsprache nennen und in nüchtern blauen Buchstaben auf der milchgläsernen Stationstür zu lesen war.

Carmela und er hatten viel darüber gesprochen, wie sie sich die letzte Phase ihres Lebens vorstellte. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass man ihr unnötige Qualen ersparte und sie auf menschenwürdige Weise gehen ließ. Andernfalls sollte dafür gesorgt werden, dass sie die Möglichkeit erhielt, den Zeitpunkt ihres Ablebens selber zu bestimmen. Jan wusste jedenfalls was er zu tun hatte, sollte er merken, dass sie litt oder sich ihr Gehen in unzumutbare Längen zog. Dennoch hoffte er darauf, dass er die Telefonnummer, die sich seit Monaten in einem entlegenen Fach seiner Brieftasche befand, niemals würde wählen müssen.

Erleichtert stellte er fest, dass Carmelas friedliche Gesichtszüge auch an diesem Abend keinerlei Anlass boten, sich mit derart drakonischen Maßnahmen zu beschäftigen. Ihre gleichmäßige, ruhige Atmung zeugte ebenfalls von einem recht indolenten Gesamtzustand. Alles schien soweit in Ordnung.

Vielleicht sollte er die Zeit nutzen und sich unten im Park ein wenig die Beine vertreten oder für ein paar Stunden nach Hause fahren. Eine Dusche und etwas Schlaf würden ihm sicherlich gut tun. Aber wie so oft verwarf er diese Pläne wieder. Sie hier alleine zurückzulassen, brachte er nicht fertig. Selbst der kurze Gang auf die Toilette oder zum Krankenhauskiosk kostete ihn jedes Mal Überwindung. Was, wenn sie doch aufwachte und er nicht da wäre? Erneut beließ er es daher nur bei einem Ausflug ans Fenster.

Nachdem er die Vorhänge auseinander geschoben hatte, gab der Blick die nächtliche Silhouette dieser so erhabenen, geschichtsträchtigen Stadt frei. Was für ein fantastischer Anblick. Bei Tage konnte man vom Gianicolo, dem achten Hügel Roms, wie er von den Einheimischen genannt wurde, bis hinüber zu den Gebirgsketten Latiums schauen. Die Gründerväter werden sich bestimmt etwas dabei gedacht haben, als sie die Klinik vor über 150 Jahren auf der platanengesäumten Anhöhe oberhalb von Trastevere errichteten.

Als Jan vor vielen Jahren im Rahmen seines Literaturstudiums von der norddeutschen Tiefebene für vier Auslandssemester an die Sapienza ging, hatte er sich nicht vorstellen können, dass er sich einmal so verbunden mit dieser Stadt und ihren Menschen fühlen würde. Zwar übte Rom schon immer eine starke Anziehungskraft auf ihn aus und als sich die Möglichkeit bot, hier zu studieren, konnte seine Freude kaum größer sein. Dennoch waren die ersten Monate in der temperamentvollen Metropole durchaus eine Herausforderung. Besonders mit der italienischen Mentalität tat er sich anfangs schwer. Als wortkarger, introvertierter Norddeutscher war er mit dem Überangebot an Interaktionismus und Impulsivität oft überfordert. Mitunter fühlte er sich wie ein Fremdkörper, wenn er durch die pulsierenden Straßen zog.

Auch an der Uni lief es nicht besonders rund für den jungen Hamburger, der zwar über eine begnadete Schreibe verfügte, dessen bisweilen nachlässige Arbeitsweise jedoch dazu führte, dass er eine Klausur nach der anderen in den Sand setzte.

All das änderte sich schlagartig, als er kurz vor dem geplanten Ende seines Rom-Aufenthaltes Carmela über den Weg lief. Die gebürtige Sizilianerin mit dem braunen Lockenkopf und frechen Sommersprossengesicht hatte gerade ihr Kunststudium abgeschlossen und überbrückte die Wartezeit auf eine Dozententätigkeit an der Accademia di San Lucca mit gelegentlichen Jobs als Fremdenführerin.

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich Jan zu einem geradezu mustergültigen Vorzeige-Einwanderer. Von Amors Pfeil schwer getroffen, unternahm er alles, um seine uneingeschränkte Integrationsfähigkeit vor Carmela unter Beweis zu stellen. So begann er die obersten Knöpfe seiner Hemden fortan offen zu tragen, sich nur noch sporadisch zu rasieren und auf eine korrekte Fingerspreizhaltung beim Espressotrinken zu achten. Dass er zudem die Protagonisten sämtlicher Verdi-Opern aufsagen konnte, er vorbeiziehenden kinderwagenschiebenden Müttern und deren Brut stets ein lautstarkes sowie gestenreiches »Bellissimo!« entgegenschmetterte und ein wirklich vorzügliches Saltimbocca al la romana im Stande war zuzubereiten, unterstrich sein assimilierendes Streben.

Er war so verliebt, dass er statt wie geplant nach Deutschland zurückzukehren, seinen Flieger verpasste und bei Carmela in Rom blieb. Auch sein Literaturstudium hing er an den Nagel. Er hatte sich ohnehin nur eingeschrieben, um die in ihn gesetzten bildungsbürgerlichen Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen und das zuvor bei einer Hamburger Zeitung absolvierte Volontariat mit theoretischem Rüstzeug zu untermauern. Dabei wollte er eigentlich immer nur Menschen beobachten und ihre kleinen charmanten Fehlbarkeiten zu Papier bringen.

Von der Liebe zu Carmela beflügelt, sprudelte auch seine Kreativquelle wieder. Durch sein Volontariat verfügte er über gute Kontakte zu deutschen Zeitungsredaktionen. Das ermöglichte ihm, sich fürs Erste mit Reiseberichten und Rom-Reportagen über Wasser halten. Carmela begleitete ihn anfangs häufig auf seinen ausgedehnten Streifzügen durch die Stadt, was auch seinen Artikeln zugutekam. Schon bald sollte sich daraus eine feste Einnahmequelle entwickeln. Seine findigen und humorvollen Texte erfreuten sich einer immer größeren Abnehmerschaft. Längst nicht mehr nur auf Reiseberichte beschränkt, hatte er sich in beachtenswert kurzer Zeit zu einem gefragten Rom-Korrespondenten gemausert, jener Stadt, die ihn anfangs noch so überforderte.

Seinen Blick weiter über das nächtliche Rom schweifend, glaubte Jan den kleinen Park an der Piazza Giuseppe Mazzini zu erkennen. Dort hatten sie sich auf einer ihrer Erkundungstouren zum ersten Mal geküsst. Etwas weiter östlich, von hellen Scheinwerfern angestrahlt, erhoben sich die beigegrauen Mauern der Engelsburg. Er versuchte sich das bunte Getümmel vorzustellen, das dort an lauen Sommerabenden für gewöhnlich herrschte. Die rund um die Festung im Parco Adriano aufgebauten Kleinkunstbühnen und Fressbuden lockten Touristen und Einheimische gleichermaßen an. Wer weiß, vielleicht stand gerade jetzt ein hoffnungsvolles Musiktalent auf einem der kleinen Podien und verzauberte sein Publikum mit schmachtenden Liebesliedern.

Der Parco Adriano oder Hippie-Pfad, wie ihn die Römer mitunter verhöhnten, entwickelte sich Ende der siebziger Jahre zu einem regelrechten Mekka kulturellen Treibens. Damals pilgerten Straßenmusiker und Stehgreifkomödianten zu Scharen auf den mit Palmen bepflanzten Verteidigungswall. Unter einer hermetisch abgeriegelten Kunstblase aus Illusionen und Sehnsüchten wurden dort unzählige Träume geboren, die sich je nach Talent ihres Schöpfers, mal mehr und mal weniger berechtigte Hoffnungen auf ein ruhmreiches Entfalten machen durften. Die allermeisten werden es jedoch noch nicht mal über den Tiber geschafft haben und zerplatzten unerfüllt am grauen Gestein von Sant'Angelo.

Auch wenn die kleine Parkanlage seine glorreichen Zeiten hinter sich hatte und inzwischen vor allem als Umschlagsplatz für Sonnenbrillen- und Handtaschenimitate bekannt war, gab man sich in den Sommermonaten Mühe, den guten alten Geist der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Ein zweites Haight-Ashbury bahnte sich zwar nicht unbedingt an, dennoch wusste das kulturhungrige Publikum die abendlichen Events an der berühmten Kastellburg durchaus zu würdigen.

Auch Jan und Carmela zog es regelmäßig hierher, um sich von dieser unvergleichlichen Atmosphäre lebensbejahender Buntheit und reformierter Hippiekultur inspirieren zu lassen. Ihre Wohnung lag nur wenige Gehminuten entfernt, sodass flanierende Streifzüge über das von Marihuana-Schwaden umnebelte Wallgelände fast schon obligatorisch waren. Auch die dort an allen Ecken und Enden herumwabernde Singer/Songwriter-Szene faszinierte sie. Ihre beiderseitige Vorliebe für gitarrezupfende Männer mit traurigen Augen und Holzfällerbärten war nicht selten der Grund dafür, dass so manch angedachter Kurzbesuch deutlich prolongierte. Eng umschlungen und mit andachtsvollen Gesichtern schwelgten sie dann stundenlang in musikalischer Nostalgie. Selbst das überwiegend aus batikhemdtragenden Müslifrauen und kiffenden Studenten bestehende Publikum vermochten sie mit den ersten schmerzerpressten Mollakkorden auszublenden. Es war, als würden sie in eine andere Welt eintauchen, eine Welt, die sie regelrecht verschluckte.

Gleich neben der Engelsburg schlängelte sich der Tiber durch die Nacht. Das sich brechende Mondlicht funkelte ausgelassen und verspielt auf der Wasseroberfläche dieses manchmal so schwerfälligen Flusses. Die Laternen der Hochuferpromenade wirkten von weitem wie feine Nahtstiche auf einem Versace-Mantel. Einmal mehr unterstrichen sie die ohnehin schon offensichtliche Teilung der Stadt in ihre doch recht unterschiedlichen Hälften.

Zwischen den Brücken und Anlegern gut zu erkennen, die vielen mit Lampions geschmückten Boote, mal hierhin und mal dorthin treibend. Vermutlich tanzten berauschte Menschen gerade ausgelassen Tarantella auf dem Deck oder warfen kleine Gegenstände in das schlammige Wasser, nur um zu sehen, ob sie Kreise zogen. Und dort auf der Isola Tiberina, direkt neben der alten Mühle, paffte ein Schornstein behaglich weiße Rauchschwaden in die Nacht.

Die kleine gedankenverlorene Reise am Fenster tat ihm gut. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, aus der oft so erdrückenden Krankenhausszenerie auszubrechen und ein wenig Kraft zu tanken. Kraft, die einem in der emotionalen Geballtheit des stationären Alltags schon mal verloren gehen konnte. Die vielen ungefilterten Eindrücke und Informationen, die dort auf Patienten und Angehörige einströmten, gingen mitunter schwer an die Substanz. Manchmal kam es ihm vor, als säße er in einem leckgeschlagenen Ruderboot, durch dessen Perforation unaufhaltsam seine letzten Energiereserven wichen. Statt zu rudern, war er seit Monaten nur noch damit beschäftigt, sein mit Schwere geflutetes Herz fingerhutdosiert auszulöffeln und die viel zu große Leckage mit dem noch verbliebenen Rest an Zuversicht zu stopfen.

Das Leben auf einer Hospiz-Station verlangte in der Tat viel von einem ab. Es war ein Leben in einer Blase, einem Vakuum, völlig isoliert von der restlichen Welt und surreal. Hier schienen weder Raum und Zeit zu existieren, noch moralische, politische oder gesellschaftliche Wertvorstellungen. Niemand, absolut niemand interessierte sich dafür, wer man war, woher man kam oder welchen Beruf man ausübte. Alles Streben war auf das Wesentliche reduziert und diente nur einem einzigen Zweck: den unvermeidlichen Abschied erträglicher zu machen.

Tagsüber schien das noch einigermaßen zu funktionieren. Die Pflegeanwendungen und Arztvisiten sorgten zumindest für etwas Ablenkung. Doch sobald die Nacht hereinbrach, war man plötzlich auf sich alleine gestellt. Dann wurde die zuvor auf so intensive Weise erfahrene Fürsorge auf ein Minimum beschränkt. Allenfalls die von der Nachtschwester mürrisch durchgeführten Tropfwechsel holten einen hin und wieder aus der Isolation. Ansonsten herrschte gespenstische Stille, die nur gelegentlich von versprengten Maschinentönen aus den Nachbarzimmern unterbrochen wurde.

Anfangs hatte Jan noch versucht, dieser bedrückenden Lautlosigkeit mit Hilfe des Fernsehers zu entfliehen. Doch seitdem Carmela die meiste Zeit schlief und die Monitore abgebaut waren, sah er seine Aufgabe vor allem darin, die Regelmäßigkeit ihrer Atemzüge zu überwachen.

Manchmal, wenn er durch die verwaisten langen Gänge der Station schlich, um sich die Beine zu vertreten, musste er an den Film »I Am Legend« denken. Will Smith verkörpert darin einen der letzten Überlebenden New Yorks, der mit tretminenfürchtenden Schritten die einsamen Straßen der riesigen Stadt durchkämmt – immer auf der Hut vor den mutierten und UV-scheuen Kreaturen, die jederzeit aus einer dunklen Ecke springen konnten, um ihn zu meucheln.

Auch Jan wurde regelmäßig von Dämonen heimgesucht. Die Nacht bot einfach zu viel Zeit, um nachzudenken. Dann wünschte er sich, Carmela würde aus ihrer Mohnblütenschlaf erwachen und gemeinsam mit ihm gegen die finsteren Ausgeburten seiner düsteren Gedanken kämpfen, so wie sie es immer taten, wenn einer von ihnen in der Klemme steckte. Denn obwohl sie ganz bestimmt keines dieser Paare waren, die zu übermäßiger Verklettung neigten oder ihr Umfeld damit schikanierten, grundsätzlich in kollektiver »Wir-Form« zu sprechen, konnten sie sich in Krisenzeiten immer aufeinander verlassen.

Wenn es darauf ankam, verwandelte sich das ansonsten tolerante und raumlassende Zweiergespann innerhalb kürzester Zeit zu einer allen Angriffen trotzenden Festung. Schnell waren sämtliche Zugbrücken hochgezogen und ihr Kleinstheer in Gefechtsbereitschaft versetzt. Gegen das schwere Massiv aus liebevoller Allianz und prometheischer Loyalität war von außen kein Durchkommen. Auf diese Weise wendeten sie nicht nur manch aussichtslos erscheinende Situation zum Guten, sondern entwickelten gemeinsam immer wieder erfolgreiche Strategien zur Bewältigung von Problemen, die sich im Laufe eines Ehelebens in den Weg stellen konnten. Das hatte es den vermeintlichen Eindringlingen über viele Jahre verdammt schwer gemacht. Der Gegner, mit dem sie es allerdings diesmal zu tun hatten, schien jedoch auch für sie zu übermächtig. Ganz plötzlich und ohne Vorwarnung war er aufgetaucht, vor fast genau zwei Jahren, kurz nach ihrem 36sten Geburtstag, an einem ganz gewöhnlichen Montag im August.

Wie ein virenschutzresistenter Trojaner hatte er mit fast spielerischer Leichtigkeit die Mauern der lange Zeit so unüberwindbar erscheinenden Festung erklommen. Tatenlos mussten sie mit ansehen, wie der ungebetene Gast binnen kürzester Zeit die Befehlsgewalt über Carmelas Körper übernahm. Immerhin gelang es ihren Ärzten, den drohenden Exitus nun schon fast zwei Jahre hinauszuzögern, zwei Jahre, mit denen nicht unbedingt zu rechnen war, wenn man der alles andere als optimistisch stimmenden Diagnose Glauben schenken konnte.

Trotz der vielen körperlichen Einschränkungen und Qualen, die Carmela in dieser Zeit auf sich nehmen musste, hörte Jan sie niemals klagen oder sich über die ihr widerfahrene Ungerechtigkeit auslassen. Weder verlor sie sich in Selbstmitleid, noch begann sie in irgendeiner Form zu resignieren. Kein Schuldiger wurde an den Pranger gestellt oder musste als Blitzableiter herhalten. Tapfer und mit unglaublicher Würde ließ sie alles über sich ergehen und ertrug auch die schmerzhaftesten Schikanen an ihrem Körper.

Jan bewunderte die lebensbejahende Haltung seiner Frau. Er war früher nicht anders. Doch all sein unabdingbarer Glaube an das Gute schien mit dem Ausbruch ihrer Krankheit wie ausradiert. Mehr und mehr verlor er sich in der Rolle eines vom Leben betrogenen, hadernden Schwarzmalers. Längst war für ihn die Grenze des Zumutbaren überschritten, seine Lebensfreude in den Treibsand gerammt. Dennoch versuchte er zu funktionieren, wollte stark für sie sein, auch wenn er sich dabei häufig wie ein Laiendarsteller anstellte.

»Ich bin jetzt fertig, Signore Rosa.«

Es dauert eine ganze Weile, bis Jan bemerkte, dass jemand mit ihm sprach. Dabei war ihm die Stimme durchaus vertraut. Sie gehörte der überaus freundlichen wie mitfühlenden Stationsleitung Elena Bariello. Ungewöhnlich, dass sie noch so spät vorbeischaute. Normalerweise arbeitete sie nur in der Tagesschicht.

Die robuste kleine Dame aus Corviale, die seinen deutschen Nachnamen immer so wunderbar falsch aussprach, war ein absoluter Segen für all die Trauernden und Hoffnungslosen von Gianicolo. Sie begegnete den Menschen stets mit liebevoller Güte und hatte absolut nichts gemein mit dem in Romanen oder Filmen so häufig überzeichneten Prototyp einer drakonischen, keinerlei Widersprüche duldenden Oberschwester. Für Elena war die Arbeit auf der Palliativstation auch nach über 30 Dienstjahren noch erfüllend. Das merkte man ihr an.

Als Jan sie einmal fragte, wie sie es schaffte, bei all den täglich auf sie einströmenden Tragödien nicht in Depressionen zu verfallen, verwies sie mit einer dankenden Geste Richtung Himmel. Möglicherweise war ihr guter Draht zu höheren Instanzen ja tatsächlich die Triebfeder für ihren unerschütterlichen Altruismus. Andererseits, das hier war Italien! Fast jeder hier bekannte sich zu einer gewissen Frömmigkeit – selbst korrupte Politiker, die Mafia oder die Stürmer der Squadra Azzurra. Zu besseren Menschen machte sie das trotzdem nicht.

Bei Elena hingegen schienen die christlichen Werte tief in ihrem Wesen verankert. Für sie waren Begriffe wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe nicht nur leere Floskeln, sondern gelebte Überzeugung.

Manchmal beneidete Jan sie um ihren Glauben. Ganz offensichtlich half er ihr dabei, der ungeschminkten, oft grausamen Wirklichkeit etwas Positives abzugewinnen – eine Sichtweise, die ihm seit Carmelas Krankheit gänzlich abhandengekommen war. Welcher gerechte Gott hätte schließlich zugelassen, dass sie sich derart quälen musste? Weder ihr gütiges Herz noch ihr Bekenntnis zur katholischen Kirche vermochten daran etwas zu ändern.

Dabei klammerte sich Carmela an ihren Glauben wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring. Doch den einzigen Beistand, den sie während ihrer Leidenszeit seitens der Kirche erfuhr, waren die sporadischen Besuche des Krankenhausseelsorgers. Dessen geheuchelte Anteilnahme und pastoralen Belehrungen gingen ihr allerdings schon bald auf die Nerven. Als dieser auch noch die Unverfrorenheit besaß, ihr mit der Verweigerung der Sterbesakramente zu drohen, falls sie an ihrem Vorhaben festhalten und ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen würde, warf sie ihn kurzerhand aus dem Zimmer – natürlich nicht, ohne ihm ein paar freundliche Worte hinterherzuschicken.

Nein, auf diese Art der Zuwendung ließ sich wahrlich verzichten. Dagegen waren Menschen wie Elena Bariello die reinste Wohltat. Ohne in moralisierende Betroffenheitsrhetorik oder Schönfärberei zu verfallen, schien sie immer die passenden Worte zu finden und genau den richtigen Moment zu erwischen, sie auszusprechen.

Elena muss sich bereits eine ganze Weile im Zimmer aufgehalten haben. Als sich Jan zu ihr umdrehte, bemerkte er, dass Carmelas Bett frisch bezogen war und sie auf dem Rücken lag. Auch der Inhalt eines neuen Morphium-Cocktails arbeitete sich tröpfchenweise durch den Infusionsschlauch in ihre Vene.

Ob er noch einen Wunsch habe, wollte sie von ihm wissen.

»Immer noch denselben«, entgegnete Jan und deutete mit unmissverständlicher Geste in Richtung seiner Liebsten.

Elena lächelte mitfühlend. Sanft klopfte sie ihm auf die Schulter, bevor sie das Zimmer verließ. Im Gegensatz zu den anderen Schwestern versuchte sie gar nicht erst, ihn zu überreden, sich auszuruhen oder das Krankenhaus zu verlassen. Auch für ihre unaufdringliche Art an Zuwendung und Empathie schätzte er sie.

Er ließ das Fenster einen Spalt breit offen und setzte sich wieder ans Bett. Vorsorglich zog er Carmelas Decke ein Stück höher. Was würde er darum geben, wenn sie noch einmal ihr Bewusstsein erlangen würde. Bei der Menge an verabreichten Opiaten bedurfte es dafür allerdings eines mittelschweren Wunders. Ihre letzte längere Wachphase lag bereits über eine Woche zurück – ein überaus beglückender Moment, zumal er sie an jenem Vormittag noch einmal lachen hörte. Dabei mutete die dazu führende Situation wahrlich nicht zu übertriebener Heiterkeit an:

Einmal mehr hatte Jan seine flüssigkeitsverweigernde Gattin von der Notwendigkeit des Trinkens zu überzeugen versucht, sie sogar regelrecht genötigt, von der ihr an den Mund gehaltenen Schnabeltasse Gebrauch zu machen. Bedauerlicherweise war er dabei ungeschickt mit seinem Knie an das Bedienteil des Krankenbettes gestoßen. Die dadurch in Gang gesetzte Seitenlagerungsfunktion beförderte Carmela innerhalb kürzester Zeit bedrohlich nah an den Bettrand, was sich auch durch Jans hysterisches Herumgeklopfe auf dem Handschalter nicht korrigieren ließ. Im Gegenteil, es machte die Sache nur noch die schlimmer, sodass sich Carmela wenig später auf dem blassgrünen Linoleumboden wiederfand, sämtlicher ihrer Strippen und Schläuche entledigt.

Das klatschende Geräusch ihres Aufpralls ließ zunächst Schlimmstes befürchten, was sich zum Glück aber als unbegründet erwies. Das signalisierte auch ihr kurz darauf einsetzender Lachanfall, der so heftig war, dass sie davon Schluckauf bekam. Es war offenbar Jans ängstlichverkniffener Gesichtsausdruck, jenes retrospektive Erschrecken über die eigene Unbeholfenheit, der sie erheiterte. Immer wieder deutete sie prustend auf sein Gesicht. Eine Pietätlosigkeit, die sich angesichts des glimpflich verlaufenen Sturzes verschmerzen ließ. Hauptsache, sie lachte mal wieder. Ein Lachen, das so ansteckend war, dass auch er sich nicht länger beherrschen konnte.

Etwas verhaltener war die Freude bei dem sich kurz darauf im Zimmer einfindenden Krankenhauspersonal. Aus allen erdenklichen Ecken der Klinik waren sie herbeigeeilt. Doch alles was die adrenalingeputschten Weißkittel zu sehen bekamen, war ein auf dem Boden hockendes, sich an den Händen haltendes Pärchen, dass ob des großen Aufmarsches zwar etwas verschüchtert dreinschaute, ansonsten aber verschworen vor sich hin kicherte wie Teenager auf Klassenfahrt, die gerade beim Rauchen erwischt wurden.

Es gab sie also noch, diese kleinen magischen Augenblicke des Glücks – selbst hier, in dieser bedrückenden Kulisse. Wie wohltuend, wenn sich von Zeit zu Zeit dann doch einmal die banalen Laute menschlicher Heiterkeit in den langen kalten Fluren verirrten. Sogar die ansonsten bedrohlich vor sich hin grantelnden Lebenserhaltungsmaschinen hielten für einen Augenblick andächtig inne. Kann es schließlich etwas Schöneres geben, als das Lachen eines Menschen, der weiß, dass er sterben muss?

Zufrieden beobachtete er, wie sich die Bettdecke weiter im Rhythmus ihres Atems bewegte. Keine Anzeichen mehr von den minutenlangen Atemaussetzern, die noch vor ein paar Tagen ihren Schlaf begleiteten und ihn so oft in Unruhe versetzt hatten. Vorsichtig nahm er ihre Hand und legte seinen Kopf auf ihren Brustkorb. Ihr Atem schaffte es sogar, ein paar der feinen Härchen auf seinem Unterarm zu bewegen, was ihm ein spontanes Lächeln entlockte. Dann sanken auch ihm erneut die Lider über die Augen.

Matilda saß auf der kleinen Holzbank vor dem Haus ihrer Großeltern und betrachtete den Mond. Ihn fest mit ihren Fingern und Augen ins Visier nehmend, versuchte sie seinen Umfang zu messen. Nicht nur, dass er den meisten Platz des sizilianischen Abendhimmels für sich beanspruchte, auch konnte sie sich kaum erinnern, ihn jemals zuvor so leuchtend wahrgenommen zu haben.

Darauf bedacht, den Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger konstant zu halten, tasteten sich Augen und Hand in synchronem Zusammenspiel wie das Periskop eines U-Bootes durch die sich langsam in Abenddämmerung hüllende Landschaft um Collesano, einem kleinen verschlafenen Bergdorf im nordsizilianischen Hinterland.

Die Suche nach geeigneten Bauwerken oder Naturerscheinungen, die von ihrer Größe mit dem stolzen Erdbegleiter vergleichbar gewesen wären, gestaltete sich schwierig. Weder der Monte Mufara, mit knapp 2.000 Metern immerhin eine der höchsten Erhebungen Siziliens, noch das Kloster an der Via Cavour und auch nicht das Baumhaus in der alten Korkeiche am Hang hinter den Hühnerställen, kamen als Messindikatoren infrage.

Die knapp 4.000 Einwohner zählende Gemeinde in der Matilda jedes Jahr die großen Ferien verbrachte, lag am Fuße des Madonie-Gebirges, ungefähr eine Autostunde von Palermo entfernt und unweit des Küstenstädtchens Cefalù. Fremde oder Touristen verliefen sich nur selten dorthin, was kaum verwunderlich war, da der kleine Ort auf den meisten Karten schlichtweg fehlte und seine Existenz auch von den gängigen Reisführern ignoriert wurde.

Dabei bot Collesano alles, was man gemeinhin von einem sizilianischen Bergdorf erwarten durfte: kleine enge mittelalterliche Gassen, die typischen Natursteinhäuser mit ihren roten Ziegeldächern und Plätze, die sich in den frühen Abendstunden im warmen Licht der untergehenden Sonne zu einem Hort südländischer Lebensfreude verwandelten. Sogar zwei historische Kirchen und ein Dominikanerkloster aus dem 16. Jahrhundert konnte man in Collesano bestaunen. Dazu lieferten die Ruinen eines ehemaligen Normannenkastells insbesondere jüngeren Bewohnern eine ideale Kulisse für Versteck- und Abenteuerspiele.

Matilda fragte sich, was den Mond wohl daran hinderte, sich jeden Abend so in Schale zu schmeißen? War er einfach nur bescheiden oder gab es besondere Anlässe, die seine Größe ändern ließen und ihn zum Leuchten brachten? Wollte er vielleicht der Sonne imponieren und plusterte sich deshalb so auf? Oder steckte hinter der gelegentlichen Einfärbung des wandelbaren Erdtrabanten sogar der berühmte und viel zitierte Mann im Mond, der allabendlich feixend in einem Krater hinter einer riesigen Lichtorgel saß und je nach weltlicher Stimmungslage und dramaturgischer Vorgabe des Allmächtigen, mal die grauen, blauen oder orangefarbenen Scheinwerfer zum Einsatz brachte? Der Mond, eine Discokugel für den Tanz auf dem Globus. Matilda gefiel diese Vorstellung.

Zweifelsohne verfügte das Mädchen mit dem stets braun gebrannten Sommersprossengesicht über eine blühende Fantasie. Die vielen Geschichten und gedanklichen Versatzstücke, die mitunter wie Abfangjäger der imperialistischen Sternenflotte durch ihren frechen dunkelblonden Wuschelkopf schwirrten, waren selbst für eine Zehnjährige recht ungewöhnlich.

Wenn vieles für sie auf den ersten Blick auch unverständlich und zusammenhangslos erschien, verfügte sie doch über das nötige Werkzeug, die Dinge gedanklich so zu verbasteln, dass es irgendwann einen Sinn ergab. Mit fast philosophisch anmutender Leidenschaft zerlegte sie die Welt in ihre Einzelteile und setzte sie anschließend wieder so willkürlich zusammen, dass daraus ein völlig neuer Planet entstand. Ihre zum Teil recht abstrusen, wenn auch originellen Theorien beeindruckten dabei nicht nur ihre Klassenkameraden und Lehrer, sondern dienten mitunter auch als Inspirationsquelle für ihren journalistisch tätigen und mit Fantasie nicht ganz so beschlagenen Vater.

Noch lieber als sich Geschichten auszudenken, spielte sie allerdings Schlagzeug. Zweifellos ein recht ungewöhnliches Hobby für ein Mädchen ihres Alters, zumal sie bereits trommelte, bevor sie ihren ersten Milchzahn im Mund trug. Ständig waren ihre Hände in Bewegung, klopften auf alles herum, was sich zum Krachmachen eignete. Ob Tische, Wände oder Klodeckel – es gab nichts, was vor ihr sicher war. Fast schien es, als würden die Dinge erst Form und Beschaffenheit erlangen, nachdem sie von ihr abgeklopft wurden. Ihre Mutter behauptete, sie habe schon während der Schwangerschaft gespürt, dass in ihr eine Trommlerin heranwuchs, so wild und heftig soll es von innen gegen ihre Bauchdecke gehämmert haben.

Mit drei Jahren baute sie sich schließlich ihr erstes Schlagzeug aus Kochtöpfen, Büchsen und Mülleimern. Diese stellte sie neben die Boxen der väterlichen Stereoanlage, um dann mit Chinastäbchen und anderem Drumstick-Substituten zu Lenny Kravitz, Queen oder AC/DC darauf einzudreschen. Hauptsache es war laut, hatte Rhythmus und ging tempomäßig nach vorn – Kriterien, die noch heute ihr Verständnis von guter Musik ausmachten.

Ihren Eltern ging das ständige Gewummere im heimischen Wohnzimmer schnell auf die Nerven. Kurzerhand wurde sie samt ihrer Schießbude in den Keller verbannt, wo sie fortan ein einsames Musikerleben fristete. Gleichwohl machte sie in dieser Zeit beträchtliche Fortschritte, sodass sich ihr Vater irgendwann dann doch genötigt sah, ihr ein richtiges Schlagzeug zu kaufen und sie in der Musikschule anzumelden, auch wenn er vermutlich insgeheim hoffte, sie würde nach gewisser Zeit auf ein etwas weniger nervtötendes Instrument umsteigen. Matilda aber blieb der Trommelei treu, bis heute. Nur eines fehlte ihr noch zum vollkommenen Musikerglück: eine Band. Aber wie pflegte Großvater Edoardo immer zu sagen: »Wenn man geduldig wartet, wird das schönste Wetter!«

Bei ihren Klassenkameraden galt sie wegen ihres Hobbys als sonderbar. Dabei war sie ansonsten ein ganz normales Mädchen. Wie die meisten ihrer Altersgenossinnen hatte sie eine Vorliebe für romantische Vampirfilme, experimentierte mit Bügelperlen herum und fand Jungs im Allgemeinen total blöd. Einzige Ausnahme war Lino Sparacio. Er wohnte nur ein paar Häuser von ihren Großeltern entfernt und unterschied sich so ziemlich in allem von den eingebildeten Flegeln, die sie aus der Stadt kannte. Umso verständlicher, dass sie ihm bereits vor langer Zeit ihr laut pochendes, noch so unbescholtenes Herz vor die Füße legte und – dem glücklichen Umstand eines keineswegs einseitig empfundenen Begehrens geschuldet – sie ihre Liebe hinter der weißen Kirchmauer mit einem heimlichen zahnspangenverhedderten Kuss, den ersten ihres Lebens, besiegelten.

Matilda genoss das Leben bei ihren Großeltern auf Sizilien. Es war ein freies, unbeschwertes Leben. Nicht zu vergleichen mit ihrem durchorganisierten Alltag in Rom. Fast den ganzen Tag streunte sie in der Gegend herum, jagte Abenteuern hinterher oder ließ ihre Seele bei einer großen Kugel von Großmutters hausgemachten Meloneneis in der heißen Sonne baumeln. Wenn selbst das keine Abkühlung brachte, flüchtete sie mit den anderen Kindern zu dem kleinen Weiher an der alten Klosterruine. Dieser bot neben herrlicher Erfrischung auch einen idealen Rahmen für wilde Wasserspiele. An solchen Tagen verwandelte sich das für gewöhnlich friedliche Nass urplötzlich in ein tosendes Brandungsmeer. Oft reichte schon die kleinste Unachtsamkeit, um im Zuge der dramatischen Schwert- und Degenkämpfe unsanft von der zum Piratenschiff erklärten Luftmatratze befördert zu werden.

Matilda ließ sich von Zeit zu Zeit ganz gern mal erdolchen. Zum einen, weil die theatralisch und lautstark vorgetragenen Todessprünge ins kühle Wasser einfach unglaublich viel Spaß machten, andererseits sie als Leiche die Legitimation erhielt, sich von den durchaus kräftezehrenden Schlachten zu erholen, ohne von den anderen gleich als verweichlichtes Stadtkind deklariert zu werden.

Dann trieb sie in ausgestreckter Rückenlage auf der Wasseroberfläche und sah den Wolken dabei zu, wie sie sich zu Bildern oder Gesichtern formierten. Manchmal glaubte sie sogar Personen ihres Umfelds zu erkennen. Erst neulich fuhr sie regelrecht vor Schreck zusammen, als plötzlich die alte Spinelli zu ihr hinunterblickte. Diese wohnte in Rom ein Stockwerk unter ihnen und war das, was man gemeinhin als Hausdrachen bezeichnete. Ständig steckte sie ihre hässliche Knollnase in Dinge, die sie nichts angingen oder mäkelte an irgendetwas herum. Besonders auf Matilda hatte sie es abgesehen. Ob es ihr zu lautes Schlagzeugspiel war, die klackernden Schuhe auf dem Parkettfußboden oder ihr fröhliches Gepfeife im Treppenhaus, immer gab es etwas zu beanstanden. Wie gut, dass die Wolkenmaler für knarzige Meckertanten ebenso wenig übrig hatten wie sie. Ein kurzer Windstoß und das grimmige Aerosol-Gesicht verschwand so schnell, wie es entstanden war. Rauschbärtige Weihnachtsmänner, grinsende Schafe oder Primaballerinen im Tutu waren ohnehin schöner anzuschauen.

Fast einen ganzen Monat verbrachte sie bei ihren Großeltern. Es war eine herrlich unbeschwerte Zeit, auch wenn sie gelegentlich das Heimweh nach ihren in Rom zurückgelassenen Eltern plagte. Besonders schlimm war es, wenn sie in einem ihrer Träume auftauchten oder von ähnlich sehnsuchtsvollen Motiven getrieben, sich am Telefon vergewissern wollten, ob es ihr gut ging. Nicht dass sie vor Kummer zerfloss, aber manchmal wünschte sie sich schon, sie wären zumindest optional in der Nähe. Vier Wochen konnten schließlich ganz schön lang sein. Zum Glück aber gab es ja noch Großvater Edoardo, der ein absoluter Experte im Aufheitern heimwehgeplagter junger Mädchen war. Spätestens, wenn er sich seiner locker sitzenden Zahnprothese entledigte und dazu wilde Grimassen schnitt, war es vorbei mit Matildas temporärer Schwermut.

Mitunter reichte aber auch ein Streifzug durch den direkt am Haus anliegenden Obstgarten, um auf andere Gedanken zu kommen. Das von Edoardo liebevoll gepflegte Biotop gehörte seit jeher zu ihren erklärten Lieblingsorten auf Sizilien. Stundenlang konnte sie dort verweilen, ohne dass es auch nur ansatzweise langweilig wurde.

Neben Pfirsichen und Zitronen, reiften dort vor allem Orangen heran, deren tägliche Ernte sie sich zur Ferienaufgabe gemacht hatte. Der in meditative Schwingungen versetzende monotone Prozess des Pflückens sowie der benebelnd fruchtige, noch Tage später an Händen und Kleidung klebende Duft ließen sie alles um sich herum vergessen. Scheinbar besaß das süßsaftige Rautengewächs, das unter der liebevollen Obhut ihres graubärtigen Kümmerers zu wahrhaft prachtvollen Exemplaren heranreifte, magische Kräfte.

Kein Wunder, dass Edoardo seinen Orangen viel Hingabe und Aufmerksamkeit schenkte. Das war allerdings auch aus anderen Gründen nötig. Schließlich weckte das köstliche Sommerobst nicht nur bei seiner Enkelin starke Begehrlichkeiten. Auch in der unmittelbaren Nachbarschaft hatte sich ihr einzigartiger Geschmack herumgesprochen, was dazu führte, dass so manch bis dato unbescholtener Bürger der Versuchung erlag, sich ungefragt daran zu vergehen. Dafür zwängten sie sich sogar durch die hochgewachsene, blickdichte Zypressenhecke, in der Hoffnung, Sonne und Regen würden eine Kombination hervorbringen, ihre grobschlächtigen Spuren schnellstmöglich wieder mit frischem Grün zu bedecken. Den weniger Geschickten, die sich von Edoardo erwischen ließen, erwartete mindestens ein kräftiges Donnerwetter. Gelegentlich verpasste er ihnen aber auch eine Ladung Schrot in den Allerwertesten, was jedoch nur die wenigsten davon abhielt, es irgendwann erneut zu versuchen.

Die Organgenzucht barg insofern mehr Actionpotential, als man gemeinhin annehmen würde und entsprach damit so ziemlich genau den gestellten Anforderungen altersgerechter Beschäftigung zehnjähriger Mädchen in den Sommerferien. Nicht nur, dass man den ganzen Tag in den Bäumen herumklettern und seinen Insulinspiegel nach Herzenslust in rekordverdächtige Höhen treiben konnte, auch die kriminellen Begleitumstände hatten es Matilda angetan. Schließlich gehört es seit jeher zu den bevorzugten Betätigungsfeldern junger Heranwachsender, potenziellen Verbrechern nachzujagen und diese zur Strecke zu bringen.

Schnell hatte sie sich im Dorf einen gefürchteten Ruf als kompromisslose Ordnungshüterin erarbeitet: unbestechlich, hart in der Sache und mit Leib und Seele der Verteidigung des exquisiten Fruchtgutes verschrieben – notfalls auch mit Waffengewalt und unter Einsatz ihres noch jungen Lebens. Da war sie Soldatin durch und durch.

Wie ein Mitglied der Scots Guard patrouillierte sie mehrmals täglich mit stoischer Miene durch den großväterlichen Garten. In ihrer Hand stets eine der heiligen Früchte, gewillt, diese je nach situativem Erfordernis entweder gierig zu verschlingen oder auf einen Eindringling zu schleudern. Der öbstliche Ausschuss eignete sich besonders gut als Wurfgeschoss. Den vermeintlichen Übeltäter erst mal ins Visier genommen, wurde er von Matilda innerhalb von Sekunden und ohne Vorwarnung in einen matschig-fauligen Fruchtfleischhaufen verwandelt. Dass dabei auch menschliche Kollateralschäden in Kauf genommen werden mussten, ließ sich nicht vermeiden. Ob der Postbote, die Herren von der Müllabfuhr oder der stets milde dreinschauende Herr Kaplan – sie alle konnten ein Lied davon singen.

Matildas Eltern, die sich bei ihrer Erziehung eher an pazifistischen Grundwerten orientierten, bereiteten die martialisch anmutenden Konfliktlösungsstrategien ihrer Tochter etwas Sorge. Besonders ihr Vater glaubte darin Tendenzen der auf Sizilien teilweise noch immer vorherrschenden Cosa Nostra auszumachen. So befürchtete er, sie könnte unter dem großväterlichen Einfluss eine frühzeitige Karriere als Mafia-Killerin einschlagen. Eine aus Matildas Sicht maßlose Übertreibung, auch wenn es ihr tatsächlich jedes Mal große Mühe bereitete, sich nach ihrer Rückkehr aus Sizilien zu assimilieren. Potenzielle Verbrecher gab es schließlich überall, ebenso wie wasserhaltige Viktualien, die sich auch hervorragend vom heimischen Stadtbalkon abfeuern ließen. Und dass ein zehnjähriges Mädchen, welchem man zuvor ein uneingeschränktes Waffenrecht eingeräumt hatte, auf dieses nicht ohne weiteres wieder verzichten würde, dürfte verständlich sein. Signora Spinelli verhielt sich ihr gegenüber jedenfalls deutlich gemäßigter, seitdem sie jederzeit damit rechnen musste, beim Verlassen des Hauses mit fauligem Obstregen kontaminiert zu werden.

»Es ist Zeit zum Schlafengehen, kleine Tilli«, ertönte es freundlich aber bestimmend von drinnen.

Matilda saß noch immer auf der kleinen Holzbank vor dem Haus und versuchte ihre durch das Universum treibenden Gedanken einzufangen. Es war mittlerweile fast dunkel. »Ich komme gleich«, rief sie folgsam zurück.

Großmutter Elvira gehörte zu den wenigen Menschen, die gegen ihre abendlichen Hinauszögerungstaktiken vollkommen immun war. Matilda versuchte es daher auch gar nicht erst. Der Tag auf der Obstplantage war ohnehin anstrengend genug und die Müdigkeit nun doch in ihre Glieder gekrochen.

Sie steckte sich noch eine letzte Orange in ihre Rocktasche und kletterte die an der Hauswand lehnende Leiter hoch. Dachdecker hatten sie dort vor einiger Zeit vergessen. Matilda freute sich jedes Mal aufs Neue über die vermachte Holzstiege und auch darüber, dass Edoardos Bandscheibenvorfall es bis heute nicht zuließ, sie wegzuräumen. Schließlich war es der direkteste, vor allem abenteuerlichste Weg in ihr gemütliches kleines Gaubenzimmer im ersten Stock.

Die Standpauke ihres oben am Fenster sie erwartenden Großvaters nahm sie wie üblich mit einen ihrer entwaffnenden Rehaugenaufschlägen entgegen. Sie wusste genau, dass er ihr nie wirklich böse sein konnte. Außerdem wählte er mitunter selber diesen unkonventionellen Einstieg, um das eine oder andere Fläschchen Wein ins Haus zu schmuggeln, ohne das seine Gattin Wind davon bekam.

Diese traf kurz darauf ebenfalls im Zimmer ein, um Matilda Gute Nacht zu sagen. Zwar wunderte sie sich, wie es ihre Enkelin erneut geschafft hatte, sich unbemerkt an ihr vorbeizuschleichen, schob diesen Umstand dann aber ihrem nachlassenden Kurzzeitgedächtnis zu. Die Leiter hatte sie ebenfalls vergessen, obwohl sie bereits seit zwei Jahren vor dem Haus stand.

»Jetzt aber husch die Zähne geputzt und Abmarsch ins Bett«, befahl Elvira streng.

Nachdem Matilda alles erledigt hatte, schlüpfte sie unter die Decke und blickte ihre Großmutter mit erwartungsvollen Augen an. Die Ernüchterung folgte jedoch auf dem Fuße.

»Heute nicht, mein Schatz. Es ist schon spät und ich muss noch den Kuchen für Onkel Alfredos Geburtstag backen.«

Offenbar wusste sie genau, worauf Matilda anspielte. Natürlich ging es um die allabendliche Gutenachtgeschichte. Dass sie ausfiel, war für Matilda so ziemlich das Schlimmste, was passieren konnte. Schließlich konnte niemand so gut Geschichten erzählen wie sie. Dafür brauchte sie noch nicht einmal Bücher. Wie Tetris-Klötze purzelten die Worte aus ihr heraus – kraftvolle, bunte Worte, die sich zu gleichsam fantasievollen wie spannenden Geschichten formierten. Dabei schlüpfte sie so lebhaft in die ausgedachten Figuren, dass es schien, als könnten diese jederzeit durch die Tür schreiten und zu Matilda ins Bett kriechen.

Elviras Eloquenz und Kreativität vermochten jedoch nicht nur ihre Enkelin zu begeistern. Auch die anderen Kinder im Dorf schätzten die zierliche Frau mit den feenhaften Gesichtszügen und der rauchigen Stimme für ihre Erzählkunst. Sowohl ihre ehrenamtlichen Vortragsreihen im Gemeindekindergarten als auch das mit den Kommunionskindern eingeübte Krippenspiel zu Weihnachten besaßen absoluten Kultstatus.

Oft wurde Elvira gefragt, warum sie aus ihrem schier unerschöpflichen Ideenreichtum nie einen Beruf gemacht hatte. Schließlich stand das fantasievolle Gestrick ihrer Geschichten dem einer Joanne K. Rowling in kaum etwas nach. Doch Elvira liebte ihr einfaches Leben als Hausfrau und Mutter, ein absolut erfüllendes, beglückendes Leben, das sie für nichts auf dieser Welt hätte eintauschen wollen. Meistens beschränkte sich ihre Antwort daher auf ein nicht weiter kommentiertes Achselzucken oder eine abfällige Handbewegung. Weder strebte sie nach vermeintlich Höherem, noch hatte sie das Gefühl, sich in irgendeiner Weise profilieren zu müssen. Wenn es ihr gelang die Augen ihres jungen Publikums zum Strahlen zu bringen – und es gelang ihr oft – war sie glücklich und zufrieden. Mehr brauchte sie nicht.

Schade war es trotzdem, dass der Kreis derer, die mit ihren wundervollen Geschichten in Berührung kam, überschaubar blieb. Daran vermochte auch ihr Gatte nichts zu ändern, der sie früher oft gedrängt hatte, ihre kreativen Ideen doch wenigstens zu Papier zu bringen und von einem Lektor begutachten zu lassen. Doch sie blieb ihrer Maxime treu. »Echte Geschichtenerzähler dürfen nicht berühmt sein«, hatte sie einmal zu ihm gesagt. »Sie verlieren sonst ihre Leichtigkeit und bunten Federn.«

Natürlich hätte man sie überlisten, sie beispielsweise heimlich während ihrer Vorträge auf Tonband aufzeichnen können. Doch auch wenn es Edoardo oft reizte, es darauf ankommen lassen wollte er lieber nicht. Schließlich war sie eine waschechte Sizilianerin. Selbst wenn im Hause Genovese die regional verbreiteten Umgangsformen der Cosa Nostra bislang keinen Einzug erhalten hatten – der besorgte Schwiegersohn mochte da anderer Meinung sein – konnte man sich in etwa vorstellen, dass ein Hintergehen ihrer Person aufs Fürchterlichste geahndet worden wäre.

Auch Matilda wusste, wie aufbrausend ihre Großmutter mitunter sein konnte. Insofern versuchte sie gar nicht erst, die vorenthaltene Gutenachtgeschichte von ihr einzufordern. Schließlich war sie nicht wie ihre Eltern, denen man nur lange genug auf die Nerven gehen musste, bis sie einknickten. Nein hieß bei Elvira Nein. Wer das nicht auf Anhieb begriff, dem wurden die Flügel gestutzt. Immerhin gab es noch einen Gutenachtkuss auf die Stirn und auch auf den kitzelnden Bauchpupser ihres bärtigen Großvaters musste sie nicht verzichten.

Nachdem sie sich ihre Großeltern verabschiedet hatten, schaute Matilda noch eine Weile aus dem weit geöffneten Fenster. Der Mond hatte mittlerweile den gesamten Nachthimmel für sich eingenommen. Sogar die Sterne schienen von seiner Leuchtkraft und Größe beeindruckt. Andächtig, fast schüchtern schimmerten sie an den ihnen verbleibenden schwarzen Samträndern des Weltalls vor sich hin. Sonst selber strahlende Protagonisten faszinierender Himmelsschauspiele, wirkten sie an diesem Abend wie blasse Komparsen.

Sich versichernd, dass die für sie Sorge tragende Verwandtschaft wieder in der unteren Etage des Hauses verweilte, hüpfte Matilda noch einmal aus dem Bett, um die hineingeschmuggelte Orange aus dem Kleid zu kramen. Eigentlich hatte sie vorgehabt, diese noch heimlich zu vertilgen, jetzt aber fehlte ihr die Kraft zum Schälen. Sie wollte sie gerade wieder aus der Hand legen, als ihr plötzlich die frappierende Ähnlichkeit mit dem durch das Fenster scheinenden Himmelskörper auffiel.

Nun hatte sie doch noch etwas gefunden, das einem Vergleich standhielt. Nur die noch immer in ihrem Kopf schwelende Frage, was wohl der Anlass für sein majestätisches Auftreten war, wollte sich ihr einfach nicht erschließen. Jedenfalls nicht an diesem Abend ...

Es war noch früh, als Jan in Collesano ankam. Er war die Nacht durchgefahren und hatte Glück, dass er gleich die erste Fähre nach Messina erwischte. Gerade mal neun Stunden hatte er für die Strecke gebraucht. Eine durchaus respektable Zeit. Schließlich war sein alter Fiat Punto schon ziemlich klapprig, und auch er befand sich in kaum besserer Verfassung.

Wie oft waren sie die knapp 800 Kilometer aus Rom gemeinsam gefahren, in ausgelassener Stimmung und voller Vorfreude. Wenn es in die alte Heimat ging, blühte Carmela regelrecht auf. Dann erzählte sie ihre kleinen Geschichten aus der Kindheit oder stimmte alte sizilianische Volkslieder an, während sie dabei temperamentvoll den Fächer bediente oder mit ihren rotlackierten Füßen auf dem Armaturenbrett herumtänzelte.

Ihr halbes Leben hatte sie auf Sizilien verbracht. Erst im Alter von 19 emigrierte sie aus der wirtschaftlich nicht gerade übervorteilten Region nach Rom, um dort Kunst zu studieren. Dennoch blieb sie ihrer Heimat stets verbunden. Die Liebe zur unnachahmlichen Landschaft, der besondere Menschenschlag, das türkisfarbene Meer und natürlich ihre seit Generationen in Collesano ansässige Verwandtschaft ließen sie immer wieder dorthin zurückkehren.