El Caballero Gustavo Bergenroth - Ursula Naumann - E-Book

El Caballero Gustavo Bergenroth E-Book

Ursula Naumann

0,0
21,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Früh am Morgen des 20. August 1860 trifft der ostpreußische Jurist Gustav Bergenroth in Simancas, einem abgelegenen Dorf in Kastilien, ein. Sein Ziel: das spanische Staatsarchiv, ein altes, mit dicken Mauern, Graben, Türmen und Zinnen bewehrtes Kastell, das erst seit kurzem für Forscher zugänglich ist. Er will die Tudorzeit, die farbigste Epoche der englischen Geschichte, erforschen. Doch er ahnt nicht, was ihn erwartet: Unendliche Mengen an verschlüsselten Depeschen, die vor ihm noch niemand entziffert hat. In achteinhalb Jahren knackt er unter widrigsten Umständen die kompliziertesten Codes – eine kryptologische Meisterleistung. Was er dabei entdeckt und in scharfsinnigen, illusionslosen Berichten veröffentlicht, stellt festgefügte Geschichtsbilder auf den Kopf und schockiert seine Zeitgenossen.

Wer ist dieser Gustav Bergenroth? Geboren und aufgewachsen in der masurischen Provinz, engagierter Demokrat, Barrikadenkämpfer in der 48er Revolution, nach deren Niederschlagung Flucht nach Kalifornien, dann Emigration nach London – er hat schon einiges hinter sich an abenteuerlichen Erfahrungen. Doch Simancas wird zum entscheidenden Kapitel seines wechselvollen Lebens.

Ursula Naumann hat eine glänzend recherchierte und mitreißend erzählte Biographie geschrieben. Sie zeichnet nichts weniger als das Bild eines Mannes, der, gegen seine Zeit, die Geschichtswissenschaft revolutionierte.

- Die aufregende Geschichte einer historischen Recherche

- Glänzend recherchiert und fesselnd geschrieben

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ursula Naumann

El Caballero Gustavo Bergenroth

Wie ein preußischer Forscher in Spanien Geschichte schrieb

Mit zahlreichen Abbildungen

Insel Verlag

Für Frank Motz, der die Dinge möglich macht

Die Geschichte probiert ihre Schere

im Dunkeln aus, so

daß am Ende allem und jedem

ein Arm fehlt oder ein Bein.

Übersicht

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Motto

Inhalt

PROLOG. EIN HERR BERGENROTH

Sechs Ehefrauen

Das Kastell

Denkmäler und Kopfnoten

GESCHICHTE MACHEN

Achtzehnhundertdreizehn

Träume von großen Dingen

Weltbürgerrepublik

Entrepreneur

Ober-Landes-Gerichts-Referendarius

Die große Klippe

Seelenverwandte

Von Mensch zu Mensch

Suppenküche

Meetings

Unterwegs

Die Wirklichkeit entziffern

Braune Augen

Barrikaden des Herzens

Wahlen

Club-Blätter

Ehrensachen

Versprochen, gebrochen

AUSSTEIGEN

An den Küsten von Utopia

Die Schere im Dunkeln

Epitaph für eine Liebende

GESCHICHTE SCHREIBEN

Wanderungen durch London

Kampf der Klassen

Kritische Feldzüge

Der deutsche Professor

Der Heldenverehrer

Der Haßprediger

Der Ehrgeizige

Literato prusiano

Don Quijote in Simancas

Corrida

Geheime Schriften

Königsdramen

Ein Mann ohne Vorurteile

Don Pascual

Weltbühne

Langstrecke

Isle of Wight

Mein lieber Sir John!

Ein Rhinozeros von Calendar

Machtspiele

Umstürzend

Imperium

Römischer Frühling

Für Johanna

Kein Held. Nirgends

Bamberger

Mourir à Madrid

Die Frau im Schatten

EPILOG

Nachruf

Nachlaß

Danach

Pilgerfahrt

1

2

3

4

5

6

7

8

9

ANHANG

Dank

Editorische Notiz

Verzeichnis der Siglen

Bergenroths Veröffentlichungen

Quellen zur Biographie:

Literatur (Auswahl)

Bildnachweis

Namenregister

Fußnoten

Anmerkungen

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

PROLOG. EIN HERR BERGENROTH

Sechs Ehefrauen

Die Kurzfassung der Geschichte von Heinrich VIII. und seinen sechs Frauen kennt in England jedes Kind: geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt … Unter den historischen Skandalgeschichten nimmt diese einen Spitzenplatz ein. Jede Erfindung verblaßt davor: Ein junger, charmanter, bis über beide Ohren verliebter König bricht mit der katholischen Kirche, um sich scheiden zu lassen und die geliebte Frau heiraten zu können, die er dann etwas später hinrichten läßt. Der Paukenschlag am Beginn eines Dramas von welthistorischer Bedeutung, dessen Darstellerinnen in ungezählten Nacherzählungen zu weiblichen Stereotypen gefroren sind: »Die Heilige, die Intrigantin, der Fußabstreifer, das dicke, dümmliche Mädchen, der sexy Teenager und der Blaustrumpf.«

Abb. 1: Katharina von Aragon

Die Heilige, das ist Heinrichs erste Frau, Katharina von Aragon. In edler Reinheit, als ein schuldloses Opferlamm, erscheint sie noch in den Fernsehserien und Dokumentationen, die die BBC den Six Wifes widmete, die vorläufig vorletzte stammt aus dem Jahr 2001. Deren Autor David Starkey begann danach mit der Arbeit an einem Buch zum Film, das er sich als kurze, lebendige Nacherzählung altbekannter Geschichten vorstellte. Dann sah er, daß er ganz neu anfangen mußte. Er entdeckte nämlich wichtige Dokumente zum Leben Katharinas, die sie in einem weniger rosigen Licht erscheinen lassen. Nicht etwa in schwer zugänglichen Archiven, sondern in einer Publikation der englischen Regierung, die der deutsche Historiker Gustav Bergenroth 1868 herausgegeben hatte.

Wie konnte das sein? Schließlich lagen sie nun seit fast 150 Jahren im Druck vor, »sicher Zeit genug für Historiker und Biographen, zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen?« Sie war nicht genutzt worden, wie Starkey feststellt. »Ich fürchte, daß der Fall immer noch weit offen ist. Denn die Historiker, gefesselt an ›das einhellige Lob von Katharinas Tugenden‹, haben eine außergewöhnliche Entschlossenheit gezeigt, das klare Beweismaterial [der Quellen] zu ignorieren.«

Katharina von Aragon ist nicht die einzige historische Figur, die Bergenroth mit anderen Augen sah als die Geschichtsschreibung vor und nach ihm, Starkey nicht der einzige Historiker, der Bergenroths Entdeckungen wiederentdeckt hat. Was er zum Beispiel über Katharinas königliche Schwester herausfand, die als Juana la Loca, Johanna die Wahnsinnige, in die Geschichte eingegangen ist, erregte seinerzeit ziemliches Aufsehen und empörte viele Kollegen, wurde dann aber über ein Jahrhundert weitgehend ignoriert. Bemerkungen wie »Bergenroth war der erste, der …« sind mir immer wieder begegnet.

Das gilt auch für seine legendären Leistungen auf dem Gebiet der Kryptologie. Als spanische Zeitungen Anfang Februar 2018 meldeten, dem Geheimdienst CNI sei es gelungen, zwei chiffrierte Briefe eines hohen Offiziers an König Ferdinand von Aragon vom Anfang des 16. Jahrhunderts zu entschlüsseln, gab es sofort Widerspruch im Internet. Der Journalist Julio Martín Alarcón twitterte: »Nein, nicht der CNI hat den Codex des Gran Capitán entziffert. Das war ein Deutscher im 19. Jahrhundert. Das war das Werk von Gustav Bergenroth, einem deutschen, in England ansässigen Hispanisten, der seine Arbeiten über das Archiv von Simancas publizierte.«

Es ist schon seltsam. Jeder, der sich ernsthaft mit der Tudor-Zeit beschäftigt, der spektakulärsten, farbigsten Epoche der englischen Geschichte, muß die von Bergenroth gesammelten und herausgegebenen Quellen konsultieren, kennt seinen Namen. Aber kaum jemand weiß, wer er war.

Ich bin ihm zuerst auf klassischem Boden begegnet, in Rom, wo er dem preußischen Legationssekretär Kurd von Schlözer im Januar 1867 über den Weg lief. Was der über ihn erfuhr, faßte er in einer biographischen Skizze zusammen.

»Sein Leben ist ein Roman. Im Jahre 1848, wo er schon Kammergerichtsassessor war, schloß er sich der Revolution an und stand an der Ecke der Taubenstraße auf der Barrikade. Als im folgenden Jahr der ›rettende‹ Manteuffel seine stramme Reaktion über Preußen verhängte, schrieb Bergenroth dem Justizminister, daß seine politischen Ansichten ihm einstweilen nicht gestatteten im Staatsdienst zu verbleiben; er müsse eine Zeit abwarten, wo ein anderer Minister die Justiz leite. Danach ging er einige Zeit nach Frankfurt a. M. und bald darauf nach Amerika im Auftrag einer Gesellschaft, die in Kalifornien Ländereien ankaufen wollte. In San Francisco angelangt, verlor er alle seine Effekten, und als er sich nach dem Handelshause erkundigte, an welches er adressiert war, erfuhr er, daß es nicht mehr existiere. So war er vis-à-vis de rien und lebte vier Wochen hindurch, ohne Brot und Salz, von rohen Kaninchen, die er sich in den Waldungen erlegte. – Seine Intelligenz verschaffte ihm aber bald in der ganzen Gegend ein solches Ansehen, daß sich ihm etwa 70 Kolonisten aus aller Herren Ländern anschlossen und als ihrem Häuptling huldigten. Er gründete nun ein selbständiges Fürstentum, in dem er als Autokrat lebte. Eine verlassene Ortschaft wurde seine Residenz. Da sie aber in einem Grenzdistrikt lag, hatte er bald Händel mit den Amerikanern, die zwei Kanonen, unterstützt von Kavallerie, gegen König Bergenroth auffahren ließen. Inzwischen langte für ihn Geld aus Europa an. Die Korrespondenz von San Franzisko nach Deutschland und die Sendung von dort nach Kalifornien ging damals noch recht langsam. Aber das Geld kam, und nun gab er seine Herrschaft auf, um nach England zu ziehen. Er hat als König drei Todesurteile unterzeichnet, ist aber stolz darauf, daß er sie nicht hat ausführen lassen. In England kam er mit der Historischen Gesellschaft in Berührung, die alle auf das Inselreich bezüglichen Urkunden sammeln läßt. So wurde der Königlich Preußische Kammergerichtsassessor a. D. aus Masuren in Ostpreußen zuerst König und dann englischer Historiker. Nachdem er nun über zehn Jahre in Simancas gesammelt hat, bereitet er sich jetzt vor, eine Geschichte Karls V. zu schreiben. Er ist im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert so bewandert, als ob er mit allen hervorragenden Persönlichkeiten jener Zeit gelebt hätte.«

Eine tolle Geschichte mit einigen Fehlern und mit Übertreibungen, die wohl der Vergeßlichkeit und der Fabulierfreude beider Erzähler geschuldet sind. Dabei ist das abenteuerlichste Kapitel von Bergenroths Lebensroman in Schlözers Nacherzählung auf einen Halbsatz zusammengeschrumpft: »Nachdem er nun über zehn Jahre in Simancas gesammelt hat«.

Das Kastell

Sommer 1860. Früh am Morgen des 20. August kommt Gustav Bergenroth nach einer langen, anstrengenden Reise in Simancas an. Schon von Ferne sieht er in der baumlosen Hochebene Kastiliens die mächtige graue Burg, die für die nächsten achteinhalb Jahre sein Hauptarbeitsplatz sein wird: das Archivo General, das Staatsarchiv von Spanien, das aus verschiedenen Beständen, den Archiven von Simancas, gebildet wurde und wird.

Beim ersten Anblick sei ihm doch etwas beklommen geworden, bekennt er einen Monat später den Lesern des Londoner Athenæum, der angesehensten literarisch-wissenschaftlichen Zeitschrift seiner Wahlheimat England.

Abb. 2: Das Archivo General de Simancas, um 1860

»Simancas wurde auf einem Hügel erbaut, der steil zum Ufer der Pisuerga hin abfällt. Die enge, altertümliche Steinbrücke mit ihren siebzehn Bögen ist nicht ohne grandeza, und das Kastell und die Dorfkirche, die in einsamer Sorglosigkeit auf dem Gipfel ruhen, präsentieren sich recht stattlich vor dem sattblauen und doch lichten, hohen Himmel Kastiliens. Der Ort macht keinen melancholischen Eindruck, obwohl es keinen einzigen Baum gibt. Der Ort! Aber wo ist dieser Ort? Wo sind die Häuser? Neben dem Kastell und der Kirche kann ich nur unregelmäßige Erhebungen erkennen, aus dem gleichen hellen Lehm, aus dem der Hügel besteht, und hier und da dunkle Punkte. Sind diese Hügelchen Häuser und die Flecken Fenster und Türen? Das Ganze ähnelt eher einem großen Kaninchenbau. Ein nicht eben verheißungsvoller Anblick!«

Währenddessen hat sich die Kutsche langsam nach oben bewegt. Bergenroth steigt bei der roten Zugbrücke zum Kastell aus, gegenüber vom Parador de la Luna, dem einzigen Gasthof von Simancas, vor dem man ihn dringend gewarnt hat, weil er schmutzig und laut sei, vor allem aber wegen der musikliebenden Wirtin. Abgesehen von Fuhrleuten könne niemand ihr Gitarrenspiel länger als eine Nacht ertragen. So geht er also weiter, mit seinem schweren Gepäck (viele Bücher), bis zum Dorfplatz, der plaza, die von zwölf Häusern umgeben ist, alle versehen mit einem Balkon im ersten und einzigen Stockwerk.

»Neben dem ayuntamiento oder Rathaus von Simancas befindet sich der estanco nacional, also der sehr bescheidene Laden, wo Don Pedro den schlechten Tabak und die noch schlechteren Zigarren der Regierung verkauft. Sozial steht er zwischen einem Bauern und einem Tagelöhner. Sein Gesichtsausdruck gefällt mir nicht besonders. Er deutet auf Brutalität hin. Aber man hat mich ihm empfohlen, und im Umkreis von hundert Meilen kenne ich keine andere Seele. So war ich nach fünf Minuten sein Hausgenosse, und da ich seine ›Gastfreundschaft‹ etwas teurer bezahle, als ich für ein erstklassiges Hotel am Rhein oder in der Schweiz ausgeben müßte, wird er mich mit der Wildheit eines Raubtiers gegen alle Hausbesitzer in Simancas verteidigen.

Ich habe ein Wohnzimmer. Es ist nicht sehr groß. Es ist nur neunzehn Fuß lang und elf Fuß [ca. 5,8 x 3,4 Meter] breit. Die Tür besteht aus einem einfachen Holzrahmen, der mit weißem Segeltuch bespannt ist. Durch Abnutzung ist sie in einem ziemlich schlechten Zustand. Gestern habe ich die größten Löcher mit Nadel und Faden geflickt, die ich aus London mitgebracht hatte. Die Stiche waren vielleicht etwas groß, aber insgesamt mußten Pedro und seine Frau Mamerta zugeben, daß ich das Zimmer verbessert hatte. Doch von welch kurzer Dauer Verbesserungen sind, wenn sie gegen den Geist des Landes sind! Die Hauskatze, die zeitlebens gewohnt war, mein Zimmer durch besagte Löcher zu betreten und zu verlassen, war durch meine Neuerungen so verstört, daß sie mit einem verzweifelten Satz durch das halbverrottete Segeltuch sprang, und die Löcher sind jetzt größer als vorher. Macht nichts! Über der Tür hängt ein Portrait von San Ignacio von Loyola, mit der Inschrift ›Verbiete dem bösen Geist durch diese Tür einzutreten‹. Von dieser Seite ist also alles sicher. Gegenüber der Tür ist das Fenster oder vielmehr eine andere Tür, die sich zum Balkon hin öffnet und statt mit Segeltuch mit schweren, hölzernen Läden versehen ist. Wenn ich den Winter über in Simancas bleibe, hat mir Pedro versprochen – was? Einen Ofen oder Kamin? Nein, einige Glasscheiben, damit ich das Fenster zumachen kann, ohne das Licht ganz auszusperren. Der Winter ist hier so kalt, daß der Fluß oft mit Eis bedeckt ist.

Hinter meinem Wohnzimmer ist ein dunkler Flur mit noch dunkleren Löchern auf beiden Seiten, die als Schlafzimmer dienen. Sie haben keine Türen. Vor der Öffnung hängt ein Leinentuch, das ist alles. Das erste Loch, oder der Alkoven, wie sie es nennen, enthält mein Bett, und der Flur selbst dient als gemeinsames Ankleidezimmer. So ist das Haus, und die Möblierung steht damit in völligem Einklang. Sie ist von sehr einfacher Beschaffenheit und keineswegs reichlich vorhanden. Allein die Betten bilden eine Ausnahme. Sie sind gut, und das Leinen ist so fein und weiß wie in reichen englischen Häusern. Meine Bettdecke und die Kissen sind sogar mit breiten Borten aus heimischer Spitze verziert.«

An Privatheit ist hier nicht zu denken. Die Hausherrin kommt in Bergenroths Zimmer, wann immer sie will, um vom Balkon aus mit den Männern und Frauen unten auf der plaza zu handeln, die ihre mit kleinen Wassermelonen, Kichererbsen und anderen »Notwendigkeiten des spanischen Lebens« beladenen »geduldigen und hochintelligenten Esel von Haus zu Haus und Dorf zu Dorf« treiben. Härter wird seine Geduld an den Waschtagen auf die Probe gestellt, wenn Athanasia, »ein kräftiges Mädchen von etwa zwanzig Jahren«, seine Bettwäsche und die der ganzen Familie auf seinem Balkon zum Trocknen aufhängt, um sie dann auf seinem Schreibtisch zu bügeln.

An dieser Stelle bricht der Erzähler die Schilderung seines neuen, gewöhnungsbedürftigen Zuhauses ab, um den Leser mitzunehmen zum eigentlichen Ziel seiner Reise, dem Archivo General. Ein mächtiges graues Gemäuer, mit Zinnen und Schießscharten, Türmen, tiefem Graben und Zugbrücke, ist es gewissermaßen die Mutter aller Archive, das erste europäische Gebäude der Neuzeit, das ausdrücklich zum Zweck der Sammlung und Aufbewahrung von Staatspapieren bestimmt und entsprechend umgebaut wurde. Die Wahl einer abgelegenen Festung spiegelte die Überzeugung der Archivgründer, daß Wissen eine ungemein gefährliche Waffe sein kann.

»An den Grenzen von Kastilien und León gelegen, war dies in früheren Zeiten ein Ort von großer militärischer Bedeutung und als solcher der Aufsicht der erblichen Admirale von Kastilien unterstellt, bis Isabella die Katholische die Burg und ihre reichen Ländereien für die Krone konfiszierte, und Karl V. und Philipp II. sie anstelle von Gewehren und Hellebarden mit Papieren und Pergamenten füllten. Obwohl sich dadurch die Bestimmung des Ortes vollständig geändert hatte, identifizierten sich die erblichen Archivare oder Oberbibliothekare aus der Familie der Ayala so sehr mit ihren Vorgängern, den Admiralen, daß sie es als ihre Hauptaufgabe betrachteten, die ihnen anvertrauten literarischen Schätze gegen alle literarischen Angreifer zu verteidigen. Robertson gehörte zu denjenigen, denen der Zutritt verweigert wurde, als er seine Geschichte Karls des Fünften schrieb. Es ist überflüssig anzufügen, daß die Ayalas nur Befehle aus Madrid ausführten, und daß zu dieser Zeit keine europäische Regierung aufgeklärt genug war, um den Geschichtsforschern den Zugang zu den Quellen ihres Faches zu erlauben. Doch die stärksten Festungen können einer fortdauernden Belagerung nicht auf unbegrenzte Zeit widerstehen. So war der Fall Simancas’ unvermeidlich, als der ›Zeitgeist‹ ernsthaft angriff. Simancas ergab sich 1844. Monsieur Gachard, geschickt von der belgischen Regierung, und Monsieur Tiran, geschickt vom französischen Ministerium, betraten die Archive und durchstöberten über ein Jahr lang ihren staubigen Inhalt. Don Hilarion Ayala, der Archivar – übrigens ein sehr ehrlicher und gutherziger Mann – überlebte den Fall des alten Systems nicht lange. Er starb im folgenden Jahr.«

»Staubiger Inhalt«, das klang damals, im heroischen Zeitalter der Historiographie, aufregender als heute, da Archive eher als Habitat für sonderliche, weltfremde Langweiler gelten. Jahrhundertelang waren alle Archive faktisch Festungen gewesen. Die Mächtigen wollten sich nicht in die Karten schauen lassen, und wer ihre Geheimnisse verriet, riskierte oder ruinierte sein Leben. Aufklärung und Französische Revolution brachten die Wende. Die Archive öffneten sich allmählich, in Spanien später als anderswo (wenn auch sehr viel früher als im Vatikan), als in Madrid eine liberale Regierung an die Macht kam. Während sich in Europa Nationalstaaten herausbildeten, herrschte Goldgräberstimmung, bei den Historikern, aber auch bei den Regierungen, die sie in die Archive schickten. Es ging um nationale Interessen und persönlichen Ruhm, um Deutungshoheit und um die Suche nach der Wahrheit. Wo gab es was zu holen? Wer war als erster da, machte die reichste Beute, fand die interessantesten Stücke? Und wem gelang es am überzeugendsten, seine Funde zu Geschichtserzählungen zu formen?

Nachdem sich Bergenroth als Benutzer des Archivs eingeschrieben hatte, informierte er sich – und dann die Leser des Athenæum – nicht nur über dessen reiche Bestände, die in 47 Räumen aufbewahrt wurden (der 48. war für die Benutzer und das Personal bestimmt), sondern auch über die Forscher, die vor ihm dagewesen waren. Wie lange waren sie geblieben? Was hatten sie gefunden? Woher waren sie gekommen? Die Liste war nicht lang. Ein Belgier, ein Franzose, ein Deutscher, gerade einmal drei Spanier (was man in Spanien nicht glauben wollte) und ein Engländer, der allerdings nur wenige Dokumente eingesehen hatte. Andere hatten zwar die Genehmigung zur Benutzung erhalten, davon aber dann keinen Gebrauch gemacht. Bergenroth hatte vor, gründlicher zu Werke zu gehen.

Denkmäler und Kopfnoten

Mort à Madrid. Im Februar 1869 meldete die Pariser Zeitung Le Gaulois den Tod des »célèbre historien Allemand Bergenroths’ [sic!]«. William Cornwallis Cartwright, ein Freund und Bewunderer des Verstorbenen, der »Gustave Bergenroth« ein Jahr später eine Memorial Sketch, eine Erinnerungsskizze, widmete, urteilte, was dessen Ruhm anging, nüchterner. Wahrscheinlich werde unter hundert, die auf dem Titelblatt Bergenroths Namen läsen, nicht einer sein, der ihn schon einmal gehört habe. »Der großen Öffentlichkeit war er unbekannt.« Was Bergenroth in den achteinhalb Jahren seit der Ankunft in Simancas vor allem aus dessen Beständen, aber auch aus anderen europäischen Archiven unter schwierigen Umständen, in mühevoller Arbeit und gegen große Widerstände von Archivaren und Beamten ans Licht gebracht hatte, war nicht von der Art, die den normalen Leser vom Hocker reißt: Zwei Bände mit Regesten (Zusammenfassungen) von Quellen zu den englisch-spanischen Beziehungen in der frühen Neuzeit, außerdem einen Supplementband mit Ergänzungen. Seine Einleitungen, die alte Geschichten neu und anders als gewohnt erzählten, erregten vor allem in der Fachwelt Aufsehen. Die sonstige gedruckte Hinterlassenschaft bestand aus einigen Aufsätzen und Rezensionen zu verschiedenen Fachgebieten, die verstreut in deutschen und englischen Zeitschriften erschienen, also dem Vergessen anheimgegeben waren. Das große, eigenständige Werk, eine Monographie über Karl V., das er nach jahrelangen Recherchen kurz vor seinem Tod begonnen hatte, blieb ungeschrieben. Es hätte ihn zweifellos berühmt gemacht, meint Cartwright. So aber …

In welchem Mißverhältnis Ruhm und Bedeutung einer Person stehen können, dafür war und ist Bergenroth ein so schlagendes Beispiel, daß sein Biograph darüber ins Schwärmen geriet (und Pegasus mit ihm durchging). »Er war nicht nur ein bemerkenswerter Mann, er war ein ganz außergewöhnlicher Mann, der eine Fülle der verschiedensten, merkwürdigsten, scheinbar nicht zu vereinbarenden Fähigkeiten und Eigenschaften in sich vereinigte«, beginnt er seine Erinnerungsskizze.

Cartwright, geboren 1825 als ältester Sohn eines englischen Diplomaten und einer bayrischen Grafentochter, war zweisprachig und in zwei Kulturen aufgewachsen. So konnte er mit den deutschen Freunden und Verwandten Bergenroths korrespondieren und sie um biographische Informationen bitten. Die Familie in Thorn – dort lebte Bergenroths Bruder Julius, ein Gymnasiallehrer, mit der 82jährigen Mutter und der Schwester Louise – half mit Briefen, am wertvollsten aber war für Cartwright ein Lebenslauf Bergenroths, den ihm dessen ehemaliger Freund Paul Friedmann zuschickte, ehemalig deshalb, weil sich Friedmann und Bergenroth ein paar Monate vor dessen Tod zerstritten hatten. Er bildet gleichsam das Skelett der Biographie, die Cartwright mit dem Fleisch von Briefen und Texten Bergenroths umkleidete und mit seiner bewundernden Zuneigung erwärmte. Das Ergebnis ist ein so lebendiges, anschauliches Portrait, daß man als Leser erst einmal nichts vermißt, obwohl es bei näherem Hinsehen große Lücken aufweist.

»Es ist nicht mehr als eine Skizze, weil alle Materialien für eine reichhaltigere und vollständigere Biographie unzugänglich sind«, bemerkte der Rezensent der Londoner Times. »Aber es ist die Skizze eines höchst bemerkenswerten, interessanten Charakters, und selbst diejenigen, die zu seinen Lebzeiten nie von Bergenroth gehört haben, werden sicher gern der Laufbahn eines Mannes von unbezweifelbarem Genie folgen, dessen Wesen von ganz außergewöhnlichem Zuschnitt war.« Normalerweise unterscheide man zwischen Männern des Geistes und Männern der Tat, Bergenroth aber sei eine verblüffende Ausnahme von dieser Regel gewesen, ebenso fähig, mit einem Grizzly zu kämpfen wie mit einem unverständlichen Manuskript in einem spanischen Kastell. »Er war so etwas wie ein moderner Cerberus, drei verschiedene Männer zu einem verbunden, gebildet aus so gegensätzlichen Charakteren wie Falkenauge aus dem Lederstrumpf, Camille Desmoulins, dem Jakobiner-Literaten von 1789, und einem Gelehrten wie Professor Porson oder Sir Francis Palgrave.«

Ein ähnliches Bild vermittelt der etwa dreißig Seiten umfassende Nekrolog auf Bergenroth, der, ebenfalls 1870, in der Altpreußischen Monatsschrift erschien. Hinter dem anonymen Verfasser verbirgt sich sein Bruder Julius.

Abb. 3: Julius Bergenroth, Bergenroths Bruder und Biograph

Bis heute sind das meines Wissens die beiden einzigen größeren Veröffentlichungen zum Leben Bergenroths geblieben. Für den in England lebenden Deutschen fühlten sich weder sein Vaterland noch seine Wahlheimat zuständig, das übliche Schicksal von Emigranten. Die Verfasser von Handbuch- und Lexikonartikeln über Bergenroth haben daraus geschöpft, allerdings ohne sich die Wertschätzung seiner ersten Biographen zu eigen zu machen. Daß er Autodidakt war, sein historisches Handwerk also nicht an Universitäten gelernt hatte, spielte dabei sicher eine nicht unerhebliche Rolle, ebenso wie seine linksliberale Gesinnung und sein ungewöhnlicher Lebenslauf, über den wilde Gerüchte kursierten. Vor allem aber war es Bergenroths ganz eigene, unkonventionelle Sicht der Geschichte, die seine Kollegen um so mehr schockierte und verunsicherte, als sie seinen Scharfsinn und sein Wissen anerkennen mußten. Der Historiker Reinhold Pauli nutzte seinen Beitrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie (1875), um mit dem »stattliche[n], herrlich begabte[n], jedoch von starken unklaren Trieben beseelte[n] Menschen« abzurechnen, der zwar Großartiges geleistet, aber auch die Frechheit gehabt hatte, in »maßloser Ueberhebung« eine Autorität wie den gefeierten Ranke zu kritisieren und effekthascherisch und sensationslüstern historische Berühmtheiten und Ereignisse in ungewohnter Düsternis erscheinen zu lassen. Also in etwa so, wie die politische Kaste uns heute in der Fernsehserie House of Cards vorgeführt wird.

Ein Urteil, das von den Nachgeborenen oft ungeprüft übernommen worden ist. »Als wenig ausgeglichener Charakter fand er daran Gefallen, die führenden Historiker Ranke, Mignet u. Gachard zu schulmeistern; in der Einleitung seiner recht verdienstvollen Quellenwerke ergötzte er sich an der ausgebreiteten Schilderung sittlicher Verkommenheit«, rügt der Kirchenhistoriker Victor Conzemius. Johannes Hönig, der Biograph des Rom-Historikers Ferdinand Gregorovius, spricht wegwerfend vom »abenteuernden Geschichtsschreiber Bergenroth«. Noch der Eintrag im Oxford Dictionary of National Biography von 2004 (!) bescheinigt Bergenroth zwar immensen Fleiß und stellt fest, er habe mit seinen Forschungen Geschichte geschrieben, aber auch, es habe ihm »an Augenmaß« gefehlt!

Es versteht sich von selbst, daß Bergenroth kein Heiliger war, aber die ignorante, oberlehrerhafte Art, mit der er bis in unsere Tage abgekanzelt wird, ist ärgerlich und fordert Widerspruch heraus. Gut 150 Jahre nach seinem Tod und CartwrightsMemorial Sketch scheint es mir dringend an der Zeit, diesen »modernen Cerberus« von »unbezweifelhaftem Genie« in das ihm gebührende Licht zu rücken. Ich erzähle von einem deutschen Kosmopoliten mit einem außergewöhnlichen und damit zugleich auch exemplarischen Lebenslauf, denn außergewöhnliche Biographien waren im 19. Jahrhundert fast so etwas wie Normalität. Die politischen Verfolgungen der Metternich-Ära und die Revolutionen von 1848/49 haben nicht nur in deutschen Landen viele engagierte Demokraten ins Exil getrieben und ihre Biographien geprägt. Wir hören von Elend und Verzweiflung, harten Überlebenskämpfen, Neuanfängen und märchenhaft anmutenden Karrieren. Nehmen wir nur Carl Schurz, der es nach seiner Flucht in den USA bis zum amerikanischen Innenminister gebracht hat. Bergenroths Weg vom preußischen Gerichtsassessor aus Masuren zum englischen Geschichtsschreiber aber ist vielleicht noch erstaunlicher.

GESCHICHTE MACHEN

Achtzehnhundertdreizehn

Abb. 4: Ostpreußen/​Masuren, mit Oletzko und Lyck, um 1820

Olecko, ein kleiner Ort im nordöstlichen Zipfel Polens, im Grenzgebiet zu Rußland und Litauen, damals Oletzko, ein Marktflecken im nordöstlichen Zipfel Preußens, nahe den Grenzen zu Rußland und dem russisch besetzten Litauen. Vor wenigen Jahren hat man hier in der Nähe die Gebeine napoleonischer Soldaten gefunden. Im Juni 1812 waren die Truppen des Kaisers auf dem Feldzug nach Rußland noch siegesgewiß durch Ostpreußen gezogen. Die Bevölkerung hatte, wie schon 1806 und 1807, viel unter ihnen zu leiden gehabt. Wiesen wurden abgeweidet, Felder verwüstet, Menschen mißhandelt, Pferde und Vieh geraubt, Höfe gingen in Flammen auf. Doch als im Dezember die armseligen Reste des stolzen Heeres angewankt kamen, »halbnackt, mit erfrorenen Händen und Füßen«, war das Mitleid größer als der Spott, der freilich auch nicht fehlte. »Sie glichen den elendsten Bettlern. Viele fielen hin und starben an den Folgen des Frostes und des Elendes.« Viele raffte auch die ›Kriegspest‹, das Fleckfieber, dahin, das durch Läuse übertragen wird. Offiziere waren bizarr in Frauenkleider und Pelze gehüllt, Beutestücke aus den Adelspalästen des brennenden Moskau.

Die nachrückenden Russen empfing man als Retter und Freunde. Der Zar wurde auf seinem Weg durch Preußen überall begeistert und mit schwärmerischen Huldigungsreden empfangen. Der schon länger schwelende deutsch-preußische Patriotismus brach in Flammen aus.

»Alles muß zu den Waffen greifen, Alt und Jung, Weib und Kind, das will das Vaterland, das will der König in seiner Noth«, proklamierte die Ständeversammlung, die am 5. Februar 1813 in Königsberg abgehalten wurde. Der König – Friedrich WilhelmIII. – mußte wollen. Den Ton gaben General Yorck von Warttenberg und seine Getreuen an, die Ende 1812 eigenmächtig und hochverräterisch von den Franzosen abgefallen waren und sich mit den Russen verbündet hatten. Die Königsberger Versammlung beschloß, zur Verstärkung des Heeres eine Bürgerlandwehr einzuziehen, außerdem einen Landsturm als bewaffnete Reserve zu begründen – und gleich damit zu beginnen, ohne auf die königliche Zustimmung zu warten, die dann am 17. März erfolgte. Der Adel war zum großen Teil von der Vorstellung eines Volksheeres wenig erbaut, aber es kam. Wehrpflichtig waren taugliche Männer zwischen dem 17. und dem 25. Lebensjahr (man mußte noch genug Zähne zum Aufbeißen der Patronenhülsen haben), Familienväter ausdrücklich ausgenommen.

Johann Friedrich Bergenroth, Justiz-Amtmann (Gerichtsdirigent) in Oletzko, aufgewachsen »unter dem frischen Eindrucke unserer klassischen Litteratur, namentlich Schiller’s«, meldete sich als Freiwilliger, obwohl seine Frau Johanna hochschwanger war. Das Kind – das zweite von sieben Kindern, sechs Söhnen und einer Tochter – wurde am 26. Februar geboren. Vielleicht trug Vater Bergenroth schon die blaue Litewka (die Litauische), den langen zweireihigen Waffenrock des Landsturms, den sein Bezirk Gumbinnen als Uniform gewählt hatte, als er und Johanna den Kleinen am 19. März zur Taufe in die Kirche trugen, die auf einem Hügel über dem Ort liegt. Wie viele Eltern in dieser Zeit ›vor dem Sturm‹ gaben sie ihm den Namen Gustav Adolph. Vielleicht auch zu Ehren des Schwedenkönigs GustavIV. Adolf, eines erbitterten Gegners von Napoleon. Als Schillerverehrer aber wird Vater Bergenroth vor allem an den Gustav Adolf gedacht haben, den Schiller in seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges zum Ideal des protestantischen Helden verklärt hat.

»Eine ungekünstelte lebendige Gottesfurcht erhöhte den Muth, der sein großes Herz beseelte. Alles Ungemach des Kriegs ertrug er gleich dem Geringsten aus dem Heere; mitten in dem schwärzesten Dunkel der Schlacht war es Licht in seinem Geiste; allgegenwärtig mit seinem Blicke, vergaß er den Tod, der ihn umringte; stets fand man ihn auf dem Wege der furchtbarsten Gefahr. Der Ruhm ihres Beherrschers entzündete in der Nation ein begeistertes Selbstgefühl. Stolz auf diesen König, gab der Bauer in Finnland und Gothland freudig seine Armuth hin, verspritzte der Soldat freudig sein Blut, und der hohe Schwung, den der Geist dieses Einzigen Mannes der Nation gegeben, überlebte noch lange Zeit seinen Schöpfer.«

Was steckt nicht alles in diesem Namen, was für Hoffnungen und Erwartungen. Und was für eine Hypothek für seinen Träger!

Gustavs Vater war nicht nur bereit gewesen, sein Blut für die Sache der Freiheit zu verspritzen, er opferte ihr auch einen Teil seines offenbar beträchtlichen Vermögens, als die Regierung an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung appellierte. Immerhin 6,5 Millionen Taler sind damals zusammengekommen. Er gehörte zu den Patrioten, die nicht nur die Befreiung von den französischen Besatzern anstrebten, sondern auch mehr Freiheiten für das Volk erkämpfen wollten. Ihr Ziel war ein deutscher Nationalstaat mit einer Verfassung und einem Parlament. Reformen waren tatsächlich eingeleitet worden, der König von Preußen hatte dem Volk als Dank für dessen Opferbereitschaft mehrmals eine Verfassung versprochen. Doch das Geschacher auf dem Wiener Kongreß führte dann nur zu einem lockeren ›Deutschen Bund‹ von autoritär regierten deutschen Ländern und für fast zwei Jahrzehnte zu jenem restaurativen und repressiven System, das mit dem Namen des österreichischen Staatskanzlers Metternich verbunden ist. Johann Friedrich Bergenroth konnte sich damit nicht abfinden und gab seinem Ärger über den Wortbruch des Königs immer wieder offen Ausdruck. 1818 erreichte er die Versetzung ans Amts- und Landgericht des etwa 30 Kilometer südlich von Oletzko gelegenen Städtchens Lyck, wo es das einzige Gymnasium weit und breit gab. Dort ist er 19 Jahre später als Justizrat gestorben. »Seine freisinnige Richtung hatte seinem Avancement geschadet.«

Träume von großen Dingen

Abb. 5: Alter Plan von Oletzko, Bergenroths Geburtsort

»Oletzko, ist eigentlich der Name eines Schlosses, welchen aber auch das nahe gelegene Städtchen, ursprünglich Marggrabowa genannt, führt. Diese Stadt liegt am See Oletzko, der es vom erwähnten Schlosse trennt, hat 1 Kirche, 250 Häuser und 1571 Einwohner, und 1 sehr großen Marktplatz, welches der größte in Preußen seyn soll. Es sind hier sehr viele Rothgärbereien.

Das hiesige Postwärteramt und Station ist dem Postamte zu Lyck untergeordnet, und dient zur Beförderung der hier durchgehenden fahrenden Post von Gumbinnen nach Lyck.

Lyck, Stadt am See Somnau und dem Flusse Lyck, hat 1 lutherische Kirche, 1 lateinische Schule, 154 Häuser und 1817 Einwohner. Diese Stadt besteht eigentlich nur aus 1 Straße, auf einem Berge, am genannten See gelegen; auf einer Insel in diesem See liegt ein Königl. Schloß, woselbst der Sitz eines Domänenamts gleichen Namens. Man findet hier Tuchweberei, und vorzüglich viele Gärbereien. –

Die hiesige Post-Anstalt, ein Postamt, ist noch als Gränzpostamt gegen Polen zu bemerken. Es geht von hier:

eine fahrende Post nach Königsberg über Rastenburg und Bartenstein, –

eine fahrende Post nach Gumbinnen über Oletzko, –

eine reitende Post nach Gumbinnen über Angerburg, –

eine reitende Post nach Grodno, Bialystok ec. –«

Cartwright nennt Gustav Bergenroths Geburtsort Oletzko/​Marggrabowa eine »unbedeutende Stadt im entferntesten, traurigsten Winkel von Ostpreußen, der sandigen, mit Föhren bedeckten Gegend an der Grenze zu Rußland, die Masuren genannt wird«, und Lyck (heute Ełk), wo er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte, nur »etwas weniger öde«. Dabei gehörten beide Orte noch zu den wichtigsten der Gegend, Oletzko mit seinem riesigen Marktplatz als Handelszentrum und Lyck mit Gymnasium und einem Lehrerseminar gewissermaßen als Athen Masurens, ein Name, der übrigens erst Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Gebrauch kam. Er leitet sich von Masovien her, einst ein Fürstentum des polnischen Königreichs, aus dem schon zur Zeit der Herrschaft des Deutschen Ordens Siedler gekommen waren.

Dieses Masuren war ein eigentümliches Gebilde, überwiegend protestantisch, multiethnisch und mehrsprachig, deutsch, polnisch, masurisch, litauisch. Polen selbst war von Preußen, Rußland und Österreich bei der dritten Teilung des Landes als Staat ausgelöscht worden. Die überwiegend bäuerliche Bevölkerung Masurens war ungebildet und arm. Ihre ›Befreiung‹ und die quälend langsam vorangehende Neuordnung der Besitzverhältnisse seit dem frühen 19. Jahrhundert führte viele aus den alten Abhängigkeiten in neue Not. Das Klima war hart – Oletzko war die kälteste Stadt Preußens –, der Boden karg, die Erträge waren aber auch infolge veralteter Anbaumethoden gering. Die Geschichtsschreiber der Region, die durch die Jahrhunderte eine nicht enden wollende Kette von Katastrophen registrierten – gleich dreimal im 17. Jahrhundert verheerende Tatareneinfälle –, haben immer wieder von Seuchen und Hungersnöten zu berichten, auch noch im 19. Jahrhundert. In Lyck raffte die Cholera 1831, als Bergenroth noch das Gymnasium besuchte, von 3000 Einwohnern 300 dahin, und 1844, als eine Überschwemmung des Flusses Lyck die Ernte vernichtet hatte, starben viele der Menschen, die hilfesuchend vom Land in die Stadt aufgebrochen waren, auf offener Straße den Hungertod.

Versetzung nach Preußisch-Sibirien war ein freundlicheres Wort für Verbannung. Aber Masuren stand auch für Freiheit und Abenteuer, lange bevor Friedrich Dewischeit, seit 1829 Lehrer am Gymnasium von Lyck, für die von ihm mitgegründete Corpslandsmannschaft Masovia das Lied schrieb, das zur masurischen Hymne wurde. »Wild flutet der See, / Drauf schaukelt den Fischer der schwankende Kahn. / Schaum wälzt er wie Schnee / ​Von grausiger Mitte zum Ufer hinan«, beginnt die erste Strophe, »Wild brauset der Hain, / dort spähet der Schütze des Wildes Spur. / Kühn dringt er hinein« die zweite, und die dritte und letzte schwärmt »Tal, Hügel und Hain, / Dort wehen die Lüfte so frei und so kühn. / ​Möcht’ immer da sein.«

Um 1860, kurz vor Bergenroths Abreise nach Simancas, hielt sich der Schriftsteller Otto von Corvin-Wiersbitzki, ein ehemaliger Offizier und Altachtundvierziger, in London auf und aß in dieser Zeit öfter in einem »nicht sehr besuchten Speisehause« in der Nähe von Regent’s Circus. Ihm gegenüber saß meistens ein Mann, der einem ihm höchst unsympathischen Genossen, Carl Heinzen, etwas ähnlich sah, weshalb er keine Lust hatte, eine Unterhaltung mit ihm anzufangen. Schließlich kamen sie aber doch ins Gespräch, und Corvin-Wiersbitzki entdeckte in dem falschen Carl Heinzen einen masurischen Landsmann und Mitschüler, der mit ihm Erinnerungen an einen großen Brand – und an ein Kindheitsabenteuer teilte: Gustav Bergenroth.

Gemeinsam mit mehr als einem Dutzend anderer Knaben waren sie mit dem Boot auf dem Lycker See unterwegs gewesen, als ein heftiger Gewittersturm aufkam. Die kleineren Kinder fingen an zu zittern und zu weinen und kreischten bei jedem Blitz- und Donnerschlag. Der siebenjährige Corvin, der das Unternehmen zu verantworten hatte, fürchtete sich auch, ließ sich das aber nicht anmerken, übernahm das Kommando und brachte sein nasses, verängstigtes Trüppchen schließlich glücklich an Land. Es war Nacht, als sie »weit ab von der Stadt, und naß wie gebadete Mäuse den Kahn verließen und ans Ufer banden«. Bergenroth – er war ein Jahr jünger als Corvin, der ihn in seinem Bericht zu den weinenden Kleinen zählt – erinnerte sich an dieses Erlebnis noch sehr gut und versicherte Corvin, er habe ihn damals für seine Kaltblütigkeit bewundert und seitdem jedesmal, wenn er in Gefahr gewesen sei, als Vorbild vor Augen gehabt. Er erzählte Corvin viele schier unglaubliche Geschichten aus seiner Zeit in Amerika, »allein wenn er auch eine ganz entfernte Aehnlichkeit mit Carl Heinzen hatte, so war er doch ein anständiger Mensch und machte den Eindruck der Wahrhaftigkeit«.

Die Seen seiner Kindheit und Jugend haben Bergenroth geprägt, später hat es ihn immer wieder ans Wasser gezogen. Er fuhr zur Erholung ans Meer, machte Urlaub auf Inseln, unternahm eine Dampfschiffahrt auf dem Genfer See, wanderte an der Loire entlang. Und nach der anstrengenden Arbeit im Archiv von Simancas entspannte er sich mit langen Spaziergängen an den nahegelegenen Flüssen.

Abb. 6: Die Schloßinsel von Lyck

Eine Brücke führt auf die Insel im Lycker See zum Schloß, das einst das Verwaltungszentrum des Bezirks war und der Amtssitz von Bergenroths Vater, der hier Gericht hielt und seine Urteile verkündete. Später diente es dann als Gefängnis. Siegfried Lenz, der seine Kindheit in Lyck verbrachte, hat es in seinem Roman Heimatmuseum »das schönste Gefängnis Masurens« genannt. Heute wartet es auf Rettung vor dem Zerfall.

Gustav Bergenroth wuchs in einem kultivierten, gebildeten Elternhaus auf, mit den großen Werken der zeitgenössischen Literatur (unseren Klassikern) und der Liebe zur Musik. Was das Lycker Gymnasium ihm gab oder schuldig blieb, verraten uns seine Biographen nicht. Um so ausführlicher erzählen sie von dem väterlichen Erziehungsprogramm, das die Söhne auf einen neuen Freiheitskrieg vorbereiten sollte. Im Einklang mit dem »modischen Teutonismus« (wie Cartwright ironisch kommentiert) war ihm deren »Ertüchtigung« so wichtig, daß er das Jagdhandwerk erlernte, um sie »zur Abhärtung und Ertragung körperlicher Anstrengung selbst anzuleiten«. Auch im Winter wurden lange Jagdausflüge unternommen. Das Übungsgelände – der Abenteuerspielplatz – lag direkt vor der Haustür.

Die ›große Wildnis‹, die im Mittelalter am Rande des Deutschordensgebietes entstanden war und vom Adel als Jagdrevier genutzt wurde, ist im Laufe der Jahrhunderte durch Besiedelung immer mehr geschrumpft, aber im Grenzland von Ostpreußen, Polen, Litauen und Rußland gab es noch kaum erschlossene hügelige Landschaften aus Wäldern und Seen, Heide und Sümpfen. Die nördlich von Oletzko liegende Rominter Heide, in der sich Hermann Göring einen ›Reichsjägerhof‹ bauen ließ, wird bis heute von Jagdtouristen geschätzt.

»Diese Gegenden Europas sind lange von Eisbergen bedeckt gewesen, und ihre Landschaft hat die Strenge des Nordens. Der Erdboden ist hier im allgemeinen sandig und steinig, nur für den Anbau von Kartoffeln, Korn, Hafer und Flachs geeignet. Das erklärt, daß der Mensch die Wälder nicht vernichtet hat, die das Klima mildern und vor den Winden des Baltischen Meeres schützen. Man kann durch diese Wälder lange reisen, ohne die Augen zu ermüden, denn wie die menschlichen Siedlungen haben die Baumgemeinschaften ihre unwiederholbaren Eigenheiten, sie bilden Inseln, Archipele, hie und da erkennbar an einem Weg mit Wagenspuren im Sand, an einem Forsthaus, an einer alten Pechsiederei, deren zerfallene Öfen von Pflanzen überwuchert sind. Und immer, irgendwann, ist vom Hügel die Aussicht auf die blaue Fläche eines Sees mit dem weißen, kaum zu erspähenden Fleckchen des Haubentauchers, mit der über dem Schilf dahinziehenden Entenschnur. Hier in den Sümpfen brüten Sumpfvögel in Mengen, hier surrt zur Frühlingszeit vom blassen Himmel das sich immer wiederholende wa wa wa der Schnepfen. Dieses schwache Surren und das Balzen der Birkhähne, als ob irgendwo in der Ferne der Horizont koche, und das Quaken von Tausenden von Fröschen in den Wiesen (ihre Unzahl bestimmt die Menge der Störche, die auf den Hütten- und Scheunendächern nisten) sind hier die Stimmen der Jahreszeit, wenn nach heftiger Schneeschmelze die Dotterblume und der Seidelbast – kleine rosa-lila Blüten an den noch blätterlosen Sträuchern – blühen.«

Die wunderbar anschauliche Schilderung seines – und Bergenroths – Kindheitsparadieses, mit der Czesław Miłosz seinen autobiographischen Roman Das Tal der Issa beginnen läßt. Wie Gustav erlernt sein Protagonist Thomas das Jagdhandwerk, eine Schule, die ihnen die Sinne schärfte, die Ausbildung von Geduld, Widerstandsfähigkeit und Selbständigkeit förderte und sie in engen Kontakt mit der Natur brachte, für beide seitdem eine Quelle des Glücks. »Die Verzauberung, die man in sehr jungen Jahren erfährt, ist ein Sakrament, eine Erfahrung, die ein ganzes Leben lang weiterwirkt.«

»Gustav zeigte schon früh eine Neigung zum Außergewöhnlichen, und seine Phantasie war überaus lebhaft. Aus Spaziergängen vor das Thor wurden nicht selten ausgedehnte Streifzüge, auf welchen ihm zuweilen seltsame Abenteuer zustießen. So gerieth er z. B. einmal als vierzehnjähriger Knabe nach einem meilenweiten Marsche, ohne es zu wissen, über die russische Grenze und wurde, da legitimationslos, von den Grenzkosaken verhaftet und konnte nur nach weitläufigen Vermittelungen aus dieser Lage erlöst werden.

Häufig bestand er ernstliche Fährlichkeiten, ebenso häufig war er der Beistand anderer. Er hatte die Gelegenheit so Manchen aus dringender Lebensgefahr zu retten, wie denn auch einer seiner jüngeren Brüder das Leben nur der Entschlossenheit, die er in seinem neunten Lebensjahr bewies, verdankt. Schreiber dieses fuhr einst mit ihm durch ein masurisches Dorf. Plötzlich ließ er den Kutscher halten. Ohne daß man die Veranlassung ahnte, sprang er vom Wagen, lief nach einem etwa hundert Schritte entfernten Bach und zog zur Ueberraschung seiner Begleiter ein mit dem Tode ringendes Kind aus den Fluthen. Aehnliche Fälle ließen sich leicht ein Dutzend zusammenstellen.«

Die Kindheit eines Helden! Trotzdem habe Gustav nichts »Wildes und Ungezügeltes« an sich gehabt, versichert uns sein Bruder, er sei im Gegenteil sanft und rücksichtsvoll gegen andere gewesen und schon früh »auf ernste Lebensziele hingerichtet« gewesen. »Oft hat er, während die übrige Jugend auf freien Plätzen lärmenden Spielen hingegeben war, zu den Füßen seiner Mutter, wenn sie mit häuslichen Arbeiten beschäftigt war, gesessen und ihr von großen Dingen gesprochen, welche er in seinen reiferen Jahren auszuführen gedächte.«

»Wo das Strenge mit dem Zarten/​Wo Starkes sich und Mildes paarten/​Da gibt es einen guten Klang«, heißt es in SchillersLied von der Glocke. Ich weiß nicht, wie Bergenroth zu seinem Vater stand. Der verbitterte, von der Politik betrogene, in seinen Ambitionen frustrierte Mann hat es seiner Familie wahrscheinlich nicht leichtgemacht. Die Mutter Johanna, eine geborene Doerk, hat er geliebt. Sie ist wohl der wichtigste Mensch in seinem Leben gewesen. Warmherzig und gescheit, hat sie für die Stunden, da Gustav bei ihr saß und seine Gedanken, Hoffnungen, Träume vor ihr ausbreitete, das wunderbare Wort »klugkosen« erfunden.

Sehr geliebt hat Bergenroth auch die kleine, vierzehn Jahre jüngere Schwester Louise. Nach seinem Tod schrieb sie, daß er, »der uns so theure Todte, der seiner Mutter stets der zärtlichste Sohn, seinen Geschwistern stets der liebevollste Bruder gewesen« sei, namentlich »in [ihr], der jüngsten der Geschwister u. noch ein kleines Kind, als [der] Vater starb, das Gefühl zu wecken u. stets zu erhalten wußte, daß er die Stelle des frühverstorbenen Vaters ersetze«.

»Der liebevollste Bruder« auch den Brüdern? Man kann sich vorstellen, daß die bei sechs Brüdern eigentlich unvermeidlichen Rivalitäten zu Bergenroths ausgeprägter Streitlust beigetragen haben.

Weltbürgerrepublik

»Auf sieben Hügeln, wie das alte Rom, liegt es in einer fast tellerhaften, durch den glatten Pregelstrom belebten Ebene. Hoch über die weitausgegossene Stadt ragen die Thürme des alten Ritterschlosses hin und erinnern herrisch sogleich an die Entstehung des Preußischen Staates.«

Vermutlich im Spätsommer oder Herbst 1833 wird Bergenroth die Postkutsche in die Siebenhügelstadt Königsberg genommen haben, um an der dortigen Albertus-Universität, der Albertina, Jura zu studieren, wie schon der Vater, der ältere Bruder Fritz, wie etliche Verwandte. Er war zwanzig Jahre alt. Vom etwa 700 Kilometer (80 Meilen) und zweiundsiebzig Kutschenstunden entfernten Berlin aus gesehen lag der Ort im fernen Osten, nahe der hermetisch abgesperrten russischen Grenze, von Masuren aus gesehen aber war es die erste Station auf Bergenroths Weg nach Westen, der ihn siebzehn Jahre später bis an die kalifornische Küste führen sollte.

Das Herz Königsbergs, sein politisches, wirtschaftliches, religiöses und intellektuelles Zentrum, war das unregelmäßige Viereck der Pregelinsel, der Kneiphof mit dem Rathaus, der Börse, dem Dom, der Wallenrodtschen Bibliothek und dem 1544 gegründeten Collegium Albertinum (oder Academia Albertina), der zweitältesten protestantischen Universität Europas, an der Königsbergs berühmtester Bürger, Immanuel Kant, gelehrt hatte. Brücken verbanden die Insel mit den anliegenden Stadtteilen. Im Westen, zwischen Krämerbrücke und Grüner Brücke, wo der Fluß ziemlich breit wurde, lag die Lastadie, der Binnenhafen der Stadt. Hierhin wurde mit kleineren Schiffen die Ladung der großen Segler gebracht, die draußen am Haff bei der Festung Pillau ankerten.

Königsberg war reich an historischen Denkmälern, aber es war das Wasser, das der Stadt Lebendigkeit und Reiz verlieh. Sie konnte fernwehkrank machen. Wenn der Pregel offen war, boten die Schiffe »eine jeden Augenblick sich verändernde Ansicht. Hier zur Rechten geht mit Schildkrötenlangsamkeit die Pfennigfähre über den einmündenden Pregelarm am Kai hin und her; dort fliegt ein Boot, von einem Matrosen gerudert, pfeilschnell über den glatten Fluß; dort sucht ein Schiff vor dem Speicher, aus dem es Waaren einnehmen will, zwischen den anderen Schiffen sich einzudrängen; da endlich segelt eines mit voller Ladung dem Haff zu und hinter dem Holländer Baum legen andere vor Anker, den Ballast auszukarren, der hier den Boden Amerika’s, Norwegens, Hollands mit preußischer Erde mischt und wo beständig Schulknaben nach Muscheln und Schneckengehäusen suchen. Dieser Blick in das weite Wasser, dies Fortströmen mit den Wellen in das Meer, dies Vorempfinden des mächtigen Poseidaonischen Elements, dies Reiselustige der Wimpel und Segel der Schiffe, dies Verschwimmen der Abendröthe in dem fernen Spiegel ist höchst zauberisch.« So der Philosoph Karl Rosenkranz, der 1833 ans Albertinum berufen wurde, also im gleichen Jahr wie Bergenroth an die Universität kam. Seine so farbigen wie nachdenklichen Königsberger Skizzen sind eine rettende Arche für das alte Königsberg, das im Zweiten Weltkrieg endgültig zerstört wurde.

Seit 1829 war die Stadt Verwaltungssitz der (aus Ostpreußen und Westpreußen) neu gebildeten Provinz Ostpreußen. Ihr erster Oberpräsident Theodor von Schön leitete sie im Geiste Kants, der von hier aus die Aufklärung gepredigt hatte, vielleicht auch er schon inspiriert durch den genius loci einer lebhaften Handels- und Hafenstadt, dem sein Nachfolger Rosenkranz die geistige Regsamkeit, den Bildungshunger, die liberale Gesinnung und den Gemeinsinn der Königsberger zuschrieb. »Durch den Umstand, dass Königsberg nach Osten hin einen der letzten Grenzposten Deutscher Cultur und Sitte ausmacht, wird ein desto grösseres Interesse für alle Vorgänge in Deutschland selbst bewirkt. Der Handel aber, der nach allen Weltgegenden führt, der nicht blos nach America, England, Holland, Norwegen Getreide, sondern auch nach Guinea zum Schmuck der Negerinnen die beliebten Bernsteinkorallen sendet, erhält jene Aufgeschlossenheit für das Eigenthümliche aller Völker und für die alle angehenden Fragen, die wir oben schon berührten.« Da der Hof hier nur in Ausnahmefällen, etwa in Notzeiten residierte, fand »jede Aristokratie, welche sich auf etwas Anderes, als Bildung und Humanität, stützen will, kein rechtes Aufkommen«. Mit etwa 60 000 Einwohnern war die Stadt groß genug, um nicht in kleinstädtische Enge zu verfallen, und klein genug, »dem Einzelnen noch einen wirklichen Zusammenhang mit dem Ganzen zu bewahren«. Menschen vieler verschiedener Nationen, Glaubensrichtungen, Klassen fanden sich hier zusammen und boten unerschöpflichen Stoff für Betrachtungen. Es gab ausgezeichnete Konditoreien, eine lebendige Musikszene, schwimmende Märkte, ungezählte Bettler, eine liberale Presse – »Alles (fast alles) war anders in Königsberg.« Das ist der erste Satz von Jürgen Mantheys Geschichte einer Weltbürgerrepublik, die er in Biographien von Königsberger Bürgern erzählt, Menschen, die von ihrer emanzipatorischen Bildungsmacht entscheidend geprägt wurden, ob sie nur wenige Jahre in der Stadt lebten wie Heinrich von Kleist oder gebürtige Königsberger waren wie Hannah Arendt, die 1964 sagte: »In meiner Art, zu denken und zu urteilen, komme ich immer noch aus Königsberg.«

Entrepreneur

Gustav Bergenroth hätte nicht nur gut in Mantheys Portraitgalerie gepasst, er hat in seiner Königsberger Zeit sicher auch einige ihrer Protagonisten kennengelernt: den Oberpräsidenten Theodor von Schön etwa, Karl Rosenkranz, den Juristen und Politiker Eduard (von) Simson, den Vater der ersten deutschen Verfassung von 1849 (die nicht realisiert wurde), den demokratischen Arzt Johann Jacoby, vielleicht auch Fanny Lewald, die etwas später als Schriftstellerin bekannt wurde.

Die gute Gesellschaft der Stadt war gastfreundlich und öffnete ihre Häuser auch für die Studierenden, die stolz den Albertus, eine Anstecknadel mit dem Brustbild des Universitätsgründers, trugen. Zu Bergenroths Zeiten waren es zwischen 300 und 400, meist Landsleute aus der ostpreußischen Provinz. Die von den Studenten organisierten sommerlichen Gartenkonzerte und Winterbälle waren Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens. »Das vornehme und gebildete Publikum besucht diese Vergnügungen, und selbst hohe Herrschaften haben es nicht abgelehnt, die Studierenden mit ihrer Gegenwart zu beehren und ihnen über die dabei herrschende Sittlichkeit manches Schmeichelhafte zu sagen. Die Entrepreneurs dieser Vergnügungen werden durch gemeinsame Wahl ausersehen und die Universitätsbehörden halten darauf, daß sie unbescholten und achtungswert sind. Diese nehmen eine Ehrenstelle unter den Studierenden ein und werden zu großen Cirkeln, namentlich von dem kommandierenden Herrn General, dem Oberpräsidenten usw. eingeladen, kein Wunder, daß die Bewerbung um solche Stellen sowohl von einzelnen gesucht als von den Verbindungen mit Eifer befördert wird, sodaß oft Reibungen und stürmische Bewegungen entstehen.«

Bergenroth gehörte zu den Auserwählten. Haben wir ihn bisher als Einzelgänger kennengelernt, der tagelang allein durch die Wildnis streifte, begegnet er uns nun als geselliger Mensch, der beliebt und angesehen war. »Sehr gut aussehend, mit ganz außergewöhnlich gewinnenden Umgangsformen, temperamentvoll, unternehmungslustig, ein angenehmer Gesprächspartner und von guter Familie«, fand er schnell Eingang in die gute Gesellschaft.

Die meiste Zeit wird er mit seinen Corpsbrüdern von der Landsmannschaft Masovia verbracht haben, an deren Gründung sein Bruder Fritz beteiligt gewesen war. Die Masuren (Wahlspruch Virtus contemnit mortem) trugen eigentlich die Farben der französischen Trikolore, und in ihrem Liederbuch standen alle sechs Strophen der Marseillaise. Zur Tarnung – um jeden Verdacht revolutionärer Sympathien zu zerstreuen – nahmen sie dann die unverdächtigen Farben schwarz-rot-weiß an.

Anders als später, als Studentenverbindungen vielfach zu nationalistischen, reaktionären, rassistischen Zirkeln verkamen, waren sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Brutstätten revolutionären Gedankenguts den Obrigkeiten ein Dorn im Auge. 1819 waren die Burschenschaften auf Grund der Karlsbader Beschlüsse verboten worden, aber trotz aller Repressalien bestanden viele von ihnen weiter, gingen in den Untergrund oder formten sich zu Kränzchen und Landsmannschaften um, weshalb bald »alle Studentenverbindungen geheimen politischen Verbindungen gleichgestellt wurden«. In Preußen ging man besonders nach dem Hambacher Fest (1832) scharf gegen die sogenannten Demagogen vor.

Im Königsberg Theodor von Schöns allerdings hat man die etwa 300 eingeschriebenen Verbindungen, die Masuren und Litauer, Balten und Pappenheimer und wie sie alle hießen, offenbar weitgehend gewähren lassen. Sicher auch, weil sie sich politisch zurückhielten und auf ihre sonderbaren, gemeinschaftstiftenden Mannbarkeitsprüfungen, ritualisiertes Saufen und Sichschlagen, konzentrierten. Es herrschte Duellpflicht. Jemand mußte nur »dummer Junge« oder »Kamel« (der Spottname für die nicht organisierten Studenten) zu einem sagen, und schon blieb dem so Beschimpften gar nichts anderes übrig, als seine Ehre mit der Waffe zu verteidigen. Mit dem idealistischen Überbau, den Bergenroths Bruder Fritz 1838 in einem »Spezial-Komment« für die Masovia formulierte, war es ihnen trotzdem Ernst: »Die Masovia fordert von jedem Einzelnen lebendiges Interesse am Ganzen, treue und brüderliche Gesinnung gegen alle Masuren und streng ehrenhaftes Auftreten nach außen, damit alle ein Band der Liebe und Freundschaft, ein Band froher, freier und ehrenhafter Burschengesinnung umschließt und fest und innig zusammenhält.«

Bergenroth stand seinen Mann beim Kneipen und ›Pauken‹ auf dem Fechtboden und wurde zum Chargierten, also in eine Führungsposition seiner Verbindung gewählt. Er soll es ziemlich wild getrieben haben. Im dritten Studienjahr wurde ihm bei einem Duell die Pulsader des rechten Armes durchstochen. Er überlebte seine schwere Verletzung, behielt aber eine Schwäche der rechten Hand zurück.

Als Anfang 1837 ein Student bei einem dieser eigentlich verbotenen, meist aber geduldeten Zweikämpfe ums Leben kam, hielt Karl Rosenkranz im Hörsaal der Albertina eine Rede, in der er sich entschieden gegen diese barbarische Sitte wandte (und auch gegen das gefährliche Kampfspiel der Mensuren). »Gestehen Sie es nur ein, meine Herrn, das jetzige Duell ist zur Armseligkeit heruntergesunken«, rief er aus und dekretierte: »Das Duell soll fernerhin nicht das höchste Kriterium der sittlichen Tüchtigkeit sein.«

Ob Bergenroth unter den Zuhörern war? Freilich, sein Studium hatte er schon im Vorjahr, 1836, mit der ersten juristischen Prüfung abgeschlossen und die mehrjährige, unbezahlte praktische Ausbildung vor dem Eintritt in den Staatsdienst als ›Auscultator‹ am Oberlandesgericht Königsberg begonnen. Wieviel Mühe es ihn kostete, was er von der Universität an Bildung und Erkenntnissen mitnahm und welche akademischen Lehrer ihn beeinflußten, verschweigen uns seine Biographen, vielleicht, weil er selbst gentlemanlike davon nicht sprach. »Er hatte die ungewöhnliche Fähigkeit, ernstem Fleiß den Anschein völligen Nichtstuns zu geben.« Sie berichten nur, daß er sich neben dem Studium auch in anderen Disziplinen weiterbildete, vor allem in den neueren Sprachen, die in den preußischen Gymnasien »gar nicht oder nur mangelhaft« gelehrt wurden.

Sicher wird er die überaus beliebten Vorlesungen von Eduard Simson besucht haben, der, nur drei Jahre älter als er, eine Blitzkarriere gemacht hatte. Mit 15 Abitur, mit 19 Promotion, nach einer ihm von oben verordneten Bildungsreise mit 21 Privatdozent an der Albertina, mit 25 außerordentlicher, mit 26 ordentlicher Professor … Wie Rosenkranz und andere namhafte Königsberger Dozenten tat Simson sich »durch Popularität im edelsten Sinne des Wortes« hervor, was Rosenkranz dem universellen Bildungstrieb der Königsberger zuschrieb. »Popularität nicht als die triviale Salbaderei, welche den Leuten nur sagt, was sie schon wissen und es ihnen sogar, um das zweideutige Lob der Verständlichkeit einzuärnten, eben so wieder sagt, wie sie es wissen; Popularität nicht als schweifwedelnde Accomodation an vorauszusetzende Lieblingsmeinungen des Publikums oder gar als ein Blumenstrauß bildstrotzender, witzschillernder Phrasen – sondern Popularität als das Streben nach dem angemessensten und kürzesten Ausdruck, der immer zugleich auch sowohl der wirksamste als geschmackvollste ist.« Ein Stilideal, das sich Bergenroth zu eigen gemacht hat, wie seine Schriften zeigen.

Im Sommer 1838 bestand er das zweite juristische Examen; im Frühjahr darauf ging er als wie üblich unbesoldeter Referendar nach Köslin, »wohin ihn der damalige Präsident des Oberlandesgerichts von Bähr zog, mit dem er schon in Königsberg in nähere Verbindung getreten«.

Ober-Landes-Gerichts-Referendarius

Abb. 7

Köslin, etwa 151 Kilometer nordöstlich von Stettin, 193 Kilometer westlich von Danzig gelegen, hatte etwa 8000 Einwohner. Ein Beamtenstädtchen in der pommerschen Provinz, das nach einem großen Brand im Jahre 1718 im »holländischen Geschmack« nüchtern mit »einförmig in gleicher Dachhöhe dahinlaufenden Häuserzeilen neu aufgebaut worden« war. Dafür entschädigte die romantische Umgebung. Nicht weit entfernt der Gollenberg, mit 144 Metern der höchste Berg des pommerschen Festlandes, im Osten und Süden große Buchenwälder, zwölf Kilometer nördlich liegt der Jamunder See, eine Lagune, die ein schmaler Dünenstreifen vom Meer trennt.

Hier, »wo ihm die besten Cirkel geöffnet waren und daneben ein munteres Zusammenleben mit gleichstehenden jungen Männern nicht fehlte, hat es ihm ausgezeichnet gefallen«, schreibt Bergenroths Bruder Julius. »Seinen Unterhalt freilich, für den er ganz allein zu sorgen hatte, mußte er sich durch zeitraubende Nebenarbeiten erwerben. Dabei konnte er doch im Sommer 1841 mit einer angesehenen, in Pommern ansässigen Familie eine Reise nach Dänemark, Schweden und Norwegen machen, von der er sehr befriedigt zurückkehrte. So war es denn natürlich, daß sich das dritte juristische Examen über die gewöhnliche Zeit hinausschob.« Ein leiser Tadel des Lehrers ist in dieser Entschuldigung nicht zu überhören.

Vielleicht hat Bergenroth in Köslin die unbeschwertesten Jahre seines Lebens verbracht. Dazu trug ein Machtwechsel in Berlin entscheidend bei. Nach dem Tod des preußischen Königs im Juni 1840 nämlich erwarteten sich die liberal gesinnten Bürger, besonders die Jugend, von seinem Nachfolger politische und soziale Reformen, an erster Stelle die Einlösung des vom Vater mehrfach gebrochenen Verfassungsversprechens. Friedrich WilhelmIV. wurde als eine Art Heilsbringer mit Hoffnungen überfrachtet.

Auch der aus Köslin gebürtige Referendar Lothar Bucher wird sie geteilt haben, einer der Bergenroth »gleichstehenden jungen Männer«. Ihre Lebenswege haben sich dann noch einige Male gekreuzt. Erst in Berlin, wo Bucher wie er selbst zum linken Flügel der revolutionären Bewegung gehörte, und dann im Londoner Exil, wo Bucher sich als Journalist (er war Korrespondent der Berliner National-Zeitung) einen Namen machte. In den 1860er Jahren ist er wieder zurück nach Preußen und in die Politik gegangen und zum engen Vertrauten (›der rechten Hand‹) Bismarcks geworden.

Heinrich von Poschinger, der den Lebensweg Buchers in drei Bänden dokumentiert hat, hörte »von den Referendarien jener Jahre, daß sie ein munteres Völkchen waren, von dem Präsidenten von Bähr zu strammer Arbeit angehalten wurden, aber die Pflege der schönen Literatur nicht versäumten und aus Landrecht und Corpus juris Humor zu ziehen wußten«. Buchers jüngerer Bruder, Bruno, hat in seinen Erinnerungen die Akzente anders gesetzt. »Unter den Referendarien der kleinen Stadt war damals ein reges Leben. Sie beteiligten sich an allen geselligen Vergnügungen, sangen in der Liedertafel mit, aber sie interessirten sich auch mehr, als [damals] die Regel war, für öffentliche Angelegenheiten, lasen das damalige Hauptorgan des Liberalismus in Norddeutschland, die Leipziger Allgemeine Zeitung und sahen erwartungsvoll dem Umschwunge der Dinge entgegen, der von dem Thronwechsel gehofft wurde.«

Ob der Gerichtspräsident von Bähr mit ihnen sympathisierte, ist fraglich. Er hat für die Ursachen der gestiegenen Kriminalität unter anderem »das Schwinden der Distanz zwischen Gesinde und Herrschaft in den Städten« verantwortlich gemacht. »Die Bediensteten könnten lesen und schreiben, sie würden mit Sie angesprochen, gingen zu Bällen und seien im Festkleid nicht mehr von der Herrschaft zu unterscheiden.«

Mit wem hat Bergenroth seine große Nordlandreise unternommen? Die Sundine, das »Unterhaltungsblatt für Neu Pommern und Rügen«, meldete unter dem Datum des 24. August (1841) aus Stralsund die Ankunft des »Königl. Preuß. Post-Dampfschiffe[s] Königin Elisabeth, Führer: Capitain Klickow« aus Ystad. Unter den Passagieren befand sich auch »Hr. Ober-Landes-Gerichts-Referend. Bergenroth«. Er stieg im Hôtel de Brandenbourg ab.