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Dass die Französische Revolution ein weltveränderndes Ereignis war, haben damals auch die meisten Menschen im Ausland sofort begriffen. Politik ist Herzenssache geworden, Herzenssachen stehen im Banne der Politik. Paris zieht nun Revolutionstouristen aus aller Herren Länder an. Von einigen dieser »étrangers«, zwei Engländerinnen und einem deutschen Weltbürger, wird in diesem Buch erzählt. Im April 1793 finden wir sie zusammen in der Pariser Oper: die empfindsame Dichterin Helen Maria Williams, bislang eine Frau von untadeligem Ruf, die ihren Landsleuten nun als engagierte Korrespondentin aus Frankreich berichtet und mit einem verheirateten Mann liiert ist. Mary Wollstonecraft, die mit ihrer »Verteidigung der Rechte der Frau« Aufsehen erregt hat und mitten in einer leidenschaftlichen Beziehung zu einem amerikanischen Abenteurer steckt. Und den Weltumsegler Georg Forster, der sich der Revolution in die Arme geworfen und seine Frau an einen anderen Mann verloren hat, doch weiterhin unbeirrt an ihr festhält. »Es ist sonderbar, meine geliebteste Therese, daß unsere eigentümlichsten Verhältnisse so mit den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit zusammenhängen«, schreibt er ihr aus Paris. In ihrem neuen Buch erzählt Ursula Naumann klug, mit tiefer Empathie und ebenso unterhaltsam wie spannend von der Verwobenheit individueller Schicksale mit welthistorischen Umbrüchen. - mit zahlreichen Abbildungen
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Seitenzahl: 682
Veröffentlichungsjahr: 2012
Daß die Französische Revolution ein weltveränderndes Ereignis war, haben damals auch die meisten Menschen im Ausland sofort begriffen. Politik ist Herzenssache geworden, Herzenssachen stehen im Banne der Politik. Paris zieht nun Revolutionstouristen aus aller Herren Ländern an. Von einigen dieser étrangers, zwei Engländerinnen und einem deutschen Weltbürger, erzählt dieses Buch.
Im April 1793 finden wir sie zusammen in der Pariser Oper: Die empfindsame Dichterin Helen Maria Williams, bislang eine Frau von untadeligem Ruf, die ihren Landsleuten nun als engagierte Korrespondentin aus Frankreich berichtet und mit einem verheirateten Mann liiert ist. Mary Wollstonecraft, die mit ihrer Verteidigung der Rechte der Frau Aufsehen erregt hat und in eine leidenschaftliche Beziehung zu einem amerikanischen Abenteurer verstrickt ist. Und der Weltumsegler Georg Forster, der sich der Revolution in die Arme geworfen und seine Frau an einen anderen Mann verloren hat, doch weiterhin unbeirrt an ihr festhält. »Es ist sonderbar, meine geliebteste Therese, daß unsere eigentümlichsten Verhältnisse so mit den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit zusammenhängen«, schreibt er ihr aus Paris.
Ursula Naumann erzählt klug und ebenso unterhaltsam wie spannend von der Verwobenheit individueller Schicksale mit welthistorischen Umbrüchen.
Ursula Naumann
Auf ForstersCanapé
Liebe in Zeiten derRevolution
Mit zahlreichen Abbildungen
eBook Insel Verlag Berlin 2012
© Insel Verlag Berlin 2012
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
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(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
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vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlaggestaltung: Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen, Berlin
Umschlagabbildung: Archiv Charmet / Nationalbibliothek,Paris / Bridgeman Berlin; Gianni Dagli Orti / Corbis
eISBN 978-3-458-79750-0
www.insel-verlag.de
Für Bernardo, für Elisabeth Schmid, Uli Wyss und Inge Obermayer,die Freunde mit dem Canapé, und für meine aufmerksame,
There is nothing more strange in the Revolution than the wonderful people it attracts from foreign countries.
The Journal of a spy in Paris during the reign of terror
What strange revolutions take place in our breasts, and what curious vicissitudes in every part of human life.
Prolog
Der Trojanische Krieg findet nicht statt
I FRATERNITÉ: HELEN MARIA WILLIAMS
Sieben/Vierzehn/Neunundachtzig
Liebe in Zeiten des Despotismus
Dichterin
Julias Leiden
Diesen Kuß der ganzen Welt
Flitterwochen
Die patriotische Familie
Ein charmantes Pamphlet
Farewell England
Farewell Helen
Man of Mystery
Krieg den Palästen
September
Reisen mit Herrn S.
In White's Hotel
Elegie
Eine Stimme für den König
Umsturz
Schuldig, in England geboren zu sein
Salon Égalité
Morituri
Troubled Waves
Fallbeil
English Press
Turned to Stone
Andenken
II ÉGALITÉ: GEORG FORSTER
Vater & Sohn
In Mainz, 1789
Dreieck mit Meyer
Für Therese
Arm in Arm
Guter Genius
Madame Forkel
Kriegstheater
An Einem Tische
Flucht
Zopf ab!
Morgengabe
Auf Forsters Canapé
Pariser Ansichten
III LIBERTÉ: MARY WOLLSTONECRAFT
Geistige Arena
Self-made Woman
Sagestus und Sagesta
Freiheitsmütze
Verteidigung von Dr. Price
Totalrevolution
Neck or Nothing
Blutige Hände
Eroberungen
Ein Amerikaner in Paris
Ans Herz geflochten
Und weg bist Du
Umarmungen des Todes
Sei Mann! Sei Weib!
Novelle
Auf einen Speer gestützt
Frei
Skandinavische Reise
Chez moi, chez elle
Mary, Maria, Mary
Lektionen
Epilog
Editorische Notiz
Quellennachweise
Bildnachweis
Literaturverzeichnis
Personenverzeichnis
Zeittafel Französische Revolution
18. August 1789
In Ashleys Amphitheater, Westminster Bridge
(im Anschluß an eine Seiltanzvorführung von Signor Spinacuta)
EIN GANZ NEUES GLANZVOLLES SCHAUSPIEL
DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
Von Sonntag, dem 12. Juli, bis einschließlich Mittwoch,
dem 15. Juli, genannt
PARIS IM AUFRUHR
eine der größten und ungewöhnlichsten Darbietungen,
die je gezeigt wurden, gründend auf
WAHREN BEGEBENHEITEN
LOGE 3 s., PARKETT 2 s. RANG MITTE 1 s., RANG SEITE 6 d.
Einlaß um halb sechs, Beginn pünktlich am halb sieben.
Daß die Französische Revolution ein weltveränderndes, die Herzen umwälzendes Ereignis war, haben auch die meisten Menschen im Ausland sofort begriffen. Wer sich vorher nicht für Politik interessiert hatte, jetzt tat er es. Jeder Tag brachte neue Entwicklungen, eine Flut von Beschlüssen und Verordnungen, tödliche Konflikte, unerwartete Wendungen, unerhörte Begebenheiten, große Emotionen. Noch nach Jahrzehnten schrieb einer für alle: »Man glaubt es selbst kaum, daß man Zeitgenosse dieser Begebenheiten gewesen ist.« Nichts war dramatischer als die Wirklichkeit. Die Welt war zur Bühne geworden, und die Staatsschauspieler – und was für grandiose Schauspieler! – verwöhnten ihr Publikum mit spektakulären Auftritten, die von Zeichnern festgehalten und im Druck sogleich verbreitet wurden.
Es war die Stunde der Journalisten. Zeitungen und Zeitschriften schossen wie Pilze aus dem Boden. Man verfolgte die Ereignisse mit leidenschaftlicher Anteilnahme, fieberte nach Nachrichten, griff nur noch nach Schriften, die den »politischen Heißhunger« stillten. Paris, als Mekka der zivilisierten Welt immer schon ein Besuchermagnet, zog nun Revolutionstouristen aus aller Herren Ländern an, die meisten aus England und deutschen Landen. Vor allem die Jugend kam. Bliss was it in that dawn to be alive / But to be young was very heaven![1] Idealisten, Utopisten, Realisten, Geschäftsleute, Spinner, Spekulanten, Spione, Sinnsucher, Katastrophen- und Sensationssüchtige, alle wollten dabeisein, wenn eine neue Zeit anbrach und die Menschheit zu einem »schönen, neuen und edlen Leben« in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erwachte. Auch wenn die Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen nicht wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung the pursuit of happiness – das Streben nach Glück – als unveräußerliches, von der Natur selbst verliehenes Menschenrecht behauptete, so las man das doch als Verheißung mit. »Ich liebe die Freiheit, weil ich das Vergnügen liebe«, schrieb der deutsche Publizist Konrad Engelbert Oelsner.
Die Fremden kamen als Zuschauer und als Mitwirkende, für ein paar Wochen oder Monate oder Jahre. Viele engagierten sich als Kosmopoliten aktiv für die Entstehung eines neuen Weltstaates, und nicht wenige strebten zugleich nach Profit, Ruhm und Macht. Manche wandten sich enttäuscht und entsetzt ab, andere blieben.
Jeder hatte seine ganz eigene Affäre mit der Revolution und dem Land, das sie hervorgebracht hatte. Frankreich nahm die Besucher mit offenen Armen auf, jedenfalls in der ersten Zeit. Foreign Affairs! Es gab viele illegitime Liebesbeziehungen zwischen étrangers und Einheimischen, viele Beziehungen der Ausländer auch untereinander. In der Fremde ließ es sich freier leben, der Kontrolle neugieriger Nachbarn, Bekannter, Verwandter entzogen. Alles war in Bewegung, die alten Ordnungen zerfielen, und niemand wußte, wie die Zukunft aussehen würde. Ein Ausnahmezustand, der die großen Gefühle nährte, Lebenshunger und Todesverachtung, Leidenschaft und Liebe.
Zum ersten Mal in der Geschichte klagten Frauen öffentlich die Gleichberechtigung ein. Alternative Lebensmodelle wurden erprobt, Standesschranken überwunden, Tabus gebrochen. Ein ehemaliger Priester heiratete seine Schwester und feierte seine Hochzeit unter dem Freiheitsbaum. (Das Paar wurde verhaftet.) Familien- und Ehegesetzgebung wurden reformiert und säkularisiert. »Die Heuraten, die Geburten werden von dem Eigensinne der Eltern, und dem Rauchfasse der Priester unabhängig sein. Kein grausames Gesetz schmiedet mehr unter das Joch der Ehe freie Herzen auf lebenslang«, freute sich Oelsner, und dann prophezeite er: »Bei gleicher Verteilung der Glücksgüter wird es weniger freche Begierden, und weniger verworfene Sklaven geben.«
Nur – können liebende Herzen überhaupt frei sein? Und wann waren Begierden frech? Jedenfalls dann, wenn Aristokraten sie hatten. Sang nicht auch der Lüstling Don Giovanni, den Mozart und sein Librettist da Ponte stellvertretend für die ganze Adelsbagage zur Hölle fahren lassen, trotzig sein Viva la libertà? »Der Schlamm der Libertinage infiziert die öffentliche Moral« war in der Zeitschrift Révolutions de Paris zu lesen. Die Freiheit der Herzen, die die bürgerlichen Freunde der Revolution propagierten, war das Gegenprogramm zu den wirklichen oder vermeintlichen Ausschweifungen des Adels. Sie sollte mit (republikanischen) Tugenden verbunden sein, und tugendhaft war, wer sich disziplinierte, kontrollierte und seine Wünsche dem Wohle der Allgemeinheit unterwarf. Ein tödliches Programm, wie sich schnell zeigte. Der Weg vom Despotismus des Lasters zum Terror der Tugend war erschreckend kurz.
Liebe in Zeiten der Revolution. Politik also war zur Herzenssache geworden, Herzenssachen standen im Banne der Politik, die zum wirkungsmächtigen Element in der Chemie menschlicher Beziehungen geworden war. »Eine besondere Eigenart revolutionärer Zeiten ist die innige Verbindung oder vielmehr der unmittelbare Zusammenhang von öffentlichen Angelegenheiten und privaten Schicksalen«, schrieb die englische Dichterin Helen Maria Williams, die das an sich selbst erfahren hatte – ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann und ihre erfolgreiche Karriere als Auslandskorrespondentin hätte es ohne die Revolution nie gegeben – und die als Gastgeberin diesen Zusammenhang nach Kräften förderte und als Schriftstellerin auf politische Liebesgeschichten spezialisiert war. In ihrem Pariser Salon empfing sie Gott und die Welt. »Bei den Essen und Tees von Miss Williams begegneten sich Generäle und Diplomaten, Dichter und Philosophen, Schauspielerinnen, Journalisten und Pädagogen; die Intellektuellen und Politiker verschiedener Generationen und Länder trafen sich in einer berauschenden, schwindelig machenden Gesellschaft.« In der Schreckenszeit fand sich Helen mit manchen ihrer Gäste im Gefängnis wieder, wo die Gespräche ihren Fortgang nahmen.
Von ihr soll hier erzählt werden und von zwei anderen Schriftstellern, die in Paris zu ihrem Bekanntenkreis gehörten. Anders als Miss Williams, die heute nur noch Spezialisten kennen und lesen, sind sie immer noch berühmt, und immer noch verbindet sich ihr Name vor allem mit dem Werk, mit dem sie zu ihrer Zeit Aufsehen erregten.
Mary Wollstonecraft war für viele ihrer Zeitgenossen einfach Rights of Woman. Ihre schwungvolle und energische Verteidigung der Rechte derFrau (A Vindication of the Rights of Woman) war nicht nur ein Buch, es war eine Tat. Was sie zu sagen hatte, war so wahr, daß es späteren Leserinnen gar nicht so revolutionär vorkam. »Ihre Meinungen waren diejenigen, welche die meisten kultivierten Frauen jetzt haben«, schrieb Kegan Paul 1879, was Virginia Woolf Jahrzehnte später auf eine prägnante Formel brachte: »Ihre Originalität ist unser Gemeinplatz geworden.« Mary Wollstonecraft war eine rebellische Natur, aber ins revolutionäre Paris ist sie aus Liebeskummer gereist. »Ich ging nach Frankreich, um im allgemeinen Glück mein privates Unglück zu vergessen.« Sie fand dort eine neue Liebe, die große Liebe ihres Lebens – und verlor sie wieder.
Georg Forster war und ist der Weltumsegler. Mit seinem Vater, dem Naturforscher Johann Reinhold Forster, begleitete er den Entdecker Captain Cook auf dessen zweiter Reise. Drei Jahre, von 1772 bis 1775, waren sie unterwegs, Forster war siebzehn Jahre jung, als die Fahrt begann. Nach der Rückkehr berichtete er darüber in einem sehr persönlichen, mit Beobachtungen, Beschreibungen, Geschichten, Ideen und Spekulationen reich gefüllten Buch, das seinen Namen zugleich mit seinem Abenteuer in die Öffentlichkeit trug und ihn zum gefeierten Mann machte.
Auch er hat praktisch wirken wollen mit seiner Schrift, der man ihre Entstehung zur Zeit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung deutlich anmerkt. »Eine einzige Bemerkung, die von großem Nutzen für die Nachwelt ist; nur Ein Vorfall, der unsre Mitmenschen in jenem entfernten Weltteil glücklich macht, vergilt wahrlich alle Mühseligkeiten der Seefahrt, und schenkt den großen Lohn, das Bewußtsein guter und edler Handlungen!«, wünschte er am Ende des Vorworts. Wie es tatsächlich in der Welt zuging, war ihm unterwegs wieder und wieder deutlich geworden. »Wenn wir zum Beispiel jene schönen Fische der See, die Bonniten und Doraden, auf der Jagd der kleinern, fliegenden Fische antrafen, und bemerkten, wie diese ihr Element verließen um in der Luft Sicherheit zu suchen; so war die Anwendung auf den Menschen nur gar zu natürlich. Denn wo ist wohl ein Reich, das nicht dem brausenden Ozean gliche, und in welchem die Großen, in allem Pomp und Pracht ihrer Größe, nicht immer die Unterdrückung der Kleinern und Wehrlosen suchen sollten? Zuweilen ward das Gemälde noch weiter ausgeführt, wenn die armen Flüchtlinge auch in der Luft neue Feinde antrafen und ein Raub der Vögel wurden.«
Als er 1793 nach Paris kam, um an einer neuen Welt mitbauen zu helfen, war er von allen verlassen, von Bekannten, Freunden und von seiner Frau, an der er gleichwohl unbeirrt festhielt. »Es ist sonderbar, meine geliebteste Therese, daß unsere eigentümliche Verhältnisse so mit den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit zusammenhängen«, schrieb er ihr.
Frankreich im Frühjahr 1793. Es sieht düster aus für die junge Republik. Seit Ende April bzw. Juni 1792 liegt sie im Krieg mit Österreich und seinen Verbündeten, seit Anfang des Jahres auch mit England und Holland. Das Land steht unter Waffen. In der Vendée hat ein grausamer Bruderkrieg begonnen, und auch in anderen Provinzen ist es nach der Hinrichtung des Königs zu Aufständen gekommen. Im Pariser Nationalkonvent kämpfen Girondisten und Jakobiner erbittert und lautstark um die Macht. Besucher glaubten, »in einen Tempel einzutreten, der dem Hasse geweiht ist«, oder sahen den Konvent in ein »Saturnal reißender Tiger« verwandelt. Am 13. März hält der girondistische Abgeordnete Vergniaud eine prophetische Rede: »Es steht zu befürchten, citoyens, daß die Revolution wie Saturn ihre Kinder verschlingen und letztlich nur die Tyrannis mit all ihren Übeln hervorbringen wird.« Anarchie droht. Im Namen der Freiheit wird geplündert, gestohlen, denunziert, gemordet. Das Volk hungert. Lebensmittel sind knapp und teuer. Und doch – »Ich begreife die Sorglosigkeit der Pariser nicht«, schreibt Oelsner. »Mit dem ersten schönen Tage kommen sogleich wieder prächtige Karossen zum Vorschein; die Schauspielhäuser sind gedrängt voll; das neue Ballett von Gardel (Le jugement du berger Paris) umgeben entzückte Augen; man tanzt am Rande des Kraters.«
Jede Kunst hat ihre goldene Zeit. Das spätere 18. Jahrhundert stand im Zeichen des Tanzes. Man entwickelte neue Konzepte, Formen und Figuren – die Pirouette zum Beispiel – und schuf Inszenierungen, die Musik, Bewegung und Ausstattung zu einem Gesamtkunstwerk verbanden.
Pierre Gardel, seit 1787 maître de ballet an der Pariser Oper, war ein Meister seines Faches. Seine Fassung des Balletts Psyche, uraufgeführt im Dezember 1790, wurde als »Muster an Geschmack und Perfektion« gepriesen, als vielleicht »zauberhaftestes Schauspiel, das je auf einer Bühne erschienen war«. Im Bunde mit dem Zeitgeist hatte Gardel danach Revolutions-Agitprop-Opern inszeniert, im Herbst 1792 etwa L'offrande à la Liberté [Die Opfergabe für die Freiheit]. Am Ende hörte man Glockengeläute und Kanonenschüsse, Waffen wurden verteilt und geschwenkt, und das ganze Ensemble stimmte die Marseillaise an:
Aux armes, citoyens!
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons!
Qu'un sang impur
Abreuve nos sillons.[2]
Die blutrünstige Hymne der Revolution wurde auch im getanzten Triomphe de la République reichlich eingesetzt, im Januar 1793, sechs Tage nach der Hinrichtung des Königs.
Doch dann greift Gardel mit seiner nächsten Produktion, dem Urteil des Paris, wieder einen mythologischen Stoff auf, der auch schon Jahrzehnte früher Choreographen inspiriert hatte. Angesichts der politischen Lage eine überraschende Wahl. War das wieder ein Beispiel für den sprichwörtlichen französischen Leichtsinn, eben ein Tanz am Rande des Kraters?
Wenn Gardel die klassische Fassung der Sage auf die Bühne gebracht hätte, hätte Oelsner mit seiner Einschätzung recht gehabt. Sie erzählt, wie die trojanische Königin Hekuba, gewarnt durch einen unheilverkündenden Traum, ihren neugeborenen Sohn Paris am Berg Ida in der Wildnis aussetzen läßt, wie das Kind von ihrem Diener Argileus gerettet und in ländlicher Abgeschiedenheit als Sohn aufgezogen wird, wie Paris als Hirte die Herden seines Adoptivvaters hütet, bis Zeus ihn zum Schiedsrichter in einer von Eris, der Göttin der Zwietracht, angezettelten Schönheitskonkurrenz zwischen den Göttinnen Hera (Juno), Pallas Athene (Minerva) und Aphrodite (Venus) macht. Daß Paris Aphrodite zur Siegerin erklärt, die ihm als Lohn für eine Entscheidung zu ihren Gunsten die schönste Frau der Welt versprochen hatte, führt dann zum Raub der schönen Helena und zum langjährigen Krieg zwischen Griechen und Trojanern.
Gardel jedoch inszenierte – zu einem Pasticchio aus Melodien von Haydn, Pleyel und dem Komponisten und Arrangeur Étienne-Nicolas Méhul – eine andere, wenig bekannte Variante des Stoffes. Sein Tanz am Rande des Kraters war nicht frivol, sondern romantisch, Friedens- und Liebeszauber in Zeiten des Krieges.
Am 15. April, knapp drei Wochen nach seiner Ankunft in Paris, besuchte Georg Forster eine Aufführung im Theater an der Porte Saint-Martin, passenderweise in Begleitung von drei Frauen, Helen Maria Williams, Mary Wollstonecraft und der Schwester eines neuen Bekannten, Jane Christie. Als erstes Stück an diesem Abend wurde die Oper Iphigenie auf Tauris von Gluck gegeben, eine zu dieser Zeit schon anstößige Wahl. Immerhin war der Komponist ein protégé der verhaßten österreichischen Königin Marie Antoinette gewesen, der er einst in Wien Musikunterricht gegeben hatte. Nun saß sie, degradiert zur Bürgerin Capet, als Gefangene im Temple, wissend, daß ihr das gleiche Schicksal wie ihrem Ehemann drohte.
Aber das Publikum war ohnehin nicht wegen der Iphigenie gekommen, und auch für Forster stand sie trotz der »herrlichen Musik« Glucks ganz im Schatten von Gardels spektakulärer Inszenierung, die Götter- und Hirtenwelt, höfische Prachtentfaltung und ländliche Simplizität effektvoll einander gegenüberstellte und Auguste Vestris, den primo ballerino des Ensembles, in der Rolle des Paris glänzen ließ. Cirque du Soleil anno 1793.
Der Vorhang hebt sich über einer idyllischen Landschaft und einer unglücklichen jungen Frau. Die Nymphe Oenone ist unsterblich in den Hirten Paris verliebt, hat bisher aber keine Gegenliebe gefunden. Als sie verzweifelt nach ihm ruft, erscheint er – erscheint Auguste Vestris. Ein zauberhafter Echo-Pas-de-deux beginnt. Paris treibt sein Spiel mit der armen Nymphe, indem er ihren Ruf nachäfft, sie sucht ihn, er verschwindet, taucht anderswo wieder auf, lockt sie wieder, bis er endlich, der Sache müde, so leise nach ihr ruft, daß Oenone ihn weit entfernt glaubt und von der Bühne läuft, um ihn zu suchen. Währenddessen treibt Paris-Vestris, enfant chéri des dames, sein Spiel mit den Frauen, wirbt um eine, verläßt sie, flirtet mit einer anderen, wird von einer ganzen Gruppe verliebter Schäferinnen bedrängt …
Das war der Beginn einer Vorstellung aus lauter Höhepunkten. Der Einzug der Götter mit allem Pomp und Prunk des Ancien Régime. Der spektakuläre Auftritt der Zwietracht, die von Flammen umzüngelt der dumpf grollenden Erde entsteigt. Begleitet von Nymphen und Amoretten, tanzt Venus leichtbekleidet auf die Bühne und nimmt ein Bad, während einige ihrer Begleiterinnen einschmeichelnde Melodien auf der Lyra zupfen. »Auf der Bühne zu zeigen, wie die Göttin der Schönheit ein Bad nimmt, so, daß der Anstand niemals verletzt wird, ist zweifellos etwas ganz Neues, aber es ist hinreißend und konnte nur einem überaus geschickten und seiner Mittel sicheren Mann gelingen«, rühmte ein Kritiker.
Eine Handbewegung der siegreichen Göttin verwandelt die Szene auf offener Bühne in ihren heiligen Hain im zyprischen Paphos, unter jedem bosquet ein glückliches Paar. Und dann ihr letzter, größter Zauber: Venus läßt Paris in Liebe zur verschmähten Oenone entbrennen – und fliegt mit ihrem Gefolge davon.
Das Publikum war hingerissen. »Tanz- und Dekorationskunst scheint alle ihre Erfindungen erschöpft zu haben, um einen theatralischen Zauber hervorzubringen, der nirgends in der Welt, als in Paris, und hier noch nie zuvor in dem Grade hervorgebracht worden sein kann«, schrieb Forster am nächsten Tag an seine Frau. »Es war nicht Beifallklatschen, sondern unwillkürliches Beifallschreien, was mehrmals ertönte, und wahrlich, ich konnte vor Bewunderung nicht klatschen und nicht schreien. Der junge Vestris mag ein so schlechter Kerl und aufgeblasener Narr sein, wie man ihm nachsagt, die Grazie und Eleganz seiner Bewegungen hat ihres Gleichen nicht. Alles Gefühl, seine ganze Seele ist konzentriert in seiner Kunst; der Ausdruck seines Wesens ist Tanzsinn. Die wunderbar schönen und reichen Szenen, die bezaubernden Gegenden des Bergs Ida, die Göttererscheinung aus dem Olymp, die Venus im Bade, die Grazien und ihre Tänze, das schön beibehaltne Kostüm, das unendlich Mannigfaltige, und die unzähligen kleinen Einfälle, das Ganze zu beleben, muß man mit eigenen Augen sehen.«
Doch der ganze Aufwand, die Virtuosität der Tänzer, Vestris' wirbelnde Pirouetten, die frappierenden Effekte der Theatermaschinerie, all das war die glänzende Verpackung einer ganz einfachen, alltäglichen, alten, ewig neuen Geschichte, die auch Forsters Geschichte war, und die der Frauen, die neben ihm im Theater saßen. Liebe, die keine Gegenliebe findet, ein junger Mann, der übermütig mit der Liebe spielt, eine junge Frau, die an seiner Kälte zu verzweifeln droht. Und dann das Wunder, die Herzenswende.
Tatsächlich sogar ein doppeltes Wunder, denn das Glück der Liebenden kündigt den Anbruch eines neuen Goldenen Zeitalters an. Der Trojanische Krieg findet nicht statt! Inmitten einer heillos zerstrittenen Welt zauberte Gardel eine Insel des Friedens und der Liebe auf die Bühne. Noch einmal, zum letzten Mal bevor die strengen Tugendwächter alle Götter von den Pariser Bühnen vertrieben, beschwor er die Utopie, die in den Anfängen der Revolution in den Augen vieler ihrer Anhänger fast schon Wirklichkeit geworden war.
Seltsam eigentlich, daß Forster explizit kein Wort über Gardels revisionistische Fassung des Mythos verlor. Vielleicht, weil sie mit seinen eigenen Wünschen und Hoffnungen verschwistert war? Im gleichen Brief, in dem er Therese von seinem Besuch im Urteil des Paris berichtete, hat er die theatralische Botschaft des Balletts in eine Utopie übersetzt.
»Freiheit und Gleichheit? Mein ganzes Leben ist mir selbst der Beweis, das Bewußtsein meines ganzen Lebens sagt mir, daß diese Grundsätze mit mir, mit meiner Empfindungsart innig verwebt sind, und es von jeher waren. Ich kann und werde sie nie verläugnen.« Doch die Menschheit sei noch nicht reif dafür, meint er, und das Schlimmste, »die Herrschaft, oder besser, die Tyrannei der Vernunft, vielleicht die eisernste von allen«, stehe ihr noch bevor. »Bis endlich einmal, wenn die Welt nicht wirklich das Werk des Ungefährs oder das Spiel eines Teufels ist, eine allgemeine Simplizität der Sitten, Beschäftigungen, Wünsche und Befriedigungen, eine Reinheit der Empfindung, und eine Mäßigung des Vernunftgebrauches aus allen diesen Revolutionen hervorkeimt, und ein Reich der Liebe beginnt, wie es sich gute Schwärmer von den Kindern Gottes träumten.«
[1] In diesem Morgenrot war's Seligkeit zu leben, doch jung zu sein, das war der Himmel.
[2] Zu den Waffen, Brüder! / Schließt die Reihen, / Marschieren wir, marschieren wir / Auf daß unreines Blut / die Furchen unserer Äcker tränke.
