Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Manchmal braucht es einen langen Atem, einen kräftigen Schlaganfall und Unmengen an Pasta, um ein bis dato völlig verkorkstes Vater-Sohn-Verhältnis zu kitten. Vor allem aber braucht es eine gehörige Portion Humor. Felix Söring erzählt von den freitäglichen Ausflügen mit seinem an den Rollstuhl gefesselten Vater. Woche für Woche sitzen sie sich in dem kleinen italienischen Restaurant am Fuße des Hamburger Stadtparks gegenüber, sich ihrer Leidenschaft fürs Essen hingebend, mal mehr und mal weniger tiefgründig austauschend, mitunter von lieben Menschen begleitet. Eine Zeit der Aussöhnung und des Abschiednehmens, voll bewegender Momente, manchmal von tiefer Traurigkeit, oft aber auch unsagbar komisch.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Manchmal braucht es einen langen Atem, einen kräftigen Schlaganfall und Unmengen an Pasta, um ein bis dato ziemlich verkorkstes Vater-Sohn-Verhältnis zu kitten. Vor allem aber braucht es eine gehörige Portion Glück. Denn wäre der Sohn an jenem verhängnisvollen Tag nicht seiner inneren Stimme gefolgt und in die Wohnung seines Vaters eingebrochen, sie hätten wohl kaum die Gelegenheit dazu gehabt. So aber beginnt für beide nochmal alles bei Null.
Felix Söring erzählt von den freitäglichen Ausflügen mit seinem an den Rollstuhl gefesselten Vater. Woche für Woche sitzen sie sich in dem kleinen italienischen Restaurant am Fuße des Hamburger Stadtparks gegenüber, sich ihrer Leidenschaft fürs Essen hingebend, mal mehr und mal weniger tiefgründig austauschend, mitunter von lieben Menschen begleitet. Eine Zeit der Aussöhnung und des Abschiednehmens, voll bewegender Momente, manchmal von tiefer Traurigkeit, oft aber auch unsagbar komisch.
Felix Söring wurde 1967 in Hamburg geboren. Er studierte Betriebswirtschaft, Soziologie und Erziehungswissenschaften. Bis 2005 war er für verschiedene Großunternehmen als Führungskraft und Coach tätig. Nebenbei betrieb er viele Jahre ein Tonstudio in Hamburg, in welchem zahlreiche Musikproduktionen entstanden. Als freier Musikjournalist schrieb Söring unter anderem für die Hamburger Morgenpost. Seit 2006 ist er Berufsschullehrer und widmet sich verstärkt seiner schriftstellerischen Leidenschaft. Felix Söring ist Vater eines volljährigen Sohnes und jeden Freitag als Rollstuhlschieber, Boulevardzeitungs-Rezitator und Penne-auf-den-Teller-Rückbeförderer für seinen Vater im Einsatz.
[…] Da ist z.B. mein Vater, den ich gleich besuchen werde. Ihn hat ein kräftiger Hirnschlag vor ein paar Jahren zum Pflegefall gemacht. Erst vor kurzem haben wir ihn in seine Wohnung zurückgeholt, wo er mit vereinten Kräften gepflegt und geliebt wird. Auch er hat sich nun offenbar entschlossen, seine letzte Reise anzutreten, wie dein Dichter, dessen Zeilen mir gefielen. Habe durch das Schicksal meines Vaters gelernt, auch den schmerzhaften Dingen des Lebens die positiven Aspekte abzugewinnen. So liegt das Paradies in diesem einen Augenblick, wenn die traurigsten aller traurigen Augen nur aufgrund einer Gabel Penne al Gorgonzola eine Millisekunde aufglänzen. Das ist dann Puccini, Gloria und transponierte Tonkunst in einem. Für mich persönlich war und ist dieses Abschiednehmen ein recht bewusster Vorgang. Es gibt eben dabei auch so viele schöne, manchmal sogar unvorstellbar lustige Momente. Und das was noch zu klären war, wurde geklärt. Nun darf er gehen, wenn er mag. Traurigkeit? Ja, manchmal! Schwere? Nur bedingt! Eher Dankbarkeit, für die geschenkten Jahre. […]
(Aus einem Brief an eine Freundin 2007)
Prolog
Nachtmeerfahrt
Alles auf Null
Ein Sommermärchen
La Strada Rituale
Penne auf Herz!
Der flotte Hugo
Der tragische Tod der chinesischen Ärztin
Die Hochzeit
Die Vorleser
Der Drei-Generationen-Blues
La Boum
Der Bieronkel
Väterchens Mondfahrt
Epilog
An meinem achten Geburtstag schenkten mir meine Eltern ein weißes Zwergkaninchen. Es sollte ihren verschrobenen, bisweilen etwas weltentrückten Sohn feinfühliger machen und seine bis dahin nur wenig ausgeprägte emotionale Seite öffnen. In der Tat entwickelte sich eine innige Freundschaft zwischen mir und dem Nager, der aufgrund meiner damaligen Einfältigkeit ohne Namen blieb - jedenfalls keinen, der es verdient hätte, öffentlich an dieser Stelle preisgegeben zu werden. Ohne pathetisch klingen zu wollen, aber die wenigen Monate in denen dieses kleine Geschöpf zu unserer Familie gehörte, waren mit die glücklichsten meiner gesamten Kindheit.
Es störte mich nicht weiter, dass Kaninchen ihre Zuneigung eher unaufdringlich und diskret zum Ausdruck bringen. Ihr von Schlichtheit geprägtes Minenspiel, das beharrliche Schweigen oder ihre offenbar angeborene Ängstlichkeit – auch meines saß die meiste Zeit zitternd und innehaltend in der hintersten Ecke unter meinem Bett – waren mir mehr sympathisch, als dass ich mich darüber hätte echauffieren wollen. Möglicherweise war es ja gerade diese so wenig ausgeprägte expressive Grundhaltung, die mir so gut tat. Trug ich doch selber entsprechende Wesenszüge in mir.
Mein pelziger Freund war ganz sicher mehr als nur die Projektionsfläche einer neu in mir entdeckten Herzenswärme. Und obwohl ich als Futterlieferant, Stallputzer oder Animateur eher die Rolle des aktiven Allround-Versorgers einnahm, hegte ich keinerlei Erwartungen, sondern erfreute mich einfach nur an seiner Existenz. Ein kurzer mümmelnder Blick aus dem Dunkel meines Bettenunterbaus, das vertraute nächtliche Geräusch, wenn er seine Zähnchen an den Gitterstäben seines Stalles schärfte oder die wenigen Momente, in denen er sich aus seinem Versteck traute, um sich mit anfangs noch pochendem Herzen ein Löwenzahnblatt aus meiner Hand zu stibitzen. Das reichte mir als Zeichen unserer Verbundenheit.
Nach einer kurzen Phase unvorstellbaren Glücks wurde mein geliebter Klopfer krank. Glaubte ich zunächst noch, dass seine merkwürdigen, anfänglich von mir belachten zick-zack-kursigen Bewegungen auf die Einnahme eines von Erwachsenen unachtsam abgestellten alkoholischen Getränks zurückzuführen seien, wurde sehr bald deutlich, dass es sich um etwas Schwerwiegenderes handeln musste. Innerhalb kürzester Zeit verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Rannte er plötzlich gegen Wände und urinierte in seinen Futternapf, bis er sich schließlich überhaupt nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Nach einem Besuch beim Tierarzt dann die Gewissheit: Myxomatose oder Kaninchenseuche, wie es im Volksmund heißt. Die Prognose? Hoffnungslos! Im optimistischsten aller Fälle blieben uns noch drei bis vier Monate. Eine Chance auf Heilung gab es nicht.
Für mich brach damals eine Welt zusammen. Es war schrecklich, ihn so hilflos in seinem Ställchen dahinvegetieren zu sehen. Und doch ließ ich mir nichts anmerken, wollte stark für ihn sein. All meine Liebe ließ ich ihm zukommen und pflegte ihn so gut ich konnte. Schon bald sollte er nicht mal mehr sein Futter anrühren, sodass er mit einer vom Tierarzt verschrieben Paste zwangsernährt werden musste. Doch es half alles nichts. Mein Kaninchen starb an einem der ersten heißen Junitage des Jahres 1975. Es wurde gerade mal fünf Monate alt. An jenem Tag beschloss ich, mich für alle Zeiten gegen Schmerz und Kummer immun zu machen. Nie wieder wollte ich ein lebendiges Wesen so nah an mein Herz lassen. Es sollte mir viele Jahre gelingen…
Es war der 10. Juni 2005 gegen 17:30 Uhr, als ich die Wohnung meines Vaters in der Maria-Louisen-Straße betrat. Er hatte seit einigen Tagen nichts mehr von sich hören lassen und ich machte mir ein wenig Sorgen. Telefonisch war er nicht zu erreichen und auch von einer eventuell bevorstehenden Reise hatte er nichts erwähnt. Nicht dass ich meinen Vater kontrollierte oder wir symbiotisch aneinanderhingen, aber seine Lebensgefährtin hielt sich für ein paar Tage beruflich in München auf und die Sache mit seinem Herzanfall war gerade erst einige Monate her. Insofern schien ein gewisses Maß an Beunruhigung durchaus angebracht, zumal mein Vater kein wirklich einfacher Patient war. Hatte er seine von Lastern durchtränkte Lebensweise den neuerlichen gesundheitlichen Gegebenheiten wenn überhaupt nur marginal angepasst.
Entgegen dem Anraten seiner Ärzte trank er nach wie vor zuviel Rotwein, verleibte sich mit großem Eifer Unmengen an cholesterinreichen Pasta- und Fleischgerichten ein oder füllte sein gerade erst begonnenes Rentnerdasein mit Umtriebigkeiten, wie beispielsweise Fotoreisen durch die mecklenburgische Seenplatte oder mit von merkwürdigem Pflichtgefühl geleitete Gefälligkeitsdienste für eine seiner vielen Verflossenen.
Dickköpfig wie er nun mal war, lehnte er jeden noch so gut gemeinten gesundheitlichen Ratschlag ab. Ob von Ärzten, Freunden, der designierten Gemahlin und erst recht von einem seiner Söhne. Das hatte man zu akzeptieren. Er verbat sich überhaupt jede Form von Einmischung in sein Leben. Stets darum bemüht, die für ihn so ungemein wichtigen und hart erkämpften Freiräume zu verteidigen, ließ er nur wenig Nähe zu und schützte sein fraglos vorhandenes Herz vor allzu viel Berührung. Bestenfalls erhielt man ein zeitlich begrenztes Passierrecht, vorausgesetzt man hatte zuvor unter Beweis gestellt, keinesfalls zu viel von ihm einzufordern oder gar eine Art von Verbindlichkeit für sich in Anspruch zu nehmen. Und so ließ er manch wohlgesinnten Besucher auf glitzernden Eisbergen übernachten und wunderte sich am nächsten Morgen, dass er erfroren war.
Distanzen schaffen, darin war er wirklich gut. So gut, dass ich mir eine Menge von ihm abgeschaut habe. Kein Wunder also, dass unsere Begegnungen viele Jahre in einer eher frostigen Atmosphäre stattfanden und man unser Verhältnis wohl kaum als besonders liebevoll oder warmherzig bezeichnen konnte. Dennoch haben wir uns immer wieder gesucht und ein gewisses Interesse für einander aufgebracht. Vielleicht weil wir instinktiv fühlten, dass hinter der gepanzerten Schneeglasscheibe des anderen ein wichtiger Schlüssel zu uns selbst lag. Sind doch so viele der schmerzlichen Dinge magnetisch.
Vorsichtig schlich ich den Korridor entlang. Vorbei an der Vitrine mit den bayrischen Zinnfiguren und der Kommode, auf welcher er für gewöhnlich die Zettel mit den Anweisungen deponierte oder ich die Post abzulegen hatte, wenn er sich auf Reisen befand. Im Übrigen die einzig legitimierte Veranlassung, mich auch ohne die Erforderlichkeit seiner Anwesenheit in der Wohnung aufzuhalten. Ansonsten standen Überraschungsbesuche selbstverständlich ganz weit oben auf der Liste schwer zu ahndender Vergehen. Hatte er mir doch unlängst in einem seiner nicht enden wollenden schulmeisterlichen Vorträge deutlich gemacht, dass selbst eine im Anflug von Unbedarftheit vollzogene Visite anlässlich seines Geburtstages – ich hatte ihn mit seinem Lieblingskuchen überraschen wollen – »jetzt und auch in Zukunft« nicht gewünscht sei. Andernfalls hätte ich damit zu rechnen, dass das jüngst in mich gesetzte Vertrauen postwendend wieder entzogen werde und damit auch der sich in meiner Obhut befindende Schlüssel zu seiner Wohnung.
»Blöder Hund«, dachte ich damals. Und doch wollte ich meinen hart erkämpften Posten des Schlüssel-Keepers auch nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Lag in diesem albernen Stück Metall eine tiefe Symbolkraft für mich. Nach all den Jahren, in denen wir immer neue Demarkationslinien zwischen uns zogen, über soviel Unsinn miteinander stritten, nur um das laute Pochen unsere Schisser-Herzen zu übertönen, erhielt ich endlich, wenn auch limitiert, Eintritt in sein Leben. Ein Privileg, das bisher nur seiner portugiesischen Bodendompteuse, wie er sie bisweilen zu nennen pflegte, zuteil wurde.
Dieser Schlüssel war mehr als nur ein Türöffner. Wenn ich es geschickt anstellte, konnte ich damit bis in die entlegensten Winkel seines Herzens vordringen. Dazu allerdings war es notwendig, die von ihm gesteckten Rahmenbedingungen ohne Einschränkungen zu akzeptieren. Bloß nicht wieder vermasseln, so wie beim letzten Mal. Ich hielt es deshalb für geschickter, mich mit Umschlägen aus seinem Briefkasten zu bewaffnen, als Vorwand. Ihn auf Reisen wähnend, hielt ich mich schließlich nur deshalb seiner Wohnung auf, um meinen briefkastenleerenden Pflichten nachzukommen. Vielleicht käme ich auf diese Weise mit mildernden Umständen davon, sollte er mir unverhofft über den Weg laufen.
Wie ein Indianer sich dem Büffel nähernd, arbeitete ich mich in das Wohnungsinnere vor. Immer damit rechnend, dass er jeden Augenblick schnaubend aus einem der Zimmer stürzte, um mich auf die Hörner zu nehmen. Mein Herz pochte laut. Wieso hatte ich bloß immer diese scheiß Angst vor ihm? Die Tür zum Wohnzimmer war angelehnt. Durch das milchige Fensterglas konnte ich die Konturen des ausgezogenen Schlafsofas erkennen. Irgendetwas stimmte nicht. Es war so gar nicht seine Art, das Bett am Tage aufgeklappt zu lassen.
Ich stieß die Wohnzimmertür auf. Mir stockte der Atem! Da lag er, vor mir auf dem Boden, direkt neben dem Schlafsofa, splitterfasernackt und halb aus dem Bett hängend. Sein Gesicht war zum Fenster gerichtet und die Augen verschlossen. Es roch nach abgestandener Luft. Neben ihm das alte schwarze Telefon mit dem Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber auf der Wählscheibe. Es war anscheinend bei dem Versuch zu telefonieren vom Nachttisch gefallen. Eine vermutlich ebenfalls zu Boden gerissene Stehlampe flackerte unheilvoll vor sich hin. Er dagegen rührte sich nicht. Ich war mir sicher, dass er nicht mehr lebte.
Natürlich kam dieser Moment nicht unerwartet. Seit Monaten musste man damit rechnen. Das war uns allen bewusst. Ich denke auch meinem Vater. Oft hatte er in letzter Zeit Andeutungen diesbezüglich gemacht, nicht ohne dabei in gewohnten Zynismus zu verfallen. Forderte er meinen Bruder und mich bei einem Rundgang durch seine Wohnung zum Beispiel dazu auf, uns doch schon mal potentielle Erbstücke auszusuchen. Abgesehen von einem alten Bierkrug aus dem Tegernseer Bräustüberl, hielt ich mich jedoch mit entsprechenden Reservierungen zurück. Bereitete mir diese Art von Vorsorglichkeit irgendwie Unbehagen.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit, in der ich nur so da stand. Weder war ich in der Lage mich zu bewegen, noch traute ich mich zu atmen. Es fühlte sich an, als würde mich jemand unter Wasser drücken. Alles schien blockiert in mir. Dann bemerkte ich plötzlich, wie sich sein Brustkorb leicht anhob. Täuschte ich mich? Mein Gott, er schien noch zu leben! Sofort bündelte ich meine gesamten Kraftreserven, entriss mich aus der schockartigen Starre und beugte mich über ihn. Laut rief ich seinen Namen, immer wieder. Und tatsächlich, nach einer Weile öffnete er die Augen. Seine Pupillen waren stark geweitet und die Bindehaut blutunterlaufen. Er schien mich zu erkennen und versuchte zu sprechen, aber die merkwürdigen Laute, die er von sich gab, machten einfach keinen Sinn. Nur meinen Namen glaubte ich einige Male herauszuhören.
Er zitterte stark, seitdem er das Bewusstsein wiedererlangt hatte und das, obwohl draußen noch immer Temperaturen um die 30 Grad herrschten. Ich wickelte ihn so gut es ging in seine Bettdecke. Dann legte ich seinen Kopf auf meine Oberschenkel und streichelte seine Stirn, während ich mit der anderen Hand die Wählscheibe seines Telefons bediente: 112.
Der Mann am anderen Ende der Leitung stellte mir die üblichen Fragen: Adresse, Name, Alter, Vorerkrankungen, Medikamente usw. Jeder, der schon mal einen Notruf absenden musste, wird bestätigen, dass man in diesem Augenblick kaum verstehen kann, warum derart viele Informationen erforderlich sind. Fast war ich geneigt, den armen, seine Pflicht tuenden Mitarbeiter der Notrufannahmestelle aufzufordern, doch nun endlich den Turbo einzuschalten und zumindest schon mal einen Krankenwagen loszuschicken, bevor wir den netten Plausch weiterführten und ich ihm auch noch die Schuhgröße und Leibspeise meines Vaters verriet.
Ob ich denn eine Vorstellung hätte, was ihm fehlen könnte? Ich stockte. Bis jetzt hatte ich nur funktioniert und mir darüber in der Tat noch keinerlei Gedanken gemacht. »Schlaganfall«, brach es dann aber unmissverständlich und sicher aus mir heraus. Seltsam, aber erst in dem Augenblick als ich es aussprach, wurde mir die ganze Tragweite der Katastrophe bewusst. Dabei wäre ich als ehemaliger Krankenpfleger durchaus in der Lage gewesen, die Situation fachlich korrekt und präzise zu bewerten. Natürlich hatte er einen Schlaganfall, einen außenordentlich schweren sogar. Schließlich konnte er sich weder vernünftig artikulieren, noch war er im Stande, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Ich blickte in die noch immer weit aufgerissenen Augen meines Vaters. Das Telefongespräch schien ihn noch mehr aufgewühlt zu haben. Kalter Schweiß ran über seine Stirn und seine Atmung glich mittlerweile der eines Boxers in der zwölften Runde. Unentwegt brabbelte er vor sich hin. Es tat mir in der Seele weh, dass ich es nicht fertig brachte, diese Sprachfetzen auch nur annähernd zu deuten. Plötzlich griff er nach meiner Hand und zog sie fest an sich. Was für eine enorme Kraft er trotz seines Zustandes entwickelte.
Wie gern hätte ich ihm geholfen, seine Schmerzen und Ängste genommen. Doch alles was mir einfiel, waren die typischen Beschwichtigungs-Floskeln und Durchhalteparolen. Solche, die man bisweilen auch aus schlechten Filmen kennt. Worthülsen eben! Dennoch meinte ich mich daran zu erinnern, dass man durch gutes Zureden in solchen Situationen eine Menge Positives bewirken kann. Und tatsächlich, es schien zu funktionieren. Die merkwürdigen Laute, die noch bis eben aus dem Mund dieses rhetorisch einst so beschlagenen Mannes sprudelten, verstummten allmählich. Auch seine Atmung flachte zusehends ab und sogar das Zittern ließ endlich nach.
Bis zum Eintreffen des Krankenwagens vergingen keine zehn Minuten. Und doch war dieser kurze Moment zweifellos der intensivste und wahrhaftigste, den ich je mit meinem Vater erlebt habe. Niemals zuvor habe ich eine derartige Nähe zu ihm gespürt, wie an jenem frühen Abend des 10. Juni, als wir Seite an Seite um sein Leben kämpften.
In den darauffolgenden Stunden musste er unzählige Untersuchungen über sich ergehen lassen. Dazwischen immer wieder endloses Warten vor den Sprechzimmern und Behandlungssälen, bevor es dann in kilometerlangen Fahrten über die sterilen Flure zu den nächsten Stationenging. Die üblichen Krankhaus-Torturen eben. Er liegend im Bett, ich trabend nebenher.
Nicht von seiner Seite weichend beobachtete ich, wie man ihn in Röhren presste, seinen Kopf durchleuchtete, ihm Schläuche in sämtliche seiner Körperöffnungen schob oder Ärzte und Schwestern versuchten, mal mit mehr oder mit weniger Feingefühl, die verbliebenen kognitiven Fähigkeiten zu testen, indem sie ihm tausende von Fragen stellten. Natürlich war auch ich ein gefragter Gesprächspartner. Ließen die Aussagen meines Vaters in Bezug auf Präzision und Informationswert verständlicherweise stark zu wünschen übrig.
Es war bereits spät in der Nacht, als endlich etwas Ruhe einkehrte. Man hatte ihn in einem Einzelzimmer auf der »Stroke Unit« untergebracht, einer Intensivstation speziell für Schlaganfallpatienten. Von den Strapazen der vergangenen Stunden völlig erschöpft, war er in einen tiefen, wenn auch unruhigen Schlaf gefallen. Sicher hatten auch die Beruhigungsmittel und diversen anderen Medikamente, die nun als Infusion getaktet in den geschwächten Körper sickerten, dazu beigetragen. Auch an mir war der Tag nicht spurlos vorübergegangen. Selten fühlte ich mich derart entkräftet. Und doch dachte ich keine Sekunde daran, mich auszuruhen. Wie sollte das auch funktionieren in dieser bedrohlichen Umgebung, mit all den blinkenden und piepsenden Instrumenten, die deutlich machten, wie schlecht es um ihn stand. Bis zum Eintreffen seiner Lebensgefährtin und meines Bruders würden sicher noch einige Stunden vergehen. Ich hatte sie erst spät in München erreicht. Vor 7:00 Uhr am nächsten Morgen würde sicher kaum mit ihnen zu rechnen sein.
Ich stand neben seinem Bett und beobachtete den Überwachungsmonitor. Die regelmäßigen Herzschläge deuteten darauf hin, dass sein Zustand im Augenblick einigermaßen stabil war. Ich musste daran denken, was die Ärzte sagten: Knapp wäre es gewesen. Sehr knapp sogar! Nach der Schwere des geschädigten Hirnbereichs zu urteilen, lag er bereits mehrere Tage in seiner Wohnung. Zu lange, als dass man sich berechtigte Hoffnungen auf eine vollständige Heilung machen konnte. Auf eine schwere Zeit würden wir uns einstellen müssen, hatten sie gesagt. Glück im Unglück hätte er dennoch gehabt. Nur drei Stunden später, er wäre vermutlich nicht mehr am Leben gewesen. Anerkennend hatte mir der Arzt dabei auf die Schulter geklopft. »Ihr Vater kann sich bei ihnen bedanken!«
Ich, sein Lebensretter? Wie oft hatte mein Vater erwähnt, dass er nichts mehr fürchtete, als am Ende seines Lebens auf die Hilfe anderer Menschen oder Maschinen angewiesen zu sein. Mehrfach mussten mein Bruder und ich ihm versichern, dass wir es niemals soweit kommen lassen würden. Ein Versprechen, welches ich heute vermutlich gebrochen hatte. Ja, ich war verantwortlich dafür, dass er noch lebte. Aber auch dafür, dass sich wohl nun die schlimmste seiner Vorstellungen bewahrheitete: ein Leben als Pflegefall. Das erste Mal an diesem Tag kullerten mir die Tränen. »Verzeih mir«, flüsterte ich ihm zu. Dann nahm ich einen nassen Lappen und betupfte damit vorsichtig seine trockenen Lippen. Ich wusste, es würde niemals mehr sein wie zuvor.
»Hallo?« Die weibliche Stimme auf der anderen Seite der Gegensprechanlage schien mich immer noch nicht zu verstehen. Dabei wiederholte ich meinen Namen bereits zum dritten Mal. Immerhin derselbe, wie der auf dem Klingelschild. Diesmal fügte ich sicherheitshalber noch meinen Verwandtschaftsgrad hinzu:
»Ich bin der Sohn!«
»Telefon!«, bestätigte die blechernde Stimme aus dem Lautsprecher. Wie auch immer, dachte ich und stieß die Tür zum Treppenhaus auf, die mich nun endlich surrender Weise passieren ließ. Meinen Schlüssel hatte ich vorübergehend an die mit dem Umbau des Bades beauftragte Klempnerei verliehen, sodass ich in der Tat darauf angewiesen war, dass man mir Einlass gewährte. War es doch ein ganz besonderer Tag. Nach fast einjährigem Aufenthalt in der Rehaklinik, sollte mein Vater endlich wieder nach Hause zurückkehren.
Gewiss, es war mit Risiken verbunden. Natürlich würde es nur mit vereinten Kräften und pflegerischer Unterstützung gehen. Aber die jüngsten, wenn auch marginalen Fortschritte sowie die zumindest nicht mehr ausschließlich pessimistischen Prognosen der Ärzte, stimmten uns zuversichtlich. Eine wirkliche Alternative gab es ohnehin nicht. Hatten mein Bruder und ich in den Wochen zuvor sämtliche Pflegeheime der näheren Umgebung abgeklappert und uns nicht im Geringsten vorstellen können, ihn dort auch nur für fünf Minuten einzuquartieren. Schienen doch die meisten Klischees und Vorurteile hinsichtlich der dort aktuell herrschenden Missstände absolut gerechtfertigt.
In Anbetracht der Schwere seiner Erkrankung hatte mein Vater in den letzten Monaten große Fortschritte gemacht und sich zurück ins Leben gekämpft. Deutete doch lange Zeit nichts darauf hin, dass er jemals auch nur eine Gabel wieder in der Hand halten würde können. Vor allem dem unermüdlichen Einsatz seiner Krankengymnasten und Ergotherapeuten war es zu verdanken, dass er zumindest einige der abhanden gekommenen motorischen Fähigkeiten wiedererlangen sollte. Viele seiner Erinnerungen blieben dagegen ebenso verschüttet, wie die Fähigkeit zu abstrakter oder zeitlich dimensionierter Denkweise. Auch ist er bis heute linksseitig gelähmt und somit an den Rollstuhl gefesselt.
