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»Das musste es sein, das Haus, aus Feldsteinen gemauert, mit den verblichenen Fensterläden, kurz vor der letzten Kurve, kurz vor der Grenze.« Die 30-jährige Archäologin Elena erbt von einem unbekannten Mann ein Haus auf einem einsamen Pass zwischen Italien und Österreich. Durch die Grenzschließung wegen einer sich rasant ausbreitenden Pandemie wird sie auf sich selbst zurückgeworfen. Mit Hilfe ihres einzigen Nachbarn, des Baristas Dino, und der im Haus gefundenen Gegenstände und Tagebücher versucht sie, die Familiengeschichte zu rekonstruieren. Dabei wird sie mit dem Schicksal italienischer Wanderarbeiter aus dem Friaul konfrontiert, die seit 1900 zu Fuß über die Alpen wanderten, um in Münchner Ziegeleien Arbeit zu finden ... Auf der einsamen Passhöhe verschmelzen Außen- und Innenwelt, Vergangenheit und Gegenwart und verändern Elenas Einstellung zu den Beziehung, zu den Mitmenschen und zu deren Lebensentwürfen.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Inhaltsverzeichnis
KM-Gesa Schröder_Auf der Passhöhe
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Gesa Schröder
Auf der Passhöhe
Roman
Originalausgabe Mai 2022
Kulturmaschinen Verlag
Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)
20251 Hamburg
www.kulturmaschinen.com
Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.
Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.
Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen und der Literatur.
Umschlaggestaltung: Sven j. Olsson
Foto: pxfuel
Satz: Dino Sirji
Eingestellt bei BoD
978-3-96763-208-8(kart.)
978-3-96763-209-5(geb.)
978-3-96763-210-1(.epub)
1
Das musste es sein, das Haus, aus Feldsteinen gemauert, mit den verblichenen grünen Fensterläden, kurz vor der letzten Kurve. Die unebene, leicht ansteigende Fläche vor dem Haus war aus nacktem Fels, nur in den Mulden lag Sand und Kies, an einigen Stellen wuchs auch Gras. Neben der Eingangstür stand eine Holzbank mit einem langen Tisch davor, wie in den Biergärten in München. Aber die waren weit weg.
Elena hatte abrupt auf die Bremse getreten und verglich, was sie durch das Seitenfenster sah, mit dem Foto, das der Notar in Pordenone ihr zusammen mit dem Schlüsselbund überreicht hatte. Ja, das musste es sein, sogar der Rosmarinbusch an der Hausecke war gleich. Es fehlten nur die kleinen blauen Blüten. Und auf der Bank saß kein alter Mann. Sie war angekommen, parkte das Auto in einer Einbuchtung an der Straße und stellte erschöpft und erleichtert den Motor ab. Die steilen Serpentinen mit den engen Haarnadelkurven hatten ihr den Magen durcheinander geschoben und ihre Knie waren wie aus Gummi. Langsam stieg sie aus, mit dem verblichenen Foto und dem Schlüsselbund fest in den Händen, als wären sie ihr einziger Halt. Sie streckte sich, schüttelte ihre langen dunkelblonden Haare und fröstelte. Es war kühl hier oben und sie zog sich ihre Jacke an, ging ein paar Schritte zurück und blickte noch einmal in die Tiefe, aus der sie gekommen war, in das unglaublich weite, wellige Land dort unten.
Ich habe es geschafft, dachte sie, trotz Höhenangst und der ständigen Sorge, den Motor abzuwürgen und dann an der steilsten Stelle neu anfahren zu müssen. Anfahren am Hang. Das war immer die schwerste Hürde beim Führerschein. Drei Dinge gleichzeitig tun, Handbremse lockern, leicht Gas geben, Kupplung kommen lassen. Ohne nachzudenken. Nur so kam man in Bewegung. Aber jetzt bin ich oben, bin endlich auf dem Berg, auf diesem wenig befahrenen Pass, der von Italien nach Österreich führt. Kurz vor der Grenze. Und das Haus auf dem Foto habe ich auch gefunden. Nur der alte Mann saß nicht mehr auf der Bank. Wie sollte er auch? Er war gestorben, er hatte ihr das Haus vermacht. Elena stieg die kleine Anhöhe bis zur Haustür hoch, musste also noch ein kurzes Stück bergauf und ließ sich auf die Holzbank fallen. Von vorn beschien sie die kühle Märzsonne, die noch knapp über dem Berggrat stand, der das Haus im Westen überragte. Leicht geblendet folgte ihr Blick der Linie, die sich hart zwischen blauem Himmel und grauem Fels abzeichnete, zwischen Himmel und Erde.
Als ihre Knie und ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatten, stand sie auf und steckte den größten der vielen Schlüssel in das Schloss der massiven Haustür. Er passte, aber er ließ sich nicht drehen. Sie zog ihn etwas heraus, legte sich mit leichtem Druck gegen das schwere Holz, mal rüttelte sie daran, mal versuchte sie es mit Fingerspitzengefühl und drehte den Schlüssel in alle Richtungen. Aber vergeblich.
Plötzlich fühlte sie sich beobachtet, als wäre sie eine Einbrecherin. Sie spürte eine Anwesenheit in ihrem Rücken und gleichzeitig drang der Duft von frisch gebrühtem Espresso in ihre Nase. Schnell drehte sie sich um. Auf der schiefen Ebene des Vorplatzes stand mit strahlenden, aber dunklen Augen ein Mann mit einem Tablett in der Hand, auf dem eine Tasse Espresso und ein Glas Wasser standen. Er machte mit dem Arm eine leichte Bewegung zu ihr hin.
Woher war er gekommen auf diesem menschenleeren Pass? Ihr Blick glitt die Straße entlang, bis zu den leeren Zollhäuschen und den hochgestellten Schlagbäumen. Da entdeckte sie, hinter einem verlassen wirkenden Gebäude, die kleine Bar mit der Anzeige Aperto Open Offen Ouvert.
Elena versuchte, das Strahlen des Mannes, der nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt war, auf jeden Fall jedoch älter als sie, zu erwidern und wollte nach der Tasse greifen.
Zucchero? Seine Stimme klang heiser. Viele Gäste wird er nicht haben, hier oben. Wer weiß, ob er heute schon gesprochen hat. Sì, grazie. Grazie mille. Sie nahm die Tasse und rührte mit dem Löffel lange und ausgiebig den Zucker in den Kaffee hinein.
Der Mann stand immer noch in einer Art Wiegeschritt auf dem abschüssigen Gelände und reichte ihr das Glas Wasser, wobei er nun aber einen Fuß zurücksetzte, so dass es fast aussah, als wollte er ihr einen Antrag machen oder sie zu sich herunter locken. Elena war einen Moment wie erstarrt, als sie so auf ihn herab sehen musste. Es erinnerte sie an ihren Freund, der ihr vor einiger Zeit völlig ohne Vorwarnung einen Heiratsantrag gemacht hatte.
Dann trank sie den Kaffee in einem Zug.
Ich habe dieses Haus geerbt, sagte sie schließlich.
Ja, ich weiß. Das wissen alle hier.
Alle? Elena sah sich fragend auf dem leeren Passübergang um. Das Haus vor der kleinen Bar trug die kaum leserliche Aufschrift Ristorante. Es schien aber geschlossen zu sein. Hin und wieder fuhr ein Auto über den Pass, manchmal auch ein Kleinlaster mit dicken Holzstämmen oder ein Milchtankwagen.
Der Schlüssel passt nicht, sagte sie schließlich.
Hast du auch am Hintereingang probiert? Als hätte er damit das geheime Losungswort ausgesprochen, kam er nun entschlossen bis zur Haustür hoch, stellte das Tablett auf die Bank, neben das Foto mit dem alten Mann, und sagte: Komm!
Elena wunderte sich nicht, dass er sie duzte, das hatte sie in Italien schon oft erlebt. Aber wieso sprach er so gut deutsch?
Er ging bis zur Hausecke, sie folgte ihm. Sie gingen durch einen verwilderten Garten mit Kräutern, Brombeersträuchern, die nur noch Dornen trugen, vertrockneten Kartoffel-Pflanzen und einem umgegrabenen Feld, in das aber nichts mehr gepflanzt worden war, vorne eingefasst von einer Trockenmauer und hinten aus dem nackten Fels heraus gehauen. Neben dem Hintereingang stand ein kleiner verkümmerter Apfelbaum, der schon einige winzige und harte Knospen trug.
Elena probierte die restlichen Schlüssel durch und einer passte tatsächlich, ließ sich drehen und die Tür ging sofort auf. In dem schwachen Licht, das nun eindrang, erkannte sie einen großen Raum, mit einer offenen Herdstelle im hinteren Teil. Es roch nach Staub, nach Papier, nach getrockneten Blättern und Kräutern, nach Kälte, die aus dem mit Steinplatten gefliesten Boden aufstieg. Darunter war sicher der nackte Fels. Und nach kaltem Heu, das vielleicht auf dem Dachboden über einem Gestänge zum Trocknen hing. Es war sicher schon lange trocken.
Während sie sich noch tastend in dieser Art Höhle, in dieser Unterwelt hoch oben auf dem Berg, zurecht zu finden versuchte, hatte der Barista begonnen, die geschlossenen Fensterläden zu öffnen. Der Raum füllte sich nach und nach mit Licht. Ein Vogel flatterte auf und verschwand, bevor Elena erkennen konnte, was für einer es war. Eine Schwalbe? Oder war es kein Vogel gewesen, sondern eine Fledermaus?
An den Wänden standen mehrere dunkle Schränke und offene Regale mit Büchern, Papier- und Zeitungsstapeln, Briefmarkenalben, Aktenordnern, dicken Schreibheften, Fotoalben sowie Kartons mit Steinen, getrockneten Blüten, Sämereien und gewellten vergilbten Fotos. Zwischen den Regalen hingen weitere Fotos und Bilder an der Wand, sowie ein Glaskasten mit aufgespießten Schmetterlingen,die nach der Farbe geordnet zu sein schienen. Vor den Bücherreihen lag eine dicke Staubschicht auf den Regalbrettern, aus der jetzt in der Zugluft der geöffneten Fenster einzelne Körner aufwirbelten. Sie schwebten wie Goldkörnchen in den schräg einfallenden Sonnenstrahlen. Neben der Haustür steckten in einer alten großen Milchkanne verschiedene Wanderstöcke, einige mit aufgenagelten Plaketten, andere mit eingeschnitzten Mustern, Figuren, Buchstaben, Zahlen und Zeichen.
Und im Schloss der dunklen massiven Holztür steckte ein großer Schlüssel. Deshalb ließ die Tür sich nicht öffnen, dachte Elena. Weil von drinnen noch der Schlüssel steckte. Als wäre sein Besitzer noch im Haus. Während sie das dachte, hörte sie die Dachbalken ächzen und zuckte zusammen. Sollte der alte Mann von dem Foto, der nun nicht mehr auf der Holzbank vor dem Haus saß, dort oben auf dem Boden sein?
Keine Angst, ertönte die immer noch heisere Stimme aus dem Nebenraum. Es ist nur im Dunkeln unheimlich. Der freundliche Barista kam zurück in den Hauptraum und knipste die Deckenlampe an. Der Strom war also noch gar nicht abgestellt worden. Dann öffnete er von drinnen die Haustür.
Nun brach das Licht herein. Wie in einem Bilderrahmen standen der Gipfel des Cellon-Berges und über ihm die Märzsonne in der Türöffnung.
Jetzt trinken wir erst einmal einen Grappa.
Woher hatte er plötzlich die Gläser und die Flasche mit hausgemachtem Grappa? Latschenkieferngrappa stand handgeschrieben auf dem Etikett. Er schien sich gut in dem Haus auszukennen. Erstaunlich gut, dachte Elena.
Sie setzten sich auf die Holzbank vor dem Haus und stießen an.
Benvenuta. Herzlich willkommen auf dem Kreuzberg. Ich bin Dino. Er streckte ihr seine Hand entgegen. Keine Angst, ich bin kein Dino-Saurier, einfach nur Dino.
Wenn er lachte, funkelten in seinen dunklen Augen kleine Lichtblitze, wie ein Reflex von seinen erstaunlich blonden Haaren. Sein Deutsch war fast akzentfrei.
Sie gab ihm ihre Hand. Ich bin Elena. Cin-cin. Und noch einmal erklang das klirrende Geräusch, wie ein Echo der vor ihnen nackt aufragenden Felswände.
Eigentlich hatte Elena an diesem Wochenende nach München fahren wollen, zu einem Versöhnungsversuch mit ihrem Freund Philipp. Sie hatten mal wieder gestritten, als er ihr vor einem Monat mitten im Englischen Garten, am Chinesischen Turm, einen Heiratsantrag gemacht hatte, nach allen Regeln der Kunst, mit Ring in der Hosentasche, er war sogar niedergekniet. So romantisch,sagten später ihre Freunde. Aber sie war entsetzt gewesen,sie brauchte ihre Freiräume, wollte immer wieder Abstand, hatte gerade einen Job in Italien angenommen. Er dagegen wollte sie festhalten, immer bei sich haben, eine Familie gründen. Zu viel Nähe. So war sie einfach ins Auto gestiegen und nach Italien gefahren, um ihren neuen Job bei einer archäologischen Grabung in Zuglio im Friaul anzutreten.
Doch nun, Wochen später, saß sie hier oben in den Bergen, auf dem Plöckenpass, am Kreuzberg, dem Monte Croce Carnico, kurz vor der Grenze, auf einer Holzbank neben dem Foto von einem alten Mann, vor einem unbekannten dunklen Haus, das durch die geöffneten Fenster nach und nach heller geworden war und das seit gestern ihr gehörte, und trank mit einem fröhlichen Barista, der Dino hieß, einen Grappa.
Der Grappa brannte wohltuend auf ihrer Zunge, in ihrer Kehle, in der Speiseröhre und schließlich im Magen. Und schien dort Platz für Neues zu machen.
Salute, sagte Dino und stieß wieder mit dem nachgefüllten Glas gegen ihres. Zum Wohl, Gesundheit und was du sonst noch alles willst. Die Übelkeit der Serpentinenfahrt hatte der Grappa schon vertrieben und die klare Bergluft hier oben tat ihr auch gut, ebenso wie der Blick aus dieser Höhe ins Tal mit seinen wie aus Legosteinen gebauten Häusern. Was sie sonst noch wollte, wusste sie nicht. Vor Dinos Bar hielt ein Milchtanklaster und hupte. Er war von der österreichischen Seite hochgekommen, so dass sie ihn nicht sofort gesehen hatten. Die Felswände warfen das durchdringende Geräusch zweimal zurück, Dino sprang auf und lief über die Straße. Bis später, komm zum Essen herüber, rief er noch.
Elena nickte und wunderte sich, wie schnell er die letzte Strecke bis zur Grenze bergan lief, ganz jung war er nicht mehr, schien aber eine unglaubliche Energie zu haben. Der Fahrer klopfte Dino auf den Rücken und sie verschwanden in der Bar.
Kurz darauf fuhr ein Milchlaster von Italien nach Norden. Warum brachten sie eigentlich österreichische Milch nach Italien und italienische Milch nach Österreich? Das ergab gar keinen Sinn. Eine unsinnige und überflüssige Wanderungsbewegung, dachte sie. Sie war Archäologin und wusste, dass es in der Geschichte viele Alpenquerungen gegeben hatte. Die Gründe lagen im Handel, Bernstein aus dem Norden gegen Gewürze aus dem Süden und Osten zum Beispiel, oder es gab militärische Motive, wie bei den Römern. Die wollten ihr Herrschaftsgebiet bis zur Donau ausdehnen, damit sie nicht ständig den Überfällen aus der unwegsamen Berggegend der Alpen ausgesetzt waren, allen voran den Kimbern und Teutonen, ihrem uralten Schreckgespenst. Aber heute? Milch gegen Milch? Elena schüttelte den Kopf und schlug ein altes Tagebuch auf, das sie zuvor aus einem der Regale gezogen hatte. Es war ihr aufgefallen, weil auf dem Buchrücken ein gepresstes Edelweiß klebte. Der Einband war grau und trug in dicken himmelblauen Lettern den Schriftzug RITA.
Sie begann mit lauter Stimme zu lesen: »In der Woche vor der großen Wanderung aßen wir besonders viel Polenta. Das ist deine Wegnahrung, hatte der Vater gesagt. Wenn du sie schon im Bauch hast, musst du nicht so viel tragen.«
So begann das dicke Heft, vollgeschrieben mit leicht schräg gestellten, aber immer präzise parallel gesetzten und unterschiedlich hohen Buchstaben. Es war keine Kinderschrift, obwohl es scheinbar aus der Perspektive eines Mädchens geschrieben war. Nur die Punkte über den Buchstaben, in bunten Farben gemalte Kringel, wirkten kindlich. Die steilen Buchstaben dagegen sahen aus wie die Gräser einer Almwiese, die im leichten Morgenwind ihre Halme und Blütenstengel nach rechts legte und so dem Senser entgegenkam.
Elena las weiter und weiter, auch wenn sie manche Buchstaben nicht gut entziffern konnte. War es ein B oder ein St, waren es Beine oder Steine, die in Ritas Tagebuch über das breite Kies- und Wasserbett des Tagliamento hüpften? Sie hatte diesen in seiner natürlichen Wildheit belassenen Fluss immer nur im Vorbeifahren vom Auto aus gesehen. Nun, während sie das Tagebuch las, war sie plötzlich Meter für Meter mitten drin, warf zusammen mit Rita und den anderen Kindern flache Steine ins Wasser und zählte, wie oft sie hüpften. Acht Hüpfer schaffte nur Vincenzo, aber der war ein Junge und war schon 15. Rita war ein Jahr jünger. Sie sah die Kräuter an der Böschung wachsen, den Löwenzahn, den Salbei, den Sauerampfer und den wilden Spargel, den die Frauen aus der wandernden Schar beim Gehen pflückten und in ihren Schürzen sammelten. Die Polenta-Fladen trugen die Männer in ihren Rucksäcken.
Immer wieder tauchte die Polenta auf und Elena spürte, wie sie beim Lesen Hunger bekam und sich auf das Essen bei Dino freute. Sie klappte das Tagebuch zu und ging langsam zur Bar hinüber, über die große weite geteerte Fläche des Grenzübergangs, die nun, wo die Sonne bereits hinter dem steil aufragenden Berg verschwunden war, mit dem Grau der Felswände verschwamm und einen konturenlosen leeren Raum bildete. Sie ging langsam, immer langsamer und die Fläche, die sie durchschreiten musste, schien immer größer zu werden. Am Ende, kurz vor dem immer noch leeren Zollhäuschen mit den offenen Türen, sah sie einen Mann in traditioneller Zimmermannskluft stehen, mit dem breitkrempigen schwarzen Schlapphut, dem weißen Hemd, der knappen schwarzen Weste und der schwarzen Hose mit weitem Schlag. Wie mit breiten Elefantenbeinen stand er da, unbeweglich, als ruhte er sich nach seinem Anstieg von Norden her aus oder als wartete er auf andere Wandergesellen, die von Süden kommen mussten. Elena ging auf ihn zu, da sie den Eindruck hatte, dass er auf sie wartete. Sie tat einen Schritt nach dem anderen, aber sie kam nicht voran, als sei sie auf einem Laufband, das unentwegt nach hinten wegrollte. Der Zimmermann wurde immer größer, blieb aber in weiter Ferne. So hatte Rita ihn in ihrem Tagebuch beschrieben.
Und genau so musste sie ihn gesehen haben, als sie mit ihrer Familie den Pass erklomm, so muss er dort gestanden haben, dieser Wandergeselle, mit dem ihr Vater sich hier oben treffen wollte. Warum sie sich treffen wollten, hatte der Vater nicht gesagt. Aber er trieb sie zur Eile an. Wir müssen vor Einbruch der Dunkelheit auf dem Pass sein. Dort wartet der Zimmermann auf mich.
Wie groß mag er ihr erschienen sein, wie klein war sie damals gewesen? Hatte er das Mädchen mit den blonden Zöpfen überhaupt wahrgenommen? Als die Gruppe ihn endlich erreichte, nahm er seinen breiten schwarzen Hut ab und seine blonden Haare, die mit dunklen Strähnen durchzogen waren, leuchteten noch, als hätten sie die letzten Sonnenstrahlen in sich aufgesogen. Er winkte mit großer Geste den erschöpften Wanderern zu, die sich am Wegesrand niederließen, Kräuter und wilden Spargel in einen Topf warfen, die Polenta-Fladen und ein paar im Tagliamento mit bloßen Händen gegriffene Fische auf ein schnell entfachtes Feuer legten. Ihre Füße waren mit Lappen umwickelt, die sie jetzt lösten, um die geschundene Haut in dem kleinen Wasserstrahl zu laben, der aus der Felswand herausschoss.
Elena fragte sich, was der Sinn, das Ziel dieser Wanderung gewesen sein mochte. Sie stand immer noch mitten auf der großen leeren Fläche, als von hinten zwei Motorräder heran sausten. Erschrocken sprang sie zur Seite, der Zimmermann war verschwunden. Sie hörte ihren Namen rufen, drehte sich um und da, wo eben noch ein Zimmermann gestanden hatte, winkte nun Dino und der aus der Bar dringende Geruch von warmem Essen weckte sie aus ihren Gedanken.
Als sie die Bar betrat, machte der Barista sich hinter dem Tresen zu schaffen. Buona sera buona sera Signorina, trällerte er vor sich hin. Elena musste lachen, obwohl sie die Anrede Signorina hasste. Aber das Leben, das Lachen, die Geräusche, der Rhythmus, der in dieser kleinen Bar herrschte, in der sie nun der einzige Gast war, erfüllten sie mit einer plötzlichen Lebensfreude, deren Grund sie nicht kannte. Dinos blondes Haar schien jetzt dunkler zu sein oder lag es an dem diffusen Licht in der Bar?
Die Maschine zischte beim Aufschäumen des Cappuccino-Schaums. Er hatte fünf Pappbecher mit Espresso auf dem Tresen vorbereitet und verteilte gerade kunstvoll Schaum und Kakaopulver, als draußen ein VW-Bus stoppte. Fünf junge Männer kamen in die Bar, stürzten sich den Cappuccino hinunter, nahmen sich Croissants vom Teller, legten einen Geldschein auf den Tresen. Ciao Dino, bis morgen, wir müssen weiter, kommen sonst zu spät zur Schicht.
Kleiner Grenzverkehr. Viele fahren hier jeden Tag zweimal über den Pass, zur Arbeit, hin und zurück. Ohne die hätte ich schon längst schließen müssen, erklärte Dino ihr.
Elena sah ihnen nach. In meinem Kopf dreht sich alles, sagte sie. Ich glaube, ich habe einen Höhenkoller.
Kann nicht sein, sagte der Barista. Wir sind hier nur auf 1357 Meter Höhe.
Aber ich sehe Gespenster. Kennst du eine Rita?
Dino schüttelte den Kopf, du hast einfach Hunger.
Er führte sie an den kleinen runden Tisch neben der Eingangstür, wo auf einem Teller goldgelbe Polenta und grüner Spargel dampften. Sie ließ sich glücklich und erschöpft nieder, sah noch einmal aus dem Fenster hinüber zu dem kleinen Feuer an der gegenüber liegenden Felswand, aber es war erloschen. Nur sie bekam etwas zu essen, nur sie wurde bewirtet an diesem einsamen unwirtlichen Ort.
Morgen zeige ich dir die Stelle, wo der wilde Spargel wächst, sagte Dino, als er ihr kühlen friaulischen Wein einschenkte. Elena genoss die Wärme in ihrem Magen und die lachenden Augen ihres freundlichen Gastgebers. Seine Augen lachten, auch wenn er ernst war.
Im Hintergrund lief lautlos ein Fernseher, wie in vielen italienischen Bars. Wenn es ein Fußballspiel gab, kamen sie aus den umliegenden Höfen und Käsereien aus beiden Ländern und Dino machte seine besten Umsätze.
Plötzlich sprang er auf, ging wortlos durch den langen Schlauch des Raums und blieb vor dem an der Wand installierten Bildschirm stehen.
Was ist los? Elena wollte sich nicht von dem wilden Spargel trennen und sah von weitem nur Zahlen und Kurven und besorgte Gesichter. Risikogebiet, Ausgangssperre, rief Dino ihr nun von hinten zu. Das Virus breitet sich aus. Die Zahl der Toten nimmt zu. Rapide. Erschreckend. Deutschland und Österreich schließen ihre Grenzen zu Italien und Frankreich.
Elena sah unwillkürlich nach draußen. Aber die Zollhäuschen an der Grenze waren leer. Die Türen standen offen. Die Schlagbäume zeigten in den Himmel.
Das Virus? Sie hatte davon gehört, es aber nicht wirklich in ihren Alltag eindringen lassen.
Dino griff zum Telefon, sprach laut, viel und aufgeregt, auf Italienisch, unterbrach sich ständig selber oder seine vielen Gesprächspartner. Elena spürte, dass etwas passiert war, es schlug ihr auf den Magen, sie spülte das letzte Stück Polenta mit Wein herunter und ging hinüber zum Fernseher. Dino drehte die Lautstärke höher und lief mit dem Handy in der Hand laut gestikulierend im Kreis herum,wie ein eingesperrter Hund, der nicht weiß, wohin mit seiner Energie.
Elena setze sich auf einen der Barhocker am Tresen und starrte auf den Bildschirm. Die Grenzen sind zu. Wieder blickte sie auf die Straße, sah die verlassenen Zollhäuschen und geöffneten Schlagbäume und wunderte sich.
Als Dino seine Telefonate beendet hatte, setzte er sich, erschöpft vom vielen Reden, zu ihr. Grappa?
Gute Idee. Er schenkte ein und begann zu erzählen.
Das Virus, das kannte sie ja. Kannte sie auch Vo’? Das kleine Dorf in der Nähe von Padua? Wo der erste große Ausbruch gewesen war? Das ganze Dorf steht nun unter Ausgangsperre. Die Bewohner dürfen ihr Dorf nicht verlassen und keiner darf rein. Stell dir mal vor, das geht doch nicht. Die meisten arbeiten in Padua oder anderswo. Er hatte selbst einmal dort gewohnt und dem Vater seiner damaligen Freundin bei der Weinernte geholfen. Mit dem hatte er gerade telefoniert. Jetzt packen sie alle ihre Sachen, wollen abhauen, bevor die Sperre beginnt, um Mitternacht. Raus aus dem Gefängnis, wollen zu Freunden in der Stadt fahren.
Und bringen das Virus dann auch dorthin? Elenas Frage brachte ihn etwas aus dem Konzept. Sondersendung der italienischen Nachrichten von Rai Uno. Die Ausgangssperre wird erweitert auf das ganze Veneto und die Lombardei. Damit es nicht zu einer Massenflucht der Menschen aus den stark betroffenen Dörfern kommt.
Dinos Handy klingelt. Er wird wieder laut. Er redet wie drei Personen gleichzeitig, in drei Sprachen und spricht manchmal Stereo mit sich selbst, wenn Elena ihm etwas zuruft, jetzt aber auf Italienisch. Sein Bruder ist am Telefon, der wohnt im österreichischen Nachbarort, im Gailtal, nur 17 km entfernt. Ist die Grenze schon zu?
Dino und Elena stehen nun in der offenen Eingangstür und starren auf die immer noch offene Grenze. Sie warten.
2
Elena hatte ihren Schlafsack aus dem Auto geholt und sich auf dem ockerfarbenen Sofa ein Bett gebaut. Das Feuer in der offenen Herdstelle, im Fogolar, wie Dino es auf friaulisch nannte, war inzwischen erloschen, verströmte aber noch die Wärme der Glut. Die rote Samtdecke, die zusammengefaltet über der Rückenlehne des Sofas lag und die so gar nicht zu dem alten Mann auf dem Foto passte, hatte sie in den Wäschekorb gelegt und sich in ihren auch polartauglichen Schlafsack verkrochen.
So verbrachte sie ihre erste Nacht in dem geerbten Haus. Dino hatte ihr angeboten, in seiner kleinen, an die Bar angeschlossenen Wohnung zu übernachten. Elena hatte abgelehnt. Sie wollte das Haus vom ersten Tag an in ihr Leben aufnehmen.
Sie schlief aber unruhig, wurde immer wieder wach und versuchte, die fremde Dunkelheit, die sie umgab, mit den Augen zu durchdringen. Noch bevor es hell wurde, hörte sie ein paar Vögel zwitschern. Sie sah durch das halb geöffnete Fenster hinaus, konnte jedoch in der noch finsteren Nacht nichts erkennen. Es erschien ihr wie eine Begrüßung der neuen Welt. Die ersten Vögel begannen ihren Gesang zwei Stunden vor Sonnenaufgang und verkürzten so die Nacht. Sie erinnerten sie auch an ihre erste Liebesnacht mit Philipp. Die ganze Nacht über hatten sie sich in ihrem neuen Glück, ihrer unstillbaren Lust nacheinander in den Armen gehalten, ihre Körper, aber auch ihre Gedanken und Worte aneinander geschmiegt, bis die ersten Vögel ihren Gesang begannen. Erst dann waren sie eingeschlafen.
Nun hatten die Vögel Elena geweckt und ihr Lust auf den Sonnenaufgang gemacht. In zwei Stunden würde die Welt zu neuem Leben erwachen, auch für sie würde auf diesem einsamen Pass ein neues Leben beginnen. Elena stand auf, stellte den Wasserkocher an und goss sich eine Kanne Salbei-Tee auf. Die Sonne. Die Sonne war schon immer ihr Lebenssaft gewesen. Sie setzte sich mit dem Tee vor das Fenster, das nach Osten ging, starrte in die dunkle Nacht, die nur einen leichten Unterschied zwischen schwarzem Himmel und schwarzgrauer Felswand machte, und wartete.
Sie musste an die Regeln der muslimischen Fastenzeit denken. Wenn man einen dunklen Faden in der Dunkelheit erkennt oder nicht mehr erkennt, dann ist Ende oder Beginn der Fastenzeit. Das hatte sie als Studentin in Damaskus gelernt, als sie mit dem dortigen archäologischen Institut an einer Grabung teilgenommen hatte. Der heiße Tee, den sie wie die Araber von hoch oben in die Tasse hatte rinnen lassen, floss nun durch ihren Körper, bis hinunter in die leicht taub gewordenen Zehenspitzen, so schien es ihr. Aber sie wartete auf die Sonne, auf das tägliche Erwachen des Lebens, auf das Ende ihrer nächtlichen Fastenzeit.
Die Nacht im warmen Schlafsack, auf dem klammen Sofa, hatten ihren Körper in eine Art leichter Winterstarre versetzt, die sich nun langsam auflöste. Erst bei erneutem Vogelgezwitscher merkte sie, dass das östliche Schwarz, in Richtung Mekka gelegen, sich nach und nach leicht rötlich einfärbte und gleichzeitig heller wurde, ein Rotschwarz bis Graurosa, das plötzlich an Geschwindigkeit gewann und die Morgensonne ahnen ließ. Als würde der ganze Planet sich mit seiner Drehbewegung der Sonne entgegenstürzen.
Die obere Linie der Felswand im Osten hob sich immer deutlicher vom Himmel ab. In der Nacht war der Felsen nur unmerklich heller gewesen, eigentlich einfach nur grauer als der Himmel, doch nun kehrten sich die Lichtverhältnisse plötzlich um. Der Berg wurde dunkel, eine strukturlose Fläche vor dem zunehmenden Leuchten des Morgenhimmels, in dem die Sterne, sogar der Morgenstern, die helle Venus, schnell verblassten. Elena sah auf die Uhr und fand es schade, dass die steile steinerne Wand zwischen ihr und der Sonne stand, die sich, das wusste sie, längst über den Horizont erhoben hatte.
Ihre Sehnsucht nach der Sonne trieb sie an. Entschlossen stand sie auf, zog sich an, ging in den Garten und erklomm die rückwärtige Umfassungsmauer. Sie gelangte über allerlei Gebüsch und herabgefallene Steinschlagbrocken auf den Wanderweg, der auf nahezu gleichbleibender Höhe die Felswand umrundete. Elena zog sich die Schuhe aus, um mit ihren nackten Füßen mehr Bodenhaftung zu haben und sich auch Rita näher zu fühlen. Sie liebte es, barfuß zu gehen, und ihre Fußsohlen hatten schon eine dicke Hornhaut ausgebildet. Kaum hatte sie die zweite Kurve hinter sich gebracht, traf sie der orangerote Ball mit all seiner Macht. Sie blieb wie gebannt stehen, setzte sich auf eine in den Fels gehauene Stufe, schloss die Augen und genoss die aufgehende Wärme. Sie ist wieder da, die Sonne, zuverlässig, sie verlässt mich nicht, jeden Morgen bringt sie Wärme und Licht in meine Haare, in mein Gesicht, in mein Leben. Alles ist gut, solange die Sonne sich immer wieder über den Horizont erhebt.
Nach und nach überflutete das Licht auch das unter ihr liegende Land, aus dem diffusen Grau wurde ein Grün mit all seinen Konturen und Abstufungen von Gelb bis Blau. Sie öffnete vorsichtig die Augen und sah allzu deutlich wieder die Serpentinen, die sich tollkühn ins Tal stürzten, sie sah aber auch den alten Römerweg, den Saumpfad, der sich manchmal mit der Straße deckte, manchmal steiler war, meist aber weiter ausholte und in gemächlichen Kurven durch das Tal zog. Er war angepasst an die Kraft und Energie der Esel, die für die Händler von Süden nach Norden, wie auch umgekehrt, die Sam, die Lasten, trugen, aber auch an den Schritt der römischen Soldaten mit ihrem Marschgepäck und an den Schritt der friaulischen Familiengruppen, die zu Fuß über die Alpen gingen. Warum sie das taten, hatte Elena am Abend zuvor erfahren, als sie noch bis spät in die Nacht in Ritas Tagebuch geblättert hatte.
Jahr für Jahr waren sie im Frühling gestartet, auf der Suche nach Arbeit im Norden, in Bayern und Böhmen, und im Herbst waren sie in ihre friaulischen Dörfer zurückgekehrt. Auch sie hatten den alten Römerweg benutzt.
Elena sah sie nun alle vor sich am Hang, wie sie in dem sich jetzt allmählich ausbreitenden Licht, in langen Zügen wie in Ameisenstraßen emporstiegen. Den Blick hatten sie auf den Boden gerichtet, um nicht ständig das noch weite und hohe Ziel vor Augen zu haben, auf den Boden, auf die eigenen Füße, auf die Steine, die Flechten und hin und wieder auf eine kreuzende Schlange. Alle wollten den Berg hinauf, auf die Passhöhe, wollten den Pass und die Grenze überschreiten und auf der anderen Seite wieder hinuntergehen.
Aber irgendwo gingen sie alle verloren, denn der Pass war, jedenfalls seit ihrer Ankunft, fast menschenleer. Nur die moderne Öl-Pipeline, die von Triest nach Ingolstadt führte und der gleichen Strecke folgte, war noch da.
Lange saß Elena so, bis sie aufstand und ihr aus der Höhe ihrer plötzlichen Körperlänge auf dem schmalen Pfad schwindlig wurde. Denn das Morgenlicht befreite das Tal von seinem Dunst und zeigte seine schier unendliche Tiefe. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Felswand und versuchte, diese Berührung, die ihr Sicherheit gab, nicht zu verlieren. Oberhalb der Stufe, auf der sie gesessen hatte, hing eine an den Fels geklebte Blechhütte in der gleichen Farbe wie die der Fels.
Vorsichtig ging sie bis zur nächsten Biegung des Pfads, der sich dort etwas verbreiterte. Direkt dahinter führte ein Loch im Fels tief in einen Stollen hinein, aus dem eine schwere und dunkle Kälte kroch. Elena blieb stehen und folgte dem Pfad nur mit den Augen, er führte kontinuierlich in die Höhe, immer wieder bestückt mit Menschenwerk, in den Fels gehauenen Durchbrüchen, Gräben, kleinen Mauern, Stufen und Höhlen. In wessen Reich war sie hier eingedrungen? Welcher nächtliche Berggeist hauste hier und wurde nun durch die Morgensonne in die Eingeweide der Berge zurück gedrängt? Sie sah nach oben und nach unten und Höhe und Tiefe schienen unentwegt zuzunehmen. So wurde sie selbst immer kleiner und der Pfad immer schmaler. Sie lehnte sich weiterhin krampfhaft mit dem Rücken an die Felswand, krallte die nackten Zehen in den unebenen Boden, klammerte sich zusätzlich mit ausgestreckten Armen und Fingern an den glatten Fels. Sie zwang sich, geradeaus zu blicken, in keine Höhe und in keine Tiefe, sondern dahin, wo irgendwo in der Ferne das Mittelmeer liegen musste, flach und träge am Strand. Wie komme ich hier nur wieder weg? Warum begebe ich mich immer wieder in Situationen, wo meine Höhenangst zupackt? Wie komme ich hier wieder raus? Vielleicht sollte ich mich umdrehen, so wie man an steilen Leitern ja auch umgedreht mit dem Rücken zum Abgrund hinunter steigt?
Sie versuchte es, legte ihre Stirn an die noch kühle Felswand, aber das Gefühl, dass sie nun die große Gefahr, die schreckliche Tiefe unkontrollierbar im Rücken hatte, erschreckte sie noch mehr. Sie drehte sich wieder um, ging in die Knie und kroch eine Zeitlang auf allen Vieren den Pfad zurück. Hinter der letzten Biegung blickte sie mutig auf und sah Dino mitten auf der weiten geteerten Fläche stehen. Bewegungslos, als wäre er mit den Füßen am Teer festgeklebt. Oder war es der Zimmermann?
Sie richtete sich langsam auf und winkte ihm zu. Da löste er sich aus dem Teer, verschwand in der Felswand und war in wenigen Minuten bei ihr.
Elena! Was ist los? Er hielt sie mit all seiner Kraft bei den Oberarmen.
Und sie fühlte sich wieder sicher, aufgehoben, festgehalten in der Welt. Er geleitete sie behutsam heraus aus ihrem Alptraum. Was sind das für Hütten und Stollen, fragte sie, als sie den Pfad sicheren Schritts zurückgingen.
Dino führte sie an ihrem Haus vorbei zum Anfang des Wanderwegs und zeigte ihr die Stelltafeln des Freilichtmuseums. Die sind aus dem ersten Weltkrieg. Mein Urgroßvater ist hier ums Leben gekommen. Das Frühstück in Dinos Bar mit Cappuccino und Croissant brachte Elena ihre Energie zurück und sie machte Pläne für ihren zweiten Tag auf der Passhöhe. Sie musste dringend irgendwo einkaufen gehen. Du bist mein Schutzengel, sagte Elena und Dino lachte. Sie wusste selbst nicht, warum sie das gesagt hatte, sie glaubte nicht an Schutzengel und war auch gar nicht religiös. Wenn ihre Mutter ihr von ihrem Schutzengel erzählte, hatte sie auch immer gelacht. Aber hier oben auf der Passhöhe fühlte sie sich nur sicher, wenn er in der Nähe war. Vielleicht weil er der erste Mensch war, den sie bei ihrer Ankunft an dem unbekannten Haus getroffen hatte. Und bisher auch der einzige.
Dino wollte ins Dorf hinunter fahren, nach Timau, zum Einkaufen, Post abholen, Zeitung kaufen, Freunde treffen, Neuigkeiten erfahren. Elena nutzte die Gelegenheit, fuhr mit ihm nach Süden, der Sonne entgegen, und versuchte, nicht aus dem Fenster zu sehen, als er die Serpentinen viel zu schnell hinunter raste. Das Dorf empfing sie mit einer langen Häuserreihe auf der rechten Seite, nur durch einen niedrigen kleinen Deich gegen den Fluss But geschützt, der durch ihre Hinterhöfe floss und bei Hochwasser sicher schon das eine oder andere Haus überflutet hatte. Das ältere Dorf gruppierte sich dagegen auf der linken Seite, etwas weiter oben am Hang, um die Kirche des Alten Gottes herum.
Während Dino seine Vorhaben erledigte und für beide einkaufte, spazierte Elena durch den Ort. Die Kirche des Alten Gottes. Wer ist der alte Gott? Elena notierte sich das, mit einem Fragezeichen, in ihrem Notizenheft. Überall las sie Ankündigungen und Schriften in einem seltsamen Deutsch.
Auf einer Informationstafel neben der Kirche fand Elena die Lösung des Rätsels. Der Ort hatte wie viele andere in diesem Tal römische Ursprünge. Ein Quellheiligtum wurde von den Römern dem Flussgott Timavus geweiht. Daraus erklärte sich der heutige italienische Name Timau. Nach der Christianisierung wurde aus dem Quellheiligtum eine viel besuchte Wallfahrtskirche, die im Volksmund die Kirche des Alten Gottes hieß, nämlich des alten antiken römischen Flussgottes. So blieb der römische Gott als »dar olta got va tischlbong« erhalten. Elenas Archäologenherz machte Sprünge. Sie war begeistert davon, wie sich hier die Kulturen nicht abgewechselt, sondern bis heute überlagert haben. Kein Wunder, dass sich seit ihrer Ankunft hier die Wege der Römer, der Friaulischen Familien und ihre eigenen in ihrem Kopf oder in ihren Träumen auch ständig überlagerten und miteinander verschmolzen.
Die erste Siedlung hieß Tischlwang, nach dem Täschelkraut, das hier wuchs. Die Siedler kamen aus dem Norden, waren Einwanderer aus dem Gailtal und anderen Teilen Kärntens, welche die Blei- und Kupfervorkommen am Kleinen und Großen Pal ausbeuteten.
Elena war noch in die Lektüre der Stelltafeln vertieft, als Dino hinter ihr auftauchte, etwas ihr völlig Unverständliches sagte und sie zu einer nebenan befindlichen Bar zog.
Das war Tischlbongisch, erklärter er ihr lachend, ein alter, hier liegen gebliebener deutscher oder bayerischer Dialekt, erklärte Dino ihr, als sie in Carmens Bar ein zweites Frühstück zu sich nahmen. Dinos Großeltern hatten ihn auch gesprochen, aber heute benutzten ihn nur noch die älteren Leute aus dem Dorf. Die Jüngeren verstanden ihn kaum noch, deshalb schreiben die Älteren für sich selbst ein paar Mal im Jahr eine großformatige Zeitung in ihrer Sprache, z.T. mit italienischen und deutschen Übersetzungen.
Eine großformatige Zeitung über das dreisprachige Dorf am Fuße der einsamen Passhöhe, wiederholte Elena verwundert. Und dann kam als vierte Sprache noch der friaulische Dialekt hinzu.
