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Die 69-jährige Dorothea erhält Anfang der 1990er Jahre die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und erfährt, dass sie in einem Jahr sterben wird. Nach einem Leben voller Opfer und enttäuschter Glückserwartungen versucht sie, den bevorstehenden Tod durch eine Reise in die Vergangenheit zu verarbeiten. Sie macht sich auf die Suche nach einer verlorenen Liebe, einem tschechischen Kriegsgefangenen, der auf ihrem Bauernhof gearbeitet hat. Mit ihrer Tochter, der 40-jährigen Reiseführerin Johanna, reist sie entlang der Elbe, von Hamburg bis zur Quelle im tschechischen Riesengebirge, der Heimat des Kriegsgefangenen. Dabei wird in Rückblenden ihr Leben von den 20er bis zu den 80er Jahren wachgerufen.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Table of Contents
Gesa Schröder: Flussaufwärts durch die Zeit
Impressum
Widmung
Vorbemerkung
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Gesa Schröder
Flussaufwärts durch die Zeit
Roman
Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden.Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Dieses Buch ist KI frei.
Originalausgabe Juni 2024
Kulturmaschinen Verlag
Ein Imprint der Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt)
97199 Ochsenfurt
www.kulturmaschinen.com
Die Kulturmaschinen Verlag UG (haftungsbeschränkt) gehört allein dem Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V.
Der Kulturmaschinen Autoren-Verlag e. V. gehört den AutorInnen.
Und dieses Buch gehört der Phantasie, dem Wissen und der Literatur.
Umschlaggestaltung: Sven j. Olsson
Foto: Alex Hu auf Pixabay
Satz: Dino Sirji
Eingestellt bei BoD
978-3-96763-313-9(kart.)
978-3-96763-314-6(geb.)
978-3-96763-315-3(.epub)
Für meine Töchter
Dieser Roman erinnert an alle Menschen, insbesondere an die Frauen, die ihre besten Jahre dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg opfern mussten und deren Lebensplanung dadurch aus dem Lot geraten ist.
– 1 –
Es war kalt und doch sonnig. Der Doppeldecker-Bus hatte das Verdeck oben offen, damit die Touristen die Sonne genießen konnten und eine bessere Aussicht hatten. Die Mittagstour war trotzdem nur schwach belegt. Ich schaffte es noch, eine italienische Familie in den Bus zu locken, dann fuhren wir ab. Der Fahrer war nicht sonderlich zufrieden. Das merkte ich sofort. Wenig Fahrgäste hieß wenig Trinkgeld. Ob er der Uhrzeit die Schuld gab oder mir, das konnte ich nicht erkennen.
Wir fuhren los, ich ging nach oben, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste. »Unsere Hop-on-Hop-off-Busse fahren stündlich. Sie können an jeder Haltestelle aussteigen, eine Pause machen und mit dem nächsten Bus weiterfahren.«
Das gefiel den Gästen und viele stiegen an der Außenalster wieder aus. Wir fuhren in Richtung Binnenhafen und Zollkanal. Ich nutzte eine rote Ampel, um mit gespieltem Stolz zu erzählen, dass Hamburg mehr Brücken hat als Venedig. Einige nickten, das schienen sie schon oft gehört zu haben. Aber unser Chef wollte, dass wir es immer wieder sagten. Ich zeigte ihnen die lange Reihe der hoch aufragenden historischen Speicher in rotem Backstein. Speicher für Teppiche, Gewürze, Kaffee und Tee, die im Hamburger Freihafen seit Jahrhunderten umgeschlagen werden. Ich wollte ihnen die verschiedenen Gerüche nahebringen, aber der Bus fuhr mal wieder zu schnell.
»Ist das der Dom?« fragte eine ältere Dame hinter mir. »Mein Enkel möchte aufs Riesenrad! Das soll es am Dom geben.« Ich drehte mich um. Die Frau trug einen weißen Strohhut und sah aus wie meine Mutter.
Ich schluckte und sagte dann schnell: »Die Speicher sind tatsächlich fast so schön wie eine gotische Kirche. Aber der Dom, den Sie meinen, der mit dem Riesenrad, ist ein Jahrmarkt und findet auf dem Heiligengeistfeld statt.« Einige Gäste sahen mich verwundert an. Wie sollte ich Perserteppiche, den abgerissenen katholischen Dom, den Heiligen Geist und das Riesenrad so schnell unter einen Hut bekommen? Der Bus bog schon ab.
Die ältere Dame, die aussah wie meine Mutter, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich habe verstanden.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter hatte mich gestern Abend angerufen. Und ich wollte sie zurückrufen. Das hatte ich völlig vergessen.
Nun schaffte ich es nicht mehr, auf die links gelegene Katharinenkirche und auf ihr trauriges Schicksal nach dem Bau der Speicherstadt und der Errichtung des Freihafens hinzuweisen. Auch dass Bach einmal auf ihrer berühmten Orgel gespielt hatte und dass die goldene Kirchturmkrone angeblich aus dem Goldschatz des berühmten Seeräubers Störtebeker stammte, konnte ich nicht mehr loswerden. Dabei hätte das dem Enkel der alten Dame sicher gefallen. Und mir.
Meine Mutter rief immer im falschen Moment an.
Die italienische Familie sah geschlossen aus dem linken Fenster zur Katharinen-Kirche. Denn sie hatten den Audioguide in italienischer Sprache im Ohr und hörten eine automatische Ansagerstimme, die sich nicht unterbrechen und ablenken ließ wie ich.
Auf den Elbbrücken überquerten wir die Norderelbe und sahen vor uns die Elbinsel mit ihren zum Teil schon brachliegenden alten Kaianlagen.
»An dieser Brücke endet die Tideelbe und links davon beginnt die Mittelelbe mit der Binnenschifffahrt.«
»Was ist Tideelbe?« rief von hinten eine Stimme mit bayrischem Tonfall. Ich drehte mich um und sah zwei Männer in Lodenjacken und Kniebundhosen.
»Tide, das sind die Gezeiten, also Ebbe und Flut, die von der Nordsee bis in die Elbe hineinwirken.« Ob die Bayern wissen, was Ebbe und Flut ist, fragte ich mich, als wir den Fluss schon überquert hatten und der Enkel hinter mir rief: »Guck mal, Oma, die Schiffe da, ganz schmal und riesig lang!«
Während die Bayern vielleicht noch über das Wort Ebbe nachdachten, zeigte ich den Fahrgästen die langen Flussschiffe in den kleinen abgesonderten Binnenschifffahrtshäfen: im Saalehafen, im Spreehafen, im Moldauhafen.
»Moldauhafen? Mündet die Moldau hier in die Elbe?«, fragte das junge verliebte Pärchen, das mir gegenüber saß, fast wie aus einem Munde.
»Nein«, lachte ich, »die Moldau mündet schon bei Prag in die Elbe, aber dieser Hafen gehört den Tschechen,gepachtet für 99 Jahre seit dem Versailler Vertrag. An dem Mast da drüben hängt auch die tschechische Flagge.«
Vielleicht hätte ich nicht lachen sollen. Ich sollte lieber mal einen Witz einstreuen, damit meine Gäste lachen können. Das lieben die Touristen, hatte man mir erklärt, als ich mich um diesen Job bewarb. Ich hätte erzählen können, dass eigentlich die Elbe in die Moldau mündet. Das sagte meine Mutter jedenfalls immer.
»Woas is des, Ebbe?« tönte es aber nun aus der bayrischen Ecke.
»Wenn ich kein Geld im Portemonnaie hab, dann hab ich Ebbe.«
Ein Lastwagen überholte uns polternd, so dass niemand meinen Witz verstanden hatte. Und für die Moldau war es nun auch schon zu spät.
Hinter Ballins Auswandererhallen bogen wir ab und sahen die ausrangierten Kräne, Baggerschiffe, Lastschuten und die alten Kaianlagen.
»Der Siegeszug der Container hat all diese Hafenanlagen überflüssig gemacht«, erklärte ich.
Der Bus hielt, einige Touristen stiegen ein. »Interessantes Gelände, aber es gibt hier nichts zu essen«, murrte einer von ihnen.
Ich wollte ihm gerade den kleinen Fisch-Imbiss zwischen Moldauhafen und Saalehafen anpreisen, aber mir fiel noch rechtzeitig ein, dass wir ja Kopfgeld bekamen. Für jeden Touristen, der bei uns einstieg.
Der Himmel war immer noch wolkenlos, aber es war ein seltsamer Wind aufgekommen, trocken und hart, fast wie ein kalter Wüstenwind. Beim letzten Stopp hatte ich die Silhouette der Hamburger Innenstadt erklärt, die man von hier aus auf der anderen Elbseite besonders schön erkennen konnte: die Türme von Michel, Rathaus, Petrikirche, Jakobi- und Katharinenkirche. Die Reihenfolge der Türme durfte ich nicht verwechseln. Irgendeiner kannte sich immer aus und meckerte, wenn ich Fehler machte.
Danach fuhren wir in Richtung Köhlbrandbrücke, die uns über die Süderelbe bringen sollte. Der Sturm nahm zu, als wir auf der Rampe der hohen, geschwungenen Brücke waren, die völlig frei an ihren Seilen zu hängen schien und fast keine Seitenplanken hatte. Und sich in ständiger Reparatur befand. Vor uns bremste ein Laster abrupt und stellte sich etwas schräg. Wir standen im Stau vor der Baustellenverengung. Die Brücke wackelte. Unser Verdeck war immer noch offen, die Sonne schien zwar, aber der Wind peitschte uns nun voll ins Gesicht. Ich müsste das Dach schließen. Das gehörte zu meinen Aufgaben. Aber ich saß wie angekettet auf meinem Sitz und klammerte mich an mein Mikrofon.
Dann fuhren wir weiter. Die ganze Brücke war eine einzige Kurve. Durch eine Windböe machte unser nur halb gefüllter Bus einen kleinen Satz zur Seite. Tief unter uns lag das Wasser der Süderelbe. Die Seitenplanken konnte ich nicht mehr sehen. Gab es überhaupt noch eine Straße oder flogen wir? Ich bekam Panik. Jetzt stürzen wir ab. Wie damals bei dem letzten Flug mit meinem Mann. Er hatte gerade zugegeben, dass er mich jahrelang betrogen hatte. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren und war überzeugt gewesen, wir würden abstürzen.
Aber ich war nicht im Flugzeug. Es war nur eine Brücke. Und die Scheidung lag schon hinter mir. Auch wenn ich immer noch irgendwie in der Luft hing. Ich versuchte mich zu beruhigen, konzentrierte mich auf meinen Text, den ich wie in Trance abspulte. Ich erklärte die verschiedenen Container-Terminals, die neben und unter uns lagen.
»Die weißen Container sind Kühlcontainer, die anderen Farben zeigen die Reederei an, rot für Hamburg Süd, orange für Hapag Lloyd, blau für Hanjin.« Aber ich schaute nicht hin. Ich kannte sie ja auswendig.
Der kleine Junge hinter mir sprang vor Begeisterung auf. Für ihn schienen es bunte Legosteine zu sein. Seine Oma drückte ihn wieder auf den Sitz und rief: »Können Sie bitte das Verdeck schließen. Es ist sehr windig und kalt.«
Ich müsste aufstehen und das ganze Verdeck auf der Laufschiene mühsam von hinten nach vorn ziehen. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich dachte an meinen Mann und unsere Trennung und auch daran, wie meine Mutter gesagt hatte: »Deshalb musst du dich doch nicht gleich trennen! Dein Vater hat mich auch betrogen.« Ich dachte wieder an ihren Anruf. Sie rief immer im falschen Moment an. Das war schon immer so. Nach dem Frühstück wollte ich sie zurückrufen, aber da sprang das Faxgerät an und dann musste ich los.
Der Busfahrer rief von unten hoch: »Jetzt mach schon das Verdeck zu. Das ist dein Job.« Wenn die Gäste unzufrieden waren, bekam auch er weniger Trinkgeld.
Ich werde diesen Job wieder aufgeben, dachte ich. Diese Sightseeing-Touren sind mir einfach zu stressig. Lieber mache ich wieder meine kleinen Rundgänge durch die Stadt. Da verdiente man zwar weniger und seit der Scheidung brauchte ich eigentlich das Geld, aber ich hatte wenigstens meine Ruhe und konnte so lange reden, wie ich wollte.
Der erste Brückenpfeiler, der zweite Pfeiler. Jetzt ging es in der Kurve langsam wieder abwärts. Wir näherten uns dem Boden, ich war wieder in Sicherheit und konnte das Verdeck schließen. Während der Fahrt durch den Autobahn-Elbtunnel holte ich das Fax aus meiner Handtasche und kontrollierte noch mal den vorgeschlagenen Treffpunkt: Landungsbrücken, 13 Uhr. Brücke vier. Eine Anfrage von einem Privatkunden. Für eine ›Reise an der Elbe. Fahrzeug vorhanden.‹
Nun waren wir wieder auf der Nord-Seite der Elbe angelangt. Vom Altonaer Fischmarkt sah ich es genau: Die Brücke hatte viel zu wenig Pfeiler. Sie schien zu fliegen. Ästhetisch schön, hochgelobt bei der Einweihung, aber für mich ein Albtraum.
Auf der letzten Etappe vor unserer Endstation an den Landungsbrücken – erbaut 1901 und so weiter: so spulte es in meinem Kopf bereits ab – dachte ich an meinen Plan, eine eigene Reise entlang der Elbe zu entwerfen. Eine Reise, bei der ich alles selbst organisieren würde, ohne Chef, und den Busfahrer würde ich mir auch selbst aussuchen. Die Elbe, von der Mündung bei Cuxhaven bis zur Quelle im tschechischen Riesengebirge, flussaufwärts. Und ein Buch, als individuellen Reisebegleiter, wollte ich auch darüber schreiben.
Ich drehte mich zu den Fahrgästen um. Hatte ich den neu eingestiegenen Touristen eigentlich schon erzählt, dass Hamburg mehr Brücken als Venedig hat? Ich entschied mich dann doch für die Tideelbe.
»Hier haben wir die Tiedeelbe, die mit den Gezeiten, mit Flut und Ebbe, hin und her fließt, aber hinter den Elbbrücken beginnt schon die Mittelelbe und die Binnenschifffahrt«, erklärte ich nun wieder mit professioneller Stimme. Einige nickten. Die hatten das wohl schon von mir gehört. »Über 750 km fahren die Schiffe bis nach Prag und wieder zurück. Das letzte Stück auf der Moldau, die 30 km nördlich von Prag in die Elbe mündet.«
Ich drehte mich im Kreis und hörte schon wieder meine Mutter sagen »Aber eigentlich mündet die Elbe in die Moldau«. Und sie hatte es von Jan, dem tschechischen Kriegsgefangenen, der ganz vernarrt in seine Idee gewesen war, dass Hamburg nicht an der Elbe, sondern an der Moldau liegt.
»Das Elbwasser fließt mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 3 Stundenkilometern. Da könnte man sozusagen mit dem Wasser mit laufen.«
Diese Idee faszinierte mich. Ob das wohl meine Touristen interessierte?
Meine Mutter hatte gelacht, als ich es ihr einmal erzählte. »Und wenn dann da eine Flaschenpost wäre, könnte man ja immer neben der Flaschenpost laufen und sie nie aus den Augen verlieren!« Wir fuhren auf den Parkplatz vor den Landungsbrücken. Der Bus hielt an, die Touristen stiegen aus, der Fahrer zählte das Trinkgeld, teilte es in zwei Teile und ließ mich die Quittung unterschreiben.
»Na dann, bis morgen, Johanna«, sagte er, immer noch etwas mürrisch, obwohl er ein kleines Lächeln versuchte. »Oder kommt morgen Werner?«
»Weiß ich nicht, muss auf meinen Plan gucken«, antwortete ich. Sicher fuhr er lieber mit Werner, das war ein alter Hase, dem das Anlocken mit Marktschreierstimme viel besser gelang als mir.
»War ich so schlimm?« fragte ich.
»Ach was«, sagte er, »mach dir keinen Kopf. Ich hab schon Schlimmeres erlebt.«
Das beruhigte mich zwar, bestätigte mich aber gleichzeitig in meinem Entschluss, diese Stadtrundfahrten nicht mehr zu machen.
»Ich wusste ja nicht, dass du Höhenangst hast«, sagte er noch.
»Alles gut. Tschüß, bis dann«, sagte ich.
Ich stieg die Treppe zu den Landungsbrücken hoch und freute mich auf mein leckeres Krabbenbrötchen auf Brücke vier. Und da hatte ich ja auch das Treffen mit dem Privatkunden. Seltsam, dachte ich, als hätte der Kunde gewusst, dass ich da mittags nach der Tour immer ein Krabbenbrötchen aß und ein Weizenbier trank. Woher wusste der Kunde das? Ich fühlte mich plötzlich beobachtet und drehte mich um. Folgte mir vielleicht jemand?
Mein Entschluss stand aber nun erst recht fest: Ich würde nur noch private, eigene Führungen oder Reisen machen, ohne diese Hektik, ohne dieses Ein- und Aussteigen, mit mehr Ruhe, wo ich meine Sätze zu Ende sprechen konnte. Wo die Touristen auch Fragen stellen und ich sie beantworten konnte. Und der Bus mir nicht die Zeiten vorgab. Das wollte ich.
Als ich den Imbiss ansteuerte, sah ich sie schon von weitem. An einem der kleinen runden Metalltische saß Dorothea, meine Mutter. Sie winkte mir zu und lachte. Mein Krabbenbrötchen lag schon mit der Serviette auf dem Tisch. Und das Weizenbier kam sofort, als ich mich gesetzt hatte. Sie wusste, dass ich hier immer meine Mittagspause machte.
»Also«, sagte sie, »was soll die Reise kosten? Eine Person, zwei Wochen?«
Ich begrüßte sie mit einem Kuss. »War das Fax von dir?«
Sie kicherte und schien sich über ihren kleinen Scherz sehr zu amüsieren. »Hab ich vom Kiosk aus geschickt. Damit du mir nicht wieder sagst, dass du keine Zeit hast. Das war doch sehr schlau von mir, oder? Nun sehen wir uns wenigstens mal.«
Ich war etwas enttäuscht, dass ich doch keinen neuen Privatkunden hatte, musste aber auch lachen und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so selten anrief und nie Zeit für sie hatte. Klar, dass sie zu solchen Tricks greifen musste.
»Und was wäre das eigene Fahrzeug?« fragte ich augenzwinkernd.
»Wir können mit meinem Auto fahren, ich übernehme alle Kosten.« Sie hatte aufgehört zu lachen und sah mich nun erwartungsvoll an. Es war ihr wirklich ernst damit. Sie kannte meinen Plan und hatte mir schon mehrfach angeboten, mir die Reise zu finanzieren, wenn ich sie mitnahm. Ich hatte gezögert und es immer wieder hinausgeschoben.
Doch nun war alles anders, ich wollte meinen Job kündigen und sagte: »Na gut, aber wir nehmen meinen VW-Bus. Ich muss viele Sachen mitnehmen. Kompass, Karten, Bücher. Dann kann ich auch Camping machen und du gehst ins Hotel.«
»Abgemacht. Aber wir fahren immer am Elbufer entlang. Vielleicht finden wir eine Flaschenpost.« Sie strahlte und umarmte mich. »Wir werden es gut haben, Hannchen!«
»Wann wollen wir losfahren?« fragte ich.
»Morgen.«
»So schnell? Warum hast du es so eilig? Ich hab morgen noch eine Tour durchs Alte Land und übermorgen eine Besichtigung der alten Hafenanlagen bei Schuppen 50. Da kommt eine Gruppe, die ich nicht absagen kann.«
»Gut, da komme ich mit. Das liegt alles an der Elbe und gehört also schon zu meiner Buchung.«
– 2 –
Ich fuhr meine Mutter Dorothea mit ihrem Wagen nach Hause, in ihr Dorf kurz vor der Elbmündung.
»Also, nun sag mal. Warum willst du mit mir diese Elb-Reise machen?«, fragte ich sie, als wir im Alten Land durch die Apfelbaumkulturen fuhren, die noch blattlos waren und wie knorrige Gespenster aussahen.
»Lass uns einen Kaffee in Krautsand trinken und ein bisschen am Elbstrand spazieren gehen«, schlug sie vor.
Wir machten den kleinen Umweg und gingen durch den Sand zur Elbe hinunter. Die Sonne schien noch immer, der Wind hatte sich etwas gelegt.
Da erzählte Dorothea mir wieder von Jan, dem russischen Kriegsgefangenen, der im Juni 1944 zu ihr und ihrer Schwiegermutter auf den Bauernhof kam. Ich kannte die Geschichte eigentlich schon: Er hatte sich damals in sie, die junge Bäuerin verliebt. Das hatte ihr geschmeichelt, aber sie hatte es nicht ernst genommen, sie war ja verheiratet. Doch nun hatte sie plötzlich die Idee, in seine Heimat zu fahren und nach ihm zu suchen. Eigentlich war er Tscheche, er stammte aus einem Dorf in der Nähe der Elbquelle. Nach dem Krieg hatte er sich nie wieder gemeldet. Das hatte sie immer gewundert. Und nun hatte sie endlich Zeit, nach seinen Spuren zu suchen. Denn sie hatte gerade ihre Mutter nach langer schwerer Krankheit unter die Erde gebracht. Und fünf Jahre vorher ihren Mann Fiete, meinen Vater. Jetzt konnte sie endlich einmal machen, was sie wollte.
»Ich wusste gar nicht, dass er dir so wichtig war«, sagte ich.
»War er ja auch nicht, oder vielleicht doch. Vielleicht hatte ich nur nie Zeit, an ihn zu denken. Ich hatte ja immer viel Arbeit. Oder vielleicht wollte ich auch nicht an ihn denken. Vielleicht hatte ich Angst davor. Aber nun«, sie zögerte etwas. »Nun ist es anders. Nun habe ich nicht mehr so viel Zeit.«
Ich sah sie erstaunt an. Sie hatte doch jetzt viel Zeit, war endlich frei. Aber ich sagte nichts.
Sie hatte sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen und ging mit nackten Füßen kurz in das noch eiskalte Wasser der Elbe hinein. Kneippkur nannte sie das. Die Wellen eines Containerschiffs liefen über ihre tauben Zehen und klatschten auch an die aufgekrempelten Hosenbeine. Jersey-Hosen in Jeans-Imitation. Sie liebte Jeans, weil sie so sportlich aussehen, aber der Stoff war ihr zu hart.
Hier am Elbstrand wollte sie mir also erzählen, warum sie mich unbedingt auf meiner so lang geplanten Elbreise begleiten wollte. Lieber wäre sie mit mir ins Watt gegangen, hatte sie gesagt. Im Watt konnte man stundenlang laufen und reden. Im Watt hört kein anderer zu. Alles Erzählte wird sofort vom Wind oder vom Ebbstrom weggetragen, hinaus aufs Meer, wie eine Flaschenpost. Die größten Geheimnisse konnte man sich beim Wattenlaufen anvertrauen. Die Worte fanden kein Echo an irgendwelchen Wänden, sie verhallten und versickerten im Watt. Aber für eine Wattwanderung war es noch zu kalt.
Ein einziger Strandkorb stand schon im Sand vor dem kleinen Strandlokal. Wir setzten uns hinein und wickelten uns in eine Wolldecke. Sie packte eine Thermoskanne Kaffee und Butterkuchen aus. Wie immer. Seit ich denken kann, zauberte sie Kaffee und Kuchen herbei. Vor uns, auf der anderen Seite lag schon fast Glückstadt. Fast das große Glück, das sie immer knapp verpasst hatte, wie sie mir später erzählte. Und die Elbe, die mal nach links und mal nach rechts floss. Die Tideelbe. Der Tidenkieker, der Moorkieker, der Vogelkieker. Diese drei Touren musste ich noch in mein Programm aufnehmen.
»Jetzt hast du Zeit, Mama, jetzt bist du frei«, sagte ich, um den Faden wieder aufzunehmen.
»Ja, endlich frei«, seufzte sie. »Das hatte ich sogar in mein Tagebuch geschrieben, naja, du weißt schon, in eines dieser kleinen Notizbücher, in die ich immer alles reinschreib.«
Ich lachte. «Ach ja, dein Sammelsurium aus Rezepten, Telefonnummern, Lebensweisheiten, Gedichtanfängen, Arztterminen.«
Sie zog ein kleines braunes Notizbuch der Raiffeisengenossenschaft aus der Handtasche und gab es mir. Da stand es in großen Lettern geschrieben: Endlich frei. Das Datum war der Tag nach der Beerdigung meiner Oma. An dem Tag sollte ihr neues Leben beginnen.
An dem Tag war Dorothea losgefahren. An die Nordsee. Sie wollte wieder das Salz in der Luft und im Wasser und im Sand überall um sich herum spüren. Selbst die Sonne war dort salzig. Aber nicht so heftig wie am Toten Meer. Darauf freute sie sich seit Monaten. Hatte immer dieses Bild vor Augen. Im Strandkorb sitzen, die Füße im Sand, die Sandkörner zwischen ihren Zehen kitzelten, so wie früher die rauhe Zunge ihres Hunds, wenn er ihre Füße ableckte. Auch er liebte das Salz. Davon träumte sie. Auch wenn es jetzt noch zu kalt war.
Bevor ihre Mutter krank wurde, hatte sie ihren Mann gepflegt. Monatelang war sie jeden Tag ins Krankenhaus gefahren. In die Innere. Auf die Männerstation. Fiete hatte Darmkrebs, war erfolgreich operiert worden und hatte ein paar Monate voller Hoffnung und Optimismus zu Hause auf der Terrasse verbracht.
»Es ist nicht ansteckend«, hatte er frohgemut gesagt. »Ich habe den Arzt gefragt.« Sie war gerührt, dass er sich bei all seinen Problemen Gedanken darüber machte, ob er sie anstecken könnte. Krebs ist nicht ansteckend, höchstens genetisch, hatte der Arzt gesagt.
Das beruhigte ihn. Sie etwas weniger. Denn sie dachte dabei an ihre Kinder. Aber sie freute sich mit ihm.
Dass das Thema Ansteckung ihn aus anderen Gründen interessierte, wurde ihr erst später klar.
Kurz nach seinem Tod hatte es an der Tür geklingelt.
Als Dorothea öffnete, stand vor ihr eine fremde Frau.
»Sie kennen mich nicht.«
»Nein«, sagte Dorothea.
Auf der Straße stand ein Taxi mit laufendem Motor.
Die fremde Frau wollte ihr die Hand geben.
»Herzliches Beileid.«
Dorothea starrte auf die ausgestreckte Hand.
»Ihren Ring da, den kenne ich.«
»Ich weiß«, sagte die Frau.
»Er lag im Auto. Im Handschuhfach.«
»Ich weiß.« Sie schwieg. »Ich habe auch Krebs.«
Dorothea blickte auf. »Krebs ist nicht ansteckend.«
»Ich weiß«, sagte die Frau und sah auf das Namensschild an der Haustür.
»Er hat mir geschrieben.«
»Ich habe jeden Tag an seinem Bett gesessen«, sagte Dorothea tonlos und sah wieder auf den Ring.
»Ich weiß.« Die Stimme der fremden Frau klang nun traurig und hoffnungslos.
»Ein schöner Ring«, sagte Dorothea.
»Ja. Ein Bernstein mit einem Insekt darin. Eingeschlossen. Es soll eine Biene sein.«
»Er hat sechs Monate im Krankenhaus gelegen. Ans Bett gefesselt. Wie gefangen. Er hatte kaum noch Kraft zum Aufstehen.«
»Er hat mir geschrieben.«
»Ich habe Ihnen auch einmal geschrieben«, sagte Dorothea.
»Ja, vor fünfzehn Jahren. Ich weiß.«
»Fünfzehn Jahre«, wiederholte Dorothea.
»Ich wollte einfach nur wissen, wo er liegt.«
»In der Grabstelle seiner Eltern. Unter der großen Blutbuche. Der höchste Baum auf dem Friedhof.«
Der Taxifahrer stellte den Motor ab. Es war plötzlich sehr still.
»Ich hab das Grab seiner Eltern 40 Jahre lang gepflegt. Immer im Schatten unter diesem schrecklichen Baum. Da kam kaum Sonne hin. Die Blumen wollten nicht blühen. Ein schreckliches Grab. Und immer voller Blätter.«
»Ich lasse mich einäschern. Das habe ich schon verfügt. Ich bin allein. Hab keine Familie.«
»Er liegt unter der großen Blutbuche«, sagte Dorothea und reichte ihr die Hand. »Ich habe leider keine Zeit, Ihnen das Grab zu zeigen.«
»Ich werde es schon finden.«
»Von der Kapelle aus ist es der zweitletzte Weg links.«
Die fremde Frau nahm ihre Hand.
»Ich habe ihn geliebt«, sagte die Frau.
»Ich weiß«, sagte Dorothea traurig.
Die beiden Frauen sahen sich an und drückten einander leicht die Hand. Der Bernsteinring mit der eingeschlossenen Honigbiene steckte auf der anderen Hand.
»Nun ist er tot.«
»Ja, nun ist er tot.«
Die fremde Frau drehte sich langsam um und ging zu ihrem Taxi. Doch dann stieg Dorothea auch in ihr Auto und fuhr zum Friedhof. Gemeinsam gingen sie zum Grab. Die fremde Frau schluchzte, als sie Fietes Namen auf dem Grabstein las. Dorothea wunderte sich und fragte sich, ob diese Frau ihn vielleicht mehr geliebt hatte als sie selbst. Sicher war das so. Sie selbst war immer bei ihm geblieben, weil sie es nicht fertig brachte, irgendjemanden zu verlassen. Zu enttäuschen.
Dabei hatte er sie betrogen. Fünfzehn Jahre lang, wie sie jetzt erfuhr. Sie hatte Mitleid mit der fremden Frau, die auch Krebs hatte und sich auch fragte, ob Krebs wohl ansteckend sei. Ob Krebs für sie beide die Strafe war für ihren Ehebruch.
Als die fremde Frau gegangen war, überkam Dorothea ein neues Gefühl, eine Mischung aus Wut und Enttäuschung. Er hatte sie fünfzehn Jahre lang belogen und betrogen. Irgendwie hatte sie es geahnt, wollte es aber nicht wissen. Sie war immer bei ihm geblieben, obwohl sie ihn eigentlich schon lange nicht mehr liebte. In guten wie in schlechten Tagen. In ihrer Generation ließ man sich nicht so leicht scheiden. Sie dachte an ihre Tochter, die auch von ihrem Mann betrogen worden war und ihn deshalb verlassen hatte. Das hätte sie nie fertiggebracht. So war sie jeden Tag ins Krankenhaus gegangen, hatte von morgens bis abends am Krankenbett ihres Mannes gesessen, nach seinem Rückfall, einem Wiederaufbäumen der Metastasen. Sie saß dort und strickte Socken, unterhielt ihn, wenn er wach war, drehte ihr Gesicht mit geschlossenen Augen zur Sonne, die durch das offene Fenster schien, und dachte an ihre Kinder und Enkelkinder, wenn er schlief.
Sie hielt zu ihm. Sie war da. Sie verließ ihn nicht. Wer weiß, vielleicht hätte er lieber die fremde Frau an seinem Krankenbett gehabt, in seinen letzten Tagen. Vielleicht hatte sie ihm durch ihre ständige Anwesenheit ein letztes Treffen mit seiner langjährigen Geliebten verwehrt. Sie hatte gedacht, sie tat ihm Gutes. Gab ihr Bestes. Opferte sich. Denn lieber hätte sie zu Haus im Garten gearbeitet und dort gestrickt.
Nun wechselten sich Erleichterung, Wut und Enttäuschung ab.
Sie war maßlos enttäuscht, aber nicht weil sie ihn liebte, sondern weil sie sich für ihn aufgeopfert hatte. Immer wieder sich selbst verraten hatte. Aber die Wut befreite sie auch. Sie musste nicht mehr trauern. Sie durfte erleichtert sein, sie durfte aufatmen, war endlich frei. Bis ihre Mutter erkrankte.
Jahre später war es dann soweit. Sie hatte ihren Koffer gepackt und war sich sicher, dass mit dem langersehnten Urlaub auch endlich ihre Magenschmerzen vergehen würden, die sie seit Monaten quälten. Ihr Hausarzt hatte sie immer wieder beruhigt und beteuert: »Sie sind einfach nur überlastet, durch die Krankheit Ihres Mannes. Und dann noch Ihre Mutter. Sie müssen sich mal entspannen. Gönnen Sie sich einmal einen Urlaub, dann wird alles anders.«
So saß sie nun in ihrem Strandkorb an der Nordsee, in Wolldecken eingewickelt und machte Pläne für ihr zukünftiges Leben, für all die Dinge, die sie nun endlich tun wollte. Im Sommer würde sie stundenlang ins Watt gehen, sogar der auflaufenden Flut entgegen wandern, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Vielleicht würden ihre Kinder und Enkelkinder mitkommen. Sie würde in den Wellen schwimmen, den Quallen aus dem Weg gehen, aber nur den roten. Die blauen taten ja nichts. Sie würde es genießen, wenn ihr dabei manchmal Salzwasser in die Nase schoss. Das ist gut gegen Erkältung, gegen Schnupfen. Es reinigt die Nase. Sie las immer alle Artikel in der Apotheken-Umschau und auch anderswo, zu allen Gesundheitsthemen. Sie wollte 100 Jahre alt werden und freute sich auf einen langen Lebensabend. Endlich mehr Zeit für die Kinder und Enkelkinder haben, die an unterschiedlichen Orten verstreut lebten. Ein paar Wochen dort, ein paar Wochen hier.
Nach dem Schwimmen würde sie sich in der Sonne im Strandkorb wärmen, würde sich schnell trockene Sachen anziehen. Denn sonst bekam man eine Blasenentzündung. Sie strickte an einer Jacke für ihre Tochter. Las einen Roman von Utta Danella mit sicherem Happy End, trank Kaffee aus der Thermoskanne und aß ein Stück Butterkuchen. Schöner konnte das Leben nicht sein.
Als sie gegen Ende ihres Urlaubs wieder Magenkrämpfe bekam, ging sie dann doch, obwohl es ihr ja eigentlich so gut ging, zum Arzt. Zum Kurarzt. Der tastete ihre Magengegend ab, runzelte die Stirn, wie Ärzte es immer tun, um sich wichtig zu machen, dachte sie. Er untersuchte sie noch im Ultraschall und schickte sie dann ins Krankenhaus, um ein CT zu machen. Sie protestierte. »Ach, das mach ich zu Haus. Ich bin doch hier im Urlaub, Herr Doktor. Und mein Hausarzt sagte auch, ich solle einfach nur mal Urlaub machen.«
»Was ihr Hausarzt sagt, ist seine Sache, ich möchte jetzt gern eine Computertomographie Ihres Unterleibs machen lassen. Es dauert ja höchstens eine Stunde. Bitte gehen Sie mit diesem Überweisungsschein morgen in die Klinik.«
Er hatte nicht mehr mit der Stirn gerunzelt, sondern freundlich gelächelt. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Aber sie war gehorsam. Sie tat immer, was man von ihr verlangte. Sie ging in die Klinik, zum angemeldeten Termin. Es ging tatsächlich sehr schnell. Sie musste nicht lange warten. Sie fand es nämlich schrecklich, in Wartezimmern zu sitzen, mit all den Kranken, die husteten und schnieften und sie vielleicht ansteckten. Wo sie doch immer so auf ihre Gesundheit achtete.
Den Befund erhielt sie am nächsten Tag, er war an ihren Hausarzt adressiert. Der Badearzt war nun selbst im Urlaub, und auch für sie war es der letzte Tag. Deshalb hatte man ihr im Krankenhaus einen Briefumschlag in die Hand gedrückt und sie damit zu ihrem Hausarzt zurückgeschickt.
Sie ging ins Hotel und packte ihren Koffer. Aber der Brief brannte in ihrer Hand. Sie setzte sich auf den Balkon und genoss einen letzten Blick auf die Nordsee. Rechts neben ihr waren die Dünen mit dem Schilf, dem Strandhafer und etwas Heidekraut.
Sie öffnete den Umschlag und las den Befund. Er war voller klein gedruckter Zahlen und klein gedruckter lateinischer Ausdrücke. Nur der erste Satz war in normaler Schriftgröße getippt. Befund: Tumor in der Bauchspeicheldrüse. Inoperabel.
Ihr wurde schwindelig und heiß im Kopf, dann heiß in der Brust, der Atem blieb ihr weg. Sie musste sich zwingen zu atmen. Das Herz schlug, nein, es hämmerte, es raste, wohin wollte es rasen? Raus aus der Brust? Die Brust schien zu platzen. Sie hatte zu viel Luft, die Lungen pressten sich gegen ihr Herz, sie holte nochmal Luft, die Magengegend schmerzte nicht, überhaupt nicht. Wie zum Hohn. Alles kribbelte, ihr Nacken wurde nass und es flossen Rinnsale von Schweiß über ihren Rücken. Sie sah zum Himmel. Regnete es? Nein, ich bin es selbst, dachte sie. Ich bin es.
Was soll das heißen? Inoperabel? Tumor? Krebs? Ich habe Krebs? Ist Krebs ansteckend? In ihre Ohren kam ein Dröhnen, ein Dröhnen der Brandung, des Windes, der Möwen. Sie hörte nichts mehr. Wurde sie taub? Wurde sie blind? Die Dünen verschwammen, ihre Augen waren voller Wasser.
So saß sie dort, bis es dunkel wurde. Es klopfte an der Zimmertür. Der Kellner erkundigte sich, warum sie nicht zum Abendessen erschienen war, ob sie das Essen auf dem Zimmer wollte.
Sie sah ihn an, ohne ihn zu sehen. »Ja«, sagte sie.
Der Kellner ging und kehrte kurz darauf mit einem Servierwagen zurück. Er schob ihn in ihr Zimmer. Sie saß im Sessel und sagte tonlos: »Danke.«
Sie starrte lange auf das Essen, Karpfen blau, darauf hatte sie sich so gefreut. Und es war so gesund. Fisch, kein Fleisch, kein fettes Fleisch, wie ihr Mann es immer gegessen und verschlungen hatte. Sie ernährte sich viel gesünder. Fisch. Karpfen blau.
Was sollte sie nun tun? Sie wusste es nicht, konnte keinen Gedanken fassen.
Karpfen blau, es wäre schade, wenn das gute Essen weg kommt. Nie konnte sie etwas wegwerfen. Das hatte sie im Krieg gelernt. Man durfte nichts wegwerfen, vor allem keine Lebensmittel. Sie aß den Karpfen blau, mit Meerrettich und Spinat und Salzkartoffeln.
Karpfen blau und Krebs in der Bauspeicheldrüse.
In dem Notizbuch, das Dorothea mir gereicht hatte, lag ein Briefumschlag. Ich sah meine Mutter an, ihre Augen schimmerten wässrig. Lag es am Salz der Luft? Es war der Arztbrief einer Klinik. Ich öffnete ihn und las: inoperabler Tumor in der Bauchspeicheldrüse. Prognose: 6 Monate bis 1 Jahr.
Eine glühende Hitze durchlief in großer Geschwindigkeit meinen ganzen Körper, schoss in den Kopf und in die schmerzende Schulter, der Atem blieb kurz stehen, mein Herz klopfte so laut, dass sie es hören musste. Ich versuchte, es zum Schweigen zu bringen. Ich starrte mit aufgerissenen Augen auf das Papier.
»So ging es mir auch, als ich es aufgemacht habe«, flüsterte sie. Sie griff nach meiner Hand und streichelte sie, als wollte sie mich trösten. Als müsste sie mich trösten. So war es immer. Sie tröstete immer die anderen.
Ich umarmte sie und weinte. Ich konnte nicht sprechen. Sie weinte auch, wir hielten uns beide umarmt, meine Wange lag an ihrer, und ihre Wange an meiner. Wir weinten beide hemmungslos, die Tränen liefen und vermischten sich auf unseren Gesichtern. Wie waren nass, wie im Regen, eine Ewigkeit lang. Ein ganzes Leben lang. Wir weinten und weinten. Bis die Augen leer waren. Wo kam die ganze Flüssigkeit her? Wie konnte der Körper so schnell so viel Flüssigkeit produzieren? Ich verscheuchte die Gedanken. War das jetzt wichtig? Langsam ließ der Tränenfluss und auch das Schluchzen nach. Der Wind begann, unsere salzige Haut etwas zu trocknen. Bis ich endlich meine Stimme wieder fand. Einfach um irgendetwas zu sagen, fragte ich: »Seit wann weißt du das?«
»Seit zwei Wochen«, sagte sie leise.
»Warum hast du es mir nicht sofort gesagt?« fragte ich, als hätte das etwas geändert. Als hätte ich sie vor zwei Wochen noch retten können.
»Ich musste es erst mal selbst begreifen«, sagte sie. »Und du hast ja auch genug Probleme, so viel Arbeit.«
Sie streichelte mir weiter die Hand. Sie hatte mich ein paar Mal angerufen, in der letzten Woche. Ich hatte sie immer schnell abgefertigt. Ich stand selbst sehr unter Druck, meine Ehe war in die Brüche gegangen und sie rief immer zur falschen Zeit an. Ich hatte keine Zeit für sie. Ich schämte mich. Ich hatte ja nur meine Liebe verloren, sie würde ihr Leben verlieren.
»Was hat dein Hausarzt denn gesagt?«
»Zu dem gehe ich nicht mehr«, sagte sie, «ich hatte ja schon lange diese Schmerzen im Bauch und wollte deshalb gern mal in die Röhre. Aber er hat immer nur gesagt, das ist alles psychisch. Machen Sie mal etwas Urlaub.«
Sie lachte leise, aber mit etwas Bitterkeit. »Urlaub, ich habe doch jetzt immer Urlaub, seit Papa und Oma tot sind.« Sie schwieg und sah auf die Wellen der Elbe. »Ich hab ja gemacht, was er gesagt hat. Bin an die See gefahren. Und als ich da so Krämpfe hatte, hat der Arzt dort ein CT machen lassen.«
Sie machte alles allein, wie immer, wollte niemandem zur Last fallen. Sie war ja eigentlich auch noch sehr fit, hatte ein starkes Herz. Und ein gutes Herz. Es schlägt und schlägt und schlägt.
»Aber drum herum ist alles marode, es ist schade um mein Herz, wenn ich jetzt sterbe, es ist ja noch gut«, sagte sie und schien fast zu lachen. Sie konnte einfach nichts wegwerfen, was noch gut war. Es war noch gut, ihr Herz, war immer gut gewesen, zu gut. Und selbst jetzt, wo sie sterben sollte, wollte sie es nicht wegwerfen.
Das kann man ja noch gebrauchen, war immer ihr Einwand. Im Krieg und auch nach dem Krieg wurde nichts weggeworfen, alles war irgendwie zu gebrauchen. »Warum kann ich keine neue Bauchspeicheldrüse bekommen? Es gibt doch so viele Organtransplantationen.« Sie sah mich nun fragend und hoffend an. Sie dachte, dass ich eine Antwort wüsste, sie hoffte, dass ich sagen würde: Ja, klar, das ist kein Problem. Das geht bestimmt.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Irgendwann waren ihr dann die Fragen gekommen: Warum? Wofür werde ich bestraft? Ausgerechnet jetzt, wo ich alles getan habe, was ich tun konnte, für Fiete, und dann habe ich Oma gepflegt, bis zu ihrem Tod. Aber danach war ich doch endlich frei.«
Ein neues Leben schien zu beginnen. Und nun?
»Was soll ich denn nun tun?«, fragte sie mich. Aber ich war genauso ratlos wie sie. Ein Jahr hatte sie noch oder nur ein halbes Jahr, 6 Monate, 180 Tage, 4320 Stunden.
»Jetzt ist schon wieder eine Stunde vorbei«, sagte sie und sah auf das Spiel der Sonnenstrahlen auf den kleinen kurzen Wellen der Elbe. »Aber eine schöne Stunde, mit dir hier am Strand, am Wasser.«
Sie stand auf und ging hinunter zum Wasser. Ich folgte ihr. Das Wasser stieg. Die Elbe war zwar ein Fluss, aber hier war sie fast schon Nordsee, die Tideelbe, und der Wasserstand richtete sich nach Ebbe und Flut.
»Weißt du noch, unsere große Wattwanderung?«, fragte sie. Am Wochenende fuhren wir oft an die Nordsee nach Cuxhaven, zur Kugelbake – da fuhren früher die Schiffe nach Amerika ab – zum Baden und zum Wattenlaufen.
»Siehst du, wie das Wasser läuft, sogar hier. Es kommt immer näher.« Wenn wir ins Watt gingen, bei Hohlebbe bis zur äußersten Spitze zwischen den beiden Fahrwassern, hatten wir unseren Spaß daran, zu beobachten, wie das auflaufende Wasser die kleine trockene Wattenzunge immer kleiner machte, wie uns das Wasser von allen Seiten bedrängte und wir immer enger eingeschlossen wurden und zurückweichen mussten. Manchmal kam das Wasser sogar von der Landseite, wenn die Priele schon voll gelaufen waren. Das war der Moment, wo wir umkehren mussten, wenn wir noch einigermaßen trocken den Deich erreichen wollten. Das Festland. Festen Boden unter den Füßen.
»Lassen Sie den Kopf nicht hängen, hat der Arzt gesagt. Schauen Sie nach vorne«, sagte Dorothea leise. »Aber wenn ich nach vorne schaue, dann sehe ich nur das Ende der Straße, das Ende meines Lebens. Wie eine schreckliche Mauer, eine graue Mauer, ohne Fenster, ohne Sonnenschein. Und je weiter ich gehe, umso dunkler wird es. Und wenn ich dann vor der Mauer stehe, ist es zu Ende. So ist es doch, oder?«
Sie sah mich verzweifelt von der Seite an. Ich überlegte fieberhaft, was ich ihr Tröstliches sagen konnte. Aber mir fiel einfach nichts ein. Ich hielt immer noch ihre Hand in meiner und wir streichelten uns gegenseitig.
»Dann guck nicht hin«, sagte ich schließlich.
»Wohin?«
»Na, auf die Mauer, in diese Straße, geh einfach nicht in die Straße. Geh einfach nicht zu der Mauer.« Wie ich das genau meinte, wusste ich selber nicht. Aber sie schien es zu wissen.
