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Männer schreiben davon, wie sie die Arktis auf einem Bein durchquert haben oder den Mount Everest besteigen ohne dabei einmal Luft zu holen. Ich schreibe vom Familienurlaub in Neuseeland. 6 Wochen mit Frau und Kind im Camper durch die einzigartige Landschaft Neuseelands. 6 Wochen, um festzustellen, wie normal man selbst ist und wie herrlich die Welt. 6 Wochen Familienalltag, wo Alltag ein Fremdwort ist. 6 Wochen die familiäre Freiheit der Einfachheit. Dieses Buch ist ein Reisetagebuch, entstanden aus einer Sammlung von Emails in die Heimat. 6 Wochen, 35 Tage lang, jeden Tag eine Mail voller Faszination, kleineren Schwierigkeiten, größerem Planungschaos und familiärem Alltag in einem Camper am anderen Ende der Welt.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Benjamin Jorga
Auf einen Cafe durch Neuseeland
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 7
Tag 8
Tag 9
Tag 10
Tag 11
Tag 12
Tag 13
Tag 14
Tag 15
Tag 16
Tag 17
Tag 18
Tag 19
Tag 20
Tag 21 - 23
Tag 24
Tag 25
Tag 26
Tag 27
Tag 28
Tag 29
Tag 30
Tag 31 – Christmas Day
Tag 32
Tag 33
Tag 34
Impressum neobooks
Die Frage ist natürlich, wie ich darauf komme ein Reistetagebuch zu führen und dieses dann auch noch zu veröffentlichen.
Nun erstmal ist das vorliegende Buch kein Reisetagebuch im klassischen Sinne. Eigentlich handelt es sich um eine Ansammlung von Emails, welche auf unserer Reise durch Neuseeland entstanden sind und an die daheimgebliebene gerichtet gewesen sind. Ursprünglich nur an die Familie, dann auch an Freunde.
Warum aber jetzt eine Veröffentlichung? Das Internet bietet eine Fülle an Homepages, Blogs und Reiseberichten. Wenn es dann allerdings an Lesematerial zum Thema junge Familie auf Reisen geht wird es schon etwas sparsamer. Familienurlaub? Wenn überhaupt eine Gattung für weibliche Autorinnen. Männer schreiben davon wie sie die Arktis auf einem Bein durchquert haben, oder den Mount Everest besteigen ohne dabei einmal Luft zu holen. Ohne Geld durch die USA, mit einem Kühlschrank durch England? Alles Männer.
Ich habe eine Schwäche für Sparten in denen Frauen eindeutig dominieren. Mein Beruf? Grundschullehrer. Mir war gar nicht bewusst wie sehr dieser Beruf von Frauen dominiert ist, bis ich zum ersten Mal im Hörsaal saß. Aber bei 234 Frauen und 3 Männer im Raum beschwert man sich über eine derartige Schieflage auch nicht, zumal wenn man gerade 20 geworden ist. Weiß der Teufel, ich habe bis heute keine Ahnung mehr wovon diese Vorlesung handelte.
Frauen UND Männer schreiben übrigens beide über Pilgerfahrten. Das scheint eine Thematik beider Geschlechter zu sein. Kinder bleiben dabei aber allerdings generell daheim. Pilgern scheint ab 18 und immer gut für ein Buch, gern tiefgreifend.
Ich hingegen schreibe oberflächlich, dafür sind einige Passagen auch unter 18 freigegeben. Ein Familienurlaub in der Elternzeit und das aus der männlichen Perspektive. Knapp 5 Wochen unterwegs in Neuseeland, gemeinsam mit Frau und einem nicht ganz 1jährigen Kind im Camper, ohne jegliche Vorerfahrung mit dieser Art zu reisen. Jeden Tag eine Mail, 34 Tage lang, hier ist der Bericht.
Ihr Lieben,
wir senden euch die ersten Grüße aus Neuseeland. Wir sind Montagnacht um kurz vor 02:00 Uhr Ortszeit heil und sicher in Auckland gelandet. Matilda war schlicht unglaublich, man könnte auch sagen sie hat klar gemacht, wer hier der gelassene Welttourist von uns ist und wir Eltern waren es definitiv nicht.
Zu keinem Zeitpunkt hat sie sich stressen lassen. Selbst Situationen, in welchen sie offensichtlich völlig übermüdet gewesen ist, hat sie artig und voller Verständnis zu jeder Stewardess zurück gelächelt. Mit unserer Ohrstöpsel-Schmerzzäpfchen- Komplettausrüstung kamen wir uns leicht veralbert vor.
Unser erster Flug mit Singapur Airlines war sehr komfortabel und kinderfreundlich, gleich eine komplette 4er Reihe für uns. Aus Matildas Perspektive war die gute Nachricht dabei natürlich: Eine eigene Fernbedienung an JEDEM Platz, amazing!
Auf unserem ersten Flug war Matilda leider das einzige Kind an Bord, dafür aber auch der unbestrittene Star des Fluges. Ein winziges Detail führte uns allerdings direkt unsere Gesamtplanungskompetenz vor Augen: Unser Flug ab Zürich startete um 10:00 Uhr morgens und das war mit Bedacht so gewählt. Ausgeschlafen und topfit bestiegen wir alle die Maschine, bestens ausgeruht und vorbereitet auf die lange Reise. Als nach 60 Minuten die ersten Fenster abgedunkelt wurden, dachte ich noch an einen netten Mittagsschlaf, aber 15 Minuten später war die Maschine komplett verdunkelt. Nachtflug! 12 Uhr? Nachtflug?
Zielort Singapur und nach dortiger Uhrzeit landen wir am frühen Morgen, also Nachtflug mit Singapur Airlines.
Ups.
Da saßen wir also so frisch und munter, mit einem letzten Café am Flughafen gestärkt im Dunkeln der Maschine. Familie Global Player ist gestartet! Nur noch 11 Stunden …
Wer war selbstredend die einzige Person, die sich davon nicht beeindrucken ließ in ihrer Agilität? Erst gegen Ende dieser 12 Stunden wurde auch unser kleiner Kampfflieger müde und hatte dabei leider etwas Pech. Kaum 60 Minuten nachdem sie bei mir im Ergobaby einschlief, gingen die Lichter zum Landeanflug an. Da tat sie uns dann schon leid, wie verwirrt sie aus der Wäsche schaute. Allerdings, schon am Flughafen war die Lady wieder voll dabei und ließ sich juchzend durch den Airport tragen. Dabei wurde jedes Laufband, jeder Gepäckwagen und jede neue Hautfarbe neugierig beobachtet und aufgeregt kommentiert.
Kurz vor dem Boarding bei Air New Zealand dann allerdings der totale Einbruch. Bei Kathi an der Brust eingeschlafen und in ihrer unvergleichlichen Art direkt durchgeschlafen. Boardingaufrufe? Gedränge beim Boarding? Krach beim Gepäck verstauen und Ansprache vom Kapitän? Extrem schreiende Kinder zwei Reihen hinter uns? Mag alles spannend sein, aber wenn Matilda sich für Schlafen entscheidet, ist Schlafenzeit.
Flug 2 zog sich dann natürlich gefühlsmäßig doch etwas in die Länge für alle Beteiligten, die keinen gesegneten Schlaf finden konnten. Zum Beispiel die Mama, welche sich sechs Stunden lang nicht traute ihre Position zu verändern oder die Toilette zu besuchen, weil das Kind aufwachen könnte. Ich selbst habe solange nochmal das Rugby Endspiel der letzten WM im Bordkino angesehen - die ideale kulturelle Vorbereitung auf Land und Leute!
Landung perfekt, Zollkontrolle perfekt, biologische Kontrolle fast perfekt - Wanderschuhe wurden nochmal durchgespült - und dann raus zum Airbus. Just in time! Gerade so geschafft unseren Bus zu erwischen und wir waren fast alle noch so richtig gut drauf :-).
02:00 Uhr schließlich im Hotel und bei der Rezeption noch großartig angekündigt, dass wir ein Zimmer nach hinten hinaus benötigen. "Wir werden morgen wohl sehr lange schlafen!".
Um 03:00 Uhr lag die Familie im Bett, jeder in seinem eigenen Traum.
Um 05:15 Uhr war dann unsere kleine Rakete soweit, dass sie die Nacht für beendet erklärte. Nach der großartigen Leistung von gestern war für uns allerdings völlig klar, dieser Tag gehört Matilda. Also sind wir um 05:30 Uhr aufgestanden, haben uns geduscht, angezogen und sind direkt raus auf eine erste Runde durch Auckland. Da hat der Nachtportier aber gestaunt, was wir so unter Ausschlafen verstehen.
Am Vormittag durften wir die Gastfreundschaft des Landes zum ersten Mal wirklich kennen und schätzen lernen. In der Nacht hatten wir völlig übermüdet im Airbus unsere Kraxe vergessen. 2 Koffer, 2 Rücksäcke, Tickettasche, Kameratasche, Matilda und BOOM, den Überblick verloren. Die Rezeption hat sich 30 Minuten ans Telefon gehängt und als der Airbus hörte, wir reisen mit Kind, hat man direkt von der üblichen Routine abgesehen und die Kraxe in den nächsten Bus gepackt. Um 07:50 Uhr konnten wir das gute Stück bei uns um die Ecke in Empfang nehmen.
Den Tag haben wir, abgesehen von einem kleinen Mittagsschlaf, durchgehalten und uns Auckland angesehen. Hier und da allerdings alle dann etwas im Jetlag ...
Ihr Lieben,
Tag zwei und wir haben WLAN. Diesmal ein wenig weniger Jetlag, einen Hauch mehr Rechtschreibung und eine Brise mehr Sinn im Text als gestern.
Kurze Nachbetrachtung unserer Erlebnisse in der Stadt: In Auckland wimmelt es von Cafés und ich spreche dabei nicht von Ketten, sondern von individuellen, stilsicher eingerichteten kleinen Läden. Oft minimalistisch gehalten, nicht selten Tür an Tür mit dem nächsten Café Store. Ich finde das sagt viel über eine Stadt aus, wenn deren Einwohner dieses Angebot ganz offenbar zu schätzen wissen. Wenn ich daheim an Konstanz denke, dann fallen mir eigentlich nur Nagelstudios ein, welche mit gleicher Leidenschaft das Stadtbild prägen und ich will jetzt lieber gar nicht darüber nachdenken, was das über Konstanz aussagen könnte.
Sehr glücklich sind wir darüber die Kraxe wieder dabei zu haben. Es gibt für uns kaum eine bessere Art sich mit Kind fortzubewegen. Zudem habe ich das Gefühl, dass diese Gerätschaft auch für eine ganz spezielle Vater-Tochter Beziehung sorgt. Wir sehen uns nicht, verständigen uns aber über Gesten, diverse Laute oder stark emotionales Schlagen auf meinen Hinterkopf ganz einwandfrei.
Als Kathi sich gestern beim Sonnencreme kaufen in einen kleinen Flirt mit dem Verkäufer verlor, bei dem wir Zwei nicht stören wollten, haben wir uns direkt in einen Technikladen um die Ecke verzogen. Matilda liebt alle Displays zum Wischen genauso wie ich. Gemeinsam haben wir uns durch das komplette Sortiment gearbeitet. Die Vorauswahl traf ich, fiel diese positiv aus, hielt ich ihr das Gerät hoch und sie wischte ebenfalls zweimal über die Oberfläche, stets begleitet von einem zufriedenen "Balebale". Anschließend bewunderten wir die Weihnachtsdekoration der mall, welche angesichts von Flip Flops und kurzer Hose doch einen leicht surrealen Touch hatte. Während wir da so faul rumstehen stürmt ein Kind die Eingangstür und rennt mit weit ausgebreiteten Armen auf den Baum zu. Totale Verzückung! Sie hat die Kugeln praktisch liebkost, während eine komplett vermummte Mutter relativ geduldig wartete. Dann ein neugieriges Winken zu Matilda und schon war sie tapsend um die nächste Ecke verschwunden. Ich konnte gerade noch sehen wie sie die Armen schon wieder begeistert hochriss. Völlig klar, dieses Kind hat die Welt bereits verstanden.
Die Frauen von Auckland! Exotisch! Da kommen sie in schicker Kleidung des Weges. Perfekte Figur, wiegender Gang, Blickkontakt - das läuft ja easy. Ein Lächeln auf ihren Lippen, tja, so bin ich. Sie kommt näher, ich glaube sie schielt etwas?! Tut der gesamten Erscheinung aber keinen Abbruch, was für ein Auftritt! Sie strahlt mich an und dann immer das Gleiche: "Hey Baby!" Freudestrahlend wird eine jauchzende Matilda in der Kraxe hinter mir begrüßt. Gut, vielleicht schielen sie alle einfach auch nicht ...
Neue Erkenntnisse sammelt man auch als Fußgänger an den Ampeln in Auckland. Da wäre erstmal das akustische Signal, bei dem ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob es sich dabei lediglich um eine vorübergehende Promotion für den neuen Star Wars Film handelt oder einen ernstgemeinter Dauerzustand darstellt. Den Auftakt bildet eine Art akustischer Laserschuss, gefolgt von dem Geräusch einer wilden Ballerei mit Laserpistolen. Als ich zum ersten Mal damit konfrontiert wurde, wäre ich beinahe 2 Meter zurück gesprungen. Dann aber wurde mir klar, dass alle anderen um mich herum die Ruhe bewahren und so habe ich natürlich auch ein Pokerface aufgesetzt. Star Wars, völlig normal.
Wer an Kreuzungen steht, kennt die amüsante Situation, wenn man einmal genau diagonal auf die andere Ecke der Kreuzung muss. Je nach Größe der Kreuzung bedeutet das also 2-3 Straßenüberquerungen mit mehreren Ampelphasen. Nicht so hier! Mit Auftakt des intergalaktisch-akustischem Gefechts haben alle Ampeln der Kreuzung gleichzeitig grün. Man darf kreuz und quer über die Todeszone gehen und ich spreche hier wirklich von Gehen. Die Ampeln sind erst eine Zeit grün und springen dann auf einen 30 Sekunden Countdown, welcher bis rot runter zählt. Da denke ich an meine Lieblingsampel beim Lago, daheim in Konstanz. Man wartet 5 Minuten auf eine 7 Sekunden Grünphase. So hat eben jede Stadt ihre Prioritäten.
Heute also dann die Übergabe des Campers, welcher, getrieben von meiner Angst er könnte zu klein sein, viel zu groß für uns ist. Er ist nicht einfach groß, er ist ein Monster. Es ist ein "Es" und kein "Er", es passt soeben zwischen die Fahrbahnmarkierungen. Es ist unheimlich. Möge Gott dafür sorgen, dass wir in keine Baustelle geraten.
Nach der Übergabe direkt zum Großeinkauf. Kathi und ich, wir sind ja beide lebende Einkaufsführer. Wer uns beide kennt weiß, kein Supermarkt ist für uns zu groß. Den neuen Edeka in Konstanz haben wir seinerzeit mit großen Plänen gestürmt und nach 25 Minuten ohne einen einzigen Einkauf wieder verlassen. Irgendwo kurz nach dem Eingang haben wir einfach die Orientierung verloren, sowohl örtlich als auch grundsätzlich. Bei unserer USA Reise verbrachten wir geschlagene 15 Minuten in einem Baumarkt, bis wir realisierten, dass es in dem Laden offensichtlich keine Lebensmittel gibt. So etwas sollte natürlich nie wieder passieren und die gute Nachricht lautet: das ist es auch nicht! Diesmal haben wir schon nach fünf Minuten und lediglich 3 Regalen gemerkt, dass etwas faul ist. Wieder ein Baumarkt! Eingang zum Supermarkt wie immer eine Tür weiter.
Schon jetzt haben wir uns für die nächste Reise fest vorgenommen diesen neuen Rekord zu unterbieten und nach maximal zwei Minuten den Baumarkt als solches zu identifizieren. Man darf gespannt sein!
Für die Auswahl der Campingplätze in Neuseeland hatten wir von Anfang an eine relativ klare Vorstellung. Wild sollte es sein. Wild und einsam. Wild, einsam und kostenlos. Dafür haben wir extra einen Camper mit Dusche und WC gemietet, damit darf man praktisch stehen wo man will. Abenteuer! 20 Minuten nach dem Supermarkt auf der Schnellstraße dieser Dialog:
"Jetzt bin ich aber doch schon etwas müde ..."
"Mhhh ..."
"Da müssen wir gleich ja mal mit der App einen Platz suchen ..."
"Mhhh ..."
"Dann müssen wir runter von der Straße, das dauert dann alles."
"Mhhh ..."
"Ja, oder ob wir einfach auf den Campingplatz fahren, den die uns empfohlen haben?"
"Das war doch eine Kette oder nicht?"
"Ja schon, aber um einfach mal ..."
"OK"
"Bitte?
"Bin einverstanden."
Ja und da stehen wir nun. Den Camper in erster Reihe am Strand eingeparkt und bei diesem Manöver zur Überraschung aller, Camper und Umfeld unbeschädigt gelassen. Das Kind bereits einmal in den Pazifik geworfen - natürlich mit Kleidung -, wie es sich für unverantwortliche Eltern gehört. Die Koffer ausgepackt, wir sind fertig. Es kann losgehen!
Ihr Lieben,
ganz herzlichen Dank für eure positiven Rückmeldungen! Ich hatte etwas Sorge so ein Reiseblog könnte etwas von einem nicht endenden Dia Abend haben, aber es scheint Einige unter euch zu geben, die stehen total auf Dias. Freut mich!
Nach unserem Strandabenteuer von gestern waren wir uns einig, dass es eine bessere Lösung geben muss als das Kind jedes Mal in voller Montur den Wellen zu überlassen. Eine eingehende Analyse der Situation beim ersten Café brachte uns auf die Idee eines kleinen Neoprenanzugs.
Mit diesem Gedanken im Kopf machten wir uns auf den Weg zurück zum Camper und kamen natürlich just an einem Surfladen vorbei. Morgens um 08:00 Uhr sind diese traditionell allerdings eher geschlossen. Kathi erspähte nun aber, dass die Ladentür einen Spalt geöffnet war. Die Lichter noch aus - ok, aber halt hier die Tür...
Kathi beugte sich mit vielsagender Geste runter, zeigte auf die Tür und ab da liefen die Dinge dann ein wenig ungünstig für uns. Während Kathi offenbar an mir vorbei wieder auftauchen wollte, war ich auf dem Weg nach links. Dabei verhedderten sich unsere Füße ineinander. Alles wankte und schon lag Kathi auf allen Vieren vor dem Schaufenster. Ich konnte mich mit rudernden Armbewegungen noch krachend an selbigen abfangen. Matilda, die dahinter wohl wieder einen unserer geschmacklosen Witze vermutet, dazu jauchzend in der Kraxe. Um das Gesamtbild zu komplementieren sah ich unsere Gestalten im Spiegelbild des Schaufensters aufblitzen. Wir hatten uns heute Morgen für den Camperstyle entschieden und sahen aus wie frisch aus dem Bett geschlüpft. Hinter dem Fenster erkannte ich, wie aus dem Halbdunkeln ein Typ mit seinem MacBook aufstand und sich den Kopf schüttelt tiefer in das Geschäft verzog.
Wir haben Tränen über uns selbst gelacht, wie blöd kann man aussehen? Die Germans kommen!
Gestern Abend bin ich meine erste Runde am Strand gelaufen, vorbei an unfassbar schönen Strandhäusern. Natürlich würde kein einziges davon durch die deutsche Bauaufsicht kommen, aber wir haben ja auch keinen Pazifik vor der Haustür. Holzstege direkt auf den Strand, einladende große Verandas, Barbecue-Ecken mit Meerblick.
Später an einem Immobilienbüro vorbeigekommen und einfach mal geschaut. Haus, erste Reihe mit Strandzugang, 650 000 Dollar. Das sind nach aktuellen Kurs etwa 400 000 Euro. Ich höre gerade förmlich die Köpfe auf diverse Holztische in Konstanz krachen.
Es liegt auf der Hand, dass ich bei nächster Gelegenheit, meiner völlig unverantwortlichen Begeisterungsfähigkeit geschuldet, Kathi die Vorzügen eines Umzugs darstelle. Sie reagiert da allerdings mittlerweile sehr souverän auf meine enthusiastischen Pläne. Diese Situation hatte sie jedenfalls vermeintlich schnell im Griff. Zu wenig durchdacht meine ersten Pläne zum Auslandsaufenthalt. Beim Verlassen des Cafés dann allerdings ein Schild mit der Suche nach einem neuen Senior Barista. Bitte beim Personal melden!
Ich denke das war es, ich komme nie wieder! War schön Deutschland, danke.
Die Nächte mit Matilda werden schon besser, wir wechseln uns ab.
….Und dann steht man dort: Morgens um 05:00 Uhr am Pazifik mit seiner 11 Monate alten Tochter im Ergo Baby an der Brust. Allein im warmen, sommerlichen Nachtwind. Der salzige Geruch des Meeres in der Luft, dass einzige Geräusch auf den Ohren die anrollende Brandung und das gelegentliche, zufrieden zustimmende Brabbeln von Matilda.
... und dann geht die Sonne auf!
Ihr Lieben,
diesmal aus der Bay of Islands. Unser Tag startete um 05:30 Uhr und das mit vertauschten Rollen. Matilda zwar wach, hätte sich aber durchaus auch für eine Verlängerung in unserem Kuschelparadies entschieden. Das war leider nicht drin, denn die Eltern haben entschieden, wir müssen raus aus dem Camper, über die Düne und die Sonne begrüßen.
Die gute Nachricht des Tages: es gibt Dinge, die wir in Europa einfach besser im Griff haben als die Kiwis und eines davon scheint mir der Weinanbau zu sein. Zugegeben, ich bin erst beim zweiten Versuch, aber bislang können wir da nicht von einem durchschlagenden Erfolg der Winzer vor Ort sprechen.
Während ich da gestern Abend auf meinem Campingstuhl vor dem Camper flaniere und etwas lustlos am Wein nippe, fällt mein Blick auf unseren Hinterreifen. Verdammt, den hatte ich schon wieder ganz vergessen. Beim ersten Stopp hinter Auckland fiel mir vor 2 Tagen auf, dass der Reifen eindeutig zu wenig Luft hat und jetzt sitze ich hier und es scheint sich in der Tat nicht von selbst zu beheben.
Genau JETZT bricht meine deutsche Mentalität durch. Natürlich könnte ich einfach morgen eine Tankstelle ansteuern und das Ganze beheben. Ich könnte aber auch mein Handy nehmen und mal unseren Vermieter anschreiben. Ich meine, warum prüfen die denn so etwas nicht? Gesagt getan und direkt noch ein Bild vom Reifen beigefügt - sozusagen als eine Art visuellen Appel, der die Dramatik der Situation unterstreicht.
Ich lehne mich gerade in meinem Campingstuhl zurück, dass Glas vermeintlichen Rotweins an den Lippen, da bimmelt schon die Antwort von Appollo am Handy. Übersetzt so viel wie: "Ich würde vorschlagen, sie steuern damit mal einen Service an."
Muss ich grinsen, Chapeau! Gut reagiert.
