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Heiraten Sie jetzt!
Daniel Stiller ist militanter Single, gefragter Womanizer und berüchtigt für seine Hass-Vierzeiler in Hochzeits-Gästebüchern ("Jetzt steht ihr hier in teurer Kleidung und denkt ihr seid total verknallt, in zwei Jahrn ist dann die Scheidung, auf Wiedersehn beim Rechtsanwalt") und Abschieds-SMS an Freundinnen. Der Mittdreißiger kann sich mit Frauen alles vorstellen, nur nicht, sie zu heiraten. Auch wenn sich seine Mutter nichts lieber wünscht. Sein ausschweifender Lebenswandel erfährt erst eine radikale Wendung, als er bei Maxprom, einem Unternehmen, das sich auf die maximale Vermarktung von Prominenten spezialisiert hat, Partner werden soll. Denn dafür muss er heiraten, und zwar innerhalb der nächsten sechs Monate – so will es die gnadenlose Firmenchefin. Ein Schock für Stiller, und es wird alles nur noch schlimmer, als er von seinem engsten Vertrauten bei Maxprom erfährt, dass ihm keine andere Wahl bleibt, wenn er seinen Job behalten will. Es beginnt ein erbarmungsloses Rennen gegen die Zeit – natürlich mit überraschendem Ausgang ...
"Leichtigkeit à la Jan Weiler." Berliner Morgenpost. „Drei Geschichten in einer: eine klassische Lovestory, eine Skandalgeschichte und eine Mediensatire. Dieser kurzweilige Romanerstling zeichnet mit leichter Hand ein Bild der Generation Praktikum.“ Hamburger Abendblatt.
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2011
Yannik Mahr
Auf die Knie
Roman
Aufbau-Verlag
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ISBN E-Pub 978-3-8412-0199-7
ISBN PDF 978-3-8412-2199-5
ISBN Printausgabe 978-3-7466-2588-1
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2010
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Erstausgabe erschien 2010 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
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ACHTZEHN
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ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NEUNUNDZWANZIG
DREISSIG
EINUNDDREISSIG
ZWEIUNDDREISSIG
DREIUNDDREISSIG
VIERUNDDREISSIG
FÜNFUNDDREISSIG
SECHSUNDDREISSIG
SIEBENUNDDREISSIG
ACHTUNDDREISSIG
DAS ENDE
DANKE
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|5|Für Sophie
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Dies ist eine wahre Geschichte. Auch wenn sie unglaublich klingt. Dieses Buch ist so frei von Lügen, wie mein Leben voll davon war.
Ich habe oft erzählt, wie es dazu gekommen ist, und wahrscheinlich haben die meisten von Ihnen die Geschichte schon gehört, es stand ja überall. Für alle anderen: Ich hatte nur einen Grund, dieses Buch zu schreiben, und nur ein Ziel. Und dieses Ziel war nicht, daraus einen Roman zu machen und damit Geld zu verdienen, auch wenn das am Ende ganz gut passte. Ich selbst hätte die folgenden Seiten niemals einem Verlag angeboten, und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war. Aber böse sein kann ich deswegen nun auch niemandem, gerade ich nicht.
Ich schreibe diese Zeilen, dieses Vorwort zur neunten Auflage, in der Garderobe eines großen Kulturkaufhauses in Berlin. Ich bin auf Lesereise, angeblich warten da draußen fünfhundert Menschen und zwei TV-Teams auf mich. Mein Agent ist schon ganz aufgeregt. Es klopft an der Tür. Ich muss los. Das Glas Weißburgunder trinke ich wie immer zum Schluss. Es ist das Einzige, was ich mir für meine Auftritte erbitte. Jeder Schluck erinnert mich daran, wie schön es ist, dass ich endlich wieder Alkohol trinken darf.
Das verstehen Sie nicht? Dann fangen Sie an zu lesen.
Ihr Daniel Stiller
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Für zweiundvierzig Prozent der Deutschen ist das entscheidende Kriterium für einen Heiratsantrag, dass Mann und Frau sich möglichst lange kennen, mindestens zwei, eher drei bis fünf Jahre, und am besten schon in einer gemeinsamen Wohnung gelebt haben. Noch mehr sind es in der Altersgruppe, zu der Sarah gehört. Von den Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen haben fast zwei Drittel die obige Meinung, wobei ich klarstellen möchte, dass Sarah selbstverständlich lange volljährig ist und ich insgesamt an der Heiratsfähigkeit von unter Achtzehnjährigen zweifle. Meine Freundin war damals achtundzwanzig und damit – das als letzte, aber eben doch wichtige Zahl aus der Statistik – genau fünf Jahre vom durchschnittlichen Hochzeitsalter einer Deutschen entfernt.
Ich selbst lag unverschuldet darüber. Fast die Hälfte meines Lebens, etwa sechzehn von siebenunddreißig Jahren, hatte ich mich gefragt, woran ein Mann denn nun erkennt, welche Frau die richtige für ihn ist. Ich hatte dafür vor allem die Empirie bemüht, verschieden lange Experimente mit wechselnden Testpersonen durchgeführt, zwischendurch immer wieder die Versuchsanordnung überprüft und gegebenenfalls verändert und war doch immer zu demselben Ergebnis gekommen. Das Bedürfnis, statt eines neuen Autos ein geschmiedetes Stück Weißgold beim teuersten Juwelier der Stadt zu kaufen, blieb aus. Wenn ich mit einer meiner Freundinnen übers Heiraten sprach, dann ging es immer um andere und darum, wie grausam peinlich Hochzeiten sein können. Ich war bis zu diesem Tag im März so weit davon entfernt, um die Hand einer Frau anzuhalten, wie Berti Vogts vom Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft mit der Nationalmannschaft von Aserbaidschan.
|10|Und andersherum war es genau so. Nur eine Freundin, nennen wir sie nach den ganzen Vorfällen um Maxim Billers Esra einmal, na ja, Esra, fragte etwas, was zumindest der Sphäre eines Heiratsantrags zugeordnet werden konnte. Es war in Venedig, wir standen auf der Brücke, die der Seufzerbrücke am nächsten ist, und sie sagte: »Daniel, wenn du mich jetzt fragst, ob ich deine Frau werden will, und dich nicht auf das Jahr festlegst, sage ich vielleicht ja. Und, was sagst du?« Ich habe mir eine Dose Bier geholt und mich nach dem Ende auch dieser Beziehung gefragt, ob die Geschichte von dem Moment, an dem Mann genau weiß, dass er vor SEINER Frau steht, nicht von miesen Scheidungsanwälten erfunden wurde.
Ja, ich gebe zu: Ich zweifelte, und nach der fünften Hochzeit im Freundeskreis verzweifelte ich. Das ist die gefährlichste Phase, das, was der Volksmund Torschlusspanik nennt. Die ist zwar immer noch besser als die Torschusspanik von Mario Gomez bei der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, aber trotzdem tückisch. Wenn man der einzige unverheiratete Mann im Fitnessstudio, Rotary-Club oder gar in der Firma ist, neigt man dazu, die Frau zu heiraten, mit der man gerade zusammen ist. Ich flehe Sie an: Tun Sie das nicht!
Denn auch im fortgeschrittenen Junggesellenalter kann man auf die Natur vertrauen. Die richtet es selbst bei einem wie mir so ein, dass er bei eben jener Richtigen etwas empfindet, was er vorher nie empfunden hat, nicht einmal bei Andy Brehmes Elfmetertor zum 1:0 im WM-Finale gegen Argentinien 1990. (Das war der letzte Fußball-Vergleich, versprochen. Aber dies ist ja schließlich eine Geschichte für echte Männer!)
Dieses Das-ist-sie-Gefühl gibt es wirklich. Es hat den Nachteil, dass es so wenig zu beschreiben ist wie das Gefühl, ein Kind zu bekommen, und den Vorteil, dass man es genau erkennt, wenn es da ist.
Bei mir war das, kurz nachdem ich Sarah zum ersten Mal geküsst hatte. Das wiederum war gut vier Wochen, nachdem ich |11|erfahren hatte, dass sie überhaupt zur gleichen Zeit mit mir auf diesem Planeten lebt.
Wenn ich Ihnen jetzt ehrlich und offen die Geschichte unseres Kennenlernens erzähle, dann nur unter der Bedingung, dass Sie sie wirklich für sich behalten. Nicht weitersagen! Auf keinen Fall! Niemals! Versprochen? Gut.
Denn irgendwie ist mir die ganze Sache peinlich, gerade in meiner Position, und ich möchte nicht, dass meine Klienten von dem kleinen Problem erfahren, das ich damals hatte. Die wenigen, die davon wussten, haben sich schon genug darüber lustig gemacht, verstehen Sie? Sie verstehen gar nichts? Dann muss ich wohl ein bisschen weiter ausholen.
Ich arbeitete seit gut fünf Jahren für eine Agentur, die auf die Vermarktung von Prominenten spezialisiert war. Sie hieß Maxprom, wobei sich der Name aus dem Unternehmensziel ergeben hatte, der »maximalen Wertschöpfung aus dem Potential prominenter Persönlichkeiten«. Wir hatten Manager, Wissenschaftler, Sportler und viele Schriftsteller unter Vertrag, aus deren Popularität wir versuchten, so viel Geld wie möglich zu schlagen. Die Namen der Damen, zehn Prozent, und Herren, neunzig Prozent, kennen Sie alle, aber nennen darf ich sie natürlich nicht. Vielleicht nur so viel: Einer der bekanntesten deutschen Fußballer (er nimmt für jeden Auftritt 50000 Euro) war genauso dabei wie ein ehemaliger Boxchampion, der schon für etwa die Hälfte des Geldes über »den unbedingten Willen« und »die Pflicht, immer weiter zu kämpfen« sprach. Sein Vortrag »Nie aufgeben!« wurde damals oft von Investmentbankern gebucht. Bei Maxprom konnte man aber auch bekannte Schlagersänger für die Geburtstagsfeier von Opa bestellen, Ex-Politiker als Gastredner und Bestsellerautoren für Lesungen. Mit Letzteren machten wir ziemlich gute Geschäfte, wobei sich vor allem Sachbuchautoren vermarkten ließen, die über den Miss- beziehungsweise falschen Gebrauch der deutschen Sprache herzogen. Wir nannten es den »Bastian-Sick-Effekt«, auch wenn wir |12|ausgerechnet dem seinen Verlag nicht davon hatten überzeugen können, mit uns zusammenzuarbeiten. Aber fast alles, was danach und darum kam, boten wir an. Ab 5000 Euro pro Abend aufwärts. Ich schweife ab.
Aus vielen dieser Beratungs- waren Managementtätigkeiten geworden, die für mich insbesondere eins mitbrachten: Reisen. Und damit wären wir bei dem bereits erwähnten Problem. Ich hatte Flugangst. Leider auch maximal. Während meine Klienten von Hamburg nach Wien und von Wien nach Köln und von Köln nach Zürich jeweils nur gut sechzig Minuten brauchten, saß ich stundenlang für die gleichen Strecken in den Zügen der Deutschen Bahn oder in meinem Golf. Weil das natürlich ziemlich uncool und feige für einen Topmanager in der Promi-Welt war, hatte ich ein ausgeklügeltes System entwickelt, meine Flugangst zu verbergen. Es fußte unter anderem darauf, dass ich mich mit meinen Klienten bewusst und wann immer es ging auf Flughäfen traf. Von einer Freundin ließ ich mir regelmäßig diese Klebebänder besorgen, die beim Check-in um den Koffer gemacht werden (ihr Bruder arbeitete bei der Lufthansa), von den gängigsten Fluggesellschaften in Europa hatte ich (gebrauchte) Tickets, und selbstverständlich ragte aus dem ersten Fach meines Portemonaies eine Miles-and-More-Karte heraus. Erst dahinter versteckte sich die BahnCard 100.
Das System funktionierte so lange, bis ich die Anfrage aus den USA bekam, ob wir uns vorstellen könnten, die Vermarktung eines ehemaligen Präsidenten in Europa zu übernehmen. Honorar pro Auftritt ab dreihunderttausend Euro aufwärts, fünfzehn Prozent Provision für uns. Ich mailte zurück, dass wir uns das sogar sehr gut vorstellen könnten, und erhielt daraufhin diese folgenschwere Antwort: »Dear Daniel, that sounds good. We would like to meet you as soon as possible. See you in New York next month!? Best regards, Bill Pennington.«
Weil die Bahnverbindungen von Hamburg nach New York starke Lücken aufweisen und eine Schifffahrt mich alles in allem |13|fast zwei Wochen und unzählige Liter Körperflüssigkeit gekostet hätte (in unserer Familie ist zu allem Überfluss auch noch Seekrankheit erblich!), blieb mir nichts anderes übrig: Über den Bruder meiner Freundin, einer Freundin!, buchte ich ein Flugangstseminar bei der Lufthansa.
Und dort, dort traf ich Sarah. Womit wahrscheinlich all diejenigen unter Ihnen aufatmen, die schon gedacht haben, im falschen Buch zu sein. Nein, keine Angst, alles gut, das ist diese Hochzeitsgeschichte, von der Ihr bester Freund oder, noch besser, Ihre langjährige Lebensgefährtin Ihnen erzählt, hoffentlich vorgeschwärmt hat. Von jetzt an bewegen wir uns direkt auf das Ziel zu, versprochen. Es sei denn, Sie wollen kurz noch etwas über Sarah erfahren.
Ich konnte nicht anders, als mich im Seminarraum im Flughafen Fuhlsbüttel neben sie zu setzen. Ich kam zu spät, weil mit dem öffentlichen Nahverkehr. Die Begrüßung der Flugängstler hatte schon begonnen, und allein neben einer dunkelhaarigen, extrem schlanken Frau war noch ein Platz frei. Es war ein Original-Stuhl aus einem Original-Flugzeug, was reichte, mir Schweiß auf Stirn und Hände zu treiben.
»Guten Tag«, murmelte ich.
»Willkommen an Bord«, sagte der vermeintliche Flugangstvertreiber, der sich später als ehemaliger Pilot herausstellte, und es durchfuhr mich kalt. Vor Schreck versuchte ich mich anzuschnallen.
»Das müssen Sie noch nicht, Herr …«, sagte der Dozent.
»Stiller«, sagte ich und war damit immerhin der Erste, der sich vorstellte.
Den Rest des Tages erklärte uns der Lufthansa-Beauftragte die unendliche Sicherheit des Fliegens. Er begann mit dem Klassiker, um wie viel größer die Wahrscheinlichkeit ist, mit dem Taxi auf der Fahrt zum Flughafen zu verunglücken als »mit dem Aircraft selbst«, und endete mit einer immerhin einigermaßen beruhigenden Frage: »Was glauben Sie, wie viele Jahre man statistisch |14|gesehen täglich fliegen muss, um einmal abzustürzen? Na?«
Ich tippte auf ein halbes, wenn man mit Aeroflot flog, die anderen Vorschläge lagen zwischen fünf und zehn Jahren. Nur die Frau neben mir, laut Namensschild hieß sie, Überraschung, Sarah, meinte: »Bestimmt hundert Jahre.«
Wir anderen schüttelten den Kopf ob derart ungesunden Zutrauens in eine dem Menschen so ferne und praktisch nicht zu begreifende Tätigkeit, als der Flugangstzerstörer nickte: »Sie sind am dichtesten dran, Sarah. Denn statistisch gesehen kann man fünfundzwanzigtausend Jahre jeden Tag einmal fliegen, bis sich ein Unglück ereignet.«
Das war das Erste, was wenigstens etwas beruhigend klang, weil ich bis dahin selbst unter den Schlagersängern von Maxprom niemanden kennengelernt hatte, der auch nur annähernd so alt war. Jopi Heesters, den wir beinahe einmal gemanagt hatten, kam mit seinen einhundertfünf Jahren noch am nächsten dran. Und war der schon mal abgestürzt? Eben.
Ich schöpfte Mut, trocknete die Hände an einem extra mitgebrachten Stofftaschentuch ab, und beschloss, die restlichen Bedenken vor dem Flug von Hamburg nach Köln, der uns zum Abschluss des Seminars am nächsten Tag bevorstand, mit Hilfe meiner so sichtbar gelassenen Nachbarin zu zertrümmern. Geteilte Flugangst könnte ja vielleicht halbe Flugangst sein, und da die Fünfundzwanzigtausendjahrstatistik meine schon um zwanzig Prozent reduziert hatte, ließ sie sich jetzt auf vierzig Prozent senken (zum Nachrechnen: hundert minus zwanzig geteilt durch zwei).
»Na, das Fliegen scheint ja doch gar nicht so schlimm zu sein«, flüsterte ich in das Ohr neben mir, während der Lufthansa-Freund die wichtigsten Geräusche vorspielte, die man während eines Fluges als Passagier hört.
»Ist es auch nicht«, flüsterte die junge Frau zu meinem Erstaunen zurück.
|15|»Woher wissen Sie das?«, fragte ich, weil ich natürlich davon ausgegangen war, dass niemand in diesem Raum, der Lehrer ausgenommen, jemals in einem Flugzeug gesessen hatte.
»Äh, ich meine natürlich, ich glaube auch nicht mehr, dass es so furchtbar ist«, sagte meine Nachbarin, und dann wurde der Lärm der Triebwerke einer Boeing 747 so laut, dass ich nichts verstehen konnte.
Ich begriff die Antwort erst, als ich nach meinem Jungfernflug mit komplett verschwitztem Hemd, drückenden Thrombose-Strümpfen (man weiß ja nie!) und zitternden Händen den Anschnallgurt löste, ein kurzes Dankesgebet sprach und dann ein letztes Mal zu der ziemlich gelangweilten Sarah hinübersah, die sich auch in der Maschine neben mich gesetzt hatte, auf Platz 21A. Ich hatte vom Beginn des Check-in bis jetzt auf sie eingeredet, um den Flug und meine Aufregung zu vergessen, und sie hatte auf jede meiner Fragen geantwortet. Nun wusste ich alles über sie: achtundzwanzig Jahre, Seglerin, Hockeyspielerin, Geschichtsstudium, Bruder Unternehmensberater, Mutter Sonderschullehrerin, Vater Arzt, Oma sechsundachtzig, liebt italienische Küche, ledig. Nur was sie beruflich machte, hatte sie mir nicht verraten. Vielleicht hatte ich sie nicht danach gefragt. Das kam jetzt, während Kapitän Florian Lugner die Kabinenbesatzung aufforderte, die Türen zu öffnen.
»Was machst du eigentlich beruflich?«
Ich hatte ihr das Du vor dem Start angeboten, weil ich es lächerlich fand, sich mit jemandem in das größte Abenteuer seines Lebens zu begeben, den man siezt. Wenn ich damals gewusst hätte, wie viel Wahrheit und tiefere Bedeutung in diesem Gedanken steckte … Aber ich dachte wirklich nur ans Fliegen.
Sarah grinste, ließ ihrerseits den Gurt aufklicken und antwortete leise: »Ich bin Journalistin. Und ich bin mindestens schon fünfzig Mal geflogen. Aber …«, sie drückte sich den Zeigefinger der rechten Hand vor die schmalen, etwas rissigen Lippen, »pssst.«
|16|Um es kurz zu machen: Sarah war von ihrer Zeitschrift beauftragt worden, Flugangstseminare zu testen. Das von der Lufthansa war das fünfte und letzte, der große Bericht erschien vier Wochen später. Der LH-Kurs bekam die Note Eins minus, und in der Rubrik »Anmerkungen« schrieb Sarah: »Nette Atmosphäre, nette Mitreisende und Mitleidende.«
Da hatten wir uns schon zum dritten Mal außerhalb eines Flugzeugs getroffen. Und das erste Mal geküsst. Ich kannte ihr Auto, ihren Lieblingswein und ihre Vorliebe für teure Schuhe. Doch ich kannte Sarah auf keinen Fall so, wie es sich zweiundvierzig Prozent der Deutschen wünschen, bevor sie einen Heiratsantrag bekommen wollen. Statistisch gesehen hätte ich damit mindestens noch bis zu unserem ersten Jahrestag warten müssen oder bis wir länger als sechs Monate zusammen in einer Wohnung gelebt hatten.
Aber das wollte ich nicht.
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Klingt gut, nicht? Dass ich gezweifelt hätte und unverschuldet unverheiratet geblieben sei und dass es die Natur selbst »bei einem wie mir« so einrichtet, dass er die Richtige findet. »Dieses Das-ist-sie-Gefühl gibt es wirklich …« Romantisch, oder? Wie eine schöne Liebesgeschichte nun einmal anfangen sollte. Deshalb habe ich das erste Kapitel ja auch so geschrieben. Nur ist es leider so weit von der Wahrheit entfernt, wie es John McCain bei den Wahlen in den USA vom Amt des Präsidenten war. Ich habe gelogen, bis zum letzten Satz, der eigentlich heißen müsste: Aber ich konnte es nicht.
Es tut mir leid.
Bis einen Tag vor dem Lufthansa-Seminar hatte ich nämlich, und das ist die Wahrheit, vor einer Sache noch mehr Angst als vor dem Fliegen: vor dem Heiraten. Was heißt hier Angst? Ekel. Ich war auf Hochzeiten immer der Erste, der ging, und für meine Bosheiten in Gästebüchern und Hochzeitszeitungen gefürchtet:
»Heut feiert ihr in teurer Kleidung
und seid so unsäglich verknallt.
In zwei Jahrn ist dann die Scheidung,
auf Wiedersehen beim Rechtsanwalt.«
Um nur einen zu nennen. Natürlich schrieb ich nie meinen Namen darunter, sondern immer nur »ein Freund« oder wahlweise: »ein Freund, der es gut mit Euch meint«. Aber alle wussten, von wem die fiesen Worte stammten. Zum Schluss wurde ich von den meisten meiner Bekannten schlicht nicht mehr eingeladen, was mir ganz recht war.
Die Geschichte mit der Freundin, die mich in Venedig gefragt hatte, ob ich sie fragen könnte, hat sich auch nicht wie beschrieben |18|ereignet. Ich habe mir nach ihrer anmaßenden Aufforderung (»Wenn du mich jetzt fragst, ob ich deine Frau werden will …«) kein Bier geholt, sondern nur gesagt, dass ich mir ein Bier holen wolle, bin ins Hotel gerannt, habe meinen Koffer gepackt und den ersten Zug aufs Festland genommen. Schließlich wartete zu Hause noch eine andere Dame, die es nach geglückter Scheidung mit dem Heiraten nicht ganz so eilig hatte. Das meinte ich übrigens oben mit »Experimenten mit wechselnden Testpersonen«.
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