Auf einen Café über den Balkan - Benjamin Jorga - E-Book

Auf einen Café über den Balkan E-Book

Benjamin Jorga

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Beschreibung

Diesmal war die Reise durchdacht. Wir starten am Bodensee. Das ist naheliegend, weil wir dort wohnen. Fahren dann über Österreich nach Istrien, nehmen Kroatien noch mit und hoffen anschließend darauf, dass es von dort Fähren nach Italien gibt. Das war die Reiseplanung. Wird am Ende völlig anders kommen, ahnt aber niemand.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Benjamin Jorga

Auf einen Café über den Balkan

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Impressum neobooks

Kapitel 1

Diesmal war alles wesentlich besser geplant, direkt vom Start weg. Oder vielmehr der Start, der Start war besser geplant. Kein versehentlicher Nachtflug mehr zum Auftakt, wie es uns seinerzeit auf dem Weg nach Neuseeland passiert ist. Darum auch Camper, diesmal machen wir das mit dem Camper, und zwar ohne vorher irgendwohin anzureisen. Kurz kreisten unsere Gedanken bei der Wahl des Zieles um Kanada und Afrika. Ich persönlich wäre auch allein für den Café nochmal nach Neuseeland gefahren. Aber dann schwärmte uns, in einer lauen Berliner Sommernacht, ein Australier von Europa vor. Da sitzt man dann etwas bedröppelt als Europäer daneben und denkt sich: „Ja, stimmt. Gibt hier in der Gegend auch schöne Ecken.“

Diesmal ist die Reise also für unsere Verhältnisse ziemlich gut durchdacht. Wir starten am Bodensee. Das ist naheliegend, weil wir dort wohnen. Fahren dann über Österreich nach Istrien, nehmen Kroatien noch mit und hoffen anschließend darauf, dass es von dort Fähren nach Italien gibt, um uns durch dieses Land der wilden Ideen und des perfekten Espressos wieder hochzuarbeiten. Tja, das war es auch schon zur Reiseplanung. Wird am Ende völlig anders kommen, ahnt aber niemand.

Abreise in Konstanz am Montag. Seit 10 Tagen erzählen wir jedem der es hören will, dass wir am Montag fahren werden. Wenn es jemand nicht hören will, dann schreiben wir eine WhatsApp: „Wir fahren am Montag!“

Und dann ist Montag.

Matilda könnte im Kindergarten vielleicht nochmal „Tschüss“ sagen? Ich könnte mein MacBook aus der Reparatur holen. Mama könnte noch Windeln kaufen. Matilda könnte noch kurz Helene und Johann sehen. Mama könnte nochmal schlafen.

Um etwa 17:00 Uhr sprechen wir das Thema zum ersten Mal an: „Heute nicht, oder?“ „Nein, heute nicht.“

Und schon fühlen wir uns alle 5 Kilo leichter. Man muss die Dinge auch nicht erzwingen. Fangen wir mit dem einfachen Leben doch schon daheim an, nochmal Espresso.

Dann Dienstag und die Überraschung des Tages ist: Wir machen jetzt Ernst. Wir ziehen das jetzt durch, SOFORT. Um 09:30 Uhr sitzen alle (&Schokoladencroissants für den Fahrer) im Camper. Wir brechen auf zur Fähre. Nichts passiert, es läuft, die Sonne scheint. Wow!

Das Einzige was irgendwie noch nicht so richtig klar ist, dass ist unser Tagesziel. Meersburg scheidet aus, dass wäre etwas langweilig. Irgendwo in Bayern. Starnberger See? Ammersee? Chiemsee? Hat hier irgendwer eine Straßenkarte? Google, Apple, Autonavi, wir schmeißen alles an was geht. Aber als erstes will jedes dieser Geräte von UNS ein Ziel wissen. Ja, okay, gut … Chiemsee ist super. Da war niemand von uns bislang, LOS!

Kurz vor München setzen wir Matilda in die erste Reihe des Campers. Der ADAC gibt dafür grünes Licht. Ab jetzt Mama und Leopold hinten. Matilda Beifahrer und was für einer! „Ich sehe ein grünes Auto, was Du nicht siehst!“

„Ähm ja, … und?“

„Und was siehst Du?“

„Matilda, ich glaube das Spiel geht anders.“

„Ich glaube nein. Du bist.“

Leopold hinten überraschend friedlich, die Mutter überraschenderweise auch. Chiemsee. Wir lesen uns …

Kapitel 2

Der Chiemsee empfing uns freundlich. Er hatte auch keinen Grund zum Argwohn. Was für ein idyllischer Fleck, das hat doch schon direkt die Kragenweite von Neuseeland. Nur eben 20 000 km weniger Flug, lediglich 200 km auf der A96.

Sonne, Liegewiese, Wikingerboote und öffentliche Toiletten, alles vor Ort. 10 Euro kostet der Spaß die Nacht, da kann man nicht meckern und das altbekannte Problem aus Neuseeland: Was soll man jetzt zu so einem Tag schreiben? Wir liegen am See, die Sonne scheint, wir essen ein Eis. Wir liegen am See, die Sonne scheint weiter, wir schwimmen. Ich fahre Rad, wir essen Pasta, alle schlafen. Simple life.

Wobei alle auch etwas hoch gegriffen ist. Ich werde mir darüber bewusst, was für ein Nerd ich bin. Fahrrad mit zwei Kabelschlössern am Abschlepphaken des Campers gesichert und dann Bilder von der GoPro holen, Bilder von der Drohne holen, Tour auf Strava hochladen, Bild dazu hochladen. Video schneiden und hier ein paar Zeilen tippen. War der Wein nicht eben noch voll? Mein Leben ist eine Farce, ich habe einfach zu viele Interesse. Was als Kind noch nett anmutete, „Oh, er beschäftigt sich selbst, wie schön.“, wird im Alter zunehmend zu einer Farce.

Neben uns ein eine Kleinfamilie aus Leipzig. Eine Rama Familie. Immer sauber, immer lächeln, immer aufgeräumt. Während das Kind zu Bett gebracht wird, baut der andere draußen ein tolles Abendessen mit Kerze auf. Alles ist unfassbar aufgeräumt. Die Stühle stehen gerade, nicht mal trocknende Handtücher sind irgendwo zu sehen. Ihr wisst, wie es bei uns aussieht? Ich schaue mich bei diesem Gedanken selbst etwas unsicher um. Matildas Tiger Stuhl liegt nach den Überresten unserer Variante von „Reise nach Jerusalem“ etwas wild hinter dem Camper, ihr Sandelzeug haben wir im Beachvolleyballfeld vergessen, meine Radklamotten hätte ich auch aufhängen können und ist das eigentlich mein teurer Kopfhörer auf der Wiese?

Die Mama der Rama Familie lächelt.

Wie von Geisterhand komme ich mit den beiden ins Gespräch. Sie fahren nach Kroatien, das ist ja eine Überraschung. Mit dem Kind ist alles etwas hektisch. Sicher verstehe ich. Die ersten zwei Wochen verbringen sie in einen Nationalpark in Slowenien. Ach was? Da ist ein Nationalpark auf dem Weg? Oder vielmehr, da liegt Slowenien auf dem Weg? Ich sollte mal in diesen Atlas schauen. Ein Schluck Wein geht noch ….

Am nächsten Morgen werde ich davon geweckt, dass Matilda neben mir sagt: „Oh, das sind ja schöne Farben.“, während sie aus dem Fenster in den Sonnenaufgang schaut. Und bei Gott, DAS SIND schöne Farben. Direkt raus und zum Ufer mit Matilda und Drohne im Schlepptau.

Da sitzen wir dann und zum ersten Mal gestehe ich, ist es etwas peinlich mit meinem kleinen Freund der Rotoren. Es schwimmen in den ersten Sonnenstrahlen ein paar ältere Nacktschwimmer im See und dann schmeiße ich die Maschinen an. Abflug! Immerhin, Matilda jubelt. Das ist mein Kind! Wir steigen auf und dann Kurs auf die Sonne.

Das Dumme ist nur, sobald ich starte wartet Matilda 10 Sekunden, tippt mich dann an und sagt: „Lande mal, Papa.“ Sie weiß die Akku Leistung eines solchen Gerätes keinesfalls zu würdigen. Ihr würden 60 Sekunden Akkukapazität vollauf genügen. Der Traum eines jeden Ingenieurs.

Ich tue ihr den Gefallen zu landen Mache und anschließend springe ich selbst nackt ins kalte Wasser unter der Morgensonne. Sind wir ehrlich, die Sache mit dem Leben ist eine geile Erfindung.

Der Plan des Tages ist vom Prinzip her völlig klar. Wir fahren heute weiter, und zwar zum Wörthersee. Während dieses Ziel über allem schwebt, geht die Sonne hier am Chiemsee richtig auf und der Plan wankt leicht, strauchelt, kippt langsam und fällt schließlich unter dem Jubel der ganzen Familie. Wir bleiben!

Ich schnappe mir Matilda und wir fahren Brötchen holen. So jedenfalls die Idee. Das Ganze driftet allerdings in einen Halbtagsausflug ab. Wir kommen am Hafen vorbei, an einer Bimmelbahn, an einer Espressobude und auf dem Rückweg das Ganze eben rückwärts. Mama und Leo schlafen derweil im Camper, oder holen zumindest das nach, was wir nachts gemacht haben. Es bleibt zu hoffen, dass sie dabei vom Chiemsee träumen.

Nachmittags gewohnte Langeweile auf der Liegewiese, aber diesmal mit frischen Brötchen. Am Abend drehe ich noch eine Runde auf dem Rad um den Chiemsee. Dabei ein Mädel getroffen, welches verzweifelt versucht hat sich und ihrem Rennrad gleichzeitig zu fotografieren. Als ich kam stand das Rad auf einer Parkbank und sie stand unschlüssig davor. Ich bitte euch, da bin ich zur Stelle! Und die Reihe „Ben erkennt deutsche Spitzensportler nicht“, ist hiermit um einen peinlichen Höhepunkt mit dem Namen Steffi Böhler reicher. Und sie sagt noch: „Ich mache eher Langlauf.“

Morgen aber, morgen Wörtersee, oder Slowenien, oder Salzburg. Morgen …

Kapitel 3

Am Chiemsee ist Regen angesagt. Nichts anderes war gestern Abend Thema am See. „Morgen wird es regnen.“ „Dann war es das aber erstmal mit diesem süßen Leben.“ „Das habt ihr genau richtig gemacht. Heute noch den Tag hier mitnehmen und dann weiter.“

Um 07:00 Uhr wir werden von der Morgensonne geweckt. Wenn alle Stricke reißen, dann steige ich als Meteorologe groß ein. Quatschen kann ich, manchmal sehe ich dabei sogar überzeugend aus. Überzeugt oder nicht, die ganze Familie pilgert zum See, wir sind eine Sekte der Sonne. Alles zieht sich nackt aus bis auf Leo, der scheidet aus und schaut leicht verschnupft zu. Dann springen alle ins morgendlich kühle Nass. Alle bis auf Matilda. Die hatte zwar die größte Klappe von allen, ist aber beim ersten Wasserkontakt der Überzeugung sie hätte ihr Stöckchen vergessen und das wäre sehr, sehr wichtig dieses Stöckchen.

Bleiben noch Kathi und ich und wir schwimmen. Leute es ist der pure Kitsch. Wir schwimmen im kühlen Wasser des Chiemsees der aufgehenden Sonne entgegen. Was soll ich denn sagen?

Gut, gönnen wir der Situation etwas Realität. Während wir schwimmen registriert Leopold, dass niemand mehr in seiner unmittelbaren Nähe ist und reagiert mit einem ihm eigenen Signalton, im Volksmund auch als „schreien“ bekannt. Matilda hat unterdessen ihr Stöckchen wiedergefunden und verkündet lautstark, dass sie JETZT auch bereit wäre zu schwimmen. SOFORT, JETZT ABER!

Heute geht es weiter zum Wörthersee. Um 08:00 Uhr sind wir alle am Camper, kurz packen und dann geht es ab auf die Piste. Das ist ja irre! Wir sind spätestens um 12:00 Uhr am Wörthersee. Wie entspannt. 1,2 3 und …

„Wollen wir noch kurz in den Baumarkt?“

„Ja, warum nicht?“

Und schon stehen wir im Hagebaumarkt. Ein internationaler Steckdosenadapter, ein Handfeger, Batterien und neue Gasflaschen sollen es sein. Wer glaubt so läuft es, der hebe jetzt die Hand! Genau …

„Ohhhh, die Maus! Schau mal Pappa! Das wünsche ich mir zum Geburtstag. Das ganz allein. Nur das!“

Eine Maushupe für das Fahrrad. Okay, das ist cool, das kann ich nicht abstreiten. Kathi registriert den Preis, 9 Euro. „Das ist aber ganz schön happig.“

Happig? Fahrradhupen sind Bauchkäufe. Ich lenke Matilda ab, nehme die Maus und versuche sie Kathi zuzuschieben als Überraschungskauf. Die raunt mir zu: „Steck sie Dir doch unter das Shirt.“ Während ich Matilda weiter versuche idiotische Tauchringe zu präsentiere raune ich zurück: „Wenn ich mir hier vor 3 Überwachungskameras eine Maus unter das Shirt stecke Kathi, was glaubst du was passiert? Soll ich dann sagen meine 3jährige Tochter wäre schuld?“

Kathi nimmt die Maus und schiebt sie Leopold ins Maxi-Cosi. Das ist gut! Das ist sehr gut! Falls die Polizei gerufen wird, werden sie aus Leopold kein Wort rausbekommen, auf den ist Verlass.

Der Gasflaschendeal geht auch völlig in die Hose. Wir haben eine große Alu Gasflasche und wähnten uns damit als Camperexperten. Weil Alu! Hallo? Wie geil? Alu ist leicht und die Gasflasche groß! Ein kleiner Denkfehler, den Schwiegervater Fried gnadenlos aufdeckte. „Was macht ihr, wenn die leer ist? Ihr müsst zwei kleine haben. Wenn da eine leer ist, habt ihr die zweite und könnte eine nachkaufen.“ Da ist was dran, eigentlich stimmt es auch einfach. Also direkt mal zum Experten des Hagebaumarkt und was sagt der natürlich: „Alu? Alu tauschen wir nicht. Gar nicht, das geht nicht.“ Ich warte mal ab, vielleicht tut sich was. Manchmal tun so kleine Gesprächspausen der Verhandlung ja gut.

Zieht sich die Pause, tut sich nichts. Ok, ich schiebe mal etwas an. „Geht nicht?“ „Ne.“

Schwierige Ausgangslage. „Wenn ich die große jetzt loswerden will? Wie gehe ich das an?“. „Oh! Das wird schwierig. Da gibt es eigentlich nur Ebay.“. Großartig. Am Ende kaufen wir zwei kleine Gasfaschen, KEIN Alu und behalten die Große auch dabei. Wenn wir nach Hause kommen werden wir kein Gepäck mehr haben, aber einen Laderaum voller Gas.

Wir verlassen den Baumarkt mit Batterien, Stromadaptern, Gasflaschen, einem Pinsel … oh, das ist auch gut, der Pinsel. Irgendwann treffe ich Kathi zwischen den Gängen und sie hält mir glücksstrahlend einen Malerpinsel entgegen: „Schau mal!“ Ja sehe ich. Ein Malerpinsel.

„Ja, ist das super?“

Manchmal stehe ich einfach auf der Leitung. „Super für was?“ „Na, wenn wir in den Camper kommen mit dem Sand an den Füßen. Dann liegt da der Pinsel und wir putzen uns damit den Sand runter.“

Leute, ganz im Ernst, ich bin ein Nerd, aber was ist denn das für eine Idee? Andererseits will ich diese Euphorie auch nicht zerstören. Also lache ich, halte den Daumen hoch und sage: „Schatz, das ist ja ganz, ganz toll!“

Niemals werde ich mir mit einem Malerpinsel meine Füße abstreichen, bevor ich mir einen Espresso hole. Wir zahlen. Auch den Pinsel. Gestern war Keynote von Apple, irgendwann werde ich Verständnis brauchen.

So, jetzt aber! Noch kurz ein Café holen und dann geht es los. Mindestens 800 Meter! Dann kommen wir kurz vor der Autobahnauffahrt noch am Werksverkauf von Chiemsee vorbei. „Chiemsee!“ Okay, ich habe verstanden. Gestern war Keynote. Der Blinker ist gesetzt, wir besuchen Chiemsee.

Etwa gegen 12:00 Uhr schaffen wir es dann auf die Autobahn. Wie immer, voll im Zeitplan. Nach etwa 100 km bietet mir Kathi an, mal den Platz am Steuer zu tauschen. Finde ich super! Ich wollte nämlich mit der GoPro mal Außenaufnahmen machen am Camper.

Ich klebe die GoPro also außen am Camper fest, schwinge mich hinten rein und Kathi rollt los. Ich freue mich schon auf so eine geile Aufnahme mit dem Straßenschild im Bild. Das hat so einen Touch von Roadmovie. Ich schaue auf meinen Display, auf welchem die Aufnahme läuft und sehe dabei zu, wie Kathi es schafft auf der Autobahnauffahrt falsch abzubiegen. „Äh Kathi?“ „Was? Was ist denn?“ Ja, wie das jetzt sagen? Ist mir schlecht. Passiert so etwas eigentlich nur uns?

Um 16:00 Uhr sind wir dann am Wörthersee auf einem Stellplatz, welcher bei unserer Ankunft komplett leer ist. Riesige Rasenfläche, niemand da. Mulmiges Gefühl, aber gut. Was will man machen? Kostet 3 Euro. Ist bezahlbar und es sind ganze 50 Meter bis zum See. Wir bleiben.

Kapitel 4

Der Wörthersee war für uns ein klassischer One-Night-Stand. Wir haben ihn benutzt, genossen und sind dann ohne ein Wort zu verlieren weitergezogen. He, tut uns leid, wir können derzeit JEDEN See haben.

Ab auf die Straße der Träume in Richtung Triglav. Diesem angeblichen kleinen Juwel Sloweniens. Stimmung im Camper auf Hochtouren. Gibt allerdings auch Schoko Croissants, also sollten wir das nicht zu hoch bewerten. Der Spannungsbogen wächst als uns allen bewusst wird, dass der Triglav seinen einzigen Zugang durch zwei Pässe zu schützen weiß. Ach was?

Wurzelpass heißt der erste und wir fühlen uns herausgefordert. Steigungen bis 25 % und ich habe in den Ohren wie „Fachleute“ bei der Inspektion unseres Campers munkelten: „Nur 130 PS? Ich dachte diese Dinger haben mittlerweile mehr unter der Haube.“ Wollen wir mal sehen, ob uns diese 130 Pferdestärken da hochbringen oder ob wir ein amüsantes Video davon bekommen, wie Matilda die Kiste anschiebt.

Emotionale Situation im Camper: Leopold unbeeindruckt, aber tendenziell fasziniert von einem bunten Stoffball, welcher vor seinem Gesicht baumelt. Kathi schweigsam besorgt. Matilda treibt die Frage um, wie lange diese ganze Sache wohl noch dauert und ich frage mich die ganze Zeit, wann der passende Zeitpunkt wäre ins Gespräch zu bringen, dass ich gerne kurz meine GoPro draußen anheften würde. So geht es in die ersten 25 %.

Jetzt wird Matilda wach: „Oh!“ Genau Matilda, da wollen wir mal sehen, was uns der dritte oder der zweite, gerne in Kurven auch mal der erste Gang bringt.

Er bringt uns voran und das erstaunlich gut. Für richtige helle Freunde des Führerscheins, haben die Slowenen einige eindrucksvolle Hinweisschilder am Straßenrand aufgestellt. Dort sieht man auf einer schönen Grafik dargestellt, wie man vom 4 Gang schwungvoll in den ersten zurückschaltet. Wurzelpass geschafft, alle jubeln. Wir haben eine Bergziege gekauft!

Niemand ahnt, dass der wahre Eingang zum Triglav erst noch bevorsteht. Wie schön, dass man nicht immer um seine eigene Zukunft weiß.

Was folgt ist ein Abenteuer mitten in Europa, praktisch vor der Haustür. Was bitte ist das denn? Als ich diesen Sommer den Stelvio hoch geradelt bin, sprach man von einer Legende, wegen der 48 Kehren, die das Ding hat. Sind doch 48? Lass es großzügige 50 sein, auch darüber lacht der Triglav. Unzählig! Und es sind so enge Dinger, auf jeder Kehre Kopfsteinpflaster. Andere Welt. Flashback ins Jahr 1930, keep on! Jetzt sind wir aber alle hellwach im Camper. Selbst Leo scheint zu merken, dass es jetzt aufregend wird. So ganz ohne Leitplanke vor dem schönen Panorama. Anderseits, letzteres ist atemberaubend. Was für ein Naturspektakel. Slowenien! Warum sagt einem denn so etwas niemand? Wundervoll!

Irgendwann wage ich das Zusatzlevel und schwinge den Camper rechts in eine Parkbucht rein. Alle Mann von Bord! I love it! Was für ein Anblick! Jetzt mal ganz ehrlich, der ganze Park hat etwas vom Yosemite in den USA, aber total. Abends werden wir eine andere kleine Familie aus Österreich kennenlernen und die sagen von selbst genau das Gleiche. Das ist gigantisch! Drohne startklar machen und abheben. Leute ich bin 40, mit ferngesteuerten Autos kannst Du mich nicht nervös machen, aber so ein Teil im Sportmodus durch eine 400 Meter Schlucht fliegen??? YES! Kathi nötige ich noch zwei Familienbildern ab, welche sie an den Rand der Fallsucht bringen. „Ich gehe da keinen Schritt näher als 3 Meter an den Abgrund! NEIN! Halt Matilda fest, halt sie FEST!“

„Schatz, sie spielt vor der Aussichtsplattform.“

„HALT SIE FEST!“

Bilder machen, Videos zelebrieren und dann wird eingepackt und zurück zum Camper. Matilda steht vor einem großen Schild: „Papa, was ist das?“ Ich schaue mir an worauf sie zeigt. In einer langen Reihe von Verboten taucht eine Drohne auf. Sie ist mit einem roten Balken durchgestrichen und mit dem Vermerk „Militärische Sperrzone“ versehen.

„Nun Matilda, das bedeutet, dass wir jetzt alle mal ganz schnell einpacken und weiterfahren sollten.“

„Heißt das, dass fliegen verboten ist?“

„Das heißt, wir besprechen das im Camper.“

„Pappa, vielleicht meinen die auch Flugzeuge. Dann ist es gar nicht schlimm.“

„Einsteigen!“

Meine ersten Schritte im ehemaligen Ostblock, dass läuft ja alles ganz wunderbar. Wir fahren den Pass wieder runter, Kurve um Kurve und mittlerweile ist nur eines klar: Naturerlebnis pur. Wundervoll! Im Park dann unser Campingplatz. Sehr einfach, ABER mit Strom und Dusche. 25 Euro die Nacht, aber was soll es? Heute ist die 25 Euro Nacht.

Nun sitzen wir hier an diesem herrlichen Fleck und genießen eine laue Sommernacht. Beim Abendessen hat es mal gedonnert. Einmal, zweimal und: „Ha, ich habe einen Tropfen abbekommen.“. Als pflichtbewusste Camper haben wir direkt alles sauber verstaut und regensicher gemacht. Aber völlig klar ist: Sobald alles seinen Platz gefunden hatte, zeichnet sich draußen eine herrliche Sommernacht ab. „Kann man die Liegestühle eigentlich einfach so rausziehen? Oder ist das ein großer Akt?“

Wein, jetzt!

Kapitel 5

Verrückter Tag. Guter verrückter Tag. Im Grunde ein erstklassiger, guter, verrückter Tag. Starten wir vorne und vorne ist in dem Fall gestern. Da lernten wir am Platz noch eine kleine Familie aus Österreich kennen. Wundervoll eigenartig. Der Sohn jedenfalls begeisterte Matilda auf Anhieb. Emilio und Matilda hatten alsbald eine ganze Stadt aus Straßenkreide auf den Asphalt des kleinen Campingplatzes gezaubert. Inklusive Feuerwehr, Polizei und einem Kindergarten als Dreh- und Angelpunkt der dörflichen Gemeinschaft.

Chiara, Achim und Emilio kommen gerade von ihrem Jahresurlaub, welchen sie im Camper und an der Küste Kroatiens verbracht haben. Knapp 3 Wochen Euphorie und wenn es mittlerweile eines gibt, was sie nicht mehr hören und sehen können, dann deutsche Eltern, die in aller Seelenruhe verkünden, dass sie in den nächsten Wochen mal ihre Elternzeit entspannt im Süden verbringen werden. „Überall! Auf dem ganzen Heimweg kommen die einem entgegen! Und was macht ihr eigentlich?“

Chiara und Achim haben schon fast die Kragenweite von echten Berlinern. Endlich jemand der noch ein wenig verplanter durch Europa tingelt als wir. Das geht uns allerdings erst nach und nach auf. Zum Beispiel fragen wir natürlich, wo sie die letzten Tage so verbracht haben? Schließlich kommen sie ja genau aus der Richtung, in welche wir als nächstes fahren wollen.

Ja gut, die letzten 3 Nächte haben sie in Bovec verbracht, unmittelbar VOR diesem sagenhaften Nationalpark. Heute sind sie reingefahren. Dieses aber nur für zwei Nächte und was planen sie für den einzigen Tag Aufenthalt? Da wollen sie zurück nach Bovec, um sich dort einen Marathon anzusehen. Klingt sinnvoll. „Ja, wir sind hier jetzt am Gran Canyon, aber 30 km weiter findet heute ein Trettbootrennen statt, da werden wir wohl mal vorbeisehen und dann weiter.“

„Und wo seid ihr in Kroatien gewesen? Kann man da etwas empfehlen?“ Nach mehreren Anläufen irgendwelche Namen aus dem Gedächtnis zu kramen, einem vergeblichen Versuch den Reiseführer zu Rate zu ziehen, beschränkt sich Achim auf ein: „Ihr müsst da eigentlich nur die Küste runter. Da ist alles super.“ Perfekt, das deckt sich ja genau mit unseren Plänen.

Einen Tipp haben die beiden aber noch. Ein paar Kilometer weiter kommen Wasserfälle, da müsst ihr anhalten. Das muss man sehen, direkt an der Straße. Und genau dieser Tipp wird dann auch unseren heutigen Tag maßgeblich mitgestalten, wer hätte es ahnen können. Chiara und Achim, diese Schlingel.

Am nächsten Tag ein Bilderbuchstart. Aufstehe, langsam in die Gänge kommen, packen und um 11:00 Uhr den Motor starten. Das Einzige was uns mal wieder fehlt ist ein Ziel.

„Wohin jetzt eigentlich?“

„Ich weiß nicht, einfach mal die Straße weiter runter, oder?“

„Ja, gibt ja nur die eine, oder?“

„Genau.“

„Und dann die Wasserfälle?“

„Ja.“

Solider Plan. Motor anwerfen und vom Platz rollen. Matilda als Beifahrer hat dabei ein neues, absolutes Lieblingsspiel. Es nennt sich: „Pappa, ich schlafe jetzt.“ Nachdem ich mich vor zwei Tagen theatralisch darüber ausgelassen haben, dass man als Beifahrer keinesfalls schlafen dürfe, weil man da einen ganzen Haufen wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, gibt es für Matilda nichts Köstlicheres, als mir bereits beim Start zu verkünden, dass sie JETZT schlafen wird. Es ist unfassbar mit welcher Engelsgeduld sie auf eine hoffentlich erschreckte Reaktion meinerseits wartet. Wenn ich nicht direkt reagiere, tippt sie mich an die Schulter: „Pappa? Hast Du gehört? Ich schlafe jetzt.“ Noch besser wird es, wenn ich dann sage: „Ja, mach doch.“ „Äh Pappa, nein. Du musst jetzt sagen, dass ich das nicht darf.“ Und das meint sie auch genauso ernst. Sie hat einfach dieses Drehbuch im Kopf und das soll so ablaufen. Kein Problem, wenn der andere das nicht direkt kapiert. Dann wird er nett und freundlich auf seine Rolle hingewiesen und dann aber! Eigentlich geil, dass wäre für mich als Erwachsener auch super. Einfach mal freundlich zu den Leuten sagen: „Nein, nein, sie müssen jetzt nicht pampig werden. Sie nehmen mich jetzt in den Arm und sagen mir, dass wir das Hinbekommen.“

Wir fahren los. Nach ein paar Kilometern kommen wir an einem vermeintlichen Highlight vorbei. Waren das jetzt die Wasserfälle? Keine Ahnung. Waren sie das? Es gab keine Leuchtsignale am Straßenrand. Aber könnte schon sein …

Ich entschließe mich zum Wenden und genau an dem Punkt, wo ich wende, stehen Menschen in gelber Warnweste am Straßenrand. Auch nicht gerade ortsüblich in einem Nationalpark im Nirgendwo. Aber gut, muss wohl so sein. Kathi lacht hinten: „Die machen hier gleich alles dicht.“

Egal, wir steuern das Highlight an. Dieses besteht zwar nicht aus Wasserfällen, aber aus einer in der Tat beeindruckenden Schlucht und dazu passender Hängebrücke. Voller Euphorie über ein Abenteuer stürmt Kathi mit den Kids drauf los und bleibt nach 3 Metern wie angewurzelt stehen: „Oh, oh, das ist mir aber fast etwas zu viel Abenteuer.“ „Was denn Mama?“

„Diese Brücke schwankt aber schon heftig.“

Sie ist eben schon ein kleiner Indiana Jones die beste Ehefrau von allen.

Brücke genossen, kleine Wanderung genossen, Aussicht genossen und dann weiter. Weiter bis zu dem Punkt, wo eben diese Männer in gelben Westen standen. Da ist mittlerweile so richtig was los. Fuchtelnde Hände, große Gesten, viele Sprachen und vor allem: Stillstand. Manche versuchen zu drehen, wobei die Betonung auf „versuchen“ liegt angesichts dieser unfassbar engen Straße. Gut, dann muss der Steuermann wohl mal das Schiff verlassen und zum Ort des Geschehens aufbrechen. Beherzter Sprung aus dem Camper und vorwärts in die Menge. Ganz vorne eine Art Polizist, welcher versucht Ruhe in die Situation zu bringen, während ihm einige Amerikaner Flugtickets hinhalten und Motorradfahrer unter ihrem Helm schwer atmen. 3 Stunden so die Ansage. 3 Stunden wird sich hier gar nichts tun, denn es findet ein Marathon statt. „Die schnellen Läufer sind nicht das Problem.“, so versucht er es im gebrochenen Englisch zu vermitteln, „Aber die langsamen! Da brauchen wir etwas Zeit hier.“.

Sicher, dafür habe ich Verständnis. Wäre es ein Radmarathon würde ich wohl auch eher zur Schlussgruppe gehören und das vermeintlich hektische Winken am Wegesrand als Jubel fehlinterpretieren. Gut, also 3 Stunden. Und was jetzt?

Also erstmal ist klar, bevor die Situation auf der Straße weiter eskaliert müssen wir die 6,30 Meter irgendwie gewendet bekommen. Wenn da erstmal ein richtiger Rückstau entsteht, kommen wir nicht mehr aus der Schlange. Auf der Straße kann ich das vergessen, da hat es gerade schon einen normalen PKW fast zerrissen. Also hilft eigentlich nur die Situation etwas zuspitzen. Links raus, an allen vorbei und vor der Absperrung völlig überrascht reinschauen: „Ach was? Hier ist Schluss? Okay, okay, dann wende ich her auf dem Platz HINTER der Schranke eben kurz. Alles klar, no problema!“.

Klappt! Und dann zurück. Wohin? Weiß niemand. Nach 2-3 Minuten fahren wir einfach rechts ran auf einen Parkplatz. Keiner weiß so richtig was jetzt tun. Nach einigem Hin- und her kristallisieren sich zwei Lager heraus. Kathi bleibt im Camper und schläft mit Leopold. Matilda und ich ziehen festes Schuhwerk an und brechen auf. Für alle wird es ein hervorragender Nachmittag. Kathi und Leopold schlummern, Matilda und ich balgen am Fluss um die Wette. Die Gute ist anschließend dermaßen kaputt, dass sie nach 2 Minuten Fahrt einschläft. 

„Jetzt steuern wir einfach mal einen Stellplatz an einem schönen Fluss an,“ schlägt Kathi vor, „ich habe da etwas.“. Navigation übernimmt sie, Steuer ich, Kinder schlafen.

Kleine Anekdote von unterwegs: „Hier jetzt scharf links, JETZT!“

„Echt? Das ist aber sehr scharf und da vorne …“

„JETZT!“

„Okay“

„Jetzt wieder links und dann wird es ganz komisch, es sieht fast aus wie U-Turn. Gut so … ganz scharf rechts und dann wieder links … weiter und links.“.

„Kathi, wenn ich da wieder links fahre, dann beginnt die Schleife von eben einfach von vorn.“.

„Ja, aber so steht es hier.“.

„Gut ja, aber wenn wir das machen, dann können wir das noch einige Stunden so weitermachen. Das ist dann eine Zeitschleife und irgendwann wollen wir doch essen?“.

„Gut, dann probiere mal die nächste links. 100 Meter weiter. Ja, genau … die war es.“.

Es ist aber nicht so, als wäre Kathi allein für unser Unterhaltungsprogramm zuständig. Ich bin der Nerd mit der Technik und natürlich ist die GoPro draußen angeheftet. In irgendeiner Serpentine dann ein wunderschönes Standbild der Mauer. Völlig crazy, es ist ganz ungewohnt. Es ist so, wie soll ich sagen, tief? Es ist zu tief und jetzt ist auch der Empfang weg. Ich glaube sogar die GoPro ist weg. „STOPP!“.